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Full text of "Lehre vom modernen Stat"

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LEHRE 

VOM 

MODERNEN STAT. 

BEARBEITET VON 

J. C. BLUNTSCHLI. 



ERSTER THEIL. 

ALLGEMEINE STATSLEHRE. 



STUTTGART. 

Verlag der J. G. Cotla'schen Buchhandlung. 

1S75. 



ALLGEMEINE 



STATSLEHRE 



VON 



J. C. BLUNTSCHLI 



Fünfte umgearbeitete Auflage des ersten Bandes 



des 



ALLGEMEINEN STATSRECHTS. 



Im 



3 




0 

I 



STUTTGART. 

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 
1875. 



II 



Bucbdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart. 



Vo rwort. 



Im Jahr 1852 ist dieses Werk zuerst unter dem 
Titel erschienen: „Allgemeines Statsrecht ge- 
schichtlich begründet in Einem Bande.. Seither hat 
dasselbe mehrere Auflagen erlebt und manche Er- 
weiterung und Verbesserung im Einzelnen erfahren. 

Als eine fünfte Auflage nöthig wurde, faszte ich 
den Entschlusz, diese Statslehre durch die Aufnahme 
der Politik zu vervollständigen und in drei Ab- 
theilungen 

I. Allgemeine Statslehre, 
II. Allgemeines Statsrecht, 
III. Politik 
den Fortschritten der Wissenschaft gemäsz darzu- 
stellen. Das bisherige Werk muszte in Folge dessen 
gänzlich umgearbeitet werden. Die beiden ersten 
Bände entsprechen groszentheils den beiden Bänden 
des früheren Allgemeinen Statsrechts. Nur habe ich 
die gemeinsame Grundlage des Statsrechts und der 
Politik in dem Ersten Bande als Allgemeine Stats- 



VI Vorwort. 

lehre voraus geschickt. Zu diesem Behuf habe ich 
auch die bisher nicht beachtete Lehre vom Statszweck 
neu Ii in zugefügt und die Begriffe der Souveränetät 
und die allgemeine Institution des Statsamts in diesen 
ersten Band aufgenommen. Dagegen habe ich die 
bisher im ersten Bande enthaltene Lehre von der 
Gesetzgebung nun dem zweiten Bande zugewiesen, 
welcher als Allgemeines Statsrecht erscheint. 

In diesen beiden ersten Bänden ist vieles im 
Einzelnen neu bearbeitet. Der dritte Band Politik 
ist ganz neu. 

Ich habe in diesem für wissenschaftlich Gebil- 
dete, insbesondere auch für Studirende der Stats- 
und Rechtswissenschaft bestimmten Werke die Ergeb- 
nisse vieljähriger Arbeit und wiederholten Nach- 
denkens niedergelegt und betrachte dasselbe als den 
schriftstellerischen Absehlusz eines reifen der Wissen- 
schaft und der Praxis gewidmeten Lebens. Ich hoffe, 
dasz dasselbe eine ebenso günstige Aufnahme finden 
werde, wie die früheren Auflagen. 

Heidelberg, 1. Mai 1875. 



Bluntschli. 



Inhalt. 



Einleitung. 

Seite 



Cap. I. Die Statswissenschaft 1 

Cap. II. Wissenschaftliche Methoden 5 

Cap. III. Allgemeine und besondere Statswissenschaft 11 

Erstes Buch. 
Der Statsl) e griff. 

Cap. I. Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff . ' 1'4 

Cap. II. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich . . . ." . 25 

Cap. III. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. 

I. Die antike Welt 37 

Cap. IV. IL Das Mittelalter 42 

Cap. V. III. Die moderne Statsidee. 

1. Wann beginnt das moderne Weltalter? . . 52 

Cap. VI. 2. Hauptunterschiede des modernen Statsbegriffs 

von dem antiken und dem mittelalterlichen 

Statsbegriff . , 1 .... 60 

Cap. VII. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statsl ehre . . 68 



VIII 



Inhalt. 



Zweites Buch. 

Die Grundbedingungen des Stats in der Menschen- nnd 
Volksnatnr. 

Seite 

Cap. I. I. Die Menschheit, die Menschenrassen und die Völker- 
familien 85 

Cap. II. II. Die Begriffe Nation und Volk 91 

Cap. IE. Nationale Rechte 99 

Cap. IV. Die nationale Statenbildung und das Nationalitätsprincip 103 

Cap. V. III. Die Gesellschaft 118 

Cap. VI. IV. Die Stämme 121 

Cap. VII. V. Kasten. Stände. Classen. 

A. Die Kasten 123 

Cap. VIII. ß. Die Stände 129 

Cap. IX. 1. Der Klerus 134 

Cap. X. 2. Der Adel. 

A. Der französische Adel 141 

Cap. XI. B. Der englische Adel 154 

Cap. XII. C. Der deutsche Adel. 

I. Herrenadel . . . 163 

Cap. XIII. II. Ritterschaftlicher Adel 170 

Cap. XIV. 3. Der Bürgerstand 176 

Cap. XV. 4. Der Bauernstand 186 

Cap. XVI. 5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung 191 

Cap. XVII. 6. Die modernen Classen. 

I. Das Princip 199 

Cap. XVIII. II. Die einzelnen Classen 203 

Cap. XIX. Verhältnisz des States zur Familie. 

1. Geschlechterstat. Patriarchie. Ehe .... 216 

Cap. XX. 2. Die Frauen 228 



Inhalt. IX 

Seite 

Cap. XXI. Verhältnisz des Stats zu den Individuen. 

1. Volksgenossen und Fremde 235 

Cap. XXII. 2. Die Statsbürger im engeren Sinne 246 



Drittes Buch. 

Die Grundlagen des Stats in der äuszeren Natnr. 
Das Land. 

Cap. I. I. Das Klima 254 

Cap. II. II. Bodengestalt und Naturerscheinungen 259 

Cap. III. III. Fruchtbarkeit des Bodens 263 

Cap. IV. IV. Das Land 270 

Cap. V. V, Von der Gebietshoheit. (Sogenanntes Statseigen- 

thum) 278 

Cap. VI. VI. Einteilung des Landes 283 

Cap. VII. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum . . . 286 

Viertes Buch. 

Von der Entstehung und dem Untergang des States. 

Cap. I. Einleitung 298 

Cap. II. A. Geschichtliche Entstehungsformen. 

I. Ursprüngliche 301 

Cap. III. II. Secundäre Entstehungsformen 307 

Cap. IV. III. Abgeleitete Entstehungsformen .... 317 

Cap. V. IV. Untergang der Staten 319 

Cap. VI. B. Speculative Theorien. 

I. Der sogenannte Naturstand 323 

Cap. VII. II. Der Stat als göttliche Institution .... 326 

Cap. VIII. III. Die Theorie der Gewalt 333 



Seite 

Cap. IX. IV. Die Vertragstheorie 335 

Cap. X. V. Der organische Statstrieb und das Stats- 

bewusztsein 341 

Fünftes Buch. 
Der Statszweck. 

Cap. I. Ist der Stat Zweck oder Mittel? Inwiefern Zweck und 

Mittel? 345 

Cap. II. Falsche Bestimmung des Statszwecks 350 

Cap. III. Ungenügende oder übertriebene Bestimmungen des Stats- 
zwecks 354 

Cap. IV. Der wahre Statszweck 358 

Sechstes Buch. 

Die Stats formen. 

Cap. I. Die Eintheilung des Aristoteles 369 

Cap. II. Der sogenannte gemischte Stat 372 

Cap. III. Neuere Fortbildung der Theorie 376 

Cap. IV. Das Princip der vier Grundformen 378 

Cap. V. Das Princip der vier Nebenformen 382 

Cap. VI. I. Die (Ideokratie) Theokratie 386 

Cap. VII. II. Monarchische Statsformen. 

Die Hauptarten der Monarchie 399 

Cap. VIII. A. Hellenisches und altgermanisches Geschlechts- 
königthum 403 

Cap. IX. B. Altrömisches Volkskönigthum 410 

Cap. X. C. Das römische Kaiserthum 415 

Cap. XI. D. Fränkisches Königtimm 421 

Cap. XII. E. Die Lehensmonarchie und die ständische 

beschränkte Monarchie 429 



Inhalt. 



XI 



Seite 

Cap. XIII. F. Die neuere absolute Monarchie .... 440 

Cap. XIV. G. Die constitutionelle Monarchie. 

1. Die Entstehung und Verbreitung der 

constitutionellen Monarchie .... 448 
Cap. XV. 2. Falsche Vorstellungen von der con- 
stitutionellen Monarchie 486 

Cap. XVI. 3. Das monarchische Princip und der Be- 

griff der constitutionellen Monarchie 492 
Cap. XVII. III. Die Aristokratie. 

A. Hellenische Form. Sparta 502 

Cap. XVIII. B. Die römische Aristokratie 508 

Cap. XIX. Bemerkungen über die Aristokratie . . . 516 

Cap. XX. IV. Demokratische Statsformen. 

A. Die unmittelbare (antike) Demokratie . . 525 
Cap. XXI. Beurtheilung der unmittelbaren Demokratie 531 

Cap. XXII. B. Die repräsentative (moderne) Demokratie, 

die heutige Republik 537 

Cap. XXIII. Betrachtungen über die Repräsentativdemo- 
kratie 549 

Cap. XXIV. V. Zusammengesetzte Statsformen 555 



Siebentes Buch. 

Statshoheit und Statsgewalt (Souveränetät), ihre Gliederung. 
Statsdienst und Statsanvt. 

Cap. I. Der Begriff der Statsgewalt (Souveränetät) 561 

Cap. II. Statssouveränetät (Volkssouveränetät) und Regentensouve- 

ränetät 565 

Cap. III. I. Inhalt der Statssouveränetät 575 

Cap. IV. II. Die Fürstensouveränetät . 581 

Cap. V. Die Sonderung der Gewalten. Antike Zustände . . . 583 



XII 



Inhalt. 



Seite 

Cap. VI. Aeltere Unterscheidung der statlichen Functionen . . 584 

Cap. VII. Das moderne Princip der Sonderung der Gewalten . . 588 

Cap. VIII. Statsdiener und Statsämter 599 

Cap. IX. Besetzung der Statsämter 605 

Cap. X. Rechte und Verpflichtungen der Statsbeamten .... 615 

Cap. XI. Ende des Statsdienstes 627 



Einleitung. 



Erstes Capitel. 
Die Statswissenschaft. 

Unter Statswissenschaft im eigentlichen Sinne ver- 
stehen wir die Wissenschaft, deren Gegenstand der Stat ist, 
welche den Stat in seinen Grundlagen, in seinem Wesen, 
seinen Erscheinungsformen, seiner Entwicklung zu erkennen 
und zu begreifen sucht. 

In diesem Sinne gehören manche Wissenschaften, welche 
man zuweilen den Statswissenschaften beizählt, nicht zu 
diesen, obwohl sie auch eine Beziehung auf den Stat haben 
und immerhin als Hülfs Wissenschaft des Statslebens mit 
in Betracht kommen, wie insbesondere: 

a) nicht die Geschichte einer Nation eines Volkes, 
insofern dieselbe nicht ausschliesslich Statsgeschichte ist, son- 
dern zugleich die allgemeinen Erlebnisse eines Volkes oder 
die That einzelner Personen darstellt, die Geschichte der 
Kunst und Wissenschaft, der Wirthschaft und der Sitten, die 
diplomatischen und politischen Kämpfe, die Kriegsereignisse 
darstellt ; 

b) selbst nicht die Statistik, in wiefern sie sich nicht 
auf die statlichen Zustände beschränkt , sondern auch die ge- 
sellschaftlichen und Privatzustände mit umfasst; 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. I. 1 



2 



Erstes Capitel. Die Statswissenschaft. 



c) ebenso wenig die Nationalökonomie, insofern sie 
die wirtschaftlichen Gesetze erforscht, welche für Jedermann 
— nicht bloss für den Stat — gelten; 

d) noch die Lehre von der Gesellschaft, insofern das 
Leben der Gesellschaft sich selbständig bewegt, nicht als 
Statsleben erscheint. 

Die alten Griechen nannten die gesammte Statswissen- 
schaft Politik. Wir unterscheiden S t a t s r e c h t und Politik 
sorgfältiger als zwei besondere Wissenschaften, und fügen 
denselben überdem noch manche besondere Lehren unter 
eigenem Namen bei, wie z. B. die statliche Statistik, das 
Verwaltnngsrecht , das Völkerrecht, die Polizeiwissenschaft 
u. s. f. 

Statsrecht und Politik betrachten beide den Stat im 
Grossen und Ganzen, aber jede der beiden Wissenschaften 
betrachtet ihn von einem andern Standpunkte aus und nach 
anderer Richtung. Um den Stat gründlicher zu erkennen, 
zerlegt die Wissenschaft den Stat in die beiden Hauptseiten 
seines Daseins und Lebens. Sie untersucht die Theile. da- 
mit sie das Ganze vollständiger begreife. Dem wissenschaft- 
lichen Interesse entspricht das practische. Die Klarheit, das 
Masz und die Stärke des Eechts haben gewonnen, seitdem 
man dieses schärfer abgesondert hat von der Politik: und der 
Reichthum der Politik entwickelt sich erst in voller Freiheit, 
wenn sie in ihrer Eigentümlichkeit geschaut und erwogen 
wird. 

Die Wissenschaft des Statsrechts betrachtet den Stat in 
seinem geregelten Bestand, in seiner richtigen Ordnung. Sie 
stellt die Organisation des States dar und die dauerhaften 
Grundbedingungen seines Lebens, die Regeln seiner Existenz, 
die Notwendigkeit seiner Verhältnisse. Der Stat. wie er 
ist, in seinen geordneten Verhältnissen, das ist das Stat s- 
rech t. 

Die Wissenschaft der Politik aber betrachtet den Stat in 



Erstes Capitel. Die Statswissenschaft. 



3 



seinem Leben, in seiner Entwicklung, sie weist auf die Ziele 
hin, nach denen das öffentliche Streben sich bewegt und lehrt 
die Wege kennen, welche zu diesen Zielen führen, sie er- 
wägt die Mittel, mit welchen die begehrten Zwecke zu er- 
langen sind, sie beobachtet die Wirkungen auch des Rechts 
auf die Gesammtzustände und überlegt, wie die schädlichen 
Wirkungen zu vermeiden, wie die Mängel der bestehenden 
Einrichtungen zu heben sind. Das Statsleben, die Stats- 
praxi s, das ist die Politik. 

Das Recht verhält sich also zur Politik wie die Ordnung 
zur Freiheit, wie die ruhige Bestimmtheit der Verhältnisse zu 
der mannigfaltigen Bewegung in denselben, wie der Körper 
zu den Handlungen desselben und zu dem Geist, der sich 
mannigfaltig ausspricht. Das Statsrecht prüft die Recht- 
mässigkeit der Zustände, die Politik prüft die Zweck- 
mässigkeit der Handlung. 

Sowohl in dem Recht als in der Politik ist ein sitt- 
licher Gehalt. Der Stat ist ein sittliches Wesen und er hat 
sittliche Lebensaufgaben. Aber Recht und Politik werden 
nicht von dem Sittengesetz allein und nicht vollständig von 
dem Sittengesetz bestimmt. Sie sind als Wissenschaften nicht 
einzelne Capitel der Sittenlehre. Vielmehr haben sie ihre 
Grundlage im Stat und ihre Bestimmung für den Stat. Sie 
sind Statswissenschaften. Die Sittenlehre aber ist keine Stats- 
wissenschaft, weil ihre Grundgesetze nicht aus dem Stat zu 
erklären sind, sondern eine breitere Basis in der Menschen- 
natur überhaupt und eine höhere Begründung in der gött- 
lichen Weltordnung und der göttlichen Bestimmung des 
Menschengeschlechts haben. 

Man darf Statsrecht und Politik nicht absolut von ein- 
ander trennen. Der wirkliche Stat lebt; d. h. er ist Ver- 
bindung von Recht und Politik. Auch das Recht ist 
nicht absolut ruhend, nicht unveränderlich, und die Bewegung 
der Politik will wieder zur Ruhe kommen. Es gibt nicht 



4 



Erstes Capitel. Die Statswissenscliaft. 



blosz ein Rechtssystem, sondern auch eine Rechtsgeschichte; 
und es gibt eine Politik der Gesetzgebung. Zwischen beiden 
Seiten ist eine Wechselwirkung wahrzunehmen, wie überall, 
wo organische Wesen erscheinen. Damit wird jener Unter- 
schied nicht beseitigt, sondern besser erklärt. Die Rechts- 
geschichte unterscheidet sich gerade dadurch von der poli- 
tischen Geschichte, dasz jene sich darauf beschränkt, den 
Entwicklungsgang der normalen, fest gewordenen Existenz des 
States nachzuweisen und die Entstehung und Veränderung der 
dauernd gewordenen Institutionen und Gesetze darzustellen, 
diese aber den Hauptnachdruck auf die wechselnden Schicksale 
und Erlebnisse des Volkes, die Motive und Handlungsweise 
der politischen Personen, die Thaten und Leiden beider legt, 
und so das reich bewegte Leben schildert. Der oberste und 
reinste Ausdruck des Statsrechts ist das Gesetz (die Ver- 
fassung), die klarste und lebendigste Aeuszerung der Politik 
ist die practische Leitung des States selbst (die Regierung). 
Die Politik ist daher mehr noch Kunst als Wissenschaft. Das 
Recht ist eine Voraussetzung der Politik, eine Grundbedingung 
ihrer Freiheit, freilich nicht die einzige. Die Politik soll 
sich mit Beachtung der rechtlichen Schranken entfalten. So 
übernimmt sie die Sorge für die wechselnden Bedürfnisse des 
Lebens. Das Recht hinwieder bedarf der Politik, um vor Er- 
starrung gesichert zu bleiben und mit der Entwicklung des 
Lebens Schritt zu halten. Ohne den belebenden Hauch der 
Politik würde der Rechtskörper zum Leichnam werden, ohne 
die Grundlagen und die Schranken des Rechtes würde die 
Politik in ungezügelter Selbstsucht und|in verderblicher Zer- 
störungswuth untergehen. 

Lediglich Gründe der Klarheit und Vereinfachung be- 
stimmen uns, den beiden Statslehren Statsrecht und Politik 
noch als dritte, oder vielmehr erste Abtheilung der Stats- 
wissenscliaft die Allgemeine Statslehre voraus zu 
schicken. Wir betrachten hier noch den Stat im Ganzen, 



Zweites Capitel. Wissenschaftliche Methoden. 



5 



ohne vorerst die beiden Seiten in ihm, die unterlägliche des 
Rechts und die eigenschaftliche der Politik zu unterscheiden. 
Der Statsbegriff, seine Grundlagen und Bestandteile (Volk 
und Land), seine Entstehung, sein Zweck, die Hauptformen 
seiner Verfassung, der Begriff und die Gliederung der Stats- 
gewalt, bilden den Inhalt der allgemeinen Statslehre, welche 
hinwieder den beiden besonderen Statswissenschaften, dem 
Statsrecht und der Politik, zu Grunde liegt. 

In diesem Sinn soll der erste Theil dieses Werks der 
allgemeinen Statslehre, der zweite dem Statsrecht 
und der dritte der Politik gewidmet sein. 



Zweites Capitel. 

Wissenschaftliche Methoden. 

Die wissenschaftliche Betrachtung des Stats kann von 
verschiedenem Standpunkte aus und in verschiedener Weise 
unternommen werden. Wir unterscheiden zwei innerlich be- 
gründete Methoden der wissenschaftlichen Untersuchung und 
zwei falsche fehlerhafte Methoden, welche als einseitige Ab- 
arten der ersten beiden Arten erscheinen. Wir bezeichnen 
als richtige Methoden die philosophische und die histo- 
rische Methode. Die Abarten entstehen aus der extremen 
Uebertreibung je der einen vorherrschenden Seite jener erstem 
Methoden: aus der philosophischen ist so die blosz abstract- 
ideologis che, aus der historischen die eins eitig- empi- 
rische wie aus dem Urbild das Zerrbild durch Verderbnisz 
hervorgegangen. 

Der Gegensatz der Methoden schlieszt sich an theils an 
die Eigenschaften sowohl des Rechtes als der Politik, theils 
an die Verschiedenheit der geistigen Anlagen derer, welche 
in dieser Wissenschaft gearbeitet haben. 



G 



Zweites Capitel. Wissenschaftliche Methoden. 



Alles Recht und alle Politik nämlich hat eine ideale 
Seite, einen sittlichen und geistigen Gehalt in sich, aber beide 
ruhen zugleich auf einem realen Boden, und haben auch 
eine leibliche Gestalt und Geltung. Die letztere Seite 
ist von der ab Straeten Ideologie verkannt und übersehen 
worden. Sie pflegt sich ein abgezogenes Statsprincip auszu- 
denken, und daraus eine Reihe logischer Folgerungen zu ziehen, 
ohne Rücksicht auf den wirklichen Stat und dessen reale Ver- 
hältnisse. Selbst Pia ton ist in seiner Republik in diesen 
Fehler verfallen und daher zu Sätzen gekommen, welche der 
Natur und den Bedürfnissen der Menschen geradezu wider- 
sprechen. Indessen war Piaton doch durch den Reichthum seines 
Geistes und seinen Sinn für die Schönheit der Form vor der 
armseligen Lehre ausgedörrter Formeln bewahrt geblieben, 
welche uns in den Statslehren der Neuem so häufig begegnen. 
Der Stat als ein sittlich organisches Wesen ist nicht ein Pro- 
duet der bloszen kalten Logik, und das Recht des States ist 
nicht eine Sammlung speculativer Sätze. 

Diese Methode führt, wenn sie als wissenschaftliche Unter- 
suchung betrieben wird, leicht zu unfruchtbaren Resultaten; 
wenn sie aber in die Praxis übertritt, zu der gefährlichsten 
Geltendmachung fixer Ideen und zur Auflösung und Zerstörung 
des bestehenden Stats. In Zeiten der Revolution, wo die los- 
gebundenen Leidenschaften sich um so lieber solcher abstrac- 
ten Lehren bemächtigen, je mehr sie mit deren Hülfe die 
Schranken des Gesetzes zu durchbrechen Hoffnung haben, er- 
halten derlei ideologische Sätze leicht eine ungeheure Macht, 
und werfen, unfähig einen neuen Organismus hervorzubringen, 
mit dämonischer Gewalt Alles vor sich nieder. Die franzö- 
sische Revolution in ihren leidenschaftlichen Phasen hat der 
Welt entsetzliche Belege für die Wahrheit dieser Beobachtung 
vor die Augen geführt: und Napoleon hatte nicht Unrecht zu 
sagen: „Die Metaphysiker, die Ideologen haben Frank- 
reich zu Grunde gerichtet. u Die ideologische Auffassung der 



Zweites Capitel. Wissenschaftliche Methoden. 



7 



„Freiheit und Gleichheit" hat Frankreich mit Ruinen gefüllt 
und mit Blut getränkt, die doctrinäre Ausbeutung des 
„monarchischen Princips" hat die politische Freiheit Deutsch- 
lands niedergedrückt und seine Machtentwicklung gehemmt, 
und die abstracte Durchführung des Nationalitätengrundsatzes 
hat den Frieden von ganz Europa bedroht. Die fruchtbarsten 
und wahrsten Ideen werden verderblich, wenn sie ideologisch 
erfaszt und dann mit dem Fanatismus der Bornirtheit verwirk- 
licht werden. 

Der entgegengesetzten Einseitigkeit macht sich die aus- 
schlieszlich empirische Methode schuldig, indem sie sich 
biosz an die vorhandene äuszerliche Form, an den Buchstaben 
des Gesetzes oder an die thatsächlichen Erscheinungen hält. 
Diese Methode, welche in der Wissenschaft höchstens durch 
ihre Sammelwerke einen Werth hat, in denen sie groszen Stoff 
anhäuft, findet in dem Statsleben häufig, zumal unter bureau- 
kratisch gebildeten Beamten, zahlreichen Anhang. Sie gefährdet 
dann zwar selten unmittelbar die ganze Statsordnung, wie die 
ideologischen Gegeufüszler, aber sie setzt sich wie ein Rost 
an das blanke Schwert der Gerechtigkeit an, umstrickt die 
öffentliche Wohlfahrt mit Hemmnissen aller Art, verursacht 
eine Menge kleiner Schäden, entnervt die sittliche Kraft und 
schwächt die Gesundheit des States dergestalt, dasz um ihret- 
willen in kritischen Zeiten seine Rettung überaus erschwert, 
zuweilen unmöglich gemacht wird. Führt die blosz ideolo- 
gische Methode, wenn sie practisch wird, den Stat eher in 
fieberhafte Stimmungen und Krisen hinein, so hat diese blosz 
empirische Methode unter derselben Voraussetzung eher chro- 
nische Uebel zur Folge. 

Die historische Methode unterscheidet sich von der 
letztern vortheilhaft dadurch , dasz sie nicht blosz das gerade 
vorhandene Gesetz oder die vorhandenen Thatsachen gedanken- 
los und knechtisch verehrt, sondern den innern Zusammen- 
hang zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die orga- 

c 



8 



Zweites Capitel. Wissenschaftliche Methoden. 



nische Entwicklung des Volkslebens und die in der 
Geschichte offenbar gewordene sittliche Idee erkennt, 
nachweist und beleuchtet. Sie geht zwar auch zunächst von 
der realen Erscheinung aus, aber sie faszt diese als eine leben- 
dige auf, nicht als eine todte. 

Verwandt mit ihr ist die wahrhaft philosophische 
Methode, welche nicht blosz abstract speculirt, sondern concret 
denkt und eben darum Idee und Realität verbindet. Wäh- 
rend jene ihrer Betrachtung die geschichtliche Erscheinung und 
Entwicklung zu Grunde legt, geht diese zunächst von der Er- 
kenntniss der menschlichen Seele aus, und betrachtet von da 
aus die in der Geschichte geoffenbarten Apuszerungen des 
menschlichen Geistes. 

Nur wenigen Individuen war es vergönnt , diese beiderlei 
Betrachtungsweisen zugleich in sich zu vereinigen. Die meisten, 
die sich auf einen höheren wissenschaftlichen Standpunkt er- 
hoben haben, wurden durch ihre natürlichen Anlagen ent- 
weder der einen oder der andern Richtung vorzugsweise zu- 
geleitet. Unter jenen Erstem verdient Aristoteles voraus 
unsere Bewunderung, dessen Statslehre, obwol in jener jugend- 
lichen Periode der Geschichte der Menschheit geschrieben, 
welche der reiferen Statenbildung vorausging, dennoch auf 
Jahrtausende nach ihm eine der reinsten Quellen statlicher 
Weisheit geblieben ist. Der Römer C i c er o ahmte zwar in 
der Form der Begründung und Darstellung die philosophische 
Weise der darin reicher begabten Griechen nach . den besten 
Theil des Inhaltes aber schöpfte er mit Recht aus der Fülle 
practisch-römischer Politik. . Unter den Neuern sind der Fran- 
zose Bodin. der Italiener Vi co und der Engländer Baco de 
Verulam als frühe Repräsentanten der philosophisch-histo- 
rischen Methode zu nennen. Cicero ähnlich an hinreiszender, 
schwunghafter Beredsamkeit hat der Engländer puyke die 
Lehren der englischen Statswissenschaft ebenso aus der Ge- 
schichte und dem Leben seines Volkes gegriffen und in geist- 



Zweites Capiteh Wissenschaftliche Methoden. 



9 



reicher und philosophischer Form verherrlicht, Der Italiener 
Machiav e lJJ , der in seinen Werken die reiche und schwere 
Lebenserfahrung eines tiefen und klugen Menschenkenners nie- 
dergelegt hat, und der Franzose Montesquieu, welcher mit 
freiem und heiterm Blicke die Welt anschaut und reich ist 
an feinen Bemerkungen und treffenden Beobachtungen , wech- 
seln in ihren Schriften in der Methode; doch ist jener mehr 
der historischen, dieser mehr der philosophischen ergeben. 
Der welsche Schweizer R ojas s e a u t und der Engländer Ben- 
theim dagegen halten sich, gleich den meisten Deutschen, 
mehr an die philosophische Methode, verfallen aber häufiger 
als ihr gröszeres Vorbild Piaton in die einseitigen Ver- 
irrungen der bloszen Ideologie. 

Es ist somit klar: die beiden Methoden, die historische 
und die philosophische, bestreiten sich nicht. Sie ergänzen 
sich vielmehr und corrigiren sich. Der ist sicherlich ein bor- 
nirter Historiker, der meint, mit ihm sei die Geschichte ab- 
geschlossen, und es werde kein neues Eecht mehr geboren, 
und der ein eitler und thörichter Philosoph , der meint , er sei 
der Anfang und das Ende aller Wahrheit. Der echte Histo- 
riker ist als solcher genöthigt den Werth auch der Philosophie 
anzuerkennen, und der wahre Philosoph ist ebenso darauf hin- 
gewiesen auch die Geschichte zu Rathe zu ziehen. 

Wohl aber hat jede der beiden Methoden ihre eigenthüm- 
lichen Vorzüge und hinwieder ihre besondern Schwächen und 
Gefahren. Der Hauptvorzug der historischen ist der Reich- 
thum und die Positivität ihrer Resultate; denn die Ge- 
schichte ist voll lebendiger Mannich faltigkeit und zugleich 
durch und durch positiv. Was der fruchtbarste Denker in 
seinem Kopfe auszudenken vermag, wird doch immer, ver- 
glichen mit den in der Geschichte der Menschheit geoffen- 
barten Gedanken, nur ein ärmliches Stückwerk sein, und ge- 
wöhnlich nur eine unsichere und nebelhafte Gestalt erlangen. 
Aber daneben besteht allerdings die Gefahr, dasz man, den 



10 



Zweites Capitel. Wissenschaftliche Methoden. 



historischen Bahnen folgend, leicht über der reichen Mannig- 
faltigkeit der Einheit vergiszt und die Einheit verliert, dasz 
man von der Schwere des Stoffes niedergedrückt, und von 
der Massenhaftigkeit der geschichtlichen Erfahrungen über- 
wältigt wird, dasz man insbesondere, von der Vergangenheit 
angezogen und gefesselt, den frischen Blick in das Leben der 
Gegenwart und nach der Zukunft hin verliert. Ereilich sind 
das keineswegs nothwendige Folgen der historischen Methode, 
aber die Geschichte selber zeigt uns, wie häufig Männer, dir 
sich ihr leidenschaftlich hingegeben haben , auf derlei Abwege 
sich verirren. 

Die Vorzüge der philosophischen Methode dagegen sind: 
Reinheit, Harmonie und Einheit des Systems, vollere 
Befriedigung des allgemeinen menschlichen Strebens nach Ver- 
vollkommnung, Idealität. Ihre Resultate haben einen vor- 
zugsweise menschlichen Charakter, ein vorzugsweise ideales 
Gepräge. Und wieder drohen ihr eigenthämliche Gefahren, 
insbesondere dasz die Philosophen in dem Streben nach dem 
Einen oft als einfach gedachten Ziele die innere Mannich- 
faltigkeit der Natur und den reichen Inhalt des realen Daseins 
übersehen, dasz sie, dem raschen Fluge der freien Gedanken 
folgend, nicht selten statt wirkliche Gesetze zu entdecken, 
leere Formeln ohne Gehalt, Blasen ohne Kern finden, und 
dem Spiele mit diesen verfallen, dasz sie, die natürliche Ent- 
wicklung verkennend, unreife Früchte pflücken, wurzellose 
Bäume in die Erde stecken und in ideologischen Irrwahn ver- 
sinken. Nur wenigen philosophischen Geistern ist es geglückt, 
sich von diesen Verirrungen frei zu erhalten. 

Anmerkung. Diese und verwandte Gedanken habe icli ISil in 
der Schrift: „Die neueren Rechtsschulen der deutschen Juristen" in 
ihrer Beziehung auf die deutsche Wissenschaft näher ausgeführt. Zweite 
Auflage, Zürich, 1862. Weit früher aber hat der englische Kanzler 
Bacon die Gebrechen der naturrechtlichen und der positiven Juris- 
prudenz seiner Zeit gerügt und von der Verbindung der Geschichte mit 
der Philosophie die nöthige Reform der Rechtswissenschaft erwartet. 



Drittes Capitel. Allgemeine und besondere Statswissenschaft. 1 1 



Drittes Capitel. 
Allgemeine und besondere Statswissenschaft. 

Die besondere Statswissenschaft. beschränkt die Unter- 
suchung und Darstellung des Stats auf ein bestimmtes Volk 
und einen einzelnen Stat, z. B. die alte römische Republik, 
die neuere englische Verfassung, das heutige deutsche Reich. 

Die allgemeine Statswissenschaft dagegen beruht auf uni- 
verseller Auffassung nicht eines einzelnen, sondern des 
States. Der besondere Stat geht von einem bestimmten 
Volke aus, der allgemeine sieht voraus auf die menschliche 
Natur und geht von der Menschheit aus. 1 

Man faszt die allgemeine Statslehre und insbesondere das 
allgemeine Statsrecht sehr oft als das Product idealer Spe- 
culation auf und versucht dasselbe aus einer speculativen 
Weltanschauung durch einfache logische Schluszfolgerung her- 
zuleiten. Es sind so mancherlei Systeme entstanden eines 
sogenannten philosophischen oder natürlich en S tatsrechtes, 
welches sodann dem sogenannten positiven und historischen 
Statsrechte entgegengesetzt wurde. 

Ich verstehe den Gegensatz anders. Der Stat musz so- 
wohl philosophisch begriffen als historisch erkannt werden: 
und das allgemeine Statsrecht kann so wenig als das beson- 
dere dieser zweiseitigen Arbeit entbehren. 

Die besondere Statslehre setzt die allgemeine voraus , wie 
die besondere Volksart die gemeinsame Menschennatur vor- 
aussetzt. Die allgemeine Statswissenschaft stellt die Grund- 

1 Derselbe Gedanke liegt der römischen Anschauungsweise zu 
Grunde. L. 9. (fiajuf) D. de Justitia et Iure: „Omnes populi, qui legi 
bus et moribus reguntur, partim suo proprio partim communi omnium 
hominum, jure utuntur. Nam quod quisque populus ipse sibi jus consti- 
tuit, id ipsius proprium civitatis est, vocaturque jus civile; quod vero 
naturalis ratio inter omnes homines constituit, id apud omnes peraeque 
custoditur, vocaturque jus gentium, quasi quo jure omnes gentes utuntur." 



12 



Drittes Csipitcl. Allgemeine und besondere Statswisfeensohaft. 



begriffe dar, welche in den besonderen Statslehren zu mannig- 
faltiger Erscheinung kommen. Die Geschichte, die jene 
beachtet , ist die Weltgeschichte, nicht die enge Landes- 
geschichte, welche den besondern Stat erklärt. In der 
Weltgeschichte linden wir die Probe der philosophischen Ge- 
danken; und in ihr entdecken wir eine Fülle positiven Ge- 
haltes, welche so oft der blo$z speculativen Betrachtung fehlt. 
Die Weltgeschichte zeigt uns die verschiedenen Entwicklungs- 
stufen, welche die Menschheit seit ihrer Kindheit durchlebt 
hat, und auf jeder linden wir eigenthümliche Anschauungen 
vom State und verschiedene Statenbildungen. Sie lehrt uns 
das Verhältnisz verstehen, in welchem die mancherlei Natio- 
nen an der gemeinsamen Aufgabe der Menschheit Theil ge- 
nommen haben. 

Aber nicht alle Perioden der Weltgeschichte und nicht 
alle Völker haben dieselbe Bedeutung für unsere Wissenschaft. 
Den Stat der Gegenwart, den modernen Stat zu er- 
kennen, ist vornehmlich ihre Aufgabe. Die antiken und mittel- 
alterlichen Statenbildungen kommen nur als Vorstufen in Be- 
tracht und um durch den Gegensatz gegen den heutigen Stat 
diesen besser ins Licht zu setzen. Den Werth der verschie- 
denen Völker für die moderne Statenbildung überhaupt be- 
stimmen wir je nach ihrem Antheil an den Fortschritten der 
politischen Civilisation, d. h. eines menschlich geordneten und 
menschlich freien Gemeinwesens. Die arische Völkerfamilie 
(Indo - Germanen) ist vorzugsweise für den Stat. wie die 
semitische für die Keligion welthistorisch bestimmend ge- 
worden; aber erst in Europa haben es auch die arischen 
Völker zu einer bewuszteren und edleren Statenbildung ge- 
bracht. Sind unter ihnen hinwieder im Alterthum die Helle- 
nen und die Römer, im Mittelalter die Germanen voran 
gegangen, so beruht unsere heutige Statscultur vornehmlich 
auf der Mischung der helleno- romanischen und germani- 
schen Elemente. Die Engländer, in denen diese Mischung 



Drittes Capitel. Allgemeine und besondere Statswissenschaft. 



13 



auch in der Volksrasse am stärksten vollzogen worden ist, 
sodann die Franzosen, in denen ebenfalls alt-keltische und 
romanische Elemente mit germanischen gemischt worden, zu- 
letzt die Preuszen, in denen germanischer Rechtssinn und 
männlicher Trotz mit dem Autoritätsbedürfnisz und der Füg- 
samkeit der Slaven verbunden worden, haben einen gröszeren 
Antheil daran, als viele andere Völker. Das amerikanische 
Statsleben ist von dem europäischen abgeleitet, aber es hat 
nur in Nordamerika eigenthümliche Fortschritte gemacht. 

Die allgemeine Statswissenschaft soll also das g emei n s a m e 
statlicheBewusztsein der heutigen civilisirten Menschheit 
und die Grundbegriffe und wesentlich gemeinsamen 
Einrichtungen darstellen, weichein den besonderen Staten 
zu mannigfaltiger Erscheinung kommen. Auch das allgemeine 
Statsrecht ist keine blosze Lehre, es hat eine positive Wirk- 
samkeit, aber diese Geltung ist nicht eine unmittelbare, da 
es keinen allgemeinen Stat gibt, sondern eine durch die be- 
sonderen Staten vermittelte. Es hat aber nicht blosz eine 
ideale, es hat auch eine reale Wahrheit, so gewisz als die 
Menschheit und die Weltgeschichte keine bloszen Gedanken- 
dinge, sondern reale Wahrheiten sind. 

Anmerkung. Der Gegensatz bei Aristoteles (Rhetor. I. 10. 13.) 
zwischen vofiog iSioc, (besonderes Recht) und vo/uog /.otvog (gemeines 
Recht) hat doch noch einen andern Sinn. Unter jenem versteht er das 
Recht, welches ein bestimmter Stat für sich hervorgebracht hat, sei es 
nun geschrieben oder nicht , unter diesem das von Natur gerechte {(pvöai 
viotvov Se/.awv) ohne Rücksicht auf statliche Gemeinschaft. 



Erstes Buch. 

Der Statsbegriff. 

Erstes Capitel. 
Statsbegriff und Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 

Der St atsbe griff erkennt und bestimmt die Natur und 
die wesentlichen Eigenschaften wirklicher Staten. Die Stats- 
idee zeigt das Bild des noch nicht verwirklichten, aber an- 
zustrebenden States in dem leuchtenden Glänze gedachter 
Vollkommenheit. Der Statsbegriff kann nur durch geschicht- 
liche Prüfung gefunden werden; die Statsidee wird von der 
philosophischen Speculation erschaut. Der allgemeine Stats- 
begriff wird erkannt, wenn man die vielen wirklichen Staten, 
welche die Weltgeschichte hervorgebracht hat, überschaut und 
die gemeinsamen Merkmale aufsucht. Die höchste Statsidee 
wird geschaut, wenn die Anlage der Menschennatur zum State 
erwogen und die höchste denkbare und mögliche Entwicklung 
dieser Anlage als statliches Ziel der Menschheit betrachtet wird. 

Wenn wir die grosze Anzahl von Staten überblicken, 
welche uns die Geschichte vor die Augen führt, so werden 
wir einzelne gemeinsame Merkmale aller Staten sofort gewahr, 
andere aber stellen sich erst bei näherer Prüfung heraus. 

1. Vorerst ist es klar, dasz in jedem State eine Masse 
von Menschen verbanden ist. So sehr verschieden auch 



Erstes Capitel. Statsbegriff u. Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 15 



die Volkszahl der einzelnen Staten sein kann, indem die einen 
nur wenige Tausende, andere dagegen viele Millionen Menschen 
\nnfassen, so steht doch das fest, dasz von Stat erst dann die 
Rede ist, wenn der Kreis einer bloszen Familie über- 
schritten ist, und sich eine Menge von Menschen (be- 
ziehungsweise von Familien, Männer, Weiber und Kinder) 
vereinigt finden. Eine Familie , ein Geschlecht wie das Haus 
des jüdischen Erzvaters Jakob kann der Kern werden , um den 
sich mit der Zeit eine gröszere Menge Menschen ansammelt, 
aber erst wenn das geschehen ist, erst wenn die einzelne 
Familie sich in eine Reihe von Familien aufgelöst hat, und 
die Verwandtschaft zur Völkerschaft erweitert ist, ist 
eine wirkliche Statenbildung möglich. Die Horde ist noch 
nicht Völkerschaft. Ohne Völkerschaft, oder auf den 
höheren Stufen der Civilisation, ohne Volk kein Stat. 

Eine Normalzahl für die Grösze des Volks im Stat gibt 
es nicht, am wenigsten eine so geringe, wie Rousseau ge- 
meint hat, von nur 10,000 Mann. Im Mittelalter konnten 
wohl so kleine Staten sicher und würdig bestehen. Die neuere 
Zeit treibt zu gröszerer Statenbildung an, theils weil die politi- 
schen Aufgaben des modernen Stats einer reicheren Fülle von 
Volkskräften bedürfen, theils weil die gesteigerte Macht der 
Groszstaten für die Unabhängigkeit und Freiheit der Klein- 
staten leicht gefährlich und bedrohlich wird. 

2. Sodann zeigt sich eine dauernde Beziehung des 
Volkes zum Boden als nothwendig für die Fortdauer des 
Stats. Der Stat verlangt ein Statsgebiet, zum Volke gehört 
das Land. 

Nomaden Völker, obwohl Häuptlinge an ihrer Spitze 
stehen, und obwohl sie unter sich das Recht handhaben, be- 
wegen sich doch nur in dem Vorhofe des States. Erst die 
feste Niederlassung derselben bedingt das Statwerden. Moses 
hat des jüdische Volk zum Stat erzogen , aber Josua erst hat 
den jüdischen Stat in Palästina gegründet. Als in den Zeiten 



16 



Erstes Buch. Der Statsl>egriff. 



der groszen Völkerwanderung die Völker ihre Wohnsitze ver- 
lieszen und neue zu erobern unternahmen, befanden sie sich 
in einem unsicheren Uebergangszustande. Der frühere Staf, 
den sie gebildet hatten, bestand nicht mehr, der neue noch 
nicht. Der persönliche Verband dauerte noch eine Weile fort, 
der Zusammenhang mit dem Lande war gelöst. Nur wenn es 
ihnen gelang, von neuem festen Boden zu gewinnen, so glückte 
es ihnen eben deszhalb, einen neuen Stat herzustellen: die 
Völker aber, welchen das nicht gelang, gingen unter. So 
retteten die Athener unter Themistokles auf ihren Schiffen 
den Stat Athen, weil sie nach dem Siege die Stadt wieder 
einnahmen; aber die Cimbern und Teutonen gingen unter, 
weil sie die alte Heimat verlassen hatten und keine neue er- 
warben. Sogar der römische Stat wäre untergegangen, wenn 
sich die Kömer nach dem Brande der Stadt nach Veji über-, 
gesiedelt hätten. 

3. In dem State stellt sich die Einheit des (ranzen, 
die Zusammengehörigkeit des Volkes dar. Im Innern 
sind zwar verschiedene Gliederungen möglich mit groszer und 
eigentümlicher Selbständigkeit, wie in Rom der Populus 
der Pätricier und daneben die Plebes, wie im altern ger- 
manischen Mittelalter die Volks Verfassung neben der 
Lehens Verfassung. Der Stat kann auch aus mehreren 
Theilen zusammengesetzt sein , die in sich selber wieder Staten 
bilden, wie aus dem alten deutschen Reich allmälich 
Territorial staten herausgewachsen sind, oder wie in den 
modernen Bundesstaten Nordamerik a s und der 
Schweiz und ebenso in dem neuen deutschen Reich 
ein genieinsamer Gesammtstat und eine Anzahl verbün- 
deter Län der staten zugleich bestehen. Aber wenn die 
Gemeinschaft nicht, sei es in ihrem innern Organismus , einen 
einheitlichen Zusammenhang besizt. sei es im Verhältnisz zu 
den auswärtigen Staten sich als ein zusammengehöriges Ganzes 
darstellt, so ist kein Stat da. 



Erstes Capitel. Statsbegriff u. Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 



17 



4. In allen Staten tritt der Gegensatz zwischen Regie- 
renden und Regierten, oder um uns eines alten, zuweilen 
miszverstandenen und auch wohl miszbrauchten Ausdrucks zu 
bedienen, der aber an und für sich weder gehässig noch un- 
frei ist, zwischen Obrigkeit und Unterthanen, zwar in 
den mannichfaltigsten Formen , aber immerhin als nothwendig 
hervor. Selbst in der ausgebildetsten Demokratie, in welcher 
dieser Gegensatz zu verschwinden scheint, ist derselbe den- 
noch vorhanden. Die Volksgemeinde der athenischen Bürger 
war die Obrigkeit, und die einzelnen Athener waren im Ver- 
hältnisz zu jener Unterthanen. 

Wo es keine Obrigkeit mehr gibt, welche die Autorität 
besizt, wo die Regierten den politischen Gehorsam gekündigt 
haben, und Jeder thut wozu ihn die Lust treibt, wo Anar- 
chie ist, da hat der Stat aufgehört. Die Anarchie kann aber, 
wie alle Negation, so wenig dauern, dasz sich aus ihr sofort 
wieder, wenn auch in roher und oft grausamer despotischer 
Form, unter jedem lebendigen Volke eine Art von neuer 
Obrigkeit aufwirft, welche sich Gehorsam erzwingt, und so 
jenen unentbehrlichen Gegensatz herstellt. Die Communisten 
verneinen zwar denselben in ihren Theorien, aber damit ver- 
neinen sie den Stat selbst. Auch ist es ihnen noch unter 
keinem Volke gelungen, mit Vernichtung des States ihren 
blosz gesellschaftlichen Verband einzuführen, und würde 
es ihnen je gelingen, vorübergehend die Massen für sich und 
ihre Plane einzunehmen, so wäre, nach dem Vorbilde der 
religiösen Communisten des XVI. Jahrhunderts, der Wieder- 
täufer, und nach der innern Consequenz der Dinge, mit Sicher- 
heit darauf zu rechnen , dasz auch sie wieder eine Herrschaft, 
und zwar die härteste, die es je gegeben, aufrichten würden. 

Bei den s lavischen Völkern finden wir die alte Idee, 
dasz nur die Einstimmigkeit aller Gemeindeglieder den 
Gemeinwillen hervorbringe und nicht die Mehrheit noch eine 
höhere Stimme entscheide. Das kann aber höchstens als 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 2 



IS 



Erates Buch. Der Statsbegritf. 



Gemeindeprincip und auch nur bei einer Nation gelten , in der 
sich Alle leicht und rasch zusammen schlieszen . nicht aber als 
Statsprincip ; denn der Stat musz den unvermeidlichen Wider- 
spruch Einzelner überwältigen. 

">. Der Stat ist keineswegs ein lebloses Instrument . nicht 
eine todte Maschine, sondern ein lebendiges und daher 
organisches Wesen. Nicht immer wurde diese organische 
Natur des States begriffen. Die politischen Völker hatten 
freilich eine Vorstellung derselben und erkannten in der Sprache 
dieselbe willig an. Aber der Wissenschaft blieb die Einsicht 
in den statlichen Organismus lange verborgen und heute noch 
haben manche Statsgelehrte kein Verständnisz dafür. Es ist 
das Verdienst hauptsächlich der deutschen historischen Bechts- 
schule, die organische Natur des Volkes und States erkannt 
zu haben. Dadurch wurde sowohl die mathematisch- 
mechanische Auffassung des States welche nur mit Zahlen 
operirte, und die atomistische Behandlungsweise wider- 
legt, welche über den Einzelnen das Ganze vergasz. Wie 
das Oelgemälde etwas anderes ist als eine Anhäufung von 
farbigen Oeltropfen, und eine Statue etwas anderes als eine 
Verbindung von Körnchen Marmor , und wie der Mensch nicht 
eine blosze Menge von Blutkügelchen und Zellengefässen ist, so 
ist auch das Volk nicht eine blosze Summe von Bürgern und der 
Stat nicht eine blosze Anhäufung von äuszeren Einrichtungen. 

Allerdings ist der Stat kein Naturgeschöpf, und da- 
her nicht ein natürlicher Organismus. Er ist ein mittel- 
bares Werk der Menschen. Die Anlage zur Statenbildung 
freilich ist schon in der Menschennatur zu finden. Insofern 
hat der Stat selber eine natürliche Grundlage. Aber die 
Natur hat es der menschlichen Arbeit und der menschlichen 
Einrichtung überlassen, jene Statsanlage zu verwirklichen. 
Insofern ist der Stat ein Product der menschlichen Thätigkeit 
und seine organische Erscheinung eine Nachbildung des natür- 
lichen Organismus. 



Erstes Capitel. Statsbegriff u. Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 19 

Wenn wir den Stat einen Organismus nennen, so denken 
wir auch nicht an die Thätigkeit der Naturgeschöpfe , Nahrung 
zu suchen , aufzunehmen und umzubilden , und ihre Art fort- 
zupflanzen. Wir denken vielmehr an folgende Eigenschaften 
der natürlichen Organismen: 

a) Jeder Organismus ist eine Verbindung von leib- 
lich-materiellen Elementen mit belebt-seelischen 
Kräften, oder kurz von Seele und Leib. 

b) Obwohl das organische Wesen Ein Ganzes ist und 
bleibt, so ist es doch in seinen Theilen mit Gliedern aus- 
gestattet, welche von besonderen Trieben und Fähigkeiten 
beseelt sind, um den wechselnden Lebensbedürfnissen auch 
des Ganzen in mannigfaltiger Weise Befriedigung zu ver- 
schaffen. 

c) Der Organismus hat eine Entwicklung von Innen 
heraus und ein äuszeres Wachsthum. 

In allen drei Beziehungen zeigt sich die organische Natur 
des States: 

a) In dem State sind der Statsgeist und der Stats- 
körper, der Statswille und die wirkenden Statsorgane 
nothwendig verbunden zu Einem Leben. Der Eine Volks- 
geist, der etwas anderes ist als die Durchschnittssumme der 
gleichzeitigen Geister aller Bürger, ist der Statsgeist. Der Eine 
Volks wille, der verschieden ist von dem Durchschnittswillen 
der Menge, ist der Statswille. Die Statsverfassung mit 
ihren Organen einer Kepräsentation des Ganzen, welche den 
Statswillen als Gesetz ausspricht, mit einem Statshaupte, welches 
regiert, mit mancherlei Behörden und Aemtern, welche die 
Verwaltung ausüben, mit den Gerichten, welche die Gerech- 
tigkeit des States handhaben, mit Pflegeämtern aller Art für 
die gemeinsamen Cultur- und Wirthschaftsinteressen, mit dem 
Heere, welches die Stärke des States bedeutet, diese Stats- 
verfassung ist der Statskörper, in dessen Gestalt das Volk sein 
Gesammtieben zur Erscheinung bringt. Charakter, Geist und 



20 



Erstes Buch. Der Statsbegrift'. 



Form der Statsindividuen sind verschieden, ähnlich wie die 
einzelnen Menschen von einander verschieden sind. Der Fort- 
schritt der Menschheit beruht wesentlich auf dem Wettstreit 
der Völker und Staten, aus denen sie besteht. 

b) In der Statsverfassung offenbart sich auch die Glie- 
derung des Statskörpers. Jedes Amt und jede statliche Ver- 
sammlung ist ein besonderes Glied desselben, welchem eigen- 
tümliche Functionen zukommen. Das Amt ist nicht wie ein 
Theil einer Maschine, es hat nicht blosze mechanische Tä- 
tigkeiten auszuüben, die sich immer gleich bleiben, wie die 
Räder und die Spindeln einer Fabrik . welche immer dasselbe 
in gleicher Weise thun. Seine Functionen haben einen 
geistigen Charakter und ändern sich im Einzelnen je 
nach den Bedürfnissen des öffentlichen Lebens, zu 
deren Befriedigung sie bestimmt sind. Dem Leben dienend 
sind sie in sich selber lebendig. Wo daher das Leben in 
dem Amte erstirbt, wo dieses in einen gedankenlosen Forma- 
lismus versinkt und sich der Natur einer Maschine annähert, 
welche ohne Unterscheidung, ohne Berücksichtigung der eigen- 
thümlichen und wandelbaren Verhältnisse , die vorliegen, nach 
festen äuszern Gesetzen in regelmäsziger mechanischer Be- 
wegung fortarbeitet , da ist das Amt selbst dem Verderben 
verfallen, und der in eine Maschine verkommene Stat geht 
sicher eben deszhalb zu Grunde. 

Nicht allein der Mensch, welcher in dem Amte wirkt, 
das Amt selbst hat in sich eine psychische Bedeutung. e> 
lebt in ihm ein seelisches Princip. Es gibt einen Cha- 
rakter, einen Geist des Amtes, der hinwieder auf die 
Person, welche, wie in dem Körper das Individuum, in dem 
Amte waltet, einen Einfluss übt. In dem römischen Consu- 
late lag eine würdevolle Hoheit und Machtfülle , welche auch 
einen nicht bedeutenden Mann , der zum Consul erwählt wor- 
den war, emporhob, und seine natürlichen Kräfte steigerte. 
Das Richteramt ist ein so heiliges, der Gerechtigkeit ge- 



Erstes CapiteL Statsbegriff u. Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 21 



weihtes, dasz diese erhabenen Eigenschaften auch die Seele 
eines schwächeren Mannes , welcher zum Eichter bestellt wird, 
erfüllen und in ihm den Muth, für das Recht einzustehen, 
wecken können. Der Geist des Amtes vermag zwar nicht die 
Natur des Beamten umzuändern, er ist nicht mächtig genug 
diesen so zu durchdringen, dasz jederzeit die persönliche Er- 
füllung des Amtes der Bedeutung desselben vollkommen ent- 
spricht; aber der Beamte verspürt doch jederzeit eine psy- 
chische Einwirkung des Amtes auf seinen individuellen 
Geist und sein Gemüth , und wenn er einen offenen Sinn hat, 
kann es ihm nicht entgehen , dasz in dem Amte selbst eine 
Seele lebt, welche zwar nun mit seiner Individualität in eine 
enge Beziehung und in unmittelbare Verbindung getreten ist, 
aber immerhin von jener verschieden ist und seine 
Persönlichkeit überdauert. 

c) Die Völker und Staten haben eine Entwicklung und 
ein eigenthümliches Wachsthum. Die Perioden der Völker- 
und Statengeschichte bemessen sich nach groszen, die Alters- 
perioden der einzelnen Menschen weit überragenden Zeitaltern. 
Wenn diese nach Jahren und nach Jahrzehnten sich unter- 
scheiden, so sind jene über Jahrhunderte ausgebreitet. Jede 
Periode hat wieder ihren besonderen Charakter und die Ge- 
sammtgeschichte eines Volkes und States stellt sich als ein 
zusammenhängendes Ganze dar. Die Kindheit der Völker hat 
einen andern Charakter als ihr reifes Alter und jeder Stats- 
mann ist genöthigt, die Lebenszeit, in welcher der Stat sich 
befindet, zu beachten. Auch da gilt die Lebensweisheit: Ein 
jedes Ding hat seine Zeit. 

Allerdings besteht aber neben dieser Verwandtschaft mit 
der Entwicklung der organischen Naturwesen auch ein beach- 
tenswerther Gegensatz. Während nämlich das Leben der 
Pflanze, des Thieres und des Menschen in regelmässigen 
Perioden und Stufen auf- und hinwieder absteigt, so ist der 
Entwicklungsgang der Staten und der statlichen Institutionen 



22 



Erstes Buch. Der Statabegriff. 



nicht immer ebenso regelmässig. Die Einwirkungen der 
menschlichen Freiheit oder äuszerer Schicksale bringen öfter 
bedeutende Abweichungen hervor, und unterbrechen bald oder 
fördern plötzlich die normale Stufenfolge oder wandeln sie 
zuweilen um, je nachdem grosze und gewaltige Männer oder 
wilde Leidenschaften auch des Volkes in dieselben eingreifen. 
Diese Abweichungen sind zwar weder so zahlreich noch ge- 
wöhnlich so grosz, dasz die Kegel selbst um derselben willen 
bedeutungslos würde. Im Gegentheil sie sind viel seltener, 
und meistens auch geringfügiger, als die wähnen, welche sich 
in ihren Meinungen von den unmittelbaren Kindrücken der 
jeweiligen Gegenwart bestimmen lassen. Aber sie sind doch 
wichtig genug, um den Beweis zu führen, dasz der Gedanke 
einer bloszen Naturwüchsigkeit des States einseitig 
und unbefriedigend sei , und um der freien individuellen 
That auch in dieser Hinsicht ihr Recht widerfahren zu lassen. 

6. Indem die Geschichte uns Aufschlusz gibt über die 
organische Natur des Staates, läszt sie uns zugleich erkennen, 
dasz der Stat nicht mit den niedern Organismen der Pflanzen 
und der Thiere auf Einer Stufe stehe, sondern von höherer 
Art sei. Sie stellt ihn als einen sittlich- geistigen Or- 
ganismus dar, als einen groszen Körper, der fähig ist die 
Gefühle und Gedanken der Völker in sich aufzunehmen und 
als Gesetz auszusprechen, als That zu verwirklichen. Sie 
berichtet uns von moralischen Eigenschaften, von dem 
Charakter der einzelnen Staten. Sie schreibt dem State 
eine Persönlichkeit zu, die mit Geist und Körper begabt 
ihren eigenen Willen hat und kundgibt. 

Der Ruhm und die Ehre des States haben von jeher auch 
das Herz seiner Söhne gehoben und zu Opfern begeistert. Für 
die Freiheit und Selbständigkeit, für das Recht des States 
haben in allen Zeiten und unter allen Völkern je die Edelsten 
und Besten ihr Gut und Blut eingesetzt. Das Ansehen und 
die Macht des States zu erweitern, die Wohlfahrt und das 



Erstes Capitel. Statsbegriff u. Statsidee. Der allgemeine Statsbegriff. 23 



Glück desselben zu fördern, ist überall als eine der ehren- 
vollsten Aufgaben der begabten Männer angesehen worden. 
An den Freuden und Leiden des States haben jederzeit alle 
Bürger desselben Antheil genommen. Die ganze grosze Idee 
des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande wäre undenk- 
bar, wenn dem State nicht diese hohe sittlich-persönliche Natur 
zukäme. 

Die Anerkennung der Persönlichkeit des States ist 
denn auch für das S tatsrecht nicht weniger unerläszlich als 
für das Völkerrecht. 

Person im rechtlichen Sinn ist ein Wesen , dem wir einen 
Rechtswillen zuschreiben, welches Rechte erwerben, schaffen, 
haben kann. Auf dem Gebiete des öffentlichen Rechts ist 
dieser Begriff ebenso bedeutsam, wie auf dem Gebiete des 
Privatrechts. Doch ist der Stat die öffentlich-rechtliche 
Person im höchsten Sinne. Die ganze Statsverfassung ist 
dazu eingerichtet, dasz die Person des Stats ihren Stats- 
willen, der verschieden ist von dem In di vi dual willen 
aller Einzelnen und etwas anderes ist als die Summe der 
Einzelwillen, einheitlich gestalten und bethätigen kann. 

Allerdings ist die Persönlichkeit des States nur von freien 
Völkern erkannt und nur in dem civilisirten Volksstat zur 
vollen Wirksamkeit gelangt. Auf den Vorstufen der Staten- 
bildung stellt sich noch der Fürst vor, er allein sei Person 
und der Stat lediglich der Bereich seiner persönlichen Herr- 
schaft, 

7. Aehnlich verhält es sich mit der männlichen Eigen- 
schaft des modernen States, welche erst im Gegensatze zu der 
weiblichen Kirche erkannt worden ist. Es kann eine religiöse 
Gemeinschaft alle andern Merkmale einer Statsgeineinschaft 
an sich tragen; dennoch will sie nicht Stat sein und ist nicht 
Stat, eben weil sie nicht in selbsbewuszter Weise sich männ- 
lich selber beherrscht und im äuszern Leben frei bethätigt, 
sondern nur Gott dienen und ihre religiösen Pflichten üben will. 



24 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



Fassen wir das Resultat dieser historischen Betrachtung 
zusammen, so läszt sich der allgemeine Begriff des States 
so bestimmen: Der Stat ist eine Gesammtheit von Menschen, 
in der Form von Regierung und Regierten auf einem be- 
stimmten Gebiete verbunden zu einer sittlich- organischen, 
männlichen Persönlichkeit. Oder kürzer ausgedrückt: Der 
Stat ist die politisch organisirte Volksperson eines 
bestimmten Landes. 

Anmerkungen. 1. Es ist nicht ohne Interesse nachzusehen, wie die 
verschiedenen Völker den Stat benannt haben. Die Griechen noch 
bezeichneten Stadt und Stat mit dem nämlichen Wort (rro/Lc), zum 
Zeichen, dasz ihr Begriff vom Stat auf die Stadt gegründet und durch 
den städtischen Gesichtskreis auch beschränkt war. Auch der römische 
Ausdruck civitas weist noch auf die Bürgerschaft einer Stadt hin, 
als den Kern des States, aber ist persönlicher gehalten als das griechi- 
sche Wort, und eher geeignet, gröszere Volksmassen in sich aufzu- 
nehmen. Auch spricht es für die hohe sittliche Bedeutung des States, 
dasz der Ausdruck Civilisation von dem Namen des Stats abgeleitet 
ist, und practisch mit der Ausbreitung und Verwirklichung des States 
zusammenfällt. 

In gewissem Betracht steht der andere römische Name res publica 
noch höher, insofern nämlich als demselben die Beziehung nicht blosz 
auf eine (städtische) Bürgerschaft, sondern ein Volk zu Grunde liegt 
(res populi), und die Rücksicht auf Volkswohlfahrt darin enthalten ist. 
Im Sinne der Alten schlieszt der Ausdruck Republik die Monarchie nicht 
aus, paszt aber nicht auf despotisch geartete Staten. 

In den modernen Sprachen hat nicht blosz unter den Romanen, son- 
dern eben so unter den Germanen der Ausdruck Stat (stato, etat, state) 
überhand genommen. An sich völlig indifferent (er bezeichnet ursprüng- 
lich jeden Zustand, und offenbar ergänzte man anfänglich Status rei 
publicae, um eine nähere Beziehung zu dem State zu erlangen) ist die- 
ser Ausdruck mit der Zeit zu der allgemeinsten und durch keinerlei 
Nebenbegriffe beschränkten , noch durch schillernden Doppelsinn zweifel- 
haften Bezeichnung des States geworden. Obwohl darin das Feste, was 
steht, hervorgehoben ist, so ist doch auch dieser Zusammenhang in Ver- 
gessenheit gerathen, und bezeichnet das Wort nicht etwa die bestehende 
Statsordnung und Statsverfassung faoAireici), sondern den Stat , welcher 
auch einige völlige Umgestaltung der Regierungsform überleben kann. 

Alle andern modernen Ausdrücke haben nur eine beschränkte Gel- 
tung; so das stolze Wort Reich, welches nur auf grosze Staten paszt, 
die überdem monarchisch organisirt, auch wohl aus mehreren beziehungs- 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. £5 

weise wieder selbständigen Ländern zusammengesetzt sind, ähnlich dem 
romanischen Worte Imperium, empire, in welchem zugleich auf die kai- 
serliche Herrschaft angespielt wird. Enger ist der Sinn des Wortes 
Land, welches zunächst das äuszere, und zwar ein zusammenhängendes 
Statsgebiet, dann aber auch den auf diesem Gebiete ruhenden Stat be- 
zeichnet. Es bildet übrigens dieser Ausdruck den natürlichen Gegensatz 
zu der griechischen noXig , indem er auf die Landschaft zunächst den 
Stat gründet, wie dieses ihn aus der Stadt erwachsen läszt. Koch enger 
— um der Beziehung auf das Individuum willen — aber zugleich durch 
die persönliche Hinweisung auf den Zusammenhang und die Vererbung 
der Blutsverwandtschaft im Lande gehobener und vergeistigter ist das 
schöne Wort Vaterland, in welchem die ganze volle Liebe und Pietät 
des einzelnen Statsbürgers zu dem groszen und lebendigen Ganzen, dem 
er mit seinem Leibe angehört, mit dessen Dasein auch sein Dasein ver- 
wachsen ist, dem sich zu opfern die höchste Ehre des Mannes ist, sich 
so verständlich und gemüthlich ausprägt. 1 

2. Ich habe in den psychologischen Studien über Stat und Kirche 
(Zürich 1845) die Männlichkeit des States näher erörtert. Der französische 
Ausdruck : L'etat c'est l'homme bedeutet nicht blos : Der Stat ist der Mensch 
im Groszen, sondern zugleich: Der Stat ist der Mann im Groszen, wie 
die Kirche die weibliche Natur im Groszen, die Frau darstellt. 



Zweites Capitel. 

Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. 

Genügt der Statsbegriff, wie ihn die historische Betrach- 
tung der verschiedenen Staten nachzuweisen vermag, dem 
menschlichen Geiste? Die historische Schule fühlt sich wohl 
befriedigt in der Annahme, dasz der Stat der Körper sei 

1 Euripides in den Phönicierinnen : 

Zum Vaterland fühlt Jeder sich gezogen. 

Wer anders redet, Mutter, spielt mit Worten, 

Und nach der Heimat stehen die Gedanken. 
Schiller im Wilhelm Teil: 

Ans Vaterland, ans theure, schliesz' dich an, 

Das halte fest, mit deinem ganzen Herzen. 

Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft; 

Dort in der fremden Welt stehst du allein. 



2£J Erstes Buch. Der Statebegriff. 

der Volksgemeinschaft. Sie leitet ihn her ans der Natur 
und dem Bedürfnisse der Nation, und beschränkt ihn auf die 
Nation. 

Die philosophische Erkenntnis^ aber kann sich mit dieser 
Antwort nieht so leicht zufrieden geben. Indem sie den tiefern 
Grund der Staten aufsucht, findet sie in der menschlichen 
Natur die Anlage und das Bedürfnisz zum Stat. Aristoteles 
schon hat die fruchtbare Wahrheit ausgesprochen: „Der . 
Mensch ist ein von Natur statliches Wesen- {cpvoei 
nolinxov ££ov). Nicht die nationale Eigentümlichkeit macht 
ihn zum State fähig und des States bedürftig, sondern die 
gemeinsame menschliche Natur. Indem wir ferner den Or- 
ganismus der verschiedenen Staten untersuchen, machen wir 
die Entdeckung, dasz die wesentlichen Organe sich bei sehr 
verschiedenen Völkern in derselben Weise wieder finden. Ein 
gemeinsamer, menschlicher Charakter ist überall zu erkennen, 
dem gegenüber die besonderen nationalen Formen nur wie 
Variationen erscheinen über dasselbe Thema. Der Begriff des 
Volkes selbst endlich ist kein für sich bestehender abgeschlos- 
sener, er weist mit innerer Notwendigkeit auf die höhere 
Einheit der Menschheit hin, deren Glieder die Völker sind. 
Wie könnte sich daher auf das Volk der Stat begründen lassen, 
ohne Rücksicht auf die höhere Gesammtheit . der das Volk 
untergeordnet ist? Und wenn die Menschheit in Wahrheit 
ein Ganzes ist, wenn sie von einem gemeinsamen Geiste be- 
seelt ist, wie sollte sie nicht nach Verleiblichung ihres eigenen 
Wesens streben, d. h. zum State zu werden suchen V 

Die national beschränkten Staten haben daher nur eine 
relative Wahrheit und Geltung. Der Denker kann in ihnen 
noch nicht die Erfüllung der höchsten Statsidee erkennen. Ihm 
ist der Stat ein menschlicher Organismus, eine menschliche 
Person. Ist er aber das, so musz der menschliche Geist, der 
in ihm lebt, auch einen menschlichen Körper haben, denn 
Geist und Körper gehören zusammen und bilden vereint die 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. 



27 



Person, und in einem nicht -menschlich organisirten Körper 
kann der Menschengeist nicht wahrhaft leben. Der Stats- 
körper musz daher dem menschlichen Körper nachge- 
bildet sein. Der vollkommene Stat ist also der körper- 
lich sichtbaren Menschheit gleich. Der Weltstat 
oder das Weltreich ist das Ideal der fortschreitenden 
Menschheit. 

Der einzelne Mensch als Individuum, und die Mensch- 
heit als Ganzes, das sind die ursprünglichen und bleibenden 
Gegensätze der Schöpfung. Darauf beruht im letzten Grunde 
der Unterschied des Privatrechts und des Statsrechts. Das 
gemeinsame Bewusztsein der Menschheit ist freilich noch in 
träumerischem Zustande befangen und vielfältig verwirrt. Es 
ist noch nicht zu voller Klarheit erwacht, und nicht zur Ein- 
heit des Willens vorgeschritten. Die Menschheit hat daher 
ihr organisches Dasein auch noch nicht ausbilden können. Erst 
die späteren Jahrhunderte werden das Weltreich sich verwirk- 
lichen sehen. Aber die Sehnsucht nach einer solchen organi- 
sirten Lebensgemeinschaft aller Völker ist schon in der bis- 
herigen Weltgeschichte von Zeit zu Zeit offenbar geworden, 
und die civilisirte europäische Menschheit faszt bereits das hohe 
Ziel fester ins Auge. 

Es ist wahr, dasz alle geschichtlichen Versuche, den 
Weltstat zu verwirklichen, am Ende verunglückt sind. Aber 
daraus folgt für den Stat so wenig die Unerreichbarkeit dieses 
Ziels, als für die christliche Kirche, welche ebenso die Hoff- 
nung in sich trägt, dereinst die ganze Menschheit zu um- 
fassen , aus der bisherigen Nichterfüllung auf die Unmöglich- 
keit der Erfüllung geschlossen werden kann. Wie die christliche 
Kirche den Glauben nicht aufgeben kann, eine allgemeine 
zu werden, so kann die humane Politik das Streben nicht 
aufgeben , die ganze Menschheit zu organisiren. Der Idee der 
universellen Kirche entspricht in der Politik die Idee des 
universellen Weltreichs. 



28 



Erstes Buch. Der Statsbcgriff. 



Die Geschichte selbst, wenn wir sie nur freien Blickes 
zu würdigen wissen, weist deutlich genug auf den Weg hin, 
welcher zu diesem Ziele führt und warnt zugleich vor den 
Irrgängen, in welche auch das politische Genie gerathen ist, 
als es in kühnem Eifer den Weltstat zu früh zu verwirklichen 
versucht hat. 

Seitdem in Europa zuerst ein menschliches Bewusztsein 
vom State erwacht ist, hat jede Periode den Versuch in ihrer 
Weise gewagt. 

Zuerst Alexander der Grosze. In dem hundertpaa- 
rigen Ehefest zu Susa gab Alexander der Welt 1 ein Bild seiner 
Idee. Er wollte den männlichen Geist der Hellenen mit der 
weiblichen Sinnigkeit der Asiaten vermählen. Der Occident 
und der Orient sollten sich verbinden und vermischen und 
aus der Mischung beider „wie in einem Becher der Liebe" 
die neue Menschheit hervorgehen, die Ein groszes göttlich- 
menschliches Reich erfülle und in demselben ihre Befriedi- 
gung finde. Die Cultur der folgenden Jahrhunderte wurde 
allerdings durch Alexander in solcher Weise bestimmt; und 
der griechische Saame der Bildung gedieh zu üppigem Wachs- 
thum in dem eröffneten Boden Asiens. Aber es ist nicht 
blosz dem verhängniszvollen Schicksal zuzuschreiben, welches 
den Gründer des neuen Weltstates in der Blüthe der Jahre 
wegraffte, bevor er noch die einheitlichen Institutionen be- 
festigt und für die Nachfolge in der Herrschaft gesorgt hatte, 
dasz dieser erste geniale Versuch , ein Weltreich herzustellen, 
keinen Bestand gehabt hat und hoffnungslos mit dem Tode 
Alexanders gescheitert ist. Die Mischung der Gegensätze war 
zugleich eine Trübung der Wahrheit, die leitende Idee selbst 
war unklar. 

Die politischen Ideen wurden durch die Mischung ver- 
wirrt. Die freie menschliche Ansicht der Hellenen vom State 

l „Rex terrarum omnium ac mundi." Justin. XII. 16. Laurent 
hist. du Droit des Gens II. 5. 262. 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. 29 



liesz sich nicht mit der religiösen Betrachtung der Perser 
von dem göttlichen Königthum vereinigen. Die makedonische 
Monarchie konnte nicht zugleich asiatische Theokratie sein. 
Die Orientalen glaubten willig, dasz Alexander der Sohn des 
höchsten Gottes sei , die Europäer wurden von der Zumuthung 
angewidert, dem menschlichen Herrscher göttliche Ehre zu 
erweisen. 

Und die Völker wurden verwirrt. Die hellenische Wissen- 
schaft und Cultur befreite wohl die orientalische Welt aus 
den strengen Banden der religiös - politischen Beschränkung, 
aber ihre Wirkung war mehr Auflösung der alten, nicht 
Schöpfung einer neuen Welt. Die Vergöttlichung des Men- 
schen verdrängte die Ehrfurcht vor den alten Göttern; und 
die liederlich gewordene Cultur der Europäer half mit, den 
Orient vollends zu entnerven. 

Einen dauerhafteren und nachhaltigeren Erfolg hat der 
Versuch der Römer gehabt , die Weltherrschaft zu er- 
obern. Das römische Reich war ein Weltreich. Das ganze 
römische Volk fühlte sich berufen, seine Statsidee über die 
Erde zu verbreiten , und alle Völker der römischen Hoheit zu 
unterwerfen. Die männliche Kraft und die eherne Gewalt des 
römischen Charakters überwand die zahlreichen Nationen, die 
sich ihrem Siegeszug über den Erdkreis entgegenzusetzen 
wagten: und schon war der römische Stat mit seinen Rechts- 
institutionen von Granit in drei Weltth eilen auf festen Grund- 
lagen aufgebaut. Der gröszte Römer Julius Cäsar hat der 
Nachwelt die Kaiseridee als Erbgut hinterlassen und in ihr 
eine Autorität begründet, welche über die nationalen Schran- 
ken hinaus die Welt umspannt. 

Aber auch das Streben der Römer ist von der Welt- 
geschichte gerichtet. Es war nicht, wie das Alexanders auf 
die Mischung der Völker, sondern auf die höhere 
Natur Eines Volkes gegründet, welches der Menschheit 
seinen Volkscharakter einprägen , die Welt romanisiren wollte. 



30 



Erstes Buch. Der Statsbogriff. 



Das war sein inneres Gebrechen. Keine Nation ist grosz ge- 
nug, um die Menschheit zu umfassen, und die andern Natio- 
nen in ihren Armen zu erdrücken. An dem Widerstand der 
jugendlich - frischen germanischen Nation ist der römische 
Weltstat gescheitert. Er vermochte die Deutschen nicht zu 
bezwingen, und ist nach Jahrhunderte langen Kämpfen ihrem 
Andrang erlegen. 

Die Idee des Weltstates hat seither nie mehr so glänzend 
geleuchtet an dem politischen Horizont, aber sie ist doch nie 
mehr untergegangen. Das romanisch - germanische Mittelalter 
hat sie wieder in seiner Weise zu verwirklichen gesucht, zu- 
erst in der fränkischen Monarchie, dann in dem 
römisch -deutschen Kaiserthum. In bescheideneren 
Verhältnissen freilich, aber nicht ohne in der Erkenntnisz 
der Wahrheit wichtige Fortschritte gemacht zu haben. Es 
sollte nicht mehr Ein übermächtiges absolutes Reich herge- 
stellt werden, welches alle Seiten des gemeinsamen Lebens 
gleichmäszig beherrsche. Der grosze für die Menschheit so 
folgenreiche Gegensatz von Stat und Kirche war inzwischen 
durch das Christenthum offenbar geworden. Der Stat ver- 
zichtete darauf, auch die Gewissen durch seine Gesetze zu 
beherrschen. Er erkannte an, dasz es neben ihm auch eine 
religiöse Gemeinschaft gebe, welche ein eigenes Lebensprincip 
und ebenfalls einen sichtbaren Körper habe, verschieden von 
seiner Existenz und wesentlich selbständig. Damit aber war 
eine Schranke gezogen, welche ihn hinderte, allmächtige Herr- 
schaft zu üben. Er war genöthigt, das religiöse Leben der 
Leitung der Kirche zu überlassen. Er gelangte über sein 
Verhältnisz zur Kirche zwar nicht zu voller Klarheit, aber 
die Freiheit des religiösen Glaubens und die Verehrung Gottes 
war vor seiner Willkür gerettet, die Autorität des Christen- 
thums war nicht von ihm abhängig. 

Sodann sollte das christliche Weltreich nicht mehr die 
verschiedenen Völker verschlingen und vernichten, sondern 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. 



31 



allen Völkern Frieden und Recht gewähren. Der mittelalter- 
liche römische Kaiser galt nicht als absoluter Herr über alle 
Völker , sondern als gerechter S c h i r m e r ihres Rechts 
und ihrer Freiheit. Die Kaiseridee, für welche sich ein 
Statsmann wie Friedrich II. 2 und ein Denker wie Dante 3 
begeistert hatte, war so gereinigt. Das mittelalterliche Reich 
umfaszte eine grosze Anzahl wesentlich selbständiger Staten, 
welche zu einer Gesammtordnung zwar verbunden und formell 
dem Kaiser untergeordnet, aber in allen wesentlichen Be- 
ziehungen unabhängig waren und für sich lebten nach eigenem 
Willen. Die Mannichfaltigkeit auch des Volks- und Stammes- 
lebens wurde im Mittelalter mit Vorliebe geschützt und ge- 
pflegt. Aber was an sich ein Fortschritt war in der Entwick- 
lung des Weltstates, führte, weil zu einseitig verfolgt, zu 
dessen Auflösung. Der Trieb zur Sonderung wurde stärker 
als der Drang nach Einheit, Die Spaltung der Nationalitäten, 
der Gegensatz der Sprachen, hat Frankreich und Deutschland 
getrennt, und die fränkische Weltmonarchie in zwei Theile 
zerrissen. Der Erhebung der Fürsten und Landesherrn ver- 
mochte das karg ausgestattete deutsche König- und römische 
Kaiserthum nicht zu begegnen. Die deutsche Centraiinstitution 
hatte keine centrale Unterlage, daher erhielt die Peripherie 
die Oberhand, und das Reich ging aus den Fugen. Wieder 
sind die Versuche verunglückt, aber wieder haben sie den 
nachfolgenden Geschlechtern beachtenswerthe Lehren hinter- 
lassen. 

In unserem Jahrhundert hat der Kaiser Napoleon I. 
den Gedanken, der eine Zeit lang im Dunkel geblieben, 

2 Friderici Constit. Regni Siculi I. 30. : „Oportet Caesarem fore 
justitiae patrem et filium, dominum et ministrum; patrem et dominum 
in edendo justitiam et editam conservando: sie et in venerando justitiam 
sit filius et in ipsius copiam miuistrando minister." 

3 Seine Schrift de monarchia verherrlicht das Kaiserthum; und in 
seiner göttlichen Komödie verehrt er in dem Kaiser die Spitze der gött- 
lichen Weltordnung. Vgl. Wegele Dante's Leben und Werke. Jena 1852. 



32 



Erstes Buch. Der Statsbegritf. 



wieder zu beleben unternommen. Er vermied den Fehler «Ii- 
Mittelalters und sorgte voraus für eine starke, durchgreifende 
Centraigewalt; aber er bewahrte die wahren Fortschritte des 
Mittelalters nicht mit der nöthigen Sorgfalt. Er achtete die 
fremden Nationalitäten zu wenig, und trat insofern wieder auf 
die Bahn zurück, welche die Römer zuvor begangen hatten, 
wenn auch gemäszigter als sie vorschreitend. Er wollte 
Europa zu einem groszen völkerrechtlichen Gesammt- 
stat organisiren, welcher sich nach Einzelstaten gliedere. Das 
Kaiserthum sollte der französischen Nation angehören, und 
diese in der groszen Völkerfamilie die Stellung des Hauptes 
einnehmen. In einem Menschenalter hoffte er zu erreichen, 
wozu die Römer Jahrhunderte gebraucht hatten. Er ver- 
mochte aber seine Plane nicht durchzuführen. Zwar scheiterten 
dieselben dieszmal nicht an dem Widerstand der deutschen 
Nation. Obwohl dieselbe unwillig die französische Oberhoheit 
trug, schien sie sich doch, an dem alten eigenen Reiche ver- 
zweifelnd, und unzufrieden mit den vaterländischen Zuständen, 
der Napoleonischen Gestaltung zu fügen. Nur die beiden 
groszen deutschen Staten, das aufstrebende Preuszen und das 
Länder- und völkerreiche Oesterreich, jenes für seine Existenz 
besorgt, dieses sich selbst als kaiserlichen Stat fühlend, suchten 
in wiederholten Kriegen die französische Uebermacht zu be- 
kämpfen; aber auch sie wurden von dem überlegenen Stats- 
manne und Feldherrn besiegt. Aber über den Widerstand 
Englands, in dem ein groszes historisches Nationalgefühl mit 
germanischen Freiheitsideen sich verbunden hatte, wurde Napo- 
leon nicht Herr, und die noch halbbarbarischen Russen wichen 
besiegt in ihre Steppen zurück, aber unterwarfen sich nicht. 
Und die Franzosen hielten im Unglück nicht aus, als sich das 
verbundene Europa wider sie wandte. Der Napoleonische Ge- 
danke kam doch aus ähnlichen Gründen nicht zur Erfüllung, 
wie zuvor der römische. Die übrigen Völker fühlten sich 
bedroht von der Universalmonarchie, nicht gesichert und 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weltreich. 



33 



befriedigt von der neuen Weltregierung; und das französische 
Volk war nicht mächtig genug, jene sich dauernd unter- 
zuordnen. 

Inzwischen arbeitet die unbesiegbare Zeit selbst unablässig 
fort, die Völker einander näher zu bringen, und das allge- 
meine Bewusztsein der menschlichen Gemeinschaft zu wecken. 
Das ist aber die natürliche Vorbereitung einer gemeinsamen 
Weltordnung. Es ist nicht zufällig, dasz die modernen Ent- 
deckungen und die zahlreichen neuen Verbindungsmittel durch- 
weg diesem Ziele dienen, dasz die gesammte Wissenschaft der 
neueren Zeit diesem Impulse folgt und voraus der Menschheit 
— erst in untergeordneter Beziehung den einzelnen Nationen 
angehört, dasz eine Menge Hindernisse und Schranken, die 
zwischen den Völkern lagen, wegfallen. Heute schon verspürt 
die gesammte europäische Menschheit jede Störung, die einem 
einzelnen State widerfährt, als ein Uebel, an dem sie mitzu- 
leiden hat, und was an den äuszersten Grenzen des europäischen 
Körpers begegnet , findet sofort allgemeines Interesse auch in 
dem Innern desselben. Der europäische Geist wendet bereits 
seine Blicke auf den Erdkreis und die arische Kasse fühlt sich 
berufen, die Welt zu ordnen. 

Wir sind noch nicht so weit. Es fehlt aber gegenwärtig 
schon weniger an dem Willen und an der Macht als an der 
geistigen Reife. Die Glieder der europäischen Völkerfamilie 
kennen ihre Ueberlegenheit über die andern Völker gut genug, 
aber sie sind unter sich und über sich selbst noch nicht ins 
Klare gekommen. Ein endlicher Erfolg ist erst möglich , wenn 
das lichtende Wort der Erkenntnisz darüber und über das 
Wesen der Menschheit ausgesprochen sein wird, und die Völ- 
ker bereit sind, es zu hören. 

Bis dahin wird das Weltreich eine Idee sein, welcher 
Viele nachstreben, welche keiner zu erfüllen im Stande ist. 
Aber als Idee der Zukunft darf die Wissenschaft der allge- 
meinen Statslehre sie nicht übersehen. Erst in dem Welt- 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 3 



34 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



reiche wird der wahre menschliche Stat offenbar, in ihm 
auch das Völkerrecht seine Vollendung und in höherer 
Gestalt ein gesichertes Dasein finden. Zu dem Weltreich 
verhalten sich die E in zel s taten , wie sich die Völker zur 
Menschheit verhalten. Die Einzelstaten sind Glieder des 
Weltreiches und erlangen in ihm ihre Ergänzung und ihre 
volle Befriedigung, wie die Glieder im Körper. Das Welt- 
reich hat nicht die Aufgabe, die Einzelstaten aufzulösen und 
die Völker zu unterdrücken, sondern den Frieden jener und 
die Freiheit dieser besser zu schützen. 

Der höchste zur Zeit noch nicht realisirte Statsbegriff ist 
also: Der Stat ist die organisirte Menschheit, aber 
die Menschheit in ihrer männlichen Erscheinung, nicht in 
der weiblichen Gestaltung. Der Stat ist der Mann. 

Anmerkungen. 1. Einer der geistreichsten und wahrheitsliebend- 
sten Männer, der Waadtl ander Vinet (l'individualisme et le socialisme), 
erhob das Bedenken gegen die Idee des humanen States, dasz durch 
denselben alles menschliche Leben absorbirt, die individuelle Freiheit 
im Princip aufgehoben, und über die Gewissen der Einzelnen wie über 
die Wissenschaft eine ungebührliche weltliche Herrschaft geübt würde. 
Dieser Einwurf nöthigt in der That zu einer genauem Begrenzung 
jener Idee. 

Vorerst ist anzuerkennen, dasz der Stat nicht die einzige humane 
Gemeinschaft, nicht die einzige leibliche Darstellung der Menschheit ist. 
Die Kirche ist in ihrer irdisch - sichtbaren Erscheinung auch eine Ge- 
meinschaft, auch ein Leib der Menschheit. Damit ist aber zugleich an- 
erkannt, dasz die politische Herrschaft des States nicht das religiöse 
Leben der Menschen bestimmt, und dasz die Freiheit der Gewissen und 
der Glaube des Individuums nicht durch den Stat gefährdet wird. 

Sodann folgt aus der menschlichen Natur des States keineswegs, 
dasz der Stat eine vollkommene Herrschaft über das Individuum 
habe. In jedem einzelnen Menschen können wir vielmehr zwei Naturen 
unterscheiden, die individuelle und die gemei nsam- menschliche. 
Das Individuum mit seinem Leben gehört nicht ausschlieszlich, nicht 
ganz weder der Gemeinschaft mit andern Individuen noch der Erde an, 
somit auch nicht dem State , als einer irdischen Lebensgemeinschaft. Der 
Stat beruht auf der menschlichen Natur nicht insofern als sie sich in 
Millionen von Individuen mannichfaltig offenbart, sondern insofern als 
die gemeinsame Natur der Menschheit in Einem Wesen erscheint, 



Zweites Capitel. Die menschliche Statsidee. Das Weitreich. 



35 



und die Autorität des States erstreckt sich daher nicht weiter, als 
die Interessen der Gemeinschaft und das Nebeneinander- 
bestehen und Zusammenleben der Menschen es erfordern. Der 
Stat hat selbst, wenn er in das freie individuelle Gebiet miszbräuchlich 
übergreift, die Macht nicht, seine Herrschaft auch hier durchzusetzen-, 
denn den Geist des Individuums vermag er nicht zu fesseln, und die 
Seele des Individuums kann er nicht tödten. 

2. Neuestens hat sich auch Laurent gegen die Idee des Welt- 
stats erklärt (Histoire du droit des gens I. S. 39 f.). Seine Gründe sind 
folgende : 

a) Der Weltstat wäre Universalmonarchie und diese unverträg- 
lich mit der Souveränetät der Staten. 

b) Die Individuen als natürliche und die Völker als künstliche Per- 
sonen sind verschieden. Jene sind in sich mangelhaft und werden von 
bösen Leidenschaften bewegt, diese sind vollkommene und moralische 
Wesen. Das Nebeneinanderbestehen jener erfordert daher die fort- 
dauernde Wirksamkeit der Statsgewalt, das Nebeneinander dieser nicht 
oder nur ausnahmsweise. 

c) Das Individuum ist schwach und musz sich der Statsgewalt unter- 
werfen; die Staten aber sind stark und werden sich daher nicht unter 
eine höhere Gewalt beugen lassen. 

d) Wäre der Weltstaat so mächtig, um auch die Staten wider ihren 
Willen zu beugen, so würde diese üebermacht das Recht und die Frei- 
heit unterdrücken, denn wo Widerstand unmöglich ist, da kann die 
Freiheit nicht bestehen. 

e) Der Volksstat ist nöthig für die Entwicklung der Individuen, aber 
er genügt auch dafür. Die Förderung der Individuen bedarf des Welt- 
states nicht, und tür die Entwicklung der Nationen wäre er gefährlich. 

Auch diese Gründe meines verehrten Freundes h^ben mich nicht 
überzeugt. Dagegen ist zu erinnern: 

Zu a) Man kann sich das Weltreich mit monarchischer Spitze 
(Kaiserthum), aber auch in republikanischer Form denken, sei es als 
Directorium (ich erinnere an die europäische Pentarchie) oder als 
Conföde ratio n oder Union sämmtlicher Staten. Keinenfalls aber 
braucht man sich eine absolute Macht der Weltregierung zu denken ; und 
der Fortbestand der Volksstaten macht geradezu eine Ausscheidung der 
Competenzen zwischen ihnen und dem Weltreich nothwendig. Es ist 
kein Grund den Bereich des letztern über die gemeinsamen Welt- 
angelegenheiten hinaus auszudehnen, wie insbesondere die Erhaltung 
des Weltfriedens und den Schutz des Weltverkehrs, überhaupt des Ge- 
bietes, das wir heute Völkerrecht heiszen. Die Form des Bundes- 
stat es oder des Bundesreiches, in welchem für die gemeinsamen 
Bundesangelegenheiten eine gemeinsame Gesetzgebung, Regierung, Rechts- 
pflege besteht, und für die besonderen Landesangelegenheiten ebenso 



oG 



Erstes Buch. Der Statsbegritf". 



die Souveranetät der Einzelstaten anerkannt bleibt, kann hier als Vor- 
bild dienen. 

Zu b) Die Völker haben ihre Mängel und ihre Leidenschaften ähn- 
lich den Individuen, und gäbe es kein Völkerrecht, so würden die 
schwachen und hülflosen Völker die bequeme Beute der starken und 
herrschsüchtigen Völker. Derselbe Grund, auf dem das Völkerrecht ruht, 
ist auch die Grundlage des Weltreichs. 

Zu c) Die Stärke der Volksstaten — auch dem Weltreich gegen- 
über — ist die beste Garantie dafür, dasz jene nicht durch dieses unter- 
drückt weiden; aber so stark ist auch der gröszte Volksstat nicht, um 
für sich allein, wenn er im Unrecht ist, den Kampf mit der Welt auf- 
zunehmen. Nur wenn Gruppen von Staten oder Parteien einander feind- 
lich entgegen treten, wird dann noch ein Krieg möglich sein. In aller: 
andern Fällen wird sich derselbe in Execution der W elt recht 
pflege verwandeln. Da wir durch die beszte Statseinrichtung doch nicht 
völlig gegen den Bürgerkrieg gesichert sind, so werden wir auch zu- 
frieden sein müssen, wenn die stärkere Ordnung des Völkerrechts den 
Statenkrieg seltener macht. Die Vervollkommnung des Rechtes nähert 
sich im beszten Falle dem Ideal; sie erreicht es nie. 

Zu d) Das Weltreich ist im Verhältnisz zu den Volksstaten unter 
allen Umständen weniger übermächtig, als der Volksstat im Verhältnisz 
zu den Bürgern; dennoch wird die Freiheit der Bürger nicht bedroht, 
sondern geschützt durch die Statsordnung. 

Zu e) Nicht alle individuellen Bedürfnisse werden durch den Stat 
befriedigt; es gibt auch kosmopolitische Interessen, sowohl geistige 
als materielle (Weltwissenschaft, Weltlitteratur, Weltkunst, Welthandel), 
die eine volle Befriedigung nur in dem Weltreich finden können; wie 
wenig aber heute noch die Rechte ganzer Völker gesichert sind, beweiszt 
die europäische und amerikanische Völkergeschichte. 

Laurent gründet das Völkerrecht auf die Einheit des Menschen- 
geschlechts, und ein anderer Grund ist nirgends zu finden. Aber 
wenn er diese Einheit nur als eine innere erkennt, so fordern meines 
Erachtens Logik und Psychologie zugleich, dasz die innere Kraft sich 
auch äuszerlich darstelle. Wenn die Menschheit innerlich Ein Wesen 
ist, so musz sie sich auch in ihrer vollen Entwicklung als Eine Person 
offenbaren. Die Organisation der Menschheit aber ist der Weltstat. 

Ich weisz, dasz die Meisten der Mitlebenden diese Idee für einen 
Traum halten; aber das darf mich nicht abhalten, meine Ueberzeugung 
auszusprechen und zu begründen. Die späteren Geschlechter, vielleicht 
erst nach Jahrhunderten, werden über die Streitfrage endgültig ent- 
scheiden. 



Drittes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. I. Die antike Welt. 37 

Drittes Capitel. 

Entwicklungsgeschichte der Statsidee. 
I. Die antike Welt. 

A. Die hellenische Statsidee. 

Die eigentliche Statswissenschaft beginnt zuerst unter den 
Hellenen. In Hellas gelangte das menschliche Selbstbewuszt- 
sein zuerst wie zu künstlerischer und philosophischer, so auch 
zu politischer Entfaltung. 

So klein das Gebiet der hellenischen Staten und so be- 
schränkt ihre Macht noch war, so breit und umfassend war 
die Grundlage , auf der sich der hellenische Statsgedanke 
erhob, und so hoch und edel ist die Statsidee, welche die 
griechischen Denker aussprechen. Sie gründen den Stat auf 
die Menschen na tur, und sind der Meinung, nur im State 
könne der Mensch seine Vollkommenheit erreichen und die 
wahre Befriedigung finden. Der Stat ist ihnen die sittliche 
Weltordnung, in welcher die Menschennatur ihre Bestim- 
mung erfüllt. 

Pia ton (Rep. V.) spricht das grosze Wort aus: „Je mehr 
sich der Stat in seiner Organisation dem Menschen nähert, 
desto besser ist es. Leidet ein Theil des Statskörpers , oder 
befindet er sich wohl, so wird der ganze Staatskörper diese 
Empfindung als die seinige ansehen, und mitleiden oder sich 
dessen erfreuen.'' Er hat somit die organische und zwar die 
menschlich-organische Natur des States bereits erkannt, obwohl 
diesen fruchtbaren Gedanken noch nicht in seinen Consequenzen 
verfolgt. 

Der Stat ist nach Piaton die höchste Offenbarung der 
menschlichen Tugend, die harmonische Darstellung der 
menschlichen Seelenkräfte, die vollkommene Menschheit. 
Wie die Seele des Menschen aus bewuszter Geisteskraft 



38 



Erstes Buch. Der Statsbegritt. 



(Vernunft), männlichem Muthe und sinnlichen Begierden be- 
steht, und wie Intelligenz und Muth die Begierde zu beherr- 
schen bestimmt sind, so sollen in dem Platonischen Stats- 
ideal die Weisen herrschen, die tapfern Krieger die Ge- 
meinschaft schützen und sind die mit ' dem äuszern Erwerb 
und der leiblichen Arbeit beschäftigten Classen den beiden 
höheren Ständen unterthänig. In dem Staatskörper soll die 
Gerechtigkeit alle Verhältnisse ihrer Natur nach ordnen. 

Aristoteles, für dessen Statslehre unsere Bewunderung 
steigt, je näher wir die Arbeiten seiner Nachfolger betrachten, 
läszt sich weniger als Piaton von der Phantasie leiten . prüft 
vorsichtiger die realen Grundlagen und erkennt schärfer die 
Bedürfnisse des Menschen. Während Platon die regierenden 
Classen der Weisen und der Wächter, damit sie ganz und 
gar dem State leben, von der Familie ablöst, und für sie 
Weiber- und Gütergemeinschaft fordert, will Aristoteles im 
Gegentheil die groszen Institutionen der Ehe. der Familie 
und des Privateigenthums erhalten. Er erklärt den Stat als 
die Gemeinschaft von Geschlechtern und Ortschaften (Volk 
und Land) zu einem vollkommenen und in sich befriedigen- 
den Leben. 1 Er nennt auch den Menschen ein ..von Natur 
politisches Wesen,- und betrachtet den Stat als Product der 
menschlichen Natur. Der Stat, sagt er. zunächst zur Sicher- 
heit des gemeinsamen Lebens gegründet, wird im Verfolg 
zur Wohlfahrt des gemeinen Lebens. 2 

Es begegnen sich und mischen sich in dieser Stastidee 
alle gemeinsamen Bestrebungen der Hellenen in Religion und 
in Recht, in Sitte und Geselligkeit, in Kunst und Wissen- 
schaft, in Eigenthum und Wirthschaft , in Handel und Hand- 
werk. Nur im Stat wird der einzelne Mensch als ein Rechts- 



1 Aristot. Polit. III. 5., 14. n6h; Sä r 
releiag y.ai airdpy.oi;." Vgl. III. 1. 8. 

2 Aristot. Polit. I. 1., 8. 9. r aolig 
evey.€V y oiVa ($£ rov ev yjfv. 





Drittes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. I. Die antike Welt. 39 



wesen anerkannt, ohne die Hülfe des Stats findet er weder 
Sicherheit noch Freiheit, Der Barbare ist ein natürlicher 
Feind, und die unterworfenen Feinde werden Sclaven, die aus- 
geschlossen sind von der Statsgemeinschaft und deszhalb ver- 
stoszen sind in einen herabgewürdigten, nicht mehr menschen- 
würdigen Zustand. 

Der hellenische Stat, wie der antike überhaupt, ist über- 
mächtig, weil er als allmächtig gilt. Er ist Alles in Allem : 
der Bürger ist nur Etwas, weil er ein Glied des States ist, 
Seine ganze Existenz ist vom Stat abhängig, dem Stat unter- 
than. Wenn die Athener auch die Geistesfreiheit besaszen 
und übten , so war das nur , weil der Athenische Stat die Frei- 
heit überhaupt hoch schätzte, nicht weil er die Menschenrechte 
anerkannte. Derselbe freieste Stat liesz Sokrates hinrichten, 
und glaubte dabei sein Recht zu üben. Die Selbständigkeit 
der Familie, die elterliche Erziehung, sogar die eheliche Treue 
sind in keiner Weise sicher vor den Uebergriffen des Stats; 
noch weniger ist es natürlich das Privatvermögen der Bürger. 
In alle Dinge mischt sich der Stat, er weisz von keinen sitt- 
lichen und von keinen rechtlichen Schranken seiner Macht. 
Er verfügt über die Körper und sogar über die Talente seiner 
Bürger. Er nöthigt zu den Aemtern wie zum Kriegsdienst. 
Das Individuum soll erst im State unter- und aufgehen , dann 
erst kann es durch den Stat wieder zu freiem und edlem 
Leben gewissermaszen neu geboren werden. Die absolute Ge- 
walt des States wird abgesehen von der Macht der alten Sitte 
fast nur dadurch gemäszigt, theils dasz die Bürger selbst 
einen Antheil an ihrer Ausübung haben, und aus Besorgnisz, 
die Despotie des Demos könnte auch ihnen schädlich werden, 
die äuszersten Consequenzen des statlichen Communismus ver- 
meiden , theils dasz in den kleinen Verhältnissen die Leiden- 
schaften nur geringe Mittel finden, über die sie verfügen 
können, und genöthigt sind, auch die Nachbarn zu berücksich- 
tigen. Die hellenischen Staten sind doch nur aus Bruch- 



40 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



stücken der hellenischen Nation, aus Stämmen und Stammes- 
theilen gebildet. Sie erheben sich nur wenig über blosze 
Stadtgemeinden. Die hohe Idee gewinnt daher nur eine 
niedere Gestalt; obwohl auf die Menschheit bezogen, kann sie 
nur in dem engen Umkreis eines Gebirgsthals oder eines 
Küstensaumes zu kindlicher Erscheinung gelangen. 

Die Ueberspannung der Statsidee zur Allmacht und die 
Ohnmacht in der Gestaltung der wirklichen Staten sind also 
dicht beisammen; es sind das die beiden Hauptmängel des 
im übrigen höchst würdigen und in anderer Hinsicht mensch- 
lich-wahren und fruchtbaren hellenischen Statsbegriffs. 

B. Die römische Statsidee. 

Die Römer waren das genialste Hechts- und Stats- 
volk des classischen Alterthums; und sie waren das mehr noch 
durch ihren Charakter als ihren Geist Sie übten daher auch 
eine gröszere Wirkung auf die Welt aus als die Hellenen. 

Zunächst freilich ist die römische Statsidee mit der grie- 
chischen nahe verwandt. Cicero hat in seinen Werken über 
den Stat beständig die Athenischen Vorbilder vor Augen ; und 
wenn die römischen Juristen das Recht und den Stat im All- 
gemeinen erklären, so folgen sie den griechischen Philo- 
sophen, vorzüglich den Stoikern nach. 

So erklärt Cicero den Stat für die höchste Schöpfung der 
menschlichen Kraft (virtus) und erhebt es preisend, „dasz in 
Nichts mehr der Mensch sich dem Willen der Götter nähere, 
als in der Begründung und Erhaltung der Staten." 3 Auch 
er vergleicht gelegentlich den Stat mit dem Menschen und 
das Statshaupt mit dem Geiste, der den Leib beherrsche. 4 

3 Cicero de Rep. 1. 7.: „Neque est ulla res, in qua propius ad Deo- 
riira mimen virtus accedat humana, quam civitates aut condere novas 
aut conservare jam conditas." 

4 Cicero de Rep. III. 25.: „Sic regum, sie imperatorum, sie magi- 
stratuum, sie patrum, sie populorum imperia eivibus soeiisque praesunt, 
ut corporibus animus." 



Drittes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. I. Die antike Welt. 41 



Aber in einigen wesentlichen Beziehungen unterscheidet 
sich doch der römische Statsbegriff von der hellenischen Idee : 

1) Indem die Römer zuerst das Recht von der Moral 
ausscheiden und in bestimmter Form darstellen, prägen sie 
die Rechtsnatur des States viel entschiedener aus. Sie be- 
schränken dadurch den Stat und sie befestigen und bekräftigen 
ihn. Er ist ihnen nicht mehr die gesammte ethische Welt- 
ordnung, sondern zunächst die gemeinsame Rechtsord- 
nung. Die Römer überlassen sehr Vieles der freien Sitte, der 
Religiosität der Menschen. Die römische Familie ist freier 
dem State gegenüber ; das Privatvermögen und das Privatrecht 
überhaupt wird besser geschützt, auch gegen die Willkür der 
öffentlichen Gewalten. Zwar ist auch ihnen das Statswohl das 
oberste Gesetz. Vom State aus ordnen sie auch die Götter- 
verehrung. Niemand kann dem State widerstehen , wenn dieser 
seinen Willen ausspricht. Aber der römische Stat beschränkt 
sich selber; er bestimmt selber die Grenzen seines Macht- 
bereichs und seiner Einwirkung. 

2) Ferner erkennen die Römer den V o 1 k s b e g r i f f und 
bringen die Statsverfassung in einen organischen Zusammen- 
hang mit dem Volk. Sie erklärten den Stat als „die Gestal- 
tung des Volks 44 und bezeichnen den Willen des Volks als die 
Quelle alles Rechts. 5 Der römische Stat ist doch nicht eine 
blosze Gemeinde, er erhebt sich zum Volksstat (res publica). 

3) Der Römerstat ist überdem darauf angelegt, sich zum 
Welt stat zu erweitern. Durch die ganze römische Ge- 
schichte geht dieser Zug zur Weltherrschaft; an den natio- 
nalen Kern des jus civile schlosz sich die menschlichere 

5 Cicero de Rep. I. 25.: „Est igitur, inquit (Scipio) Africanus, res 
publica res populi; populus autem non omnis hominum coetus quoquo 
modo congregatus, sed coetus multitudinis juris consensu et utüitatis 
communionc sociatus." I. 26. : „Civitas est constitutio populi." Gajus 
Inst. I. §. 1.: „Nam quod quisque populus ipse sibi jus constituit, id 
ipsius proprium civitatis est, vocaturque jus civile." 



42 



Krstes Buch. Der Statsbegriff. 



Bildung des jus gentium an. Die ewige Stadt , die [Jrbs wurde 
zur Hauptstadt des Orbis, das imperium der römischen Magi- 
strate zum imperium mundi, der römische Senat zum Senat 
aller Nationen und ihrer Könige. In der Majestät des Kaiser- 
thums gipfelte die Majestät des römischen Volks. Die Ge- 
schichte Horns wurde nach dem stolzen Ausdrucke von Florus 
zur Geschichte der Menschheit. Dieses Streben gab der 
römischen Staatsidee einen kühnen Schwung, dem die grie- 
chischen Staten nicht zu folgen vermochten, und eine Grösze, 
vor der sich diese beugen muszten. Es war das nicht ein 
eitles Spiel der Phantasie, sondern eine leibhafte Wirklichkeit, 
welche die antike Welt beherrschte, gegen die im Occident 
nur noch die Germanen, im Orient die Perser anzukämpfen, 
den Muth und die Kraft hatten. 



Viertes Capitel. 

II. Das Mittelalter. 

Die beiden neuen Mächte, welche den römischen Weltstat 
theils umgebildet, theils zerstört haben, sind das Christen- 
t Ii u in und die Germanen. 

A. Das Christen thum. 

Im Widerspruch mit der Autorität sowohl des jüdischen 
States als des römischen Kaiserreichs breitete die christliche 
Keligion ihre Macht über die Gemüther aus. Ihr S tifter war 
kein Fürst dieser W T elt. Der alte Stat verfolgte ihn und seine 
Jünger bis zum Tode. Die ersten Christen waren,, wenn nicht 
geradezu statsfeindlich gesinnt , doch für andere Dinge als für 
die Statsordnung und die Statsinteressen begeistert. Als die 
christliche Welt ihren Frieden schlosz mit dem antiken helle- 
nisch-römischen Stat, war doch bereits die religiöse Gemein- 
schaft als Kirche ihrer geistigen Eigenthümlichkeit bewuszt, 



Viertes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. II. Das Mittelalter. 43 



sie fühlte sich nicht als eine blosze Statsanstalt. Die antike 
Statsidee muszte sich gefallen lassen, dasz das ganze religiöse 
Gemeinleben zwar nicht ganz der statlichen Sorge und dem 
statlichen Einflusz entzogen, aber wesentlich von dem State 
unabhängig erklärt werde. Die Zweiheit von Stat und Kirche, 
die nun sichtbar im Groszen hervortrat, ward zu einer wesent- 
lichen Beschränkung des Stats. Der Stat war nur noch die 
Gemeinschaft des Rechts und der Politik, nicht mehr zu- 
gleich die Gemeinschaft der Religion und des 
Cult u s. 

Als im Verfolg die Kirche in dem Papste ein sichtbares 
von dem Kaiser unabhängig gewordenes Haupt und in Rom 
ihre Hauptstadt erhalten hatte, erneuerte sie den alt-römischen 
Gedanken der Weltherrschaft in geistlicher Gestalt, Wenn es 
ihr selbst auf der Höhe ihres mittelalterlichen Ansehens nicht 
gelang, den Stat zu einer bloszen Kirchenanstalt zu ernie- 
drigen und das Eine römisch - geistliche Weltreich aufzurich- 
ten, so wurde doch die Statsidee auf lange Zeit durch ihre 
glänzendere Erscheinung weit überstrahlt. Sie konnte sich 
selber mit der Sonne, und den Stat mit dem Monde ver- 
gleichen; hinter dem „geistigen" Reiche muszte das „leib- 
liche" bescheiden zurückstehen. 1 Aber die Zweiheit von Stat 
und Kirche blieb anerkannt, und damit war in der Haupt- 
sache die Selbständigkeit des Stats gerettet. Auch das Schwert 
des Kaisers wird, wie das des Papstes von Gott abgeleitet, 
als dem höchsten und wahren Herrn der Welt. 2 

So weit die kirchliche Lehre einwirkte, war freilich nun 
die Statsidee wieder, wie früher im Orient, religiös begründet, 
die Statsgewalt war ein Gotteslehen, aber gleichzeitig ward 

1 Darüber mehr im zweiten Tlieil. 

2 Hincmari de Ordine Palatii 5: „Duo sunt, quibus principaliter — 
mundus liic regitur: auetoritas sacra Pontificum et Regalis potestas." — 
Sachsensp. I. 1.: „Tvei svert lit got in ertrike to bescermene de kristen- 
heit. Derne pavese is gesät dat geistlike, deine kaisere dat wertlike." 



44 



Erstes Bach. Der Statsbegrift'. 



die geistige Bedeutung des Stats übersehen und verkannt, 
und da alles Geistesleben von der Kirche geleitet werden 
sollte, der blosz leiblich geachtete Stat in eine untergeordnete 
Stellung nieder gedrückt. Der Trost gegen diese Uebel, wel- 
cher in der Erhebung der Statsidee über die enge Nationalität 
lag, war doch unzureichend. Weniger die Menschheit, als die 
Christenheit sollte er in äuszerlichen Dingen ordnen und 
leiten. Das römische Reich ward so gut es ging, in mittel- 
alterlichen Formen erneuert, aber die angesehenere Darstellung 
desselben war die römische Kirche, die mindere das heilige 
römische Reich deutscher Nation. 
B. Die Germanen. 

Das alt -römische Weltreich konnte sich auf die Dauer 
nicht mehr behaupten gegen die germanischen Völker. Bald 
mit Gewalt entrissen diese kriegerischen Völkerschaften eine 
Provinz nach der andern der römischen Herrschaft, bald wur- 
den die germanischen Fürsten mit ihren Volksheeren von den 
romanischen Provincialen oder den Kaisern selber zum Schutz 
herbeigerufen und übernahmen dann in friedlicher Weise die 
Landeshoheit. Während des Mittelalters herrschten überall in 
dem Abendlande die Germanen. Sie kamen unter die christ- 
liche Erziehung der römischen Kirche und geriethen unter 
den nachwirkenden Einfluss der römischen Cultur. Aber sie 
behaupteten sich auf den Thronen der Fürsten und in den 
Burgen der Aristokratie. Das Scepter und das Schwert waren 
vornehmlich in ihren Händen. 

Die Germanen sind nicht in dem eminenten Sinne eine 
statliche Nation, wie die Römer. Nur widerwillig ordnen sie 
sich dem groszen Ganzen unter. Ihr starkes, trotziges und 
eigenwilliges Selbstgefühl tritt dem Gesammtbewusztsein hin- 
dernd in den Weg und lähmt dessen Macht. Sie bedurften 
daher erst der romanischen Erziehung für den Stat. Aber trotz 
alledem hat die weltgeschichtliche Entwicklung des States 
ihnen sehr viel zu verdanken. Die Germanen voraus haben 



Viertes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. II. Das Mittelalter. 45 



den Absolutismus des Römerstates gebrochen und sie haben 
die spätere Statenbildung mit dem Geiste der persönlichen, 
genossenschaftlichen und ständischen Freiheit er- 
füllt. Montesquieu hat ein wahres Wort gesprochen, dasz in 
den deutschen Wäldern unter den alten noch uncivilisirten 
Germanen die Keime der spätem parlamentarischen Verfassung 
zu finden seien. In den uralten Formen des Zusammenwirkens 
der germanischen Volkskönige, mit den Gaufürsten und den 
andern Häuptlingen einerseits , und mit der groszen Gemeinde 
der freien Männer andrerseits, wie Tacitus uns das schildert, 
erkennen wir deutlich die noch rohen Anfänge des freien Re- 
präsentativstates , den die spätem Jahrhunderte hervorgebracht 
haben. 

Der Germane leitet das Recht nicht ab, wenigstens zu- 
nächst nicht ab von dem Willen des Volks. Er nimmt für 
sich ein angeborenes Recht in Anspruch, welches der Stat 
wohl zu schützen berufen ist, aber nicht schafft, und er ver- 
ficht sein natürliches Recht wider alle Welt, selbst gegen die 
Obrigkeit. Den antiken Gedanken, dasz der Stat Alles in 
Allem sei , verwirft er mit Eifer. Das ganze Verhältniss wird 
umgedreht. Dem Germanen ist die individuelle Freiheit 
das Höchste ; dann erst hintendrein läszt er sich herbei , einen 
Theil derselben dem State zu opfern, um das Uebrige desto 
sicherer zu wahren. 

Eine nothwendige Folge dieses Charakters ist es, dasz die 
germanische Statsidee viel entschiedener als die römische die 
Selbständigkeit des Privatrechts achten musz. Die 
Freiheit der Person, der Familie, der genossenschaftlichen Ver- 
bände ist damit gesicherter und ausgedehnter als in dem alten 
Römerreich. Das Statsrecht musz sich die Beschränkung auch 
durch das Privatrecht gefallen lassen. 

Eine zweite öffentlich-rechtliche Folge ist, dasz die ger- 
manischen Völker überhaupt keine absolute Statsgewalt 
auch nicht in den gemeinsamen Angelegenheiten kennen und 



46 



Erstes Buch. Der Statsbegrift'. 



dulden. Der römische Begriff des Imperium ist ihnen fremd. 
Sie wollen mitrathen und mitstimmen, wenn sie gehorchen 
sollen. Ihre Stände sind eine politische Macht, mit welcher 
die Königsmacht sich vereinbaren musz, um Gesetze zu geben. 
Der Gedanke des Stats als einer Gesammtperson liegt ihnen 
noch fern und ist ihnen meist unverständlich. Sie lösen den 
Stat eher auf in leibhafte Personen oder Gruppen von Personen ; 
sie begreifen ihn zunächst in dem Könige oder andern Fürsten, 
welche das Gericht und die Volksversammlung leiten, in den 
Vorständen der Gaue und Zenten , in der Volksgemeinde. Je 
durch die einen Personen werden die andern theils verstärkt, 
theils beschränkt. So wird die ganze Einrichtung des Gemein- 
wesens auch in ihren Theilen von dem Geiste der Freiheit 
erfüllt. Die Einheit ist verhältniszmäszig schwach, aber die 
relative Selbständigkeit der Glieder stark. 

Diese Aenderungen der Statsidee, in denen wir erhebliche 
Fortschritte erkennen, zeigten sich übrigens mehr in der Praxis 
als in der Theorie. Eine germanische Statslehre gab es über- 
haupt nicht. Die Wissenschaft ward im Mittelalter zuerst von 
der Kirche beherrscht, später durch die Ueberlieferung der 
römischen Jurisprudenz und der griechischen Philosophie be- 
stimmt. Schon in den alten Volksgesetzen linden sich der- 
artige Reminiscenzen. In dem westgothischen Gesetze z. B. 
wird nach dem Vorbild der classischen Literatur der Stats- 
körper mit dem Menschen, der König mit dem Haupt, das 
Volk mit den Gliedern des Leibes verglichen. 3 Aber das war 
nur ein erborgter Schmuck der Rede, ohne tiefere Bedeutung. 
Der mittelalterliche Stat war damit gar nicht bezeichnet. 

3 Lex Wisigothor. II. 1. i. ..Bene Deus conditor rerum disponens 
humani corporis forma m . in sublime caput erexit, atque ex illo cimetas 
membrorum tibras exoriri decrevit. Hinc est et peritorum medicorum 
praecipua cura, ut ante eapiti quam membris incipiant adhibere medelam. 
Sieque in Statu et negotiis plebium ordinatio dirigenda, ut dum salus 
eompetens prospieitur Regum, fida valentibus teneatur salvatio populorum." 



Viertes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. IL Das Mittelalter. 47 



In einigen andern Beziehungen hatte die Statsidee auch 
Rückschritte gemacht, und nicht blosz, weil der kirchliche 
Glaube sie entwürdigte. 

Man konnte auch den mittelalterlichen Stat einen Rechts- 
stat nennen; aber in einem andern als in dem Sinne der 
Römer. Er war nicht die reine Ordnung des öffentlichen 
Rechts. Vielmehr wurden alle seine Institutionen mit privat- 
rechtlichen Elementen versetzt und gemischt. Wie ein 
Familiengut, wie ein Stammeseigenthum , wurde die Landes- 
herrschaft betrachtet, und die öffentlichen Pflichten wurden wie 
Reallasten behandelt, Das ganze Lehensrecht und alle Er- 
scheinungen des Patrimonialstates leiden an dieser Mi- 
schung. Das Statsrecht der Römer war nur eine Grundlage, 
von der aus die öffentliche Wohlfahrt erstrebt wurde. Das 
mittelalterliche Recht schien auch das wesentliche Ziel des 
mittelalterlichen States zu sein. Die Volkswohlfahrt wurde 
darob vernachlässigt. 

Der Gedanke des Volksstats war nicht mehr lebendig. 
Die Spaltung und Zerbröckelung der Volks- und Statseinheit 
durch das Lehenswesen , durch den Gegensatz der Territorien, 
der Stände, der Dynastien hatte ihn zerstört, und was endlich 
von dem alten römischen Weltstat noch übrig geblieben war, 
das war mehr eine ideale v ölk er recht liehe als eine stats- 
rechtliche Verbindung der abendländischen Christenländer, 
welche mehr noch durch die Autorität des Papstes und den 
römischen Klerus als durch das Kaiserthum zusammengehalten 
wurden. 

Im Groszen und Ganzen waren die Saaten zu einer freieren 
und richtigeren Statsentwicklung ausgestreut worden , aber die 
Staatsidee selbst hatte im Mittelalter viel von der römischen 
Klarheit und Energie verloren. 

C. Der Einflusz der Renaissance. 

Auch während des Mittelalters war die Erinnerung 
an den antiken Stat nie völlig erloschen. Rom war die 



48 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



geistige Hauptstadt der Abendländer geblieben. Das alte, 
römische Weltreich freilich war vor den Germanen in Stücke 
geschlagen worden, aber die Germanen, welche aus den rö- 
mischen Provinzen selbständige Königreiche geschaffen hatten, 
erhielten ihre Bildung und voraus ihre Religion doch wieder 
von Rom und an die Stelle der untergegangenen Ilömerstadt 
trat nun die römische Kirche als herrschende Weltmacht 
des Mittelalters, der sich auch die gläubigen Germanen unter- 
warfen. In den Institutionen, in der Methode, in den Sitten, 
im Recht und in der Sprache der römischen Kirche war 
Vieles, ja das Meiste aus dem antiken römischen State über- 
liefert. Das alte Kaiserreich hatte sich in das neuere Papst- 
reich , der Weltstat in die Weltkirche umgewandelt, um in 
dieser Form die Völker leichter zu beherrschen. Hatte der 
alt-römische Kaiser durch seine Statthalter und Beamten mit 
Hülfe des römischen Rechts und im Namen des römischen 
Volks und Stats seine Herrschaft geübt und derselben mit 
seinen Legionen Nachdruck gegeben, so verehrte man nun den 
römischen Papst im Namen Gottes und der Kirche durch 
die Bischöfe und mit Hülfe des kanonischen Rechts und der 
Kirchenzueht und gab seinen Decreten Nachdruck durch die 
zahlreichen Mönchsorden, welche den Widerstand besiegten. 

Daneben aber erhielt sich die Erinnerung an das alte 
Kaiserthum. Wir wissen nun, wie grundverschieden das 
römische Kaiserthum, welches seit Karl dem Groszen die 
Könige der Franken und seit Otto dem Groszen die deut- 
schen Könige erneuert und sich zugeeignet hatten, von dem 
antiken römischen Kaiserthum war, dessen Sitze Rom und 
Konstantinopel gewesen waren. Aber das ganze Mittelalter 
glaubte, dasz jenes nur die Fortsetzung dieses und der frän- 
kisch-römische Kaiser oder der römische Kaiser deutscher 
Nation der rechtmäszige Nachfolger der Claudier, der Antonine 
und der Konstantine sei. Und jedenfalls bedeutete die er- 
neuerte Würde der Kaiser eine Erinnerung an das antike 



Viertes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee. II. Das Mittelalter. 49 



Römerreich und eine ideale Verbindung der mittelalterlichen 
Ideen und Institutionen mit der antiken Welt. 

Dazu kam nun die Wiederfindung des altrömischen kai- 
serlichen Gesetzbuchs , des C o r p u s J u r i s R o m a n i , welches 
seit dem XII. Jahrhundert auf den italienischen Universitäten 
ausgelegt und wie eine Offenbarung des universellen Men- 
schenrechts verehrt wurde. Von Italien her breitete sich 
diese Autorität erobernd aus über ganz Westeuropa, schon 
seit dem XIII. Jahrhundert in Frankreich und mit gröszerem 
Erfolge noch seit dem XV. Jahrhundert in Deutschland. 
Allerdings hatten die gelehrten Juristen dabei eher das 
Privatrecht und etwa noch das Strafrecht vor Augen, als das 
Statsrecht. Aber manche Grundansichten vom State, seiner 
Gesetzgebung, der souveränen Statsgewalt, welche von den 
Römern ausgesprochen waren , wurden doch auf diesem Wege 
vermittelt und gingen in den Vorstellungskreis der Studirten 
über. 

Auch Erinnerungen an die alte römische Republik 
und ihre Herrlichkeit tauchten zuweilen auf und begeisterten 
die Bürger der Städte in dem Streben, neue Städterepubliken 
zu gründen. Schon der Name der städtischen Rathsherren 
in Italien und in Deutschland ist eine freilich unklare Erin- 
nerung an die Consuln der römischen Republik. Zweimal 
unternahm es die Bürgerschaft von Rom im Mittelalter in 
romantischer Begeisterung die längst verstorbene Römerrepu- 
blik wieder aufzuerwecken und neuerdings ins Leben zu 
rufen; das einemal unter der Führung von Arnold von 
Brescia im XII. Jahrhundert, das anderemal unter dem 
Tribunen Cola Rienzi im XIV. Jahrhundert. Beide Ver- 
suche freilich scheiterten an der politischen Unfähigkeit der 
mittelalterlichen Römer, aber beide zeugen für die Macht 
der antiken Ueberlieferung. 

Sogar die griechische Statslehre war dem romanischen 
Mittelalter nicht völlig unbekannt, Die Politik des Ar ist o- 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 4 



50 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



teles wurde in manchen Klosterschulen beachtet. Sogar 
der gepriesenste Doktor der Theologie, Thomas von Aquino, 
interpretirte das berühmte Werk des hellenischen Philosophen. 

Aber trotz alledem war die Rechtsbildung und ganz be- 
sonders die Staatsordnung des Mittelalters grundverschieden 
von dem antiken Recht und Stat. Der germanische Grund- 
charakter in den Institutionen und die kirchlich-theologischen 
Principien in den Ideen waren durchaus vorherrschend. 

Erst in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts er- 
wachte das Andenken an die klassische Periode wieder leb- 
hafter und der klassische Geist der Griechen und der Römer 
feierte seine Wiedergeburt (renaissance). Die Kunstwerke der 
Alten wirken nun befreiend und verschönernd auf die italieni- 
schen Künstler, in der Architektur, der Plastik, der Malerei 
und in der Poesie. Die Gedanken der antiken Wissenschaft 
kommen wieder zu Ehren und durchbrechen die klösterlich- 
theologischen Gehäge der mittelalterlichen Scholastik. Der 
Humanismus erhebt sich über die kirchliche Weltscheu und 
eine hellere freudigere Weltanschauung findet an den Höfen 
und in den Städten vielfältigen Beifall. Wie fast zweitausend 
Jahre früher die Sophisten die Lehrer wurden der griechi- 
schen Zöglinge aus angesehenen Familien, so werden nun 
die Humanisten die bevorzugten Lehrer der aufstrebenden 
Jugend in Italien, Frankreich und Deutschland. Die Gebil- 
deten lassen sich nicht mehr durch den Vorwurf zurück- 
schrecken, dasz sie wieder aus Christen zu Heiden werden. 
Die Päpste selber gehen dieser Bewegung der Geister mit 
leuchtendem Vorbilde voran : N i c o 1 au s V. (1447 — 1455 ), 
Pius IL (Aeneas Sylvins 1458—1464), Julius II. (1503 
bis 1514), Leo X. (1513 — 1521) beschützen und fördern die 
freiere Kunstrichtung der Renaissance. Die fürstlichen Me- 
dici. voran Cosmo (1428—1464) und Lorenzo (1472—1492) 
erheben das schöne Florenz zu einem neuen italienischen 
Athen. 



Viertes Capitel. Entwicklungsgeschichte der Statsidee II. Das Mittelalter. 51 



Auch der antike Statsbegriff und die antike Statslehre 
erleben eine theilweise Erneuerung und wirken auf die öffent- 
lichen Zustände ein. 

Der Einflusz derselben zeigt sich vornehmlich in folgen- 
den Wirkungen. Einzelne kühnere Denker wagen es wieder, 
die Entstehung der Staten und das Wesen der statlichen 
Obrigkeit in weltlichem Geiste aus menschlichen Erwägungen 
zu begründen und zu erklären und daher der theokratischen 
Denkweise entgegen zu treten. 

Sodann : der Gedanke einer bewuszten , Mittel und Zweck 
kalt berechnenden Politik, welche die Leitung des States 
und die Herrschaft über die Völker bestimmen, wird in der 
Statspraxis und in der Statstheorie entscheidend. Derselbe 
gewinnt durch Macchiavelli (1469 — 1527) seinen schärf- 
sten und klarsten Ausdruck. Sowohl seine Discorsi zu Livius, 
in denen er die römische Republik verherrlicht, als sein Prin- 
cipe, in dem er der fürstlichen Herrschsucht die Wege weist, 
sind von dem Geist der politischen Renaissance erfüllt. 

Ferner die Erneuerung eines statlichen Imperium und 
einer statlichen Souverän etat, vor deren zwingender Ein- 
heitsgewalt sich Alles beugen musz. In der Hand des Fürsten, 
der den Stat beherrscht, wird diese Statsgewalt, in schroffem 
Gegensatze zu allem Lehenswesen und zu allen ständischen 
Schranken des Mittelalters, zu einem Absolutismus gesteigert, 
der wohl an den Absolutismus der römischen Kaiser erinnert. 

Endlich offenbart sich dieselbe Renaissance auch in der 
Form des Widerspruchs, zu welchem diese ins Schrankenlose 
wachsende „Tyrannei" reizt. Mit der Erinnerung an die Cäsare 
wird auch wieder die Erinnerung an Brutus geweckt, und 
der Tyrannenmord wird als republikanische Tugend gepriesen. 
Selbst die Catilinarier wiederholen sich als Verschwörer. 1 

Aber alle diese „ Wiedergeburt 14 antiker Statsideen 



1 Burckharü. Die Renaissance. S. 44 ff. 



52 



Erstes Buch. Der Statsuegriff. 



und antiker Tendenzen bleibt doch auf einen vorhältnisz- 
mäszig engen Kreis von höher Gebildeten beschrankt. Die 
Massen haben dafür kein Verständnis/ und keine Empfäng- 
lichkeit. Die ganze Einwirkung der Renaissance auf den Stat 
ist nur eine theilweise und sie geht bald wieder vorüber. 
Sie hilft mit den mittelalterlichen Stat auflösen und den 
modernen Stat vorbereiten, aber sie bringt für sich keinen 
neuen Stat hervor. 



Fünftes Capitel. 

III. Die moderne Statsidee. 

1. Wann beginnt das moderne Weltalter? 

Das heutige geschichtliche Bewusztsein der europäisch- 
amerikanischen Menschheit ist einig in der Annahme eines 
viele Jahrhunderte umfassenden Lebensalters der Menschheit, 
welches wir das Mittelalter nennen; ebenso in der Wahr- 
nehmung*, dass wir gegenwärtig in einem neuenWeltalter 
leben. Aber noch sind die Meinungen getheilt über den Zeit- 
punkt, in welchem sich die Neuzeit von dem Mittelalter ent- 
schieden abhebt, Wir wissen längst, dasz die Vergangenheit 
mit der Zukunft verbunden bleibt. Die Ahnungen und die 
ersten Triebe der kommenden Zeiten regen sich schon lange 
zuvor in den früheren Zeiten und unzählige Nachwirkungen 
vergangener Tage werden forterhalten in der veränderten 
Altersperiode. Mitten im Mittelalter sprachen einzelne Geister 
Gedanken aus, die erst in unserm Jahrhundert verstanden 
werden und in den heutigen Zuständen noch sehen wir 
manche Ueberreste der mittelalterlichen Bildung und zwar nicht 
blosz in Klöstern und auf adelichen Schlössern sorgfältig erhalten. 
Dieser Zusammenhang, der jeden scharfen Schnitt zwischen 
Altem und Neuem wie eine unsinnige Verwundung empfindet. 



Fünftes Cap. Entwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. 53 



ist schon durch die Einheit des Lebens bedingt. Es ist nicht 
anders mit den Altersstufen des Einzellebens. Aber trotz dem 
haben. wir ein Bedürfnisz, uns über die verschiedenen Zeit- 
perioden zurecht zu linden, die an den Grenzen in einander 
übergehen, und die dennoch im Groszen betrachtet wohl zu 
unterscheiden sind. 

1. Manche datiren den Anfang der neuen Zeit schon 
von der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts. Das Zeitalter 
der Renaissance erscheint ihnen als die Wandlung aus 
dem Mittelalter zur modernen Welt. Das Erwachen des philo- 
sophischen Geistesbewusstseins aus mehr als tausendjährigem 
Schlummer, das Wiederaufleben der antiken Ideen und Er- 
innerungen im Gegensatze zu dem mittelalterlichen Glauben 
und den mittelalterlichen Institutionen, die erneuerte Blüthe 
einer freieren und froheren Kunst nach dem Vorbilde der 
klassischen Kunstwerke, die Erhebung vorzüglich der italieni- 
schen Städte, die sich nicht scheuten, der Vormundschaft der 
päpstlichen Hierarchie sich gelegentlich zu entwinden, die 
Ausbreitung des römischen Rechts und sein Vorzug vor dem 
kanonischen Rechte, die Erfindung der Buchdruckerkunst und 
die Ausstreuung der Druckschriften, die Erfindung des Pulvers 
und die Umbildung der Heere , die kühnere Seefahrt und die 
Entdeckung unbekannter Länder an den Küsten von Afrika 
und in Indien und eines neuen Welttheils im Westen ; all' das 
weist allerdings auf eine W T endung hin aus dem Mittelalter in 
die Neuzeit. Aber es ist doch noch nicht der Abschlusz des 
Mittelalters , sondern nur die absteigende Entwicklung des 
Mittelalters, welche der aufsteigenden Richtung der Neuzeit 
vorarbeitet und vorausgeht. Der damalige Zeitgeist hat doch 
eher einen reifen , als einen jugendlichen oder gar kindlichen 
Charakter. Er will weniger Neues schaffen, als Altes erneuern. 
Es sind durchweg antike Ideen und antike Vorbilder, denen 
er nachstrebt. Er reformirt theil weise und er erschüttert 
theilweise die mittelalterliche Weltordnung, aber er stürzt sie 



54 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



nicht und ersetzt sie nicht durch eine Neuschöpfung. Am 
Ende erstarrt die Bewegung doch in der absoluten Herrschaft 
groszer und kleiner Fürsten. 

2. Oefter noch wird das Zeitalter der kirchlichen 
Reformation als der Beginn der Neuzeit betrachtet. Man 
denkt dabei weniger an die mangelhaften Reformversuche des 
deutschen Reiches auf dem Wormser Reichstag von 1495, als 
an die K i r c h e n r e f o r in des XVI. Jahrhunderts und rechnet 
diese von dem Anschlag der Thesen Martin Luthers 31. Oct. 
1517 an der Kirchenthüre zu Wittenberg. 

In der That war damals der weltgeschichtliche Bruch mit 
der mittelalterlichen Autorität der römischen Kirche ein voll- 
ständiger und die Gründung von protestantischen K i r- 
chen war wirklich eine neue Schöpfung auf kirchlichem Ge- 
biete. Die damalige Befreiung des religiösen Gewissens von 
der römischen Bedrängnisz und Knechtschaft gab auch unbe- 
streitbar einen mächtigen Anstosz zu der spätem Befreiung 
der Wissenschaft von der Autorität des kirchlichen Glaubens 
überhaupt. Die sittliche Reinigung und Erhebung der Statsidee 
wirkte vorbereitend auf die Gestaltung des modernen States. 

Dennoch war der Grundgedanke der deutschen Kirchen- 
reform nicht eine Neubildung, sondern die Säuberung der 
alten Kirche von dem Wust verjährter Miszbräuche und die 
Herstellung der ursprünglichen Reinheit des Christenthums. 
Die alte geschichtliche Autorität der päpstlichen Kirche und 
ihrer Tradition wurde gebrochen, aber die ältere ebenfalls 
geschichtliche Autorität der heiligen Schrift strenger als vor- 
dem gewahrt. Das ursprüngliche Christenthum war freilich 
nicht mehr herzustellen, so wenig als die classische Kunst 
der Athener und der Römer durch die Renaissance der ita- 
lienischen Meister herzustellen war. Die erneuerten Ideen der 
alten Welt bekamen in der inzwischen umgewandelten Mensch- 
heit eine neue Gestalt. Das europäische Leben war noch im 
Fortschritte begriffen, und die protestantische Kirche wie der 



Fünftes Cap. Entwickluugsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. 



55 



vom Protestantismus berührte Stat waren daher relativ neue 
Erscheinungen. Die Staatsidee selbst aber blieb doch noch 
wesentlich die mittelalterliche: der Stat galt noch als das 
leiblich-irdische Reich, die Kirche noch als die vorzugsweise 
geistige in den Himmel hinein ragende Gemeinschaft der Heiligen. 

Der entscheidende Beweis aber dafür, dasz die informa- 
torische Bewegung des XVI. Jahrhunderts eher dem seinem 
Ende zureifenden Weltalter des Mittelalters als der jugendlich 
aufstrebenden Neuzeit angehört, liegt in dem Charakter der 
beiden Jahrhunderte von 1540 — 1740. Diese lange Periode 
macht auf den unbefangenen Betrachter den Eindruck nicht 
der Jugend, sondern des Alters. Selbst in der protestanti- 
schen Kirche nimmt sofort wieder eine starre, todte Ortho- 
doxie überhand, die keine frischeren Triebe aufkommen läszt 
und das wissenschaftliche Leben fesselt und niederdrückt. 
In der katholischen Kirche breitet der Jesuitenorden, der 
ausgesprochenste Träger der künstlich conservirten mittel- 
alterlichen Hierarchie , seine Macht aus. Der fürstliche Abso- 
lutismus unterwirft sich den mittelalterlichen Adel und löst 
das Lehenswesen auf, aber es pulsirt in ihm doch vorzüglich 
altes Leben. Die absolute Monarchie , die nun auf dem ganzen 
Continente von Europa herrschend wird und nur in England 
abgewehrt wird, stützt sich vornehmlich auf alte Ideen, dyna- 
stische und römische, patrimoniale und theokratische. Auch 
der behaglich ausschweifende Zopfstyl, der allmählich die 
Renaissance verdrängt, ist eine ältliche Erscheinung. In alle- 
dem zeigt sich eher Auflösung, das Absterben des Mittelalters, 
als eine von Grund aus neue Zeit. Der junge Leibnitz hatte 
einen so lebhaften Eindruck empfangen von dem ältlichen 
Charakter seiner Zeit, dass er im Jahre 1669 schrieb: man 
habe „Grund zu der Annahme, dass die Welt in ihr Greisen- 
alter eingetreten sei." 1 



1 Pichler, Theologie von Leibnitz. I. S. 23. 



56 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



3. Diese Erwägung' hindert uns auch, den Anfang des 
modernen Wcltalters in der englischen Revolution zu 
erkennen, sei es der Revolution von 1640, sei es der 
nannten „glorreichen" Revolution von 1688. Gewisz brachte 
auch sie Neues. Die Constitutionen e Monarchie kam 
nun zum Durchbruch. Jede sorgfältigere Vergleichung aber 
der englischen mit der französischen Revolution bestärkt unsere 
Wahrnehmung, dasz jene noch in das Ende des Mittelalters, 
diese in die Neuzeit gehört. Die Engländer kämpften noch 
vorzugsweise für die alte angelsächsische Volksfreiheit und 
die hergebrachten Rechte des Parlaments wider den Absolu- 
tismus des Königs, während die Franzosen eine neue ratio- 
nelle Gestaltung des Stats und eine neue gesellschaftliche 
Freiheit zu verwirklichen suchten. 

4. Viele sehen desshalb in dem Zeitalter der französi- 
schen Revolution die ersten entschiedenen Regungen der 
modernen Zeit und datiren dieselbe von 1789 an. Die An- 
nahme schmeichelt überdem der französischen Eitelkeit. Aber 
wenn gleich es unbestreitbar ist, dasz die französische Revo- 
lution von dem modernen Geiste erfüllt und bewegt ist, so 

' hat derselbe doch früher schon seine Schwingen zu regen be- 
gonnen. Das Zeitalter der Aufklärung ging voran und 
trägt bereits den unverkennbaren Stempel der Neuzeit. 

Schon Manche haben es bemerkt , insbesondere auch 
Thomas Buckle, der gelehrte Verfasser der Geschichte der 
neueren Civilisation , dasz mit dem Jahre 1740 eine veränderte 
Strömung der Geister sichtbar wird. Wie die Sonne zuerst die 
Spitzen der Berge beleuchtet und dann erst mit ihren Strahlen 
in die Thäler niedersteigt, so zeigt sich der neue Geist zuerst 
in hervorragenden Menschen, und breitet sich nur allmählich 
aus über die Menge. Aber in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahr- 
hunderts sind es doch nicht blosz wenige Auserwählte , nicht 
blosze Vorläufer und Propheten einer kommenden Zeit, die 
von dem neuen Geiste ergriffen werden. Ueberall steigen neue 



Fünftes Cap. Entwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. 57 



Ideen auf an dem Horizont, und das Verlangen nach einer 
Umgestaltung der Welt regt sich in weiten Kreisen. Die 
Hoffnung auf ein neues Leben schwellt die Herzen. In der 
Kunst und in der Literatur, im Stat und in der Gesellschaft 
vollzieht sich eine Wandlung. Der Sinn der Welt wendet sich 
entschieden ab von dem Mittelalter, einer Neuschöpfung zu. 

Man vergleiche verwandte Personen und Erscheinungen 
seit 1740 mit denen der letzten Jahrhunderte vorher, und man 
wird die gewaltige Veränderung in dem Charakter der Zeiten 
deutlich erkennen. Nicht blosz die Individuen sind andere, 
auch die Bedingungen ihres Daseins, der Boden, auf dem sie 
stehen, die Luft um sie her sind anders geworden. Man 
vergleiche z. B. Friedrich den Groszen von Preuszen, 
den bedeutendsten Repräsentanten des modernen Stats und 
der modernen Weltanschauung, nicht nur mit Ludwig XIV. von 
Frankreich, dem deutlichsten Repräsentanten des absoluten 
Königthums von Gottes Gnaden, welcher das Mittelalter ab- 
schlieszt, sondern selbst mit seinem groszen Ahnherrn, dem 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm; oder man vergleiche die 
Befreiung der Niederlande von der spanischen Herrschaft 
mit der Befreiung Nordamerikas von der englischen Nation, 
oder die englische und die französische Revolution, oder 
Rousseau mit Hutten, Lessing mit Luther, und man 
wird den heftigen Gegensatz der Zeiten deutlich erkennen. 

Die neue Zeit, in welche die civilisirte Menschheit seit 
der Mitte des vorigen Jahrhunderts eingetreten ist , zeigt sich 
auch in dein unsichern Tasten und Experimentiren der Stats- 
theorie und der Statspraxis, in den kecken Versuchen einer 
völligen Neuschöpfung und in der momentanen Verzweiflung, 
welche dem Miszlingen auf dem Fusze folgt, in dem Schwan- 
ken zwischen Revolution und Reaktion. 

Wenn das moderne Weltalter im Grossen den Charakter 
selbstbewuszter Männlichkeit zeigt, in höherem Grade 
als irgend eine frühere Periode der Geschichte, so verrathen 



58 



Erstes Buch. J)er Statsbegritt'. 



diese Züge doch, das/ wir nur die erste Entwicklungs- 
stufe dieser männlichen Zeit erlebt haben, welche noch 
ebenso ein unreifes jugendliches, zuweilen kindliches Antlitz 
trägt, wie die letzten Jahrhunderte des Mittelalters ein ält- 
liches Aussehen haben. Das organisch-psychologische Gesetz 
der Altersentwicklung bestimmt nicht blosz das Gesammt- 
leben der Menschheit in seinen Weltaltern, es wiederholt sich 
in fortgesetztem Kreislauf auch in den einzelnen Perioden 
innerhalb der verschiedenen Weltalter. 

Wir dätiren also das Moderne Weltalter seit dem 
Jahre 1740. Die Erhebung des preuszischen König s- 
states, die Josephinische Bewegung in Oesterreich, 
die ( Gründung der nordamerikanischen Union, die 
Wandlungen der französischen Revolution und der 
Napoleonische Staat , die Verpflanzung der c o n s t i t u- 
ti on eilen Monarchie aus England in die Continental- 
stateii, die Versuche, die repräsentative Demokratie 
einzuführen, die Gründung nationaler S taten, die Los- 
schälung des öffentlichen Hechts von der confessionellen 
Umhüllung, die Sonderung oder Trennung von Stat und 
Kirche, die Beseitigung alles Feudalismus, aller 
ständischen Privilegien, die Erhebung des einheit- 
lichen Volksbegriffs und die Anerkennung der freien 
Gesellschaft sind sämmtlich theils erste Versuche, theils 
erste Gestaltungen und Wirkungen des modernen Gesammt- 
iebens und daher auch des modernen States. 

Anmerkung. Wir sind gewohnt, die Geschichte der Menschheit 
in ihrem innern Zusammenhang und in geregelter Folge zu betrachten. 
Wir unterscheiden daher die verschiedenen Weltalter ähnlich wie wir 
die Lebensalter der Einzelmenschen unterscheiden. Wir sprechen von 
einem Kindesalter , von einem Jugendalter der Menschheit , und schlieszen 
dieses mit der classischen Periode des hellenischen und römischen Cultur- 
lebens ab. In dieser Weise scheiden wir auch das Mittelalter von den 
jugendlich -genialen Weltaltern der alten Griechen und Römer ab und 
ebenso nach der anderen Seite von der reiferen und männlicheren Neuzeit. 



Fünftes Cap. Enfcwicklungsgesch. der Statsidee. Iii. Die moderne Statsidee. 



59 



Während das Leben des Einzelmensehen nach Jahren und nach Jahr- 
zehnten bemessen wird, rechnen wir das Leben der Menschheit nach 
Jahrhunderten und Jahrtausenden. Innerhalb der einzelnen Weltalter 
entdecken wir nochmals denselben Kreislauf und dieselbe Folge der 
Altersstufen und nehmen wir wieder erst aufsteigende, dann absteigende 
Linien der Entwicklung- wahr. Wie den Weltaltern im Groszen, so 
sprechen wir ihren Perioden und Phasen im Kleinen einen bestimmten 
Charakter und Geist zu. Die erste und die zweite Hälfte des XVIII. Jahr- 
hunderts zeigen so einen durchaus verschiedenen Tj^pus ähnlich wie die 
erste und die zweite Hälfte des XVI. Jahrhunderts. 

Diese ganze weltgeschichtliche Betrachtungsweise hat aber eine Wahr- 
heit nur unter der Voraussetzung, dasz die Menschheit nicht blosz eine 
Summe von Einzelmenschen und dasz das Leben der Menschheit nicht 
blosz eine Summe von Einzelleben sei. Sie ruht vielmehr auf der An- 
nahme, dasz die Menschheit ein Ganzes sei und dasz es eine Entwick- 
lung der Menschheit im Groszen gebe, welche zu ihrer Bewegung 
und zu ihren Fortschritten gröszerer Zeitperioden bedürfe, als die Alters- 
perioden der Einzelnen. Indem wir ganze Perioden von Jahrhunderten 
und Jahrtausenden überschauen, können wir uns den Eindrücken jenes 
groszartigen Zusammenhangs und dieser bestimmten Folge der Entwick- 
lung nicht entziehen, und wir schlieszen daraus auf die Einheit des 
Menschengeschlechts und auf die Bestimmung der Menschheit, deren 
groszes Leben über das kleine Leben der Einzelmenschen hinschreitet, 
dem aber das kleine Einzelleben bewuszt oder unbewuszt zu dienen hat. 

Wenn diese Wahrnehmung richtig ist , so nöthigt sie uns zu einem 
Rückschlusz auf die Dauer der Menschheit, deren Leben die Weltgeschichte 
darstellt. Es ist nicht wahrscheinlich , dasz die uns unbekannte oder doch 
nur wenig bekannte Kindheitsperiode der Menschheit sich ins Unermesz- 
liche ausdehne, während die Jünglingszeit derselben und die seitherige 
Entwicklung zu männlicher Reife einige Jahrtausende nicht übersteigt. 
Der Unterschied kann nicht ein unverhältniszmäsziger sein. Indessen 
scheint dieser Annahme die heutige Naturwissenschaft zu widersprechen. 

Wie das Alter der Erdrinde, welches die semitische Schöpfungs- 
geschichte auf eine kurze Zeit von wenigen Jahrtausenden zusammen- 
gedrängt hat, in Folge einer gründlicheren Forschung ins Ungeheure 
ausgedehnt worden ist, und wir hier nach Millionen oder gar nach 
Milliarden von Jahren zu rechnen gelernt haben, so hat dieselbe Unter- 
suchung auch die Anfange der Menschheit in eine viel fernere Vorzeit 
verlegt, deren weite, kaum näher bestimmbare Zeiten auszer Verhältnisz 
sind zu den bekannten Weltaltern der späteren Geschichte. Es ist min- 
destens sehr wahrscheinlich, wenn nicht gewisz, dasz es schon vor 
Hunderttausenden von Jahren menschenartige Geschöpfe gegeben hat. 
Die Naturforschung hat uralte menschliche Knochen- und Schädelreste 
entdeckt, die in einer unbekannten Vorzeit mit den Höhlenbären gleich- 



Iii» 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



zeitig gelebt haben. Sie unternimmt es sogar den leiblichen Zusammen- 
hang und die Wandlungsstufen aufzuzeigen, welche den Menschenkörper 
mit den älteren Körperformen der Thiere verbinden. Sie macht es wahr- 
scheinlich , dasz die vorgeschichtlichen Menschenrassen mit den Affen und 
andern Thieren noch näher verwandt waren, als die heutige Menschheit. 
In dieser Beobachtung liegt zunächst eine Verschärfung, bei näherer Er- 
wägung aber eine Lösung jenes Widerspruchs. 

Mag immerhin die Geschichte der Menschenschöpfung, oder wie 
Manche es nennen, der Menschenzüchtung, welche die Naturwissenschaft 
aufsucht, auf sehr viel frühere Zeiten hinweisen, als die hergebrachte 
Annahme eines Kindheitsalters der Menschheit vermuthet, so haben wir 
doch, keinen Grund, die Culturgeschichte der Menschheit, und das was 
wir Weltgeschichte nennen, ebenso ins Weite auszudehnen. Die 
Weltgeschichte konnte erst in der Zeit beginnen, als eine höhere 
Menschenrasse die Fähigkeit offenbarte, selber schöpferisch an der 
Vervollkommnung des Menschengeschlechts zu arbeiten. Sie fängt daher 
erst an mit der Erscheinung der weiszen Menschenrasse, der Kinder 
des Lichts, der Bildner und Träger der Weltgeschichte. Der weisze 
Mensch ist keinenfalls so alt als der sogenannte Affenmensch. 

Das Gesetz der organisch-psychologischen Entwickhing der 
Weltgeschichte ist also nicht mit dem Naturgesetze der leiblichen 
Abstammung zu verwechseln. Das menschliche Gemeingefühl und der 
Gemeingeist, welche sich in jenem offenbaren und die Entwicklungsstufen, 
die sich in dem wechselnden Vortreten der verschiedenen Geistes- und 
Gemüthskräfte und in den Menschenwerken darstellen, gehören wesentlich 
der höchsten Menschennatur an, und nicht der Natur der mancherlei 
Thiergattungen. 

Die niedrigeren ersten Erscheinungen von Menschenrassen mögen als 
Vorstufen der höheren Menschheitsform eine stoffliche Bedeutung haben. 
An der eigentlichen Geschichte der Menschheit haben sie kaum mehr An- 
theil als die Farbe und der Pinsel an dem Gemälde des Künstlers. 



Sechstes Capitel. 

2. Hauptunterschiede des modernen Statsbegriffs von dem 
antiken und dem mittelalterlichen Statsbegriff. 

Der Gegensatz des modernen und des antiken Statsbegriffs 
läszt sich in folgender Gegenüberstellung der Hauptunterschiede 
darstellen. 



Sechstes Cap. Entwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. ft\ 



Antiker Stat. 
3. Der antike Stat erkennt 
noch nicht die persönlichen 
Menschenrechte und daher 
auch nicht die individuel- 
len Freiheitsrechte an. 
In allen antiken Staten be- 
stand mindestens die Hälfte 
der Bevölkerung aus recht- 
losen S clav en und nur die 
kleinere Hälfte aus freien 
B ü r gern. D er Lan db au , die 
Viehzucht, das Handwerk, der 
häusliche Gesindedienst und 
sogar ein groszer Theil des 
Handels wurden vorzugsweise 
von Sclaven besorgt. In Folge 
dessen wurde die Arbeit gering 
geachtet, und die Arbeiter 
galten wenig. Die Sclaven 
waren nur durch ihren Herrn 
mit dem State verbunden. Sie 
hatten keinen Antheil an dem 
State, kein Vaterland. Die 
Menschenrechte waren ihnen 
fast gänzlich versagt. Die Sitte 
freilich war oft besser als das 
Gesetz, aber auch die bessern 
tatsächlichen Zustände waren 
unsicher und konnten plötzlich 
einEnde nehmen mitSchrecken. 
Von Zeit zu Zeit brachen Scla- 
venaufstände los und wurden 
dann blutig niedergeworfen. 



Moderner Stat, 
1. Der moderne Stat erkennt 
die Menschenrechte in 
Jedermann an. Ueberail 
hat er die Sclaverei aufgeho- 
ben als ein Unrecht, und so- 
gar die mildere Hörigkeit 
und die Erb unter thänig- 
keit beseitigt, als eine Misz- 
achtung der natürlichen Fr e i- 
h e i t der Person. Der 
Mensch hat kein Eigenthum 
über den Menschen, denn nie 
ist der Mensch eine Sache, 
sondern immer eine Person, 
d. h. ein Piechtswesen. Es 
gibt nur freie Arbeit, und sie 
wird geschätzt. Auch die po- 
litische Theilnahme an dem 
State ist allen Volksclassen 
zugänglich, und das statliche 
Stimmrecht ist auch auf die 
Arbeiter und die Dienstboten 
ausgebreitet worden. Die Ge- 
fahr von Sclavenaufständen ist 
verschwunden. Der ganze Stat 
ruht auf breiterer Grundlage. 
Seine Wurzeln sind über die 
ganze Bevölkerung ausgedehnt. 



Erstes Buch. "Der Statsbe^riff. 



62 

Antiker Stat, 
2. Die antike Statsidee um- 
faszt das g e s a m m lege m e i n- 
same Menschenleben, 
in Religion und Recht, Sitte 
und Kunst, Cultur und Wissen- 
schaft. Priesteramt ist Stats- 
amt. Der antike Stat kennt 
noch nicht die volle Geistes- 
freiheit der Individuen. 



3. Der antike Mensch ist 
nur als Statsbürger voll- 
berechtigt. Bei den Hellenen 
waren noch Privatrecht und 
öffentliches Recht im- 
ausgeschieden durch einander 
gemischt. Die Römer sonder- 
ten zwar die beiden Ordnungen 
grundsätzlich, aber noch blieb 
ihr Privatrecht völlig von dem 
Volks- und Statswillen ab- 
hängig. Die individuelle Frei- 
heit auch gegenüber dem Stat 
war noch nicht anerkannt. 



Moderner Stat. 

2. Der moderne Stat ist 
sich der Schranken seiner 
Macht und seines Rechts 
bewuszt geworden. Er be- 
trachtet sich wesentlich als 
Rechtsgemeinschaft und poli- 
tische Gemeinschaft. Er ver- 
zichtet darauf, die Religion 
und den Cültus zu beherrschen, 
und überlässt beides den Kir- 
chen und den Individuen. 
Priesteramt ist Kirchenamt. 

Er nimmt auch keine wis- 
senschaftliche und keine künst- 
lerische Autorität für sich in 
Anspruch. Er achtet und 
schützt die wissenschaftliche 
Freiheit der Forschung und 
der Meinungsäuszerung. 

3. Der moderne Mensch ist 
als Individuum berechtigt. 
Das Privatrecht wird von 
dem öffentlichen Recht scharf 
unterschieden. Jenes wird von 
dem State eher erkannt als 
geschaffen, mehr geschützt als 
beherrscht. Die freie Person 
geht nicht im State auf. Sie 
entwickelt sich selbständig und 
übt ihr Recht nicht nach dem 
Willen der Staatsgewalt, son- 
dern nach persönlichem Wil- 
len aus. 



Sechstes Cap. Enfrwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. 63 



Antiker Stat. 

4. Die antike Statsgewalt 
hat einen absoluten Cha- 
rakter. 

5. Die öffentlichen Gewalten 
werden unmittelbar von 
den dazu Berechtigten aus- 
geübt. In der antiken Re- 
publik erscheint die Bürger- 
schaft in groszen Volksver- 
sammlungen (Ekklesien , Co- 
mitien) und beschlieszt hier 
selber über wichtige Stats- 
angelegenheiten. 

6. Die hellenischen Staten 
sind wesentlich Städt es ta- 
ten, Politien. Aus einem 
Städtestat hat sich Rom zum 
Weltstat erweitert, 

7. In dem antiken State 
werden zwar die öffentli- 
chen Thätigkeiten je 
nach ihrer Art und Richtung 
unterschieden. Aber gewöhn- 
lich üben dieselben Ver- 
sammlungen und Magistrate 
verschi ed en artige Fun cti on en 
aus, Gesetzgebung und Re- 
gierung, Imperium und Juris- 
dictio. 

8. Der antike Stat fühlt sich 
auch nach Auszen nur durch 



Moderner St a t. 

4. Die moderne Statsgewalt 
ist verfassüngsmäszig b e- 
s c h r ä n k t. 

5. Der moderne Stat ist 
vorzugsweis e R e p r ä s e n t a- 
tivstat. An die Stelle der 
massenhaften Volksversamm- 
lung tritt der gewählte Aus- 
schusz der Bürger als V o 1 k s- 
v e r t r e t u n g. Die heutigen 
Repräsentativkörper sind be- 
fähigter als die antiken Volks- 
versammlungen , die Gesetze 
zu prüfen, Beschlüsse zu er- 
wägen und Controle zu üben. 

6. Die modernen Staten sind 
wesentlich V o 1 k s s t a t e n. Die 
Stadt ist nur eine Gemeinde 
in dem State, nicht der Kern 
des States. 

7. In dem modernen State 
werden für die verschiede- 
nen Thätigkeiten auch 
verschiedene Organe ge- 
schaffen und so die frühere 
nur gegenständliche Unter- 
scheidung der Gewalten zu 
persönlicher Sonderung 
der Functionen fortgebildet. 

8. Die modernen Staten er- 
kennen in dem Völkerrecht 



64 



Erstes Buch. Der Statsbegritf. 



Antiker Stat. 
den Widerstand andrer Sta- 
ten, thatsächlich aber nicht 
durch das gemeinsame Völ- 
kerrecht beschränkt. Rom 
strebte rücksichtslos die Welt- 
herrschaft an wie sein na- 
türliches Vorrecht. 

Die Hauptunterschiede d 
der mittelalterlichen sind: 
Mittelalterlicher Stat. 

1. Das Mittelalter leitet den 
Stat und die Statsgewalt von 
Gott ab. Der Stat ist eine 
von Gott gewollte und ge- 
schaffene Ordnung. 

2. Die theologische n 
Principien sind grundlegend 
und maszgebend für den Stats- 
begriff. Der ganz und gar 
mittelalterliche Islam kennt 
nur Ein Gottes reich, wel- 
ches von Gott dem Sultan zur 
Herrschaft verliehen ist. Das 
christliche Mittelalter will den 
Dualismus von Kirche und 
Stat, aber es glaubt, dasz 
beide Schwerter, das 
geistliche und das weltliche, 
von Gott verliehen werden, 
das erste an den Papst, das 
zweite an den Kaiser. Die 



Moderner Stat. 
eine rechtliche Schranke ihrer 
Herrschaft an. Das Völker- 
recht schützt den Bestand und 
die Freiheit aller Völker und 
Staten und verwirft die Uni- 
versalherrschaft Eines 
States über alle Nationen, 
r modernen Statenbildung und 

Moderner Stat. 

1. Der moderne Stat wird aus 
der Menschennatur mensch- 
lich begründet. Der Stat ist 
eine von den Menschen zu 
menschlichen Zwecken ge- 
schaffene und verwaltete ge- 
meinsame Lebensordnung. 

2. Die weltlichen Wissen- 
schaften der Philosophie 
und Geschichte bestimmen 
die Grundprincipien des Stats. 
Die moderne Statswissenschaft 
geht von der Betrachtung des 
Menschen aus. wenn sie den 
Stat erklärt. Die einen den- 
ken sich den Stat als eine 
Gesellschaft von Einzel- 
menschen, welche zum Schutz 
ihrer Sicherheit und ihrer 
Freiheit sich vereinbaren . die 
andern als eine Verkörperung 
des Volks in seiner Einheit. 

Die moderne Statsidee ist 



Sechstes Cap. Entwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. ß5 



Mittelalterlicher Stat. 
protestantische Theologie ver- 
warf die Idee des geistlichen 
Schwertes und erkannte nur 
das Eine Schwert des States 
an; aber auch sie hielt an 
dem religiösen Gedanken fest, 
clasz die obrigkeitliche Gewalt 
von Gott komme. 



3. Das Ideal des mittelalter- 
lichen States ist zwar nicht 
mehr, wie das der alten orien- 
talischen Völker, die unmittel- 
bare Theokratie, aber die mit- 
telbare Theokratie. Der 
Herrscher ist Stellvertre- 
ter Gottes. 



4. Der mittelalterliche Stat 
ruht auf der Glaubensge- 
meinschaft und fordert 
Glaubenseinheit. Die Un- 
gläubigen und Irrgläubigen 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 



Moderner Stat. 
nicht religiös, aber sie ist 
darum nicht irreligiös, d. h. 
sie macht den Stat nicht ab- 
hängig von dem " religiösen 
CHauben, aber sie läugnet 
nicht, dasz Gott die mensch- 
liche Natur geschaffen und an 
der Weltregierung sich in dem 
Schicksal eine Mitleitung vor- 
behalten habe. Die moderne 
Statswissenschaft bescheidet 
sich, den Gedanken Gottes 
nicht ergründen zu können, 
aber sie bemüht sich, den 
Stat menschlich zu begreifen. 

3. Dem politischen Bewuszt- 
sein der modernen Völker ist 
alle Theokratie verhaszt. Der 
moderne Stat ist eine m e n s c h- 
liehe V e r f a s s u n g s o r d- , 
nung. Die moderne Stats- 
gewalt ist durch das öffent- 
liche Recht bedingt, und ihre 
Politik strebt die Volkswohl- 
fahrt an , wie sie dieselbe mit 
menschlichem Verstände be- 
greift und mit menschlichen 
Mitteln durchführt. 

4. Der moderne Stat be- 
trachtet die Religion nicht als 
eine Bedingung des Rechts. 
Das öffentliche und das Pri- 
vatrecht sind unabhängig 

5 



66 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



Mittelalterlicher Stat. 
haben kein statliches Recht. 
Sie werden verfolgt und aus- 
gerottet, im günstigsten Falle 
nur geduldet. 



5. Das christliche Mittel- 
alter betrachtet die Kirche 
als das geistige und daher 
höhere, den Stat als das leib- 
liche und daher niedere 
Reich. Damit ist die Herr- 
schaft oder doch die Vormund- 
schaft des Priesterthums 
über das Fürstenthum be- 
gründet. Der Klerus steht 
hoch über den Laien und ist 
durch Immunitäten privi- 
legirt. 



6. Im Mittelalter leitet die 
Kirche die Erziehung der 
Jugend und übt ihre Autori- 
tät auch über die Wissen- 
schaft aus. 



Moderner Stat. 
von dem Glauben. Der 
moderne Stat schützt die Be- 
kenntniszfreiheit und einigt 
friedlich verschiedene 
Kirchen und Religions- 
genossenschaften. Er ent- 
hält sich jeder Verfolgung von 
Andersgläubigen oder von Un- 
gläubigen. 

5. Der moderne Stat be- 
trachtet sich als eine Per- 
son, die zugleich aus Geist 
(dem Volksgeist) und Leib, 
der Verfassung, besteht. Er 
fühlt sich auch der Kirche 
gegenüber, die ebenfalls eine 
aus Geist und Körper beste- 
hende religiöse Gesammtper- 
son ist, unabhängig und frei 
und behauptet seine Hoheit 
auch über die Kirche. Er 
erkennt keine Ueberordnung 
des Klerus an. verwirft die 
Privilegien der Immunitäten 
und breitet seine Rechtsherr- 
schaft über alle Classen gleich- 
mäszig aus. 

6. Der moderne Stat über- 
läszt nur die religiöse Er- 
ziehung der Kirche. Die Schule 
ist Statsschule. Die Wis- 
senschaft ist frei von der 
kirchlichen Autorität und wird 



Sechstes Cap. Entwicklungsgesch. der Statsidee. III. Die moderne Statsidee. G7 



Mittelalterlicher Stat. 



7. Das .Mittelalter vennengt 
überall öffentliches und 
Privatrecht. Es betrachtet 
die Landeshoheit ähnlich dem 
Grundeigenthum und das Für- 
stentum wie ein Familien- 
recht. 

8. Das Mittelalter hat die 
Tendenz zur L e h e n s o r d- 
nu'ng (Feudalismus). Es 
spaltet die Statsgewalt und 
leitet ihre Stücke stufenweise 
ab von Gott auf den König, 
von diesem auf die Fürsten, 
dann die Ritter und die Städte. 
Die Rechtsbildung wird par- 
ticularistisch. 

9. Die Vertretung ist stän- 
disch gegliedert. Die ari- 
stokratischen Stände, Kle- 
rus und Adel herrschen vor. 
I ) as Recht ist st ä n d i s c h 
verschiede n. 



10. Das Mittelalter schützt 
die dynastische und ständi- 
sche Freiheit der groszen 
und kleinen Herren in weitem 



Moderner Stat. 
von dem State in ihrer Frei- 
heit geschützt, 

7. Der moderne Stat unter- 
scheidet öffentlich esRecht 
und Privat recht und ver- 
bindet mit dem öffentlichen 
Recht die öffentlich e 
Pflicht. 

8. Der moderne Stat ist 
V o 1 k s o r d n u n g un d b ewahrt 
die Einheit der Statsgewalt 
im Centrum. Die Statenbil- 
dung ist national geeint, zu 
gröszeren Gemeinwesen hin- 
strebend. Die Rechtsbildung 
ist national und menschlich; 
sie ordnet das gesammte Leben 
gleichmäszig. 

9. Der moderne Stat ver- 
langt eine einheitliche 
Volksvertretung. Die 
groszen Volksclassen haben 
das L T eb ergewicht. Die Grund- 
lage ist demokratisch. Das 
Statsbürgerthu m umfaszt 
alle Classen gleichmäszig. Das 
Recht ist gemeines Landes- 
und Volksrecht. 

10. Der moderne Stat ent- 
wickelt die gemeine bür- 
gerliche Freiheit in allen 
Classen und nöthigt Jeder- 



(18 



Erstes Buch. Der Btatsbegriff. 



Mittelalterlicher Stat. 
Masze bis zur Lähmung der 
Statsautorität, Dagegen hält 
es die Bauern in der Un- 
freiheit. 

11. Der mittelalterliche Stat 
ist bloszer Kechtsstat, aber 
mit mangelhaftem Gerichts- 
schutz und viel Selbsthülfe. 

Regierung und Verwal- 
t u n g sind im Mittelalter 
wenig ausgebildet und 
schwac h. 



12. Der mittelalterliche Stat 
ist geistig wenig bewuszt. 
Er läszt sich mehr durch In- 
stincte und Neigungen be- 
stimmen. Er macht den Ein- 
druck d er N a t u r w ü c h s i g- 
keit. Das Gewohnheits- 
recht ist die Haupt quelle der 
Rechtsbildung. 



Moderner Stat. 
mann, der Statsautorität zu 
gehorchen. 

1 1 . Der moderne Stat ist 
als Verfassungsstat zwar 
ebenfalls Rechtsstat. aber er 
ist zugleich volkswirth- 
schaftlicher und Cultur- 
s t a t und vor allen p o 1 i t i- 
tischer Stat, 

Die Regierung des mo- 
dernen Stats ist mäch ti g und 
seine Verwaltung mit Rück- 
sicht auf die Wohlfahrt des 
Volks und der Gesellschaft 
s orgfalt ig durchgebildet. 

12. Der moderne Stat ist 
selbstb ewuszt. Er han- 
delt nach Principien. Er 
ist eher rationell als in- 
stinctiv. Das Gesetz ist die 
wichtigste Rechtsquelle. 



Siebentes Capitel. 

Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 

An der Umgestaltung der Statsidee und des wirklichen 
Statsbegriffs hat auch die Stats Wissenschaft 1 einen sehr 

1 Näher dargestellt ist diese Entwicklung der Statswissenschaft iu 
dem Werke: Bluntschli, Geschichte des allgemeinen Staatsrechts und der 
Politik. München 1864. Zweite Auflage 1867. 



Siebentes Capitel; Die Entwicklung 1 und die Gegensätze der Statslehre. (39 



bedeutenden Antheil. Es ging die moderne Statstheorie der 
modernen Statspraxis voraus. Regelmäszig begleitete jene die 
Wandlungen dieser, die Wege beleuchtend. Zuweilen folgte 
sie dieser nach. 

Es sind hauptsächlich folgende Phasen der wissenschaft- 
lichen Entwicklung hervorzuheben: 

1. Der Statsbegriff der Renaissance, welcher durch 
Machiavelli, Bodin, zum Theil auch durch Hugo de 
Grot vornehmlich vertreten wird , schlieszt sich noch an den 
antiken Statsbegriff an, aber fängt doch an denselben umzu- 
bilden. 

Der Stat, wie ihn Machiavelli als das herrlichste Er- 
zeugniss des menschlichen Geistes verehrt und mit Leiden- 
schaft liebt, ist ihm höchstes Dasein. Unbedenklich opfert er 
dem State Alles, selber die Religion und die Tugend. Sein 
Stat ist aber nicht mehr Rechts- oder Verfassungsstat, wie 
dieses der alte Römerstat gewesen war. Das öffentliche Recht 
gilt ihm nur als ein Mittel , die Wohlfahrt des States zu för- 
dern und die Machtentfaltung des States zu sichern. Sein 
Statsideal ist ausschliesslich von der Politik erfüllt und be- 
stimmt, Der Stat ist für ihn weder ein sittliches noch ein 
Rechtswesen, sondern nur ein politisches Wesen. Daher 
ist der alleinige Maszstab aller statlichen Handlungen die 
Z weckmäszigkeit. Was die Statsmacht und die Statsherr- 
schaft fördert , das soll der Statsmann thun, unbekümmert um 
alle Sittengesetze und um alles Recht. Was dem Statswohl 
schädlich ist, das soll er vermeiden. Machiavelli hat das 
grosze Verdienst, die Statswissenschaft ganz unabhängig ge- 
macht zu haben von der Theologie, und den Gegensatz des 
Statsrechts und der Politik aufgedeckt zu haben. Aber er hat 
auch eine unsittliche und widerrechtliche Politik beschönigt, 
seine klugen Rathschläge auch der Tyrannei zur Verfügung 
gestellt und so das Verderbniss der Statspraxis in den letzten 
Jahrhunderten mitverschuldet. 



70 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



Bodin sieht in dem Stat „eine Rechtsordnung einer 
Mehrzahl von Familien und ihrer gemeinsamen Güter in Form 
der souveränen Gewalt." 2 Ihm ist der Stat vornehmlich auf 
di'e Familie, das Gemeingut und die Souveränetät gegründet 
und er tadelt es an dem antiken Statsgedanken , dasz auf das 
Glück und Wohlergehen zu viel gesehen werde. Er hat dem 
Absolutismus des französischen Königthums durch seine Lehre 
von der Souveränetät des Statsherrschers eine wissenschaftliche 
Stütze verschafft. 

Hugo Grotius lehnt sich noch an die Begriffsbestimmung 
von Cicero an; aber es ist bei ihm doch ganz deutlich die 
Wendung zu bemerken zu dem modernen Statsgedanken. Er 
gründet den Stat, wie die Alten, auf die menschliche Natur, 
aber er denkt dabei weniger als die Alten an die Menschheit 
oder ein ganzes Volk; er sieht voraus auf die Einzeln- 
menschen, die Individuen. Sein Satz : „Hominis pro p r i u m 
sociale" ist keine glückliche Uebertragung des Aristotelischen: 
6 ävxJ-QcoTtoq l^coov tio'Utixov. Aber sie ist charakteristisch 
dafür, dasz der moderne Geist nicht wie der antike erst den 
Stat, und dann das Individuum, sondern vorerst an die Ein- 
zelnen und dann an ihre Verbindung denkt. Ueberdem sind 
die scharfe Sonderung der religiösen Gemeinschaft der Kirche 
von der weltlichen und politischen Statsgemeinschaft und die 
entschiedene Betonung der persönlichen Freiheit zwei Merk- 
male der modernen Auffassung des holländischen Autors. Er 
erklärt den Stat als „die vollkommene Vereinigung freier 
Menschen, welche sich zum Genusz des Rechts und zum 
Zwecke gemeinsamer Wohlfahrt verbinden." 3 Die Persönlich- 
keit des States war ihm nicht unbekannt , aber sie beherrscht 

2 De la Republique. I. 1. „Republique est im droit gouvernement 
de pliisieurs mesnages et de ce qui leur est coramun avec puissance 
souveraine." 

3 Hugo Grotius de J. B. I. I. §. 14. „Est civitas coetus perfectus 
liberorum liominum, juris fruendi et communis utilitatis causa sociatus." 
I. 3. §. 7. Prolegom. §. 16. Vgl. Leo, Weltgeschichte IV. S. 149. 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 



71 



nicht seine Statslehre und indem er auf den Consens der 
Menschen als die Hauptquelle auch des öffentlichen Rechts 
hinweist, gibt er den Anstosz zu der späteren Vertragstheorie. 

2. Naturrechtliche Theorien, Vertrags- und 
Gesellschaftsstat. Von dieser Grundlage aus bildete sich 
nun die moderne speculative und naturr echtli ch e 
Statslehre weiter aus, und zwar selbständig, auch von der 
antiken scharf getrennt. Die Gegensätze der philosophischen 
Schulen und der politischen Parteien brachten freilich auch 
hier eine grosze und lebhafte Meinungsverschiedenheit hervor; 
und fast niemals stimmte der eine Schriftsteller mit dem 
andern völlig zusammen. Aber bis in unser Jahrhundert hin- 
ein herrschte in den vielerlei Darstellungen des Naturrechts 
und des allgemeinen Statsbegriffs der Grundgedanke vor, dasz 
der Stat wesentlich eine Gesellschaft von Einzelnen und 
daher ein freies Werk der individuellen Willkür sei. Der 
absolutistische Hobbes, 4 der die Statsgewalt des Monarchen 
zu dem Alles verschlingenden Leviathan macht, ist darin mit 
dem radicalen Rousseau 5 einig, dessen Volkssouveränetät 
den Fortbestand der ganzen Statsordnung jeden Augenbliek 
in Frage stellt. Der geistreiche Samuel Puffendorf 6 be- 

4 Höbbrs de Cive S. 87. „Civitas ergo est persona una (?), cujus 
volimtas ex pactis plurium hominum pro voluntate habenda est ipsnrum 
hominum; ut singulorum viribus et facultatibus uti possit ad pacem et 
defensionem communem. " 

5 Rousseau, Contract Social, c. 6.: „Eine Form der gesellschaft- 
lichen Verbindung (Association) zu finden , welche mit aller gemeinsamer 
Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Gesellschafters ver- 
theidige und schirme, und durch welche jeder Einzelne sich mit allen 
vereinigend doch nur sich selber gehorche und eben so frei bleibe als 
zuvor? das ist das tiefe Problem, das in dem Gesellschaftsvertrag seine 
Lösung findet." 

6 De jure Naturali et gentium VII. 2. 13. „Unde civitatis haec 
commodissima videtur definitio, quod sit persona moralis composita, cujus 
voluntas ex plurium pactis implicita et imita pro voluntate omnium ha- 
betur, ut singulorum viribus et facultatibus ad pacem et securitatem 
communem uti possit. 



72 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



zeichnet zwar den Stat als eine „sittliche Person," aber der 
Statswille ist auch für ihn nur aus den Individualwillen Aller 
zusammengesetzt und er bildet die Theorie des Gesellschafts- 
vertrags, aus dem der Stat erklärt wird, mit Vorliebe aus. 
John Locke vertheidigt ebenso. die Vertragslehre mit pjtfer 
gegen die Angriffe der Frömmler und sieht in ihr eine Garantie 
der englischen Bürgerfreiheit. Auch Kant kommt nicht dar- 
über hinaus, obwohl er schon den Fusz erhebt, um über 
die Schranken der Vertragslehre wegzukommen : 7 und selbst 
Fichte in seinen früheren Schriften ist noch in jener An- 
sicht befangen. 

Der Stat der ganzen naturrechtlichen Philosophie ist 
wesentlich Vertrags- und Gesellschaftsstat, Hatten die 
alten Philosophen über dem Einen Stat die Rechte der Indi- 
viduen nicht hinreichend gewürdigt, so begingen die neuem 
Philosophen nun den entgegengesetzten Fehler, indem sie über 
der Rücksicht auf die Einzelnmenschen die Bedeutung des 
States als eines Ganzen verkannten. 

3. Obrigkeitlicher Statsb egrif f. Die naturrecht- 
liche Lehre von dem Gesellschaftsstate konnte erst in dem 
modernen Weltalter zu allgemeiner Verbreitung kommen und 
zu Versuchen ihrer Verwirklichung führen. Dem absolutisti- 
schen Charakter der beiden Jahrhunderte vor 1740 sagte nur 
eine Statslehre zu, welche den Stat von oben her begriff und 
vornehmlich auf die obrigkeitliche Gewalt gründete. 
Woher diese stamme, wurde dann nicht näher geprüft. Bald 
beruhigte man sich bei dem hergebrachten kirchlichen Glau- 
ben , dasz die Obrigkeit ihr Schwert von Gott empfangen habe, 
bald lehnte man sich an die patrimoniale Ueberlieferung an, 
dasz der Fürst der Obereigenthümer des Landes sei. Indessen 

7 Werke VII. 197 : „Verbindung Vieler zu irgend einem Zwecke ist 
in allen Gesellschaftsverträgen anzutreffen; aber Verbindung derselben, 
die an sich selbst Zweck ist, ist nur in einer Gesellschaft, soferne sie 
ein gemeinsames Wesen ausmacht, anzutreffen." 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung- und die Gegensätze der Statslehre. 



73 



muszten sich diese altern Doctrinen doch eine Umbildung 
gefallen lassen theils durch die entschiedene Betonung des 
öffentlich-rechtlichen Souveränetätsbegriffs, theils durch die 
unabweisbare Rücksicht auf das öffentliche Wohl. 

Der Stat erschien dann als das Reich der Herrschaft 
von Oben und die Obrigkeit wurde geradezu mit dem 
State selber identificirt. „Die Obrigkeit ist der Stat" 
(das l'etat c'est moi Ludwigs XIV.). Das war der Grund- 
gedanke dieser absolutistischen Statslehre, welche durch Bo- 
din und Hobbes vorbereitet vorzugsweise von dem Eng- 
länder Film er und dem Franzosen Bossuet theologisch 
ausgebildet und in hunderterlei Variationen der Schuldoctrin 
dargestellt wurde. Bei dieser einseitigen Beachtung der obrig- 
keitlichen Gewalt wurde natürlich das Recht und die Freiheit 
der Regierten gänzlich verdunkelt. Wie die römisch-katho- 
lische Kirche ihr Wesen nur in dem Klerus , zuoberst in dem 
Papste dargestellt hat, und die Laien wie eine Heerde Schafe 
betrachtete, welche von den geistlichen Hirten zu führen und 
zu scheeren sei, so hatten in dieser Statslehre nur der Fürst 
und die obrigkeitlichen Beamten einen Werth und wurden die 
Unterthanen nur als eine passive Masse angesehen , welche 
von oben her verwaltet und regiert werden müsse, aber keinen 
Anspruch auf Selbstverwaltung, noch auf Mitregierung, noch 
auf Controle der obrigkeitlichen Führung habe. 

4. Der Stat alsRechtsstat. Offenbar war es zunächst 
eine Verengung sowohl des naturrechtlichen als des obrigkeit- 
lichen Statsbegriffs , wenn Kant und Wilhelm von Hum- 
boldt den Stat für einen Rechsstat in dem Sinne erklär- 
ten, dasz seine einzige Aufgabe die Gewährung der Rechts- 
sicherheit für Jedermann sei. Zwar durchbrach Ficht e diese 
engen Grenzen, indem er den Stat zugleich als Wirthschaft- 
stat schilderte und ihm hier eine übermächtige Gewalt ein- 
räumte und gegen das Ende seines Lebens von der nationalen 
Erhebung für deutsche Freiheit begeistert, dem Stat noch 



74 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



höhere geistige Lebensaufgaben zuwies. Aber die meisten 
deutschen Philosophen und Juristen der nächsten Generation 
hielten sich doch in der Theorie an den engen kantischen 
Begriff. 

Wir begreifen es, dass der Gedanke bei Vielen Beifall 
fand, welche gegen die Vielregiererei der Zeit und gegen die 
Polizei- und Militärwillkür Schutz suchten. Aber wenn man 
oft den „Rechtsstat" dem „P olizeistat" entgegengesetzt 
und es als die Aufgabe der neuen Zeit bezeichnet hat, diesen 
durch jenen zu verdrängen und zu ersetzen, so war man dabei 
der reichen Natur des Stats nicht klar bewuszt. Der Stat 
darf eben so wenig zum bloszen Rechtsstat werden . als er ein 
bloszer Polizeistat sein darf. Die Ausbildung des „Rechtsstats~ 
einseitig verfolgt, würde zuletzt den Stat zu einer bloszen 
Anstalt für Rechtspflege verkrüppeln, in welcher die gesetz- 
gebende Gewalt das Recht im allgemeinen festsetzen , das Ge- 
richt dasselbe im einzelnen Falle zur Anerkennung bringen 
und schützen würde, und der Regierung fast keine andere 
Thätigkeit als die eines Gerichtsdieners oder der Gendarmerie 
übrig bliebe. Die nationalen Interessen der Wirthschaft . der 
Bildung, der Machtentfaltung würden verkümmern und von 
einer groszen Politik könnte nicht mehr die Rede sein. 
Umgekehrt würde eine einseitige Ausbildung des „Polizei- 
states" am Ende jede individuelle Rechtssicherheit und Frei- 
heit der ausschlieszlichen Rücksicht auf das , was dem Ganzen 
nützlich scheint, zum Opfer bringen und eine unerträgliche 
Bevormundung freier Männer herbeiführen. 

Versteht man daher unter Rechtsstat 

1) den Gedanken, dasz der Stat nur eine Anstalt sei, 
um die Rechte der Individuen zu schützen, so wird offenbar 
das ganze Staatsrecht zu einem bloszen Mittel für das Privat- 
recht, und der Stat zum bloszen Diener der Privatpersonen 
erniedrigt. 

Versteht man ferner unter Rechtsstat- 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 75 



2) die Meinung, dasz der Stat die Rechte der Ge- 
meinschaft zu ordnen und zugleich für Anerkennung der 
individuellen Rechte zu sorgen habe, so ist das zwar 
ganz richtig, aber durchaus ungenügend, indem gerade die 
fruchtbarste Thätigkeit des Statsmannes, die Sorge für die 
materielle Wohlfahrt und für die geistige Erhebung des Volks, 
übersehen wird; 

3) oder dasz der Stat zwar wohl dem Inhalte nach auch 
die öffentliche Wohlfahrt befördern, aber der Form nach doch 
nur insofern Zwang üben dürfe, als eine rechtliche JNoth- 
wendigkeit diesen begründe, so ist gegen diesen Gedanken 
zwar schwerlich etwas einzuwenden, aber zugleich wiederum 
klar, dasz damit nur eine Seite der statlichen Thätigkeit näher 
bestimmt, die Aeuszerung der statlichen Sorge aber, z. B. für 
Nahrungs-, Verkehrs- und Culturbedürfnisse, welche sich inner- 
halb jener rechtlichen Schranken frei bewegt und keines- 
wegs der Form des Zwanges bedarf, nicht begriffen 
wird. 

Versteht man unter dem Wort Rechtsstat 

4) die Verneinung der religiösen Begründung des Stats 
und die Behauptung seiner menschlichen Grundlage und Be- 
schränkung, oder 

5) die Bekämpfung jeder absoluten Statsgewalt und 
auch des Patrimonialstats, der sich mit der Polizeiwill- 
kür ganz .trefflich abzufinden gewuszt hat, und die Behauptung, 
dasz den Statsbürgern ein Antheil gebühre an den öffentlichen 
Rechten ; 

so werden zwar damit charakteristische Merkmale des 
modernen Stats gemeint, aber der Ausdruck ist sehr unglück- 
lich gewählt, um diese Gedanken anzudeuten. Besser wird er 
Verfassungstat genannt. 

Wie es zwei Seiten gibt des statlichen Wesens, Ruhe 
und Bewegung, Bestand und Entwicklung, Körper und Geist, 
und wie es diesem innern organisch verbundenen Gegensatz 



76 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



entsprechend vornehmlich zwei Statswissenschaften gibt. Stats- 
recht und Politik, so gibt es auch zwei grosze Stats- 
principien, welche wie zwei leuchtende Gestirne das Leben 
des States erhellen und befruchten, welche beide die Form 
und den Inhalt des States bedingen: die Gerechtigkeit 
(justitia) und die öffentliche Wohlfahrt (salus publica). 
Statsmänner werden vorzugsweise die letztere. Juristen eher 
die erste vor Augen haben. Die Idee des Rechts bestimmt 
vorzugsweise das Statsrecht. Die Idee der Wohlfahrt leitet 
vornehmlich die Politik. 

Die Sorge der Regierung wird sich mehr noch auf die 
öffentliche Wohlfahrt, obwohl innerhalb der Schranken des 
Rechtes beziehen, wie denn auch die statlich fortgeschrittenen 
Römer gerade den höchsten Magistraten die Sorge für die 
öffentliche Wohlfahrt als ihre oberste Pflicht ans Herz gelegt 
haben; 8 die Thätigkeit der Gerichte wird sich auf die Auf- 
rechthaltung der Rechtsordnung beschränken. Der Stat selbst 
aber bedarf zu seiner Existenz und zu seinem Gedeihen der 
steten Rücksicht sowohl auf die öffentliche Wohlfahrt als auf 
das Recht. Gerade der moderne Stat aber achtet in höherem 
Masze, als der mittelalterliche auf die Bedürfnisse des ge- 
meinen Wohles, und kann daher weniger als der letztere zu 
einem bloszen „Rechtsstate" werden. 

5. Historische Schule. Organische Statslehre. 
Ein Verdienst der historischen Schule ist es. den -organi- 
schen Charakter de's States von neuem ins Bewusztsein ge- 
bracht zu haben. Einzelne grosze Statsmänner hatten zwar 
ein lebendiges Verständnisz des organischen States bewahrt. 
Friedrich der Grosze von Preuszen z. B. sprach in seinem 
Antimachiavell (c. 9.) es deutlich aus: ..Wie die Menschen 
geboren werden, dann eine Zeit lang leben, endlich aus 
Krankheit oder Alter sterben, so bilden sich auch die Staten. 

8 Cicero, de Legibus III. e. 3. von den Consuln: „Ollis Salus Populi 
Suprema Lex Esto." 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 77 



gedeihen einige Jahrhunderte und gehen endlich wieder unter." 
Aber die Wissenschaft hatte diese Einsicht so sehr vernach- 
läszigt, dasz die Erneuerung derselben von Seite der histori- 
schen Schule wie eine neue Entdeckung wirkte, und die Fort- 
bildung der Wissenschaft doch nun eine ganz andere und 
fruchtbarere Eichtling nahm. Indessen war die historische 
Schule geneigt, den Begriff des States zu sehr als einen blosz 
nationalen aufzufassen , und die höhere m e n s c h 1 i c h e Be- 
deutung desselben zu übersehen, oder geradezu zu bestreiten. 
So erklärte Savigny den Stat als „die leibliche Gestalt der 
geistigen Volksgemeinschaft," als „die organische Erscheinung 
des Volks." 9 Der geniale Engländer Edm. Burke aber 
brachte den historischen Stat , indem er die revolutionäre 
Theorie bekämpfte, wieder in den Lichtkreis der göttlichen 
Weltordnung in jener berühmten Stelle seiner Betrachtungen 
über die französische Revolution: „Der Stat ist nicht eine 
Genossenschaft in Dingen, welche nur dem rohen leiblichen 
Dasein einer kurze Zeit währenden und vergänglichen Natur 
frohnden. Er ist eine Genossenschaft in aller Wissenschaft, 
in aller Kunst, in jeder Tugend und in jeder Vollkommenheit. 
Da eine derartige Genossenschaft ihr Ziel nicht in einigen 
Generationen erreichen kann, so wird sie zu einer Genossen- 
schaft, welche nicht allein die Lebenden verbindet, sondern 
auch die, welche bereits gestorben sind und die, welche noch 
geboren weiden. Jeder besondere Statsvertrag ist nur eine 
Klausel in dem grossen Urvertrage der ewigen Weltordnung, 
welcher die niedern Wesen mit den höhern verkettet , die sicht- 
bare und die unsichtbare Welt verbindet und zu einem festen 
Bechtsverhältnisz zusammenstimmt, das durch den unverletz- 
baren Eid geheiligt wird, welcher alle physischen und mora- 
lischen Naturen jede an ihrem angewiesenen Platze festhält." 10 

9 Savigny, Syst. des röm. Rechts. I. S. 2'2. 

10 Edm. Burke, Reflect. on the revpl. in France. Vgl. auch Leo, 
Weltgeschichte VI. S. 759, der die Gedanken Burke's weiter ausführt. 



78 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



Vor einer so hohen geistigen Erfassung des States konnte 
die mittelalterliche Lehre, dasz der Stat zur Kirche sich ver- 
halte wie der Leih zum Geiste, unmöglich bestehen. 

Die historische Schule nahm aber den Stat an wie er 
geworden war; und der auf die Vergangenheit gewendete 
Blick wurde von den Bildern des untergegangenen Lebens so 
mächtig angezogen , dasz viele Anhänger dieser Richtung dar- 
über das Verständnisz der Gegenwart und die Neigung an 
der Vervollkommnung der öffentlichen Zustände mitzuwirken 
einbüszten. Konnte man einem groszen Theil der naturrecht- 
lichen Schule vorwerfen, dasz ihre Statsidee ein Spielball der 
individuellen Willkür sei, so war auch die historische Schule 
nicht von dem Vorwurf freizusprechen, clasz ihr Statsbegriff 
noch festgebunden sei an die herkömmlichen Autoritäten und 
an die überlieferten Vorurtheile. 11 

6. Neuere deutsche Statsphilosophen. Hegel. 
Stahl. Obwohl die Arbeiten der historischen Schule fast 
ausschlieszlich auf die Rechtsgeschichte und die politische Ge- 
schichte einzelner bestimmter Staten beschränkt blieben, so 

Jene glänzende Aeuszerung des Staatsmannes erinnert an die nicht min- 
der erhebenden Worte Shakespeare's (Troilus und Cress. III. 3.): 
„Ein tief Geheimnisz wohnt (dem die Geschichte 
Stets fremd geblieben) in des States Seele: 
Desz Wirksamkeit so göttlicher Natur, 
Dasz Sprache nicht noch Feder sie kann deuten." 
Vgl. auch Shakespeare's König Heinrich V. — 1. 2.: 
Exeter: „Dein Regiment, zwar hoch und tief und tiefer 
Vertheilt an Glieder, hält den Einklang doch 
Und stimmt zu einem vollen reinen Schlusz, 
So wie Musik." 
Canterbury: „Sehr wahr! Drum theilt der Himmel 

Der Menschen Stand in mancherlei Beruf. 
Und setzt Bestrebung in beständ'gen Gang. 
Dem als zum Ziel Gehorsam ist gestellt." 
11 In den Schriften von De Maistre und Ludwig Hai ler nahm 
die geschichtliche Richtung geradezu einen reactionären, die Rückkehr in 
mittelalterliche Zustände verlangenden Charakter an. 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 



79 



zog doch auch die speculative Philosophie aus den neuen 
Forschungen Gewinn. 

Sogar Hegel nahm in seiner Rechtslehre mehr Rück- 
sicht auf die geschichtliche Statenbildung , als es die früheren 
Naturrechtslehrer gethan hatten. Freilich vermeinte er in der 
Weltgeschichte einen dialektischen Procesz der Vernunftthätig- 
keit zu begreifen. Das „Bestehende" erschien ihm ver- 
nünftig. Seine Lehre verherrlichte vorzüglich den damaligen 
preuszischen Stat, der noch absolut, wenn gleich im Gefühl 
der öffentlichen Pflichten regiert wurde. Sie vertheidigte die 
monarchische Machtfülle uud wirkte nicht förderlich für die 
constitutionelle Freiheit. Aber mit Nachdruck hob er wieder 
die sittliche Bedeutung des States hervor und pries den 
Stat, im Gegensatze zu den jämmerlichen Vorstellungen , dasz 
er ein notwendiges Uebel sei , als die höchste und herrlichste 
Verwirklichung der Rechtsidee. 

Der Hegeische Stat ist jedoch nur eine logische Abstrak- 
tion, kein lebendiger Organismus, ein bloszer logischer Ge- 
danke , keine Person. 12 Indem Hegel den Stat wie das Recht 
lediglich auf den Willen gründet, übersieht er, dasz im State 
nicht blosz der menschliche Gesammtwille thätig ist, sondern 
alle menschlichen Geistes- und Gemüthskräfte zusammen 
wirken. 

Fr. J.Stahl, der nach Hegel der bedeutendste Vertreter 
der philosophischen Statslehre in Berlin war, bekämpfte die 
naturrechtliche Schule und die Hegeische Lehre mit Eifer 
und Geschick. Er unternahm es die geschichtliche Richtung 
mit der phantasiereichen Speculation Sendlings zu ver- 
mählen. 

In vielen Beziehungen hat Stahl durch seine dialektische 

12 Hegel, Rechtsphilosophie §. 57: „Der Stat ist die Wirklichkeit 
der sittlichen Idee, der sittliche Geist als der offenbare, sich selbst deut- 
liche substantielle Wille, der sich denkt und weisz, und das was er 
weisz und insofern er es weisz, vollführt," Vgl. "Werke IX. §. 44. 



80 



Erstes Buch. Der Statsbegrift. 



und kritische Gewandtheit neue Gesichtspunkte zu finden und 
durch den Scharfblick, mit dem er manche dunkle Stelle be- 
leuchtete, die Statswissenschaft sehr gefördert; in anderer 
Hinsicht aber hat sein Mangel an gründlicher historischer 
Bildung und seine diensteifrige Sophistik, welche den roman- 
tischen Liebhabereien groszer und kleiner Herren moderne 
Formeln zur Verfügung stellte, auch in der Wissenschaft 
groszen Schaden angerichtet. Stahl bezeichnet den Stat als 
ein „sittlich - intellectuelles Reich," als „die Einigung der 
Menge zu Einer geordneten Gemeinexistenz , die Aufrichtung 
einer sittlichen Autorität und Macht mit ihrer Erhabenheit 
und Majestät und der Hingebung der Unterthanen." Seine 
Statsidee ist lebendiger als die Hegels, er erkennt auch an. 
dasz die Herrschaft des States „beschränkt sei auf den Ge- 
meinzustand" und hütet sich so vor der Ueb'erspannung des 
antiken Stats. Aber durch seine ganze Statslehre geht wie 
ein rother Faden ein Zug der alttestamentlichen Theokratie 
durch , welcher dieselbe für die moderne europäische Welt doch 
ungenieszbar macht. Die göttliche — oder übermenschlich 
gedachte — Majestät der Statsgewalt kann mit der menschlich 
bürgerlichen Freiheit keinen Frieden schlieszen. 

7. Verbindung der philosophischen und der 
historischen Methode. Die nationale Statslehre. 
Der alte Streit der philosophischen und der geschicht- 
lichen Schule in Deutschland hat gänzlich aufgehört. Schon 
zu Anfang der Vierzigerjahre wurde der Friede abgeschlossen. 
Seitdem wird es allseitig anerkannt, dasz eine geschichtliche 
Darstellung geistlos ist, wenn sie ntcht die Erfahrungen und 
Erscheinungen der Geschichte mit dem Lichte der Idee be- 
leuchtet, und dasz eine Speculation kindisch ist, wenn sie 
nicht die realen Voraussetzungen des Völkerlebens beachtet. 
Diese Verbindung der beiden Methoden, die sich ergänzen 
und berichtigen, hindert freilich nicht, dasz nicht bei den 
einen die philosophische, bei den anderen die geschichtliche 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 



81 



Betrachtung überwiegt, je nach der verschiedenen Geistesart 
der Autoren. 

Andere charakteristische Züge der neueren Statswissen- 
schaft sind die schärfere Kritik, welche sowohl in der Prü- 
fung der Thatsachen als bei der Abstraction aus den That- 
sachen und der Construction der Begriffe geübt wird. Diese 
Kritik betrachtet den Stat von den verschiedensten Stand- 
punkten. Um einige der angesehensten Schriftsteller zu nen- 
nen, so tritt in den Werken Roberts von Mohl vorzüglich 
der litterarische Gesichtspunkt, aber verbunden mit einer 
nüchtern verständigen Prüfung der Brauchbarkeit im Leben 
hervor. Alexis de Tocqueville hat immer die Bewegung 
der groszen Politik vor Augen, mag er die amerikanische 
Demokratie , oder den Zusammenhang der französischen Revo- 
lution mit dem ancien regime, oder die Zustände der engli- 
schen Aristokratie schildern. Auf die Schriften des Barons 
Eötvös hat das Misztrauen gegen die modernen Ideen ein- 
gewirkt, John Stuart Mi 11 kritisirt die öffentlichen Zu- 
stände von dem radicalen aber durch englisches Naturell er- 
mäszigten Standpunkt logischer Abstraction. T h o m a s B u c k 1 e 
wendet die naturwissenschaftliche Methode auf die Statslehre 
an und versucht das Statsleben aus der Berechnung der wir- 
kenden Naturkräfte zu erklären. 

Wieder bei andern hat die Kritik einen entschieden ge- 
schichtlichen Charakter, wie vorzüglich bei Gn ei st , dem 
gröszten Kenner der englischen Verfaszungsgeschichte , bei 
Edouard Laboulaye, der mit Vorliebe den nordamerika- 
nischen Stat beachtet, und bei Heinrich von Treitschke. 
der zuerst die Bedeutung der preuszischen Monarchie glänzend 
beleuchtet hat, Bei Lorenz von Stein folgt dieselbe mehr 
noch der pragmatische n Richtung auf die Statsverwaltung 
im Einzelnen. 

In der neueren Schule Gerbers hat die Kritik vorzugs- 
weise einen juristischen Charakter bekommen, der aber, 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. G 



82 



Erstes Buch. Der Statsbegriff. 



" wie manche Schriften seiner Schüler zeigen, die Gefahr in 
sich birgt, die politische Entwicklung durch formale Abstrac- 
tionen eher zu hemmen als zu fördern. 

Im Gegensatze dazu versucht es die psychologische 
Betrachtung des States, das Statsleben aus den Formen und 
den Kräften des menschlichen Geistes gründlicher zu erklären. 
Die damit verbundene Gefahr ist die entgegengesetzte, näm- 
lich dasz der feste und gesicherte Rechtsboden von der Be- 
wegung der Politik nicht hinreichend beachtet, sondern er- 
schüttert und umgebildet würde. 

Zu der neuen Richtung paszte die vergleichende 
Methode vortrefflich, welche die wichtigsten Staten neben 
einander betrachtete und darstellte. Die meisten der ge- 
nannten Schriftsteller haben dieselbe mit Erfolg geübt. Für 
die allgemeine Statslehre ist dieselbe unentbehrlich. 

Endlich muszte in dem Zeitalter nationaler Statenbildung. 
in welchem wir leben, die Statslehre entschiedener als früher 
den nationalen Charakter des Stats betonen. Welcker 
in Freiburg, Franz Lieber in New- York, Fr. Laurent in 
Gent, Bluntschli in Zürich und München hatten diese 
Richtung schon vor den nationalen Einigungsversuchen der 
Italiener und der Deutschen in der Wissenschaft eingeschlagen. 
Mit besonderem Nachdruck — anfangs nicht ohne einseitige 
Leidenschaft — wurde die nationale Begründung des Stats 
von der neu erstandenen, jugendlich-frischen Statswissenschaft 
der Italiener vertreten, unter denen Mancini und Padeletti 
in Rom, und Pierantoni in Neapel hervorragen. Auch die 
Italiener wie die Deutschen verbinden fortwährend die histo- 
rische und die philosophische Methode in ihren Arbeiten. 

Anmerkung. Das Verständnisz des organischen oder hoher 
ausgedrückt des ps 3^ chologisch -menschlichen Wesens des States 
ist noch immer gering. Wie es Menschen, zuweilen gebildete Menschen 
gibt, die kein musikalisches Gehör haben oder für die Schönheit eines 
Gemäldes oder einer Zeichnung durchaus unempfindlich sind, so gibt es 
auch unter den Gelehrten viele, welchen organisches oder psychologisches 



Siebentes Capitel. Die Entwicklung und die Gegensätze der Statslehre. 83 



Denken gänzlich fremd ist. Man darf ihnen das nicht zur Schuld an- 
rechnen, denn Niemand kann über seine Naturanlage hinaus gehen. Aber 
sie thun wohl, sich jedes Urtheils zu enthalten über die Dinge, die sie 
nicht verstehen; denn sonst offenbaren sie mit dem Mangel ihres Ver- 
ständnisses zugleich ihren anmaszlichen Sinn. 

Einer der Ersten, welche der organischen Betrachtung Bahn gebrochen 
haben, war Fr. Schmitthenner, der den Stat als „ethischen Organis- 
mus" erklärte, „bestimmt die öffentlichen Angelegenheiten des äuszern 
Lebens, des Rechtes, der Wohlfahrt und der Bildung zu vertreten." 

Einen merkwürdigen Versuch hat Vollgraff gemacht, die Stats- 
lehre auf die Psychologie der Völker zu gründen (Erster Versuch einer 
wissenschaftlichen Begründung, sowohl der allgemeinen Ethnologie durch 
die Anthropologie wie auch der Stats- und Rechtsphilosophie durch die 
Ethnologie oder Nationalität der Völker. III Theile. 1851—1853). Das 
Werk gibt sich selbst als „ersten Versuch" und ist als solcher ehrenwerth. 
Aber dasselbe ist doch nicht geeignet, die psychologische Methode zu 
Ehren zu bringen. Weder befriedigt die Darstellung der menschlichen 
Seelenkräfte, noch die Schätzung der verschiedenen Temperamente; und 
der angesammelte ansehnliche Stoff von historischen Notizen und mannig- 
faltigen Beobachtungen und Reisebemerkungen ist zu wenig kritisch 
verarbeitet und gar zu sehr mit bloszen Phantasiebildern gemischt, so 
dasz auch das Gefühl der realen Sicherheit nicht aufkommt. 

Ahrens, dem Philosophen Krause folgend, hat es unternommen, 
eine „organische Statslehre" zu schreiben (H. Ahrens, die or- 
ganische Statslehre. Bd. I. Wien 1850). Aber er versteht unter dem 
Organismus des Stats nicht so wohl ein lebendiges persönliches Gemein- 
wesen, als vielmehr eine organische Einrichtung für Rechtsgemeinschaft, 

Waitz (Politik. 1862. I. 1.) endlich sagt vom Stat: „Der Stat ist 
nichts willkürlich Gemachtes, nicht durch Vertrag der Menschen, nicht 
durch Gewalt eines oder einiger Einzelnen entstanden. Der Stat erwächst 
organisch als ein Organismus , aber nicht nach den Gesetzen und für die 
Zwecke des Naturlebens, sondern er ruht, auf den höheren sittlichen 
Anlagen der Menschen, in ihren wahren sittlichen Ideen; es ist kein 
natürlicher, ein ethischer Organismus. Der Stat ist die Organisation 
des Volks." Der Stat ist aber nicht die Verwirklichung des sittlichen 
Lebens überhaupt. Die sittlichen Anlagen der Menschen und die sitt- 
lichen Ideen bestimmen ebenso das Privat- wie das Statsleben, die Kirche 
wie den Stat, die Familie und die Gesellschaft, Nur wenn die mensch- 
liche Gesammt-Natur der Völker und der Menschheit psycho- 
logisch verstanden wird, ist eine unterscheidende und erklärende Grund- 
lage gewonnen für den Stats - Begriff. In meinen „Psychologischen 
Studien über Stat und Kirche," Zürich 1844, ist der erste Versuch 
gemacht, den Stat aus der Psychologie Fr. Rohmers zu erklären. Ich 
setzte dabei irriger Weise einiges Verständnisz für diese in der „Lehre 



84 



Erstes Buch. Der Statsbogriff 



von den Parteien" zu Tag getretene Wissenschaft voraus, machte aber 
die Erfahrung, dasz nicht allein jenes nicht vorhanden, sondern dasz 
jedes psychologische Denken über den Stat der heutigen Schulbildung 
abhanden gekommen sei und fremdartig erscheine. Die Studien wurden 
von den Mitlebenden wie eine „unbegreifliche Narrheit eines sonst doch 
verständigen Mannes" verworfen. Die Früchte, jener Studien aber, wie 
sie später in diesem Werke herangereift sind, werden ziemlich allgemein 
mit Gunst und Dank angenommen. Inzwischen ist die Zeit näher ge- 
rückt, in der auch der Weg, den jene Studien eingeschlagen haben, nicht 
mehr als abenteuerlich erscheinen und die organisch - psychologische Er- 
kenntnisz des Stats mit Vorliebe gepflegt werden wird. Dann wird auch 
der Werth oder Unwerth jener „Studien" richtig beurtheilt werden können. 
Inzwischen linde ich eine Genugthuung für manches Miszverständnisz und 
manche Miszachtung, die ich erfahren habe in der Wahrnehmung , da-/, 
die beiden genialsten deutschen Stat smärmer F r i e d rieh der G r o s z e 
und Fürst Bismarck ihr psychologisches Verständnisz des Völker- und 
Statslebens durch That und Wort bewährt haben. 



Zweites Buch. 



Die Grundbedingungen des Stats in der Menschen- 
und Volksnatur. 



Erstes Capitel. 

I. Die Menschheit, die Menschenrassen und die Völker- 
familien. 

Die Menschheit hat ihre Gesammtorganisation in dem 
Weltreiche noch nicht gefunden. Vorerst kennt die Geschichte 
nur einzelne Reiche und Staten, welche auf Bruchtheile der 
Menschheit beschränkt sind. Das allgemeine Statsrecht unserer 
Zeit musz daher voraus jene Theile beachten, und das Ver- 
hältnisz der Völker zur Menschheit und zum State bestimmen. 

Der Glaube an die Einheit des Menschengeschlechts 
ist dem gereinigten religiösen Gefühl unentbehrlich. Das 
Christenthum hat alle Menschen zur Kindschaft Gottes be- 
rufen. Der civilisirte Stat setzt diese Einheit ebenfalls vor- 
aus und achtet auch in den niedern Rassen und Stämmen 
doch die gemeinsame Menschennatur. Für den Stat und das 
Statsrecht aber ist neben jener Einheit der Menschheit die 
Verschiedenheit der Rassen von höchster Bedeutung; 
denn im State erscheinen die Menschen geordnet und Ordnung 
ist nicht denkbar ohne Unterscheidung. 



86 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Die Wissenschaft hat bis jetzt den Schleier, welcher den 
geheimniszvollen Ursprung der verschiedenen Hau p t rass e n 
der Menschheit deckt, nicht zu heben vermocht. Beruhen die 
Hassen auf verschiedenen Schöpfungsacten und sind die einen 
Kassen früher, die andern später erschaffen worden V Oder 
haben sich die verschiedenen Rassen aus der ursprünglichen 
Einen Urrasse allmählich losgetrennt und kraft welcher Natur- 
gewalten? Wir wisseii es noch nicht. Die Verschiedenheit der 
Hauptrassen aber sowohl in ihrem Körperbau und in ihrer 
Farbe, als in ihrer geistigen Anlage ist schon da in den 
ersten Anfängen der bekannten Entwicklungsgeschichte der 
Menschheit und sie ist bis auf heute wesentlich dieselbe ge- 
blieben. Es hat sich wohl keine derselben ganz rein erhalten 
und mancherlei Mischungen der Geschichte haben grosze Be- 
standteile der Urrassen zum Theil losgerissen von der Ge- 
meinschaft mit den übrigen Massen, zum Theil zu neuen 
Völkern umgewandelt. Aber immerfort sind die Gegensätze 
der weiszen, der schwarzen, der gelben und wohl auch 
der rothen Rassen erkennbar und wirksam und mehr noch 
in der Entwicklungsgeschichte als in ihren zuweilen trügeri- 
schen Farben. Es gibt wohl manche selbst sehr geistreiche 
Männer , welche die geistige Ungleichheit dieser Rassen in der 
Theorie läugnen, aber schwerlich einen, der dieselbe im prac- 
tischen Leben und Verkehr nicht fortwährend beachtet. Die 
ganze Weltgeschichte zeugt von Jahrhundert zu Jahrhundert 
für die verschiedene Begabung der Rassen , und selbst für die 
ungleiche Fähigkeit der einzelnen Völker, die aus ihnen er- 
wachsen sind. 

1. Es ist wahrscheinlich, dasz die schwarze äthiopi- 
sche Rasse, die Nachtvölker, wie Carus sie nennt, in 
der Vorzeit nicht blosz Afrika, den vornehmlich für sie be- 
stimmten Welttheil , sondern ebenso die südlichen Länder von 
Asien überdeckt und sogar in den südlichen Ausläufern des 
europäischen Festlandes Wohnsitze gehabt habe. Ueber das 



Erstes Cap. I. Die Menschheit, die Menschenrassen u. die Völkerfamilien. 37 



hohe Alter dieser vielleicht erstgebornen Rasse kann kein 
Zweifel sein. Aber nie und nirgends hat es diese Rasse von 
sich aus zu einer auch nur einigermaszen civilisirten Rechts- 
und Statenbildung gebracht, Sie hat keine wahre Geschichte. 
In jedem Zusammentreffen mit Individuen oder Stämmen der 
weiszen Rasse ist sie sofort unter deren Herrschaft gerathen. 
So ausschweifend ihre Phantasie und so reizbar ihre Sinnlich- 
keit ist, so mangelhaft ist ihr Verstand ausgestattet und so 
schwach ihr Wille. Von Natur kindisch ist sie auf die Er- 
ziehung und Beherrschung durch höhere Völker angewiesen. 

Schon im Alterthum wurde die schwarze Rasse in Indien 
und in Aegypten von den weiszen Ariern und Semiten be- 
herrscht. Heute noch sind die alten afrikanischen Negerherr- 
schaften keine wirkliche Staten, sondern willkürliche und 
launenhafte Despotien. Einen erheblichen Fortschritt machten 
diese Stämme, wie sie unter die Leitung der mohammedani- 
schen Religion und Cultur kamen , wie insbesondere in Nord- 
afrika und in den Reichen des mittleren Sudan. Die Nach- 
bildung des französischen Imperatorenthums durch die Neger 
auf der Insel Hayti und der nordamerikanischen Republik in 
dem Negerstate Liberia macht auf Europäer oder Amerikaner 
eher den Eindruck eines Schauspiels, welches das Leben stat- 
licher Völker nachahmt, aber nicht verwirklicht. 

2. Einen ältlichen Ausdruck dagegen hat die röth- 
liche Rasse der Amerikanischen Stämme, der Indianer. 
Für den Stat haben aber auch sie nur eine geringe Begabung. 
Zwar gab es in Amerika, vor der Colonisation durch die Euro- 
päer, gröszere Staten, mit einer ansehnlichen und ehrwürdigen 
Civilisation. Aber es scheint, dasz die theokratischen Reiche 
von Peru und Mexiko nicht das Werk der einheimischen 
Rasse, sondern von Einwanderern aus Ost- und Südasien ge- 
gründet waren. Die Bezeichnung der Inkas in Peru als »^Weiszer 
Sonnenkinder" und die Verehrung der weiszen Männer als 
„Göttersöhne" weisen unverkennbar auf arischen LTrsprung hin. 



8$ Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Wo die Indianer sich selbst überlassen blieben . da ver- 
wilderten sie wieder als Jäger und zerfielen sie in kleine 
Gruppen. Ihre Stammesrepubliken mit wechselnden Häuptern, 
eifrigen Rednern und Versammlungen der Männer, haben 
keinen festen Rechtsboden und keine gesicherten Institutionen. 
Sie sind Jägergenossenschaften, nicht Staten. Die einzel- 
nen Männer leben wohl in eigenwilliger und trotziger Freiheit, 
aber der Verband des Ganzen ist roh und ungefüge. Dem 
Fortschritte der weiszen Colonisation vermögen sie keinen 
Widerstand zu leisten. Sie werden verdrängt und aufgezehrt. 

3. Bedeutender für die statlichc Entwicklung ist die so- 
genannte gelbliche Rasse, deren Heimat Asien geblieben 
ist, mit ihren beiden Hauptstämmen, dem bräunlicheren 
Typus der Malajen und dem helleren der finnisch- 
mongolischen Völker. Besonders die leztere Völkerfamilie 
hat viele grosze Fürsten , Heerführer und Statsmänner hervor- 
gebracht. Ein Theil freilich dieser Stämme blieb fortwährend 
und bis auf den heutigen Tag in nomadischem Zustand, 
als Hirten, Jäger und Räuber, vorzüglich in Mittelasien. Aber 
andere Völker von dieser Rasse haben grosze Reiche gegründet. 
Sie sind durchweg roher im Westen geblieben und humaner 
im Osten geworden. Die ganze Rasse steht der kaukasischen 
näher als die der Neger und der Indianer, und hat sich früh- 
zeitig, zumal in den oberen Gassen, mit Weiszen gemischt. 
Zu einer höheren Civilisation als die Hunnen und die Tür- 
ken haben es die Culturvölker von China und Japan ge- 
bracht. Sogar eine feine Statsphilosophie ist ihr Werk: und 
die Ideale der Humanität im Gegensatz zur Barbarei und des 
persönlichen Verdienstes im Gegensatz zu dem Rang der Ge- 
burt sind bei ihnen früher noch zur Geltung gelangt als unter 
den arischen Europäern. Für die Landwirtschaft, die Gewerbe, 
für die Schulen und die Polizei haben sie Bedeutendes ge- 
leistet, Aber ihre Rechtsideen blieben gemischt mit den 
moralischen Vorschriften und sind gebunden durch die Rück- 



Erstes Cap. I. Die Menschheit, die Menschenrassen u. die Völkerfamilien. gQ 



sichten auf das Familienleben und die Zucht der Unmündigen. 
Ihr Regiment hat einen wohlwollenden, aber oft auch einen 
despotischen Charakter. Das Ehrgefühl ist unempfindlich und 
die Volksfreiheit bei ihnen nicht entwickelt. 

4. Ueber alle diese Rassen erhebt sich aber die weisze 
Rasse der sogenannten kaukasischen oder iranischen Völker 
die Carus im Gegensätze zu den Nacht- und Dämmerungs- 
(Morgen- und Abend-) Völkern als Tagvölker bezeichnet, die 
Kinder der Sonne und des Himmels, wie das Alterthum sie 
benannt hat, Sie sind vorzugsweise die historischen Völker. 
Sie bestimmen die Geschichte der Welt. Alle höheren Reli- 
gionen, welche den Menschen mit Gott verbinden, zind zuerst 
durch Männer von ihrem Stamme geoffenbart worden , fast alle 
Philosophie ist aus den Arbeiten ihres Geistes hervorgegangen. 
Im Zusammenstosz mit den andern Rassen sind diese zuletzt 
immer von ihnen besiegt und ihnen unterthan worden. Alle 
höhere Statenbildung gehört ihrem Impuls an, und ist ihr 
Werk. Die höchste Civilisation und die Vervollkommnung der 
geistigen Zustände der Menschen verdanken wir — nächst 
Gott — ihrem Verstände und der Energie ihres Willens. 

Diese Tagvölker theilen sich aber in zwei grosze Völker- 
familien, die semitischen und die arischen (indo- ger- 
manischen) Völker. Die Semiten haben vorzugsweise eine 
religiöse Mission für die Welt, Das Judenthum, das Christen- 
thuin und der Islam, alle diese Religionen sind zuerst unter 
semitischen Völkern im Orient verkündet worden. Für den 
Stat aber sind sie weniger begabt, Dagegen nimmt für die 
politische Geschichte und die Rechtsbildung hinwieder die 
arisch e Völkerfamilie, deren Sprache auch die formen- und 
gedankenreichste ist, den obersten Rang ein, und diese hat 
voraus in Europa ihre wahre Heimat gefunden und da ihren 
männlichen Statsgeist zur Reife entfaltet. Darauf ist das Recht 
dieser europäisch -arischen Völker begründet, die übrigen 
Völker der Erde mit ihren Ideen und ihren Institutionen 



90 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



politisch zu leiten und so die Organisirung der Menschheit 
zu vollziehen. 

Wir betrachten so die Verschiedenheit der Menschenrassen 
als ein Werk der schöpferisch erregten Natur, nicht als ein 
Werk unserer menschlichen Geschichte, und erkennen in ihnen 
natürliche Varietäten der Menschheit. Dagegen die 
Völker, in welche die Rassen sich theilen, oder welche aus 
der Mischung verschiedener Rassen entstanden sind , sind offen- 
bar das Erzeugnisz unserer Geschichte. Die Völker sind 
historische Glieder der Menschheit und ihrer Rassen. 
Zwar kennen wir auch Urvölker, d. h. die uns schon in den 
ersten Zeiten begegnen, aus welchen uns eine dürftige Kunde 
zugekommen ist, oder deren Ursprung sich in ein dunkles 
Alterthum verliert. Aber wir kennen eine sehr grosze Zahl 
Völker, deren Entstehung in den Bereich unserer historischen 
Kenntnisz fällt und haben Gründe genug für die Annahme, 
dasz auch jene Urvölker in ähnlicher Weise entstanden seien. 
Die Geschichte durch ihre Trennungen und Vermischungen, 
wie durch ihre Wandlungen und Entwicklungen hat im Laufe 
der Zeit die Völker gesondert und neue Völker hervorgebracht. 
Die Eigenthümlichkeit der Völker zeigt sich daher weniger 
noch in ihrer physischen Erscheinung als in ihrem Geist und 
in ihrem Charakter, d. h. in der Sprache und im Recht. 

Anmerkungen. 1. Prichard hat in seinem Werke: Natur- 
geschichte des Menschengeschlechtes (in deutscher Uebersetzung von 
R. Wagner, Leipzig 1840, 4 Thle.) vorzüglich die physiologischen und 
sprachlichen Unterschiede und Verwandtschaften der wesentlichen Rassen 
behandelt; A. de Gobinean dagegen in seinem Essai sur l'inegalite 
des races humaines, Paris 1652 — 55, mehr die politischen Gegensätze 
darzustellen gesucht. So anregend und interessant diese Untersuchungen 
sind, so ist in beiderlei Hinsicht noch sehr viel zu thun, um sichere 
wissenschaftliche Resultate zu erreichen. Das neueste und vielseitige 
Werk ist von Th. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. 

2. Man hat die Bedeutung der Rasse für Recht und Stat lange in 
der Wissenschaft übersehen und miszachtet. Das Werk von Gobineau 
sucht diesem Mangel abzuhelfen, verirrt sich aber nicht selten in den 



Zweites Capitel. II. Die Begriffe Nation und Volk. 



Ol 



entgegengesetzten Fehler, Alles aus der Anlage der Rasse erklären zu 
wollen. Er faszt die Rasse überdem zu sehr als Geburtsrasse auf 
und betont die Einwirkung der Abstammung und des Geblüts zu aus- 
schlieszlich. Es gibt aber nicht blosz eine angeborene Rasse — 
allerdings die ursprüngliche und natürliche Bedeutung der Rasse — es 
gibt auch eine anerzogene Rasse, die wir sowohl in den Familien 
als in den Völkern deutlich wahrnehmen, und die obwohl secundär und 
in höherem Grade von menschlicher Freiheit bestimmt, doch einen ge- 
waltigen Einflusz auf die Rechtsbildung übt. Man denke nur an den 
römischen Klerus in dem modernen Europa, um sich die Macht der an- 
erzogenen Rasse zu vergegenwärtigen. Von der Rasse ist das Indi- 
viduum zu unterscheiden, und die individuelle Einwirkung nicht minder 
zu beachten. Die Weltgeschichte ist fast mehr noch von den Individuen 
als von den Rassen bestimmt worden. Die wichtigen Aufschlüsse, 
welche über diese Gegensätze in Friedr. Rohmers Lehre von den 
politischen Parteien (dargestellt durch Theodor Rohm er, Zürich 1844) 
gegeben werden, sind noch nicht so beachtet und gewürdigt worden, 
wie das Werk es verdient. 



Zweites Capitel. 
II. Die Begriffe Nation und Volk. 

Der vulgäre Sprachgebrauch vermischt und verwechselt 
die ^beiden Ausdrücke Nation und Volk, welche die Wissen- 
schaft sorgfältig zu unterscheiden genöthigt ist. Aber auch 
die wissenschaftliche Sprache wird vielfältig dadurch verwirrt, 
dasz die verschiedenen Culturvölker denselben Wörtern einen 
verschiedenen Sinn beilegen. 

Wir verstehen in der deutschen Sprache, ebenso wie die 
alten Römer in der lateinischen Sprache unter Nation 
(nationalitä der Italiener) einen Cultur begriff, den die 
neueren Franzosen und Engländer eher peuple und peeple 
nennen. Wir heiszen den Statsbegriff Volk (populus), 
welchen die Westvölker eher nation nennen. Die Etymologie 
spricht für den deutschen Sprachgebrauch, denn das Wort 
natio (von nasci) deutet auf die Geburt und die Rasse, und 



92 Zweites Buch. Die Grundbedingungen ilesStats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



die Wörter Volk und popultis weisen eher auf das öffentliche 
Gemeinwesen (nolig, res publica) hin. 

Demgemäsz waren die Deutschen im Mittelalter zugleich 
eine Nation und ein Volk und in den letzten Jahrhunderten 
wohl eine grosze in vielerlei Staten und Länder, beziehungs- 
weise Völker zertheilte Nation, aber es gab kein deutsches 
Volk mehr. Heute ist das deutsche Volk wieder erstände]], 
aber auszerdem sind noch einzelne Theile der deutschen 
Nation Bestandteile auszerdeutscher Völker und Staten. Ob- 
wohl das nationale Bewusztsein in unserer Zeit stärker ist, 
als in irgend einer früheren Periode, so decken sich auch 
heute noch die Begriffe Nation und Volk nirgends völlig. 
Der Umfang und die Grenzen beider sind nicht dieselben. 

Die Nationen und die Völker sind Bildungen der Ge- 
s chi cht e. Die Entstehung einer Nation vollzieht sich lang- 
sam, durch einen psychologischen Procesz, welcher all- 
mählich in einer Masse Menschen eine unterscheidende Da- 
seinsform und Lebensgemeinschaft hervorbringt und in der 
erblichen Kasse befestigt. Niemals ist aus einer willkürlich 
zusammen gerotteten oder geworbenen Menge Menschen eine 
Nation entstanden. Auch die freie TVillensübereinkunft und 
der gesellschaftliche Vertrag von vielen Individuen vermag 
nicht, eine Nation zu schaffen. Zu ihrer Bildung müssen die 
Erlebnisse und Schicksale von mehreren Generationen zu- 
sammen wirken, und sie hat erst dann Bestand gewonnen, 
wenn ihre Eigenart durch die Fortpflanzung der Familien 
und die Ueberlieferung der Cultur von Geschlecht zu Ge- 
schlecht erblich geworden ist, 

Die Entstehung eines Volkes setzt einen politischen 
Procesz, eine Statenbildung voraus, und kann daher, am 
sichersten freilich auf nationaler Grundlage, auch rasch durch 
eine neue Organisation vollzogen werden. 

Bei der Bildung der Nationen wirken durchweg mehrere 
Kräfte und Factoren zusammen, welche geeignet sind, die 



Zweites Capitel. II. Die Begriffe Nation und Volk. 



93 



Massen durch gemeinsamen Geist, gemeinsame Interessen und 
gemeinsame Gewohnheiten zu verbinden und von andern, 
fremd gewordenen Massen abzutrennen und denselben ent- 
gegen zu setzen. 

Die wichtigsten Motive sind: 

a) die Religion. Der religiöse Glaube hat vorzüglich 
in dem alten Asien, aber auch während des Mittelalters in 
Europa so mächtig auf die ganze Denkart und Lebensweise 
der Massen eingewirkt, dasz die Religionsgenossen sich als 
Nationale wider die Andersgläubigen als Fremde abschloszen. 
Es ist wahrscheinlich, dasz die arischen Perser und die ari- 
schen Didier sich vorerst um des Glaubens willen von ein- 
ander getrennt haben und gewisz, dasz die Brahmanisten und 
die Buddhisten trotz ihrer gemeinsamen "Wohnsitze, Sprache 
und Abstammung lediglich des Glaubens wegen sich als einander 
fremde Nationen bekämpften. So bewahrte die jüdische Nation 
ihre Eigenart nicht blosz in ihrem Vaterlande, Palästina, 
sondern zur Zeit der Babylonischen Knechtschaft, später im 
Römerreiche zu Alexandrien und in Rom und nach der Zer- 
störung des jüdischen Stats in der Zerstreuung unter fremde 
Nationen und Staten. 

Aber es ist ein Kennzeichen unsrer Zeit, welche die 
religiöse Freiheit höher schätzt als die Glaubenseinheit, dasz 
heute die Religion nicht mehr diese starke Wirkung auf Neu- 
bildung und Trennung der Nationen übt. Vielmehr erweist 
sich die einigende und unterscheidende Macht der Nationalität, 
abgesehen von der Religion, heute stärker als die religiöse 
Gemeinschaft und Spaltung. Die Deutschen sind ihrer natio- 
nalen Genossenschaft bewuszt geworden, unbekümmert darum, 
ob sie Protestanten oder Katholiken, von mosaischem Glau- 
ben oder Pantheisten sind, und sie unterscheiden sich von 
fremden Nationen, obwohl viele von ihnen Religionsgenossen 
dieser sind. 

b) Stärker als die Religion wirkt auf die Scheidung der 



94 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Mensehen- u. Volksnatur. 



Nationen der Gegensatz der Sprache. Die Nation erscheint 
ganz besonders deutlich als Sprachgenossenschaft. In- 
dem die Massen in verschiedenen Ländern allmählich ihre 
Sprache eigenthümlich fortbilden, kommt eine Zeit, in der 
sich die früheren Sprachgenossen nicht mehr verstehen, weil 
ihre Sprachen sich nach und nach geschieden haben. Von 
da an erkennen sich die, welche noch dieselbe Sprache reden 
und verstehen , als Nationale , und die Anderen , deren Sprache 
ihnen unverständlich geworden ist, als Fremde. 

Die Sprache ist der Ausdruck des gemeinsamen Geistes 
und das Werkzeug des geistigen Verkehrs. Sie wird in der 
Familie fortgepflanzt und gleichsam vererbt. Die Mutter- 
sprache hält daher das Bewusztsein der Nationalität in täg- 
licher Uebung wach und lebendig. Selbst fremde Kassen 
werden durch eine neue Sprache, welche sie in erblicher 
Weise aufnehmen, nach und nach geistig umgebildet und er- 
halten so die Nationalität, deren Sprache sie reden. In dieser 
Weise sind die germanischen Ostgothen und Longobarden nach 
und nach in Italien zu Italienern, die Kelten, die Franken 
und die Burgunder in Frankreich zu Franzosen, die Slaven 
und Wenden in Preuszen zu Deutschen geworden. 

Wenn in unsern Tagen das Nationalbewusztsein kräftiger 
und wirksamer geworden ist, als je zuvor, so haben die 
Werke der Sprache, so hat die Litterat ur und ganz vor- 
züglich die periodische Presse in der Landessprache den 
erheblichsten Antheil an dieser Erscheinung. Die nationale 
Bewegung hat zumeist ihre Impulse von der nationalen Litte- 
ratur empfangen, welche die Gemeinschaft des Denkens und 
Empfindens vermittelt und den geistigen Gemeinbesitz er- 
weitert. 

Dennoch entscheidet auch die Sprache nicht immer über 
die Nationalität. Daher sind die Begriffe Nation und erbliche 
Sprachgenossenschaft nicht völlig gleichbedeutend. Die Be- 
wohner der Bretagne und die Basken betrachten sich selbst 



Zweites Capitel. II. Die Begriffe Nation und Volk. 



95 



als nationale Franzosen, obwohl sie die französische Sprache 
entweder gar nicht oder nur wie eine fremde erlernte Sprache 
reden. Hier haben die statliche Verbindung zu Einem Volk, 
die gemeinsamen Schicksale und Interessen , die Gemeinschaft 
der Cultur das Gefühl der französischen Nationalität geweckt 
und ausgebildet. Hinwieder betrachten sich Engländer und 
Nordamerikaner trotz der fortdauernden Sprachgemeinschaft 
doch als zwei getrennte, wenn gleich nahe verwandte Natio- 
nalitäten. Nicht die Sprache sondern der Gegensatz zweier 
Welttheile, zwischen denen das breite Weltmeer sich aus- 
dehnt, die Verschiedenheit der Natur- und der Lebensauf- 
gaben, die geschichtlichen, socialen und politischen Gegen- 
sätze haben die Eine Nation in zwei Nationen gespalten. 

Diese Beispiele zeigen, dasz auszer der Religion und der 
Sprache auch a) die Gemeinschaft des Wohnsitzes und des 
Landes, b) der Lebensart, der Lebensaufgaben und 
der Sitten und c) der s tätlichen Verbindung auf die Bil- 
dung neuer Nationen einwirken. 

Endlich üben auf dieselbe die Mischlingen einen be- 
deutenden Einflusz aus, welche die Theile einer Nationalität 
mit den Angehörigen einer andern Nation verbinden. Es 
kann daraus ein neuer Typus und ein neuer Charakter der 
Massengemeinschaft, folglich auch eine neue Nation entsprin- 
gen. Die europäische und die amerikanische Geschichte ist 
reich an Belegen dafür. 

Die Nation ist ein Culturwesen, indem sowohl ihre 
innere Zusammengehörigkeit als ihre Abtrennung von frem- 
den Nationen vornehmlich aus der Culturentwicklung enstan- 
den sind und vorzugsweise ihre Wirkung auf die Culturzu- 
stände äuszern. Sie ist nur psychologisch zu verstehen, 
indem ihr Wesen in dem Gemeingeist und Gemeincharakter 
zu erkennen ist, der sie beseelt. Man kann sie insofern auch 
einen Organismus nennen, als ihre Eigenart auch in dem 
gleichartigen Körperbau der nationalen Rasse und in den 



96 Zweites Buch. I>ie Grundbedingungen des Stats in d. Mensehen- u. Volksnatur. 



äuszeren Kundgebungen der Sprache und der Sitte eine sicht- 
bare Darstellung erhalten haben. Aber sie ist doch nicht ein 
organisches Wesen in dem höheren Sinne, -wie das Volk eine 
Person ist. Die Gemeinschaft ist in ihr lebendig und die 
Anlage zur Einheit. Aber die Einheit des Rechtswillens und 
der That. die rechtliche Persönlichkeit hat sie nicht, 
wenn sie nicht im Stat zum Volk geworden ist. 

Obwohl der menschliche Geist und die menschliche Ar- 
beit auch an der Bildung der Nationen einen sehr erheblichen 
Antheil. haben, so vollzieht sich dieselbe doch zumeist unbe- 
wuszt, wie eine N at um oth wendigkeit. Indem sich die 
Eine Menschheit in viele Nationen zertheilt . erhält sie die 
Möglichkeit, alle die verborgenen Kräfte ihrer Natur, die der 
gemeinsamen Entwicklung fähig sind, durch den Wettstreit 
und die mannigfaltigen Arbeiten der verschiedenen Nationen 
zu offenbaren und ihre Bestimmung reicher zu erfüllen. Das 
Wachsthum und die Entfaltung der Nationen bildet daher 
einen starken Hebel der Weltgeschichte und gehört sicher zu 
den Grundlinien des göttlichen Weltplans. 

Der Begriff der Nation läszt sich daher so bestimmen: 
Nation ist die erblich gewordene Geistes-, Gemüths- 
und R assegemeinschaft von Menschenmassen der ver- 
schiedenen Berufszweige und Gesellschaftsschichten, welche 
auch abgesehen"* von dem Statsverband als cult u r v e r w a n d t e 
Stammesgenosse n schaft vorzüglich in der Sprache, den 
Sitten, der Cultur sich verbunden fühlt und von den übrigen 
Massen als Fremden sich unterscheidet. 

Die Grenzen einer Nation sind veränderlich und beweg- 
lich. Sie kann fortwährend wachsen und sich ausbreiten, 
wenn es ihr gelingt, ihre Sprache und ihre Sitte, ihre Cultur 
auf fremde Massen auszudehnen und dieselben dadurch zu 
assimiliren. Sie kann abnehmen, zusammenschrumpfen und 
ganz aussterben, wenn eine fremde Cultur siegreich wider sie 
vorgeht und ihre bisherigen Glieder für sich einnimmt und 



Zweites Capitel. II. Die Begriffe Nation und Yolk. 



97 



umbildet. Eine höhere Cultur einer groszen Nation zehrt so 
nach und nach die roheren Culturen kleiner Stämme auf und 
ersetzt dieselben durch ihre reichere Bildung. 

Unter Volk verstehen wir in der Regel die zum State 
geeinigte und im State organisirte Gemeinschaft 
aller Statsgenossen. Die Entstehung des Volkes kommt zu- 
gleich mit der Schöpfung des Stats zur Wirksamkeit. Das 
Gefühl, in höherer Stufe das Bewusztsein politischer Zu- 
sammengehörigkeit und Einheit hebt das Volk über die Nation 
empor. Es ist zwar denkbar dasz ein Volk, welches sein 
Land verläszt, vorläufig noch Volk bleibt, aber es ist doch 
nur provisorisch als Volk anzusehen , bis es ihm gelingt , in 
einem neuen Lande einen Stat zu bilden. Ebenso kann ein 
Volk dem State vorhergehen, wie das jüdische Volk unter 
Moses dem jüdischen State; aber doch wieder nur, weil in 
ihm der Statstrieb kräftig entwickelt ist und es zur Gründung 
eines Stats einheitlich organisirt ist. Insofern ist die Be- 
ziehung des Volksbegriffs zum Stat immer nothwendig und 
man kann sagen: Kein Volk ohne Stat. Wir werden diese 
Entstehung des States in dem vierten Buche besonders be- 
trachten. 

Wir pflegen aber die blosz passive, beherrschte Masse, 
ohne politische Hechte, nicht Volk zu nennen. Insofern läszt 
sich nicht sagen: Kein Stat ohne Volk. Die Despotie 
weisz nichts von Völkern, sondern nur von Unterthanen. 

Wenn das Volk entweder insgesammt oder in dem Kern 
der Statsbewohner auf nationaler Grundlage steht, so hat es 
natürlich auch seinen Antheil an der nationalen Geistes-, 
Charakter-, Sprach- und Sittengemeinschaft. Wenn es dagegen 
aus mehreren Nationen oder aus Bruchstücken solcher gemischt 
ist, so ist diese Gemeinschaft weniger allgemein in ihm als 
in der Nation. 

Dagegen zeichnet sich das Volk vor der Nation haupt- 
sächlich dadurch aus, dasz in ihm die Rechtsgemein- 

ßluntschli, allgemeine Statslehie. 7 



98 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



schalt entschiedener ausgebildet und zu politischer Th eil- 
nah me an der Statsleitung gesteigert ist, und seine Fähig- 
keit, einen Gesammtwillen auszusprechen und durch 
Thaten zu bewähren, durch die Statsverfassung die erfor- 
derlichen Organe erworben hat, mit Einem Worte, dasz es 
eine rechtliche und statliche Gesammtp erson ist. 

Mit vollem Rechte spricht man daher von einem Volks- 
geiste und von einem Volkswillen, der etwas anderes ist 
als die blosze Summe des Geistes und des Willens aller zum 
Volk gehörigen Individuen. Jener Geist und Wille ist seinen 
Organen und seinem Inhalte nach einheitlicher Gemeingeist 
und Stats willen, nicht individueller und mannigfaltig sich 
widersprechender Einzelngeist und Einzelnwille. 

Auch die Völker sind organische Wesen; und desz- 
halb stehen sie unter den Naturgesetzen alles organischen 
Lebens. In der Entwicklungsgeschichte der Völker lassen sich 
dieselben Altersperioden unterscheiden, wie in dem Leben der 
Individuen. Die natürlichen Kräfte und Anlagen eines Volkes, 
seine Vorstellungen, seine Bedürfnisse sind anders in der Zeit 
seiner Kindheit, und anders in der Zeit seines Alters. Wie 
für den einzelnen Menschen, so ist auch für das Volk die 
mittlere Periode seines Lebens regelmäszig die Zeit der höch- 
sten Entwicklung seines Geistes und seiner Macht, Nur sind 
diese Perioden bei den Völkern nach Jahrhunderten zu be- 
messen , während sie bei den Individuen nach Jahrzehnten sich 
unterscheiden. Unsterblichkeit aber scheint auch den Völkern 
nicht verliehen zu sein. 

Anmerkungen. 1. Es ist ein Verdienst Savigny's, die Bedeu- 
tung des Volkes als eines organischen Wesens und den Einflusz seiner 
Lebensalter auf die Rechtsbildung in Deutschland wieder naclidrucksam 
hervorgehoben zu haben. 

2. Die Familienverbindung ferner für sich allein erzeugt weder 
eine Nation noch ein Volk, und der Satz Schleiermachers: „Wenn eine 
Masse von Familien unter sich verbunden und von andern ausgeschlossen 
ist durch Connubium . so stellt sich die Volkseinheit dar," wird in zwie- 



Drittes Capitel. Nationale Rechte. 



99 



iacher Beziehung durch die Geschichte widerlegt. Die römischen Patricier 
waren unter sich durch Connubium verbunden, die Plebejer ebenso. Aber 
weder jene noch diese waren für sich allein das römische Volk; und 
beide waren in älterer Zeit nicht durch Connubium mit einander ver- 
bunden, und doch bestand das römische Volk aus ihrer Vereinigung. 
Die germanischen Völker waren aus Ständen verbunden, von welchen 
jeder nur in seinem Innern unter seines Gleichen die Ehegenossenschaft 
zuliesz. In neuerer Zeit endlich besteht überall Ehegenossenschaft und 
Familienverbindung auch unter verschiedenen Nationen , ohne dasz daraus 
eine neue Nation entsteht. 

3. Mancini (Deila nazionalitä come fondamento del Diritto delle 
Genti Napoli 1873. S. 37) erklärt die „Nationalität" ebenso als eine 
„natürliche Genossenschaft von Menschen , welche durch die Einheit ihrer 
Wohnsitze (des Landes), durch ihre Abstammung, ihre Sitten und ihre 
Sprache zu einer Lebensgemeinschaft geeinigt sind und das ßewusztsein 
dieser Gemeinschaft haben." Aber wenn er mit Recht in der Nationalität 
die natürliche Anlage zur Statenbildung erkennt , so tritt in seiner Lehre 
doch der Unterschied zwischen Nation und Volk nicht scharf genug her- 
vor, und ist er geneigt, schon die Nation als Rechtsperson zu betrachten, 
was sie nicht ist, und im günstigsten Fall erst werden kann, wenn sie 
die s tatliche Organisation erlangt hat. 



Drittes Capitel. 

Nationale Rechte. 

Es ist ein Fortschritt der Civilisation , dasz wir anfangen, 
von nationalen Rechten zu sprechen und Achtung für dieselben 
zu fordern. Da die Nationen Theile der Menschheit und das 
Product eines groszen welthistorischen Entwicklungsprocesses 
sind, so sollen sie auch in ihrem Bestände geachtet und ge- 
schützt werden. Das erste und natürlichste Grundrecht ist 
allezeit die menschliche Existenz. Welche menschliche 
Existenz aber hätte ein besseres Recht von Natur als die des 
nationalen Gemeingeistes? Sie ist ja zugleich die Unterlage 
auch der individuellen Existenz und eine Grundbedingung der 
Entwicklung der Menschheit. 



1 00 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Aber nur allmählich wird es gelingen, dieses zunächst 
blosz sittliche Gebot in die entsprechende Rechtsforme] zu 
fassen. Die Hauptbedeutung des Nationalitätsprincips 
liegt vorerst noch in der Politik, nicht im Statsrecht. 

Als nationale Rechtsgrundsätze aber lassen sich folgende 
anführen, die daher von den Genossen derselben Nation geltend 
gemacht werden dürfen: 

1. Das Recht auf die nationale Sprache. 

Die Sprache ist das eigenste Gute jeder Nation, in der 
Sprache vorzüglich gibt sich die Eigenart derselben kund, sie 
ist das stärkste Band, welches die Genossen der Nation zu 
einer Culturgemeinschaft verbindet. 

Daher darf der Stat nicht der Nation ihre Sprache ver- 
bieten, noch die Ausbildung derselben und ihre Litteratur 
untersagen. Es ist im Gegentheil Statspflicht, die Cultur der 
Sprache frei gewähren zu lassen und so weit die allgemeinen 
Bildungsinteressen nicht dadurch verletzt werden , wohlwollend 
zu fördern. 1 Die Unterdrückung der einheimischen Sprachen 
der Provinzialen durch die Römer war ein furchtbarer Misz- 
brauch der Statsgewalt, und das Verbot der wendischen Volks- 
sprache in dem Gebiete des deutschen Ordens unter An- 
drohung der Todesstrafe war eine widerrechtliche Barbarei. 

Aus diesem Princip folgt aber nicht, dasz es in den 
Statsangelegenheiten nicht eine bevorzugte Statssprache 
geben dürfe mit Ausschlusz aller übrigen Volkssprachen. So 
weit es sich nicht um das blosze Nationalleben , sondern um 
das Statsleben handelt, da kann das Interesse des gesammten 
Statsvolkes die Einheit der Sprache erfordern. So wird im 
englischen Parlamente mit Recht nur englisch, nicht auch 
irisch noch gälisch gesprochen, in den französischen Centrai- 
behörden nur französisch, nicht auch keltisch oder baskisch. 

1 Oesterreich. Statsverfassung v. 1849, §. 5: „Alle Volksstämme 
sind gleichberechtigt (?) und jeder Volksstamm hat ein unverletzliches 
Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache." 



Drittes Capitel. Nationale Rechte. 



101 



und im deutschen Reichstag nur deutsch , nicht auch polnisch 
oder dänisch oder französisch. Sorgfältiger aber achtet die 
Schweiz die verschiedenen Nationalitäten, aus denen sie zu- 
sammengesetzt ist, indem sie die deutsche mit der französi- 
schen Statssprache verbindet, und nach Bedürfnisz auch die 
italienische respectirt. 

Ebenso wenig ist der Stat gehindert, dafür zu sorgen, 
dasz in den Schulen die höhere Cultursprache gepflegt und die 
Kinder einer noch ungebildeten Nation an der Errungenschaft 
und Erbschaft einer veredelten Litteratur einen Antheil erhal- 
ten. Dagegen wird es von einer civilisirten Nation als ein 
bitteres Unrecht empfunden, wenn ihre Sprache aus der 
Schule und der Kirche zu Gunsten einer fremden Sprache 
verdrängt wird. 

2. Die Nation hat ferner ein Recht, ihre nationale 
Sitte zu üben, so weit dieselbe nicht dem höhern mensch- 
lichen Sittengesetze widerstreitet, oder die Rechte des States 
verletzt. Die herrschenden Engländer sind berechtigt, nicht 
länger zu dulden , dasz die indischen Frauen zur Todtenfeier 
ihrer Männer sich ebenfalls dem Tode opfern. Die Untersagimg 
aber unschädlicher Volksspiele ist eine nicht zu rechtfertigende 
Anmaszung des States. 

3. Auf dem Gebiete der eigentlichen Rechtsinsti- 
tutionen ist die Berechtigung der bloszen Nation auf stat- 
liche Anerkennung und Schutz geringer, weil hier theils die 
Einheit und Harmonie des States, theils die Interessen des 
statlichen Culturvolkes einen naturgemäszen höhern Einflusz 
äuszern. Eine die Gesammtbevölkerung umfassende, und die 
einzelnen Volksrechte umbildende oder aufhebende Gesetz- 
gebung ist ein Bedürfnisz des entwickelten States. Man darf 
es den Römern nicht verargen, dasz sie das römische Recht 
überall in ihrem Reiche einzuführen suchten. Rücksichtsloses 
Unmasz aber verdient Tadel. Einen der ärgsten MiszgrifFe 
der Art hat das englische Parlament begangen, als es 1773 



1 02 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



in Bengalen die Formen des englischen Gerichtsverfahren - 
und des englischen Rechts den dafür unreifen Indiern auf- 
nöthigen wollte. In den deutschen Staten aber verfuhr mau 
gleichzeitig in der Aufrechthaltung eines wahren Wustes von 
hergebrachten Statutarrechten für kleine Volksparcellen über- 
ängstlich, und in der Einführung eines fremden gemeinen 
Rechtes für die Nation über die Maszen kühn und eingreifend. 

Mit Bezug auf die Fortbildung des Rechts gewinnt da- 
her das Volk die Oberhand über die Nation und vor der 
Einheit des Gesetzes und der Rechtspflege müssen sich die 
nationalen Verschiedenheiten beugen, die Rechtsgleichheit der 
Statsbürger erhält den Vorzug vor der Mannigfaltigkeit der 
nationalen Uebungen. Es ist den Römern doch sehr viel 
leichter geworden, die unterthänigen Nationen im Recht zu 
romanisiren als in der Sprache zu latinisiren. und wir neh- 
men keinen Anstosz daran, dasz die Franzosen ihren Code 
Napoleon auch auf das deutsche Elsasz und auf die alt- 
gallische Bretagne angewendet haben. Wir tadeln es nicht, 
wenn die englische Gesetzgebung auch das Recht der Iren 
und der Walliser gleichmäszig ordnet. Aber wir erinnern uns 
doch auch, dasz der Versuch der Römer, die noch rohen 
Germanen der römischen Rechtspflege zu unterwerfen, den 
groszen germanischen Freiheitskampf entzündet hat und es 
während Jahrhunderten ein Princip der germanischen Rechts- 
überzeugung war. man müsse jede Nation bei ihrem Rechte 
lassen und jeden nach seinem angeboriien (d. h. nationalen) 
Rechte schützen. Die altrömische Maxime einseitig durchge- 
führt, hätte alle nationale Freiheit mit dem nationalen Recht 
zerstört, die alt-germanische Weise zähe bewahrt, hätte alle 
höhere Stats- und Rechtscultur unmöglich gemacht. Es war 
ein Glück für die Freiheit der Nationen und für die fort- 
schreitende Civilisation. dasz Römer und Germanen feindlich 
aufeinander trafen und keines der beiden Principien zu alleiniger 
Herrschaft gelangte. 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Kationalitätsprincip. 103 



4. Wird eine Nation in ihrer sittlichen und geistigen 
Existenz von der Statsgewalt angegriffen, so sind ihre Ge- 
nossen zum zähes ten Widerstand dagegen veranlaszt. 
Es gibt keine gerechtere Ursache zur Auflehnung wider die 
Tyrannei, als die Verteidigung der Nationalität.* 2 Die Lega- 
lität kann dabei Schaden leiden, das Recht wird nicht verletzt. 



Viertes Capitel. 

Die nationale StateiiMldung und das Nationalitätsprincip. 

In allen Zeiten der Weltgeschichte hat die Nationalität 
eine mächtige Wirkung auf die Staten und die Politik geübt. 
Das Gefühl der nationalen Verwandtschaft und Eigenart hat 
die Hellenen in ihren Kämpfen mit den Persern begeistert. 
Für ihre nationale Freiheit haben die alten Germanen wider 
die Römer gestritten. Nach nationalen Gegensätzen ist das 
römische Weltreich in das lateinische und das griechische 
Kaiserthum gespalten worden. An dem Zwiespalt in der 
fränkischen Monarchie und der Scheidung von Frankreich und 
Deutschland hat der Unterschied der romanischen und der 
germanischen Sprache einen erheblichen Antheil gehabt. Auch 
während des Mittelalters tritt zuweilen der Gegensatz der 
Nationen scharf hervor. Aber zum erstenmal in der Ge- 
schichte ist doch erst in unserm Zeitalter das Princip der 
Nationalität als entscheidendes Stats princip verkündet 
worden. 

2 Nicbulir (Preussens Recht gegen den Sächsischen Hof): „Die Ge- 
meinschaft der Nationalität ist höher als die Statsverhältnisse, welche 
die verschiedenen Völker eines Stammes vereinigen oder trennen. Durch 
Grammatik, Sprache, Sitten, Tradition und Literatur entsteht eine Ver- 
brüderung zwischen ihnen, die sie von fremden Stämmen scheidet, und 
die Absonderung, die sich mit dem Auslande gegen den eignen Stamm 
verbindet, zur Ruchlosigkeit macht." 



1 04 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Während des Mittelalters war der Grundcharakter der 
Statenbildung dynastisch oder ständisch, eher noch 
territorial als national. In den letzten Jahrhunderten 
wuchsen die groszen europäischen Nationen heran, aber der 
Stat bekam doch nicht eine nationale Begründung noch einen 
nationalen Ausdruck. Vielmehr wurde damals der obrig- 
keitliche Stat der Fürsten und ihrer Beamten ausgebildet. 

Auch die naturrechtliche Statslehre gründete ihre Anfor- 
derungen an den idealen Stat nicht auf die nationale Ge- 
meinschaft, sondern auf die menschliche Natur, ihre Bedürf- 
nisse und den freien Willen der Einzelmenschen. Rousseau 
sah in der Gesellschaft, nicht in der Nation die Grund- 
lage des Stats. Das „Volk", dem er die oberste Statsgewalt, 
die „Souveränetät" zuschreibt, ist nicht die geeinte Nation, 
sondern die „Gesammtheit", beziehungsweise die „Mehrheit 
der Bürger", die sich zu dem State willkürlich vereinigt haben, 
gleichviel ob sie nur einen kleinen Bruchtheil einer Nation 
bilden oder aus verschiedenen Nationalitäten zusammen ge- 
treten sind. Von denselben Grundsätzen gingen noch die 
französischen Verfassungen von 1791 bis 1793 (Art. 25 — 28), 
und von 1795 (Art. 17) aus. Die Ausdrücke peuple und 
nation wurden noch abwechselnd gebraucht, aber immer zur 
Bezeichnung der „Gesammtheit der Bürger" (universalite des 
citoyens). Die statliche Herrschaft erhielt nur einen andern 
Sitz. Sie wurde von dem Centrum in die Peripherie verlegt, 
von dem Könige auf den Demos übergetragen. 

Als zu Anfang unseres Jahrhunderts Napoleon I. es 
unternahm, das Reich Karls des Groszen zu erneuern, und 
gestützt auf die französische Nation eine Universalmonar- 
chie über Europa aufzurichten, da stiesz er auf den Wider- 
stand der übrigen Nationen, welche die französische Herr- 
schaft mit Widerwillen und Hasz betrachteten. Trotz seines 
Genies ist der Kaiser, der kein Verständnisz für die Eigenart 
der Nationen hatte, schlieszlich dem nationalen Widerstand 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Nationalitätsprincip. 105 

erlegen. Dennoch war auch damals das nationale Bewusztsein 
nur wenig entwickelt. Die nationalen Gefühle wirkten wohl 
unbewuszt in den Massen und begeisterten diese zum Kampf, 
aber der Nationalgeist war noch nicht erwacht. Sogar die 
ausdauernde und hartnäckige Feindschaft der Engländer 
wider die Franzosen hatte nicht darin ihren Grund, dasz jene 
die Freiheit der Nationen vor dem französischen Drucke retten 
wollten , sondern weit mehr in dem Hasz der englischen Aristo- 
kratie wider die französische Revolution, in der Besorgnisz 
vor der Uebermacht Frankreichs in Europa , in den bedrohten 
Handelsinteressen. Das englische Statsbewusztsein ist freilich 
gehoben durch den männlichen Stolz und den freien Rechts- 
sinn der angelsächsischen Rasse und der englischen Nationa- 
lität. Aber trotzdem sind die Engländer misztrauisch gegen 
das Nationalitätsprincip als Statsprincip. Sie wissen, dasz ihr 
europäisches Inselreich verschiedene Nationen zusammenhält 
und dasz insbesondere das aufgeregte Nationalgefühl der kelti- 
schen Iren schon mehr als einmal an dem englischen Stats- 
verband gerüttelt hat. Ihre Weltherrschaft in Ostindien und 
in andern überseeischen Ländern wird nicht minder durch 
eine scharfe Betonung jenes Princips in Frage gestellt. Auch 
die Spanier fühlten sich in ihrem Kampfe wider die Fran- 
zosen als eine eigenartige Nation und haszten diese als Fremde. 
Aber sie betrachteten den Krieg doch weniger als einen natio- 
nalen, sondern vielmehr als einen Kampf für ihren legitimen 
König und für ihre katholische Religion wider die teuflischen 
Revolutionäre. Den Deutschen war das politische National- 
gefühl schon seit Jahrhunderten durch die confessionelle Zwie- 
tracht und durch die Zerbröckelung des Reiches in selbstän- 
dige dynastisch regierte Länder abhanden gekommen und nur 
eine Anzahl Gebildeter hörte auf die begeisternden Reden 
von Fichte und die Schriften von Arndt, welche das deutsche 
Nationalb ewusztsein wieder zu wecken suchten. Die Russen 
gingen für ihren Kaiser und sein heiliges orthodoxes Reich 



] OC) Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Statsind. Menschen- u. Volksnatur. 



wider den gottlosen Westen ins Feld und in den Tod. An 
ihre nationale Berechtigung dachten sie nicht. 

Selbst der unklare Ansatz der französischen Revolution, 
den Nationen das Recht der Selbstbestimmung zu gewähren, 
wurde in der Restaurationsperiode wieder gewaltsam zertreten. 
Der Wiener Congresz kümmerte sich nichts um die Nationen. 
Er vertheilte ohne Scheu und ohne Scham die Stücke groszer 
Nationen unter die restaurirten Dynastien. Wie früher Polen 
zerrissen und zwischen Russland, Oesterreich und Preuszen ge- 
theilt worden war, so wurden nun Italien und Deutsch- 
land in eine Anzahl souveräner Staten zertheilt. Belgien 
und Holland aber, trotz des nationalen Gegensatzes, zu 
Einem Königreich zusammen geschmiedet. 

Weder das Revolutions- noch das Restaurationszeitalter 
hat das Princip der Nationalität als Statsprincip anerkannt. 
Um so entschiedener dagegen wird die Statengeschichte der 
Gegenwart von dem Nationalbewusztsein aus bedingt und be- 
stimmt. Die Wissenschaft und ganz vorzüglich die deutsche 
und die italienische Wissenschaft hatte vorher schon auf die 
nationale Idee hingewiesen und ihre politischen Aussprüche 
beleuchtet. Die Statspraxis aber hat erst seit den Vierziger- 
jahren sich auf das natürliche Recht der Nationen berufen, 
sich statlich zu gestalten. Stärker als je zuvor regten sich 
die nationalen Triebe auch in den Massen und verlangten 
nicht blosz litterarische, sondern üb erdem politische Befrie- 
digung. Die Nationen wollten ihre Gemeinschaft zu statlicher 
Macht steigern und Völker werden. Das ganze aus dem 
Mittelalter überlieferte dynastische Statensystem Europas wurde 
nun von den nationalen Verlangen und Leidenschaften be- 
droht. Alle Reiche, wie insbesondere Oesterreich, wurden 
durch dieselben in ihrem Bestände erschüttert, weil die ver- 
schiedenen in denselben politisch geeinigten Nationalitäten 
nach Selbständigkeit strebten. Neue Reiche, wie voraus Ita- 
lien und das deutsche Reich, wurden gebildet, kraft des 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Nationalitätsprincip. JQ7 



nationalen Gedankens, welcher die zerstreuten Gliedmaszen 
der Einen Nation sammelte und zu einem Statskörper organi- 
sirte. Die Macht dieses nationalen Strebens ist unläugbar; 
über den Umfang seines Rechts mag man noch streiten. 

Die Beziehung der Nationalität zum State ist offenbar 
enger und stärker als die zur Kirche, welche leichter einen 
universellen Charakter bewahrt. Denn der Stat erscheint 
als die Organisation eines Volks, und die Völker erhalten 
ihren Charakter und Geist vornehmlich von den Nationen, 
welche im State leben. Zwischen den Begriffen Nation und 
Volk zeigt sich daher eine natürliche Verwandtschaft 
und eine stetige Wechselwirkung. 

Zunächst freilich ist die Nation nur Cultur- und nicht 
Statsgemeinschaft. Aber wenn sie sich ihrer Geistesgemein- 
schaft recht lebendig bewuszt wird, dann liegt der Gedanke 
und das Verlangen nahe, dasz sie diese Gemeinschaft auch 
zu voller Persönlichkeit ausbilde, dasz sie auch einen ge- 
meinsamen Willen hervorbringe und ihren Willen machtvoll 
bethätige, d. h. dasz sie den Stat bestimme oder zum State 
w e r d e. 

Das ist die Begründung des politischen Nationali- 
tätsprincips, wie dasselbe heute sich geltend macht. Das- 
selbe begnügt sich nicht mehr damit , dasz der Stat die natio- 
nale Sprache, Sitte und Cultur schütze, sondern es verlangt, 
dasz der Stat selber zum Nationalstat werde. In seiner ab- 
soluten Fassung bedeutet es: „Jede Nation ist berufen und 
berechtigt, einen Stat zu bilden. Wie die Menschheit in eine 
Anzahl von Nationen getheilt ist, so soll die Welt in eben 
so viele Staten zerlegt werden. Jede Nation Ein Stat, 
Jeder Stat ein nationales Wesen." Ist dieser Ge- 
danke wahr? 

Ueberschauen wir vorerst die hauptsächlichsten vorhan- 
denen Gegensätze zwischen dem Umfang der Nation und der 
Ausdehnung des States. 



] 08 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



L Wenn das Statsgebiet kleiner ist als die Nation, so 
werden wir zwei entgegen gesetzte Strömungen gewahr: 

1) Ist das Statsb ewusztsein in den Bürgern sehr 
kräftig und lebendig, so zeigt sich das Streben des Stats. 
seine Bevölkerung zu einer neuen Nation eigentümlich 
auszubilden. In dieser Weise sind im Alterthum die Athener 
und Spartaner kraft ihrer statlichen Erziehung und Absonde- 
rung zu relativen Nationen geworden; aber auch im Mittel- 
alter die Venetianer und die Genuesen, und später die Hol- 
länder und theilweise die Schweizer. Das groszartigste Bei- 
spiel aber der Bildung einer neuen Nation durch die Kraft 
des politischen Geistes, der freilich von dem Gegensatz der 
Lage unterstüzt ward , ist die nationale Scheidung der Nord- 
amerikaner von den Engländern. 

2) Wenn dagegen die nationalen Triebe in dem engen 
Statsgebiet sich unbefriedigt fühlen, dann streben sie umge- 
kehrt, die Grenzen des Stats zu überschreiten und sich mit 
ihren nationalen Genossen in andern Staten zu einem gröszeren 
nationalen State zusammen zu schlieszen. Dieser Zug 
bewegte schon früher die französische und sie bestimmt in 
unserm Jahrhundert die italienische und die deutsche Staten- 
bildung. 

II. Wenn das Statsgebiet weiter ist als die Nation, d. h. 
wenn es zwei oder mehrere Nationen oder doch Bruchtheile 
von solchen umfaszt, dann sind mehrere Fälle zu unterscheiden: 

A) Die verschiedenen Nationen oder Theile von Nationen 
sind massenhaft neben einander in dem Einen Statsge- 
biet gelagert. Dann zeigen sich folgende Strömungen: 

1) Die Tendenz des States, gestützt auf die hervor- 
ragende Cultur einer Nationalität, allmählich die andern 
nationalen Elemente zu assimiliren und dadurch das ganze 
Volk zu Einer Nation umzuwandeln. So wurde in dem 
altrömischen Kaiserreiche der Occident latinisirt und der 
Orient hellenisirt. In ähnlicher Weise sucht heute der 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Nationalitätsprincip. J09 



belgische Stat, gestützt auf die Wallonen und auf die fran- 
zösische Bildung der Hauptstadt Brüssel , die höheren Classen 
auch der vlämischen Bevölkerung zu französiren. Ebenso 
unternimmt es Russland, die polnische Nation gewaltsam zu 
r u s s i f i c i r e n. 

Diese Nationalisirung gelingt nur da, wo die herr- 
schende Nation den übrigen an Bildung, Geist und Macht 
entschieden überlegen ist. An dem Widerstand der Germanen 
und der Perser ist doch auch die nationalisirende Politik von 
Rom und Constantinopel gescheitert, 

2) Die Tendenz der verschiedenen Nationen, den Stat 
zu th eilen und politisch aus einander zu gehen. 
Die Repealbewegung der Iren gegen den englischen Stat, die 
Lostrennung der Lombarden und der Venetianer von Oester- 
reich, die Verfassungskämpfe in Oesterreich überhaupt, der 
erneuerte Dualismus von Oesterreich und Ungarn, aber auch 
der Streit zwischen Magyaren und Slaven, Deutschen und 
Czechen offenbaren die zähe Kraft dieser Richtung. 

3) Ihr entgegen zeigt sich ferner die Absicht des States, 
die verschiedenen Nationen zusammen zu halten, ohne 
sie zu Gunsten Einer Nationalität umzubilden. Dann aber 
musz der Stat darauf verzichten, ein specifisch-nationaler zu 
sein. Er verhält sich dann in nationaler Beziehung als neu- 
tral oder vielmehr als gemeinsam. Er läszt jede Nation 
in seinem Innern, soweit ihre Culturint er essen in Frage sind, 
völlig frei gewähren und betrachtet sie alle als gleichbe- 
rechtigt. Soweit die Politik zu bestimmen ist, vermeidet 
er die nationale Einseitigkeit und bestimmt dieselbe lediglich 
nach gemeinsamen politischen, nicht nach besonderen 
nationalen Motiven. 

Das ist die Methode, durch welche es früher der Schweiz 
gelungen ist , das schwierige Problem des Nebeneinander ver- 
schiedener Nationalitäten zu lösen und dieselben zu befrie- 
digen, ohne die Einheit des States zu gefährden. In dem 



] ]0 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des 8tats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



centralen Gebirgsstocke zwischen Deutschland, Frankreich und 
Italien haben sich so Bruchstücke der drei groszen Nationen 
zu kleinen republikanischen Gemeinwesen gestaltet und zu 
einem friedlichen und neutralen Gesammtkörper geeinigt. Die 
einzelnen Cantone freilich sind durchweg nationale Staten, sei 
es weil ihre ganze Bevölkerung nur Einer Nation angehört, 
wie in den deutschen Cantonen der nördlichen und östlichen 
Schweiz oder in den französischen Cantonen der westlichen 
Schweiz, oder in dem italienischen Tessin, sei es weil eine 
Nationalität entschieden über die andern Elemente überwiegt, 
wie in Bern und Graubündten die deutsche über die wälsche, 
in Freiburg und in Wallis die französische über die deutsche. 

Eine völlig andere Methode, die verschiedenen Nationen 
statlich zusammen zu halten ohne sie umzugestalten, hatte die 
österreichische Politik eine Zeit lang mit scheinbarem 
Erfolge eingeschlagen, nachdem zuvor der Versuch Kaiser 
Josephs IL, Oesterreich zu germanisiren , verunglückt war. 
Jeder einzelne Stat sollte mit den Kräften der übrigen be- 
zwungen werden. 1 Diese mechanische Methode der gewalt- 
samen Einigung kann wohl das Ganze künstlich zusammen 
halten, aber nur so lange als die eiserne Gewalt gefürchtet 
wird. Wenn ihr Zwang nachläszt oder unanwendbar wird, 
dann treiben die gekränkten und miszhandelten Nationalitäten 
nur um so leidenschaftlicher aus einander. Oesterreich hat 
das seit 1848 erfahren. 

B) Die verschiedenen Nationalitäten sind nicht massen- 
haft neben einander gelagert , sondern d u r c h e i n a n d e r g e- 

1 De Parieu Polit. S. 304 theilt eine Aeuszenmg des Kaisers Franz II. 
an den französischen Botschafter in Wien mit : „Mes peuples sont Prangers 
les uns aux autres et c'est tant mieux. Iis ne prennent pas les meines 
maladies en meme temps. En France, quand la fievre vient. eile vous 
prend tous le meme jour. Je mets des Hongrois en Italie et des Italiens 
en Hongrie. Chacun garde son voisin: ils nc se comprennent pas et se 
detestent. De leurs antipathies nait l'ordre et de leur haine reeiproque 
la paix generale." 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Nationalitätsprincip. Hl 



mischt. Dann ist keine Gefahr für die Einheit des Stats. 
Eher entsteht die Gefahr für die schwächere Nationalität, d&sz 
sie von der stärkeren, die sie umschlingt, erdrückt und auf- 
gezehrt werde. Die geistig überlegene Nationalität wird 
dann herrschend und assimilirt sich nach und nach die ver- 
einzelten Theile der fremden Nationalitäten. In dieser Weise 
sind die Germanen in den vormaligen römischen Provinzen 
mit der Zeit romanisirt worden , obwohl sie die herrschenden 
Stämme waren. So werden Iren, Deutsche und Franzosen in 
den Vereinigten Staten von Amerika nach ein paar Genera- 
tionen von dem angelsächsischen Typus der Nordamerikaner 
umgebildet. 

Dieser Ueberblick beweist für die Wechselwirkung des 
Nationalitäts- und des Statsprincips , aber zugleich gegen die 
Annahme, dasz Nation und Volk nothwendig in Eins zusammen 
treffen. 

Wir können daher dein Nationalitätsprincip nur eine 
relative, nicht eine absolute Berechtigung zugestehen, und 
gelangen bei näherer Erwägung zu folgenden Sätzen: 

I. Nicht jede Nation ist fähig, einen Stat zu erzeugen 
und zu behaupten, und nur eine politisch befähigte 
Nation kann berechtigt sein, ein selbständiges Volk zu 
werden. Die unfähigen bedürfen der Leitung durch andere 
begabtere Völker. Die schwachen sind genöthigt, sich mit 
andern zu verbinden, oder sich dem Schutze stärkerer Mächte 
unterzuordnen. So haben in ganz Westeuropa die keltischen 
Nationen der römischen und der germanischen Statenbildung 
als passiver Stoff gedient. Die mancherlei Nationalitäten in 
Südosteuropa vermögen nur im Anschlusz an einander stat- 
lich zu bestehen. Die Berechtigung der englischen Herrschaft 
in Ostindien beruht auf dem Bedürfnisz jener Nationen nach 
einer höheren Leitung. 

Die volle Geistes- und Charakterkraft, um einen natio- 
nalen Stat zu schaffen und zu erhalten, haben strenge 



112 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



genommen nur die Nationen, in welchen die männlichen 
Seeleneigenschaften (wie Verstand und Muth) überwiegen. 
Die mehr weiblich gearteten werden schlieszlich immer 
durch andere ihnen überlegene Mächte statlich beherrscht 
werden. 

2. Da das Wesen der Nation vorerst Culturgemeinschaft. 
nicht Statseinheit ist, so kann es vorkommen, dasz eine 
Nation sich ihrer Culturverwandtschaft bewuszt ist, aber in 
ihren politischen Ideen uneinig ist. Ein Theil der 
Nation kann monarchisch, ein anderer republikanisch gesinnt 
und jeder Theil entschlossen sein, das ihm zusagende Stats- 
ideal zu verwirklichen. Dann kann es geschehen, dasz die- 
selbe Nation in verschiedenen S t a t s f o r m e n ihre Eigen- 
thümlichkeit darstellt und nur in dieser mannigfaltigen Staten- 
bildung sich befriedigt fühlt. Dieser Zwiespalt ist zuweilen 
eine politische Schwäche einer Nation. Die hellenische Nation 
ist um solcher innerer Zerklüftung willen in eine Anzahl 
kleiner Städtestaten die Beute erst der Makedonischen Könige, 
dann der Römer geworden. Italien und Deutschland haben 
sich in Folge ähnlicher Spaltungen der fremden Uebermacht 
nur unvollkommen erwehren können und sind politisch ver- 
kümmert worden. Der Gegensatz zweier oder mehrerer natio- 
naler Staten kann aber auch die Wirkung einer ungewöhnlich 
reichen Anlage einer Nation und ein Zeichen ihrer groszen 
Lebenskraft sein. Das angelsächsische Brüderpaar der aristo- 
kratischen Monarchie von England und der demokratischen 
Republik in Nordamerika ist ein Beleg für diese letztere 
Möglichkeit. Es ist ebenso ein Beweis für den Reichthum der 
deutschen Nation , dasz es auszer dem deutschen Reiche noch 
eine deutsche Schweiz und ein deutsches Oesterreich gibt. 

3. Eine ihrer selbst bewuszte Nation , welche auch einen 
politischen Beruf in sich fühlt, hat das natürliche Bedürfnisz. 
in einem State zu wirksamer Offenbarung ihres Wesens zu 
gelangen. Hat sie auch die Kraft dazu, diesen Trieb zu 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung- und das Nationalitätsprincip. 113 



befriedigen, so hat sie zugleich ein natürliches Recht zur 
Statenbildung. Dem höchsten Recht der ganzen Nation 
auf ihre Existenz und ihre Entwicklung gegenüber sind 
alle Rechte einzelner Glieder der Nation oder ihrer Fürsten 
nur von untergeordneter Bedeutung. Die Bestimmung der 
Menschheit kann nicht erfüllt werden , wenn nicht die Natio- 
nen, aus denen sie besteht, im Stande sind, ihre Lebensauf- 
gabe zu vollbringen. Die Nationen müssen, nach Fürst Bis- 
marcks Ausdruck, athmen und ihre Glieder bewegen können, 
damit sie leben. Darauf beruht das heilige Recht der Natio- 
nen , sich zu gestalten und Organe zu bilden , mit denen sich 
ihr Gesammtieben bewegen und äuszern kann; ein Recht, das 
heiliger ist als alle andern Rechte , das Eine , der Menschheit 
selber ausgenommen, das alle übrigen begründet und zusam- 
men faszt. 

4. Aber ein nationaler Stat kann entstehen und 
dauern, wenn gleich nicht die ganze Nation in densel- 
ben aufgenommen wird. Die nationale Statenbildung erfor- 
dert nur die Erfüllung mit einem so groszen und so star-, 
ken Theil der Nation, dasz derselbe die Kraft hat, ihren 
Charakter und ihren Geist in dem State ganz und voll zur 
Geltung zu bringen. Es ist daher eine übertriebene Forde- 
rung des Nationalitätsprincips , dasz der nationale Stat so 
weit ausgedehnt werde , als die nationale Sprache reicht. Die 
Consequenz würde dahin treiben, die Statsgrenzen ebenso be- 
weglich zu machen wie die Sprachgrenzen , was mit der Festig- 
keit der Statsperson und mit der allgemeinen Rechtssicher- 
heit unverträglich wäre. 

Frankreich, Italien und das deutsche Reich sind natio- 
nale Staten, wenn gleich einzelne Bestandteile der franzö- 
sischen, der italienischen und der deutschen Nation nicht zu 
ihnen gehören. 

Wohl aber ist eine Nation, welche Volk geworden oder 
im Begriffe ist, Volk zu werden, berechtigt, die zerstreuten 

Rluntschli, allgemeine Statslehre. 8 



114 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Glieder, deren sie zu ihrem Dasein bedarf, an sich 
zu ziehen, aber sie ist nicht berechtigt, solche Theile. die 
in einem andern Statsverband leben und ihre Befriedigung 
finden, von diesem gewaltsam loszureiszen , wenn sie ihrer 
entbehren kann. 

5. Die höchste Statenbildung beschränkt sich nicht 
auf eine einzelne Rationalität. Die Entwicklung der 
Menschheit setzt nicht blosz die freie Offenbarung und den 
Wettkampf der Nationen als Grundbedingung voraus, sondern 
sie verlangt hinwieder die Verbindung der Nationen zu 
höherer Einheit. Das Hecht beruht in höherem Grade auf 
der Menschennatur als auf den nationalen Besonderheiten. 
Das ausgebildete Recht der Culturvölker wird mehr durch die 
Bedürfnisse des menschlichen Verkehrs bestimmt als durch 
die nationale Sitte. Die wesentlichen Einrichtungen des States 
sind dieselben bei den verschiedenen Völkern. Die höchste 
Statsidee ist menschlich. 

Daher kann auch der Volksstat Bestandteile von ver- 
schiedenen Nationalitäten einigen. Sogar die entschieden 
nationalen Staten erhalten durch die beigemischten Bruch- 
stücke von fremden Nationen oft eine nützliche Ergänzung 
ihrer nationalen Beschränktheit und es können diese fremden 
Bestandtheile auch als Vermittlungsglieder dienen, welche 
den Zusammenhang mit der Cultur andrer Nationen herstellen 
und wirksam erhalten. Zuweilen wirkt diese Mischung eben- 
so wohlthätig und förderlich für das Statsleben, wie die Legi- 
rung der Edelmetalle mit Kupfer dieselben erst für die Ver- 
kehrsmünzen brauchbar macht. 

6. Dagegen ist es der Einheit des States allerdings sehr 
förderlich, wenn das Volk wesentlich auf eine bestimmte 
Hauptnation sich stützen kann und die übrigen Volksele- 
mente nur in einem numerisch untergeordneten Verhält- 
nisse zu demselben stehen, wie die Deutschen in Buszland, 
die slavischen Stämme in Preuszen, die Juden in Deutsch- 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Eationalitätsprincip 1 \ 5 



land, die Franzosen in Nordamerika. Viel schwieriger ist die 
Einheit des Volkes zu begründen und zu bewahren, wenn 
dieselbe aus mehreren Nationen besteht, welche an Macht und 
Bedeutung mit einander wetteifern. Diese Schwierig- 
keit hatte England zu tiberwinden, indem es erst die Sachsen 
und die Normannen, dann die Engländer und Schotten, zu- 
letzt diese zusammen und die Iren einigte , und ihr zu erlie- 
gen ist für Oesterreich eine noch nicht überwundene Gefahr. 

7. Wenn ein Stat aus verschiedenen Nationalitäten be- 
steht, die zusammen Ein Volk bilden, so dürfen die politi- 
schen Rechte nicht nach Nationalitäten vertheilt werden, son- 
dern es ist die politische Gemeinschaft und Gleichberechtigung 
ohne Unterschied der Nationalitäten zu bewahren.' 2 

8. lieber die Fähigkeit und Würdigkeit einer Nation zur 
Statenbildung entscheidet freilich bei dem unvollkommenen 
Zustande des Völkerrechts kein menschliches, sondern nur 
das Gottesgericht, welches in der Weltgeschichte sich offenbart. 
Nur in groszen Kämpfen durch seine Leiden und seine Thaten 
bewährt das Volk gewöhnlich seine Berechtigung. 

Soll der Stat als Leib des Volks seine Bestimmung er- 
füllen, so ist es klar, dasz seine Einrichtungen und Gesetze 
auf die Eigenschaften und die Bedürfnisse desselben Rücksicht 
nehmen müssen, mit einem W T orte, dasz der Stat volks- 
thümlich sein musz. Eine Statsverfassung, welche zu dem 
Charakter des Volks nicht paszt, seine Eigenthümlichkeit 
nicht beachtet, seinem Geiste und seiner Sinnesweise nicht 
gemäsz ist, ist ein unnatürlicher und ein untauglicher 
Körper. Wird dieselbe durch fremde Gewalt einer Nation 
aufgedrungen , oder wie wir das auch schon in Zeiten groszer 
politischen Fieber gesehen haben, von dem miszleiteten und 
kranken Volke selbst gewählt, so stürzt sie immer wieder 
zusammen, sobald jene Gewalt nachläszt, oder das Volk seine 

2 Eötrös, Die Nationalitätsfrage. Wien 1865. 



\ \ Q Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Besonnenheit wieder findet. In beiden Fällen ist aber das 
Gebrechen in dem statlichen Organismus so grosz, dasz das- 
selbe auch den Untergang des Volkes zur Folge haben kann und 
jedenfalls seine volle Gesundheit auf lange Zeit hin verhindert. 

Jede grosze Nation, die geeignet ist zum Statsvolk zu 
werden, hat auch eine eigentümliche politische Lebensan- 
sicht, und eine besondere statliche Mission. Das Volk 
erfüllt diese Bestimmung, indem es dem State das Gepräge 
seines Wesens verleiht. Das ist das natürliche Recht des 
Volkes auf eine volksthümliche Verfassung. Die Ver- 
schiedenheit der Völker entspricht so der Verschiedenheit der 
Nationen, und die Mannichfaltigkeit der statlichen Formen 
beurkundet die Mannichfaltigkeit, welche Gott in die Natur 
der Nationen gelegt hat. 

Die Eigentümlichkeit des Volkes spiegelt sich aber nicht 
etwa ein für allemal in dem State ab. Das Volk durchlebt 
verschiedene Phasen seiner Entwicklung, und es ändern sich, 
obwohl es wesentlich dasselbe bleibt, doch seine Bedürfnisse 
und seine Ansichten, je nach der Lebensperiode, in welcher 
es gerade steht. Der nationale und volksthümliche Stat be- 
gleitet das Volk auch in dieser Entwicklung, und macht auch 
in seinem Organismus ähnliche Wandlungen und Um- 
gestaltungen durch, ohne deszhalb völlig ein 
anderer zu werden. Wie sehr verschieden war die 
äuszere Erscheinung des römischen States in den verschiede- 
nen Perioden seiner Geschichte, und dennoch wie klar stellt 
sich fortwährend der national-römische Charakter derselben 
dar. Die königliche, die republikanische, die kaiserliche 
Statsform entsprechen den verschiedenen Lebensaltern des 
römischen Volks, in allen aber wird das speeifisch-römische 
Gepräge sichtbar. Die englische Monarchie unter den Tudors 
unterscheidet sich von der englischen Monarchie unter dem 
Hause Hannover, wie sich die Entwicklungsstufen des eng- 
lischen Volkes im XVI. und XVIII. Jahrhundert unterscheiden. 



Viertes Capitel. Die nationale Statenbildung und das Xationalitätsprincip. H7 



Das ist das natürliche Recht des Volkes auf zeitgemäsze 
U m b i 1 d u n g seiner Verfassung. 

Fassen wir diesz in Einem Satze zusammen: Die natur- 
gemäsze Statsform entspricht jeder Zeit derEigen- 
thümlichkeit und der Entwicklungsperiode des 
Volkes, welches in dem State lebt. 

Anmerkungen. J. Cato bei Cicero de Republ. II. 21. „Nec tem- 
poris unius nec hominis est eonstitutio reipublicae." 

2. Friedrich der Grosze von Preuszen (im Antimachiav. 12.): 
„Die Charaktere der Individuen sind verschieden, und die Natur hat 
dieselbe Verschiedenheit in den Charakteren (dans les temperaments) 
der Staten hervorgebracht. Ich verstehe unter Charakter eines States 
seine Lage, seine Ausdehnung, die Zahl und den eigenthümlichen Geist 
seiner Völker, seinen Handel, seine Gewohnheiten, seine Gesetze, seine 
Stärke, seine Mängel, seine Reichthümer, seine Hülfsquellen." 

3. De Maistre (1796): „Eine Verfassung, welche für alle Nationen 
gemacht ist, taugt für gar keine; sie ist eine leere Abstraction, ein 
Werk der Schule, nur geeignet, den Geist an idealen Voraussetzungen 
zu üben, und für den reinen Menschen in den eingebildeten Räumen 
bestimmt, wo er allein zu finden ist" (qu'il faut adresser ä Phomme 
dans les espaces imaginaires oü il habite). 

4. Napoleon an die Schweizer (1803): „Eine Regierungsform , die 
nicht das Resultat einer langen Reihe von Begebenheiten, Unglücks- 
fällen, Anstrengungen und Unternehmungen eines Volkes ist, kann nie- 
mals Wurzel fassen." 

5. Sismondi, Studien über die Verfassung freier Völker: „Die 
Verfassung nicht minder als die Gesetze beruhen auf den Gewohnheiten 
einer Nation, ihren Neigungen , Erinnerungen, auf den Bedürfnissen ihrer 
Vorstellungsweise. Es ist ein unverkennbares Zeichen eines äuszerst 
oberflächlichen und zugleich falschen Geistes, wenn er versucht wird, 
eine neue Verfassung einem Volke nicht nach seinem eigenthümlichen 
Geiste und seiner eigenen Geschichte, sondern nach einigen allgemeinen 
Sätzen zu geben, welche man mit dem Namen von Principien fälschlich 
ehrt. Die letzten fünfzig Jahre, welche so viele anspruchsvolle Ver- 
fassungen haben entstehen sehen, und in welchen so viele Verfassungen 
blosz entlehnt worden, können auch dafür Zeugnisz geben, dasz von all 
diesen auch nicht eine den Erwartungen ihres Urhebers oder den Hoff- 
nungen derer, welche sie angenommen, entsprochen habe." 

6. L. Ranke (Zeitschr. I. 91.): „Unsre Lehre ist, dasz ein jedes 
Volk seine eigene Politik habe. Was will sie doch sagen, die National- 
unabhängigkeit, von der alle Gemüther durchdrungen sind? Kann sie 



113 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des State in d. Menschen- u. Volksnatur. 



allein bedeuten, dasz kein fremder Intendant in nnsern Städten sitze, 
und keine fremde Truppe unser Land durchziehe? Heiszt es nicht viel- 
mehr, dasz wir unsere geistigen Eigenschaften, ohne von Anderen ab- 
zuhängen, zu dem Grade von Vollkommenheit bringen, deren sie in sich 
selber fähig sind?" 



Fünftes Capitel. 
III. Die Gesellschaft. 

Die französische Statslehre ist besonders seit Rousseau 
geneigt, den Stat als Gesellschaft zn betrachten, und die Be- 
griffe Volk (nation) und Gesellschaft, Nation (penple) und 
Gesellschaft für gleichbedeutend zu halten. Die Wissenschaft 
vom State ist durch diese Verwechslung verschiedener Be- 
griffe verwirrt worden und für die Statspraxis ist dieselbe 
ebenso verderblich geworden. 

Die deutsche Statslehre unterscheidet schärfer und sorg- 
fältiger die verschiedenen Begriffe. Diese Unterscheidung be- 
leuchtet die vorhandenen Gegensätze und bewahrt vor vielen 
Täuschungen. Sie gibt auf der einen Seite dem State ein 
festeres Fundament und eine gesicherte Wirksamkeit und 
schützt die Freiheit der Gesellschaft besser gegen die Tyrannei 
der Statsgewalt. 

Das Volk ist ein nothwendig verbundenes Ganzes, die 
Gesellschaft ist eine zufällige Verbindung von vielen Ein- 
zelnen. Das Volk ist im State organisirt in Haupt und Glie- 
dern, die Gesellschaft ist eine nicht organisirte Menge von 
Individuen. Das Volk ist eine Rechtsperson, die Gesellschaft 
hat keine Gesammtpersönlichkeit, sondern besteht nur aus 
einer Masse von Privatpersonen. Dem Volke kommt Einheit 
des Willens zu und die Macht, seinen Willen statlich zu ver- 
wirklichen. Die Gesellschaft hat keinen Gesammtwillen und 
keine ihm eigene Statsmacht. Die Gesellschaft kann weder 



Fünftes Capitel. III. Die Gesellschaft. 



119 



Gesetze geben, noch Regierungshandlungen vollziehen, noch 
Recht sprechen. Sie hat nur eine öffentliche Meinung und 
übt nur, je nach den Ansichten, Interessen, Verlangen Vieler 
oder aller Einzelnen einen mittelbaren Einflusz aus auf 
die Organe des Stats. Das Volk ist ein s tatlich er Be- 
griff, die Gesellschaft ist kein Statsbegriff, sondern nur die 
wechselnde Verbindung von Privatpersonen innerhalb 
eines Statsgebiets. 

Gewisz sind Volk und Gesellschaft, die doch aus densel- 
ben Menschen bestehen, in einer engen und mannigfaltigen 
Wechselbeziehung. Der Stat ordnet das Recht auch für die 
Gesellschaft; der Stat schützt die Gesellschaft und fördert 
ihre Interessen vielseitig. Hinwieder unterstützt die Gesell- 
schaft den Stat mit ihren ökonomischen und geistigen Mitteln. 
Eine leidende Gesellschaft ist auch für den Stat ein Leiden, 
eine kranke Gesellschaft bedroht auch den Stat mit Gefahren. 
Eine gesunde, wohlhabende, gebildete Gesellschaft stärkt den 
Stat und bedingt auch seine Wohlfahrt. 

Aber nicht immer besteht zwischen dem Stat und der 
Gesellschaft volle Harmonie. Zuweilen stellt die Gesellschaft, 
welche voraus ihre Privatinteressen vor Augen hat, oder sich 
von wechselnden Windströmen der öffentlichen Meinung leiten 
läszt, an den Stat Begehren, welche dieser als ungerecht 
oder unzweckmäszig abzuschlagen genöthigt ist. Zuweilen 
muthet der Stat der Gesellschaft Leistungen und Opfer zu, 
welche diese nur widerwillig auf sich nimmt. Die dauernde 
Sicherheit des States und die momentanen Interessen oder 
Wünsche gerathen zuweilen in Conflict. Es zeigen sich von 
Zeit zu Zeit Uebelstände in der Gesellschaft, deren Heilung 
von der Statshülfe erwartet wird, und Mängel in der Stats- 
verfassung oder der Statsverwaltung , deren Hebung die Ge- 
sellschaft anregt. Es ist eine Hauptaufgabe des Statsrechts 
und der Politik, diesen Widerstreit gerecht zu entscheiden 
und zweckmäszig auszugleichen. 



1 20 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in (J.Menschen- u. Volksnatur. 



Auch die Begriffe Nation (peuple) und Gesellschaft 
fallen nicht zusammen, obwohl auch zwischen ihnen eine Ver- 
wandtschaft ist. Der erblichen Nation gegenüber erscheint 
die Gesellschaft als eine dem Wechsel ausgesetzte Vereinigung 
von Individuen. Die Nation hat in der Sprache einen orga- 
nischen Ausdruck ihres Gemeingeistes geschaffen, die Gesell- 
schaft bedient sich der nationalen Sprache, so weit es ihr 
behagt, aber sie hat keine eigene Gesellschaftsprache. Die 
Nation kann sich in verschiedene Staten verzweigen und 
theilen. Wir beschränken den Begriff der Gesellschaft auf 
die gegenwärtigen Bewohner Eines Statsgebiets ; oder wenn 
wir z. B. von europäischer Gesellschaft sprechen, so fassen 
wir die Bewohner aller civilisirten europäischen Staten zu- 
sammen, ungeachtet sie verschiedenen Nationen angehören. 
Auch innerhalb eines States beachtet der Gesellschaftsbegriff 
nicht die nationalen Unterschiede, sondern begreift die An- 
gehörigen verschiedener Nationalitäten, die in Einem State 
leben, in sich. In der Nation ist ein natürlicher Organis- 
mus, wenigstens der physischen Anlage nach, erkennbar; die 
Gesellschaft besteht nur aus einer Summe von Einzelmenschen. 

Es ist ein Verdienst von Gneist um die Statswissen- 
schaft, den Gegensatz der Begriffe Stat und Gesellschaft scharf 
betont und auf die vielfältigen Reibungen zwischen Stat und 
Gesellschaft aufmerksam gemacht zu haben. Die Bezeichnung 
aber der heutigen Gesellschaft als Erwerbsgesellschaft, 
deren er sich mit Vorliebe bedient, ist augenscheinlich zu 
enge. Gewisz ist der Vermögenserwerb eines der verbreitet- 
sten und stärksten Interessen der Gesellschaft, aber durch- 
aus nicht das einzige und kaum das wichtigste. Die Gesell- 
schaft beachtet auch den Vermögensgenusz ebenso sehr wie 
den Vermögenserwerb. Sie schätzt überdem das Familien- 
leben, ganz abgesehen von allen Vermögensbeziehungen, sehr 
hoch. Sie legt auf die Geselligkeit einen Werth. Sie hat 
auch für die Cultur, die Litteratur, die Kunst offene Sinne 



Sechstes Capitel. IV. Die Stämme. 



121 



und lebhafte Theilnahme. Die Gesellschaft ist nicht in dem 
Grade materiell und egoistisch gesinnt, als die Hinweisung 
auf den Vermögenserwerb es darstellt; sie hat auch ein ideales 
und ein gemeinnütziges Streben in sich. Man braucht nur 
an die unzähligen Anstalten für Arme, Kranke, für Kunst 
und Wissenschaft zu erinnern, welche freiwillig von der Ge- 
sellschaft gegründet und reichlich ausgestattet worden sind, 
ohne alle Nöthigung des States , um diese Wahrheit thatsäch- 
lich bewährt zu finden. 



Sechstes Capitel. 
IV. Die Stämme. 

Wie die Rassen der Menschheit in verschiedene Nationen 
zerfallen , so theilen sich die Nationen in Stämme. Die Ver- 
wandtschaft der Nationen wird zwar dem schärferen Forscher 
auch in der Sprache, in den Sitten, im Rechte sichtbar. Aber 
die Nationen selbst, die zu derselben Menschenrasse gehören, 
verstehen sich nicht mehr, sie sind einander fremd geworden. 
Dagegen die verschiedenen Stämme Einer Nation fühlen 
sich durch die gemeinsame Sprache und Sitte zu einer Wesens- 
gemeinschaft verbunden. Dem Bewusztsein der gleichen 
Nationalität tritt zwar in den Stämmen auch die Beson- 
derheit und Verschiedenheit der Stämme entgegen 
und scheidet wieder, was in weiterem Kreise zusammen ge- 
hört. Aber die nationale Sprache, welcher das Ohr aller 
Stämme sich öffnet, hält das Gefühl der Volkseinheit und 
der Verwandtschaft wach. In den Dialekten zeigt sich 
beides, die Volkseinheit und die Stammesverschiedenheit. Sie 
verhalten sich zur Sprache, wie die particulären Stammes- 
rechte zum gemeinen Volksrecht. 

Die Stämme sind, wie die Nationen selbst, ein Erzeugnisz 



122 Zweites Buch. L>ie Gr undbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



der Geschichte, welche die inneren Gegensätze auch massen- 
haft zur Entwicklung und Erscheinung treibt. Sie sind aber 
nur Fractionen der Nationen, d. h. sie haben keinen 
eigenen selbständigen Nationaltypus, sondern sind nur ein 
eigentümlich betonter und gefärbter Ausdruck des gemein- 
samen Nationalgeistes. In dieser Weise pflanzen sie sich fort 
und erhalten sowohl ihr besonderes Dasein als die innern 
Gegensätze, welche auf die Natur der Nation einwirken. Der 
Manniehfaltigkeit und dem Reichthum des nationalen Lebens 
ist die Besonderheit der Stämme günstig, der Einheit eines 
gröszeren nationalen States aber ist sie oft zum Hindernisz 
geworden. Rom ist durch die innern Kämpfe seiner Parteien, 
welche ursprünglich sich an Stammesunterschiede anlehnten, 
stark und mächtig geworden; die Hellenen haben es wegen 
der schroffen Gegensätze der Stämme nie zu einem festen Ge- 
sammtstat bringen können. Die dorische Statenbildung war 
verschieden von der jonischen und beide wieder von der äto- 
lischen. Auch in der neueren Statenbildung Europas hat der 
Gegensatz der Stämme stark gewirkt, besonders unter den 
Deutschen, deren älteste Statenbildung Organisation der Stämme 
bedeutete. Der mittelalterliche Zug zur Besonderheit fand 
darin eine reichliche Nahrung, der moderne Zug zur Einheit 
ein starkes Hemmnisz. Italien und Deutschland haben das 
erfahren. Freilich wurden in beiden Ländern die alten Stämme 
früher zerrissen , dort vornehmlich durch die selbständige Aus- 
bildung der Städte, hier vorzüglich durch die Politik der 
Könige und Sonderung der landesherrlichen Territorien. Aber 
fortwährend war doch ein Stammesparticularismus in der 
städtischen Eigenart wirksam und wenn auch seit der Zer- 
schlagung der älteren Stammesherzogthümer die gröszeren 
Territorien aus Bruchstücken von mehreren Stämmen gemischt 
wurden, so hatte doch die Eifersucht und Feindschaft der 
Stämme einen erheblichen Antheil an dem Verfall des deut- 
schen Reichs und die Gegner der deutschen Einheit klammern 



Siebentes Capitel. Y. Kasten. Stände. Gassen. A. Die Kasten. 123 



heute noch an die Stammesvorurtheile an, um die nationale 
Entwicklung zu erschweren , wenn es auch nicht mehr angeht, 
sie zu verhindern. 

In dem Stamme ist, wie die Geschichte lehrt, auch ein 
Ansatz zu einer neuen Volksbildung zu erkennen. 
Indem sich der Stamm abschlieszt und trennt von der Nation, 
der er von Natur angehört , kann er mit der Zeit zu einem 
neuen Volke werden, leichter aber zu einem neuen — frei- 
lich meistens kleinen Statsvolke, seltener zu einer neuen 
Nation. Die letztere Bildung gelingt ihm nur, wenn er sich 
mischt und in Folge der Mischung auch die Sprache ver- 
ändert, wie es dem germanischen Stamme der Longobarden 
in Italien geschehen ist, oder wenn er mit der Zeit seinen 
Dialekt zu einer besondern Sprache ausbildet, wie die Hol- 
länder es gethan haben. 



Siebentes Capitel. 

V. Kasten. Stände. Classen. 

A. Die Kasten. 

Innerhalb der Nationen, Völker und Stämme, welche 
alle räumlich gesondert erscheinen, zeigen sich weitere, aber 
räumlich verbundene Unterschiede, welche wieder eine 
statsrechtliche Bedeutung haben; verschiedene feste Schichten 
in dem Bau der Gesellschaft oder verschiedene Richtungen 
des Gesammtiebens oder verschiedene Stufen der politischer. 
Bedeutung und Bildung, d. h. Kasten oder Stände oder 
Classen. 

Die Kasten Ordnung hat ihre wichtigste Anwendung 
in Indien gefunden, ist aber auch in Aegypten und Persien 
von Eiuflusz geworden. Sie gehört vorzugsweise dem alt- 



124 Zweites Buch. Die Grundbedingungen dos Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



asiatisch-arischen Wesen an. In Europa ist sie niemals hei- 
misch geworden. Aber in Amerika hat sie in dem Gegensatze 
der weiszen und der farbigen Kassen eine neue Anwendung 
gefunden. Die Ständeordnung zeigt sich unter sehr vielen 
alten und neuen Völkern, ihre reichste Ausbildung aber hat 
sie während des Mittelalters in Europa unter den germanischen 
Völkern erhalten. Die Class enordnung endlich setzt einen 
rationell eingerichteten Stat voraus, wie in Asien China, und 
in Europa Athen oder Rom und manche moderne Staten. 

Die Kasten werden betrachtet als ein Werk der Xatur. 
oder als eine unveränderliche Schöpfung Gottes, die Stände 
erscheinen als ein Erzeugnisz der Völker geschiente und 
des Lebensberufs, die Classen endlich sind eine Institution 
des Stats. In den Kasten offenbart sich die Autorität des 
Glaubens, in den Ständen die Macht des socialen Lebens, 
der wirtschaftlichen und Culturverhältnisse , in den Classen 
die organisatorische Statspolitik. Die Kasten sind not- 
wendig erblich und unveränderlich, den festen, über 
einander gelagerten Schichten des Gesteins vergleichbar. Die 
Stände haben ein Wachsthum, wie die Pflanzen, und eine 
organische Entwicklung, wie die Nationen und die Staten. Das 
Erbrecht wird bei ihnen durch die freie Wahl des Berufs 
geändert oder verdrängt, Die älteren Stände sind noch als 
Erbstände den Kasten verwandt, die Stände der entwickelteren 
Civilisation nähern sich als freie Berufsstände den Classen an. 
Die Classen sind je nach den verschiedenen Zwecken des Stats 
veränderlich wie künstlerische Zeichnungen. 

Die indische Kasten Ordnung, die wir als Typus 
der Kasteneinrichtung überhaupt betrachten können, wird in 
dem Gesetzbuche Manu's als eine S ch ö p f u ng B r a h m a ' s dar- 
gestellt. Dieser Glaube, den Plato seinem idealen Stat durch 
künstliche Mittel einzupflanzen gewünscht hat , ist bei den In- 
diern zu voller Wirksamkeit gelangt, 

Die oberste Kaste der Brahmanen, in welcher das 



Siebentes Capi-tel. V. Kasten. Stände. Classen. A. Die Kasten. 125 



arische Blut am reinsten , obwohl auch da nicht völlig unver- 
mischt mit andern Bestandtheilen erhalten blieb, ging nach 
dem indischen Mythus aus dem Munde Gottes hervor. Sie 
sind daher auch gleichsam das lebendige Wort Gottes, der 
reinste und vollste Ausdruck des göttlichen Wesens. Ihnen 
gebührt die Pflege der Wissenschaft und der Religion. Ihrer 
Kunde und Sorge ist vornehmlich das Recht anvertraut. Der 
geringste Brahmane ist als solcher höher zu achten als der 
König. Sie sind vorzugsweise von göttlicher Natur, und wem) 
ihnen auch nicht untersagt ist, sich mit weltlichen Aemtern 
zu befassen und in irdische Geschäfte sich zu mischen, so 
erhöht doch die Enthaltsamkeit von jedem materiellen Genusz 
ihre Reinheit, 1 Wer einen Brahmanen mit einem Gräshalm 
schlägt, verfällt der Verdammnisz der Hölle. 

Die zweite Kaste, die Kshatryias, aus denen der König 
hervorgeht, sind von dem Arme Gottes geschaffen. In ihnen 
ist die Kraft und die äuszere Macht verleiblicht, Sie sind 
die geborne Krieger- und Adelskaste. Handel zu treiben sind 
sie zwar nicht verhindert, aber die Waffenübung ist doch ihrer 
würdiger. 

Die dritte Kaste, die Yisas oder Yisayas, sind aus den 
Schenkeln Gottes geboren. Ihnen kommen die edlern bürger- 
lichen Gewerbe zu. Sie sind berufen, Viehzucht, Ackerbau 
und Handel zu betreiben. 

Die vierte dunkelste Kaste endlich, die Sudras, stam- 
men aus den Füszen Gottes. Sie sind die dienende Bevöl- 
kerung. Den materiellen Bedürfnissen des Lebens geweiht, 
sind sie nicht würdig die heiligen Bücher zu lesen. 

Die höhere Ehe setzt Ebenbürtigkeit der Ehegatten vor- 
aus; indessen kann ein Mann von höherer Kaste wohl eine 
Frau aus einer niedern heirathen, nicht aber umgekehrt die 

1 Gesetze Manu 's II. 162. (herausg. v. A. Loiseleur Deslongschamps. 
Paris 1833): „Ein Brahmane soll weltliche Ehre wie Gift scheuen und 
sich nach Verachtung der Menschen sehnen wie nach Ambrosia." 



120 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



höhere Frau den niedrigeren Mann. Aus den zahlreichen 
Miszheirathen sind denn aber im Laufe der Zeit arge Misz- 
stände und neue wieder erbliche Miszkasten der Verworfenen 
und Ausgestoszenen erwachsen. Der Uebergang eines Indivi- 
duums aus einer Kaste in die andere ist nur in äuszerst sel- 
tenen Fällen möglich, die starre Abgeschlossenheit durchaus 
die Regel. Sogar nach dem Tode wirkt die Kastenordnung 
fort. Sie beherrscht ebenso das zukünftige Leben wie die 
Gegenwart, und nur mit viel tausendjähriger Anstrengung 
kann es in seltensten Fällen sogar einem Kshatriya gelingen, 
bis auf die göttlichste Stufe des Brahmanenthums sich empor- 
zuschwingen. Jeder Fehltritt aber stürzt leicht aus der Höhe 
in die Tiefe und dann ist die Wiedererhebung unsäglich schwer. 

Wir wissen nun, dasz jener Glaube der Indier auf Irr- 
thum beruht und dasz diese Kastenbildung groszentheils ein 
Werk menschlicher Geschichte ist. In den Yeden noch ist 
die Erinnerung an eine ältere Periode erhalten, in der es wohl 
arische Stände, aber noch nicht indische Kasten gegeben hatte. 
Nur der Gegensatz der drei oberen Kasten, die sämmtlich 
Arier heiszen, zu den Sudras läszt sich auf einen ursprüng- 
lichen Kassengegensatz zweier Völkermassen zurück führen, 
indem die weissen Arier als Sieger das Land der dunkelfarbigen 
Sudras eingenommen und sich da als Herren derselben nieder- 
gelassen haben, ähnlich wie die weiszen europäischen Colonisten 
unter der rothen Urbevölkerung in Amerika. Der alte Name 
der Kaste „Varna" bedeutet Farbe und beurkundet so den 
ursprünglichen Gegensatz der Weiszen und der Farbigen. Je 
höher die Kaste, desto reiner erscheint die weisze Easse. je 
tiefer, desto mehr ist sie gemischt mit dem Blut der ursprüng- 
lich schwarzen Rasse. 2 Die beiden obern Kasten erheben sich 

2 Vgl. über die Geschichte und das Wesen der indischen Kasten 
Lassen Indische Alterthumskunde I. S. 801 IT. , Gobineau de lmegalite 
des races humaines II. S. 135. Benfey Act. Indien in dem Wörterbuch 
von Guttrie u. Grey, M. Duncker Geschichte d. Alterthums II. S. VI 1'. 



Siebentes Capitel. V. Kasten. Stände. Classen. A. Die Kasten. 127 



über die dritte, wie die Aristokratie bei fast allen arischen 
Völkern über den Demos. Die zuletzt entstandene Erhebung 
der Brahmanen endlich über die Ritter- und Adelskaste , und 
sogar über die Könige erklärt sich meines Erachtens nur ans 
der neuen pantheistischen Brahmareligion, welche die alte Re- 
ligion der mancherlei Naturgötter geistig überwand, aus dem 
gesteigerten Gottesbewusztsein der brahmanischen Priester, 
Weisen und Heiligen, und ans der Energie und Hingebung, 
mit welcher sie ihrem göttlichen Beruf in allen Gefahren treu 
blieben und den Königen die irdische Herrlichkeit willig über- 
lieszen. 3 

Die Kastenordnung ist also nur nach und nach aus ge- 
schichtlichen Kämpfen und Erlebnissen entstanden. Aber dann 
bekam sie den festen Ausdruck der unveränderlichen Not- 
wendigkeit und die religiöse Weihe der Heiligkeit, Sie wurde 
so sorgfältig durch die ganze Erziehung der heranwachsenden 
Jugend, durch die festbestimmten religiösen Pflichten, durch 
alle Einrichtungen des privaten wie des öffentlichen Lebens 
gepflegt, dasz Niemand mehr eine Abweichung für möglich 
hielt und die starre Ordnung durch die Jahrhunderte von Ge- 
schlecht zu Geschlecht überliefert wurde. 

Die Kastenordnung ist nicht eine Einrichtung des Stats, 
nicht ein Bestandtheil der Statsverfassung. Vielmehr ist der 
Stat in die Kasten Ordnung eingefügt und derselben 
untergeordnet. Sie ist eine allgemeine, alle Verhältnisse 
beherrschende, in Ewigkeit wirkende Welt Ordnung. Um 
deszwillen ist die höhere Statenbildung so lange unmöglich, 
als der Stat der Kastenordnung zu dienen gezwungen ist. Er 
kann sich nicht frei dem eigenen Lebensprincip gemäsz ent- 
wickeln. Wie soll sich die politische Idee verwirklichen, wenn 
ihr starre, unveränderliche Massen, die ein höheres Gesetz 
scheidet und gefangen hält, widerstreben. Was hat die Stats- 

3 Ich habe diese Ansicht näher begründet in der Schrift: Die Alt- 
asiatischen Gottes- und Weltideen, S. 29 f. 



128 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



autorität zu bedeuten, und wie können die statlichen Nöthigungs- 
mittel wirken, wenn ihnen der Glaube der Regierten entgegen 
steht, dasz der Gehorsam gegen die Statsgewalt auf Tausende 
von Jahren Unglück und Leiden über den Folgsamen bringt? 

Wohl gebührt dem Erbrecht im State eine hohe Be- 
deutung. -Es bewahrt den innern Zusammenhang zwischen 
der Vergangenheit und der Zukunft, es befestigt die Stetig- 
keit — gleichsam den Knochenbau — des über das Leben 
der einzelnen Menschen hinausreichenden Statskörpers. Aber 
wo es absolut und ausschlieszlich das öffentliche Recht be- 
herrscht, da werden die beszten Kräfte gebunden und gelähmt. 
Der Stat wird zuletzt zur Mumie, welche die Züge des ver- 
gangenen Lebens künstlich zu erhalten sucht, aber nicht den 
Ausdruck des Todes verbergen kann. 

Die Kastenordnung verhärtet und potenzirt die Unter- 
schiede unter den Volksschichten. Eher noch können sich 
in ihr die oberen aristokratischen Kasten befriedigt fühlen, 
welche sie mit erblichen Vorrechten reichlich ausstattet. L'm 
so härter drückt sie die mittleren und untersten Schichten. 
Sie brandmarkt die Zurücksetzung und Erniedrigung derselben 
mit dem Mal der Verachtung und läszt dem Einzelnen keine 
Hoffnung, aus den Banden frei zu werden, in denen sie ihn 
gefangen hält. Sie steigert die Autorität der obern und sie 
zerstört die Freiheit der untern Gassen. Eine relative Voll- 
kommenheit der einzelnen Berufszweige, selbst eine bewun- 
dernswürdige Geistesthätigkeit der obersten Kreise ist mit ihr 
wohl verträglich. Aber indem sie die Blutsüberliefeiung und 
die rassenmäszige Tradition zum obersten Gesetze macht, ver- 
neint sie alle individuelle Freiheit, welche über die ererbten 
Schranken hinausstrebt. Sie hat religiöse Einsiedler, grosze 
Philosophen, ausgezeichnete Dichter, tapfere und groszherzige 
Helden, treffliche Väter und Söhne, geschickte Arbeiter her- 
vorgebracht, aber niemals grosze Statsmänner, und nirgends 
hat sie freie Völker geduldet. 



Achtes Capitel V. Kasten. Stände. Gassen. B. Die Stände. 129 



Alle ihre Institutionen sind auf die Erhaltung der 
Lebensordnung berechnet, keine haben den Fortschritt des 
Lebens zum Zwecke. Die Kuhe ist ihr Ideal , die Bewegung 
ihre Gefahr. Das Leben in ihr ist nur Wiederholung, nichts 
Neues, ein Kad, das sich ewig in gleicher Weise und an der- 
selben Stelle um dieselbe Achse dreht. Das Leben selbst hat 
so wenig Werth; und wir begreifen es, wie zuletzt die bud- 
dhistische Sehnsucht nach der Endigimg dieses ewigen Einer- 
leis, die Lehre von der Selbstauflösung in das Nichts, als der 
wahren Befreiung aufkommen und zahlreiche Anhänger finden 
konnte. Die indische Civilisation ist die Blüthe und die Frucht 
der indischen Kastenordnung. Aber so fest diese begründet 
war, sie vermochte jene Civilisation doch nicht auf die Dauer 
vor dem innern Verfall zu bewahren, und die indische Selb- 
ständigkeit nicht vor feindlicher Eroberung und Unterwerfung 
zu schützen. 

Der heutige indische Stat erträgt die noch vorhandenen 
Reste der Kastenordnung nur wie ein ererbtes Leiden; er setzt 
dieselbe nicht mehr als die wahre Weltordnung voraus und 
erbaut von dem englischen Geiste bestimmt, seine Einrich- 
tungen auf ein anderes Fundament. 



Achtes Capitel. 

B. Die Stände. 

Ueberall unter den europäischen Völkern finden wir statt 
der Kasten Stände. Wie jene sind auch diese eine organische 
Gliederung und Ordnung der verschiedenen Bestandteile eines 
Volkes. Aber die Stände unterscheiden sich von den Kasten 
dadurch, dasz sie sich der Bewegung der Geschichte hingeben 
und eine Entwicklung haben. In Europa vorzüglich sind die 

BUintschli, allgemeine Statslehre. 9 



130 Zweites Buch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 



Kasten zu Ständen geworden und haben eine reiche Geschichte 
und mannigfaltige Gestaltungen und Umwandlungen erlebt. 

Die älteste Form der Stände erinnert noch sehr an die 
Kasten. In der ersten Zeit waren die Stände noch regelmäßig 
Erbstände, und die Eigenschaften, welche den Ständen zu- 
geschrieben wurden , deuten auf eine innere Verwandtschaft mit 
dem indischen Kastensysteme. Selbst die mythischen Vorstel- 
lungen von der göttlichen Erzeugung der Stände sind ganz 
ähnlich. Nach der Edda erzeugte der Gott Rigr auf seinen 
Wanderungen zuerst den Thräl, den Stammvater der dienen- 
den Bevölkerung, dann in besserem Hause den Freien Karl, 
den Stammvater der freien Bauern , zuletzt den E d e 1 n Jar 1. 
den er die Spiesze werfen und die Lanzen schwingen lehrte 
und dem er das heilige Geheimnisz der Pamen vertraute. Auch 
diese Stände waren in Farbe und Körperbau verschieden . am 
glänzendsten weisz, mit hellem Haar und leuchtenden Wangen 
die Edeln. von häszlichem Gesicht und knotigen Gelenken die 
Knechte. 

1. Mit der Kaste der Brahmanen läszt sich der gallische 
Stand der Druiden, welchen ebenfalls das Priestertlium. die 
Wissenschaft und die Rechtskunde zukommt, vergleichen. 1 ob- 
wohl auch sie , mehr aber noch die vorchristlichen Priester der 
Germanen — ihr Name Godi ist ebenso von Gott abgeleitet, 
wie die Bezeichnung der Brahmanen von Brahma — mit dem 
nationalen Geschlechtsadel näher verwandt bleiben. Eine grüszere 
Aehnlichkeit mit der Brahmanenkaste hat die mittelalterliche 
Erhebung eines besondern c h r i s 1 1 i c h e n P r i e s t e r s t a n d e s. 
des Klerus. 

2. Der alte Adel aber, den wir in der frühesten Geschichte 

1 Caesar de Bello Gall. VI, 13: „Uli rebus divinis intersunt. sacri- 
ficia publica ac privata procurant. religiones interpretantur. Ad hos 
magnus adolescentium numerus disciplinae causa concurrit. magnoque ii 
sunt apud eos honore. Kam fere de omnibus controversiis publicis pri- 
vatisque constituunt." 



Achtes Capitel. V. Kasten. Stände. Classen. B. Die Stände. 131 



überall in Europa finden, ist durch geh ends Erbadel und hat 
gewöhnlich die wichtigsten Funktionen der beiden obersten 
Kasten in sich vereinigt. Die Erblichkeit des Uradels wird 
gewöhnlich schon durch die Sprache bezeugt. Die griechischen 
Eupatriden und die römischen Pa tri ci er sind schon um 
ihrer Abstammung willen von edeln Vätern so benannt, die 
germanischen Adalinge haben ihren Namen von dem Ge- 
schlechte (adal) , von dem sie ihr Blut erbten. 2 Auch die 
Lucumonen der Etrurier und die gallischen Ritter waren 
Erbadel. Die obersten Adelsgeschlechter, die fürstlichen Fami- 
lien suchte die alte Sage iiberdem mit besonderer Vorliebe von 
unmittelbarer Erzeugung der Götter oder der Heroen abzuleiten 
-und durch die Annahme göttlichen Blutes zu ehren Diesem 
Uradel kommt gewöhnlich das Priesterthum und die Wissen- 
schaft von den göttlichen Dingen, ihm auch die Kunde und 
Pflege des Rechtes zu. Die höhern obrigkeitlichen Aemter 
werden aus ihm vorzugsweise bestellt; und in der Kriegsver- 
fassung nehmen die Edeln durchweg einen hohen Rang ein. 
Dagegen sind ihnen die bürgerlichen Gewerbe meistens ver- 
schlossen. Gewöhnlich haben sie hörige Leute in ihrem Schutze 
und in ihrem Dienste, und sind auch im Privatrecht durch 
ihre Gutsherrschaft ausgezeichnet, Sie lieben es auf Burgen 
zu wohnen, und suchen auch in den Städten die Höhen aus. 

Diese charakteristischen Züge finden sich mit geringen 
Abweichungen in der historischen Jugendzeit der europäischen 
Völker wieder. Je weiter wir in die Vorzeit hinauf steigen, 
desto ähnlicher erscheint diese religiös -politische Institution. 

3. Die Gerne iiifreien bilden bei Griechen, Römern und 
Germanen den eigentlichen Kern des Demos und des Volkes. 
Ihnen gebührt das Volks- und Landrecht in vollem Masze. 
Auf ihnen vornehmlich beruht die Kraft des States. Der Adel 
hebt sich über sie empor, aber nicht wie die höhere indische 

2 Sehr gut darüber Schmitthenner Statsrecht. S. 31. u. 103. 



132 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Kaste über die niedere als ein grundverschiedenes Wesen, son- 
dern als ein wesentlich in demselben Volksrechte wurzelnder 
und mit den Freien verbundener, wenn auch hervorragender 
und ausgezeichneter Stand. 

Die Gemeinfreien sind in der ältesten Zeit regelmäszig 
Grundeigentümer und Ackerbauer. Als solche zeigen sich 
die Geomoren in der athenischen Verfassung zu Theseua 
Zeit, die gewöhnlichen Spartiaten, die römischen Plebejer, 
die Freien aller germanischen Stämme, bei denen freie Ge- 
burt und freies Gut einer besondern Achtung in dem Rechts- 
organismus genieszen. Auch mit dem Handel . obwohl anfangs 
weniger gerne, beschäftigen sich die Freien. Ihre Lebensweise 
ist somit der der Visas wohl zu vergleichen. Aber durch die 
Waffenfälligkeit — sie voraus bilden die Massen des Fuszvolks 
— werden sie in öffentlicher Ehre höher als diese gehoben, 
und in der Gemeinde üben sie auch je nach der besondern 
Verfassung politische Rechte aus. 

Als Freie sind sie zwar der Obrigkeit unterthan, aber 
nicht einem besondern Herrn zugehörig. Schutzherrschaft 
kommt ihnen anfangs wohl nicht zu, aber Eigene können sie 
besitzen. Auch ihr Stand ist ursprünglich ein Erbstand. In 
der Regel wird man als Freier (ingenuus) geboren. 

4. Endlich werden wir mancherlei Spuren eines freilich 
schon in diesen ersten Zeiten offenbar in der Auflösung be- 
griffenen und daher etwas räthselhaften Standes von hörigen 
Leuten gewahr, welchem wie den indischen Sudras die niedern 
Handthierungen des Lebens zukommen. Zuweilen bestellt er 
ebenfalls aus unterworfenen Landbewohnern, aber durchweg nur 
von derselben Rasse, wie die Sieger, zuweilen kommen die 
armen Leute durch spätem Herrendruck und wirthschaftliche 
Verschuldung in die dauernde Abhängigkeit. Dahin gehören 
die Pelaten und Theten in Griechenland, die Clienten 
der Römer, der Gallier, der Britten, die Liten der Germanen. 
Sie haben einen Mund- und Schutzherrn, bei den Griechen 



Achtes Capitel. V. Kasten. Stände. Classen. B. Die Stände. 



133 



Prostates, bei den Römern P a t r o n u s genannt. Sie gehören 
zum Volke und sind nicht den Eigenen gleich zu stellen; aber 
ihre Freiheit, ihre Rechte, der Werth, der ihnen beigemessen 
wird, sind geringer als die des echten Freien. Von ihnen 
werden auch vornehmlich die Handwerke betrieben. Frei- 
gelassene Knechte gelangen meist in ihren Stand. 

Die Geschichte dieser Stände ist mit der Geschichte der 
einzelnen Staten aufs engste verwoben; die Veränderungen und 
Umwälzungen in den Verfassungen sind sehr häufig nur die 
Wirkung und der Ausdruck der vorher oft wenig bemerkten 
innern Umgestaltung der ständischen Verhältnisse und Begriffe. 

Die ganze Rechtsbildung hatte während des Mittelalters 
einen ständischen Ausdruck und eine ständische Färbung be- 
kommen. Wie jeder Stand seine eigene Tracht, so hatte 
jeder Stand auch sein besonderes Recht und eine ihm eigene 
Rechtspflege. Der Klerus lebte nach kanonischem Recht, 
die Fürsten nach Herrenrecht, die Ritter hatten ihr Lehens- 
recht, die Dienstleute ihr Dienstrecht, für die Bürger galt 
das Stadtrecht und für die Bauern das Recht der Weisthümer 
und das Hofrecht. 

Ebenso war der Statsverband durch den Gegensatz der 
Stände zerklüftet und bedingt. Die Stände selber änderten 
sich aber im Verlauf der mittelalterlichen Geschichte. Aus 
Geblüts- und Erbständen wurden sie mehr und mehr Berufs- 
stände. In den späteren Jahrhunderten unterschied man 
hauptsächlich vier Stände: 1) den Klerus, 2) den Adel, 
3) den Bürgerstand oder dritten Stand, 4) die Bauern. 
Eine herrschende politische Stellung kam vorzüglich den bei- 
den ersten, aristokratischen Ständen zu. Der dritte rettete 
die bürgerliche Freiheit. Der vierte war machtlos und wurde 
beherrscht. 

Die Institution dieser vier mittelalterlichen Stände ist zu 
Ende des Mittelalters verfallen und grösztentheils aufgelöst 
worden. Aber einzelne Reste derselben ragen noch wie altes 



1 34 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Hünenhaftes Gemäuer in die neue Zeit hinüber. Um den 
modernen Stat richtig zu begreifen, musz man die ältere 
mittelalterliche Bedeutung dieser Stände kennen. Aus dem 
Gegensatze dazu gelangt das moderne Statsbewnsztsein erst 
zur Klarheit. 



Neuntes Capitel. 

1. Der Klerus. 

Unter den mittelalterlichen Ständen nahm der Klerus 
die oberste Stellung ein. Nach der strengen kirchlichen Lehre 
freilich war der Klerus überhaupt kein Volksstand. Er war 
ein ordo ecclesiasticus, nicht ein ordo civilis. Der Stat wurde 
als eine blosze Laien Ordnung betrachtet, über welche die 
Gott geweihte Priesterschaft erhaben war. Nicht wie die 
Brahmanen beriefen sich die christlichen Priester auf ihre be- 
sondere göttliche Abstammung, denn sie pflanzten nicht durch 
die Ehe ihren Stand fort, wohl aber auf eine göttliche In- 
stitution. Sie sind von dem heiligen Geist erfüllt und durch 
die Weihen der Kirche geheiligt. Der niedrigste und sogar 
der verdorbenste Kleriker steht dennoch in Folge seines Standes 
hoch über dem vornehmsten und selbst dem tugendhaftesten 
Laien, wie das Gold über dem Eisen, wie der Geist über 
dem Leib. 

Die Ideale des Klerus waren den Idealen des Brahmanen- 
thums nahe verwandt. Nur verzichtete der christliche Klerus 
nicht auf die Herrschaft im State, wie die Brahmanen es ge- 
than hatten, und war weniger als diese geneigt, sich der Stats- 
ordnung zu fügen. Nach der consequenten Lehre der mittel- 
alterlichen Kirche haben die Stat s g e s e t z e für die Geistlich- 
keit keine verbindliche Kraft : es hängt von ihrer Prüfung und 
ihrem Urtheil ab, zu bestimmen, ob und in welchem Umfang 



Neuntes Capitel. 1. Der Klerus. 



135 



sie denselben willfährig gehorche. Sobald die behaupteten 
geistlichen Vorzugsrechte oder die Interessen der Kirche ge- 
fährdet erschienen, so verweigerte der Klerus jede Folge, ge- 
stützt auf das Bibelwort, dasz man „Gott mehr als den Men- 
schen gehorchen müsse," und auf seine geistliche Erhabenheit; 
dagegen verlangte er von der weltlichen Obrigkeit, dass sie 
ohne Widerrede den Kirchengesetzen folge und mit ihrer Macht 
dieselben durchführe. 

Auch der weltlichen Gerichtsbarkeit entzog sich 
der christliche Klerus, sowohl in bürgerlichen Streitigkeiten 
als im Strafrecht. Die klerikalen Ansprüche ertragen nicht die 
Ueberordnung der weltlichen Richter, „der Schafe über die 
Hirten." Zum Kriegsdienste waren die Geistlichen nicht pflich- 
tig, weil zu ihrem religiösen Beruf die eisernen Waffen nicht 
paszten. Aber auch die Steuerpflicht lehnten sie von sich ab. 
Bei jeder Gelegenheit beriefen sie sich auf ihre Immunitäten, 
um jede statliche Last von sich abzuwälzen. Als römische 
Geistlichkeit verachteten sie die nationale Beschränktheit. Ihr 
Bürgerrecht gehörte keinem besonderen Volke, keinem bestimm- 
ten Lande an, es bestand für sie nur der universelle Verband 
mit der Christenheit und mit Rom, der Hauptstadt der Welt, 
dem Sitz der Päpste. Das kanonische Recht war das 
Gesetz ihres Lebens , nur der G e r i c h t s b a r k e i t cl e r K i r c h e 
mit ihren milden Censuren wollten sie Rechenschaft schulden. 

Indessen diese Ausscheidung des Klerus aus dem Stats- 
verband war nicht einmal in der Zeit seiner höchsten Macht 
durchzuführen. Theils standen ihr geschichtliche Hindernisse 
im Wege , theils waren damit die Interessen selbst der Geist- 
lichen nicht völlig zu vereinigen. 

Geschichtlich war die christliche Kirche mit ihrem Klerus 
innerhalb des alten, alle Verhältnisse gemeinsam beherr- 
schenden römischen Weltreichs entstanden und grosz ge- 
worden, und die römischen Statsgewalten verzichteten nicht 
auf ihre Autorität, Sie verlangten von allen Bewohnern des 



130 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



heiligen Reichs Gehorsam gegen die Gesetze, die kaiserliche 
Regierung und die kaiserlichen Gerichte. Die Kleriker konnten 
sicli höchstens von den Kaisern einzelne Privilegien erwerben. 
Ihre Unterthänigkeit war zweifellos. 

Auch die fränkische Monarchie hielt noch fest an der 
Unterordnimg der Bischöfe und Priester unter die Hoheit des 
Königs, die Reichsgesetze und die Reichsgerichte , obwohl die 
Statsmacht beschränkter und die Selbständigkeit der Kirche 
gröszer geworden war. Nur ganz allmählich breiteten sich 
unter den germanischen Fürsten die kirchlichen Immunitäten 
aus, anfangs eher aus frommer Gunst und Gnade der Könige, 
als kraft des anerkannten Kirchenrechts , das nun anfing, die 
eigene Autorität in stolzem Aufschwung zu erheben. Nur 
Schritt vor Schritt und nicht ohne Widerspruch und Wider- 
stand wurden die kirchlichen Rechte erweitert, nicht allent- 
halben in gleicher Ausdehnung. 

Aber auch die Interessen verbanden den Klerus aufs engste 
mit der Laienordnung und dem Stat. Das Oberhaupt der 
Kirche selbst, der römische Papst, erwarb während des 
Mittelalters eine statliche Herrschaft über das sogenannte Patri- 
monium Petri. Es entstand zum Theil durch königliche Ver- 
leihung zum Theil durch Vergabung anderer Fürsten, theil- 
weise sogar durch Eroberung ein von Geistlichen regierter 
Kirchenstat. Die höchste geistliche Autorität war daher in 
Rom und dem römischen Gebiet mit der weltlichen Souverä- 
netät verbunden. Die Päpste waren nicht blosz als oberste 
Bischöfe berufen, die Interessen der Kirche auch dem Kaiser 
und den Staten gegenüber zu vertreten, sondern zugleich als 
vornehmste italienische Fürsten in die Interessen der italieni- 
schen Politik tief verflochten. Es war das freilich, nach dem 
Urtheile Machiavellis, das Unglück Italiens. Nicht mächtig 
genug, Italien unter ihrer Statshoheit zu einigen, waren sie stark 
genug, die Spaltungen der Parteien zu unterhalten. Sie ver- 
mochten nicht , Italien vor dem Einbruch feindlicher Heere zu 



Neuntes Capitel. 1. Der Klerus. 



137 



schützen, aber sie waren immer bereit, fremde Mächte zu ihrem 
Schutze herbei zu rufen, wenn ihre Politik dieser Hülfe be- 
durfte. Sie erhoben Rom wieder zur vornehmsten Stadt der 
Christenheit und schmückten Rom mit Kirchen und Kunst- 
werken, aber die begabten Römer blieben unter ihrer kirch- 
lichen Regierung und Zucht in weltlichen Tugenden und Vor- 
zügen hinter den Bürgern der italienischen Republiken zurück. 
Der Kirchenstat ward nicht zum Vorbilde, sondern zum Zerr- 
bilde der civilisirten Statenbildung. Die moderne Welt weisz 
nun, dasz das geistliche Regiment untauglich ist für die ge- 
sunde Statsleitung und die Römer selber errangen von der 
Säcularisation des Kirchenstats die Verbesserung ihrer politisch 
verkommenen Zustände. 

Nächst Italien hat Deutschland voraus die politische 
Macht der geistlichen Fürsten erhoben. Schon in der fränki- 
schen Monarchie nahmen die Bischöfe eine hervorragende 
Stellung ein auf den fränkischen Reichstagen , bald in Gemein- 
schaft mit den weltlichen Groszen, insbesondere den Gaugrafen, 
als Versammlung der Majores oder Senior es, bald ohne 
diese in kirchlichen Versammlungen. 

Die Mischung mit weltlicher Macht und Würde trat aber 
nirgends entschiedener zu Tage, als in der Verfassung des 
deutschen Reichs. Da finden wir unter den sieben Kur- 
fürsten drei geistliche, die Erzbischöfe von Mainz, Cöln 
und Trier, und bei den Königswahlen geht der Kurfürst von 
Mainz als Erzkanzler für Deutschland voraus mit seiner Stimme. 
In dem Kurcollegium nehmen sie die ersten Plätze ein. Zu- 
gleich sind sie Landesfürsten und ihre Länder als Kurländer 
erlangen am frühesten beinahe souveräne Selbständigkeit. 

Daneben gibt es eine grosze Anzahl von Erz bisch Öfen, 
Bischöfen und Aebten, welche in einem bestimmten Ge- 
biete die Rechte der Landeshoheit erworben haben und auf den 
Reichstagen Sitz und Stimme haben, entweder als wirkliche 
Reichsfürsten eine Virilstimme , wie z. B. die Erzbischöfe 



~[ 38 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Statfl in d. Menschen- u. Volksnatur. 



von Bremen, Magdeburg und Salzburg, die Bischöfe von Würz- 
burg, Augsburg, Basel u. s. f. oder doch an einer Curiatstimme 
einen Antheil haben, indem sie auf den sogenannten Prälaten- 
bänken, die hinwieder den Grafenbänken entsprechen, zu- 
sammensitzen. In der Heerschildsordnung der Rechtsbücher 
nehmen die geistlichen Fürsten den nächsten Piang nach dem 
Könige ein, dem der erste Heerschild zukommt. Die welt- 
lichen Fürsten, obwohl in der Beichsverfassung jenen wesent- 
lich gleichgestellt , haben erst den dritten Heerschild . weil sie 
unbedenklich Vasallen jener werden, aber es nicht schicklich 
wäre, dasz der geistliche Fürst zum A r asallen des weltlichen 
Fürsten würde. Vergeblich wurde in dem groszen Investitur- 
Streit zwischen den Päpsten und den sächsischen Kaisern der 
Vorschlag gemacht, die Kirchenfürsten sollten auf das welt- 
liche Fürstenthum verzichten und nur der Kirche ihr Leben 
widmen. Die deutschen geistlichen Fürsten wiesen diese Zu- 
muthung selbst des Papstes mit Unwillen zurück. Damit aber 
war auch in Deutschland die Verbindung der geistlichen 
Aemter mit den statlichen Aemtern und politischen Interessen 
gegeben. Es war unmöglich, den herrschenden Klerus auszer- 
halb des States zu stellen, wenn er im State weltliche Herr- 
schaft üben wollte. 

Wie in der Reichsverfassung so war es auch in der Landes- 
verfassung. Auch da bildeten die dem Lande angehörigen 
Prälaten (Bischöfe, Aebte, Stiftspröbste, geistliche Ordens- 
meister) einen besonderen zu den Landtagen berechtigten Stand, 
sei es indem sie eine eigene Prälatencurie besetzten oder ge- 
meinsam mit dem Adel (Herren und Ritterschaft) tagten . und 
besaszen auf ihren Grundherrschaften eine mehr oder weniger 
ausgedehnte Gerichtsbarkeit. Die grundherrliche Stellung war 
regelmäszig die Grundlage ihrer landständischen Rechte. Wenn 
sie daher auch ihre persönliche Freiheit von KriegspÜicht und 
Steuer behaupten konnten, für ihre Ministerialen und bäuer- 
lichen Hintersassen, welche durchweg Laien waren, konnten sie 



Neuntes Capitel. 1. Der Klerus. 



139 



doch nicht dieselben Ansprüche erheben. Das Land bedurfte 
ihrer Steuern, und der Landesfürst als Lehensherr verlangte 
auch von ihnen die Stellung von reisigen Keitern. 

Ein Vorzug der geistlichen Aristokratie vor der weltlichen 
war es, clasz sie nicht an das ererbte Geblüt gebunden war, 
sondern auf individueller Bildung und Wahl beruhte. Der 
Sohn eines Handwerkers konnte Papst, der Sohn eines Bauern 
Erzbischof werden. 1 

Mit der Zeit aber wurde der klerikale Vorrang und die 
aristokratische Macht der geistlichen Fürsten und Prälaten er- 
schüttert und zu Fall gebracht. Einen furchtbaren Stosz erlitt 
die verweltlichte Kirche durch die deutsche. Kirchenformation 
des sechszehnten Jahrhunderts. Soweit der Protestantismus 
sich ausbreitete, wurden die geistlichen Fürstentümer säcu- 
larisirt, die bischöflichen Aemter beseitigt, die Klöster aufge- 
hoben, die geistlichen Orden aufgelöst, Vor der Reformation 
saszen auf den deutschen Reichstagen drei geistliche Kurfürsten, 
drei andere Erzbischöfe und einunddreiszig Bischöfe. Nach dem 
westphälischen Frieden ist die Zahl vermindert auf drei Kur- 
fürsten, einen Erzbischof (Salzburg) und zwanzig Bischöfe. Es 
gibt nur noch eine schwäbische und eine rheinische Prälaten- 
bank. Der ganze Norden und ein guter Theil des Südens hat 
sich der geistlichen Herrschaft entwunden. 

Die Säcularisation war aber auch in den katholisch ge- 
bliebenen Ländern nur vertagt, nicht beseitigt. Den zweiten 
Stosz der Revolutionskämpfe zu Anfang unseres Jahrhunderts 
hielt die geistliche Herrschaft nirgends in Deutschland aus. 
Auch die linksrheinischen Kurfürsten wurden von dem Sturme 
weggeblasen und ihre Länder dem französischen State ein- 

1 Papst Gregor VII., selber der Sohn eines Zimmermanns, hat das 
Princip Mar ausgesprochen: „Rom ist grosz geworden unter den Heiden 
und unter den Christen, quod non tarn generis aut patriae nobilitatem, 
quam animi et corporis virtutes perpendendas adjudicaverit." Vgl. 
Laurent Etud. sur l'hist. VII. S. 335. 



1 40 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



verleibt. Die Länder der übrigen geistlicher. Fürsten wurden 
zur Entschädigung verwendet für weltliche Dynastien und mit 
deren Ländern verbunden. Mit dem Untergang des Reichs ver- 
loren die geistlichen Herren ihre reichständische Stellung und 
die Prälaten konnten nur in einzelnen Ländern eine unsichere 
Stellung in den verkommenen Landständen behaupten. Die 
bischöfliche Würde wurde nun seit vielen Jahrhunderten zuerst 
wieder ein rein-kirchliches Amt, ohne statliche Macht. 
Die grundherrliche Gerichtsbarkeit ging rasch ebenso ihrem 
Untergang zu, wie vorher die geistliche Landeshoheit. 

Aber indem der katholische Klerus so seine weltliche 
Hoheit und Macht einbüszte, konnte er nicht etwa nun das 
Ideal des Mittelalters realisiren. Das Selbstgefühl des modernen 
Stats duldete keine Ueberordnung mehr der Geistlichen über 
die Laien . und verlangte nun umgekehrt Gehorsam gegen die 
Gesetze, und die verfassungsmäszigen Statsgewalten von Jeder- 
mann. Die Zeit der kirchlichen Immunitäten und des kirch- 
lichen Sonderrechts war ebenfalls vorüber. Das gleiche Landes- 
recht erstreckte sich ohne Unterschied über Geistliche und 
Laien. Sie alle wurden derselben Gerichtsbarkeit unterworfen. 

Eine ähnliche Entwicklung nahm der Klerus in England 
und in Frankreich. In diesen Ländern hatte die Geistlich- 
keit niemals eine in dem Grade landesherrliche Stellung er- 
worben, wie in Deutschland. Das weltliche Statsgefühl war 
auch der Geistlichkeit gegenüber in dem englischen Parlamente 
und in dem französischen Königthum stärker vertreten. Aber 
eine reichsständische Stellung hatte der Klerus in beiden Län- 
dern ; in England saszen die Bischöfe mit den weltlichen Lords 
zusammen im Oberhaus ; in Frankreich bildete der Klerus einen 
besondern, den ersten Reichsstand. Dort wirkte die Reforma- 
tion, hier die Revolution entscheidend auf die Rechte des 
Klerus ein. Die mittelalterlichen Immunitäten verschwanden 
vor der gemeinen und gleichen Rechtsptiicht. Als die von 
Ludwig XVI. berufenen Etats generaux 1789 in Paris zu- 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische Adel. 141 



sammentraten, da gab der Klerus seine Sonderstellung freiwillig 
auf und trat noch vor dem Adel in die allgemeine National- 
versammlung ein, welche nur ein freies Bürgerthum, aber nicht 
mehr die mittelalterlichen Stände repräsentirte. 

Damit aber war der mittelalterliche Stand des 
Klerus überall aufgelöst. Die grosze Scheidung des 
Klerus und der Laien hatte ihre Wirksamkeit verloren. Der 
Stat erkannte sie für seine Rechtsordnung nicht mehr an. Die 
Masse der Geistlichen ging in die groszen Bürger das sen 
über, die wenigen hohen Würdenträger der Kirche vermischten 
sich mit der weltlichen Aristokratie. 



Zehntes Capitel. 
2. Der Adel. 

A. Der französische Adel, 

Auch in dem alten Rom hatte es ursprünglich einen 
erblichen Geschlechtsadel gegeben , das Patricia!; 
aber es war derselbe schon früh durch die inneren Partei- 
kämpfe der Römer in eine politische Aristokratie um- 
gebildet worden, welche nicht mehr auf der vornehmen Ab- 
stammung, sondern auf dem freien Volkswillen zu den 
öffentlichen Aemtern der Stadt beruhte. 

Es gab in Rom auch in den letzten Jahrhunderten der 
Republik und in der Kaiserzeit einen hohen Reichsadel von 
politischer Natur, die senatorischen Familien. Die alten 
patricischen Geschlechter, welche indessen zur Zeit von August 
bis auf 50 Familien ausgestorben waren und nur sehr selten 
einen Zuwachs erhielten — die kaiserlichen Familien waren 
von Rechts wegen immer patricisch — mochten factisch, wenn 
auch nicht mehr rechtlich, noch den Kern derselben bilden, 



1 42 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



indem der alte Glanz des Namens, die herkömmliche Vertraut- 
heit mit den Statsgeschäften, häufig auch groszes Vermögen 
und ihre persönlichen Verbindungen ihnen das Ansehen ver- 
liehen, welchem sie die Aufnahme in den Senat verdankten. 
Aber auszer ihnen wurde die hohe Aristokratie stets erneuert 
und erfrischt durch hervorragende Männer, welche als Kriegs- 
führer, Statsmänner, Redner, Rechtsgelehrte oder in anderer 
Weise sich auszeichneten, und denen in den Zeiten der Re- 
publik öffentliche Aemter , welche die Aufnahme in die Listen 
der Senatoren begründeten, übertragen, oder die später von den 
Kaisern in den Senat berufen wurden. Das politische Ver- 
dienst und die nationale Auszeichnung waren somit 
zum Princip des spätem römischen Adels erhoben worden, in 
welchem selbst in den Zeiten der Entartung und des Verfalls noch 
immer ein Rest der alten Freiheit und Würde erhalten blieb. 

Die berühmte Rede vonMäcenas über den Principat ist 
ein vortrefflicher Ausdruck der Grundgedanken, welche römische 
Statsmänner von der Aristokratie in der Kaiserzeit hatten. Der 
Freund des Kaisers gibt demselben den Rath, den Senat, in 
den die Wirren der Bürgerkriege viele untaugliche Männer 
hineingebracht, zu reinigen und durch neue sorgfältige Er- 
nennungen zu ergänzen. Er. empfiehlt, keinen Senator um seiner 
Armuth willen auszustoszen, sondern eher unvermögliche , aber 
taugliche Männer mit dem nöthigen Vermögen auszustatten. 
Bei der Auswahl der neuen Senatoren möge der Kaiser nicht 
blosz auf Italien, sondern ebenso auf die Bundesgenossen und 
selbst die Provinciaien Rücksicht nehmen, und je die Ersten 
aus allen Völkern des Weltreiches, die durcb Ge- 
schlecht, Tugend oder Reichthum als die Führer des Volkes 
gelten, um sich her versammeln, und ihnen die Theilnahme an 
der Sorge für den Stat und an der Weltherrschaft eröffnen. 
Je mehr angesehene Männer so in Rom zum Senate versam- 
melt werden, desto besser werde für das Bedürfnisz des States 
und die Treue der Provinzen gesorgt sein. 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische Adel. 



143 



Als eine niedere Aristokratie bezeichnet er die vornehm- 
lich durch Keichthum ausgezeichnete Ritterschaft, welche 
in ähnlicher Weise aus den angesehenen Männern von zweitem 
Range zu bilden sei. Damit auch die Söhne der Senatoren 
fähig werden, den Rang der Väter später einzunehmen, fordert 
er eine ihres Standes würdige Erziehung in den Wissenschaften 
und den Waffen. 1 

Die Geschichte des französischen Adels ist sehr 
wechselreich. Wir können folgende Perioden unterscheiden, 
von denen jede ihren besondern Charakter hat, 

1. Der M er o win gi sehen Zeit (481 bis 752) gehört 
die Begründung des französischen Adels an. Auffallender 
Weise sind die Spuren eines alten fränkischen Geschlechts- 
adels nur unsicher. Dagegen bildete sich damals ein persön- 
licher Treu ad el aus, welcher seine Entstehung vorzugsweise 
dem Verhältnisse zu dem Könige zu verdanken hatte. Es 
mochten zwar die alten Adelsgeschlechter auch hier vorzugs- 
weise bedacht worden sein. . Aber auszer ihnen wurden auch 
andere freie Franken und Germanen von dem Könige unter 
die Antrustionen aufgenommen, und selbst Romanen er- 
hielten als „Gäste des Königs" (convivae regis) ähnlichen 
Rang. Es sind sogar die Beispiele nicht ganz selten, dasz 
Personen von ganz niederer Geburt, vormalige Schaven und 
Hörige , zu den höchsten Aemtern im Reiche und daher unter 
die Magnaten emporstiegen. 

Dieser Adel war somit aus sehr gemischten Bestandteilen 
erwachsen. Er war mindestens in seiner Mehrheit, wie SchäiT- 
ner 2 näher nachgewiesen hat, kein Erb- sondern ein persön- 
licher Dienstadel, dem Könige durch den Eid der Treue 
verbunden. Das erhöhte Wergeid, dessen er genosz, war ein 
Zeichen und eine Folge der höheren Werthschätzung, die man 
seinen Gliedern beilegte. Im übrigen hatte er wenig privat- 

1 Dio Cass. 52. 

2 Geschichte der Rechtsverfassung Frankreichs I. S. 217 fg. 



144 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



rechtliche Vorzüge. Politisch aber war er ausgezeichnet theils 
durch die Verbindung der Eigenschaft eines Antrustio mit den 
hohen Reichsämtern, Hofstellen und kirchlichen Würden, theils 
durch die Theilnahme an dem Rathe des Königs und die her- 
vorragende Stellung auf den Nationalversammlungen und Reichs- 
tagen. Romanische und germanische Elemente sind in dieser 
Adelsinstitution ebenso gemischt, wie in den Personen, welche 
zu diesem Adel gerechnet wurden. 

Indessen war der germanische Charakter doch überwiegend, 
und kam immer mehr zur Herrschaft. Diesem Charakter ge- 
hört einerseits die persönliche Treuverbindung mit dem Könige 
(trustis dominica) an, welche sich durch die Familiensitte und 
dem Familieninteresse gemäsz fortpflanzte, und sich weiter auf 
die Vasallen anderer Herren (Seniores) verzweigte, anderer- 
seits die Ausstattung der Magnaten mit königlichen Benennen, 
meistens in Grundstücken bestehend, welche der König ihnen 
verlieh. In diesen beiden Beziehungen vornehmlich wurzelt 
das spätere Lehenswesen. 

2. Die Periode der Karolinger (752 — 987). 

Der Wechsel der königlichen Dynastie war groszentheils 
das Werk einer Adelsrevolution. Die karolingischen Haus- 
meier wuszten sich als Stellvertreter des Königs und Herzogs 
an die Spitze des mächtigen und kriegerischen Adels zu setzen. 
Als Führer desselben begünstigten sie das Streben der Edeln, 
sich in ihrem Grundbesitze zu befestigen. Mit ihrer Hülfe 
verdrängten sie dann die entarteten Scheinkönige. 

Diese Bewegung hatte, worauf Guizot 3 aufmerksam ge- 
macht, vornehmlich in dem nördlichen Theile von Frankreich, 
in welchem die Germanen vorherrschten, und welcher eben 
deszhalb im Gegensatze zu dem ..romanischen Frankreich" des 
Südens „deutsches Frankreich^ (Francia Teutonica) genannt 
wurde, in Austrasien nachhaltige Unterstützung gefunden. 



3 Essais sur l'histoire France. S. 52 ff. 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische Adel. 145 



Neustrien , wo auch der Adel stärker mit Romanen gemischt war, 
wurde von dem Impulse fortgerissen. Aus diesem Grunde er- 
hielt der französische Adel nun ein bestimmtes germanisches 
Gepräge. 

Der Amts- und Dienstadel wurde mehr und mehr Lehens- 
adel der Barone, Seniores und Vasallen, von denen 
jeder in seinem Kreise sich als selbständigen Herrn fühlen 
lernte. Die Zeit der Karolinger ist die Zeit des Ueberganges 
aus der königlichen Beam cenhierar chie in die selbst- 
herrliche Herrschaft der Seigneurs, und auch die 
Erblichkeit des Adels kam allmählich wieder auf, in Ver- 
bindung mit der zugestandenen Erblichkeit der Bellenden. 

3. Die höchste Ausbildung und Macht erlangte und besasz 
der neue Lehensadel in der dritten Periode der Kap et Inger 
(987 bis auf Ludwig den Heiligen 1226). 

Karl der Grosze hatte noch die Einheit des States auf- 
recht zu halten . und die königliche Macht zu stärken gewuszt. 
Aber unter seinen Nachfolgern zerfiel die fränkische Welt- 
monarchie in mehrere von einander unabhängige Stateii, und 
in dem französischen Reiche selbst nahm die Selbständigkeit 
der Aemter und der Lehen fortwährend zu. Schon Karl der 
Kahle war genöthigt 4 die Erblichkeit der Grafenämter 
und der Reichslehen für die Söhne der Vasallen anzuer- 
kennen, und den nämlichen Grundsatz auch auf die Söhne der 
Aftervasallen auszudehnen. In kurzem wurde auch den Seiten- 
verwandten ein Erbrecht in die Lehen zugestanden. 

Nur in der Kirche erhielt sich das Princip des indi- 
viduellen Amtsadels, im State verwandelte sich derselbe 
in einen feudalen Erbadel. Ueber ganz Frankreich breitete 
sich so in mannichf altigen Abstufungen und Formen die Herr- 
- schaft erblicher Seigneurs aus. Ein Theil derselben besasz die 
volle v obrigkeitliche Gewalt in allen wesentlichen Beziehungen; 



4 Capit. Caroli V. a. 877. P. III. 542. c. 3. 
Bluntschli, allgemeine Statslehre. 



10 



]40 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



zu eigenem Rechte, und erkannte nur eine sehr beschränkte 
oberlehensherrliche Gewalt des Königs über sich an. Diese 
Seigneurs können als der hohe Adel bezeichnet werden. 
Zu ihnen gehören die Herzoge, die Grafen, die Yicomtes, die 
Barone; die meisten unter ihnen waren Kronvasallen , einige 
auch Vasallen der Herzoge und Grafen, nur sehr wenige Al- 
lodialherren ihres Gebietes. Die hohe Gerichtsbarkeit gehörte 
ihnen zu, sie standen an der Spitze der Militärverfassung, die 
nun ganz ihres früheren volksmäszigen Charakters entkleidet 
zu Lehen- und Ritterdienst geworden war. Was sie hinwieder 
dem Könige zu Kriegsdiensten zn leisten katten, war genau 
begrenzt und normirt. Der König durfte nur mit ihrer Zu- 
stimmung Gesetze erlassen, nur so weit sie es verstatteten, 
Steuern erheben. In derselben Weise erlieszen sie in ihrem 
Gebiete Landesordnungen, und verlegten Steuern mit Zustim- 
mung und Einwilligung ihrer Vasallen. Wer in ihrer Herrschaft 
wohnte , muszte ihnen Treue (fides), die Vasallen überdem 
Hulde (homagium) schwören (foy et hommage); er w r ar ihr 
Unterthan. Die politische Statshoheit war so zerklüftet in 
eine grosze Anzahl mit privatrechtlichen Elementen versetzter, 
nur sehr lose verbundener Erbherrschaften. Der hohe Adel 
war nicht mehr ein hervorragender Stand des Volkes, noch 
war sein Wesen in der Treue und den Diensten zu erkennen, 
die er dem Könige schuldete. Seine Hauptbedeutung war viel- 
mehr die, dasz er zu beschränkten gröszeren und kleinen 
Lehensfürsten und Landesherrn aufgestiegen war. Er hatte 
die Souverän etat erlangt. 5 

Dieselben Erscheinungen wiederholten sich in den untern 
Stufen des nie dem Adels. Dieser war vorzüglich aus zwei 
Wurzeln erwachsen, einmal aus dem ritterlichen Berufe, so- 
dann aus dem Hofdienste. Anfänglich war es der Beruf, welcher 

5 Es ist das der alte Sprachgebrauch. Beaiimanoir XXXIV. 41 : 
„(^ascims barons est souvcrains en sa haronnie. Voirs est que Ii rois 
est souvrains par dcsor tous." 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. B. Der französische Adel. 



147 



die Ehre derer hob, die sich ihm weihten, und als Ritter oder 
Dienstleute einem Herrn zu besonderer Treue verbunden wurden. 
Waren die erstem gröstentheils Freie , so fanden sich dagegen 
unter den Ministerialen auch viele ursprünglich hörige Leute. 

Aber auch dieser Berufsadel wurde mit der Zeit zu einem 
erblichen Lehensadel. Die Ritter bekamen Lehengüter, 
die sich in ihrem Geschlechte vererbten, die Dienstleute wur- 
den mit Hoflehen ausgestattet. Als begüterte Männer 
(riches oms) unterschieden sie sich von der Rotüre, als Vasal- 
len standen sie ihren Seigneurs nahe. Wie diese von alters- 
her Tafelgenossen des Königs (convivae regis) waren , so galt 
es im Mittelalter als ein Grundsatz des Feudalrechts: die 
Ritter sind Tafelgenossen der Herren. 6 Ihre Kriegs- und Hof- 
dienste waren mit den Gütern verbunden, wie die Hoheitsrechte 
der Seigneurs mit den Grundherrschaften. Auch ihnen kam 
eine — zwar beschränktere — Grundherrlichkeit zu; sie waren 
gewöhnlieh hinwieder niedere Gerichtsherren über die Unter- 
thanen ihrer Lehensherrn , welche durch sie mit demselben ver- 
mittelt wurden. Ihr Stand schlosz sich mehr und mehr ab. 
Und war derselbe ursprünglich eine Folge des Berufes, so 
wurde nun die ritterbürtige Herkunft und die standesmäszige 
Erziehung die regelmäszige Voraussetzung auch der Ritter- 
schaft. Mit Rücksicht auf ihr Geschlecht wurden die neuen 
Adeligen nun gentils hommes genannt. Die Abstammung allein 
freilich machte den Sohn nicht zum Ritter, 7 aber wer nicht 
von einem rittermäszigen Vater stammte — auf die Mutter 
wurde nicht gesehen — konnte in der Regel auch nicht Ritter 
werden. Nur dem Könige blieb es vorbehalten, in den Adel- 
stand zu erheben. 8 Indessen war die Verbindung dieses Adels 

6 Loysei, Inst. Coutum. I. 1. 14: „Nul ne doit seoir ä la table du 
Baron s'il n'est Chevalier." 

7 Das französische Rechtssprichwort: „Nul ne nait Chevalier" bei 
Loysei, Inst. Coutum. I. 1. 

8 Loysei, Inst. Coutum. I. 1. 12: „Nul ne peut anoblir que le Roy," 
13.: „Le moyen d'etre anobli sans Lettres, est d'etre fait Chevalier." 



1 48 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



mit dein Besitze eines Lehens früher so enge^, dasz der Rotu- 
rier, welcher ein Lehensgut erkaufte und darauf lebte, um 
seines Gutes willen zum franc-homme wurde, und sein Enkel, 
der ihm in demselben nachfolgte, in jeder Beziehung zu den 
gentils-hommes gehörte. 8 Daneben freilich entstand dann ein 
freies Ritterthum ohne Lehensbesitz, das durch Geburt. 
Erziehung und Beruf der ritterlichen Ehre theilhaftig wurde. 

Auch unter diesem niedern Adel gab es mancherlei Ab- 
stufungen, von den vavasseurs oder bas sires aufwärts zu den 
Viguiers (vicarii), die besonders im Süden häufig waren, und 
öfters eine mittlere Gerichtsbarkeit besaszen, den Chatelains, 
von denen einzelne den Baronen nahe kamen, und den Vicom- 
tes, von denen ein Theil zu den Baronen gehörte, ein anderer 
Theil aber im Lehensdienste einzelner Grafen eine untergeord- 
nete Stellung hatten. 

Die Mannichfaltigkeit der verschiedenen Rangstufen und 
Rechte ist zwar überaus grosz und im Einzelnen verwirrend. 
Aber der Grundcharakter ist überall der des Lehenswesen*. 

4. In der vierten Periode, von Ludwig dem Heiligen (1226) 
bis zur französischen Revolution (1789) sehen wir eine totale 
Umgestaltung des Adels sich vollziehen. 

In der ersten Zeit war es ein Kampf des Königthums mit 
dem Adel um die Herrschaft. Die Könige vertraten in dem- 
selben die mit neuer Stärke erwachende Nationaleinheit und 
das wieder belebte Statsbewusztsein. In diesem Kampfe kamen 
die Juristen, welche die Grundsätze des römischen Rechts 
verfochten und neuerdings zur Anwendung brachten, den Königen 
zu Hülfe. In dem königlichen Gerichtshöfe . dem P a r 1 a m e n t. 
erhielten ihre Lehren ein mächtiges Organ. Das Volk, vor- 
nehmlich die Einwohner der Städte, obwohl nur selten ein- 
greifend, unterstützte dieselben mittelbar. 

Ein neues königliches Beamten System, unabhängig 



9 Schä ffner a. a. 0. II. S. 160. 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische Adel. 



149 



von dem Leliensverband, wurde nach und nach eingefühlt. Be- 
soldete königliche Truppen dienten ohne Beschränkung 
und Vorbehalt der königlichen Macht. Die groszen Herzog- 
thümer und Grafschaften wurden eine nach der andern, bald 
durch die Erbfolge, bald durch Vertrag, oft durch kriegerische 
Gewalt mit der Krone vereinigt, und so die entäuszerten 
Hoheitsrechte wieder concentrirt. So wurde die selbstän- 
dige Herrschaft des Adels gebrochen. Durch Lud- 
wig XL (1461 — 1493) wurde dieser Sieg der königlichen 
Souveränetät über die Seigneurs vollendet. 

Der Adel hatte nur Bruchstücke seiner früheren Landes- 
hoheit in die folgenden Jahrhunderte hinüber gerettet. Nur 
als Gouverneure in einzelnen Provinzen, nicht mehr als 
Landesherren vermochten sich die Groszen zu halten. Der 
Adel war nun zu einem bevorzugten Stande von Unterthanen 
geworden. Die Auszeichnungen, deren er theilhaft war, nahmen 
mehr und mehr den Charakter von Privilegien an, die viel- 
fältig mit den neuen Begriffen und Meinungen in Conflict ge- 
riethen und gehässig wurden. 10 Wohl gab es auch später noch 
Kämpfe zwischen dem Könige und dem Adel, aber sie waren 
von ganz anderer Art als vordem. Es waren das nun Kämpfe 
der politischen und religiösen, häufig auch bloszer H o f- 
parteien, an deren Spitze gewöhnlich Adelige standen. Woll- 
ten Adelige zu Einfluss und Macht gelangen, so war das da- 
mals nur im Dienste des Königs möglich. Die Theil- 

10 Tocqucville (Tancien regime) liat ausgeführt, wie sehr die Auf- 
hebung der politischen Rechte des Adels und daneben die Fortdauer der 
ökonomischen Vorrechte desselben zusammenwirkten , um den allgemeinen 
Volkshasz gegen den Adel zu reizen. So lange die Herren und Ritter 
noch die Gerichtsbarkeit zu besorgen hatten und für die öffentlichen 
Bedürfnisse besonders thätig waren, begriff man ihre Befreiung von den 
Htatssteuern und ihre Bezüge von Grund- und Personalgefällen. Aber 
seitdem die königliche Beamtung die ganze öffentliche Verwaltung und 
die Rechtspflege übernommen hatte, und der Adel ebenso gehorchen 
muszte, wie die Bürger und die Bauern, erschienen den Leuten jene 
ökonomischen Rechte desselben als ungerechte Privilegien. 



1 50 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



nähme des Adels an dem Nationalrathe war. weil dieser 
selbst nicht zu fester und regelmäsziger Gestaltung kam, nicht 
erheblich. Der alte Lehensadel wurde so in einen bloszen 
Hofadel verwandelt. Sein Wesen bestand eher in äußer- 
lichem Rang und Ehren, als in politischen Rechten. 
Heinrich IV. hatte den Adel angewiesen, auf seinen Gü- 
tern zu leben. Aber Ludwig XIV. zog denselben im Gegen- 
theil an den Hof, um ihn durch den Schein des Hofglanzes 
völlig dienstbar zu machen. 11 

Am höchsten standen die Pairs de France, anfänglich 
XII, sechs geistliche Herren, sechs weltliche Kronvasallen und 
später durch die königlichen Prinzen und eine Anzahl anderer 
weltlicher Groszen vermehrt. Die Fairschaft war erblich. 
Freier Zutritt zu dem Könige und zu dem Parlament in Paris, 
von dem sie allein zur Verantwortung gezogen werden durften, 
zeichnete sie aus. Bei der Krönung der Könige trugen sie 
die Insignien der königlichen Gewalt. 

Auf die Pairs folgten in der Rangordnung die Herzoge, 
die Marquis, die Grafen, die Fürsten, Barone. Vi- 
comtes, Chatelains. Titel und Wappen waren die äuszern 
Kennzeichen des Ranges. Dann folgte der niedere Adel 
der ficuyers und der einfachen Gentilshommes. 

In dem alten Adel war die Geburt zunächst entschei- 
dend, die Verbindung mit Grundherr Schaft aber daneben 
von Einflusz. Dem alten Adel trat nun aber ein neuer an 
die Seite, der vornehmlich von königlicher Verleihung 
abgeleitet wurde. Dahin gehörte voraus der Adel, der mit 
der Ernennung zu höhern Civil- und Militärämt ern ver- 
bunden war, vorzüglich der Parlamentsadel der Räthe an 
den souveränen Gerichtshöfen (noblesse de robe). Diese Stellen 
waren nun nicht mehr wie in der Lehensverfassung an den 
Boden geknüpft , noch erbliche Familienrechte , und es erhielt 

H De Parieu Polit. 100 ff. 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische AdeL 



151 



daher dieser Adel fortwährend neue individuelle Zuflüsse. Ihm 
verwandt war der Adel der Doctoren der Rechte (milites 
litterati, legales), der einzige, der nicht von der königlichen 
Gunst ertheilt wurde , sondern auf wissenschaftlicher Auszeich- 
nung beruhte. 

Einen schlimmeren Bestandteil erhielt der Adel in der 
groszen Zahl derer, welche durch Adelsbrief e, häufig blosz 
um der Taxe willen, welche dafür bezahlt werden muszte, 
nicht selten auch zur Belohnung für Dienste . die nicht immer 
ehrenvoll waren, in den erblichen Adelsstand erhoben wurden 12 
(noblesse par lettres). 

5. Die kurze aber gewaltig eingreifende Zeit der fran- 
zösischen Revolution (1789 bis 1799) zerstörte das ganze In- 
stitut des Adels. Sie begann mit der Fusion der früher 
getrennten Stände in einer allgemeinen Nationalversammlung. 
Dann hob sie den Adel auf als eine dem demokratischen 
Princip der Gleichheit (figalite) widersprechende Auszeichnung. 13 
Endlich suchte sie die Adeligen mit Hülfe der gleichmachen- 
den Guillotine auszurotten. 

6. Als die Leidenschaften der Revolution sich in dem 
Blute der t hervorragenden Männer gesättigt und ihre Gleich- 
heitstheorie die scharfe Schneide an dem Widerstande der 
realen Verhältnisse abgestumpft hatte , wurden auch in Frank- 
reich verschiedene Versuche gemacht, den Adel in neuer 

!2 Vgl. über diesen Abschnitt Schaffner a. a. 0. Bd. II. 

13 Gesetz v. 25. Juni 1790. Art. 1. „La noblesse hereditaire est pour 
toujours abolie; en consequence les titres de prince, de duc, de comte 
etc. — ne seront pris par qui que ce soit, ni donnes ä personne." Ver- 
fassung v. Sept. 1791. „La Constitution garantit comme droits naturels 
et civils 1) que tous les citoyens sont admissibles aux places et emplois, 
sans autre distinction que celle des vertus et des talens; 2) que toutes 
les contributions seront reparties entre tous les citoyens egalement, en 
Proportion de leurs facultes." 

V. 1795. Art. 3. „L'egalite n'admet aucune distinction de naissance, 
aucune heredite de pouvoirs." 



1 ">2 Zweite« Buch. Die Grundbedingungen des Statsin d. Menscher.- u. Volksnatur. 



Gestalt auf der mit Trümmern bedeckten Ebene herzustellen . 
Aber keiner derselben gelangte zu festem Bestand. 

Am interessantesten ist der Versuch Napoleons, welcher 
in der Aristokratie eine unentbehrliche Stütze und zugleich eine 
Schranke der Monarchie erkannte. In dem Orden der Ehren- 
legion schuf er gewissermaszen einen modernen Ritter- 
adel, der jedem höhern Verdienste um den Stat im weitesten 
Sinne zugänglich, seinem Wesen nach aber nur eine indivi- 
duelle Ehrenauszeichnung war. Er hatte überdem vor. 
eine höhere erbliche Aristokratie zu gründen, in welcher 
die übrig gebliebenen Familien des alten historischen Adels 
mit den Nachkommen der neuen französischen Marschälle, 
S tatsminister und anderer hohen Reichsbeamten und Würde- 
träger vereinigt worden wären. Man sieht, Napoleon dachte 
daran, die Institutionen der ersten römischen Kaiserzeit mit 
den Ueberlieferungen der französischen Geschichte zu combi- 
niren. Indessen hatte er kaum durch das Statut vom 1 . März 
1808 die ersten Anfänge zu dieser Erneuerung des Adels ge- 
legt, als sein eigener Sturz die Fortbildung unterbrach. 14 

'4 Napoleon im Mem. de St. Hei. bei Las Casas V. 36 ff.: „Die 
Aristokratie ist die Stütze und der Moderator der Monarchie, sie hebt 
diese empor und - leistet ihr Widerstand. Der Stat ohne Aristokratie ist 
ein Schiff ohne Steuer (_?), ein Luftballon, von den Winden geschaukelt. 
Das Heilsame der Aristokratie aber, ihr Zauber liegt in' ihrem Alter, in 
der Zeit; und gerade das ist das Einzige, was ich nicht schaffen kann. 
Die vernünftige Demokratie begnügt sich, für alle die Gleichheit des 
Strebens and die Erreichbarkeit des Zieles zu erhalten (ä tous l'ega- 
lite pour pretendre et obtenir). Es kam nun darauf an, die Trümmer 
der Aristokratie mit den Formen und Intentionen der Demokratie zu 
versöhnen. Voraus galt es, die groszen alten Namen unserer Geschichte 
zu sammeln. — Ich hatte in meiner Mappe einen Entwurf. Jeder Nach- 
komme eines gewesenen Marschalls oder Ministers wäre zu seiner Zeit 
fähig gewesen, indem er die erforderliche Ausstattung nachgewiesen, 
sich zum Herzog erklären zu lassen. Jeder Sohn eines Generals oder 
Statthalters einer Provinz hätte sich jeder Zeit als Graf können aner- 
kennen lassen und so weiter. Diese Einrichtung hätte die einen geför- 
dert , die Hoffnungen der andern aufrecht erhalten , den Wetteifer aller 
angeregt, und den Stolz niemandes verletzt." Vgl. auch V. 161 und 



Zehntes Capitel. 2. Der Adel. A. Der französische Adel. 153 

Ludwig XVIII. (1815) schlosz sich in seiner Pairie 
näher an das Vorbild der englischen Einrichtungen an. Aber 
es gelang ihm nicht, einen politischen Pairsadel zu be- 
festigen. Die Bestandteile der alten Pairie waren durch die 
Revolution zu sehr zerstört; der Geist der Nation war so ganz 
für die Principien der Rechtsgleichheit und der freien Bewe- 
gung auch des Eigen thums eingenommen, dasz ihm jede Er- 
neuerung des Adels wie ein räuberischer Eingriff in die Volks- 
rechte erschien; ein groszer Theil des alten Adels hatte die 
Waffen gegen das Vaterland getragen und die erneuerten An- 
sprüche desselben wurden auf die Besiegung Frankreichs durch 
die fremden Heere gestützt. 15 Der alte Hasz fand immer 
wieder neue Nahrung und nirgends wurden grosze neue Ver- 
dienste der Aristokratie um das Volkswohl sichtbar, welche 
mit einer neuen politischen Erhebung derselben versöhnt hätte. 

Die Julirevolution von 1830 hob mit den Majoraten die 
erbliche Pairie wieder auf, und die Februarstürme von 1848 
stürzten auch die darauf folgende persönliche und lebens- 
längliche, von dem Könige geschaffene Pairie. Neuerdings 
sprach sich die Republik gegen alle. Adelstitel und Adelsrechte 
aus. 16 Eine Reorganisation hat der französische Adel nicht 
wieder erlebt. Keime einer solchen werden zwar in der se- 
natorischen Stellung sichtbar, welche Napoleon III. in 
seine Verfassung aufnahm, aber mit diesem Versuch schei- 
terte, als das kaiserliche Regiment Schiffbruch erlitt. 

Thiers liist. du ConsuL VIII, S. 116. Benjamin Constant de Pesprit de 
conquete Pars II. cli. 2: „L'heredite sintroduit, dans des siecles de sim- 
plicite et de conquete, mais on ne l'institue pas au milieu de siecles de 
civilisation. Elle peut alors se conserver mais non s'etablir." Vgl. Paiieu 
Pol. 108. 

15 In den hundert Tagen verfügte daher wieder ein kaiserliches 
Decret vom 13. März 1815: „La noblesse est abolie. Les titres feodaux 
sont supprimes." 

l fi Französ. Verf. v. 1848. Art. 10: „Sont abolis ä toujours tout 
titre nobiliaire, tonte distinction de naissance, de classe ou de caste." 



1 54 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Mensehen- u. Volksnatur. 



Seitdem ist der französische Adel nur insofern wieder 
hergestellt worden, als die alten Titel von neuem gestattet 17 
und gegen Miszbrauch gesichert worden sind. In der Nation 
gibt es noch aristokratische Elemente und Neigungen, aber 
sie können nicht aufkommen gegenüber dem demokratischen 
Gleichheitssinn der Massen. Die Reste des französischen 
Adels haben gegenwärtig nur die Bedeutung eines Titular- 
adels ohne eigenthümliche Rechte und werden mehr durch die 
Eitelkeit der Familien als durch die Statsinstitutionen er- 
halten. 18 



Eilftes Capitel. 

B. Der englische Adel. 

In den neuern europäischen Staten hat sich fast nur in 
England der Adel auch in die Gegenwart als ein gesichertes 
und groszartiges nationales Institut hinüber gerettet. Ver- 
schiedene Gründe wirkten zusammen, um dieses Resultat her- 
vorzubringen. Die Darstellung derselben dient zugleich dazu, 
die Natur dieser englischen Aristokratie ins Licht zu setzen. 

1. Der englische Adel des Mittelalters hatte wie der 
französische zwei verschiedene nationale Bestandteile in sich, 
einen angelsächsischen und einen normannischen, aber 
das Verhältnisz dieser beiden Theile war ein ganz anderes 
als das der vornehmen Franken und Romanen in dem 
französischen Adel. Die Normannen behaupteten zwar in den 
ersten Jahrhunderten nach der Eroberung des Herzogs Wilhelm 
von der Normandie (10G6) ein factisches Uebergewicht über 

« Decret vom 24. Jan. 1852. Gesetz vom 28. Mai 1858 und Decret 
vom 8. Jan. 1859, durch welches eine eigene Behörde zur Controle über 
die Adelstitel eingesetzt ward. 

l» De Paricu Pol. S. 112 ff. 



Eilftes Capitel. 2. Der Adel. B. Der englische Adel. 



155 



die Sachsen, aber diese waren doch mit jenen viel näher ver- 
wandt. Die Eorls waren ein ursprünglicher Nationaladel der 
Sachsen, der vor den gemeinfreien C eorls von altersher 
hervorragte. Der sächsische Adelige hatte die nämliche Er- 
ziehung, Lebensweise, Denkart wie der Normanne; und auch 
den neuen Königen gegenüber hielten sie an ihrem alten von 
denselben anerkannten Rechte fest. Gerade die factische Zurück- 
setzung aber der Sachsen stählte ihren Freiheitssinn, und hatte 
vorzugsweise die Wirkung, dasz dieselben um so eifersüchtiger 
und kräftiger ihr Recht zu wahren suchten , und dem gesamm- 
ten Adel jenen Geist politischer Freiheit einpflanzten, 
durch den England grosz geworden ist. 

2. Auf der andern Seite hatte die Eroberung die grosze 
Wirkung, dasz die königliche Gewalt, auf welcher die 
Einheit und die Sicherheit des States vorzüglich beruhte, nicht 
wie in Frankreich durch den Adel verdrängt wurde, und nicht 
ebenso eine in einzelne Herrschaften zersplitterte Souveränetät 
der groszen Vasallen entstand. 

Das Lehenswesen fand freilich, wie damals allenthalben, 
auch in England Eingang, aber es bildete sich doch in anderer 
Weise aus. Es ist zwar die früher ziemlich verbreitete Mei- 
nung, dasz durch die Normannen das Lehenssystem in Eng- 
land zuerst eingeführt worden sei, in Folge neuerer Unter- 
suchungen als unrichtig erwiesen; auch die alten sächsischen 
Thane hatten groszentheils Lehensbesitz, und waren um desz- 
willen den Königen zu besonderer Treue und Kriegsdienst ver- 
pflichtet. Aber wahr ist es, dasz die normannische Herrschaft 
bei weitem mehr dem ganzen State einen lehensartigen Cha- 
rakter und lehensmäszige Formen gab. Das Lehenswesen war 
zur Zeit der Eroberung in der Normandie ausgebildeter als in 
England, und die Sieger trugen die heimischen Vorstellungen 
hinüber in das neu erworbene Land. 

Im Princip — das Verständnisz der Neuerung wurde erst 
später allgemein, als weitere Consequenzen derselben zur 



I 56 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. >Ienscheu-u. Volksnatal ■. 



Sprache kamen — wurden sogar alle Privatgüter in England 
durch ein Gesetz Wilhelms 1. als Lehensboden erklärt und 
das Obereigenthum des Königs darüber behauptet. Auch 
die bisherigen Allodialgüter wurden so in den Lehensnexus 
hereingezogen, und die bisherigen blosz lebenslänglichen Lene- 
ficien hinwieder zu erblichen Lehen erhoben. Alle freien Männer 
im Reiche muszten überdem dem Könige den Eid der Lehens- 
treue schwören und sich zum Kriegsdienst verpflichten ; 1 und 
es ging dieser Eid dem Treuschwur der freien Insassen an, 
ihren unmittelbaren Lehensherrn vor. Ueber G0.000 Ritter- 
lehne gab es unter der Regierung Wilhelms L, die alle un- 
mittelbar oder zum gröszern Theile mittelbar dem Könige als 
oberstem Lehens- und Kriegsherrn verbunden waren. Man 
sieht, die Zügel der Lehensherrschaft wurden von dem Könige 
selbst in die Hand genommen und straffer angezogen , als da- 
mals in Frankreich, dessen König über den Herzog von der 
Normandie, welcher als solcher selbst ein französischer Vasall 
war, nur eine geringe, mehr formelle als reale Souveränetät 
besasz. Der normannische und sächsische Adel blieb somit, 
wenn er auch nach der Weise des Mittelalters Rechte der 
Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt über seine Hintersassen be- 
sasz und ausübte, doch in seinem wirklichen Unterthanen- 

1 Stat. Willi, c. 52: „Statuimus, ut omnes lileri liomincs ibedere 
et sacramento affirment, quod intra et extra regnum Angliae Wilhelmo 
suo domino fideles esse velint, terras et honores illius fidelitate ubique 
servare cum eo, et contra inimicos et alienigenas defendere." c. 58: 
„Statuimus etiam, ut omnes barones et milites et servientes et universi 
liberi homines totius regni nostri praedicti liabeant et teneant se Semper 
bene in armis et in equis, ut decet et oportet; et quod sint Semper 
prompti et bene parati ad servitium suum integrum nobis explendum et 
peragendum, cum Semper opus fuerit, secundum quod nobis de feodis 
debent et Unementis de jure facere, et sicut illis statuimus per commune 
concilium totius regni praedicti, et Ulis dedimus et cuncessimus in feodn. 
jure haereditario. Vgl. Jieeves History of the English Law I. S. 34 (f.; 
Phillipps engl. Reichs- u. Rechtsgesch. II. 8.42; Gneist das heutige engl. 
Verfassungs- und Verwaltungsrecht 7. u. III. 



Eilftes Capitel. 2. Der Adel. B. Der englische Adel. 



157 



verhälfnisz zu dem König, und die Einheit des States 
wurde den Baronen nicht hingeopfert, 

3. Wenn so der englische Adel auf der einen Seite gerin- 
gere Herrschaftsrechte hatte, so waren auf der andern Seite 
seine politisch- nationalen Rechte um so bedeutender; 
und hierauf vornehmlich beruht die Grösze und die bleibende 
Wichtigkeit des englischen Ade\s. 

Diese politisch - nationalen Rechte machten sich auf den 
groszen Reichstagen geltend, die man frühe schon mit dem 
bescheidenen Namen des Parlaments bezeichnet hat. Das 
alte sächsische Witenagemot lebte in neuer veredelter Ge- 
stalt als Parlament wieder auf, und in ihm einten nach und 
nach die nämlichen Interessen und Schicksale auch die beiden 
Stämme. Die einen älteren Versammlungen der groszen Vasallen 
mochten wohl meistens nur den Zweck haben , den Glanz und 
die Würde der Krone an den heiligen Festen zu Ostern, 
Pfingsten und "Weihnachten zu verherrlichen. Die andern aber 
erhielten allmählich eine grosze politische Bedeutung, und es 
wurden, anfangs ohne feste Normen und scharfe Competenz- 
ausscheidung, auf ihnen je die wichtigsten Angelegenheiten 
des States Gehandelt und entschieden. Während des XIII. Jahr- 
hunderts erhielten dieselben eine regelmäszigere Gestaltung. 
Die Magna Charta von 1215, welche dem Könige Johann 
ohne Land von dem siegreichen Adel , der für die Behauptung 
seiner Rechte die Waffen ergriffen hatte, in dem Friedens- 
schlüsse abgenöthigt wurde, setzte urkundlich fest, dasz „die 
Erzbischöfe, Bischöfe, Aebte, und die Grafen und groszen 
Barone persönlich durch königliche Briefe (sigillatim per 
litteras nostras) , die übrigen unmittelbaren Vasallen des Königs 
aber insgesammt durch die königlichen Beamten (in generali 
per vicecomites et ballivos nostros) zu dem Parlamente (com- 
mune consilium regni) eingeladen" werden sollen, und dasz 
nur mit ihrer Zustimmung neue Steuern erhoben werden dürfen. 

Aus den ersteren, welche vorzugsweise als geborene Räthe 



1 58 Zweites Büch« Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Yolksrifitnr. 



des Königs und Träger der obersten Hof- und Reichsämter 
die öffentlichen Angelegenheiten im Lande verwalteten, bildete 
sich im Verfolge der Zeit das Oberhaus; die letztern wurden 
zu einem Bestandtheile des spätem Unterhauses. Beide 
Classen hatten anfangs ein persönliches Recht der Reichs- 
standschaft. Die erstere behielt es bei. Für die letztere aber 
wurde es , in Verbindung mit andern Bittern des Landes After- 
vasallen der groszen Kronvasallen und den Bewohnern der 
Städte und Burgen, später zu einem politischen Repräsen- 
tationsrechte. Nur die ersteren, die Lords, galten fortan 
als hoher Adel. Dem niederen Adel der Gentry trat 
die begüterte Bürgerschaft zur Seite. 

In der vollendeten Verfassung des Parlaments, welche in 
der Hauptsache in der zweiten Hälfte des XIII. und der ersten 
Hälfte des XIV. Jahrhunderts zu Stande kam, ' 2 fand der Adel 
seine natürliche Stellung im State. In den Zeiten Heinrichs III. 
gewann es den Anschein, dasz die Barone, unter der Anfüh- 
rung des Grafen von Leicester, die Monarchie selbst in ihrer] 
Existenz gefährden und die Regierung des States in ihre Hand 
nehmen möchten. Dieser Uebergriff war aber doch nur vor- 
übergehend, und sehr hald setzte sich von neuem das Princip 
fest, dasz der Aristokratie wohl ein bestimmter Einflusz 
auf die politischen Angelegenheit en der Nation und 
insbesondere die Mitwirkung in der Gesetzgebung ge- 
bühre, nicht aber die Ausübung der eigentlichen Herr- 
schaft, nicht die Statsregierung. Aber auch den untern 
Ständen gegenüber fand der Adel die nöthige Schranke seiner 
politischen Macht in der Ergänzung des Parlaments durch die 
Repräsentanten der Städte und Burgen und dadurch, dasz die 
englischen Ritter von den Freisassen (libere tenentes) zum 
Parlament gewählt, nicht wie auf dem Continent nur von dem 
eigenen Stande bezeichnet wurden. 

2 Vgl. unten Tlieil IT. Buch II. Cap. 3. 



Eilftes Capitel. 2. Der Adel. B. Der englische Adel. 



159 



Die eigentliche nobility bestand lediglich aus den Lords, 
und ward nie wie in Frankreich und Deutschland zu einem 
landesherrlichen Dynastenadel, sondern nur zu einem reichs- 
ständischen Adel, welcher in Unterordnung unter den König 
und das Gesetz in der Kriegsordnung und im Gericht, sowie 
über seine Aftervasallen hoheitliche Rechte ausübte. 

Die Ritterschaft, d. 11 die Classe der Freien, welche 
im Besitz von Rittergütern war, sei es Lehen des Königs, sei 
es Lehen anderer Groszen, nahm ebenfalls als erste Classe der 
Grafschaftsmiliz, in Verbindung mit andern Classen und vor- 
züglich als Träger des Friedensrichteramtes , mit der Polizei- 
gewalt und der Verwaltung der Rechtspflege betraut, eine sehr 
einfluszreiche Stellung ein. Aus ihr wurden die Abgeordneten 
der Grafschaft zum Parlament gewählt. Durch die Verbindung 
, ihrer jüngern Söhne mit den hochhürgerlichen Classen und 
ihre parlamentarische Gemeinschaft mit den Vertretern der 
Städte, den „Honoratioren", bildete sich im Gegensatz zu der 
continentalen Abschlieszung des niedern Adels der seinem 
Wesen nach eher moderne als mittelalterliche Begriff der 
Gentry aus, welche alle die Personen als Gent leinen zu- 
zusammenfaszt, die sich durch Geburt oder Aemter, oder durch 
ihre Bildung und Vermögen als Honoratioren über die untern 
Massen erheben. Die Gentry ist nicht wie der Stand der 
Gentilshommes in Frankreich ein festgeschlossener Adelsstand, 
sondern eine flüssige Aristokratie, welche täglich neue Zuflüsse 
in sich aufnimmt und gelegentlich auch unwürdige Glieder 
wieder auswirft. 3 

4. Ein fernerer Charakterzug des englischen Adels, durch 

3 ßlackstone, Comment. I. 12, führt eine Stelle von Thom. Smith 
billigend an, in welcher als Gentlemen alle die erklärt werden, welche 
Universitätsstudien gemacht haben, liberale Berufsweisen betreiben, in 
Musze leben können ohne Handarbeit, und im Stande sind, sich als 
Gentlemen zu benehmen und zu leben. Vgl. Gneist Gesch. des engl. 
Verfassungs- und Verwaltungsrechts III. S. 334 f.; Tocqueville Oeuvres 
VIII. S. 328. 



1 (JO Zweites Buch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 

den er sich sehr zu seinem Ruhme von dem französischen und 
zum Theil auch von dem deutschen Adel unterscheidet, ver- 
dient besonders hervorgehoben zu werden. Schon in der Zeit, 
als die Barone die einzige politische Macht im State waren, 
hatten sie nicht blosz sich und ihre eigenen Hechte im Auge. 
Sie fühlten sich frühzeitig als eine nationale Körper- 
schaft, welche den Beruf habe, auch im allgemeinen öffent- 
lichen Interesse die Rechte des Volkes zu schirmen und 
für seine Freiheit zu sorgen. Die Magna Charta enthält zahl- 
reiche und höchst wichtige Bestimmungen der Art. Die poli- 
tische Freiheit der Engländer ist zu einem guten Theile 
ein Werk der Aristokratie. Nachdem diese aber einmal fest 
begründet war, da wurde die hohe Aristokratie mehr und 
mehr zu einem festen Damme, .welcher den Stat vor der üeber- 
fluthung der demokratischen Ströme sicherte, und wie sie vor- 
her die Volksfreiheit begründet hatte, übernahm sie nun die 
minder populäre aber nicht minder heilsame Aufgabe für die 
Aufrechterhaltung des Thrones und der festen Statsord- 
nüng einzustehen. In der Mitte stehend zwischen König und 
der Menge des Volkes, und weder so mächtig, dasz sie für 
sich allein zu herrschen vermochte, noch so abhängig in ihrer 
Existenz, dasz sie allen Strömungen von unten oder jedem 
Ansinnen von oben folgen müszte, bewahrte sie die Freiheit 
und die Rechte beider vor dem Uebergriff je des andern und 
vor dem Miszbrauch beider. Der englische Adel ist aach 
fortwährend thätig geblieben in den öffentlichen Geschäf- 
ten, und wenn es sich um Uebung öffentlicher Pf lichten 
handelte, so stand er allezeit in erster Reihe. Schon die 
Erziehung desselben wird von dem Geiste politischer Freiheit 
durchdrungen, und ist auf persönliche Selbständigkeit gerichtet. 
Die politischen Parteien, die Betheiligung an der Polizeiver- 
waltung der Friedensrichter, die Mitwirkung bei den Wahlen, 
die Theilnahme an den Grafschaftsverbänden und an den 
Gesch wornengerichten, die Uebung zu allen gemeinnützigen 



Eilftes Capitel. 2. Der Adel. ß. Der englische Adel. 



161 



Zwecken in Vereine zusammen zu treten, die freiwillige Selbst- 
besteuerung für solche Zwecke, welche zu der Tragung der 
Stats- und Gemeindesteuern hinzutritt, das Alles erhält die 
Aristokratie im Zusammenhang mit "dem Volksleben und übt 
sie in den Pflichten der Selbstverwaltung und der patrioti- 
schen Thätigkeit. Niemand kann ihr vorwerfen, dasz sie eine 
Schmarotzerpflanze sei, welche die Volkssäfte gierig aufsauge 
und die Fruchtbarkeit des Stammes und seiner Zweige ver- 
mindere. 4 

5. Das Princip des Erbrechtes ist für die englischen 
Lords zur statsrechtlichen Kegel erhoben worden, aber weder 
in so absoluter Form noch so ausschlieszlich als auf dem 
Continent. 

In der ersten Zeit stand das Erbrecht und die Pairschaft 
in enger Beziehung zu dem Grundbesitz oder den Aemtern ; 
die Pairie selber hatte damals einen territorialen Charakter. 
Später aber wurde dieser Zusammenhang aufgelöst , und die 
Pairie ging als persönliche Würde durch das Erbrecht 
über. Von dieser frühern Verbindung mit einem bestimmten 
Land, oder Schlosz oder Amte her erhielt sich aber der wich- 
tige erbrechtliche Grundsatz , dasz nur Einer der Söhne oder 
Anverwandten des verstorbenen Lords an dessen Stelle ins 
Parlament trete. Nur der älteste Sohn wurde nach den Grund- 
sätzen der "Erstgeburt wieder Lord, die später geborenen er- 
hielten mindern Rang und waren von den Rechten des hohen 
Adels ausgeschlossen. Nicht blosz die jüngeren Söhne des 
Lords sind vor dem Gesetze blosze E s q u i r e s , sondern selbst 
der älteste wird, so lange der Vater lebt, nur von der Höf- 
lichkeit der Gesellschaft , nicht von dem Rechte Lord genannt. 
Auf diese Weise blieb einerseits das Ansehen und der Reich- 
thum der groszen Familien fortdauernd in einem Familien- 
haupte concentrirt. und gab es andererseits Uebergänge zu 

4 Vgl. die ausführliche Darstellung in dem angef. Werk von Gneist 
j und die Charakteristik von Tocqueville Oeuvres Bd. VIII. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 1 1 



1 02 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



den übrigen Ständen . welche den Unterschied des Blutes 
milderten. 5 

6. Ebenso wurde die Familiengenossenschaft auch 
der Pairs nicht auf das adelige Blut beschränkt. Auch die 
bürgerlich geborne Frau, welche zur Gemalin eines Lords er- 
hoben wird, wird um deszwillen ohne Bedenken zur Lady: 
ein Grundsatz des natürlichen Familienrechts , dessen Beachtung 
die Ehre des hohen Adels keineswegs verdunkelt, sondern im 
(jegentheil vor gerechten Angriffen bei weitem mehr gesichert 
hat als das kastenartige Princip der Ebenbürtigkeit . an welches 
der deutsche hohe Adel so ängstlich sich anklammert. 

7. Endlich wurde der Stand der Pairs von Zeit zu Zeit 
durch neue Pairs er nennun gen ergänzt und erfrischt. Das 
Recht, Pairs zu ernennen, wurde dem Könige vorbehalten. 
Er galt als „die Quelle aller politischen Ehren." 6 Ihm allein 
kam es daher zu, neue Glieder des Adels, sei es mit dem 
Titel eines Herzogs, Marquis, Graf en (earl), Vizgrafen 
(viscount) oder dem einfacheren eines Barons zu schaffen und 
ihnen Pairsr echte zu verleihen. Aber es lag in der Natur der 
Dinge, dasz zu der politisch - nationalen Würde nur Männer 
erhoben werden konnten, welche durch ihre Verdienste beson- 
ders als Feldherrn oder Statsmänner sich ausgezeichnet hatten, 
und zugleich ein so bedeutendes Vermögen besaszen oder er- 
hielten, dasz sie im Stande waren, den Ansprüchen des hohen 
Standes zu genügen. Die englische Aristokratie erhielt auf 
diese Weise einen stäten Zuflusz von wahrhaft aristokratischen 

5 Macaulay , Hist. of England I. S. 37: „Die englische Aristokraüe 
hatte in keiner Weise den gehässigen Charakter einer Kaste. Sie nahm 
fortwährend neue Mitglieder aus dem Volke in sich auf, und gab ohne 
Unterbruch wieder Mitglieder ab, die sich mit dem Volke mischten. Der 
Freisasse war nicht geneigt über die Würden zu murren, zu denen seine 
eigenen Kinder aufsteigen konnten. Der Magnat war nicht geneigt, eine 
Classe mit Verachtung zu behandeln, in welche seine Kinder herabsteigvn 
muszten." 

f ' Hladistonc , Commentar. on the Laws of England. 1. 12. « 



Zwölftes Capitel. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. I. Herrenadel. 



Kräften, und wurde vor der Gefahr in Abgeschlossenheit und 
Unbeweglichkeit zu versumpfen und zu faulen, glücklich be- 
wahrt. Den kräftigsten und begabtesten Männern des Volkes 
aber war die ermuthigende Aussicht eröffnet, dasz sie durch 
ihre Verdienste um den Stat sich und ihrer Familie den 
dauernden Zutritt zu den sonnigen Höhen des Stat sieb ens zu 
erwerben vermögen. Vom Jahr 1700 bis 1800 sind so 34 
Herzöge, 29 Marquis, 109 Grafen, 85 Viscounts, 248 Barone 
neu creirt worden. Die Zahl der ebenfalls ernannten Baronets 
beträgt in dieser Periode mehr als 500. Heute noch treten, 
auch ohne Adelstitel , reiche Bürger^ welche grosse Güter auf 
dem Lande kaufen, in die Lordgentry über. 7 

Wenn man sich den Gesammteindruck dieser Eigenschaften 
der englischen Aristokratie vergegenwärtigt, so ist es nicht 
mehr räthselhaft, weszhalb der englische Adel allein seine 
Existenz bis auf unsere Tage unangefochten bewahrt hat und 
fortwährend in der Verfassung eine fruchtbare und glänzende 
Stellung einnimmt, während auf dem Continente der Adel 
überall entweder gänzlich untergegangen ist oder doch nur 
ein sehr bestrittenes und verkümmertes Dasein hat. 



Zwölftes Capitel. 

C. Der deutsche Adel. 

I. Herren ade I. 

Die Geschichte des deutschen Adels weist bei allen Stäm- 
men auf eine Anzahl vornehmer Geschlechter hin , welche 
durch Kriegsruhm, Reichtimm und Führerschaft über die 
übrigen Freien emporragen und thatsächlich eine fürstliche 
Stellung behaupten. Dieser uralte oft nur aus wenigen Familien 

' Gneist, III. S. 383. Tocqueville, VIII. 319. 



| 64 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



bestehende Stammesadel ist die Grundlage geworden für den 
mittelalterlichen Dynasten- und Herrenadel. Erst während 
des Mittelalters aber sind dazu noch andere ('lassen eines 
ritterschaftlichen niederen Adels hinzugekommen. 

1. Hoher Adel. Herrenadel. Standesherren. 

Die Ausübung dieses höchsten weltlichen Standes geschah 
im Mittelalter im Anschlusz an die deutsche Reichsverfassung. 
Die Familien, deren Häupter zu höchster Selbständigkeit und 
Selbstherrlichkeit im Reiche emporgestiegen waren, galten als 
hoch fr ei (sendbarfrei, semperfrei). Bis gegen Ende fies 
XIII. Jahrhunderts wurden nur die Glieder dieser Familien 
als wirklicher Reichsadel (nobiies) bezeichnet. Aber nur die 
Häupter der Familien, welche im Besitz der reichsfurstlichen 
oder gräflichen Stellung waren, oder reichsfreie Herrschaften 
inne hatten, galten als eigentliche Herren. In den andern 
Gliedern der Familien war der Stand ein ruhender, sie waren 
nur Genossen der Fürsten und Herren und nicht selber 
Fürsten und Herren. 

Diese reichsständische Erhebung gründete sich 

a) auf das Fürsten am t. d.h. ursprünglich auf die her- 
zogliche Kriegsgewalt, welche mit der Fahne verliehen wurde. 
Neben und theilweise vor den weltlichen Fürsten (Herzogen, 
Mark- und Pfalzgrafen) stehen die geistlichen, mit dem 
Scepter beliehenen Reichsfürsten. Das weltliche Fürstenamt 
war erblich geworden und wurde in der Regel nur den Ab- 
kommen aus hohem Adel verliehen. Das geistliche Fürsten- 
amt war nicht ausschlieszlich diesem Stande vorbehalten: öfter 
wurden auch Geistliche von blosz ritterschaftlicher Abkunft 
oder bürgerliche Gelehrte 1 dazu erwählt, in seltenen Fällen 
sogar Bauernsöhne auf den bischöflichen Stuhl erhoben. 

b) auf das Grafenamt. das ebenso zu einem erblichen 
Ländgrafenthum und zu erblicher Landesherrschaft befestigt 
wurde. Nach dem Sturze der mächtigen Stammesherzoge und 
der Vertheilung der herzoglichen Gebiete unter mehrere Fürsten 



Zwölftes Capitel. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. L Herrenadel. 1(35 



bekamen diese gräflichen Dynastien höheres Ansehen. Der 
Form nach beruhte die Grafenwürde auf der Verleihung des 
Königsbanns durch den König, dem Wesen nach war sie erb- 
liche Landesherrschaft. 

c) Daneben gab es eine Anzahl von groszen Allodial- 
herr Schäften, deren Herrn wieder durch Immunitäten und 
Verleihung von Hoheitsrechten eine den Grafen ähnliche Hoheit 
und Gerichtsmacht erlangt hatten, die sogenannten freien 
H errn (Barone). 

Die Familien des alten Stammesadels , die nicht eine der- 
artige Reichsstellung erwarben, konnten sich auf die Dauer 
nicht als Glieder des hohen Reichsadels behaupten, sondern 
verschwanden unter den übrigen Gassen , vorzüglich des ritter- 
schaftlichen Adels. 

Dieser Reichsadel ist in seinen Häuptern hauptsächlich 
durch zwei politische Rechte ausgezeichnet: 1) durch die 
Landeshoheit; 2) durch die Reichsstandschaft. Er 
ist also ein herrschender Stand im höchsten Sinn des 
Worts, in den eigenen Ländern alleinherrschend, im Reiche 
mitherrschend. 

Dieser Zug nach Herrschaft ist charakteristisch für den 
deutschen hohen Adel. Die Geschichte des deutschen Reiches 
zeigt die unglücklichen Wirkungen dieses mächtigen Triebes, 
welcher die angesehensten Geschlechter verführte, die Hoheit 
des Kaiserthums den Anmaszungen des römischen Papstthums 
Preis zu geben, das deutsche Königthum vollständig zu ent- 
kräften und lahm zu legen, die nationale Einheit gänzlich 
aufzulösen und deutsches Gebiet den Fremden dienstbar zu 
machen. Diese schwere Verschuldung gegen das Gesammt- 
vaterland und die Weltgeschichte wird nicht aufgewogen durch 
die Blüthe der Höfe und der fürstlichen Residenzen und nicht 
gut gemacht durch die veredelnden Werke der Cultur, welche 
unter dem Schutz und mit der Förderung der Dynasten glück- 
lich gediehen. 



1 (36 Zweites Buch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 



Die Landeshoheit wurde mit der Zeit zu einer scheinbaren 
Souverän etat gesteigert, ohne innere Kraft und ohne Sicher- 
heit für die Zukunft. Nur einige der gröszten fürstlichen Terri- 
torien waren fähig, eine relative s tätliche Existenz zu 
behaupten: die meisten waren auch dazu zu schwach an Mitteln 
und zu beschränkt an Geist, Die Reichsstandschaft aber wurde 
selten so geübt , dasz die Interessen der deutschen Nation ge- 
fördert, die öffentlichen Rechte ausgebildet, und die Volks- 
freiheit befestigt wurde, sondern vielmehr in der Richtung 
ausgebeutet, die besondere Landesherrschaft der Reichsstände 
zu erweitern und die nationalen Pflichten abzulehnen. 

In diesem Stande war auch die Neigung sich familien- 
artig abzuschli eszen besonders stark vertreten. Ks zeigt 
sich das in dem strengen Erfordernisz der Ebenbürtigkeit, 
in der Verwerfung der sogenannten Misz hei rat h und in der 
Ausbreitung des gleichen Standesrechts auf sämmtliche 
Kinder. Nur die ebenbürtige Ehe zwischen Genossen von 
beiderseitiger Abstammung aus hochfreien Familien galt als 
völlig untadelhaft. Die Ehe eines Hochfreien selbst mit einer 
Mittelfreien wurde in vielen dynastischen Familien schon als 
Miszheirath betrachtet, welche die Ebenburt der Kinder und die 
fürstliche Erbfolge der Söhne gefährde. Zwar konnte noch der 
König durch persönliche Standeserhebung der Frau diesen 
Mangel heben oder die Familie konnte kraft ihrer Autonomie auch 
freieren Grundsätzen über Ehegenossenschaft huldigen oder im 
einzelnen Fall ihre Zustimmung zur Vollwirkung einer an sich 
ungleichen Ehe ertheilen. Keine deutsche Dynastie hat sich 
ganz rein erhalten können nach den strengen Grundsätzen der 
Ebenburt. Aber in sehr vielen Fällen wurden von Anfang 
morganatische Ehen geschlossen, mit der ausdrücklichen 
Bestimmung, dasz die Kinder dem fürstlichen Stande des 
Vaters nicht folgen. Und in vielen andern Fällen wirkte die 
unzweifelhafte Miszheirath, besonders mit eiuer Frau von nie- 
derer Herkunft aus kleinbürgerlichem oder bäuerlichem oder 



Zwölftes Capitel. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. I. HerrenadeL IfJ7 



gar aus hörigem Stamm ebenso und es konnten in solchen 
Fällen nach den späteren Wahlcapitulationen selbst die Könige 
einen solchen Flecken nicht reinigen. Zur Zeit der Reclits- 
spiegel noch wurden Fürsten, Grafen und Freiherrn nur die 
wirklichen Träger des Fürsten- und Grafenamts und die Be- 
sitzer einer Freiherrschaft genannt. 1 Aber später kam der 
verwirrende Sprachgebrauch auf, dasz auch alle Söhne der 
Fürsten und Grafen , unbekümmert darum , ob sie ein Fürsten- 
thum oder eine Grafschaft hatten, den Titel des Vaters an- 
nahmen und weiter verpflanzten. Diese Vervielfältigung der 
Titel ohne inneren Gehalt , scheinbar zur Ehre der Familien 
durchgeführt, diente dazu, deren Ansehen im Volk zu unter- 
graben und dieselben den gröszeren Landesherren gegenüber 
zu schwächen. Das Princip einer unbeschränkten erb- 
lichen Ausbreitung ward daher dem hohen Adel selbst, 
der es in Anspruch löähni, verderblich. Ebenso diente der 
festgehaltene Grundsatz der Ebenbürtigkeit dazu, die Quellen 
seiner eigenen Erfrischung zu verstopfen und ihn von der Zu- 
neigung des Volkes abzuschlieszen. 

Die Institution des dynastischen Herrenadels war schon 
seit dem dreiszigj ährigen Kriege im Verfall. Sie stürzte in 
unserm Jahrhundert vollends zusammen. Die entscheidenden 
Momente sind: 

a) die Säcularisation der geistlichen Fürsten- 
tümer, welche schon vorher durch die Friedensschlüsse 
zwischen der französischen Republik und dem deutschen Reiche 
von Campo Formio 1797 und Lüneville 1801 vorbereitet und 
durch den auszerordentlichen Reichsdeputationshaupt- 
schlusz vom 25. Februar 1803 bestätigt und durchgeführt 
wurde. Die deutschen Länder der geistlichen Fürsten wurden 
verwendet , um die weltlichen Fürsten für ihre Abtretungen 

l Sachsensp. III. 58. §. 2. „It n'is nen vanlen, dar die man af 
möge des rikes vor st e wesen, he ne vntva't van deme koninge." 
Ssp. I. 3, §. 2. Scliwabensp. 5. 



] fjg Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



auf dem linken Rheinufer an Frankreich zu entschädigen, und 
inuszten sogar dazu dienen, auch italienische Fürsten, die 
aus Italien verdrängt wurden, mit deutschen) Gebiet auszu- 
statten. Von den drei geistlichen Kurfürsten erhielt sich nur 
der Kurfürst von Mainz, wurde aber als Fürstprimas nach 
Regensburg und später nach Aschaffenburg versetzt. Die links- 
rheinischen Länder hatte auch er verloren. Der Groszherzog 
von Toscana erhielt das Erzbisthum Salzburg und die Probstei 
Berchtesgaden. Pfalzbayern bekam die Bisthümer Würzburg, 
Bamberg, Freising, Augsburg, Passau u. s. f. , Preuszen die 
Bisthümer Hildesheini und Paderborn, Baden Theile der Bis- 
thümer Constanz, Straszburg, Speyer und Basel u. s. f. 

Die Säcularisation war unzweifelhaft ein Bruch des ge- 
schichtlichen Reichsrechts, aber sie war innerlich gerechtfertigt 
durch die Wandlung des öffentlichen Geistes , der keine geist- 
liche Statsherrschaft mehr ertrug, und i durch die öffentlichen 
Bedürfnisse der Bevölkerung, welche nach weltlicher Verwal- 
tung begehrte. 

b) die Mediatisir ung einer groszen Anzahl von welt- 
lichen Reichsfürsten und Landesherren, welche durch 
die Rheinbundsacte vom 12. Juli 1806 vollzogen wurde. 
Wie die Säcularisation so war auch die Mediatisirung vornehm- 
lich das Werk Napoleons I. und der Ideen der französischen 
Revolution. Aber sie bedeutete zugleich einen Fortschritt in 
der statlichen Entwicklung Deutschlands, welche durch die 
kleinen Herren nur gehemmt, nicht gefördert ward. Die 72 
mediatisirten Fürsten und Herren verloren dadurch ihre Landes- 
hoheit und wurden selber Unterthanen der gröszeren Landes- 
fürsten, aber sie behielten noch die mittlere und niedere Ge- 
richtsbarkeit bei und manche Privilegien. Bayern erhielt 13, 
Württemberg 26, Baden 9, Hessen 7. Nassau 7. das 
Groszherzogthum Berg 12 standesherrliche Gebiete. 

Später wurden noch einige solche Herren „mediatisirt" 
d. h. der Landesherrschaft anderer deutschen Fürsten unter- 



Zwölftes Capitel. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. I. Herrenadel. Iß9 



werfen, die anfangs noch erhalten worden waren, wie die 
Fürsten von Salm, Isenburg and der Herzog von. Aremberg 
u. s. f.; einige werden sogar erst in den Tagen der Restaura- 
tion als Anhänger Napoleons geopfert. 

Nach der Auflösung des deutschen Reichs (6. August 1806) 
gab es auch keine Reichsstandschaft mehr dieser Herren. 

c) Die deutsche Bundesacte vom 8. Juni 1815 stellte 
die Institution nicht her, sondern wahrte nur die Erinnerung 
an die vormals reichsständischen Geschlechter, indem sie ihre 
Ebenbürtigkeit mit den souverän gewordenen deutschen Fürsten- 
häusern anerkannte und ihnen gewisse Ehrenrechte und Privi- 
legien, unter diesen auch die Landstandschaft in den Ersten 
Kammern der Länderstaten garantirte. Die Bundesmatrikel 
zählte anfangs 49 fürstliche und 49 gräfliche Häuser und ein 
freiherrliches auf, von denen seither einige ausgestorben sind, 
andere ihre Besitzungen verloren haben. 

Die moderne Fortbildung des Verfassungsrechts in den 
derstaten war aber den vorbehaltenen patrimonialen Rech- 
ten der Standesherren ungünstig. Sie vermochten auch ihre 
besondere Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt auf die Dauer vor 
der Macht der Landesgesetze , welche die Rechtsgleichheit und 
eine durchgreifende central geleitete Beamtenordnung durch- 
setzten, nicht zu bewahren. Besonders seit der Revolution 
von 1848 war kein Halt mehr möglich. Die Standesherren 
selber verzichteten auf ihre Sonderherrschaft, 

d) Die Zahl der 34 souveränen deutschen Fürsten- 
häuser, welche die Bundesacte von 1815 anerkannte, hat sich 
seither wieder vermindert, theils durch Aussterben, theils durch 
Verzicht, theils durch Verlust der Herrschaft, Die Fürsten 
von Hohenzollern - Hechingen und Hohenzollern - Sig- 
maringen gaben freiwillig ihre souveräne Stellung auf, zu 
Gunsten der Krone Preuszen (7. Dec. 1849). Das Königshaus 
von Hannover, das Kurhaus Hessen und das herzogliche 
Haus Nassau verloren durch den Krieg von 1866 und die 



I 70 Zweites Buch. Die Grundbedingungen de s Stats in <!. Menschen- u. Volksnatur. 



Gründung des norddeutschen Reiches ihre Souveränetat an 
Preuszen. 

An dem deutschen Reiche haben noch 22 deutsche Für- 
sten mit souveräner Landesherrschaft Antheil. 

Es besteht aber, trotz des definitiven Untergangs der 
alten Reichsinstitution des hohen Adels in Deutschland noch 
eine hohe Aristokratie erlauchter Familien, deren Kern 
durch die reichsständischen Geschlechter gebildet wircl. Aber 
es sind neue Familien hinzu gekommen, welche durch bedeu- 
tende Männer, wie z. B. Fürst Bismarck, Graf Moltke. und 
politische Leistungen, zuweilen auch durch fürstliche Gunst 
und gesellschaftliche Vorzüge über die Stufe der Gentrv empor 
gehoben worden sind. 

Es verdient hervorgehoben zu werden, dasz diese hohe 
Aristokratie, obwohl sie meistens eher conservativ als liberal 
gesinnt ist, doch durch einen weiten und freien Blick ausge- 
zeichnet ist und im Gegensatze zu engherzigem und klein- 
lichem Particularismus sich mit der nationalen Entwicklung 
und Grösze des deutschen Reiches vielfältig befreundet hat. 



Dreizehntes Capitel. 

II. Ritterschaftlicher Adel. 

In der Mitte zwischen dem alten Dynastenadei und den 
einfachen Freien standen die aus den letzteren erhobe- 
nen Mittelfreien, wie sie der Sclrwabenspiegel nennt. Im 
Süden von Deutschland läszt sich dieser Stand bis in die Zeit 
der fränkischen Monarchie hinauf verfolgen. Erst seit dem 
vierzehnten Jahrhundert aber kam der Sprachgebrauch auf, 
diese Mittelfreien ebenfalls Edelleute zu nennen, dadurch 
dem Adel als niederen Adel näher zu bringen und gleich- 
zeitig schärfer von den einfachen Freien zu trennen. 



Dreizehntes Cap. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. II. Ritterschaft!. Adel. 171 



Die Hauptbestandteile dieses Standes waren: 

a) Die schöff enbar Freien, ursprünglich mit gröszern 
Gütern (drei Huben oder mehr) 1 ausgestattet, und als die 
angeseheneren und reicheren Freien zu dem Schöffenamte be- 
rufen, welches wie alle Aemter im Mittelalter mit der Zeit 
erblich ward. Sie konnten auch ihr Eigen länger als die 
Masse der freien Bauern frei von Lasten und im Zusammen- 
hange mit den Grafendingen , im Gegensatze zu den Vogtei- 
gerichten erhalten. In den spätem Jahrhunderten gingen die 
schöffenbar Freien gewöhnlich in dem Ritter- und Grundherren- 
stande auf. 

b) Die Vasallen des Adels, seitdem das Ritterwesen 
aufgekommen, Ritter mit Ritterlehen.' 2 

c) Zu diesen kamen dann später auch manche Ritter 
ohne Ritterlehen, groszentheils zwar Abkömmlinge der Va- 
sallen, die eine rittermäszige Erziehung genossen hatten und 
in die Ritterschaft aufgenommen wurden, in der Folge aber 
auch andere Kriegsmänner, welche von dem Kaiser oder 
berechtigten Stellvertretern desselben zu Rittern erhoben 
wurden. 

d) Die zahlreichen Dienstleute, Ministerialen (Edel- 
knechte), noch im XIII. Jahrhunderte sehr scharf von den 
ritterbürtigen Männern geschieden , ihrer Abstammung nach 
groszentheils Hörige und Halbfreie, durch Hofämter und Hof- 
dienst, groszen Grundbesitz und vornehme Lebensart empor- 
gehoben, anfangs nicht des Lehensrechts, nur des Dienst- und 
Flofrechtes theilhaftig, allmählich den Rittern zur Seite tretend 
und mit ihnen in einen Stand zusammenschmelzend. 

e) In manchen Reichsstädten, seltener in Landstädten, die 
Geschlechter, Patrizier, ursprünglich meist von schöffenbar 

t Sachsensp. III. 81. §. 1. I. 2. 

2 Sachs ensp. I. 3. §. 2. „de scepenbare lüde unde der vrien- 
herren man (haben) den veften (Heerschild). Sehwabensp. 5. 
„mitel vrien, daz sin die ander vrien man sint." 



! 



1 72 Zweites BilOh. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



freier oder rittermasziger Abstammung, durch den Antheil an 
der städtischen Obrigkeit ausgezeichnet. 

Auch unter diesen Classen des sogenannten niedein Adels 
verdrängte das überhandnehmende Princip der p e r s ö n 1 i c h en 
Erblichkeit mehr und mehr die Rücksichten auf Grund- 
besitz, ritterliche Lebensart, Hofdienst, und erzeugte eine 
grosze Anzahl von Edelleuten, die keine andere edle Eigen- 
schaft besaszen als den Nachweis eines alten Stammbaums. 
Auch die Abschlieszung dieses Standes von den freien 
Bürgern und Bauern wurde immer schroffer, und zwar gerade 
in den Zeiten, als die innere Bedeutung des Gegensatzes ab- 
starb. Im Zusammenhange damit erhielt die Sucht nach vor- 
nehmen Titeln reichliche Befriedigung, und auch aus diesem 
Stande gingen ganze Schaaren von Freiherren und sogar Grafen 
und Fürsten hervor, theils durch Verleihung, theils geradezu 
durch Anmaszung solcher Titel, denen im übrigen keine Rea- 
lität mehr entsprach, die keine Freiherrschaft , keine Graf- 
schaft, kein Fürstenthum hatten. 

Ein so ausgebildeter Adel der Militär- und Civilämter 
wie in Frankreich kam in Deutschland nicht auf. Höchstens 
bildete der gelehrte Adel der Doctores juris eine individuelle 
Ergänzung des im übrigen erblichen Standes. Um so eifriger 
dagegen wurde der Briefadel zur Erweiterung des ohnehin 
übermäszigen Titularadels den Franzosen nachgeahmt. 

Dieser niedere Adel hatte weder auf Landeshoheit noch 
auf Reichsstandschaft Anspruch. Nur die R e i c h s r i 1 1 e r s c h a 1 1 
erlangte eine der Landeshoheit ähnliche Selbständigkeit in ihren 
durch das Reich zerstreuten Gebieten. Dagegen war er des 
Lehensrechts theilhaft und hatte häutig gewisse Vorrechte 
auf Stiftungen und Pfründen. Auch besasz ein Theil seiner 
Glieder, jedoch nur in Verbindung mit bestimmten Herrschaften 
und Gütern, erbliche Vogt ei- und Grundherrschaft und 
übte die damit verbundene Gerichtsbarkeit aus, im Zu- 
sammenhang mit der mittelalterlichen Ausbreitung des Lehens- 



Dreizehntes Cap. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. IL Ritterschaftl. Adel. 173 

Systems. Endlich besasz er innerhalb der einzelnen Territorien 
das Recht der Landstandschaft, und umgab regelmäszig die 
Landesherren als Hofadel. 

Die Macht dieses Standes war vorzüglich seit dem 
XIII. Jahrhundert grosz geworden und hatte sich erhalten bis 
gegen die Mitte des XVI. Jahrhunderts. Von da an beginnt 
die allmähliche Zerstörung seiner Wurzeln und die Umwand- 
lung der ökonomischen, militärischen, gesellschaftlichen und 
Beamtenverhältnisse, ' welcher er nicht zu widerstehen vermochte. 
Der dreiszigj ährige Krieg wurde auch ihm verderblich. 

Wo möglich noch tiefer zerrüttet als die Reichsinstitution 
des hohen Adels ist heute die politische Institution des soge- 
nannten nie der n Adels in Deutschland. Die Auflösung des 
Lehensverbandes, der Untergang der feudalen Statseinrichtun- 
gen und der landständischen Verfassung, die Umgestaltung 
der Armeen, die Ausbildung eines individuellen Beamtenstandes, 
die Erhebung bürgerlicher Geschlechter und Personen, die Auf- 
lösung des alten deutschen Reichs, die Fortbildung der Reprä- 
sentativverfassung haben die Grundlagen zerstört, auf welchen 
dieser Stand erwachsen ist. Die vielfältigen Neuerungen un- 
serer Zeit haben sowohl von oben als von unten her die be- 
sonderen Adelsrechte eines nach dem andern, zuweilen auch 
alle zumal aufgelöst und aufgehoben. Auch in Deutschland, 
wie zuvor in Frankreich, hat der dritte Stand von den Vor- 
rechten des Adels nichts mehr wissen wollen und die ganze 
Existenz desselben bestritten. Durch die unbegrenzte Aus- 
breitung des adeligen Geschlechtes auf alle folgenden Geneia- 
tionen geriethen die äuszeren Ansprüche des Adels mit ihrer 
realen Begründung in schreienden Widerspruch und wurden 
die Miszverhältnisse besonders im Vergleich mit dem höheren 
Bürgerstand gesteigert und die Verwirrung ärger. 

Noch weniger als die kleineren Reichsstände vermochte 
die deutsche Reichsritterschaft zur Zeit des Rheinbundes der 

i 

Ländergier der Bundesfürsten zu widerstehen. Die reichs- 



1 74 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 



ritterschaftlichen Gebiete wurden ebenso den fürstlichen Län- 
dern einverleibt und die Cantone aufgelöst. Die Bundesacte 
von 1815 suchte noch den vormals reichsritterschaftlicheu Ge- 
schlechtern eine privilegirte Stellung zu wahren, und ihnen 
Autonomie, Landstandschaft, grundherrliche Gerichtsbarkeit, 
Patronatsrechte , Forsthoheit und einen privilegirten Gerichts- 
stand zu erhalten. Aber diese Einbalsamirung vergangener 
Zustände konnte das abgestorbene Leben nicht erneuern. Die 
Patrimonialgerichtsbarkeit war so wenig als die Steuerprivile- 
gien dem modernen Rechts- und Statsbewusztsein gegenüber 
zu erhalten. 

Im Groszen hat der sogenannte niedere Adel in Deutsch- 
land keine besondere Rechtsstellung mehr. Als Rechtsinsti- 
tution und als Statseinrichtung ist er untergegangen. Was 
noch auszer den Namen und Wappen aus alter Zeit gelegent- 
lich übrig geblieben ist, wie zuweilen eine besondere Ver* 
tretung der Grundherrn in den Ersten Kammern, oder die 
adeligen Familienfideicommisse, macht durchaus den. Eindruck 
der Antiquität, Aber heute noch nimmt der Grundadel, 
zum Theil auch der Hofadel ohne Grundbesitz eine gesell- 
schaftlich bedeutsame Stellung ein und übt mittelbar einen 
nicht gering zu schätzenden Einflusz aus auf die Besetzung 
der Aemter und die Politik. Die höheren Officierstellen , die 
Hofämter, die diplomatischen Stellen werden vorzugsweise, 
wenn auch nicht mehr mit rechtlicher Xothwendigkeit. aus 
diesem Stande besetzt. Der übrige blosze Titularadel hat 
sich mit den höheren Bürgerclassen nach und nach gemischt, 
durch Heirathen und durch Berufswahl, in der Gesellschaft 
und im politischen Leben. 

Der deutsche ritterschaftliche Adel hat keineswegs eine 
so patriotische und nationale Geschichte, wie die englische 
Aristokratie. Ein groszer Theil des deutschen Grundadels 
hatte sich lange Zeit den Ideen und den Reformen der Neu- 
zeit feindlich entgegen gestemmt. Viele Grundherrn schwärmten 



Dreizehntes Cap. 2. Der Adel. C. Der deutsche Adel. II. Ritterschaft!. Adel. 175 



in romantischen Gefühlen für mittelalterliche Zustände und 
dienten williger dem landesherrlichen Absolutismus als der 
Volksfreiheit. Daher ist der deutsche Adel nicht so volks- 
tümlich wie der englische und wird oft, ähnlich dem fran- 
zösischen Legitimistenadel , von den Massen vielfältig mit 
Misztrauen und Abneigung betrachtet. Aber immer gab es 
auch unter diesem Adel manche aufgeklärte Männer und aus- 
gezeichnete Patrioten. Dem Heere lieferte er die besten Füh- 
rer und in den groszen Entwicklungsmomenten der Nation 
gingen die Vorkämpfer und Leiter der Bewegung und der 
Reform doch zumeist aus diesem Stande hervor. 

Die Frage der Reform der deutschen Adelsinstitution 
ist in neuerer Zeit vielseitig erwogen worden. Die dafür 
günstige Periode von 1852 bis 1860 wurde aber nicht benutzt, 
Ein paar verunglückte Versuche bewiesen nur die geringe 
Autorität der Reformfreunde unter ihren Standesgenossen und 
den Widerwillen der Mehrzahl gegen jede aufrichtige und 
wirksame Reform. Die Gründung des deutschen Kaiserreichs 
gewährt nun die gesetzliche Möglichkeit einer zeitgemäszen 
Neugestaltung einer nationalen Aristokratie, welche die 
noch zahlreichen gesunden Elemente des alten Adels auf- 
nimmt und schützend erhält, aber mit andern modernen ari- 
stokratischen Bildungen verbindet, und alle innerlich kraft- 
losen und lebensunfähigen Bestandteile des bisherigen Adels 
schonungslos beseitigt. Für eine grosze Nation, wie die 
deutsche, ist auch eine kräftige, selbständige und hochgebil- 
dete Aristokratie ein politisches Lebensbedürfnisz. Zumal 
in unsrer Zeit, in welcher die demokratischen Massen so 
Schwerins Gewicht fallen , wird es nöthig, das Schwergewicht 
der Quantität durch die Höhe der Qualität zu ermäszigen und 
zu ergänzen. 

Die Erblichkeit wird indessen in einem so gereinigten 
aristokratischen Mittelstande schwerlich allein Geltung haben 
noch schrankenlos sich ausdehnen dürfen. Denn es gibt in 



| 76 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Wahrheit auch einen I n d i v i d u a I a del, der Anerkennung 
verlangt, neben dein (erblichen) Rasseadel, und auch eine 
edle Rasse kann in folgenden Generationen und getrennt von 
ihren .socialen Grundlagen ihren Adel verlieren. 

Anmerkungen. 1. Riehl hat in seinem Buch „die bürgerliche 
Gesellschaft" (1854) die sociale Bedeutung „der deutschen Aristokratie" 
in lebhaften Bildern gezeichnet. Der Adel hat gegenwärtig nur noch 
eine sociale Geltung, die auch für sich einen Werth hat, aber ohne 
politische Organisation weder auf die Dauer zu erhalten ist, noch zur 
rechten Wirksamkeit gelangen kann. Die Stände sind als sociale Ge- 
meinschaften nur eine Unterlage der organischen und dann ersi 
wirklichen politischen Classen. 

2. Die Ansichten, welche ich im Deutschen Stetswörterbuch I. S. 30 ff. 
und S. 58 ff. ausgesprochen habe, heben vornehmlich den Unterschied 
hervor zwischen ruhendem (passivem) und wirklichem (aetivem) 
Adel und gründen darauf Vorschläge der Reform. Jener schon durch 
die Geburt verliehen, hat nur die Möglichkeit in sich, wirklich zu wer- 
den, aber gibt keinerlei Vorzüge; dieser setzt auch die persönliche Aus- 
zeichnung voraus, durch die jene Möglichkeit erfüllt wird. Ich habe 
seitdem die wenig tröstliche Entdeckung gemacht, dasz schon Justus 
Moser auf denselben Gedanken vor zwei Menschenaltern gekommen 
(Patriot. Phantasien, IV. 248) und dasz derselbe in der ganzen langen 
Zwischenzeit gänzlich miszachtet geblieben war. Bluntschli Geschichte 
der Statswissenschaft S. 423. 



Vierzehntes Capitel. 

3. Der Bürg erst and. 

Der Bürgerstand ist in Europa spater als der ritterschaft- 
liehe Stand des niedern Adels, aber noch im Mittelalter zu 
einem mit politischen Rechten ausgestatteten Volksstande ge- 
worden. Die Wurzeln der Institution sind in dem alten Eit- 
stände der Gemeinfreien zu finden, welche ursprünglich 
den eigentlichen Stamm der verschiedenen deutschen Stämme 
und Völker gebildet hatten. Aber sie konnte nur in dem 



Vierzehntes Capitel. 3. Der Bürgerstand. 



177 



Weichbild der Städte und nur unter dem Schutze des Stadt- 
rechts und der Stadtverfassung zu freiem Wachsthum gelangen. 

Das Mittelalter war überhaupt der gemeinen Volksfreiheit 
nicht günstig. Es begünstigte durchweg die hierarchischen, 
dynastischen und aristokratischen Classen. Fast überall in 
Europa erlagen die freien Grundeigenthümer des Landes der 
um sich greifenden Herrschaft des Lehensadels und der Vogtei- 
herren. Die Gesetzgebung Karls des Groszen vermochte, ob- 
wohl sie, von einem starken Könige gehandhabt, die schlimm- 
sten Bedrückungen hemmte, doch den Fortgang des Uebels 
nicht aufzuhalten. Ein sehr groszer Theil der bäuerlichen 
Bevölkerung in der fränkischen Monarchie, welcher durch 
freie Geburt den echten germanischen Volksstämmen ange- 
hörte, gerieth, weil er auf königlichen oder Kirchengütern, 
oder in den Grundherrschaften des Adels sich niederliesz und 
Boden bebaute, der nicht in seinem Eigenthum war, oder 
weil er sein Eigenthum aus frommen Motiven oder auch aus 
Noth an die Kirchen und Klöster vergabt, und nur als Zins- 
gut zurück empfangen hatte, in die Hofhörigkeit, kam so 
den auch persönlich hörigen Bauern näher und büszte man- 
cherlei politische Freiheitsrechte ein. Und später konnten 
auch die kleinern Güter, welche im Eigenthum ihrer freien 
Bebauer geblieben waren, sich doch der Vogteigerichtsbarkeit 
und der Lasten nicht erwehren, welche die herrschende Ari- 
stokratie denselben auferlegte. Die veränderte Organisation 
der Heere, erst auf den Ritter- und Lehensdienst basirt, später 
auf Soldtruppen, hatte zur Folge, dasz auch die freien Bauern 
die Kriegstüchtigkeit und Kriegerehre verloren. Sie wurden 
mit Steuern in den mannichfaltigsten Formen und aus man- 
cherlei Vorwänden oft willkürlich belegt; und auch in den 
Gerichten, mehr aber noch in den politischen Körperschaften 
des Landes verloren sie den Besitz und die Stimme, welche 
die alt -germanische Verfassung iljnen gewährt hatte. Auch 
die freien Grundeigenthümer wurden als Vogteileute nach 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 12 



178 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d . Menschen- u. Volksnatur. 



und nach den hörigen Bauern gleichgestellt, und beide Be- 
standteile unter dem gemeinsamen Namen der Bauerschaft 
zusammengefaszt. Der alte Erbstand wurde somit in einen 
Berufsstand umgewandelt, und die politischen Rechte des 
Bauernstandes meistens sehr verkürzt. Nur ein Theil der 
freien Bauern, meistens die gröszeren Grundeigenthümer, 
stieg unter die neu erstandene Classe der Bitterschaft empor. 

Ausnahmsweise nur, unter günstigen Verhältnissen, ge- 
lang es einzelnen Gemeinden von Freien sowohl ihr freies 
Eigen als ihre höhere politische Berechtigung vor den drohen- 
den Gefahren des Mittelalters in die neuere Zeit hinüber zu 
erhalten. Eines der merkwürdigsten Beispiele der Art ist die 
Schwyzer Markgenossenschaft, welche den Impuls gegeben 
hat zu der nach ihr benannten schweizerischen Freiheit. 

Während so auf dem Lande die alte Freiheit gewöhnlich 
niedergedrückt wurde und unterging, so wurden im Gegen- 
satze während des Mittelalters die Städte zum Sitz einer 
neuen Bürgerfreiheit. 

Die Geschichte der Städte ist für die Entwicklung des 
Begriffs der modernen Freiheit und des Bürgerthums von ent- 
scheidendem Einflüsse geworden. Beide Begriffe waren früher 
städtische, bevor sie zu allgemeinen Statsbegriffen ge- 
worden sind. Es bedurfte jahrhundertelanger Kämpfe und 
Umwandlungen, bis das städtische Bürg er thum zu voller 
Ausbildung gelangte, und wieder nach Jahrhunderten wurde 
es zum Statsbürgerthum erweitert. 

Die Mannichfaltigkeit und Gesondertheit des aus romani- 
schen und mehr noch aus germanischen Wurzeln erwachsenen 
Ständelebens, welches das Mittelalter vornehmlich charakteri- 
sirt, spiegelte sich anfangs auch in den Städten wieder. Sie 
zeigte sich gerade in den Städten, welche eine gröszere Be- 
völkerung auf engem Räume zusammenfaßten, ursprünglich 
in ihrer buntesten Gestalt. Da fanden sich, von denselben 
Graben und Mauern umschlossen, oft beisammen: 



Vierzehntes Capitel. 3. Der Bürgerstand. 



na 



a) geistliche Fürsten mit ihrem Hofstate und be- 
sondern Hoheitsrechten, Bischöfe, Aebte; 

2) die niedere Geistlichkeit in mannichfaltigen Ab- 
stufungen und Gliederungen; 

3) weltliche Grosze von hohem Adel, z. B. könig- 
liche Grafen oder sonst hohe Barone, in Italien Capitanei, 
welche meistens , insofern sie nicht Burgen daselbst besaszen, 
nur vorübergehend in den Städten lebten und ihren eigent- 
lichen Stammsitz auf dem Lande hatten; 

4) ritterliche Familien, häufig auch mit Lehens- 
besitz auf dem Lande ausgestattet; 

5) Ministerialen der geistlichen und weltlichen Herren; 

6) Mittelfreie, in den romanischen Städten von Italien 
und Frankreich häufig die Nachkommen der römischen Decu- 
rionenfamilien, welche in der Stadt Grundeigenthum besaszen, 
oder germanische Freie, die sich in der Stadt auf eigenem 
Boden niedergelassen hatten und durch Vermögen und poli- 
tische Stellung ausgezeichnet waren; 

7) einfache Gern einfreie, aber noch mit Grund- 
eigenthum in der Stadt; 

8) persönliche Freie, die aber auf Herrengütern in 
der Stadt wohnten und um deszwillen dem Hofrechte, z. B. 
einer Abtei unterworfen waren; 

9) eine Menge höriger Leute verschiedener Herren, 
und in den mannichfaltigsten Verhältnissen, die einen selb- 
ständig lebend, als Handwerker, 

10) die andern in Familienabhängigkeit, als Dienstboten, 
Gesellen u. s. f. 

Die Verbindung aller dieser Bruchstücke der mittelalter- 
lichen Stände in Einer Stadt muszte mit der Zeit die Son- 
derling derselben auflösen und eine neue Mischung hervor- 
bringen. Gemeinsames Leben, gemeinsame Interessen und 
Schicksale, oft auch die Kämpfe der Parteien brachten die 
einen Bestandteile den anderen näher, oder bewirkten neue 



1 80 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Gegensätze, welche nicht von der Geburt bestimmt waren. 
Die Stadtverfassung brachte neue Genossenschaften und Käthe 
hervor, in welchen die verschiedenen Stände zu einer neuen 
Einheit verschmolzen wurden. Der Gang dieser Umgestaltung 
war, obwohl in den verschiedenen Städten die Verschieden- 
heit der Nationalität, der Zeiten und der localen Einflüsse 
auch ihre Einwirkung übte, doch im Groszen überall der 
nämliche. Es kommen hiebei vorzüglich folgende Momente 
in Betracht: 

1, Den eigentlichen Kern der alten städtischen Bür- 
gerschaft bildeten zuerst die vornehmen Geschlechter 
der Ritter, Ministerialen und Mittelfreien, welche in den 
Rathen (als Consules) nach Selbständigkeit strebten und 
die Herrschaft der alten Stadtherren beschränkten. Dann er- 
weiterte sich dieser Kern durch die Verbindung mit den ge- 
meinfreien Elementen und es traten neue Gegensätze zu Tage 
zwischen den alten aristokratischen Geschlechtern und den 
jungen aufstrebenden Genossenschaften freier Bürger. So hatte 
sich zu Mailand schon um die Mitte des eilften Jahrhunderts 
die „Motta" als politische Genossenschaft gebildet aus Dok- 
toren der Rechte, Aerzten, Banquiers, Groszhändlern und ein- 
zelnen ritterbürtigen Leuten, Junkern, welche die ritterliche 
Lebensweise nicht fortsetzten, später der „popolo grasso," 
Populäres genannt und trat den adeligen Capitanei und Val- 
vassores (Baronen und Rittern) entgegen , dann auch im zwölf- 
ten Jahrhundert in dem Groszen Rathe (consilium gene- 
rale), 1 als einem städtischen Gesammtrathe , zur Seite. 

Die Erzeugung einer städtischen Obrigkeit in den 
Consuln war der erste entscheidende Schritt zur Einigung 
der höhern Stände in der Stadt, die Bildung von Groszen 
Rathen und die Berufung von Gemeinde n gewöhnlich ein 

1 Savigny, Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter Bd. IL 
S. 108 ff. Leo, Geschichte von Italien I. S. 399. Hegel, Städteverf. 
in Italien. 



Vierzehntes Capitel. 3. Der Bürgerstand. 



181 



zweiter und dritter. Zulezt kamen die Zünfte, und so um- 
fing von Zeit zu Zeit ein weiterer Kreis der Bürgerschaft die 
altern engern Genossenschaften. 

Diese Entwicklung zeigte sich zuerst in der Lombardei, 
wo die germanische Neigung zu genossenschaftlicher Bildung 
und freier Selbständigkeit mit alt-romanischen Erinnerungen 
sich verband. Von da aus ging die Bewegung auf die Städte 
im südlichen Frankreich über, zum Theil noch während 
des zwölften, zum Theil erst im dreizehnten Jahrhunderte. 
Ihren Ausgang und Anhalt fand sie vornehmlich in den Resten 
der alten freien , in Frankreich übrigens mehr als in der Lom- 
bardei herabgekommenen Municipalbürgerschaft, die 
sich durch gewählte Prudhommes vertreten liesz. 

2. Eine entschiedener demokratische Richtung und cor- 
porative Gestalt hatten die eidlichen Conf ö derationen 
der Bürger in den Communen, welche um dieselbe Zeit 
im Norden von Frankreich mit ihren Stadtherren oft blutige 
Kämpfe bestanden. In ihnen zeigen sich schon neue Elemente 
des Bürgerthums, voraus die Aufnahme in die Gildgenos- 
senschaft (gildonia, conjuratio, fraternitas) , 2 welche allein 
zum Bürger der Commune machte, und mit eidlicher Ver- 
pflichtung auf ihre Statuten verbunden war. Die bürgerliche 
Freiheit und das bürgerliche Recht wurde somit theils von 
der bloszen Fortpflanzung der freien Rasse, theils von dem 
Zusammenhang mit dem Grundbesitz abgelöst, und der Nach- 
druck auf die corporative Verbindung gelegt. Sowohl 
das Lehensprincip als das Princip des altgermanischen Stände- 
rechtes wurden durchbrochen und ein neues persönliches 
Princip erzeugt. 

Ferner war die Verfassung der Commune der Aus- 
breitung der Freiheit und des Bürgerrechtes auch über die 

* Vgl. Thierry^ Lettre XIV. sur l'histoire de France, und Schaffner, 
Rechtsgeschichte II. S. 554 ff. 



1 82 Zweites Buch. Die Grundbedingungen oes Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



tiefer stehenden Schichten der städtischen Bevölkerimg 
günstig. Auch die Menge der Handwerker, welche sich von 
der Hörigkeit losgemacht hatten, fand Aufnahme in der Ge- 
nossenschaft, und es wurde der Grundsatz ein- und durch- 
geführt, dasz der Hörige, welcher Jahr und Tag in der Stadt 
unangesprochen und unverfolgt von seinem Herrn gewohnt 
habe, zum Freien geworden sei. Hunderte von Stadt- 
rechten 3 in ganz Europa bezeugen den wichtigen Satz: -Die 
Luft der Stadt macht frei." 

Die Uebertreibungen und Ausschweifungen der Demokratie 
in den Communen führten freilich öfter wieder zu Reactionen. 
Die Könige, welche geholfen hatten, dieselben von der Herr- 
schaft der Seigneurs zu befreien, bekamen dann Veranlassung, 
die Zügel des Regiments selbst durch ihre Beamten in die 
Hand zu nehmen und straffer anzuziehen. In ähnlicher Weise 
ging auch die Selbstregierung der lombardischen Städte zu 
Anfang des XIV. Jahrhunderts meistens unter, und die Ge- 
walt fiel einzelnen Fürsten ;zu, nachdem im XIII. Jahrhun- 
dert die neue groszentheils aus den nieder» Elementen der 
Stadtbewohner gebildete Bürgerschaft des Popolo unter ihren 
demokratischen Hauptleuten (Capitani) mit dem städtischen 
Adel den Kampf um die Herrschaft begonnen und denselben 
häufig unterworfen oder verdrängt hatte. 

Auszer den Städten mit Consulat- und mit Communal- 
verfassung gab es damals freilich noch viele Städte in Frank- 
reich , die in gröszerer Abhängigkeit von ihren Herren ge- 
blieben waren und von Vögten (prevöts, Prevotalstädte) oft 
sehr willkürlich regiert wurden. Auch in diesen Städten 
wurden indessen die Lasten der Hörigkeit aufgehoben oder 
sehr gemildert, und bildete sich der Begriff der Bourgeoisie 
als eines freien Standes aus, dessen man durch Nieder- 



3 Für Deutschland sind in den Werken von Gaupp und Geng- 
ier, Deutsche Stadtrechte des Mittelalters, zahlreiche Belege zu finden. 



Vierzehntes Capitel. 3. Der Bürgerstand. 



183 



lassung in der Stadt, auch wohl durch königliche Verleihung 
des Bürgerrechts theilhaft werde. 4 

3. Die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Bürger 
bezeichnen auch in Deutschland verschiedene Stufen der 
Entwicklung. 

Im dreizehnten Jahrhundert pflegte man noch ähnlich wie 
früher in Italien und Frankreich die Ritter und die Bur- 
ger (milites et burgenses) zu unterscheiden, und unter diesen 
die zu der städtischen Genossenschaft gehörigen und raths- 
fähigen, aber nicht als Ritter lebenden Freien zu verstehen. 
Die freien Häuserbesitzer in der Stadt waren der Grundstock 
dieser Bürgerschaft, welche in Verbindung mit den ritterbür- 
tigen Geschlechtern gewöhnlich die Schöffen- und die Raths- 
stellen der Stadt inne hatten. Dann wurden auch wohl beide 
Bestandteile (die Ministerialen überdem den Rittern beigesellt) 
in ihrer Vereinigung als die vollberechtigten Burger der 
Stadt, oder als die Geschlechter bezeichnet und den Hand- 
werkern und übrigen Einsassen der Stadt entgegengesetzt. 

Seit der Mitte des XIII. Jahrhunderts, der Zeit der 
groszen Städtebünde zum Schutze des Handels, scheinen die 
Kaufleute in vielen deutschen Städten, insofern sie persön- 
lich frei waren, auch abgesehen von dem Grundbesitz, der 
Bürgerschaft beigezählt worden zu sein, und ebenfalls Ver- 
tretung in dem Rathe der Stadt erlangt zu haben. — Dadurch 
wurde der Begriff der Bürgerschaft von dem Zusammenhang 
mit dem Boden theilweise abgelöst, und dem Berufe und 
der persönlichen Verbindung mehr Bedeutung als 
früherhin zugestanden. 

Die nämliche Richtung wurde sehr verstärkt, als in der 
ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts gewöhnlich auch die 
Handwerker, in ihren Zünften, als ein neuer Bestandtheil 
der Bürgerschaft einverleibt wurden. Das Wort Bürger hatte 

4 Schaffner a. a. 0. S. 590. 



1 84 Zweites Buch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 

somit einen umfassenderen Sinn gewonnen. Es bezeichnete 
von da an regelmäszig alle Genossen des städtischen Lebens 
und der städtischen Corporationen. Die Hörigkeit war, so 
weit das Städtebürgerthum reichte, aufgelöst, die Unterschiede 
der Geburt waren wesentlich modificirt und gemildert, das 
Lehensrecht durch das gemeinsame und persönliche Stadt- 
recht verdrängt, und alle Bürger als solche in eine unmittel- 
bare Beziehung zu der Stadt gesetzt worden, zu welcher sie 
gehörten. 

Dieses bald mit mehr bald mit weniger Rechten der 
Selbstverwaltung und Selbstregierung ausgestattete, aber immer- 
hin persönlich-freieStadtbürgerthum war indessen 
auf den Umkreis der städtischen Interessen beschränkt. Im 
Einzelnen war daher auch je nach der sonstigen Bedeutung und 
Geschichte der Städte die bunteste Mannichfaltigkeit denkbar. 

Die einen Städte waren der Landesherrschaft der Fürsten 
unterworfen und daher Landstädte. Die andern erwarben 
für ihre Räthe königliche Rechte und wurden selber zu 
Landesherrn über die umliegenden Dörfer und die erworbenen 
Herrschaften. Um ihrer unmittelbaren Beziehung zu Kaiser 
und Reich wurden sie dann Reichsstädte genannt. 

Im XVI. Jahrhunderte noch sind die deutschen Städte 
voll Reichthum, Bildung, Blüthe. Die Baudenkmäler aus 
jener Zeit haben ihren Ruhm erhalten, den damals Machia- 
velli in seinen Berichten verkündet hatte. Aber der dreiszig- 
jährige Krieg zerstörte den Wohlstand und die Macht der 
Städte und sie geriethen in einen traurigen Verfall, von dem 
sie sich nur sehr langsam nach mehr als einem Jahrhundert 
des Leidens und der Kümmernisz erholten. Die Landstädte 
büszten ihre landständische Stellung ein, die Reichsstädte 
konnten kaum den Schein der Selbständigkeit erhalten. Die 
Städte schloszen sich ängstlich ab von dem Lande und er- 
gaben sich einem engen und kleinlichen Philistergeiste. Sie 
waren verarmt und gedrückt. 



Vierzehntes Capitel. 3. Der Bürgerstand. 



185 



4. Die charakteristischen Merkmale des mittelalterlichen 
Bürgerstandes sind: 

a) Er bildet im Gegensatz zu dem Klerus und dem Adel 
nicht einen privilegirten Stand, sondern einen ordentlichen 
Regel- und Volksstand. 

Er unterscheidet sich von den Bauern durch die Be- 
ziehung zur Stadt, durch die städtische Cultur, städtische 
Freiheit und städtisches Recht. 

b) Die Bürgerschaft fühlt sich trotz der geschichtlichen 
Gegensätze der Familien und der alten Geblütsstände und 
ungeachtet der verschiedenen Berufsarten als Einen zu- 
sammengehörigen Stand, welcher die bürgerliche 
Freiheit wahrt und die Gleichheit Aller vor dem Ge- 
setze achtet, und als eine städtische Rechtsgenossen- 
schaft nach demselben Stadtrecht lebt und die Stadtver- 
fassung selbständig ordnet. Die Bürger sind Söhne der 
Stadt und Theilhaber an dem städtischen Gemeinwesen. Bür- 
gerliche Ehre und städtische Cultur sind mit einander eng 
verflochten. 

c) Der Bürgerstand erlangte aber im Mittelalter auch 
eine statliche Stellung und Bedeutung, welche über das 
Weichbildrecht der einzelnen Stadt hinaus wirkte und die 
Bürger der vielen Städte des Landes und des Reiches zu 
einem gemeinsamen ständischen Körper zusammenfaszte. 

Diese neue Entwicklung fand ihren Ausdruck in der Or- 
ganisation der mittelalterlichen Reichs- und Landstände. Seit 
der Mitte des XIII. Jahrhunderts erlangten in England die 
Bürgerschaften der Städte eine ursprünglich von der Ritter- 
schaft getrennte, dann mit dieser verbundene Vertretung im 
Nationalparlament. Aus den Repräsentanten der Bürgerschaft 
bestand in Frankreich der früher schon von Zeit zu Zeit 
einzeln, seit dem Anfang des XIV. Jahrhunderts zu den all- 
gemeinen Ständeversammlungen (etats generaux) berufene 
dritte Stand (tiers etat) des Reiches. Auch die Bänke 



1 8(3 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



der Städte auf den deutschen Reichstagen seit der Er- 
hebung Rudolfs von Habsburg zum Könige waren wenigstens 
theilweise eine Stellvertretung des deutschen Bürgerstandes, 
und auf den deutschen Landtagen erhielten die Städte 
neben dem Adel und der Geistlichkeit als eine ständische Ge- 
nossenschaft Sitz und Stimme. 

5. Endlich wurden die neuen Rechtsgedanken, die sich 
in dem Städtebürgerthum ausgeprägt fanden, auf die weiten 
Kreise der Gesammtbevölkerung des States übergetragen, und 
aus dem Stadtbürgerthum wurde die Institution des modernen 
Statsbürgerth ums geboren. 



Fünfzehntes Capitel. 
4. Der Bauernstand. 

Wenn das Mittelalter dem Fortbestande der alten Ge- 
meinfreiheit nicht günstig war, so beförderte es auf der andern 
Seite die Erhebung und Befreiung der hörigen Leute. Eben 
indem es jene niederdrückte, hob es diese empor, und so 
näherten und mischten sich beide Stände auf derselben Stufe. 

Ein immerhin kleiner Theil der hörigen Leute wurde so- 
gar über die Freien in den Stand des nieclern Adels hinauf- 
gerückt, die Ministerialen, welche durch Hofdienst den 
Dynasten persönlich nahe traten , und durch höfische Bildung 
und Sitten ausgezeichnet waren, mit reicherem Grundbesitz 
ausgestattet und mit der Zeit den ritterlichen Vasallen an die 
Seite gestellt wurden. 

Ein anderer und zahlreicher Theil liesz sich in den 
Städten nieder und gelangte hier, indem er städtische Ge- 
werbe trieb und auf diese Weise auch zu Vermögen kam. zu- 
gleich zu persönlicher und bürgerlicher Freiheit. Den italieni- 
schen Städten gebührt der Ruhm, zuerst im Groszen die volle 



Fünfzehntes Capitel. 4. Der Bauernstand. 



187 



Befreiung der Hörigen ihres Gebiets durchgeführt zu haben. 
Die Stadt Bologna , die allezeit für die Freiheit gekämpft hat, 
faszte im Jahr 1256 auf Antrag ihres Podesta Accursius de 
Sorrecina den hochherzigen Beschlusz, alle Hörigen ihres Ge- 
biets freizukaufen und zu erklären , dasz es in Zukunft keine 
Unfreiheit mehr geben dürfe. 1 

Auch der Beruf der Handwerker, früherhin besonders 
in dem germanischen Europa gering geschätzt und vorzugs- 
weise den hörigen Leuten überlassen, wurde durch das ent- 
wickeltere städtische Leben gehoben. Die Innungen, zuerst 
wohl in Italien, wo auch sonst ein freies Bürgerthum zu 
früher Blüthe gekommen, als scholae eingeführt, dann in 
Frankreich unter Einwirkung der germanischen Neigung zu 
corporativer Gestaltung in Form von ministeria (mestiers) und 
Gheuden nachgebildet, zuletzt auch nach Deutschland ver- 
pflanzt, stärkten das Recht der Corporationsgenossen und die 
Ehre der Meister. Sorgfältigere Erziehung und stufenweise 
Ausbildung der Handwerker, erhöhte Kunstfertigkeit, gröszerer 
Vermögenserwerb, die neue Waffenfähigkeit im Dienste der 
Stadt unter eigener Innungs- oder Zunftfahne, die dauernde 
Verbindung mit den Interessen und dem Gedeihen der Stadt, 
alles diesz weckte das Selbstgefühl und die natürlichen An- 
sprüche der Handwerker; und wenn noch manche von höri- 
gem Stamme waren , so erkauften sie nun die volle Befreiung 
oder erlangten dieselbe durch massenhafte Erhebung. Das 
eigentliche Bürgerrecht der Stadt konnte ihnen nicht ent- 
zogen bleiben. 

Mit gröszeren Schwierigkeiten war auf dem Lande der 
Weg verlegt, auf welchem die hörigen Leute zur Freiheit 
aufstiegen. In manchen Gegenden galt sogar der entgegen- 
gesetzte Grundsatz: die Luft macht hörig. Aber wenn 
auch die hörigen Bauern nur ausnahmsweise zu voller per- 

1 Laurent a. a. 0. VII. 5. 663. Florenz folgte dem schönen Bei- 
spiele 1288. 



1 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



sönlicher und politischer Freiheit gelangten , so erreichten sie 
doch, freilich langsamen Schrittes, in der Regel eine zwar 
mit mancherlei Lasten beschwerte und politisch zurückgesetzte, 
aber durch festen Rechtsschutz gesicherte und in ihrem In- 
halt immerhin erweiterte persönliche Freiheit. Mit' den ur- 
sprünglich freien Bauern wurden sie zu einem gleichberech- 
tigten Berufsstande. 

Im Einzelnen sind die Verhältnisse äuszerst mannichfaltig, 
und auch die Uebergangsstufen aus der Eigenschaft zur Frei- 
heit zahlreich. Wie die Aufhebung der Sclaverei zu groszem 
Theile den Einwirkungen der Kirche zu verdanken ist, so ist 
auch die Erhebung der hörigen Leute von jeher voraus durch 
die Kirche begünstigt worden. In der That, wo Kirchen und 
Klöster Grundherrlichkeit besaszen, gingen sie meistens voran 
in Ertheilung bestimmter Rechte und Gewährung wichtiger 
Freiheiten für ihre Hörigen, und zuerst wurden die Gottes- 
hausleute den freien Bauern angenähert. Dann folgten auch 
die Könige dem Beispiele. Schon die Karolinger handelten 
in dieser Richtung zu Gunsten der Fiscalinen, und Ludwig 
der Heilige 2 erklärte, als er den Serfs auf den königlichen 
Domänen die Freiheit schenkte (1315), seinen Beruf als König 
des „Frankenreiches" zu erfüllen. 

Der nämliche Geist des Mittelalters , welcher die Hoheits- 
rechte zu Gunsten der groszen Barone als erbliche Lehen an 

2 Ordonn. I. 583: „Comme selonc le droit de nature chacim doit 
naistre franc et par aueuns usages — moult de personnes de nostre 
comrrnm peuple soient encheües en lieu de servitudes: — Nous conside- 
rants que Nostre Royaume est dit et nomine le Royaume de Francs, et 
voullant que la chose en verite soit aecordant au nom — ordenons, que 
generaument par tout nostre Royaume de tant comme il peut appartenir 
ä nous — telles servitudes soient ramenees ä franchises — ä bonnes et 
convenables conditions — de taut comme il peut toucher nous." Vgl. 
Schaffner, franz. R. G. I. 523. Schon vorher hatte der Graf von Va- 
lois, Bruder des Königs Philipps des Schönen, die Hörigen seiner Graf- 
schaft im Namen der natürlichen Menschenfreiheit für frei erklärt. 
Laurent a. a. 0. VI. 662. 



Fünfzehntes Capitel. 4. Der Bauernstand. 



189 



den Boden knüpfte , und welcher den Vasallen ihren Lehens- 
herren gegenüber gesicherte und dauerhafte Hechte an den 
Beneficien verlieh, stärkte und befestigte auch die Rechte der 
hofhörigen Bauern an den verliehenen Gütern, und bildete 
das hofrechtliche Erbe und eine eigenthümliche patrimoniale 
Gerichtsverfassung aus, an welcher auch die Bauern unter 
Leitung ihrer Maires oder Meyer (villici majores) Theil 
hatten. Gedrückter war wohl die Lage der französischen Serfs 
und Vilains, als die der deutschen Hofleute und Grund- 
holden, wie schon die Sprache den Gegensatz andeutet, aber 
immerhin ähnlich, und später als in Frankreich ging in 
Deutschland die Entwicklung zu höherer Freiheit vor sich. 
Doch standen auch in Frankreich die Coutumiers und 
Roturiers, unter denen die Ostes (Hospites) als höhere 
Classen berechtigter Bauern den Gemeinfreien ganz nahe. 
In England dagegen erlangten die hörigen Leute nach der 
groszen Pest 1348 — 49 wohl persönliche Freiheit, aber 
ohne Grundbesitz. So wurde nicht ein Stand freier Bauern, 
sondern freier Arbeiter geschaffen. 3 

Diese bäuerliche Halbfreiheit bezog sich übrigens ge- 
meiniglich nur auf das Privatrecht und auf die Gemeinde- 
und Gerichtsverfassung. 

Mit den freien Bauern, die unter die erbliche Vogtei- 
herrschaft gerathen waren, und deren Güter nun auch man- 
cherlei ewige Lasten zu Gunsten der „Herrn" zu tragen hatten, 
schmolzen sie zu dem Einen sogenannten Bauernstande 
zusammen. 

Zu einem politischen Stand im vollen Sinn würde 
der Bauernstand nur ausnahmsweise in wenig Ländern, nur 
da, wo er, wie in dem skandinavischen Norden die alte Ge- 
meinfreiheit und die alte Verfassung glücklich behauptet hatte, 
oder im Tyrol von den Landesfürsten zu den Landtagen zu- 

3 Sceloltm de la reforme du Droit des Gens 1873. S. 63 f. 



190 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



gezogen ward, oder wo er, wie in der Schweiz, freie Bauern- 
republiken gründete. In den meisten Ländern ward er nur 
als ein unterthäniger Stand behandelt, dem keine poli- 
tische und insbesondere keine repräsentative Rechte gebühren, 
der aber von der Natur bestimmt sei, vornehmlich die öffent- 
lichen Lasten zu tragen. Er war wesentlich ein wirth schaft- 
lich er, nicht wie die Bürgerschaft der Städte ein Culturstand. 

V ergeblich machten die deutschen Bauern in dem groszen 
Bauernkrieg des XVI. Jahrhunderts eine gewaltsame Anstren- 
gung, die Herrschaft zu brechen, die schwer auf ihnen 
drückte. Wenn man heute die bekannten XII Artikel liest, 
welche die Bauern damals verlangten , und sich erinnert , dasz 
dieses Verlangen die heftigste Entrüstung der damaligen Ge- 
bildeten so gut wie der herrschenden Aristokratie über die 
unerhörte Anmaszung der Bauern zur Folge hatte, so bemerkt 
man nicht ohne Befriedigung den mächtigen Fortschritt der 
Zeiten, indem die Bauern in unserm Jahrhundert überall 
mehr ohne Streit als Menschen- und Bürgerrechte erhalten 
haben, als sie damals zu fordern gewagt hatten. 

Nur allmählich fing man an, sich an den Gedanken zu 
gewöhnen, dasz die Bauern doch nicht eine blosz unterwür- 
fige Menschenmasse bilden, aus der man nach Willkür Sol- 
daten rekrutiren und der man beliebig Steuern abverlangen 
dürfe. Die englische Verfassuug, welche den Yeomen (den 
probi et legales homines), wenn sie ein gewisses nicht hohes 
Masz von Einkünften von ihren Gütern zogen, das Recht gab, 
an den Grafschaftswahlen für das Unterhaus Theil zu neh- 
men, zeichnete sich in der Beachtung solcher Volksfreiheit 
wiederum aus. 

Erst die neue Zeit aber machte die Segnung der vollen 
persönlichen Freiheit und damit zugleich der Fälligkeit zu 
den politischen Rechten allgemein für alle Classen der Be- 
völkerung. Die Philosophie des XVIII. Jahrhunderts hat zu 
diesem groszen Fortschritte den geistigen Anstosz gegeben, 



Sechszehntes Capitel. 5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung-. 191 



indem sie den Gedanken der natürlichen Menschenrechte zu 
Ehren gebracht hat. 

In Deutschland ging König Friedrich L von Preuszen 
voran , indem er auf den königlichen Domänen die Eigenschaft 
aufhob 1702; Friedrich II. begünstigte und erweiterte die 
Befreiung auch der übrigen Eigenen durch seine Gesetze, 
und Kaiser Joseph IL folgte dem Beispiel für Deutschöster- 
reich 1782, ebenso Karl Friedrich von Baden 1783. Die 
meisten andern deutschen Staten blieben indessen noch zu- 
rück. Erst die enthusiastische Erklärung vom 4. August 1789 
und die Verkündung der Menschenrechte durch die franzö- 
sische Nationalversammlung wirkten entscheidend auf das 
civilisirte Europa. Die Befreiung auch der hörigen und 
eigenen Classen wurde nun als eine allgemeine Pflicht und 
als eine unwiderstehliche Forderung der neuen Zeit anerkannt, 
und in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts in dem abend- 
ländischen Europa, in der zweiten Hälfte nun auch in Ost- 
europa vollzogen. Gleichzeitig oder bald nachher wurde denn 
auch das Statsbürg ererrecht auf die Bauern wie auf die 
Städtebürger ausgebreitet. 



Sechszehntes Capitel. 

5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung. 

Der Sclave kommt ursprünglich als ein Fremder in die 
Familie und in das Volk hinein, deren Gewalt er unterwor- 
fen wird. So verbreitet das Institut der Sclaverei im Alter- 
thum war, so weisz ich doch von keinem Volke, welches die- 
selbe als einen nationalen Stand betrachtet hätte. Schon 
das ist uns ein Zeugnisz, dasz die Sclaverei nicht ein Be- 
dürfniss der menschlichen Natur sei. 



11)2 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Aristoteles (Polit. I. 2.) hat zwar mit vielem Aufwand 
von Scharfsinn zu beweisen gesucht, dasz die einen von Natur 
Herren und die andern von Natur Sclaven seien. Aber so- 
weit seine Beweisführung Wahrheit enthält, ist sie blosz ge- 
eignet, die Notwendigkeit dienender Classen der Be- 
völkerung zu begründen, nicht aber das Bedürfnisz der recht- 
losen Sclaverei. Allerdings bedarf der höher begabte Mensch, 
soll er seine Bestimmung erfüllen können, auch beseelte 
Werkzeuge, wie Aristoteles sie nennt, zu seinem Dienste, 
und allerdings gibt es Menschen , welche von der Natur selbst 
vorzugsweise auf körperliche Thätigkeit angewiesen sind und 
ebenso sehr der Leitung und des Befehles eines Herrn be- 
dürfen, um ihren Beruf richtig auszuüben, als dieser ihrer 
Dienstleistung. Aber daraus folgt doch nur, dasz Herrschaft 
und Dienstboten, Meister und Gesellen, Bauer und Knechte, 
Fabrikherr und Fabrikarbeiter einander gegenseitig bedürfen, 
keineswegs aber, dasz das Unterordnungsverhältnisz des die- 
nenden Theiles zum herrschenden dem der Hausthiere zum 
Eigenthümer gleich zu achten sei ; es folgt nicht daraus , dasz 
die Arbeiter alle individuelle Freiheit und die menschliche 
Persönlichkeit aufgeben und zu bloszen Sachen und 
Werkzeugen eines bestimmten Herrn, d. h. eben zu Scla- 
ven werden müssen. Der Mensch ist von Natur Person, da- 
her kann er nicht Sache, d. h. nicht Sclave sein. 

Die römischen Juristen, welche in ihrer Rechtstheorie 
den absoluten Eigenthumsbegriff mit einer auch im Alterthum 
auffallenden Härte auf die Sclaven anwendeten, und die- 
selben durchweg als rechtlose Wesen, als blosze Sachen dar- 
stellten, waren sich doch bewuszt, dasz die Sclaverei wider 
die Natur und nur durch den gemeinen Gebrauch der Völ- 
ker eingeführt worden sei. 1 Sie erklärten daher die Frei- 

1 Florcntinus L. 4. §. 1. de Statu hominum: „Servitas est constitutio 
juris gentium, qua quis dominio alieno contra naturam subjicitur." §. 2. 
J. de jure person. 



Sechszehntes Capitel. 5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung. 193 



lassung als Wiederherstellung des natürlichen Rechtes. 2 
Die römische Jurisprudenz wuszte das, und hielt dennoch mit 
starrer Consequenz über ein Jahrtausend an dem gewaltsam 
eingeführten Eigenthum über die Sclaven fest. Die kaiser- 
lichen Verordnungen , dasz es den Herren nicht mehr gestattet 
sei, ohne Masz und ohne Grund wider ihre Sclaven zu 
wüthen, 3 schützten vor den Excessen roher Grausamkeit, 
etwa so wie neuere Gesetze gegen die Thierquälerei gegeben 
sind, sie änderten aber nichts an dem Grundbegriffe; und 
nach wie vor war der Sclave nicht nur eigenthumslos , sondern 
es waren ihm selbst die Rechte der Ehe und der Blutsver- 
wandtschaft versagt. 

Ebenso war es dem deutschen Rechtsbewusztsein klar, 
dasz, wie der Verfasser des Sachsenspiegels 4 sich energisch 
ausdrückt, alle Eigenschaft von Zwang, Gefangennehmung 
und unrechtmäsziger Gewalt ihren Anfang genommen, und 
dasz man später das für Recht ausgegeben habe, was nur 
eine alte aber ungerechte Gewohnheit sei. Auch erkannten die 
germanischen Völker von jeher eine relative Berech- 
tigung der Eigenen 5 an. Die Vermögens- und Familien- 

2 Ulpianus L. 4. de Just, et Jure. „ (Manumissio) a jure gentium 
originem sumsit, utpote quum jure naturali omnes libcri nascircntur, 
nec esset nota manumissio , quum servitus esset incognita ; sed posteaquam 
jure gentium servitus invasit, secutum est beneficium manumissionis." 

3 Cajus L. 1. §.2. de Ms qui sui vel alieni. „Sed hoc tempore 
nullis hominibus, qui sub imperio Romano sunt, licet supra modum et 
sine causa legibus cognita in servos suos saevire." 

4 Sachsenspiegel III. §. 3: „An minen sinnen ne kan ik is nicht 
upgenemen na der warheit, dat ieman des anderen sole sin, ok ne 
hebbe wir's nen Urkunde. §. 6. Na rechter warheit so hevet egenscap 
begin von gedvange unde von vengnisse vnde von unrechter walt , die man 
von aldere in unrechte wonheit getogen hevet unde nu vore recht heben wil." 

5 Die Gleichstellung der Eigenen mit Hausthieren , die auch in deut- 
schen Rechtsquellen gelegentlich gefunden wird, bezeichnet durchaus 
nicht das Wesen des altern Verhältnisses , das Tacitus mit scharfem 
Kennerblick mehr dem römischen Colonat als der römischen Servitus 
verglichen hat. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 13 



194 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



rechte derselben waren zwar unvollkommen und hatten in der 
ältern Zeit einen sehr ungenügenden Schutz, es kam anfangs 
wesentlich nur auf den guten Willen des Herrn an, ob er 
dieselben achte oder nicht ; aber der Keim der spätem all- 
mählichen und stufenweise eintretenden Befreiung der Eigenen 
war in den germanischen Hechten nicht ebenso zerstört , wie 
in dem römischen. Die Persönlichkeit des deutschen Sclaven 
war nie ganz verloren gegangen, und deszhalb war auch die 
Perfectibilität seiner Zustände nicht ausgeschlossen. 

Die Aufhebung der Sclaverei in dem abendländischen 
Europa ist schon während des Mittelalters dadurch groszen- 
theils vollzogen worden, dasz dieselbe in die mildere Form 
der Hörigkeit überging. Ihre letzten Beste aber sind mit 
der endlichen Beseitigung auch der Hörigkeit erst gegen Ende 
des XVIII. und in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts 
weggeräumt worden. 6 

Diese frühere allmähliche und die neue durchgreifende 
Befreiung darf zum Theil als eine heranreifende Frucht des 
Christenthums erklärt werden , dessen religiöse Ideen das posi- 
tive Sclavenrecht zwar nicht gewaltsam durchbrachen, aber 
geistig auflösten. Mit dem Glauben, dasz die Menschen alle 
Kinder Gottes und unter sich Brüder seien, war das Eigen- 
thum eines Menschen über einen andern nicht verträglich. 
Mehr aber noch ist sie dem germanischen Rechts- und Frei- 
heitsgefühl und dem fortschreitenden Geiste der Humanität 
zu verdanken. 

Eine eigenthümliche Geschichte hatte die russische 
Leibeigenschaft. Es gab in Ruszland von Alters her eine per- 
sönliche Knechtschaft, aber noch im XVI. Jahrhunderte war 
die Masse der Bauern frei. In den weiten Bäumen bedurften 
die Grundherrn zahlreicher Arbeiter, und da die Bauern noch 
den freien Zug hatten und der alte nomadische Wandertrieb 

6 S. oben S. 190. 



Sechszehntes Capitel. 5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung. 195* 



zu stätem Wechsel der Wohnsitze anreizte, so lag es inr 
Interesse der Herrn, die Bauern durch mancherlei Vergünsti- 
gung auf ihren Gütern festzuhalten. Die bäuerliche Eigen- 
schaft entstand erst, seitdem der Stat aus Gründen der Finan- 
zen und des Militärsystems die Bauern immer fester an die 
Scholle band und der Willkür der Herrn überlieferte. Das 
siebenzehnte Jahrhundert hat sich auch in andern europäi- 
schen Ländern der bäuerlichen Freiheit ungünstig erwiesen, 
aber wohl nirgends ungünstiger als in Ruszland. Knechte 
und Bauern wurden zu gemeinsamer Eigenschaft verbunden. 
Der Herr erhielt eine fast unbeschränkte Verfügung über ihre 
Personen und ihre Habe. Aber auch in Ruszland brachte 
die neue Zeit erst Erleichterung der Lasten, und in unsern 
Tagen Befreiung für die Bauern. Das Emancipationswerk, 
welches der Kaiser Alexander II. trotz des Sträubens vieler 
Adeliger durchführte (Gesetz vom 19. Febr. 1861), hat auch 
da eine neue Periode privatrechtlicher Freiheit eingeleitet. 7 

So wurde Europa allmählich gereinigt von dem uralten 
Fluch der Sclaverei. Aber in der neuen Welt hatte dieselbe 
einen neuen Boden und eine in mancher Hinsicht noch schlim- 
mere Anwendung gefunden. Wie furchtbar sich dieser Frevel 
an dem Geiste der Humanität gerächt hat , das hat der nord- 
amerikanische Bürgerkrieg gezeigt (1861 — 1865). 

Die Negersclaverei ist zwar insofern weniger verwerflich, 
als die antike Sclaverei der europäischen Völker, als dort die 
Herrschaft der weiszen Herrn nicht über ihres gleichen, wie 
hier, sondern über eine von Natur untergeordnete schwarze 
Rasse geübt wird. Aber diese Anlehnung an die natürliche 
Ordnung begünstigt auch die leidenschaftliche und hoch- 
müthige Ueberhebung der Weiszen, die weniger geneigt sind 
und weniger genöthigt werden , in den Schwarzen die gemein- 
same menschliche Natur zu ehren und die Grausamkeit der 

7 Vgl. den Art. Leibeigenschaft (russische) von Tschitscherin im 
Deutschen Statswörterbuch. 



19(1 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Miszhandlung wird heftiger und häufiger, als sie im Alter- 
thum gewesen war. Die bittere Ironie, mit welcher Montes- 
quieu (Esprit des Lois XV. 5.) die übermüthige Verachtung 
der Schwarzen von Seite ihrer weiszen Herrn geiszelt, wenn 
er sagt: „Man kann sich nicht vorstellen . dasz Gott, der doch 
ein höchst weises Wesen ist, eine Seele und vorzüglich eine 
gute Seele in einen ganz schwarzen Körper versetzt habe" — 
diese Ironie schlägt nicht in den Wind. 

Die amerikanische Sclaverei war daher auch viel härter 
als je die europäische Eigenschaft gewesen war. Die Schonung 
und Sorge, welche den farbigen Sclaven von ihren Herren that- 
sächlich zu Theil ward, hatte keinen andern Charakter als 
die wirthschaftliche Schonung und Pflege, welche der Bauer 
seinem Ackervieh zuwendet, Die moralische und rechtliche 
Erniedrigung, die sich in der Bestreitung jeder Menschenwürde, 
in der Miszachtung der Ehe und der Familie, in dem Mangel 
der religiösen und sittlichen Erziehung, in der Verweigerung 
jedes Rechtsschutzes überhaupt, und in dem ungehemmten 
Handel mit Sclaven und nicht selten in empörender Grausam- 
keit zeigte, drückte dieselben ganz auf die Stufe der Haus- 
siere herab und verletzte so die göttliche und menschliche 
Ordnung aufs tiefste. 

Es war ein Unglück für Amerika, dasz der Antrag Jeffer- 
sons, der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776. welche 
auch die Freiheit als ein unveräuszerliches Menschenrecht 
verkündigt, die Beschwerde über die Zulassung und Begün- 
stigung der Negersclaverei von Seite der königlichen Regie- 
rung beizufügen, in der Minderheit geblieben war. Die an- 
fängliche Absicht, allmählich und stufenweise die Sclaverei 
zu beseitigen, fand eine weniger nachhaltige Unterstützung als 
das Streben der Sclavenhalter , ihren Besitz zu schützen und 
zu erweitern. Kaum konnte das Gleichgewicht der sclaven- 
freien Staten mit den sclavenhaltenden in der Bundesregierung 
behauptet werden. Seit einem Jahrhundert war die Masse der 



Sechszehntes Capitel. 5. Die Sclaverei und ihre Aufhebung. 197 



Sclavenbevölkerung von einigen Hunderttausenden zu meh- 
reren Millionen angewachsen. Die rasch entwickelte Cultur 
der Baumwolle und des Zuckerrohrs wirkte nach dieser Seite 
hin sehr verderblich. 

Inzwischen fing man an, die Aufhebung der Sclaverei 
von Europa auch nach Amerika überzupflanzen. England 
ging hier und mit groszen Mitteln voran. Mögen dabei auch 
unreine Motive, wie es in menschlichen Dingen nie anders ist, 
mitlaufen, das Ziel dieses Strebens ist dennoch ein heiliges 
und gerechtes und der Mann, der zuerst der Sclavenbefreiung 
sein Leben widmete und mit erfolgreicher Energie in und auszer 
dem Parlament diese Sache betrieb, William Wilberforce, 
war auch von der Reinheit dieses Zieles erfüllt. Die Auf- 
hebung der Sclaverei in den englischen Colonien, die Ent- 
schädigung der sogenannten Eigenthümer, und die völkerrecht- 
lichen Verträge zur Unterdrückung des Seehandels mit Neger- 
sclaven sind doch trotz aller Miszgriffe im Einzelnen grosze 
Verdienste um die Menschheit. 

Der Sieg der Union über die sclavenhaltenden Staten des 
Südbundes hat die Abschaffung der Negersclaverei zunächst für 
Nordamerika entschieden. Die Union duldet keine Sclaverei 
mehr in dem Bereich ihrer Statsmacht. (Verfassungsgesetz vom 
1. Febr. 1865, proclamirt 18. Dec. 1865.) Damit ist die Frage 
mittelbar für ganz Amerika entschieden. Es können sich die 
Staten in Südamerika nicht lange mehr der Anerkennung des- 
selben Princips entziehen. In Brasilien ist ebenso durch 
Gesetz vom 28. Sept. 1871 die Sclaverei aufgehoben worden. 

Freilich ist damit die schwierige Frage der politischen 
Stellung und Rechte der Neger noch nicht erledigt. Es ist 
nur die privatrechtliche Freiheit und Berechtigung auch der 
dunkelfarbigen Rasse anerkannt. Ob die Neigung, den Negern 
auch die vollen politischen Rechte einzuräumen, die gegen- 
wärtig im Norden Amerikas vorherrscht, nachhaltig sei, ist 
zweifelhaft. Politisches Recht setzt politische Fähigkeit voraus. 



198 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 

Dasz aber die repräsentative Demokratie, die bisher nur den 
politisch gebildetsten Nationen geglückt ist, die naturgemäsze 
Statsform sei für die Neger, wo sie massenhaft beisammen 
sind, und dasz diese fähig seien, die demokratische Verfassung, 
welche eine seltene männliche Selbstbeherrschung und Selbst- 
tätigkeit erfordert, würdig zu erfüllen und tapfer zu ver- 
teidigen, das wird kaum ein Kenner der menschlichen Natur 
und der Statengeschichte zu behaupten wagen. 

Immerhin lassen sich folgende allgemeine Sätze als aner- 
kannte Folgerung des humanen Statsprincips aussprechen: 

1) Der Stat ist berechtigt und verpflichtet, wo sich auf 
seinem Gebiete noch Ueberreste von persönlicher Sclaverei 
vorfinden, dieselben zu beseitigen. Indem er das thut, hebt 
er nur altes Unrecht auf. 

2) Der Stat darf keine neue Begründung der Sclaverei 
dulden, auch dann nicht, wenn einer sich freiwillig zum Sclaven 
ergeben möchte. 

3) Der Stat verweigert mit Recht dem fremden Herrn 
seinen Rechtsschutz , wenn dieser innerhalb des Statsgebietes 
Eigenthum an seinen Sclaven verfolgen will. 8 

4) Die Sclaven , welche den Boden freier Länder betreten, 
werden ispo facto frei, und können den Schutz der Gerichte 
für ihre Freiheit anrufen. 

8 Für England vgl. Blackstone Comment, I. 14. Urtheil des 
Gerichtsh. v. Westminster-Hall v. 1771. (Wheaton lüstoire du D. d. G. 
II. 353.) Das englische Gesetz vom 28. August 1833 regulirt die Frei- 
lassung in den englischen Colonien und erklärt jeden Sclaven, der mit 
Zustimmung seines Herrn nach Groszbritannien oder Irland komme, für 
frei. In Frankreich schon in den Instit. Coutum. von Loysei aus 
d. XVI. Jahrh. der Satz: „Toutes personnes sont franches en ce Roiaume: 
et si-tost qu'un Esclave a atteint les Marches d'icelui, se faisant baptizer, 
est affranchi." Französisches Gesetz v. 1791, 28. Sept. Verfassung 
von 1848. 6. „L'esclavage ne peut exister sur aucune terre francaise. ki 
Art', add. au traite de paix de Paris 1814. „Sa Majeste Tres-Chretienne 
et Sa Majeste Britannique s'engage — pour faire prononcer par toutes 
les puissances de la chretiente labolition de la traite des noirs." 



Siebenzehntes Capitel. 6. Die modernen Classen. I. Das Princip. 199 



Siebenzehntes Capitel. 
6. Die modernen Classen. 
I. Das Princip. 

Die mittelalterlichen Stände sind überall in der Auflösung 
begriffen. Der Klerus, der vormals die erste Stelle einnahm, 
weil er eine höhere fast göttliche Würde in Anspruch nahm, 
hat diesen Vorrang vor den Laien verloren und überhaupt auf- 
gehört, ein besondrer politischer Stand zu sein. Die moderne 
Verfassung bringt die höheren geistlichen Würdeträger, die 
Prälaten in der Aristokratie, die übrige Geistlichkeit in der 
höhern Bürgerschaft unter. Wie sehr die mittelalterliche In- 
stitution des Adels, sowohl des höhern als des niedern, zer- 
rüttet und wie wenig sie geeignet ist, eine selbständige höhere 
Statsstellung als ständisches Recht zu behaupten, hat die Be- 
trachtung der neuern Geschichte deutlich genug gezeigt. Aber 
auch der alte Bürgerstand hält nicht mehr in der frühern 
ständischen W r eise zusammen. Die gebildeten Classen haben 
in dem modernen Repräsentativstat eine andere Bedeutung, als 
die mittelalterliche Bürgerschaft. Nicht einmal der ruhigste und 
die alten Sitten und Anschauungen gewohnheitsmäszig fest- 
haltende Bauemstand kann sich der Bewegung der Zeit und 
den neuen Bildungsmomenten in ihr entziehen, und die In- 
dustrie hat sich auch auf der Landschaft eingebürgert und das 
blosze Bauernwesen durchbrochen. 

Bisher sind auch alle Versuche, die mittelalterlichen 
Stände zu reformiren und dann den Stat darauf zu stützen, 
völlig verunglückt. Der Instinct der Völker ist entschieden 
misztrauisch gegen denselben geblieben. Die Völker fühlen 
sich dem Ständestat des Mittelalters entwachsen und 
sie wollen keine — auch nicht eine revidirte und reformirte — 
Wiederherstellung desselben. 



200 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Dennoch begreift man, dasz die blosze Fusion aller 
Stände ebenso wenig ausreicht, und dasz die unläugbar 
vorhandenen massenhaften Gegensätze in der Bevölkerung 
auch eine politische Bedeutung haben. Will man dieselben 
verfassungsmäszig ordnen, so bleibt daher kein andrer Weg 
mehr übrig, als die Eintheilung nach C lassen, statt nach 
Ständen. Was wir in der neuen Sprache noch Stände heiszen, 
das sind oft nicht wirkliche Stände, sondern Classen. 

Die Classen unterscheiden sich von den Ständen dadurch, 
dasz jene vom State aus und für den Stat geordnet sind, 
während die Grundlage dieser zunächst ausserhalb des States 
ruht. Die Classen setzen die Einheit des Volkes voraus, die 
Stände ignoriren die Volkseinheit. Die Classen sind eine 
nationale und statsrechtliche Institution zu politischen 
Zwecken, die Stände sind voraus eine particuläre und privat- 
rechtliche Gruppirung, deren Zwecke nicht ausschlieszlich und 
nicht vorzüglich eine politische Bedeutung haben. Der Klerus 
lebt voraus der Kirche , nicht dem Stat ; der Adel denkt vor- 
erst an sich und seine besondern socialen Interessen, der 
Bürger lebt dem Gewerbe, der Bauer der Landwirtschaft. 
Der Stat kommt nur mittelbar in Betracht. In den Ständen 
zeigt sich die natürliche Verbindung gleichartiger Cultur und 
Wirthschaft, und deszhalb sondern sich die einen Berufskreise 
von den andern. Die Rücksichten auf den Stat üben darauf 
keinen Einflusz. Die Classen dagegen sind ein rationelles 
Product der organisatorischen Statsweisheit. Die Stände sind 
naturwüchsig, die Classen eine Cultur er scheinung. Daher 
linden wir das Classensystem nur bei civilisirten Völkern mit 
einem ausgebildeten statlichen Bewustsein. So bei den Hellenen, 
wie besonders zu Athen nach der Solonischen Verfassung , in 
Rom nach der Servianischen Verfassung, der wir den Ausdruck 
Classen entlehnen, so auch in unsern modernen Staten Europas. 

Nichts hindert, bei der Classeneintheilung auch die vor- 
handenen Stände zu berücksichtigen, aber es ist weder nöthig 



Siebenzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. I. Das Princip. 201 



noch wünschenswerth, dasz Classen und Stände zusammen treffen. 
Wenn sie zusammen fallen , so ist die ständische Ordnung zur 
Statsordnung erhoben, wie wir das zum Theil im Mittelalter 
finden. Damit ist aber auch die ständische Gebundenheit und die 
Spaltung des Stats unvermeidlich mitbegründet. Die ständischen 
Interessen und die ständischen Vorurtheile bekommen, weil sie 
zugleich politische Macht erhalten, allzu leicht das Ueber- 
gewicht über die allgemeinen Yolksinteressen und die bessere 
' Volkseinsicht. Wenn dagegen einzelne Classen die Stände 
durchschneiden und Bruchtheile aus verschiedenen Ständen 
zusammen fassen, so ist das eine schätzbare Garantie der 
nationalen Gemeinschaft und des höheren politischen Lebens, 
welches eine vielseitigere Anregung empfängt. 

Sehr oft sind die Classen je nach der Grösze des Ver- 
mögens unterschieden worden. Es ist das die Censusver- 
fassung. Dadurch wird aber das Vermögen zu der wichtig- 
sten politischen Potenz erklärt und der Werth der Bürger für 
den Stat nach der Zahl der Geldstücke abgestuft, über welche 
sie verfügen, was doch selten der Wahrheit entspricht. Auch 
dieses Eintheilungsprincip ist doch wieder in erster Linie 
wirthschaftlich und privatrechtlich, und nur in zweiter Linie 
mittelbar statsrechtlich und politisch. Daher ist eine orga- 
nische Eintheilung, welche vorzugsweise die Fähigkeit 
und Tauglichkeit für den Stat, soweit dieselbe überhaupt in 
verschiedenen Abstufungen sichtbar wird, beachtet, jenem blos 
mathematischen Princip vorzuziehen. Das aber richtig zu er- 
kennen und zu bestimmen, ist eine schwere Aufgabe für den 
Statsmann. 

Im Groszen lassen sich für den modernen Stat haupt- 
sächlich folgende vier Classen des Volks unterscheiden: 

1) Die regierende Classe: Fürsten und Beamte, mit 
obrigkeitlicher Gewalt. Ihre Stellung überragt alle anderen 
Classen durch die Statsmacht , die in ihren Händen ist, Sie 
stehen an der Spitze des Stats. 



202 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 

2) Die aristokratische Classe, die als solche nicht 
mehr regiert, aber zwischen der regierenden Classe und den 
Volksclassen eine selbständige und ausgezeichnete 
politische Stellung einnimmt. 

3) Der sogenannte dritte Stand, d. h. die Classe des ge- 
bildeten und freien Statsbürgerthums, ohne Rücksicht auf 
Stadt und Land: die eigentlichen Mittelclassen. 

4) Die groszen Volksclassen, die auch unter dem 
Namen des vierten Standes zusammengefaszt werden, sowohl 
die Kleinbürger in den Städten als die Bauern begreifend 
und die übrigen- Massen der Arbeiter, soweit sie nicht schon 
in den andern Schichten eingereiht sind, in weiteren Kreisen 
umfassend. 

Die erste Classe ist die Krone, die letzte ist die Wurzel 
und der Stamm des States. Die Volksclassen sind die Basis, 
die regierende Classe ist das Haupt des Stats. Auf dem ge- 
sunden Rapport dieser beiden Classen beruht vornehmlich die 
Energie uud die solide Kraft des Volksstats. Die beiden 
mittleren Classen ergänzen, controliren und beschränken die 
Thätigkeit der ersten Classe bald mehr in aristokratischer, 
bald mehr in repräsentativ-demokratischer Weise, und sie sind 
durch ihre höhere Bildung und ihre günstigere sociale Lebens- 
stellung auch vorzüglich befähigt, und durch ihr gehobenes 
Rechtsbewusztsein und Freiheitsgefühl veranlaszt, darüber zu 
wachen , dasz die Bedingungen der allgemeinen Volkswohlfahrt 
und die Interessen der ganzen Nation wohl gewahrt und be- 
achtet werden. Sie sind die natürlichen Patrone , Führer und 
Vertreter der letzten und gröszten Classe. 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 203 



Achtzehntes Capitel, 

II. Die einzelnen Classen. 

1. Die heutige regierende Classe steht in ihren Häup- 
tern, den Fürsten, noch in geschichtlichem Zusammenhange 
mit der früheren Institution des hohen Adels, über den 
sie sich zu einer statsrechtlich souveränen Stellung erhoben 
hat. Ihre untergeordneten Glieder, die Beamten und Offi- 
ciere, in der Republik auch die obersten Beamten, stammen 
grösztentheils aus den beiden Mittelclassen ab, und bleiben 
gesellschaftlich mit denselben verbunden; oder wenn ihre 
Eltern den groszen , unteren Volksclassen angehören , so sind 
sie doch durch ihre höhere Bildung und ihr Berufsleben auf 
die gesellschaftliche Höhe jener mittleren Classen der Aristo- 
kratie oder des höheren Bürgerthums aufgestiegen und blei- 
ben mit denselben verbunden, wenn sie ihr Amt aufgeben 
oder verlieren. Durch ihre Autorität und ihre Amtsgewalt 
überragen sie dieselben noch. Die untersten Stufen der nie- 
deren Aemter und Stellen verzweigen sich auch in die wei- 
tere vierte Classe hinein, der weniger gebildeten Massen. 

2. Die heutige Aristokratie ist nicht mehr wie die 
mittelalterliche ein fester, abgeschlossener Stand, mit beson- 
deren Rechten. Sie wird mit den übrigen Classen durch das 
gemeinsame Statsbürgerrecht und durch die wesentliche 
Rechtsgleichheit sowohl des öffentlichen als des Privat- 
rechts in eine rechtliche Gemeinschaft und Genossenschaft 
verbunden. Von Zeit zu Zeit steigen aus den übrigen Classen 
einzelne ausgezeichnete Männer mit ihren Familien auf ihre 
gesellschaftliche Höhe empor und werden nach und nach als 
neue Glieder der bestehenden Aristokratie anerkannt, Oefter 
noch verlieren andere bisherige Mitglieder derselben oder 
deren Abkömmlinge die Bedingungen einer aristokratischen 
Auszeichnung und werden genöthigt, von der sonnigen Höhe 



204 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Mens«-hen-u. Volksnatur. 

der aristokratischen Gesellschaft auszuscheiden und den übri- 
gen Classen und Schichten der Gesellschaft beizutreten. Ohne 
Vermögen, ohne liberalen Lebensberuf, ohne feinere Bildung, 
ist das aristokratische Ansehen und die Eigenschaft der Ari- 
stokratie weder zu erwerben noch zu. behaupten. Um desz- 
willen ist der Begriff der ganzen Classe ein flüssiger, kein 
fester. Sie ist einer beständigen Aenderung durch neue Zu- 
flüsse und Abflüsse ausgesetzt. Gerade deszhalb ist sie zu- 
nächst mit der verwandten dritten Classe, dem höhergebil- 
deten Bürgerthum, durch zahlreiche Uebergänge eng verbun- 
den. Aus demselben Grunde darf auch die Ehegenossenschaft 
derselben mit den übrigen Classen nicht verhindert oder zer- 
rissen werden. 

Zuerst ist die Umbildung des mittelalterlichen Adels in 
die moderne Aristokratie in England, unter einer aristokra- 
tisch gesinnten Nation langsam vollzogen worden. Auf dem 
europäischen Continent dagegen ist die mittelalterliche Insti- 
tution des Adels eine Ruine, deren Trümmer gelegentlich 
die Bahnen des öffentlichen Lebens hemmen und stören und 
die neue Aristokratie ist noch in ganz unklaren Verhält- 
nissen und in einem vielfältig bestrittenen Dasein. In der 
Gesellschaft und sogar thatsächlich in den Sitten der Höfe 
und in den Ernennungen zu den höheren Aemtern und Stellen 
sind allenthalben die Wirkungen der Aristokratie wahrnehm- 
bar, aber in dem Rechts- und Statsbewusztsein der euro- 
päischen Nationen hat sie noch keinen anerkannten Platz. 

Es ist eine Aufgabe für das deutsche Reich, diesen 
Mangel durch eine zeitgemäsze Reform zu corrigiren. Grund- 
sätzlich ist übrigens an dem Ergebnisz der Weltgeschichte 
festzuhalten. Die Aristokratie darf weder ein abgeschlossener 
Stand sein, noch gebührt ihr die Herrschaft im State. Es 
kommt ihr nur eine die Gewalt der Obrigkeit ermäszigende 
und die Leidenschaften der Masse beschränkende, die öffent- 
lichen Zustände veredelnde Mittelstellung im State zu. 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 205 



3. Gebildetes Bürgerthum. (Sogenannter dritter 
Stand.) 

Die Geschichte der französischen Revolution wirft auf 
die Natur dieser Classe ein helles Licht. In Frankreich war 
der Ausdruck dritter Stand der ständischen Verfassung des 
Mittelalters entlehnt, und bezeichnete den in die General- 
stände berufenen Bürgerstand, welcher hinter den aristokra- 
tischen Ständen des Klerus und Adels eine bescheidene, fast 
demüthige Stellung bekommen hatte. 

Der Abt Sieyes, dessen berühmte Schrift über den 
dritten Stand zu einer Leuchte und zu einer Brandfackel für 
die erste französische Revolution geworden ist, hat bekanntlich 
die beiden Fragen aufgeworfen: Was ist der dritte Stand? 
und: Was ist der dritte Stand bisher in dem politischen 
Organismus gewesen? und die erste mit: Alles, die letzte 
mit: Nichts beantwortet. Die Antwort auf die erste Frage 
— so outrirt als die auf die zweite — hebt, indem sie die 
Ansprüche des dritten Standes steigert , den Begriff des drit- 
ten Standes auf. Wenn der dritte Stand wirklich im State 
Alles ist, so kann es auszer ihm weder einen ersten und 
zweiten, noch einen vierten Stand geben. Er ist dann sel- 
ber kein Stand und keine besondere Classe mehr, er ist das 
gesammte Volk. 

In der ersten französischen Revolution verlangte denn 
auch der dritte Stand wirklich, dasz die beiden ersten Stände 
Frankreichs, Geistlichkeit und Adel, sich mit ihm in Einer 
Nationalversammlung vereinigen. 1 Als das durchgesetzt war, 
löste er jene Stände in sich auf, und schlug als das Eine und 
gleiche ständelose Volk die ganze bisherige Statsordnung 
in Stücke. Aber damals schon reagirten trotz der gleich- 

1 Schon durch die Wahl zu den Etats generaux von 1789 war eine 
Ausdehnung des Begriffs practisch geworden. Im Mittelalter war der 
tiers etat auf die Stadtbürgerschaften beschränkt, 1789 aber wählten die 
Bauern mit den Städtern. Tocqueville Oeuvres VIII. S. 139. 



206 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 

machenden Theorie die natürlichen Gegensätze in dem Volke. 
Der Geistlichkeit und dem Adel half es nicht, dasz die Theorie 
sie in den dritten Stand aufgenommen hatte. Sie wurden 
dennoch in ihrer Eigenschaft als Geistlichkeit und Adel, als 
Pfaffen und „Aristokraten" zu zwei mit blutiger Gewalt ver- 
folgten Ständen , sie wurden die Schlachtopfer der Revolution. 
In der chaotischen Masse aber, welche die Herrschaft übte, 
gährten bisher unbeachtete ständische Gegensätze. Da schon 
gab der vierte Stand in den wichtigsten Krisen den Aus- 
schlag, und unter der rothen Herrschaft des Conventes, welcher 
vornehmlich aus den Führern des fieberisch erhitzten vierten 
Standes gebildet war, erbleichte in der Gironde der bürger- 
liche Glanz des dritten Standes. 

Eben indem die französische Revolution die Wahrheit 
der obigen Sätze von Sieyes an den Tag legen wollte, stellte 
sich das Ungenügende und Falsche derselben heraus.' 2 Der 
dritte Stand der Gebildeten hatte sich als Stellvertreter des 
Volkes benommen, und sich selbst mit dem Volke identificirt. 
Nun muszte er erfahren, dasz es auszer ihm noch grosze 
Volksmassen gebe, die sich mit der allgemeinen Fusion unter 
seiner Leitung nicht befriedigt fühlten. 

Nochmals ist der Gegensatz zwischen dem gebildeten 
Bürgerthum, dem sogenannten dritten Stande und den un- 
teren Volksmassen in der französischen Revolution von 1848 
und in der Napoleonischen Restauration von 1850 sehr 
schroff hervorgetreten und er hat neuerdings wieder in dem 
Toben der Commune von 1871 ein schreckliches Antlitz ge- 
zeigt, Napoleon III. hatte gestützt auf den Beifall des vier- 
ten Standes den dritten Stand, der in der Nationalversamm- 

2 In Robespierre ist der neidische Hasz gegen alle höhern 
Stände und zugleich die abgöttische Verehrung des sogenannten „Volks" 
personificirt. In seiner Erklärung der Rechte ist der Satz enthalten : 
„Toute institution qui ne snppose Ic Peuple bon et le magistrat corruptible, 
est vicieuse." Vgl. L. Stein. Geschichte der socialen Bewegung in 
Frankreich. I. S. 145. 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 207 

hing die grosze Majorität besasz, gewaltsam zu Boden ge- 
worfen, wurde dann aber selber nach seiner Niederlage von 
Sedan von den aufgeregten Massen des dritten und des vier- 
ten Standes (4. Sept. 1870) des Thrones verlustig erklärt; 
aber bald darauf entrisz in Paris wieder der vierte Stand 
dem dritten die Herrschaft und gründete die wilde Commune. 

Derselbe Gegensatz hatte sich innerhalb der deutschen 
Nation schon zur Zeit des deutschen Bauernkrieges deutlich 
gezeigt. Aber es ist ein Glück für Deutschland, dasz er in 
der neueren Entwicklung der Nation nicht so schroff und 
nicht so feindlich wirkt, wie in der Hauptstadt von Frank- 
reich. Unverkennbar wirkt er aber auch hier von der Tiefe 
aus und zeigt sowohl in der Landbevölkerung, als in der 
städtischen Bevölkerung seine Macht, dort vorzüglich in den 
Fragen von religiöser Bedeutung und in den Beziehungen der 
ungebildeten Massen zu den kirchlichen Autoritäten, hier 
mehr auf dem wirtschaftlichen und socialen Gebiete. 

Der Ausdruck dritter Stand paszt nicht mehr zur Be- 
zeichnung dieser Classe; wenn gleich sie geschichtlich mit 
dem mittelalterlichen dritten Stande zusammenhängt, Sie 
bildet überhaupt nicht mehr einen festen , in sich abgeschlos- 
senen Stand mit besonderem Recht. Auch sie ist flüssig und 
fortwährend treten ihr neue Mitglieder bei und scheiden alte 
Mitglieder aus. 

Immerhin aber unterscheiden sich in ganz wesentlichen 
Beziehungen, die ihre Wirkung äuszern auf die Verfassung 
des Stats und mehr noch auf die Politik und die Verwaltung 
des Stats, die Classen der höhergebildeten Bürger, oder 
wie wir schlechtweg sagen, der Gebildeten sowohl von der 
Aristokratie, als von den groszen Volksclassen. Der 
Unterschied von der Aristokratie liegt darin, dasz ihre Mit- 
glieder keine ausgezeichnete Machtstellung ansprechen noch 
behaupten und daher auch keine besonderen Vorzüge, sei es 
des Titels oder Ranges, sei es der Repräsentation in Ober- 



208 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



häusern und Ersten Kammern verlangen, sondern dasz ihre 
Bildung einen bürgerlichen Charakter hat, und ihre gesell- 
schaftliche und politische Stellung auf der Grundlage der 
Volksgemeinschaft und des gemeinsamen Rechts ruht, ihre 
Repräsentation daher auch in der Volksvertretung ihren na- 
türlichen Platz hat, 

Von den übrigen, zahlreicheren Volksclassen hebt sie 
sich ab durch die höhere wissenschaftliche oder künstlerische 
oder doch durch die feinere gesellschaftliche Bildung, da- 
durch dasz sie liberale Berufsarten betreibt, oder doch mehr 
mit dem Kopf als mit den Armen und Händen arbeitet, mehr 
den idealen Bestrebungen des Menschenlebens als den mate- 
riellen Nöthen und Sorgen desselben zugewendet ist, 

Sie ist auch ein Volksstand, aber ein emporragender 
Volksstand und sie ist ein Mittelstand, ähnlich der Ari- 
stokratie, aber näher der vierten Classe, aus der sie fort- 
während starke Zuflüsse erhält, In England rechnen wir hie- 
her den Begriff der Gentlemen, der freilich da enger und 
vornehmer ist, als das höhere Bürgerthum in Deutschland, 
in Frankreich und in Italien. 

Wir rechnen dahin folgende Classen der Bevölkerung: 

1) Die Statsbeamten, welche keine obrigkeitliche 
Macht üben, im Unterschiede zu den Beamten mit Stats- 
gewalt, welche zu der ersten regierenden Classe gehören und 
im Gegensatze zu den niederen Stufen der bloszen Kanzlisten 
und Diener. 

2) Die Geistlichen und die Lehrer in der Regel. 

3) Die Doktoren, Notare, Advokaten, Aerzte, 
Apotheker, Privatgelehrte, Schriftsteller. 

4) Die Künstler, Ingenieure und höhern Tech- 
niker. 

5) Die Groszhändler und Fabrikanten. 

6) Höhere (künstlerische) Handwerker. 

7) Die Capital ist en (Rentiers). 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 209 



8) Die groszen Gutsbesitzer, die nicht zur Aristo- 
kratie gehören. 

Eine höhere Erziehung und Bildung — wenn auch nicht 
nothwendig die Bildung, welche die Universität und polytech- 
nischen Schulen verbreiten — ist für dieJBestimmung dieser 
Classe ein wesentliches Moment, und eine behaglichere Stel- 
* hing im Leben, welche auch für öffentliche Geschäfte Musze 
gewährt , eine gewöhnliche Eigenschaft derselben. Die Wähl- 
barkeit zu Statsämtern setzt regelmäszig Universitätsbildung 
voraus , und die erhöhte Fähigkeit der Mitglieder dieser Classe, 
an den Verhandlungen repräsentativer Körper Theil zu neh- 
men, begründet meistens, wenn nicht durch besondere Ge- 
setze Vorsorge getroffen wird, ein Uebergewicht derselben in 
den Nationalversammlungen und gesetzgebenden Kammern. 

In dem jetzigen Statsleben ist diese Classe meistens die 
einfluszreichste und in dem gewöhnlichen Gang des öffent- 
j liehen Lebens geht sie voran. Die öffentliche Meinung ist 
regelmäszig die Meinung dieser Classe. Sie läszt sich auch, 
obwohl nun Bildung, Vermögen und Beruf entscheiden 
und die Abstammung von Eltern desselben Standes nicht 
mehr als nothwendiges Erfordernisz gilt, füglich mit dem 
alten Stande der Vollfreien oder der mittelalterlichen Mit- 
telfreien vergleichen. Wie dieser im alten State die Grund- 
lage des politisch berechtigten Volkes gewesen war, so wer- 
den die Gebildeten vorzüglich bei der heutigen Organisation 
des Stats berücksichtigt und mehr noch bei der thatsäch- 
lichen Besetzung der Aemter und der Stellen, denen die 
öffentlichen Angelegenheiten anvertraut sind. 

4. Die groszen Volksclassen, der sogenannte vierte 
Stand und das Proletariat, 

Wir fassen in der vierten Classe die ganze grosze Masse 
des Volks zusammen, die nicht zu den drei oberen Classen 
gehören, und die man zuweilen auch ,,das Volk" im eng- 
sten Sinne nennt. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 14 



210 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Sie vereinigt die verschiedensten Berufsclassen , die in 
den mannigfaltigsten Verhältnissen leben aber wieder durch 
das gemeinsame Vaterland, die Nationalität und voraus durch 
das Statsbürgerrecht mit einander verbunden werden. Es 
gehören dazu folgende grosze Gruppen von Menschen, mit 
verschiedener wirtschaftlicher Stellung: 

a) Die Masse der Bauern, welche zunächst selber mit 
ihren Knechten die Aecker pflügen, die Wiesen mähen, den 
Weinstock beschneiden, die Ernten sammeln, das Hausvieh 
züchten. Es ist das der zahlreichste und kräftigste Bestand- 
teil dieser Classe und der grosze Sammler der Volkskräfte, 
aus dem die anderen Classen wie aus einem reichen Brunn- 
quell ihre Erfrischung schöpfen und ihre Brunnen ableiten. 

b) Eben dahin rechnen wir die Gruppen der Hirten, 
der Fischer, der Jäger, der Schiffleute und der Berg- 
knappen und überhaupt alle arbeitenden Classen. deren 
Beruf in fortwährender Beziehung zu der äuszeren Natur 
(Land und Gewässer, Thiere und Früchte) verbleibt. 

c) Sodann den niedern Bürgerstand, wohne er nun 
in der Stadt oder auf dem Lande, zunächst die kleinen 
Handwerksmeister sammt Gesellen und die Krämer, dann 
auch die übrigen industriellen untern Berufsclassen umfassend, 
mögen sie nun vereinzelt in ihren Wohnungen, wie viele 
Weber, oder in Fabriken gemeinsam als Arbeiter ihre Dienste 
der Industrie leisten. 

d) Die untern Angestellten und Diener des Stats 
und der höheren liberalen Berufsformen, im Heere von den 
Unterofficieren an abwärts , in den Bureau's die Schreiber und 
Copisten u. s. f. 

e) Das sogenannte Proletariat der Dienstboten, Fabrik- 
Tagelöhner u. s. f. 

Allen diesen Gruppen gemeinsam ist die Eigenschaft, 
dasz sie auf einen wesentlich materiellen Lebensberuf an- 
gewiesen und durch denselben in Anspruch genommen sind. 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 211 



Sie sind alle leiblicher Arbeit zugewendet. Eine absolute 
Scheidung zwischen Kopfarbeit und Handarbeit ist frei- 
lich undenkbar; denn regelmäszig bedarf es auch zu dieser 
der Thätigkeit des Kopfes und häufig zu jener der Mitwir- 
kung der Hand. Aber der Gegensatz zwischen beiden hat 
dennoch einen guten Sinn und ist auch von jeher von den 
Völkern wohl begriffen worden. Wo die Thätigkeit des Kopfes, 
die Speculation inbegriffen, überwiegt, ist feinere Geistesbil- 
dung Erfordernisz , und die Art des Berufes und der Lebens- 
weise gehoben. Wo die materielle Arbeit des übrigen Kör- 
pers überwiegt, da ist jenes Masz von Geistesbildung entbehrlich, 
und das ganze Leben bewegt sich in schlichteren und einfache- 
ren Formen. Um deszwillen gehören die Kopfarbeiter regel- 
mäszig zu der dritten und die Handarbeiter regelmäszig zu der 
vierten Classe. 

Gemeinsam dieser vierten Classe ist überdem, sowohl 
dasz sie die nothwendige Unterlage aller Staten, wie 
überhaupt des gesammten Volkslebens bildet, als dasz sie in 
sich selbst nicht die Fähigkeit hat, den Stat zu regieren. 
Sie bedarf dazu immer der Führer und der Stellvertreter. 
In der Regel ist die dienende und passive Seite des öffent- 
lichen Daseins in ihr dargestellt; aber aufgeregt und in der 
Leidenschaft erhebt sie sich und durchbricht mit unwider- 
stehlicher Kraft die Schranken der äuszern Ordnung und setzt 
gewaltsam ihren Willen durch. Sie ist stark genug, auch die 
Herrschaft im State zu wechseln, und neue Verfassungen zu 
erzwingen. Sie wirft Throne um und gibt neuen Männern 
oder Dynastien die Gewalt in die Hand. Aber sie kann nicht 
selber regieren, und wo sie es eine Weile lang versucht, hat 
der Stat das Ansehen eines Menschen, der auf dem Kopfe 
steht und die Beine in die Höhe streckt. 

Seitdem es eine menschliche Geschichte gibt, ist diese 
Classe oder, wie sie oft genannt wird, der vierte Stand noch 
niemals zu einer so groszen Bedeutung für das Statsleben 



212 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



gelangt, wie unter den europäischen Völkern unserer Zeit. 
Zum erstenmal in der Geschichte sind selbst die dienenden 
Classen im engeren Sinne zu dem Range von Freien erhoben 
worden; und auch die untersten Schichten fühlen sich be- 
theiligt bei der Wohlfahrt des States und machen Anspruch 
auf politische Rechte. Der heutige Statsmann wird von der 
Macht der Verhältnisse genöthigt, ganz besonders den Zu- 
ständen dieses vierten Standes seine Aufmerksamkeit und 
Sorge zuzuwenden. Es ist nicht mehr genügend, die öffent- 
liche Meinung der Gebildeten zu hören und zu erwägen. 
Mehr als zuvor wirken nun die Massen mit ihren Instincten 
und ihren Neigungen und Leidenschaften. Der moderne Stat 
— freilich zunächst nur unter den Völkern von europäischer 
und daher wesentlich arischer Rasse — ist auch in dieser 
Beziehung allgemeiner menschlich geworden.! 
[ Die vierte Classe ist aber so grosz, dasz sie selber wieder 
ganze grosze Berufsstände umfaszt, und beachtenswerthe Ab- 
stufungen begreift. Die gesundesten und krankhaftesten Ele- 
mente in dem ganzen heutigen Volkskörper sind dicht neben 
einander in ihr geeinigt. Die Rettung und Erhaltung des 
States ist ohne ihre Hülfe unmöglich, die Existenz desselben 
aus ihr fortwährend bedroht. Die gesundesten Bestandteile 
sind auf dem Land in dem Bauernstände zu finden, ob- 
wohl auch sie, ohne eine neue geistig -sittliche Belebung, die 
in ihren Fundamenten schwankende Statsordnung auf die 
Dauer nicht zu erhalten vermögen. Ihnen zunächst stehen 
die Kleinbürger. Beide sind noch in den Gemeinden 
organisirt. Aber für die massenhaften in den Städten ange- 
häuften Bürger ist die Gemeindeorganisation nicht mehr ge- 
nügend, und die übrigen genossenschaftlichen Verbindungen 
sind der Auflösung verfallen. Die organische Beziehungjder 
Meister unter sich und zu den Gesellen ist überall durch- 
brochen, und was naturgemäsz zusammen gehört, aus ein- 
ander gerissen. Die alte ständische Organisation ist zerstört, 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen ( lassen. If. Die einzelnen Classen. 213 



oder hat ganze Berufsclassen , wie insbesondere die Fabrik- 
arbeiter, noch nicht geordnet. Zu einer neuen Organisation 
ist es noch nirgends gekommen und nur die freiwilligen Ge- 
nossenschaften und neben ihnen die Parteiverbände der 
Arbeiter offenbaren die ersten Triebe und Keime zu neuer 
Organisation. 

Unsere heutige Gesellschaft leidet an dieser Desorgani- 
sation. Die Gemeinschaft der Bildung, der Interessen, des 
Geistes unter den verschiedenen Berufsclassen wird durch die 
Desorganisation zwar nicht völlig aufgehoben, aber in einen 
Zustand der Unruhe und der Gährung versetzt, und der 
schranken- und ziellose Krieg Aller gegen Alle eröffnet. Ver- 
geblich schreitet dann die Polizei ein. Sie vermag das Uebel 
nur in einzelnen Ausbrüchen zu hemmen oder zu unterdrücken, 
und häufig vermehrt sie es noch, indem sie da, wo Sorge 
und Heilung Bedürfnisz ist, statt dieser Miszhandlung und 
Plage zum Gefolge hat. Wie kann man sich wundern , wenn 
gerade in den untern Schichten des vierten Standes auch die 
Saat atheistischer V orstellungen und communistischer Lehren 
einen fruchtbaren Boden gefunden hat, und fast überall in 
den groszen Städten und theilweise sogar auf dem Land das 
Unkraut üppig aufgewuchert ist, welches die edleren Pflan- 
zungen der Vergangenheit zu ersticken droht? 

Das Proletariat bildet die unterste Stufe innerhalb der 
vierten Classe. Es ist aber weder der vierten Classe gleich zu 
stellen, noch ist es überhaupt als Classe oder Stand zu orga- 
nisiren. Da ist es umgekehrt die Aufgabe des Statsmannes, 
das Proletariat möglichst in den übrigen Ständen oder Classen 
unterzubringen, und so sein besonderes Wachsthum zu 
hemmen. Das Proletariat besteht zumeist aus den Abfällen 
der andern Berufsclassen. Die vermögenslosen und ver- 
einzelten Theile der Bevölkerung, die sich deszhalb auch der 
befestigten Ordnung sicher entziehen, heiszen wir das Proletariat. 

Es ist eine falsche und für den Stat überaus gefährliche 



214 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Yolksnatur. 



Vorstellung, die Bewohner lediglich mathematisch nach dem 
Vermögen in Besitzende und Nichtbesitzende zu trennen 
und die letzteren gar als Proletariat zusammen zu fassen und 
den ersteren feindlich entgegen zu stellen. Würde diese un- 
organische Meinung, der viel zu viel Vorschub geleistet wor- 
den ist, allgemein durchdringen und leitend werden, so müszte 
unsere ganze Civilisation von einer neuen Barbarei überfluthet 
und zertreten werden, denn das wäre die practische Conse- 
quenz jener gedankenlosen Lehre. Die grosze Mehrzahl der 
nichtbesitzenden Bevölkerung ist aber glücklicher Weise mit 
den übrigen Berufssständen noch organisch verbun- 
den und wird durch diese Verbindung befriedigt, Die be- 
sitzlosen Kinder sind keine Proletarier, weil sie in der 
Familie ihrer Eltern Pflege, Erziehung, Unterhalt finden. Sie 
theilen den Stand der Eltern, und selbst über die armen 
Waisen ergänzt und ersetzt der Organismus der Gemeinde 
die Familie. Die grosze Zahl der besitzlosen Bauern- 
kne chte und Mägde sind wieder keine proletarische Bevöl- 
kerung, weil sie nicht vereinzelt in der Welt stehen, son- 
dern auf dem Hofe und in der Familie des Bauern eine 
Heimat und gesicherten Theil an dem ständischen Leben 
finden. Als das Handwerk besser organisirt war, als heut zu 
Tage, waren auch die Gesellen Familienglieder der Meister, 
und selbst in der jetzigen Auflösung ist in ihnen noch das 
Gefühl des Handwerkstandes lebendig und hebt sie hoch em- 
por über das Proletariat. Auch die Dienstboten erhalten 
in der Verbindung mit der Dienstherrschaft eine beruhigte 
Existenz und haben Theil als Gefolge ihrer Herrn an den 
Verhältnissen dieser. Den Soldaten endlich gibt die Ein- 
reibung in den Körper der Armee Sold und Ehre. Der 
Mangel einer Organisation der Fabrikarbeiter aber ist 
eine der krankhaftesten Seiten unserer heutigen Classen und 
deszhalb ist in dieser Classe die Masse des Proletariats so 
unverhältniszmäszig und drohend angewachsen. 



Achtzehntes Capitel. 5. Die modernen Classen. II. Die einzelnen Classen. 215 

Die wahre Kunst des Statsmannes ist also zu bewirken, 
dasz so wenig als möglich Abfälle der organisirten Berufs- 
stände in das nothwendig unorganisirte atomistische Prole- 
tariat versinken und dahin zu arbeiten, dasz aus diesen so 
viel Individuen als möglich in die organisirten Stände auf- 
steigen und da auch den relativen Besitz des gesicherten 
Lebensunterhaltes erwerben. Das so verminderte Proletariat 
bedarf dann nicht einer selbständigen Organisation, zu dem 
es keine Fähigkeit hat, sondern des Patronates, welches sich 
seiner Interessen annimmt und für dasselbe spricht und handelt. 

Der vierten Classe gebricht es, was die Statsverfassung 
betrifft, durchweg an der Fähigkeit, die eigentlichen Stats- 
ämter zu verwalten. Die obern Classen desselben aber 
besitzen regelmäszig die Fähigkeit, Gemeindeämter zu be- 
kleiden, und dürfen daher von diesen nicht ausgeschlossen 
werden. 

An der Volksvertretung gebührt ihr neben der drit- 
ten Classe ein Antheil, und der Stat thut wohl, näher dafür 
zu sorgen, dasz dieser Antheil, der bei völlig gleicher Be- 
handlung leicht von der gebildeten und in freierer Musze 
lebenden dritten Classe ihr factisch ganz entzogen wird, ge- 
sichert bleibe. Indessen da die Glieder dieser Classe oft 
weder Musze haben, noch hinreichende Gewandtheit, in Person 
ihre Interessen zu vertreten, wird immerhin die Wählbar- 
keit auch für diesen Antheil nicht ganz auf die Classe be- 
schränkt werden dürfen. 

Das Stimmrecht endlich gebührt dieser Classe nach 
Verhältnisz seiner groszen Bedeutung: unrichtig aber ist es, 
alle Individuen desselben, deren gesellschaftliche Bedeutung 
und Fähigkeit so sehr verschieden ist, auf gleiche Linie zu 
stellen. 

Das eigentliche Proletariat insbesondere bedarf in seinem 
wirklichen Interesse weit eher der Patrone (Schutzherren, 
Mundherren) als der Repräsentanten, die es doch nicht in 



216 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 

seiner Mitte finden kann. Je höher dann durch Ansehen 
und Einflusz de* Patron gestellt wäre , um so wirksamer wür- 
den die Interessen des Proletariats gewahrt werden. 



Neunzehntes Capitel. 

Verhältnisz des States zur Familie. 

1. (leschlechterstat. Patriarchie. Ehe. 

Sehr oft schon wurde in alter und in neuer Zeit der 
Satz ausgesprochen: „Die Familie ist das Urbild des S tat es. 
Der Stat ist die erweiterte grosze Familie." 1 Man verglich 
dann das Staatshaupt mit dem Vater, das Volk mit den 
Kindern. 

Indessen jener Satz und diese Vergl ei chung sind nur in sehr 
beschränktem Sinne wahr. Sie gelten nur mit Bezug auf 
die patriarchalische Statsform, nicht aber für den höhern 
nationalen und menschlichen Stat. Es ist daher nöthig, die 
durchgreifenden Gegensätze zwischen Familie und Stat zu 
bezeichnen : 

1) Die Familie beruht auf der Ehe und ehelicher 
Kinderzeugung. Die Familienglieder sind entweder als 
Ehegatten oder durch gemeinsames Blut verbunden. Diese 
Grundbegriffe des Familienrechts sind aber keineswegs Grund- 
begriffe des Statsrechtes. Die Statsgenossen sind als solche 
weder durch die Ehe noch durch das Blut mit einander ver- 
bunden. Sie haben nicht einmal nothwendig Ehegemeinschaft 
unter sich, noch weniger gemeinsame Abstammung. Die Grund- 

1 Cicero de OiTiciis I. 17.: „Prima societas in ipso conjugio est, pro- 
xima in liberis, deinde una domus, commnnia omnia. Id autem est 
principium urbis et quasi seminarium reipublicae." Aber sogar Rousseau 
im Contrat Social, zu dessen Grundansichten über den Stat es freilich 
gar nicht paszt: ..Die Familie ist das erste Vorbild der politischen Ge- 
sellschaft." 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 217 



rechte der Familie sind daher auch von dem State unab- 
hängig. 2 

2) Der Stat beruht auf der Organisation des Volks 
und ihrer Beziehung zum Land. Diese statlichen Begriffe 
sind hinwieder keine Begriffe des Familienrechtes. Das Volk 
besteht eben so sehr und noch mehr aus Individuen, Ständen, 
Classen, als aus Familien, und die Beziehungen des States 
zu jenen werden nur ausnahmsweise durch die Familie ver- 
mittelt, gewöhnlich nur insofern die Rücksicht auf das Fami- 
lienleben, wie bei der Vormundschaft solches erheischt. Die 
Familie endlich hat als solche gar keine Beziehung zu dem 
Boden. 

3) Die Art und der Charakter des Organismus ist 
verschieden in dem Stat und der Familie. Als Haupt der 
Familie erscheint der Vater, der für sein eigen Fleisch und 
Blut sorgt, wenn er über die Kinder Gewalt übt; er der reife 
Mann über die unmündige Nachkommenschaft. Das Wesen 
seiner Leitung ist Vormundschaft. Der Fürst dagegen 
erscheint als Haupt des Volkes, dessen Classen selbständige 
Interessen haben, dessen Familien von der fürstlichen Dynastie 
getrennt sind und dessen Individuen weder von ihm ihr Dasein 
ableiten noch als unreife und unmündige Wesen ihm unter- 
geordnet sind. Das Princip des States ist die politische 
Regierung. 

Die Familie ist somit nicht das Urbild des States, son- 
dern höchstens einer bestimmten, der Familie ausnahms- 
weise nachgebildeten (der patriarchalischen 3 ) Statsform. 

2 Pomponius L. 8. de Reg. Jur. : „Jura sanguinis nullo jure civilis 
dirimi possunt." 

3 Gobineau, sur linegalite des races humaines II. S. 270, führt 
an, dasz die arischen Völker von jeher die patriarchalische Vorstellung, 
welche die väterliche Gewalt als Vorbild der obrigkeitlichen Macht be- 
trachtet, nur mit groszer Vorsicht und unter wichtigen Beschränkungen 
zugelassen haben, während dieselbe der in den Hauptbestandtheilen 
gelben Rasse der Chinesen dauernd genüge. 



218 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Das Familienrecht ist daher auch ein Theil des Privat-, nicht 
des öffentlichen Rechtes. 

Aber allerdings sind die Anfänge der Statenbildung, sogar 
der arischen Völker an die Familien und die Geschlechter ge- 
bunden. In dem Familien- und Geschlechtsverband fanden 
die ersten väterlichen Führer, Richter, Obrigkeiten noch die 
unentbehrliche Stütze ihrer Autorität, Nur allmählich konnte 
der Stat aus diesen Verbänden zu einer politischen Ordnung 
herauswachsen. 

Die Geschlechterverfassung diente zur Brücke aus 
dem bloszen Familienverband in den Stat. Als dieser einmal 
gesichert war, wurde dann jene Brücke abgetragen und weg- 
geräumt, Bei den meisten alten Nationen finden sich anfäng- 
lich Geschlechter mit politischer Bedeutung, die später ver- 
schwinden. Die alt - mosaische Verfassung kennt sie so gut 
wie die alt-hellenische oder alt-römische Verfassung. Wie bei 
den alt-arabischen Stämmen die Geschlechter ihre Häuptlinge 
wie Väter ehren, so zeigen sich die ähnlichen Verbände der 
Klans bei den alten Schotten. Die alten germanischen Dörfer- 
namen weisen ebenso auf die Ansiedlung und den Gemeinde- 
verband der Geschlechter hin, welche sich zu Genossen- 
schaften organisirt haben, 4 wie die alte slavische Bauern- 
gemeinde einen familienartigen Charakter hat. 

Der Geschlechtsverband unterscheidet sich von dem Fa- 
milienverband durch die Ausdehnung über den Kreis Einer 
Sippschaft hinaus , indem das Geschlecht auch mehrere Fami- 
lien und Sippschaften zusammenfaszt, aber er bleibt mit diesem 
insofern verwandt, als er seine Ordnung nach Art der Fami- 
lienordnung gestaltet. Die Geschlechtshäuptlinge sind meistens 
hierin durch ihre erhöhte Familienstellung bezeichnet. Indessen 
zwingt das Bedürfnisz nach Einheit dazu, nur Ein Familien- 
haupt als Geschlechtshaupt zu ehren, und es kommt wohl vor. 

4 Gierke Genossenschaftsrecht 1868. I. S. 29. 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 219 



dasz sogar die Wahl oder vielmehr die Kur das Erbrecht er- 
gänzt oder ersetzt. 

Der eigentliche familienartige Stat aber ist die Patri- 
archie. Am zähesten hält das chinesische Reich „der 
Mitte" (d. h. der Vollkommenheit) seit Jahrtausenden an der 
Fiction fest, dasz das Statshaupt der Vater der Nation sei. 
Die ersten Gründer und Bildner auch dieses States waren , wie 
Gobineau es wahrscheinlich gemacht hat, von arischem Ge- 
schlecht. Ihnen schreibt er auch die erste Mittheilung der 
patriarchalischen Idee zu. Aber die ungeheure Masse der 
Bevölkerung, welche nach und nach in dem groszen Reiche zu 
Einer Familie vereinigt wurde, ist von malayischem Stamme, 
in welchem die Elemente der gelben Rasse überwiegend, wenn 
gleich durch die Beimischung mit schwarzen einigermaszen 
getrübt sind, und diese Bevölkerung, von Natur zu ruhigem 
materiellem Lebensgenusz geneigt, fügt sich willig dem väter- 
lichen Absolutismus ihrer Beherrscher und verehrt in der 
überlieferten Statsordnung die heilige Civilisation. Der trotzige 
Freiheitssinn, wie er allen arischen Völkern eingepflanzt ist, 
regt sie nicht auf und nach höheren Ideen sehnt sie sich 
nicht. Die Autorität des Kaisers ist zwar in der Theorie ab- 
solut, in der Realität aber wird sie durch den ruheliebenden 
Geist sämmtlicher Volksclassen, durch die gelehrte Schul- 
bildung der Mandarinen, und vor allem durch die Macht des 
hergebrachten Familienbrauches vielfältig beschränkt. „Der 
Sohn des Himmels vermag Alles, unter der Bedingung, dasz 
er nur das Bekannte und Herkömmliche wolle." (Gobineau.) 
Eine männlich-politische Entwicklung aber ist in dem väter- 
lichen State unmöglich. Die Menschen werden von ihm in 
dem Zustand der Kindheit zurück gehalten, in welchem die 
Statsform selbst verharrt. 

Eine ganz andere Frage ist die nach dem Einflüsse des 
Familienlebens auf die Statswohlfahrt. Dieser meistens 
mittelbare aber tief greifende Einflusz kann nicht leicht zu hoch 



220 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksmitur. 



angeschlagen werden. Daher hat der Stat nicht allein, wie 
in dem übrigen Privatrecht, die Pflicht, das Familienrecht zu 
schützen und zu erhalten, sondern er hat zugleich ein hohes 
Interesse, so viel bei ihm steht, die Gesundheit des Familien- 
lebens zu fördern und zu erhalten. Es ist zwar seine Macht 
hier eine geringe — eben weil die Familie keine Statsinsti- 
tution ist — meistens auch nur eine mittelbar wirkende; in 
einigen Beziehungen aber kann und darf der Stat wohl die 
individuelle Willkür beschränken: 
I. Mit Bezug auf die Ehe: 

1. Die politisch höher gebildeten Völker legen alle einen 
entschiedenen Werth auf die Monogamie. Mehrere Männer 
verwirren sogar die Abstammung, mehrere Frauen bringen 
Zwietracht in die Familie. Die volle Einheit der Ehe ist nur 
gedenkbar in der Einigung eines Mannes und einer Frau. 
Die Zweiheit der Geschlechter, in welche die Menschheit ge- 
theilt ist, wird in der Monogamie zur Einheit verbunden. 
Eine Mehrheit von Ehegenossen entspricht daher weder der 
Natur, noch der sittlichen Idee. Daher soll der Stat sie nicht 
dulden. Als die gallischen Bischöfe gegen die Doppelehen 
der Merowingischen Könige eiferten, und nicht nachlieszen, 
bis dieselben auf das alte Privilegium germanischer Fürsten, 
mehrere Frauen zu halten, verzichteten, vertheidigten sie 
nicht blosz ein christliches, sondern zugleich ein statliches 
Princip. Die Monogamie hebt die Frau zu voller Genossen- 
schaft mit dem Manne empor und die erhobenen Frauen ver- 
edeln hinwieder die Männer. Die Polygamie dagegen drückt 
die Frauen zu bloszen Werkzeugen der sinnlichen Lust der 
Männer nieder, und die ungebildeten entwürdigten Frauen 
ziehen hinwieder die Männer abwärts. Die Monogamie ist 
der Vorzug der europäischen und der christlichen Nationen. 
Die Polygamie ist das Erbübel vieler orientalischer Nationen. 

2. Eine würdige Auffassung des rechtlichen Ver- 
hältnisses der Ehegatten ist nicht minder wichtig. 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 221 



In dieser Hinsicht blieb das römische Kecht hinter der 
römischen Idee von der Ehe zurück. Während die Römer die 
Ehe als eine innige und alle Verhältnisse umfassende Lebens- 
gemeinschaft von Mann und Frau auffaszten , 5 behandelte ihr 
älteres Eecht die Frau ähnlich einer Tochter, und räumte dem 
Manne eine absolute Herrschaft über sie ein, wie dem Vater 
über die Kinder und dem Herrn über die Sclaven, und löste 
das spätere Recht die Gemeinschaft auf in ein lockeres Neben- 
einandersein der beiden von einander ganz unabhängigen Per- 
sonen. Das Ueberhandnehmen der sogenannten freien Ehe 
ging mit der zunehmenden Sittenverderbnisz in den letzten 
Zeiten der römischen Republik Arm in Arm, und bereitete 
den Untergang dieser vor. 

Das deutsche Recht dagegen sowohl in seiner altern Ge- 
stalt, wornach Frau und Mann zwar ihr eigenes Vermögen 
beibehalten, aber dessen ungeachtet die eheliche Gemeinschaft 
und Einigung in der ehelichen Vormundschaft des Mannes 
ihren rechtlichen Ausdruck findet, als in der neueren Form 
der Gütergemeinschaft, ist in Uebereinstimmung mit der Idee, 
welche wir am schönsten in den uralten, und schon in den 
heiligen Büchern der Juden enthaltenen zwei Sätzen aus- 
gesprochen finden: „Mann und Weib sind nur ein Leib," 6 
und: „Der Mann ist das Haupt der Ehe." 7 

5 Modcstinus L. 1. de Ritu nuptiarum: „Nuptiae sunt conjunctio 
maris et feminae, et consortium omnis vitae, divini et humani juris com- 
municatio," und Justin. Inst. I. 9. §. 1. „Nuptiae sive matrimonium est 
viri et mulieris conjunctio, individuam vitae consuetudinem continens." 

6 Moses I. 2., 24. und Paulus an die Epheser V. 31.: „Um desz- 
willen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter, und seinem Weibe 
anhangen, und werden zwei Ein Fleisch sein." Tacitus von den ger- 
manischen Frauen (Germ. 19.): „Sic unum accipiunt maritum, quo modo 
unum corpus, unamque vitam." Schwabenspiegel (Wack. 6.): „Wan 
die (ein man unde sin wip) reht unde redelichen zer e chomen sint, da 
ist niht zweiunge an, sie sint wan ein lip." 

7 Moses I. 3, 16. Zum Weibe sprach er: „Dein Wille soll deinem 
Manne unterworfen sein, und er soll dein Herr sein/' Paulus an die 



222 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Statsin d. Menschen- u. Volksnatur. 



3. Selbst die Form der Eingehung der Ehe ist nicht 
gleichgültig. Eine Form, welche geeignet ist, die Innigkeit 
und Heiligkeit des ehelichen Verhältnisses darzustellen und 
zum Bewusztsein zu bringen, ist an sich einer andern vorzu- 
ziehen, welche die Ehe lediglich als ein willkürliches Product 
einer bloszen Uebereinkunft bezeichnet. Der alt -römische 
Grundsatsz „consensus facit nuptias" hat daher seine bedenk- 
liche Seite, insofern er zu der Vorstellung verleitet, dasz die 
Ehe ein blosz Convention eil es Verhältnisz sei, und man 
kann es nicht tadeln, wenn die Sitte mancher Nationen eine 
religiöse Feier verlangt und die Uebung christlicher Völker 
auf die kirchliche Trauung einen Werth legt. Aber wichtiger 
noch ist die Rechtssicherheit der Familie, welche sich 
mit der heimlichen Ehe nicht verträgt, und nur durch die 
öffentliche, urkundlich beglaubigte Form befriedigt 
wird. Diese Interessen des Rechts werden durch die soge- 
nannte Civilform vollständig gewahrt. Wäre nicht die 
kirchliche Form der Trauung von der Geistlichkeit miszbraucht 
worden, um die vom State anerkannte Freiheit der Ehe- 
schlieszung zu beeinträchtigen und die Gesetzgebung von den 
Ansichten der Kirche in ungebührlicher Weise abhängig zu 
machen , so hätte sich auch der moderne Stat eher bei der 
kirchlichen Form beruhigen können. Aber jene Miszbräuche 
und die Gegensätze der religiösen Meinungen innerhalb der 
heutigen Bevölkerung haben das Bedürfnisz einer rein bürger- 
lichen Form hervorgerufen. 

Wir haben nun in der modernen Rechtsbildung eine 
zweifache Form in Uebung: 1) die für das Rechtsinstitut der 

Eph. 5, 22.: „Die Weiber seien imtertlian ihren Männern." Sachsen- 
spiegel I. 45. §. 1: „AI ne si en man sime wive nicht evenburdich, he 
is doch ire vormünde, unde se is sin genotinne, unde trit in sin recht, 
swenne se in sin bedde gat." Code Napoleon 213.: ,.Le mari doit pro- 
tection ä sa femme, la femme obeissance ä son mari." Oesterr. Gesetz- 
buch Art. 91: „Der Mann ist das Haupt der Familie." Züricherisches 
Gesetzbuch §. 127: „Der Ehemann ist das Haupt der Ehe." 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 223 



Ehe nothwendige bürgerliche Eheschlieszung vor dem 
statlichen Standesbeamten; 2) die der freien Sitte überlassene 
nachfolgende kirchliche Trauung durch den Geistlichen, 
welcher der geschlossenen Ehe die religiöse Weihe und den 
Segen der Kirche hinzufügt. Die erste ist nothwendig, die 
zweite freiwillig. 

4. Eine Beförderung der Ehen und der Kinderzeugung 
von Stats wegen ist in groszem Maszstab durch den Kaiser 
Augustus versucht worden. Das Bedürfnisz zu derartigen 
Gesetzen setzt indessen jeder Zeit kranke Zustände einer 
Nation voraus, in denen der natürliche Trieb der Individuen, 
sich zu verbinden, entweder ausschweift oder gehemmt ist. 
Dieses Uebel ist besonders dem Leben in groszen Städten 
eigen. Die zahlreicheren Gelegenheiten, geschlechtliche Be- 
dürfnisse auch auszer der Ehe zu befriedigen, befördern 
den Hang zu einem ungebundenen und liederlichen Leben, 
und die erhöhte Schwierigkeit, die gesteigerten Ansprüche 
einer städtischen Familie auf Lebensgenusz zu erfüllen, ist 
ein bedeutendes Hindernisz der Heirathen gerade unter den 
höheren Classen der Gesellschaft. In Rom kam die über- 
mäszige Testirfreiheit der römischen Bürger als ein Motiv 
der Ehelosigkeit hinzu, indem unverheirathete Reiche sicher 
waren, in ihren alten Tagen von erbsüchtigen Verwandten 
und Freunden mit dienstgefälliger Zuvorkommenheit gepflegt 
und geschmeichelt zu werden. Augustus konnte mit Recht 
sagen: „Die Stadt besteht nicht aus Häusern, Säulenhallen 
und leeren Märkten, sondern die Menschen bilden die Stadt 
Würde die Ehelosigkeit unter den Bürgern Roms um sich 
greifen, so würde am Ende Rom den Griechen oder gar den 
Barbaren anheimfallen." 

Aber auch auf dem Lande kommen ähnliche Beschrän- 
kungen vor im Interesse der Erhaltung des bäuerlichen Grund- 
besitzes und der Verhinderung von Gutstheilungen. In man- 
chen Gegenden ist so das Zweikindersystem in Uebung, in 



224 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen* n. V olksnatur. 



andern werden die übrigen Söhne auszer dem Erbsohn als 
Knechte des Hofes betrachtet oder in die Fremde geschickt 
und vor weiterer Heirath abgemahnt. 

Die Mittel des States, die Ehen und die Kinderzeugung 
zu befördern, sind freilich beschränkt, und selbst in der Be- 
schränkung werden sie, wie solches auch den Gesetzen Au- 
gusts widerfahren ist, dem Volke so wenig munden, als eine 
bittere Arznei dem •kranken Körper. Ein directer Zwang zur 
Ehe ist nicht zulässig, weil die Ehe ihrem Wesen nach die 
eheliche Gesinnung und den freien Willen der Individuen 
voraussetzt. Selbst in dem Falle, wo die Statsinteressen die 
Ehe des Statshauptes dringend wünschbar machen, ist doch 
eine Nöthigung desselben zur Eingehung einer Ehe ein so 
tiefer Eingriff in die menschliche Freiheit, dasz vor diesen 
natürlichen Schranken des individuellen Rechtes auch der 
Wille des States zurücktreten musz. Die jungfräuliche Köni- 
gin von England hat diese persönliche Freiheit auch des 
Monarchen, dessen Leben mehr als ein anderes mit der 
Wohlfahrt des States verwachsen ist, siegreich gegen die an- 
dringenden Statsrücksichten behauptet. 

Der Stat kann somit nur mittelbar den Zweck fördern, 
indem er mit der Ehe äuszere Vortheile verbindet, und die 
Ehe- und Kinderlosigkeit mit äuszeren Nachtheilen , nicht aber 
wie ein Vergehen mit eigentlicher Strafe bedroht. Diesen 
Weg hat denn auch die römische Gesetzgebung eingeschlagen. 

5. Häufiger finden sich in den neuern Staten umgekehrt 
gesetzliche Beschränkungen der Ehe aus Gründen der 
öffentlichen Wohlfahrt, Dieselben setzen ebenfalls krankhafte 
Zustände voraus, insbesondere das sociale Uebel eigenthunis- 
oder erwerbloser Gassen der Bevölkerung. Da können es 
unter Umständen die Interessen der Gemeinschaft nöthig 
machen, dasz von denen, welche durch die Ehe neue Fami- 
lien begründen wollen, Garantien dafür verlangt werden, dasz 
sie im Stande seien, ohne Belästigung der Gemeinden oder 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 225 



des States, der Familie die erforderliche ^Nahrung und den 
nöthigen Unterhalt zu verschaffen. Ein weiteres Verbot der 
Ehe dagegen, insbesondere der Vorbehalt einer willkürlichen 
Genehmigung der Gemeinden, ist ein nicht zu rechtfertigen- 
der Eingriff in das natürliche Recht des Individuums. 

Die gesetzliche Erschwerung der Ehen vermag überdem 
die Erzeugung unehelicher Kinder nicht zu hindern; im 
Gegentheil das Uebel einer groszen Zahl familienloser und 
daher ärmlich genährter und mangelhaft erzogener Unehe- 
licher wird dadurch vermehrt. Die Gründung einer Familie 
und die Hülfe der Frau üben einen sittigenden Einflusz aus 
auf die Männer und wirken für den ökonomischen Bestand 
der Haushaltung im Groszen und Ganzen eher wohlthätig als 
schädlich. Daher ist als Regel nicht die Beschränkung, son- 
dern umgekehrt die volle Freiheit der Eheschlieszung 
zu empfehlen. Die Gesetzgebung, welche für Alle zu sorgen 
hat, musz es auch dem armen Mann ermöglichen, eine Ge- 
nossin seiner Armuth und eine ehrliche und eheliche Mutter 
seiner Kinder zu wählen. 

6. Mit Recht enthält sich der Stat einläszlicher Vorschrif- 
ten über das geschlechtliche Verhältnisz der Ehegatten. 8 
Sie gehören vorzugsweise dem individuellen Leben und der 
Sitte an. Wohl aber ist er befugt und veranlaszt, offenbare, 
über den Kreis des engen Familienkreises hinaus wirkende 
Immoralität und den Bruch der ehelichen Treue auf Klage des 
verletzten Ehegatten mit Strafe zu bedrohen, und so durch seine 
Gesetzgebung die gute Sitte und die Reinheit der Ehe zu stützen. 

ö In den Gesetzen Manu 's (III. 46.) kommen darüber folgende Be- 
stimmungen vor: „16 Tage und 16 Nächte von der Erscheinung der 
Regeln an sind die natürliche Zeit der Frauen. An den 4 ersten Nächten 
und ebenso an den Ilten und 13ten dürfen sie nicht heimgesucht werden. 
Die übrigen 10 dagegen sind erlaubt, und unter diesen die geraden der 
Erzeugung von Söhnen , die ungeraden der von Töchtern günstig." Auch 
die jüdische Gesetzgebung und späterhin das kanonische Recht 
haben darüber Bestimmungen. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 15 



226 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Die Weibergemeinschaft , wie sie Plato für die Wächter 
seines idealen States vorgeschlagen hat, ist eine Entwürdigung 
der Ehe und Zerstörung der Familie. Die Preisgebung der 
Frauen, wie sie unter Umständen von den Spartanern begün- 
stigt worden, ist eine Barbarei. Die Emancipation des Flei- 
sches aber, wie sie die radical-socialistische Schule in unsern 
Tagen als einen neuen Fortschritt der individuellen Freiheit, 
über seinen Körper nach Lust zu verfügen , auch für die beiden 
Ehegatten in Anspruch nimmt, ist die Erniedrigung der sitt- 
lichen Freiheit des Menschen auf die Stufe der sinnlichen 
Freiheit der Hunde. 

7. Endlich ist der Sorge des States für die Fortdauer 
der Ehe und der Behinderung leichtfertiger Scheidung zu 
erwähnen. 

Schon in der vorchristlichen Periode wird die Auflösung 
der Ehe nicht überall der Willkür der einzelnen Ehegatten 
überlassen. Manche Rechte gestatteten es zwar dem Manne, 
seine Frau zu entlassen, nicht aber der Frau, sich von dem 
Manne loszusagen. Auch für den ersten Fall war die Yer- 
stoszung der Frau öfter an bestimmte wichtige Ursachen ge- 
bunden, oder zog, wie in den ältern germanischen Rechten, 
wenn sie ohne zureichende Gründe geschah, bedeutende Nach- 
theile auch für den Mann nach sich. In diesen beschrän- 
kenden Bestimmungen des Rechts, welche überdem durch die 
Sitte verstärkt waren, äuszert sich die Ehrfurcht des States 
vor dem Princip der Ehe als einer das ganze Leben erfüllen- 
den Gemeinschaft. Es war daher schon eine Auflösung der 
älteren sittlichen Ordnung, wenn das spätere römische 
Recht, die in Athen herrschende Ansicht adoptirend, für 
die sogenannte freie Ehe den Ehegatten das Recht der ein- 
seitigen freien Kündigung einräumte. Die Aufnahme dieses 
Grundsatzes war zu groszem Theile eine Folge des in Rom 
überhand nehmenden Sittenverderbnisses . und ward hinwieder 
eine Quelle der Entartung. 



Neunzehntes Cap. Verhältnisz d. States zur Familie. 1. Geschlechterstat etc. 227 



Das Christenthum hat in dieser Frage ein neues und 
vollkommneres Recht eingeleitet. Christus selbst sprach sich 
im Gegensatze zu dem mosaischen Rechte so nachdrücklich 
gegen die Scheidung aus, 9 dasz seine Worte nicht ohne 
Wirkung auf die spätere Rechtsbildung, in den christlichen 
Staten sein konnten, obwohl er auch hier nicht unmittelbar 
das bestehende Recht änderte noch ein neues schuf, sondern 
nur auf den Geist und die moralische Gesinnung wirkte. Die 
katholische Kirche aber bildete nachher ein strenges System 
des Eherechts aus und gelangte, ungeachtet Christus selbst 
die Scheidung aus dem Grunde des Ehebruchs ausgenommen 
und anerkannt hatte, im Verfolge der Zeit dazu, die volle 
Scheidung überall zu untersagen und nur eine äuszer- 
liche Trennung (die separatio a toro et mensa), aber auch 
diese nur aus wichtigen und seltenen Gründen zu gestatten. 
Sie setzte ihre Ansicht in den christlichen Staten des Mittel- 
alters in der Weise durch, dasz sie die Frage der ehelichen 
Trennung und Scheidung der Einwirkung des States ganz 
zu entziehen und ausschlieszlich vor die kirchliche Ge- 
richtsbarkeit zu bringen wuszte. 

In den letztern Jahrhunderten hat indessen der Stat 
auch diese Seite der Rechtsverhältnisse mit Recht wieder 
seiner Gesetzgebung und seiner Rechtspflege unterworfen, 
und die protestantische Kirche erklärte von ihrem kirchlichen 
Standpunkte aus die Ehescheidung wegen Ehebruchs, öfter 
auch aus Gründen, welche diesem an Bedeutung gleich kom- 
men , als zulässig. 

Endlich hat die Gesetzgebung, theils von modernen natur- 
rechtlichen Ideen geleitet, theils im Interesse der individuel- 
len Freiheit, manche ältere Scheidungsgründe erweitert und 
die Scheidung erleichtert. N 

Regelmäszig geblieben aber und allgemein anerkannt 

9 Matth. 5, 32. 19, 8. Marc. 10, 11 und 12. Luc. 16, 18. 



228 Zweites Buch. Die Grundbedingungen desStatsin d. Menschen- u. Volksnatur. 



sind zwei Grundsätze: a) dasz die Scheidung nicht weder der 
Willkür der einzelnen Ehegatten noch selbst der auflösenden 
Willensübereinstimmung beider anheim gegeben werden darf, 
sondern nur unter gerichtlicher Mitwirkung und mit gericht- 
licher Erlaubnisz zuläszig ist; 

b) dasz diese Erlaubnisz bedeutende Gründe voraussetze. 
Die Kirche kann hier in höherem Masze das Princip der Un- 
auflösbarkeit, welches durch die Idee der Ehe gefordert wird, 
vertreten, insofern sie moralisch und geistig einwirkt und 
zu dem Gewissen spricht, während der Stat, wenn es sich 
um äuszeres Zwangsrecht handelt, genöthigt ist, auch im 
Gegensatze zu der Reinheit der Idee die ünvollkommenheit 
der realen Zustände zu beachten, und daher Ehen, die inner- 
lich doch gebrochen und zerstört sind, auch von Rechts- 
wegen äuszerlich zu lösen. Nur thut der Stat wohl daran, 
soweit die Sitten und Lebensverhältnisse des Volkes und die 
individuelle Entwicklung es gestatten, die Regel der Unauf- 
lösbarkeit möglichst festzuhalten und die Ausnahmen der 
Scheidung einer ernsten Controle zu unterwerfen. 



Zwanzigstes Capitel. 

2. Die Frauen. 

Die bisherige Grundansicht aller Völker betrachtet die 
Frauen zwar als zu derselben Nation und zu demselben Volke 
gehörig, wie ihre Männer oder ihre Väter, aber doch nur 
mittelbar mit dem State verbunden, nicht als vollbe- 
rechtigte Statsglieder und Statsgenossen. Erst in 
unserer modernen Weltperiode regen sich vorerst Anzeichen 
einer andern Meinung. Schon zur Zeit der. französischen Re- 
volution von 1789 verlangte eine Frauenpetition an den König, 
dasz auch dem weiblichen Geschlechte statsbürgerliche Rechte 



Zwanzigstes Capitel. Verhältnisz des States zur Familie. 2. Die Frauen. 229 



(Stimmrecht und Wählbarkeit) verliehen werden. Obwohl der 
Philosoph Condorcet die Petition empfahl, wurde sie doch 
von der Nationalversammlung mit Spott und Hohn zurück 
gewiesen. In unsern Tagen findet dasselbe Begehren unter 
verschiedenen Nationen eifrige Fürsprecher. Vor allen hat 
Stuart Mill 1 dasselbe in seinen Werken und im englischen 
Parlament vertheidigt, freilich ohne Erfolg. In Frankreich 
hat sich Edouard Laboulaye 2 dafür ausgesprochen. In 
einzelnen Länderstaten Amerikas ist man sogar zu Versuchen 
vorgeschritten, die Frauen zu den (politischen Rechten und 
Pflichten herbeizuziehen. 

Die hauptsächlich von Stuart Mill angeführten Gründe 
für die unmittelbare Betheiligung der Frauen am Stat sind: 

a) Die Frauen haben dasselbe Recht wie die Männer, 
gut regiert zu werden; und eben dafür zu sorgen sei die 
Volksvertretung eingerichtet. Aber auch die Kinder haben 
ein natürliches Recht, dasz sie von dem State geschützt und 
dasz für ihre gemeinsamen Interessen gut gesorgt, d. h. dasz 
sie gut regiert werden, und dennoch leitet Niemand daraus 
ein Stimmrecht der Kinder im State ab. Aus dem Rechte, 
gut regiert zu werden, folgt keineswegs das Recht, sei es an 
der Regierung Theil zu nehmen, sei es die Regierung zu 
controliren; denn das letztere Recht setzt die persönliche 
Fähigkeit zur Ausübung derselben voraus; das erste Recht 
dagegen verlangt keine besondere Fähigkeit, sondern hat 
nur einen passiven Charakter. 

b) Zwischen der Entwicklung des Privatrechts und des 
öffentlichen Rechts bestehe ein offenbarer Widerspruch, der 
beseitigt werden müsse. Auch im Privatrecht seien anfäng- 
lich die Weiber in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt ge- 
wesen und überall unter einer Geschlechtsvormundschaft der 
Männer gestanden. Später aber habe man erkannt, dasz die 

1 In der Schrift: Die Repräsentativregierung. 
Histoire de TAmerique. Bd. III. 



230 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Btats in d. Mensehen- u. Volksnatur. 



Frauen ebenso ihr Vermögen verwalten können, wie die 
Männer, die Geschlechtsvormundschaft abgeschafft und beide 
Geschlechter einander gleich gestellt. Im öffentlichen Rechte 
dagegen bestehe der Gegensatz fort. Man fordere von den 
Frauen, dasz sie ebenso dem State ihre Steuer bezahlen wie 
die Männer und bestreite ihnen das Recht, gleich den Män- 
nern Steuern zu bewilligen und die Rechnung zu prüfen. 
Es sei daher ein Unrecht, den Frauen eine Fähigkeit abzu- 
sprechen, die man im Privatverkehr anerkannt habe, und 
eine Gleichstellung im öffentlichen Leben zu verhindern, die 
im Privatleben bestehe und sich wohlthätig erweise. 

c) Es sei überdem eine arge Inconsequenz in der bis- 
herigen Rechtsbildung, dasz viele Völker, welche allen Frauen 
jedes politische Recht versagen, ausnahmsweise das höchste 
politische Recht der Regierungsgewalt an ihre Königinnen 
überlassen und sich als Unterthanen einer Frau bekennen. 

Freilich war den Griechen und den Römern auch die>e 
Ausnahme durchaus fremd. Als der weibische Kaiser Helio- 
gabalus seine Mutter in den Senat eingeführt und dadurch 
die römische Sitte und Denkart schwer verletzt hatte, wurde 
nach seiner und ihrer Ermordung ein Senatusconsult be- 
schlossen, dasz dessen Haupt den unterirdischen Göttern ge- 
weiht sei, welches je es wieder wagen sollte, eine Frau in 
den Senat zu bringen. Auch die meisten germanischen Völ- 
ker gehorchten nur Männern als ihren Königen. 

Aber schon Aristoteles (Pol. III. 6, 16) berichtet uns. 
dasz viele fremde Staten unter Frauenherrschaft stehen, und 
Tacitus (Agricola, 16) erwähnt es als eine Eigenthümlichkeit 
der Britten, dasz sie auch dem weiblichen Geschlechte Herr- 
schaft verstatten. Von den Longobarden wissen wir. dasz die 
Folge in das Königthum öfter durch erbberechtigte Frauen 
vermittelt worden ist. In dem spätem europäischen Stats- 
recht ist häufig den Frauen ein Recht auf den Thron eröff- 
net worden, und wir haben in den letzten Jahrhunderten 



Zwanzigstes Capitel. Verhältnisz des States zur Familie. 2. Die Frauen. 231 



nicht blosz in England, sondern auch in Oesterreich, Rusz- 
land, Spanien, Portugal und anderwärts unter verschiedenen 
Regierungssystemen Frauen als Regenten gesehen. 

Woher diese sonderbare Ausnahme? Wenn den Frauen 
politische Rechte überhaupt nicht zukommen, wie können sie 
denn an dem höchsten politischen Rechte Theil haben? Sollte 
es nicht natürlicher sein, dasz eine Frau ein untergeordnetes 
Statsamt verwalte, oder in dem Rathe ihre Meinung äuszere, 
als dasz sie Oberhaupt des States werde? Diese Ausnahme 
läszt sich nur daraus erklären, dasz die Würde und Macht 
des Statsoberhauptes als ein politisches Familiengut betrach- 
tet und behandelt und der Frau die nämlichen Rechte auf 
die Thronfolge wie auf die Beerbung der väterlichen Liegen- 
schaften zugestanden wurden. Das Land wurde wie ein Gut 
(Allod oder Lehensgut) angesehen, und das privatrechtliche 
Erbsystem auch für die statsrechtliche Folge festgehalten. 
Auf solche Weise ist die Fähigkeit königlicher Frauen zur 
Thronfolge schon im Alterthum begründet und in der neuern 
Zeit ausgedehnt worden ; und es haben manche neuere Staten, 
welche im übrigen zwischen Stats- und Privatrecht schärfer 
gesondert haben und der mittelalterlichen Vorstellung des 
Lehens- oder des Patrimonialstates entwachsen sind, dennoch 
diesen Rest der früheren Anschauungsweise beibehalten, und 
auf die Blutsverbindung in der königlichen Familie ein grösze- 
res Gewicht gelegt, als auf die Natur des States und die Be- 
stimmung der Frau. 3 

d) Da die meisten Frauen in der Familie leben, so 
würden sie thatsächlich in der Regel sich zu ihrem Familien- 
haupte halten; die Frauen würden mit dem Ehemann, die 

3 Vgl. die Untersuchungen von Laboulaye: Recherches sur la 
condition civile et politique des femmes, Paris 1843. Beachtenswerth 
aber bleibt es, dasz manche Frauenregierungen gut ausgefallen sind, 
zum Theil deszhalb, weil die Kaiserinnen und Königinnen sich lieber 
von bedeutenden Staatsmännern leiten lieszen, als viele männliche Herrscher. 



232 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Töchter mit dem Vater stimmen. Dadurch würde das poli- 
tische Gewicht der Hausväter, der solidesten Bestandteile in 
der Nation, erheblich verstärkt werden gegenüber den ehe- 
losen und auszer der Familie lebenden Elementen. 

e) Der Einflusz der Frauen auf die Politik, der sich 
auch heute in der Gesellschaft und innerhalb des Hauses 
geltend mache, sei überhaupt nicht zu vermeiden. Gegen- 
wärtig aber äuszere sich dieser Einflusz in ungeordneter 
Weise, meist insgeheim, immer ohne dasz die Frauen das 
Gefühl der Verantwortlichkeit haben. Da wäre es doch besser 
diesem Einflusz eine wohl angelegte Bahn zu eröffnen, den- 
selben vor Ausschreitungen zu bewahren und den Frauen, in- 
dem man sie bei dem State mitbetheilige , auch die Verant- 
wortlichkeit ihrer Abstimmungen und Meinungsäuszerungen 
klar zu machen. 

Unter diesen Gründen für die Ausdehnung des Frauen- 
stimmrechts hat der vierte wohl das meiste Gewicht. Mir 
scheinen aber die Gegengründe noch gewichtiger. Sie sind: 

a) Die übereinstimmende Sitte aller Culturvölker, 
welche freilich keine absolute Beweiskraft hat , aber entschie- 
den vor einer Aenderung warnt, welche den beharrlichen 
Zuständen und Gefühlen der Menschheit widerspricht. 

b) Die Natur der Frauen, welche vornehmlich für die 
Familie geschaffen und bestimmt sind und durch massen- 
haftes Hineinziehen in die politischen Kämpfe und Arbeiten 
ihrem eigentlichen Beruf eher entfremdet würden. Die weib- 
lichen Tugenden der Gatten- und Mutterliebe, der häuslichen 
Sorge, die zarte Feinfühligkeit und Liebenswürdigkeit der 
Frauen würden sicher Schaden leiden , und die Frauen wür- 
den die Fähigkeit zu den Arbeiten und dem offenen Kampfe 
des äuszern Lebens doch nicht gewinnen. 

c) Die männliche Natur des States, als der bewusz- 
ten Selbstbestimmung und Selbstbeherrschung des Volks, 
welche die Kraft des männlichen Charakters und Geistes nicht 



Zwanzigstes CapiteL Verhältnisz des States zur Familie. 2. Die Frauen. 233 



und niemals entbehren und nicht durch die Beimischung der 
weiblichen Empfindsamkeit und Schwäche verdorben werden 
dürfen. 

d) Die grosze Gefahr, dasz die politischen Parteikämpfe 
noch leidenschaftlicher und noch weniger durch den männ- 
lichen Verstand geleitet und in Schranken gehalten würden. 
Die passiven Seelenkräfte würden zum Schaden des States 
vermehrt, die activen geschwächt werden. 

Einzelne Ausnahmen, wie die Thronfolgefähigkeit von 
Frauen, welche durch günstige Verhältnisse und eine hohe 
Ausbildung unschädlich gemacht werden können, sind daher 
erträglich, eine allgemeine Aufnahme der Frauen in das Stats- 
bürgerrecht wäre verderblich. 

Sind daher die Frauen von einer regelmäszigen unmittel- 
baren Theilnahme an den Statsgeschäften ausgeschlossen, so 
ist dagegen ihre mittelbare Einwirkung auf die Wohlfahrt 
des States nicht gering zu achten. Aber auch da artet der 
Einflusz der Frauen auf das Statswohl leicht aus, wenn der- 
selbe von politischen Motiven geleitet wird. Rein und 
heilsam erweist er sich fast nur, wenn religiöse oder mora- 
lische Gründe die Handlungen der Frauen bestimmen. Die 
berühmten politischen Frauen haben meistens den Staten und 
den Ihrigen Schaden gebracht. Die weibliche Klugheit und 
List in kleinen Dingen wird auf politischem Gebiete zu ge- 
fährlicher Intrigue. Und wenn einmal die politischen Leiden- 
schaften des Hasses, der Rache, des Ehrgeizes in der Brust 
des Weibes eingekehrt sind, werden sie leicht zu maszloser 
Gier entzündet und theilen sich so den Männern mit. Es 
gilt das nicht blosz von den Maitressen der Fürsten, es gilt 
das auch von manchen Ehefrauen und Müttern, die sich in 
der Geschichte einen Namen erworben haben. Die römische 
Geschichte ist nicht arm an Beispielen dafür, und die fran- 
zösiche Revolution kennt solche nicht minder als das Hofleben 
der französischen Könige. 



234 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Auf der andern Seite ist der Segen grosz, den Frauen 
in stiller, von der Geschiente nur selten berichteter Wirk- 
samkeit auch politischen Männern bereitet haben. Wie viele 
haben in dem häuslichen Kreise wieder den Frieden gefun- 
den, der sie für die Kämpfe und Leiden des bewegten äuszern 
Lebens entschädigte und von neuem zu ihrer Pflicht stärkte. 
Wie oft haben die Frauen .die Rohheit [und Wildheit der 
Männer ermäszigt und diese vor Ausschweifung bewahrt! wie 
oft dieselben durch ihre kluge Vorsicht von Miszgriffen zu- 
rückgehalten, oder durch ihr lebhaftes Gefühl für Sitte und 
Moral an Fehltritten gehindert, wie oft auch in der Noth ge- 
rettet. 

Vorzüglich in den Leiden des Gemeinwesens, im Unglück 
und bei Gefahren des States zeigt.sich der Einflusz der Frauen 
besonders wohlthätig. Im Dulden stärker als der Mann hilft 
die Frau ihm das unvermeidliche Uebel ertragen, ohne sich 
von demselben demüthigen zu lassen ; ihr bereiter Opfermuth 
regt auch in ihm den Muth auf, dem Vaterlande seine Kräfte 
willig zu opfern, und ihre Verehrung der männlichen Tapfer- 
keit, die ihr selber versagt ist, treibt den Mann, dieser Ehre 
würdig zu handeln und zu wagen. 

Es ist daher ein schöner Zug des Statsrechtes besonders 
unter den germanischen Völkern, dasz die Frau auch als 
Genossin der politischen Ehre und Würde ihres Mannes be- 
trachtet wird. Es liegt darin die Anerkennung der wahren 
mittelbaren Beziehung des Weibes zu dem Organismus des 
States, und ein würdiger Ersatz für die den Frauen versagte 
Theilnahme an den eigentlichen politischen Rechten. 

Anmerkung. Eine Reihe feiner Beobachtungen hat Riehl in 
seiner social - politischen Studie „Die Frauen" (Deutsche Yierteljahrs- 
schrift 1852) und später in seinem Buch: „Die Familie" mitgetheilt, und 
mit Recht auf die ständischen Unterschiede in dem Geschlechtsverhält- 
nisz aufmerksam gemacht. Die Bäuerin ist in Lebensart und Sitte dem 
Bauern näher und gleicher, als die gebildete Städterin des höhern Bürger- 
standes ihrem Gatten; aber jene ist einem strengeren Hausregiment unter- 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 235 

worfen als diese, die sich freier und selbständiger in ihrer Sphäre be- 
wegt. Wenn aber Riehl der Frau auch einen politischen Parteicharakter, 
den „conservativen" beilegt, und sie eine Aristokratin von Natur 
nennt, so habe ich dagegen einzuwenden, dasz alle politischen Parteien 
dem Leben der Männer, keine anders als mittelbar dem der Frauen 
angehören, mittelbar aber die Frauen wieder bei allen Parteien be- 
theiligt sind. Will man aber einzelne Parteien, wie das in der Parteien- 
lehre Fr. Rohmers unwiderleglich erwiesen worden ist, als vorzugs- 
weise männlich unterscheiden, und diesen dann die andern als 
unmännlich (relativ weiblich) entgegensetzen, so ist es klar, dasz die 
liberale und die conservative männlich und nur die extremen 
Parteien, die radicale und absolutistische, unmännlich sind. 



Eimmdzwanzigstes Capitel. 
Verhältnisz des Stats zu den Individuen. 
1. Volksgenossen und Fremde. 

Endlich stehen auch die Individuen in einem unmittel- 
baren Verhältnisz zu dem State, nicht blosz als Glieder 
der Familien, Stände, Classen. In der modernen Statslehre 
und Statsverfassung ist diese Beziehung ebenso nachdrücklich 
hervorgehoben und zuweilen ausschlieszlich beachtet, als die 
mittelbaren Beziehungen zu der Familie und den Ständen 
gewöhnlich zurückgesetzt sind. 

Es kommen hier folgende Gegensätze in Betracht: 

1) der der Einheimischen, der Volksgenossen oder 
Statsangehörigen und der Fremden; 

2) der der Statsbürger und der übrigen Volks- 
genossen. 

Die verschiedenen Abstufungen innerhalb des Stats- 
bürgerthums können erst bei der nähern Betrachtung der 
i Verfassung zur Sprache kommen. 

Der erste Gegensatz beruht vornehmlich auf dem Unter- 
schied der Volksrassen und ist zunächst ein persönlicher. 



236 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen-u. Volksnatur. 



Erst in zweiter Linie kommt auch die Beziehung zu einem 
Ort als der Heimat in Betracht. Entscheidend ist die Ver- 
bindung des Individuums mit dem Volk, von secundären Ein- 
flusz der Zusammenhang mit dem Land. 

Die Meinung der alten Völker, dasz den Fremden kein 
Recht zu halten sei, die Fremden also relativ rechtlose 1 Wesen 
seien, so lange sie nicht in einen besondern Schutz aufge- 
nommen und von demselben gedeckt werden, obwohl von 
Hellenen und Römern behauptet, darf wohl als ein Stück 
Barbarei betrachtet werden, welches die antike Kultur ent- 
stellt. Humaner war der Grundsatz der Germanen: ..Jeder 
nach seinem angeborenen Volksreeht." Die neuere Reehts- 
bildung erkennt auch in dem Fremden den berechtigten Men- 
schen und gewährt demselben ihren Schutz. 

1. Die Frage aber, wer als Einheimischer anzusehen sei 
und wie die Volksgenossenschaft erworben werde, hat 
verschiedene Antworten erfahren. Die Rücksichten auf die 
Abstammung und auf die Heimat lassen verschiedene Com- 
binationen zu. Wir können folgende Systeme unterscheiden: 

a) Das System des Geburtsorts. Es entspricht vor- 
züglich der Anschauung des spätem Mittelalters. Seine Regel 
ist: Die Geburt im Lande begründet die Eigenschaft des 
Indigenats. Es ist das heute noch die Regel des englischen 
Rechts, welches zwischen natural -born subjects und aliens 
unterscheidet. Als in England geboren wird aber auch an- 
gesehen, wer auf einem englischen Schiffe oder in einer eng- 
lischen Gesandtschaftswohnung im Auslande geboren ward. In 
neuerer Zeit ist aber auch in England die Strenge dieses ört- 
lichen Princips dadurch ermäszigt worden, dasz die Kinder 

1 Diese Ansicht, wie wir sie bei den Römern finden, ist zwar nicht 
Gleichstellung der Fremden mit den Sclaven, aber Schutzlosigkeit des 
Fremdenrechtes im römischen Stat. Vgl. Ihering. Geist des römischen 
Rechts I. S. 219 IT. hostis bedeutet ursprünglich den Gast, den Fremden 
und den Feind. 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 237 

von Engländern, obwohl im Ausland geboren, dennoch das 
englische Bürgerrecht erhalten. Ueberdem ist die Naturali- 
sation bedeutend erleichtert worden. 2 Auf ähnlichen Grund- 
sätzen ruht das nordamerikanische Recht. 3 

b) Das System des Wohnorts. Das Territorialsystem 
kommt noch in einer andern Form zur Anwendung, welche 
eher den neueren Ansichten zusagt, indem der Nachdruck 
nicht auf den zufälligen Ort der Geburt, sondern auf den 
dauernden Wohnort der Eltern, und in der Folge auf 
den eigenen Wohnort gelegt wird. Daneben sind immer 
noch bedeutende Unterschiede möglich in der Gestattung oder 
Erschwerung der Ansiedlung. In diesem Sinne wird Stats- 
angehörigkeit zum Theil in Oesterreich und in einzelnen 
deutschen Staten verstanden. 4 Auch da wird aber die 
Wirkung des Wohnorts ergänzt durch die Formen einer per- 
sönlichen Ertheilung des Heimatsrechts. 

c) Eine eigenthümliche Zwischenstufe nimmt das schwei- 
zerische System des Gemeindeverbands ein, welches die 
Grundlage bildet des Cantonsbürgerrechts (Landrechts) 
und des allgemeinen Schweizer bürge r rechts. Das Ge- 
meindebürgerrecht ist hier weder von der Geburt noch von 
dem Wohnort in einer Gemeinde abhängig, sondern wird durch 
die Abstammung von Eltern bestimmt, welche Gemeinde- 

~ Blackstone Comm. I. 10. Art. 7 u. 8 Victoria c. 55. 

3 Jetzt noch begründet die Geburt in dem Gebiete der Vereinigten 
Staten nordamerikanisches Bürgerrecht. Aber die Kinder der Nord- 
amerikaner, die im Ausland geboren sind, haben ebenfalls das Bürger, 
recht durch Abstammung erworben. Die Niederlassung Fremder 
in den Vereinigten Staten endlich ist die Grundbedingung einer sehr 
zahlreichen Naturalisation. Vgl. Story Comm. zur Bundesverf. I. 8. und 
Rüttimann Nordam. Bundesstatsrecht I. S. 89. 

4 Oesterreich. Gesetzbuch §. 29. „Fremde erwerben die öster- 
reichische Statsbürgerschaft durch Eintretung in den öffentlichen Dienst, 
durch Antretung eines Gewerbes, dessen Betreibung die ordentliche An- 
säszigkeit im Lande nothwendig macht, durch einen in diesen Staten 
vollendeten zehnjährigen ununterbrochenen Wohnsitz." 



238 ZweitesBueh. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



bürger sind und bleiben, auch wenn sie auszerhalb ihrer 
Heimatsgemeinde in einer sogenannten Niederlassungsgemeinde 
wohnen. 5 Es erinnert an das alt -römische Municipalrecht, 
welches ebenfalls durch die origo aus einem bestimmten Mu- 
nicipium begründet war. 

d) Das nationale System des persönlichen Volks- 
verbands hat in neuerer Zeit eine allgemeine Anerkennung 
erhalten, und sein Einflusz wird nun auch in den Staten ver- 
spürt, deren Recht auf einer andern Grundlage ruht. Nach 
diesem System kommt es nicht hauptsächlich auf den Ort der 
Geburt an , auch nicht auf den Wohnort , sondern vorerst auf 
die Abstammung von Volksgenossen und sodann auf 
die ebenfalls persönliche, nicht örtliche Aufnahme in den 
Volksverband. Daneben kommt auch eine ergänzende Rück- 
sicht auf den Geburts- oder Wohnort vor. 

Im Allgemeinen folgen das französische Recht 6 , das 
preuszische Landrecht 7 und nun das deutsche Reichsrecht 8 
diesem System. Der modernen Statsanschauung . welche in 

5 Bin ritsch Ii Schweiz. Bundesrecht I. S. 529. und im Einzelnen 
Bluntschli Staats - und Rechtsgesch. v. Zürich II. S. 14 ff. Cherbuliez 
de la Democratie en Suisse I. S. 177 f. Blum er Bundesstatsrecht I. 249 f. 

6 Code civil 10: „Tout enfant ne d'un Francais en pays etranger 
est Francais." Consularverfassung von 1799. Art. 3: „Un etranger 
devient citoyen Francais, lorsqu'apres avoir atteint l'äge de 21 ans accomplis 
et avoir declare lmtention de se fixer en France, il y a reside pendant 
dix annees conseeutives." 

7 Gesetz vom 31. Dec. 1842. Das preuszische Bürgerrecht wird 
vorerst durch Abstammung begründet, indem jedes eheliche Kind eines 
Preuszen durch die Geburt preuszischer Statsbürger wird, auch wenn es 
im Auslände geboren ist. Bei der Naturalisation aber wird vorzüglich 
auf den Wohnsitz geachtet, v. Rönne Statsr. I. §. 87. 

8 Die deutsche Reichsangehörigkeit setzt die Landesangehörigkeit 
voraus und hat insofern einen politischen Charakter; die Landesangehörig- 
keit beruht aber meistens auf Abstammung von landesangehörigen Eltern 
oder Naturalisation. Deutsches Gesetz vom 1. Juni 1870. Art. 1. Durch 
die Geburt, auch wenn diese im Auslande erfolgt, erwerben eheliche 
Kinder eines (Nord)deutschen die Statsangehörigkeit des Vaters, un- 
eheliche Kinder einer (Nord)deutschen die Statsangehörigkeit der Mutter." 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 239 



dem persönlichen Volksverband den lebendigen Kern des 
Statsbegriffes erkennt, entspricht dieses System am beszten. 

Uebrigens nähern die Systeme sich einander in neuerer 
Zeit, indem jedes seine Lücken durch Grundsätze aus dem an- 
dern zu ergänzen sucht. Abstammung und Geburtsort, Wohn- 
ort und Naturalisation, Heirath und Legitimation werden so 
mit einander verbunden , und wenn einer dieser Ursachen nicht 
eine directe Wirkung des Bürgerrechts zugeschrieben wird, so 
wird sie doch durchweg indirect, als Voraussetzung besonders 
der Naturalisation berücksichtigt. 

Die regelmäszigen Entstehungsgründe der Statsangehörig- 
keit sind also im Sinne der neueren Rechtsbildung: 

1) die Geburt, beziehungsweise die Abstammung der 
ehelichen Kinder von einem landesangehörigen Vater, der 
unehelichen Kinder von einer landesangehörigen Mutter. 
Im Groszen ist das die hauptsächliche Begründung der Stats- 
genossenschaft. Eine Ausnahme machen die Findelkinder, 
welche dem Lande zugehören, in dem sie gefunden werden; 

2) die Heirath, indem die fremdgeborene Ehefrau 
durch die Eheschlieszung in die Familie und in das Volks- 
recht des Ehemannes eintritt; 

3) die Naturalisation, d. h. die Aufnahme eines bisher 
Fremden, der in einen neuen Statsverband eintreten will, 
von Seite dieser Statsgewalt. Die Bedingungen der Natura- 
lisation sind freilich noch sehr verschieden in den verschie- 
denen Ländern. Die einen erleichtern die Einwanderung, 
die andern erschweren dieselbe. In manchen Ländern be- 
wirkt schon die Niederlassung, welche einen dauernden Wohn- 
sitz begründet, von selber oder doch in Verbindung mit einer 
Anmeldung die Naturalisation ; in andern Ländern bedarf diese 
eines ausdrücklichen Aufnahineactes der Landesregierung oder 
gar der Gesetzgebung. In vielen Staten hat die statliche An- 
stellung von bisher Fremden in dem einheimischen Statsdienste 
die Folge der Aufnahme in die Statsangehörigkeit, in andern 



240 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



nicht. Manche S taten verlangen die ausdrückliche Entlassung 
aus dem bisherigen Statsverband, oder doch den Verzicht 
darauf, andere Staten sehen von dieser Bedingung ab. 

2. Dem Erwerb der Volksgenossenschaft entspricht der 
Verlust derselben. Hieher gehören folgende Gründe: 

1) der Tod. Die meisten Menschen bleiben während 
ihres ganzen Lebens demselben State verbunden, in den sie 
durch ihre Geburt eingetreten sind; 

2) die Heirath. Indem die Frau durch Heirath die ihr 
bisher fremde Statsangehörigkeit ihres Ehemannes erwirbt, 
verliert sie gleichzeitig ihre bisherige Statsangehörigkeit; 

3) die Entlassung aus dem angeborenen oder inzwi- 
schen erworbenen Statsverband. Da die Volksgenossenschaft 
in dem modernen State als ein persönliches Recht be- 
trachtet wird, so wird sie durch den Aufenthalt , selbst durch 
die dauernde Niederlassung in einem fremden Lande nicht 
sofort aufgehoben. Vielmehr ist als die Auflösungsform, 
welche mit der Natur dieses Rechts am besten harmonirt. 
die Verzichtleistung von Seite des berechtigten Indivi- 
duums, verbunden mit der Entlassung von Seite des States 
anzusehen, indem in ihr sich die wechselseitige Lösung des 
persönlichen. Verbandes darstellt. Die meisten neuern Staten 
halten es aber ihrer nicht fär würdig, ein Individuum, 
welches sich aus dem Statsverbande lossagen will, zurück- 
zuhalten, und haben so im Interesse der individuellen Frei- 
heit das Princip freier Verzichtleistung anerkannt. In 
vielen Fällen wird geradezu aus der Handlungsweise des 
Individuums auf Verzichtleistung geschlossen, auch wenn 
keine ausdrückliche Erklärung desselben vorliegt. Ganz 
besonders gilt das von der Auswanderung, in welcher 
sich die Absicht zu erkennen gibt, nicht wieder zurück- 
zukehren. 9 

9 Code civil 17: „La qualite de Franeais se perdra par tout Etablis- 
sement fait en pays etranger , saus rsprit de retour. Les etablissements 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 241 



Nur das englische Statsrecht, obwohl es vielleicht zu- 
erst unter den neuen Rechten das Recht der freien Auswan- 
derung (des freien Zugs) anerkannt hat, hat den mittelalter- 
lichen Gesichtspunkt, dasz der Unterthan sich von der Lehens- 
treue gegen den Fürsten nicht ohne dessen Zustimmung 
losmachen könne , länger festgehalten , so dasz auch die Aus- 
wanderung nicht sofort die Auflösung des englischen Unter- 
thanenverbandes nach sich zieht. 10 

Als Auswanderung behandelt das französische Recht 
auch jede Naturalisation in einem fremden Lande und den 
Eintritt in auswärtige Statsdienste ohne Bewilligung der fran- 
zösischen Statsregierung ; 11 eine Ausdehnung, welche unter 
Umständen weiter reicht, als die wirkliche Verzichtleistung, 
denn es kann wohl vorkommen, dasz ein Individuum in einen 
andern Statsverband eintritt, ohne deszhalb seine bisherige 
Statsverbindung aufgeben zu wollen. Indessen sorgt in 
solchen Fällen das französische Recht dafür, dasz dem nach 
Frankreich zurückkehrenden Individuum die Erneuerung des 
französischen Indigenats leicht wird. 12 

Die Vereinigung zweier Heimatsrechte in Einer Person 

de commerce ne pourront jamais etre consideres comme ayant ete faits 
saus esprit de retour." Bayer. Edict von 1818. §. 6: „Das Indigenat 
geht verloren durch Auswanderung." Oesterr. Verf. von 1849. §. 25: 
„Die Freiheit der Auswanderung ist von Stats wegen nur durch die 
Wehrpflicht begränzt." Ebenso Preusz. Verf. von 1850. §. 11: „Die 
Freiheit der Auswanderung kann von Stats wegen nur in Bezug auf die 
Wehrpflicht beschränkt werden." Das Preusz. Landrecht II. 17. 
§. 127 u. ff. war noch strenger. 

10 Magna Charta v. 1215: „Liceat unicuiqui exire de regno nostro 
et redire salvo et secure per terram et per aquam salva fide nostra, 
nisi tempore guerre per quod breve tempus propter communem utilitatem 
regni. Blackstone, Comm. I. 10. 

11 Code CivSl. 

12 Code Civ. 18. „Le Francais qui aura perdu sa qualite de Frangais, 
pourra toujours la recouvrer en rentrant en France avec l'autorisation 
du Roi et en dcclarant qu'il veut s'y fixer, et qu'il renonce ä toute di- 
stinction contraire ä la loi francaise." 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 16 



242 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



ist nicht unmöglich, 13 und theilweise durch die Cultur- 
vcrhältnisse der Gegenwart veranlaszt. Wenn daraus ein 
wirklicher Conflict widerstreitender Pflichten sich ergibt — 
ein immerhin seltener Fall — so kann die Lösung desselben 
wohl schwierig werden. Nicht immer hilft der Satz aus , dasz 
der ältere Statsverband dem neueren vorgehe; insbesondere 
dann nicht, wenn das ältere Heimatsrecht ein ruhendes, und 
das neuere ein wirksames (actuelles) ist, wenn also der 
Doppelbürger wohl in der neuen Heimat wohnt, aber nicht 
mehr in der alten. In diesen Fällen wird z. B. die Militär- 
pflicht in der letzteren geleistet werden müssen. 14 Deszhalb 
kommt auch zunächst dem State, welcher einem Ausländer 
die Naturalisation ertheilt, oder ihm eine Beamtung überträgt, 
die Befugnisz zu, entweder die vorherige Entlassung aus dem 
frühern Statsverbande zu verlangen, oder den Vorbehalt der 
Fortdauer desselben zuzugestehen. 15 

3. Weil die Landesrechte die Bedingungen des Erwerbs 
und des Verlustes der Statsangehörigkeit verschieden bestim- 
men, so kann daraus leicht ein Conflict entstehen zwischen 

13 Es kommt sogar vor, dasz eine Person, gleichzeitig in zwei Staten 
an der Landesrepräsentation Tlieil nimmt. Manche deutsche Standesherrn 
sind gleichzeitig Mitglieder der ersten Kammern in zwei und drei Staten, 
in denen allen sie begütert, und denen allen sie durch den Eid der Treue 
verbunden sind. Ist es ja nicht einmal undenkbar, dasz Jemand zwei 
verschiedene Wohnorte (Domicile) z. B. eines in der Stadt und eines 
auf dem Lande, oder eines als Kaufmann (Firma) und ein anderes als 
Privatmann hat! Wenn Bar (das internationale Privat- und Strafrecht 
S. 85) alle diese Möglichkeiten bestreitet, so überzeugt ein Blick in die 
wirklichen Verhältnisse, dasz diese mannichfaltiger sind, als die enge 
Theorie. Die Freiheit der Auswanderung wird dadurch nicht beschränkt, 
wohl aber die Freiheit bewahrt, sein angebornes Vaterland zu behalten 
und damit eine neue Statsgenossenschaft zu verbinden. 

14 Blackstonc a. a. 0. Die eigene Lebenserfahrung hat mich gelehrt, 
dasz in diesen Dingen die actuelle Heimat entscheide. 

15 Bayer. Edict. §. 6. Dagegen Schweizer. Bundesverf. von 1848. 
43: „Ausländern darf kein Kanton das Bürgerrecht ertheilen, wenn sie 
nicht aus dem frühern Statsverband entlassen werden." 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 243 



zwei Staten, welche entweder beide zugleich ein Individuum 
als Statsgenossen betrachten und je nach Umständen schützen 
oder verpflichten, oder von denen keiner dem andern gegen- 
über sich für verpflichtet hält, einen früher ihm Angehörigen 
aufzunehmen. 

Um derartige Conflicte zu beseitigen, ist vornehmlich 
auf Betrieb des nordamerikanischen Gesandten bei dem Nord- 
deutschen Bunde, Bancroft, der Vertrag vom 22. Februar 
1868 zwischen diesem Bunde und der Union der Vereinigten 
Staten zu Stande gekommen, durch welchen bestimmt wurde, 
dasz die fünf Jahre lang fortwirkende Naturalisation in einem 
der beiden Staten von da an auch in dem andern als wirk- 
sam anerkannt, folglich der bisherige Statsverband nach 
dieser Frist als erloschen betrachtet werde. Auf derselben 
Grundlage hat denn auch England mit den Vereinigten Staten 
ebenfalls 1868 sich vereinbart und es scheint das neue Princip 
allgemeine Billigung zu erwerben. 

4. Die Wirkungen der Volksgenossenschaft beziehen 
sich theils auf das Gebiet des Privatrechts, theils auf das 
Gebiet des Oeffentlichen. In dem Privatrechte war früherhin 
der Gegensatz zwischen Einheimischen und Fremden viel be- 
deutender als gegenwärtig. Die moderne Zeit ist geeignet, die 
beiden Gebiete schärfer zu sondern und daher auch in dem 
Privatrechte dem seiner Natur nach politischen Statsverbande 
keine besondere Bedeutung beizulegen. Regel ist daher nun- 
mehr, dasz Einheimische und Fremde in privatrechtlicher 
Hinsicht gleich behandelt, und diese wie jene zunächst 
des vollen Privatrechts fähig erachtet werden. 16 

16 Preusz. Landr. Einl. §. 38: „Auch "Qnterthanen fremder Staten, 
welche in hiesigen Landen leben oder Geschäfte treiben, müssen nach 
obigen Bestimmungen beurtheilt werden." Oesterr. Ges. §. 33. „Den 
Fremden kommen überhaupt gleiche bürgerliche Rechte und Verbind- 
lichkeiten mit den Eingebornen zu, wenn nicht zu dem Genüsse dieser 
Rechte ausdrücklich die Eigenschaft eines Statsbürgers erfordert wird." 
Code Civil, 13. 



i 



244 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Nur ausnahmsweise hat sich noch der früher allgemein 
angenommene Grundsatz erhalten, dasz Fremde kein Grund- 
eigenthum in dem Lande erwerben können. 17 Häufiger sind 
dieselben in der Ausübung gewisser Gewerbe, namentlich in 
der selbständigen Betreibung von Handwerken, auch 
etwa von K r a m 1 a d e n beschränkt. 18 Das F r e m d 1 i n g - - 
recht (jus albinagii) dagegen, welches dem Landesherrn die 
Verlassenschaft des Fremden preisgab und der Ahschosz 
(gabella hereditaria) , welcher von Yerlassenschaften, die ins 
Ausland kamen, erhoben wurde, sind nun fast überall als 
unpassende Reste einer untergegangenen Zeit weggeräumt 
und die Freizügigkeit auch insofern zur Kegel erhoben 
worden. 19 

In dem öffentlichen Rechte aber ist der Gegensatz zwi- 
schen Einheimischen und Fremden noch vollwirksam. Nur den 
erstem, nicht ebenso den letztern stehen von Rechtes wegen, 
und ohne dasz es einer besondern Zusicherung bedarf, zu: 

a) das Recht zu ständigem Aufenthalt und Wohn- 
sitz in dem Statsgebiete,' 20 in Folge dessen der Einheimische 

17 Für England vgl. Blacks tone I. 10. Auch in einigen demo- 
kratischen Schweizerkantonen gilt das Verbot noch. 

18 Wo die Zunftverfassung sich erhalten, verstellt sich diese Be- 
schränkung gewöhnlich von selbst. Aber auch wo jene aufgelöst worden, 
ist dennoch häufig nur den Inländern gestattet, solche Gewerbe zu 
betreiben. Die französ. Verf. von 1848. A. 13: „garantit aux citoycm 
la liberte du travail et de l'industrie." Die französische Praxis begünstigt ' 
aber in dieser Hinsicht die Gewerbefreiheit auch der Ausländer. 

19 Schweizer. Bundesverf. §. 62: „Gegen die auswärtigen Staten ( 
besteht Freizügigkeit unter Vorbehalt des Gegenrechtes." Deutsche 
Bundesakte v. 1815. 18. Deutscher Bundesbeschlusz v. 1817. Da? 
deutsche Reichsgesetz vom 1. Nov. 1867 (ursprünglich von dem nord- \ 
deutschen Bunde erlassen) hat zuerst in Deutschland für die Deutschen 
volle Freizügigkeit eingeführt, die aber in der Regel auch den Ausländern 
gewährt wird. 

20 Schweizer. Bundesverf. v. 1874. §. 70: „Dem Bunde steht das 
Recht zu, Fremde, welche die innere oder äussere Sicherheit der Eid- j 
genossenschaft gefährden, aus dem schweizerischen Gebiete wegzuweisen." 



Einundzwanzigstes Cap. Verhältnisz des Stats etc. 1. Volksgenossen etc. 245 



auch nicht an einen fremden Stat ausgeliefert noch ohne 
höhere Statsgründe verbannt werden darf; 

b) das Recht auf Statsschutz, auch wenn er au sz er- 
halb des eigenen Statsgebietes sich aufhält; 

c) die Vorbedingung zur Ausübung politischer 
Stimmrechte und zum Erwerb des eigentlichen Stats- 
bürgerrechts; 21 

d) ebenso die Vorbedingung zur Fähigkeit, ein öffent- 
liches Amt im State zu bekleiden; 21 

e) zuweilen ist auch die Ausübung allgemeiner poli- 
tischer Rechte, wie z.B. des Vereinsrechtes, oder des Peti- 
tionsrechtes, oder der freien Presse an die Eigenschaft des 
Einheimischen geknüpft. 22 

Daraus folgt nun freilich nicht, dasz den Fremden die 
Betheiligung bei politischen Vereinen, Petitionen, der Presse 
untersagt sei, sondern nur, dasz dieselben kein in ihrer 
Person begründetes Recht darauf haben, somit diese Theil- 
nahme von der Duldung des States abhängig sei, in dem 
sie wohnen ohne ihm anzugehören. . 

21 Bayer. Edict v. 1818. §. 7: „Das Indigenat ist die wesentliche 
Bedingung, ohne welche man zu Kronoberhofämtern , zu Civilstatsdiensten, 
zu obersten Militärstellen und zu Kirchenämtern oder Pfründen nicht 
gelangen kann, und ohne welche man das bayerishe Staatsbürgerrecht 
nicht ausüben kann." Französ. Verfassung von 1848. 10: „Tous les 
citoyens sont egalement admissibles ä tous les emplois publics." Vgl. 
Oester r. Verf. von 1849. §. 27. u. 28. Preusz. Verf. von 1850. §. 4. 

22 Französ. Verf. von 1848. A. 8: „Les citoyens ont le droit de 
s'associer de s'assembler paisiblement et sans armes, de petitionner, de 
manifester leurs pensees par la voie de la presse ou autrement." Preusz. 
Verf. von 1850. Art. 27. 29. 30. 32, welche diese Rechte „allen 
Preuszen" zugestehen. 



246 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Zweiundzwanzigstes Capitel. 

2. Die Statsbürg-er im engeren Sinne. 

Aus der Masse der Volks- und Landesangehörigen erhebt 
sich die höhere Stufe der Stats bürger im eigentlichen Sinne. 
Die Statsbürger als solche haben Theil an den politischen 
Hechten, und insbesondere in der Repräsentativverfassung an 
dem Stimmrechte für die Wahlen der Volksvertreter. Das 
Statsbürgerrecht in diesem Sinne setzt die Volksgenossenschaft 
als Grundbedingung voraus, verbindet aber mit derselben über- 
dem die politische Vollberechtigung im State, und in 
ihm vorzüglich erhält die politische Beziehung der Individuen 
zum State ihren vollen Ausdruck. 

In dem griechischen und in dem römischen Stat des Alter- 
thums war diese Eigenschaft mit dem Bürgerthum der regie- 
renden Stadt, in dem ältern Mittelalter mit dem Stande der 
Volksfreiheit in dem spätem Mittelalter mit ständischem Recht 
und Grundbesitz verbunden. In dem modernen State hat die- 
selbe einen weiteren Umfang gewonnen und sich in manchen 
Ländern der Volksgenossenschaft an Ausdehnung sehr ange- 
nähert. 

Als allgemein anerkannte Beschränkungen des neuen 
Statsrechts sind anerkannt: 

1. Ausschlieszung des weiblichen Geschlechts. Die 
Politik ist Sache des Mannes, die politischen Rechte stehen 
daher auch nur den Männern zu. Vgl. oben Capitel XX. 

2. Ausschlieszung der Minderjährigen. Die selbstän- 
dige Ausübung der politischen Rechte erfordert eine gewisse 
geistige Reife. Weil es ihnen daran gebricht, sind die Un- 
mündigen und die Minderjährigen ausgeschlossen. 

In einzelnen neuern Staten wird die politische Voll- 
jährigkeit von der privatrechtlichen unterschieden. Eher 
läszt es sich rechtfertigen, wenn jene nach dieser, als wenn 



Zweiundzwanzigstes Capitel. Verhältnisz des Stats etc. 2. Statsbürger etc. 247 



umgekehrt diese nach jener eintritt; denn leichter ist es in 
den Geschäften des täglichen Lebens zu einem klaren Urtheile 
zu gelangen, als da, wo es sich um politische Interessen und 
auch — wie bei Wahlen — um Beurtheilung politischer Per- 
sonen handelt. In Frankreich, in England, in Nord- 
amerika beginnt die politische und bürgerliche Volljährig- 
keit zugleich mit der Vollendung des einundzwanzigsten 
Altersjahres, 1 in einigen deutschen Staten, wie in Bayern 
ebenso; 2 in Preuszen und im deutschen Reiche 3 da- 
gegen und ebenso in Spanien 4 und in Italien 5 u. s. f. 
beginnt das politische Stimmrecht mit dem zurückgelegten 
fünfundzwanzigsten, in Oesterreich mit dem vollendeten 
sechsundzwanzigsten Altersjahre. 6 In der Schweiz lassen 
einzelne Kantone das Alter der politischen Volljährigkeit 
sogar früher eintreten, nun fast durchweg mit der Voll- 
endung von zwanzig Jahren, als dem Alter der bürgerlichen 
Majorennität. 7 

3. Ausschlieszung der Personen, deren bürgerliche 
Ehrenfähigkeit vermindert oder aufgehoben worden ist : 
z.B. der Sträflinge, der erklärten Verschwender, der Falliten 
und der Personen, welche der öffentlichen Armenunterstützung 
anheimfallen. 

In vielen Staten treten überdem noch folgende Erforder- 
nisse hinzu: 

1 Franz. Const. v. 1848. A. 15. B lackst., Comm. I. 17. 

2 Bayerisches Landrecht. I. 7. 36. Edict üb. d. Indig. §. 8. 

3 Preus zische Verf. v. 1850. A. 70. Deutsches Wahlgesetz für den 
Reichstag vom 31. Mai 1869. §. 1: „Wähler — ist jeder (Nord)deutsche, 
welcher das fünfundzwanzigste Lebensjahr zurückgelegt hat," 

4 Verf. v. 1812 und 1868. 

5 Gesetz vom 17. Dec. 1860. Art. 1. 

6 Oesterr. Gesetzb. §. 21. Verf. v. 1849. §. 43. 

? Schweizer. Bundesverf. v. 1874. §. 74. „Stimmberechtigt ist jeder 
Schweizer, der das zwanzigste Altersjahr zurückgelegt hat." Die Züricher 
Verfassung v. 1869 rechnet die politische Volljährigkeit mit zwanzig, das 
privatrechtliche Gesetzbuch die bürgerliche mit vierundzv\ anzig Jahren. 



248 ZweitesBuch. Die Grundbedingungen desStats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



4. Ein gewisses Masz von Selbständigkeit der äuszeren 
Existenz des Statsangehörigen. Die Art, diese Selbständig- 
keit zu bestimmen, ist freilich sehr verschieden in den ver- 
schiedenen S taten. 

Im Geiste des ältern germanischen Rechts wird dieselbe 
vorzüglich in dem Grundbesitze oder der Haushäblich- 
keit („wer einen eigenen Rauch führt"), im Sinne des neuern 
germanischen Rechts mehr in der selbständigen Betreibung 
irgend eines Berufes auf eigene Rechnung und in der Auf- 
nahme in den Verband der activen Gemeindebürger 
erkannt. Die erstere Auffassung hat sich zum Theil bis auf 
die neueste Zeit in England 8 und in einzelnen nordame- 
rikanischen Staten erhalten, die letztere ist in die neueren 
Statsverfassungen deutscher Staten übergegangen. 9 Es 
bleiben somit diejenigen Personen ausgeschlossen, welche als 
Bediente oder Knechte sich einer Herrschaft verdungen haben, 
öfter auch die Fabrikarbeiter, wenigstens der unteren Classen, 
und die gröszere Zahl der Handwerksgesellen. 

Dagegen haben andere Staten in neuerer Zeit, dem Rufe 
nach dem allgemeinen Stimmrecht folgend, dieses Erfordernisz 
entweder in laxerem Sinne behandelt oder ganz aufgegeben. 
Dahin gehören die neueren Schweizerverfassungen seit 1830, 
die Verfassung der französischen Republik von 1848 und 
des französischen Kaiserreichs, und die Verfassung des 
norddeutschen Bundes von 1867, nunmehr des deut- 

8 Auch die Reformacte von 1867 beruht noch in den Städten auf dem 
„household suffrage L( mit Berücksichtigung der Armensteuer. Vgl. ßd. II. 
Bd. 2. Cap. 6. 

9 Nach der bayerischen Verfassung von 1818 wird zum Stats- 
bürgerrecht auszer dem Indigenat „Ansässigkeit im Königreiche, ent- 
weder durch den Besitz besteuerter Gründe, Renten oder Rechte, oder 
durch Ausübung besteuerter Gewerbe, oder durch den Eintritt in ein 
öffentliches Amt" erfordert. Die österr. Verf. von 1848 §. 43 und die 
preuszische A. 70 erkennen die Selbständigkeit in dem Gemeinde- 
verband. 



Zweiundzwanzigstes Capitel. Verhältnisz des Stats etc. 2. Statsbürger etc. 249 



sehen Eeiches von 1871 und die spanische Verfassung 
von 1868. Auch die Vereinigten Staten von Nordamerika 
streben gegenwärtig dieselbe Ausdehnung des Stimmrechts 
auf Jedermann an. Sie entspricht offenbar der demokrati- 
schen Neigung unseres Zeitalters. 

5. Das Statsbürgerrecht wird üb er dem in einzelnen 
Staten von einem bestimmten Masze des Vermögens ab- 
hängig gemacht. Bei der Verth eilung der Stimmrechte 
kann das Vermögen gar wohl als ein wichtiger Factor in 
Betracht gezogen werden ; aber es widerspricht der Statsidee, 
dasz ein Mann, welcher moralisch und geistig in jeder Weise 
befähigt und berufen ist, an dem politischen Leben des Volks 
Theil zu nehmen, und welcher auch als Privatmann völlig 
unabhängig zu handeln gewohnt ist, blosz darum von dem 
Statsbürgerrechte ganz ausgeschlossen bleiben soll, weil er 
kein oder nicht das geforderte Vermögen besitzt. Wird dabei 
nicht blosz das Grund- oder überhaupt das Capitalvermögen, 
sondern auch das Einkommen und der Erwerb in Anschlag 
gebracht, und das Masz so niedrig angesetzt als dasselbe für 
eine ganz bescheidene Existenz eines Menschen unentbehrlich 
ist, dann freilich ist gegen dieses Eequisit nicht viel zu 
haben. Dann fällt es dem Effecte nach so ziemlich mit dem 
vorher erörterten der Selbständigkeit zusammen. Es wird 
dann diese nach dem Vermögen beurtheilt. Die Bestimmung 
mancher Verfassungen, wie z. B. der nord amerikani- 
schen, der bayerischen von 1848, theilweise auch der 
österreichischen und der pr euszischen, welche das 

| politische Stimmrecht von der Bezahlung directer Statssteuern 
abhängig machen, hat eine ähnliche Bedeutung, 

6. In den christlichen Staten wurde bis auf die neueste 
Zeit herab auch das Bekenntnisz der christlichen Re- 
ligion gefordert. Anhänger einer andern, wenn auch gedul- 
deten Religion, z. B. Juden oder Muhammedaner, waren somit 
von dem Statsbürgerrechte ausgeschlossen. Während des 



250 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des State in d. Menschen- u. Volksnatur. 



ganzen Mittelalters waren Religion und Recht, Kirche und 
Stat in der engsten Verbindung und Wechselwirkung. Wer 
von der religiösen Gemeinschaft ausgeschlossen war, wurde es 
auch von der politischen. Der „Ungläubige" konnte im gün- 
stigsten Falle auf Duldung, und selbst auf diese nur aus- 
nahmsweise holfen ; an politische Gleichberechtigung mit den 
„Gläubigen" war nicht zu denken. 

Selbst innerhalb der christlichen Religion wurde, als 
die Confessionen sich schieden, auf die bestimmte Con- 
fession auch in dem Statsrechte groszer Werth gelegt. In 
vorzugsweise katholischen Ländern wurde nur den Katholiken, 
in protestantischen nur den Protestanten das volle Statsbürger- 
recht zuerkannt. Auch der westphälische Frieden sicherte für 
Deutschland nur die privatrechtliche, keineswegs die politische 
Rechtsgleichheit der Katholiken und der Protestanten. 10 Die 
deutsche Bundesacte von 1815 stellte die anerkannten christ- 
lichen Religionsparteien der Katholiken, Lutheraner und Re- 
formirten auch in dieser Beziehung in Deutschland gleich, 
liesz es aber noch ungewisz, ob auch die Anhänger von an- 
dern Secten der nämlichen Rechte theilhaftig seien. 11 

Die neuere Rechtsentwicklung in manchen Staten hat nun 
eine entschiedene Tendenz, die Ausübung der politischen Rechte 
unabhängig zu erklären von irgend einem religiösen 
Bekenntnisz. Es wäre irrig, diese Tendenz als die Frucht 
des religiösen Indifferentismus zu erklären, obwohl nicht zu 

10 Instrum. Pac. Osn. V. §. 35: „Sive autem Catholici sive Augustanae 
confessionis fuerint subditi, nullibi ob religionem despicatui habeantur 
nec a mercatorum, opificum ajit tribuum commimione, haeretiitatibns. 
legatis, hospitalibus , leprosoriis, eleemosynis, aliisve juribus aut com- 
merciis, multo minus publicis coemiteriis, honoreve sepulturae arceantur 
— sed in his et similibus pari cum concivibus jure habeantur, aequali 
justitia protectioneque tuti." 

11 Deutsche Bundesakte A. 16: „Die Verschiedenheit der christlichen 
Religionsparteien kann in den Ländern des deutschen Bundes keinen 
Unterschied in dem Genusz der bürgerlichen und politischen Rechte 
begründen." Vgl. Kl über Acten des Wiener Congr. 11. S. 439. 



Zweiundzwanzigstes Capitel. Verhältnisz des Stats etc. 2. Statsbürger etc. 251 



läugnen ist, dasz auch dieser seinen Antheil an der neuen 
Gestaltung hat. Als zuerst der nordamerikanische Con- 
gresz 1791 untersagte, „ein Gesetz zu geben, wodurch eine 
Keligion zur herrschenden erklärt werde," war die Meinung 
keineswegs die, dasz es für die Wohlfahrt des States gleich- 
gültig sei, ob seine Bürger von der Wahrheit und Kraft der 
christlichen Religion beseelt seien oder nicht, noch die, den 
Stat an der Ausübung seiner Pflicht, die Anstalten der christ- 
lichen Religion zu schützen und zu fördern, irgend zu be- 
hindern. 12 

Das neuere Princip erhält vielmehr seine tiefere Begrün- 
dung in der Anerkennung der Idee, dasz der religiöse Glaube 
und das religiöse Bekenntnisz ihrem Wesen nach von statlichem 
Zwange frei sein und der Mahnung des Gewissens allein an- 
heim gegeben werden müssen, dasz daher auch keine politi- 
schen Nachtheile, keine Rechtsverminderung die Abweichung 
von dem christlichen Glauben bedrohen dürfe. Dazu kam die 
Neigung der Nordamerikaner, die beiden Gebiete des statlichen 
und des kirchlichen Lebens scharf von einander auszuscheiden, 
und auf dem einen den Stat, auf dem andern die Kirche mög- 
lichst frei gewähren zu lassen. In diesem Sinne wurden die 
politischen Rechte Keinem versagt, der, wenn auch einer 
andern Religion zugethan, doch fähig schien, die politischen 
Pflichten auszuüben. 

Als dagegen die französische Revolution ähnliche 
Grundsätze adoptirte, war nicht lediglich die Sorge für die 
Gewissensfreiheit das bestimmende Motiv, vielmehr hatte, wie 
die auch an religiösen Verfolgungen reiche Geschichte jener 
Zeit beweist, auch der aus der früheren Frivolität zu wildem 
Hasse des Christenthums fortgeschrittene Geist der Verneinung 
einen Antheil daran. 13 

12 Vgl. Story a. a. 0. P. III. St. 44. 

13 Das neue Princip war schon in dem ersten Artikel der Erklärung 
der Menschenrechte von 1791 ausgesprochen: „Les Itommes naissent et 



252 Zweites Buch. Die Grundbedingungen des Stats in d. Menschen- u. Volksnatur. 



Auch in Deutschland ist das nämliche Princip. nun 
schärfer noch ausgesprochen seit der Bewegung vom Jahr 
1848, anerkannt worden. Die österreichischen Grund- 
rechte von 1849. §. 1. sowohl als die preuszische Ver- 
fassung von 1850 stimmen darin mit dem Frankfurter und 
dem Berliner Entwurf der Reichsverfassung überein. dasz 
„der Genusz der bürgerlichen und der statsbürgerlichen Rechte 
von dem Religionsbekenntnisse unabhängig sein- soll. Vor- 
sichtig aber fügen dieselben hinzu, dasz -den statsbürgerlichen 
Pflichten durch das Religionsbekenntnisz kein Abbruch ge- 
schehen- dürfe. 

Das norddeutsche Bundes-, nun deutsche Reichs- 
gesetz vom 3. Juli 1869 endlich bestimmt: -Alle noch be- 
stehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekennt- 
nisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und 
statsbürgerlichen Rechte werden hiedurch aufgehoben. Ins- 
besondere soll die Befähigung zur Theilnahme an der Ge- 
meinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffent- 
licher Aemter vom religiösen Bekenntnisz unabhängig sein.- 

In Folge dieser neuerlich anerkannten Grundsätze ist denn 
auch die Stellung der Juden in diesen Ländern eine von 
Grund aus andere geworden. Waren dieselben früher von dem 
Genüsse des Statsbürgerrechtes in Deutschland meistens ganz 
ausgeschlossen, so darf nun von der jüdischen Religion her 
kein Grund mehr genommen werden, denselben jenes Recht 
zu versagen. 

Zu allgemeiner Geltung ist das neue Princip noch 
nicht gelangt. Von dem Papstthum wird es fortwährend als 
Irrthum verdammt. Aber nicht blosz wird es noch von den 
katholischen Staten. welche unter dem Einflüsse des Klerus 

denieurent libres et egaux en droits. Les distinctions sociales ne peuvent 
etre fondees que sur Tutilite commune." Von den späteren Verfassungen 
hat keine die Eigenschaften des „citoyen" an ein Glaubensbekenntniss 
geknüpft. 



Zweiundzwanzigstes Capitel. Verhältnisz des Stats etc. 2. Statsbürger etc. 253 



stehen, entweder verneint oder doch schlecht gehandhabt, es 
besteht auch in Norwegen und Ruszland noch nicht. In 
der Schweiz hat erst das Verfassungsgesetz von 1866 die 
politischen Rechte für unabhängig erklärt von der christlichen 
Confession und selbst in England hat das moderne Princip 
— obwohl die frühere Zurücksetzung der Dissenters und der 
Katholiken in diesem Jahrhunderte ebenfalls aufgehoben wor- 
den ist — nur unter bedeutenden Einschränkungen eine un- 
vollständige Autorität erlangt. 

Der moderne Stat hat jedenfalls, seiner menschlichen und 
nationalen Begründung getreu , die entschiedene Tendenz, die 
Anhänger verschiedener Glaubensbekenntnisse durch seine ge- 
meinsamen Institutionen zu einigen und allmählich die mittel- 
alterliche Verflechtung des öffentlichen Rechts mit bestimmten 
religiösen Bedingungen oder kirchlichen Vorschriften aufzu- 
lösen. 



Drittes Buch. 

Die Grundlagen des Stats in der äuszeren Natur. 

Das Land. 

Erstes Capitel. 

I. Das Klima. 

Im Gegensatze zu der gesainmten Thierwelt besitzt der 
Mensch die Fähigkeit, überall auf der Erde zu wohnen. Er 
hat eine gröszere Widerstandskraft in seiner Natur gegen die 
Einwirkung der Atmosphäre und eine reichere Fülle von 
Mitteln zur Verfügung, um den Gefahren zu begegnen, wo- 
mit das Klima das mikrokosmische Leben bedroht. Er kann 
in allen Zonen seine Eigenart behaupten. 

Aber die tellurischen Gegensätze von Wärme und Kälte, 
Tag und Nacht wirken doch auf seinen Körper und Geist ein. 
Die Bedingungen seines Lebens sind verschieden, je nach 
dem er näher dem Aequator oder näher den Polen lebt. 
Wenn auch der Einzelne sich wenig verändert , indem er den 
Süden oder den Norden bereist, und sich eine Zeit lang auf 
einem verschiedenen Breitegrad aufhält; die Massen empfinden 
den Einflusz des Klimas doch stark genug und mit der Zeit, 
in den folgenden Generationen wird derselbe so mächtig, dasz 
er ihren Charakter fast noch mehr ändert, als ihre leibliche 



Erstes Capitel. I. Das Klima. 



255 



Erscheinung. Die Kömer sind im Orient schlaff geworden, die 
Germanen haben an der afrikanischen Küste des Mittelmeers 
ihre active Willensstärke eingebüszt, auch die Engländer wer- 
den leicht träge und wollüstig in Ostindien. Bodin (lib. V.), 
Montesquieu (lib. XIV.), Filangieri (I. 14, 15) und 
neuestens Buckle (Geschichte der Civilisation I. c. 2) haben 
dieser Einwirkung des Klimas auch auf das Statsleben ihre 
Aufmerksamkeit zugewendet und die Gesetze derselben zu 
bestimmen versucht. 

Schon längst hat man die Bemerkung gemacht, dasz so- 
wohl die heiszen Tropenländer (bis 23° 28') als die kalten 
Polarzonen (über 66° 23') für die Bildung und Entwicklung 
der Staten weniger günstig sind, als die zwischen denselben 
liegenden gemäszigten Zonen. Mehr als die Hälfte der festen 
Erdrinde gehört diesen Zonen an; und überdem ist auf der 
nördlichen Hemisphäre, wo die Hauptsitze der Culturvölker 
sich finden, festes Land und Wasser in nahezu gleicher Aus- 
dehnung vertheilt, 1,117,600 Quadratmeilen Land und 1,231,000 
Quadratmeilen Wasser, während sonst überall die Wasserfläche 
einen sehr viel gröszeren Raum einnimmt. In kalten Län- 
dern wird das Zusammenleben der Menschen sehr erschwert, 
weil dieselben weder die Ernährung noch die Erwärmung aus 
der Nähe beschaffen können und die zerstreuten einzelnen 
Familien haben einen allzuschweren Kampf für ihre Leibes- 
noth mit der Natur zu bestehen, als dasz sie die Musze und 
die Lust fänden, sich mit den Fragen der Civilisation ernst- 
lich zu beschäftigen. Die heiszen Länder aber stimmen die 
Massen träge und nur die Leidenschaften flammen von Zeit 
zu Zeit heftig auf. Die activen Kräfte werden wenig ent- 
wickelt, die passiven Neigungen überwiegen. Der Stat aber 
ist auf Selbstbeherrschung und Freiheit angewiesen und be- 
darf daher der activen Mannestugend. Die Bevölkerung der 
kalten Zonen bewahren wohl eine persönliche Unabhängigkeit, 
aber bringen es nicht zur Statseinheit und Statsgemeinschaft, 



250 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



die der heiszen Zonen erträgt leichter die Despotie als sie 
ihr Recht zu behaupten und einen freien Stat darzustellen 
vermag. Schon Bodin (V. p. 071): „Les peuples des regions 
moyennes ont plus de force que ceux du midi, et moins de 
ruses, et plus d'esprit que ceux de Septentrion et moins de 
force. Et sont plus propres ä Commander et gouverner les 
republiques et plus justes en leurs actions." 

Die heutige Naturwissenschaft beobachtet neben dem 
mathematischen (solaren) Klima, welches lediglich durch 
den Breitegrad bestimmt wird und von der Stellung der Erd- 
oberfläche zur Sonne abhängt, auch das sogenannte phy- 
sische Klima, indem sie die Durchschnittswärme der ver- 
schiedenen Oerter miszt und darnach die Isothermen be- 
stimmt, deren Linien mit den Kreisen der Breitegrade nicht 
völlig zusammentreffen, sondern bald nach Norden , bald nach 
Süden abbiegen, je nachdem noch andere Eactoren, wie z. B. 
die wechselnde Höhe des Festlandes über dem Meere und die 
Nähe der Gewässer , die Wind- und Wasserströmungen u. s. f. 
die Jahrestemperatur abändern. Die Unterscheidungen sind 
so zahlreicher und feiner geworden, die Haupterfahrung aber 
hat nur neue Bestätigung gewonnen: die gemäszigten mitt- 
leren Zonen sind der Statenbildung weit günstiger als die 
extremen, sei es der Hitze, sei es der Kälte. 

Es ist eine auffallende Thatsache, dasz fast alle Staten von 
geschichtlicher Bedeutung in der mittelsten, gemäszigten 
Zone, wo die Durchschnittswärme des Jahres zwischen 
8° und 10° C. schwankt , ihren eigentlichen Stammsitz und 
ihre Hauptstädte haben. Die meisten europäischen Staten. 
ein groszer Theil der asiatischen Staten — die Curve der 
Isothermen senkt sich in Asien auffallend stark nach Süden — . 
ebenso die nordamerikanischen Staten wurzeln in dieser Zone. 
Rom (15, 4) und Madrid (14, 2), Paris (10, 8) und London 
(9, 8), Wien (10, 5) und Konstantinopel (13, 7), Berlin (9. 1). 
Hamburg (8, 9), Kopenhagen (8, 2) und Zürich (8, 8), 



Erstes Capitel. I. Das Klima. 



257 



Haag (10, 5), aber auch Dresden (8, 3) und München (9, 1), 
Boston (9, 6) und Washington (13, 5), Philadelphia (11, 9) und 
Richmond (13, 8) und ebenso Peking (11, 3) haben Theil an 
dieser gemäszigten Temperatur. In Europa gehören fast nur 
die russischen Hauptstädte Moskau (3, 6) und Petersburg 
(3, 1) und die scandinavischen Christiania (5, 3) und Stock- 
holm (5, 6) einer kälteren Zone an; indessen auch da steigt 
die mittlere Sommerwärme bis 15° und 16°, in Montreal 
(Canada mit 6, 4 Jahreswärme) sogar bis 20° 5. Die süd- 
licheren Städte Neapel (16, 4), Lissabon (16, 4), Mexico 
(16, 6), Buenos-Aires (16, 9), Palermo (17, 2), Sidney (18, 1), 
Nangasaki (18, 3) übersteigen die Wärmegrade der gemäszig- 
ten Zone doch nur um wenige Grade. Dagegen erhebt sich 
die Jahreswärme von Canton auf 21, 6, von Cairo auf 22, 4, 
Rio de Janeiro 23, 1, Calcutta 25, 8, Singapore 26, 5; wo- 
bei jedoch zu beachten ist, dasz China von Peking aus be- 
herrscht wird und dasz Indien von dem milderen Fünfstrom- 
land aus und von den oberen Ufern des Ganges her seine 
Civilisation empfangen hat, 

Auch der Wechsel der vier Jahreszeiten, welcher 
nur in der gemäszigten Zone deutlich ist, scheint den Men- 
schengeist wohlthätig anzuregen. Er gibt demselben verän- 
derte Bilder der Natur und stellt ihm nach wenigen Monaten 
wieder neue Aufgaben. 

Der Gegensatz der Zonen wiederholt sich in weniger 
schroffen, aber immer noch deutlichen Verhältnissen inner- 
halb derselben Zone. Bei derselben Nation und in dem- 
selben Land finden wir in den kühleren Theilen desselben 
eher verständige Nüchternheit, gröszere Muskelkraft, zäheren 
Muth, in den wärmeren eher kluge List, lebhaftere Phan- 
tasie, ein heiszeres Temperament und reizbarere Nerven. 
Man braucht nur die Italiener, Franzosen, Deutschen, Russen, 
im Norden und im Süden von Italien, Frankreich, Deutsch- 
land, Russland mit einander zu vergleichen, so springen einem 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 17 



258 "Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 

diese Gegensätze in die Augen. Einzelne Individuen ent- 
scheiden hier nicht, aber die Massen empfinden den Unter- 
schied des Klimas. Bodin geht zu weit, wenn er sagt, die 
Nordländer überwinden die Südländer gewöhnlich in der 
offenen Feldschlacht, aber diese gewinnen jenen wieder den 
Vortheil ab in der diplomatischen Verhandlung. Aber immer- 
hin ist es bei politischen Fragen rathsam, die ausdauernde 
Körperkraft und den zähen Willen der Nordländer wie die 
leidenschaftliche Reizbarkeit und Geistesfeinheit der Südlän- 
der innerhalb der gemäszigten Zone wohl in Betracht zu ziehen. 

Die Politik vermag sehr wenig wider die zuweilen unbe- 
queme Macht des Klimas. Sie kann dasselbe nicht ändern 
und die makrokosmischen Wirkungen der Natur nicht auf- 
heben. Es bleibt ihr nur die eine Aufgabe, dasz sie die Vor- 
züge, welche das Klima darbietet, zu menschlichen Zwecken 
benutze und so viel als möglich den Stat vor den schädlichen 
Einwirkungen behüte. 

Einiges kann die Erziehung und die Gesetzgebung in 
dieser Hinsicht allerdings leisten. Wenn in den kälteren 
Ländern der Mensch mehr zur Trunkenheit, in den südlichen 
mehr zur Geschlechtslust geneigt ist, -so wird dort der einen, 
hier der anderen Ausschweifung mit strengerer Sorge entgegen 
zu wirken sein. Aber man wird dabei nicht vergessen dürfen, 
dasz in dem kälteren Himmelsstrich der Arbeiter zu seiner 
Erwärmung mehr Nahrung und mehr Getränke bedarf. Auf 
der andern Seite wird in warmen Ländern der Genusz gei- 
stiger Getränke leicht gefährlich für die Gesundheit, während 
er in kälteren Zonen unentbehrlich ist. Das Verbot Muham- 
meds, Wein zu trinken, hatte daher einen Sinn für die Be- 
wohner Arabiens , wäre aber sinnlos für die Europäer. Ebenso 
wird in der gemäszigt - kühleren Zone eher die Freiheit der 
Arbeit, in der gemäszigt - wärmeren eher die Anregung zur 
Arbeit zu befördern sein. Trotz aller Modifikationen, welche 
die Verschiedenheit des Klimas hervorbringt, die menschliche 



Zweites Capitel. II. Bodengestalt und Naturerscheinungen. 



259 



Natur bleibt doch im Grunde dieselbe in allen Zonen, und 
eben deszhalb ist ein relativer Kampf derselben auch mit den, 
schädlichen Einflüssen einzelner Klimate nicht unmöglich. 
Energische und gut ausgestattete Individuen lassen sich das 
Klima wenig anfechten. 

In Einer Hinsicht ist die politische Vorsicht voraus wichtig. 
Sowohl die Natur des Landes, als der Kern eines Volkes ist 
geschichtlich gegeben. Da läszt sich nicht viel ändern. Aber 
wenn die Frage entsteht, wo der Hauptsitz eines States, die 
Hauptstadt zu gründen oder wohin zu verlegen sei, dann sind 
auch die klimatischen Rücksichten bei ihrer Entscheidung 
nicht auszer Acht zu lassen. Es war ein kolossaler politischer 
Fehlgriff als Kaiser Otto III. die Hauptstadt des deutschen 
Reichs nach Rom verlegen wollte und es ist kein glücklicher 
Gedanke, Ostindien von Calcutta aus zu verwalten. Obwohl 
gegen die Wahl Berlins zur preuszischen Hauptstadt vieles 
einzuwenden ist, so paszt der Ort doch weit besser als Königs- 
berg zu dieser Aufgabe. Hie — freilich nur vorübergehende 
— Wahl von Florenz zur Hauptstadt des Königreichs Italien 
hatte auch aus klimatischen Gründen den Vorzug vor dem 
rauheren Turin oder dem weicheren Neapel verdient, indem 
das Klima von Florenz eine glückliche Mitte hält, welche 
jenem Gleichgewicht des Volksgeistes, der sich selber beherr- 
schen soll, vorzugsweise günstig ist. 



Zweites Capitel. 

II. Bodengestalt und Naturerscheinungen. 

Seit Carl Ritter pflegen die Geographen sorgfältigere 
Rücksicht auf den Zusammenhang zu nehmen zwischen der 
Bodengestalt und der Culturentwicklung der Menschen, welche 
ein Land bewohnen. Die Einwirkung des Landes auf die 



260 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Menschen und auf den Stat war aber viel früher, insbeson- 
dere schon von den Hellenen beachtet worden. 

Die Wahrnehmung, dasz die ältesten groszartigen Staten- 
bildungen in Stromgebieten stattfinden — wir erinnern 
nur an das Fünfstromland und an den oberen Ganges in In- 
dien, an den Nil in Aegypten, an den Tigris und Euphrat für 
die westasiatischen Reiche, an den Pei-ho in China — läszt 
schlieszen, dasz das Leben an einem groszen Strom für die 
frühe Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten und des 
menschlichen Selbstbewusztseins vorzugsweise günstig sei. 
Indem der Mensch lernt, das Wasser sich dienstbar zu 
machen, indem er Schiffe und Kanäle baut, gewinnt er 
Selbstvertrauen und vermehrt seinen Besitz, und indem er 
sich von der Strömung tragen und treiben läszt . entwickelt er 
die Lust zum Abenteuer und zum Handel. 

Aus ähnlichen Gründen erwerben auch die K ü s t e n- 
länder, am Meeresstrande, und die Inseln eine frühzeitige 
Cultur. Wenn Hellas und Italien in der classischen Periode 
voraus gegangen sind in Europa, wenn von Spanien und 
Portugal aus die transatlantische Welt zuerst in Besitz ge- 
nommen worden ist, wenn Holland und England früher als 
der grosze europäische Continent freie Yolksstaten hervor- 
gebracht haben, so bildet ihre Lage am Meere sicher einen 
Factor zu dieser Frühreife. Die Macht des Meeres ist frei- 
lich gröszer als die des Stromes und es kostet den Menschen 
gröszere Anstrengung und längere Arbeit, um auch das Meer 
sich nützlich zu machen. 

Die Gebirgsländer sind ferner ausgezeichnet durch 
ihre mächtige Wirkung auf das Gemüth und den Charakter 
der Menschen. Schon der Anblick der herrlichen und man- 
nigfaltigen Gebirgsnatur wie des gewaltigen und weiten Meeres 
erhebt und stählt die Menschenbrust. Die Gebirgsbewohner 
sind genöthigt, ihre persönlichen Kräfte täglich anzuspornen 
und zu üben. In Folge dessen wächst ihre Stärke und sie 



Zweites Capitel. II. Bodengestalt und Naturerscheinungen. 261 



lernen sich selber helfen in der Gefahr. Sie werden zu Män- 
nern erzogen. Die vielverzweigte und durchklüftete Natur 
des Bodens begünstigt die Entstehung kleiner Gemeinwesen 
in den mancherlei Bergthälern, die sich ihrer Eigenart selb- 
ständig erfreuen und sich trotzig wehren wider fremde Ge- 
walt. Die Perser, wie die Israeliten und Araber, die Völker 
am Kaukasus wie die Hellenen, die Samniter wie die Schweizer 
bezeugen diese Eigentümlichkeit. Aber der Freiheitssinn der 
Gebirgsvölker hat einen etwas anderen Charakter als die Frei- 
heitsliebe der Küstenbewohner. Jener hat, wie das Gebirg, 
mehr ruhige Härte und Festigkeit, dieser ist gleich dem 
Meere beweglicher und zur Veränderung geneigter. Es war 
für die Kömer eine besonders glückliche Lage, dasz sie zugleich 
von einem Gebirgskreis umlagert und der See nahe waren. 

Langsamer entwickeln sich die Binnenländer, zumal 
mit breiten gleichmäszigen Ebenen. Die Natur wirkt hier 
nicht so anregend auf die Menschen und deszhalb wächst die 
Cultur, welche jene Mängel ersetzen musz, nur allmählich 
heran. Später als in Italien hat sich in Frankreich, später 
als in England hat sich in Deutschland der Stat entwickelt. 

Am ungünstigsten ist die Lage weiter vom Meere aus- 
geschlossener Flachländer, ohne grosze Ströme und ohne 
Gebirge, aber mit weiten Steppen oder gar Wüsten. Man 
braucht nur Europa mit Afrika, oder Mittelasien mit den 
asiatischen Küstenländern oder Westeuropa mit Osteuropa zu 
vergleichen, um diesen Unterschied anschaulich zu machen. 
Von jeher haben die Despotien in solchen Flachländern eine 
duldsame Bevölkerung vorgefunden, welche stumpfsinnig und 
widerstandslos der absoluten Monarchie gehorcht. 

Zwar sind auch diese Bedingungen der Natur vorerst an- 
zunehmen, wie sie sind. Indessen hat der Mensch in dieser 
Hinsicht mehr Macht, als gegenüber dem Klima. Die Politik 
kann freilich im Groszen auch nicht Berge versetzen, noch 
Meere herbei zaubern. Aber sie kann ungezähmte Flüsse 



262 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



schiffbar machen, Canäle anlegen. Straszen und Eisenbahnen 
bauen, ein Netz von Telegraphen ausspannen. Sie kann die 
Einförmigkeit der Landschaft durch den Verkehr beleben und 
das Innere des Festlandes mit dem Weltmeer verbinden. 
Die menschliche Cultur findet also hier grosze und lösbare 
Aufgaben vor und der zunehmenden Civilisation wird es 
schlieszlich gelingen, alle Theile der bewohnbaren Erdober- 
fläche in einen segensreichen Zusammenhang zu bringen. 

Auf die Einwirkung wechselnder und momentaner Natur- 
erscheinungen hat neuerlich besonders Thomas Buckle 
aufmerksam gemacht. Auch in dieser Beziehung sind die 
Küsten- und die Gebirgsländer vor den ebenen Binnenländern 
sehr ausgezeichnet und prägen ihre groszartigen Bilder ihren 
Bewohnern tief ins Herz ein. Aber es kommen hier noch 
andere Erscheinungen in Betracht. Es kann die äuszere 
Natur, wie das in manchen Tropenländern geschieht, auf den 
gewöhnlichen Menschen auch einen übermächtigen Eindruck 
machen, welcher ihm jede Hoffnung raubt, dasz er im 
Kampfe mit der Natur siegreich werde und ihn deszhalb 
zum Verzicht auf jede Kraftanstrengung treibt, dagegen seine 
Phantasie mit ungeheuren Bildern der Naturgewalt, sein Herz 
mit Furcht und sein Gemüth mit Aberglauben erfüllt. Der 
überwältigende Schneefall, das Vorrücken der Gletscher- 
massen, die Lawinenstürze im kalten Norden und im Hoch- 
gebirg, die mächtigen Regengüsse und Ueberschwemmungen. 
die erschütternden Gewitter und Orkane in manchen heiszen 
Ländern, der rasche Wechsel zwischen einer undurchdring- 
lichen Ueppigkeit der Vegetation und einer versengten Dürre, 
die verheerenden Insektenschwärme und die Wüth der wilden 
Thiere, das Alles kann eher niederdrückend als anregend auf 
die Menschen wirken, welche da leben. Wie überhaupt nicht 
die extremen, sondern die gemäszigten Naturzustände vor- 
zugsweise dem Menschen günstig sind, dessen Kräfte nicht 
absolut, sondern körperlich enge beschränkt sind, so wirken 



Drittes Capitel. III, Fruchtbarkeit des Bodens. 



263 



auch die gemäszigten Erscheinungen der äuszeren Natur am 
besten auf die Entfaltung seines Verstandes. Das einförmige 
Einerlei übt zu wenig Reiz auf den Menschen aus , die offen- 
bare Uebergewalt der Natur schreckt ihn. Eine öfter wech- 
selnde, aber gemäszigte Naturerscheinung regt sein Nach- 
denken an und fordert seine Arbeit heraus. In den tropischen 
Ländern wird die Phantasie der Völker bis zu fratzenhafter 
Unnatur überreizt, in den gemäszigten kann der Masz haltende 
und ordnende Verstand der Völker eher zur Geltung kommen. 

Uebrigens musz man sich davor hüten, die Wirksamkeit 
dieser Naturerscheinungen zu überschätzen. Es kommt doch 
noch mehr auf die sittliche und intellectuelle Erziehung an, 
welche der Mensch dem Menschen ertheilt, als auf die Ein- 
drücke der Natur. Auch in heiszen Ländern kann der Ver- 
stand ausgebildeter und die Phantasie durch das Schönheits- 
gefühl gezügelt werden; auch unter einem gemäszigten 
Himmelsstrich kann der Aberglaube üppig wuchern und die 
Denkkraft gebunden werden. Die Natur der Erdoberfläche 
herrscht nicht absolut über den Menschen, der Mensch kann 
und soll sich ihr selbständig gegenüber stellen, und je nach 
Umständen ihre Hülfe benutzen oder ihre schädlichen Wir- 
kungen bekämpfen. 



Drittes Capitel. 

III. Fruchtbarkeit des Bodens. 

Je fruchtbarer der Boden ist, um so leichter wird es 
den daselbst wohnenden Menschen, sich zu ernähren; und 
je freigebiger ihnen die Natur die erforderliche Nahrung ge- 
währt, um so rascher vermehren sich die Familien und die 
Bevölkerung. Es scheint also, dasz je fruchtbarer der Boden 
ist, um so günstiger die natürliche Vorbedingung für die 



264 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Dat Land. 



Wohlfahrt der Gesellschaft und des States sei. Dieser ober- 
flächliche Gedanke hat das kindliche Ideal des Paradieses er- 
zeugt, jenes wonnigen Gartens mit mancherlei Fruchtbäumen, 
welche dem Menschen reichliche Nahrung spenden, ohne von 
ihm mühevolle Arbeit zu fordern. Noch heute erscheint dem 
kindischen wie dem trägen Menschen der arbeitslose Genusz 
als höchste Seligkeit. Aber das reifere Alter und der streb- 
same Mensch betrachtet mit Geringschätzung einen Zustand, 
welcher von der eigentlichen Lebensaufgabe, der Entwick- 
lung und Vervollkommnung der Menschennatur noch keine 
Ahnung hat. 

Allerdings ist ein völlig unfruchtbarer Boden sehr 
ungünstig für das Gemeinleben; denn der Mensch ist da ge- 
nöthigt, die Nahrung, deren er an seinem Wohnort bedarf, 
und die er da nicht findet, sich aus der Ferne zu verschaffen, 
d. h. er musz durch den Handel ergänzen, woran es der Natur 
seines Wohnorts gebricht. Es können daher etwa Handels- 
städte da entstehen und gedeihen , wie denn Venedig sich un- 
mittelbar aus dem unfruchtbaren Meere erhebt. Aber ganze 
Nationen werden in unfruchtbaren Ländern nur mühsam und 
ärmlich sich durchbringen und die dünne Bevölkerung hat 
nur ein dürftiges Wachsthum. Menschen können hier schwer 
zu einem festen Sitze gelangen und müssen in Familien und 
Horden zerstreut, ein unstätes Wanderleben führen. Buckle 
hat darauf hingewiesen, dasz die mongolischen und tartari- 
schen Horden in ihren Steppenländern nur geringe Fort- 
schritte gemacht und erst in den Ackerländern China und 
Indien es zu einer Civilisation gebracht haben, und dasz 
ebenso die muhammedanischen Araber nicht in dem steinigen 
Arabien, sondern erst in den fruchtbaren Ländern Persiens 
und an der Küste des Mittelmeers zu einer höheren Staten- 
bildung gelangt sind. 

Wenn in kaltem Klima die Statenbildung nicht gedeiht, 
so ist die Ursache nicht blosz in der Schwierigkeit, sich zu 



Drittes Capitel. III. Fruchtbarkeit des Bodens. 265 

erwärmen und in dem harten Kampf mit der Natur zu suchen, 
sondern vorzüglich auch darin, dasz die kalte Zone zugleich 
einen unfruchtbaren Boden hat. Indessen ganz ähnliche Wir- 
kungen zeigen sich zuweilen auch in heiszen Ländern, wo 
scheinbar die Fruchtbarkeit sehr grosz, aber zugleich wegen 
öfterer und plötzlicher Zerstörung der Früchte z. B. durch 
Insektenschwärme oder Ueberschwemmungen sehr unsicher 
ist; denn für das dauernde Gemeindeleben der Menschen ist 
es ebenso nachtheilig, wenn man die reichlich wachsenden 
Früchte nicht einsammeln und nicht bewahren kann, als 
wenn wenig Früchte reifen. 

Der höchst fruchtbare Boden, welcher den Menschen, 
ohne von ihnen Arbeit zu verlangen, regelmäszig hinreichende 
Nahrung darbietet, ist zwar eine bessere Vorbedingung für 
das Gemeinleben, als das unwirthliche Land, aber doch 
nichts weniger als die günstigste Unterlage des Stats , haupt- 
sächlich aus folgenden Gründen: 

1) Die Nahrungssorge ist bekanntlich ein Haupthebel der 
menschlichen Arbeit. Ist sie dem Menschen abgenommen 
durch die Freigebigkeit der Natur, so arbeiten die Menschen 
wenig oder nichts. Viele versinken in trägen Müsziggang 
und in eitle Sinnenlust. Wo aber die Arbeit fehlt, da 
entwickeln sich die menschlichen Kräfte nicht , oder nur sehr 
unvollständig und ungenügend. Der Reichthum der Men- 
schennatur gelangt nicht zur Entfaltung, er bleibt ein ver- 
borgener Schatz und eine höhere Gesainmtbildung wird 
nicht erreicht. Die Zustände der Bevölkerung auf manchen 
Inseln der tropischen Zone zeigen deszhalb ein glückliches 
Sinnenleben , aber eine geringe Bildung der Massen. Als die 
müszigen Lazzaroni von Neapel in fleiszige Arbeiter verwan- 
delt wurden, machte die schöne Hafenstadt einen groszen 
Fortschritt in menschlicher Cultur. 

2) Mir wo man der Arbeit bedarf, da bekommt sie 
einen Werth, und nur wenn die Arbeit geschätzt wird, 



266 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



werden auch die Arbeiter werth gehalten. Wo die Arbeit 
nichts gilt, da gilt auch das Menschenleben in den groszen 
Massen nur wenig. Nirgends wird mit mehr Grausamkeit 
und Leichtsinn das Menschenleben hingeopfert, als in den 
afrikanischen Negerdespotien, wo keine Industrie die Arbeit 
schätzen lehrt und der Boden, ohne geackert zu werden, 
reiche Früchte spendet. 

3) Die höchste Fruchtbarkeit des Bodens veranlaszt und 
b ef ordert üb er d em eine ungünstige V e r t h e i 1 u n g d e s 
Vermögens, bei der es wenige Reiche gibt, die im Ueber- 
flusz leben, fast keine Mittelklassen und eine sehr zahlreiche 
arme und in Knechtschaft versunkene Menge. 

Da die Fruchtbarkeit des Bodens auch die Fruchtbarkeit 
der Menschen befördert, indem sich leicht neue Familien 
bilden, und keine Nahrungssorge die Kindererzeugung und 
die Erziehung schmälert, so vermehrt sich in solchen Län- 
dern die Bevölkerung rasch. Aber zuweilen kommt doch ein 
Miszjahr oder ein Kriegszug über die sorglos dahin lebende 
Menge und bringt dieselbe in Noth. Dann werden die we- 
nigen Sparer, welche die Früchte angesammelt haben und 
nun ihre Vorräthe benutzen können, übermächtig und nöthi- 
gen, indem sie Nahrung gewähren, die hülfsbedürftige Menge 
ihre Fruchtbäume und ihren Boden abzutreten. Kriegerische 
Führer, welche den Bewohnern Schutz gewähren, machen 
dieselben steuerpflichtig und dienstbar; Priester, welche die 
Götter versöhnen und ihren Segen herbei rufen , erhalten von 
den Gläubigen weite Güter. Allmählich entsteht so eine 
Classe von reichen Grundherren und Fürsten, von Adel und 
Priesterschaft, denen zuletzt das ganze Land zu eigen gehört. 
In diesen aristokratischen Gassen entfaltet sich dann eine 
grosze , zum Theil sogar eine hohe Bildung und ihr kommen 
reichliche Lebensgenüsse zu. Sie fordern dann auch Arbeit 
von den unterthänigen Leuten, ohne dieselbe hoch zu- schätzen, 
weil an Arbeitern Ueberflusz ist und die Menschen als solche 



Drittes Capitel. III. Fruchtbarkeit des Bodens. 



267 



nur geringen Werth .haben. Die Massen werden arm. ver- 
achtet und gänzlich abhängig. Jede höhere Bildung bleibt 
ihnen verschlossen. Im Dienste des Herrn leben sie stumpf- 
sinnig und roh dahin. 

Buckle hat das Verdienst, zuerst mit vollem Nachdruck 
auf diese Nachtheile einer allzugroszen Bodenfruchtbarkeit 
hingewiesen und dieselben geschichtlich belegt zu haben. Er 
geht freilich zu weit, wenn er die alte indische (Zivili- 
sation und das indische Kastenwesen daraus erklärt 
und geradezu behauptet, dasz höhere Cultur Ueberflusz vor- 
aussetze. Er legt, nach der Weise seiner Nation, zu viel 
Gewicht auf die ökonomischen Verhältnisse. Die angesehen- 
sten Brahmanen und Buddhisten zogen die freiwillige Armuth 
den Genüssen des Reichthums vor, die Kshatrijas liebten die 
Macht und ehrten die Tapferkeit mehr als die Schätze und 
die Visajas gehörten nicht zur Aristokratie , aber schätzten 
den Reichthum hoch, den sie durch Industrie, Handel und 
Darlehen ansammelten. Die Sudras aber waren zur Dienst- 
barkeit herabgedrückt, nicht weil sie arm, sondern weil sie 
eine unterworfene Nationalität von geringerer Rasse waren. 
Trotzdem bleibt es wahr: Die üppigen Reispflanzungen ernäh- 
ren leicht eine zahlreiche Bevölkerung, und cla der Boden 
allmählich Eigenthum oder Lehen der Eürsten und der 
aristokratischen Classen wurde, so erhielt sich der allmäh- 
lich herausgebildete Gegensatz weniger Reichen und vieler 
Armen während Jahrtausenden bis auf die Gegenwart, Die 
Menge blieb verachtet und gedrückt , die Vornehmen erfreuten 
sich einer» feineren Cultur und reichlicher Lebensgenüsse. 

Aehnlich war es in Aegypten. Auch die Dattelbäume 
erfordern wenig Pflege und gewähren reiche Ernten. Die un- 
geheuren Bauwerke der ägyptischen Könige zeugen für die 
furchtbare Verschwendung von Arbeitskräften und Menschen- 
leben im Dienste der Macht, Wie bejammernswürdig und 
elend die Zustände der arbeitenden Knechte waren, haben 



268 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



die alten Berichte der Juden der Nachwelt überliefert. Der 
Rath Josephs war nützlich für die Schatzkammer des Pharao, 
aber verderblich für das arme Volk. 

In Mexiko und Peru war es nicht anders. Auch da 
treffen wir auf die Ausbeutung der vermögenslosen Massen 
durch die wenigen Reichen und Mächtigen, und wiederum 
wird dieser Zustand begünstigt durch die Fruchtbarkeit des 
Bodens und durch die scheinbare Gunst der Natur, welche 
Mais, Bananen, Kartoffeln im Uebermasz liefert. Nacktheit 
und Knechtschaft unten , Luxus , Künste und Herrschaft oben ; 
Schwäche nach auszen, riesige Bauten und ärmliche Hütten, 
das ist auch das Bild dieser gesegneten Länder. 

Kann hier die Politik entgegen wirken? Allerdings, w r enn 
sie ihrer hohen Aufgabe, ein gesundes Volksleben zu fördern, 
bewuszt wird und ernstlich an der Erfüllung derselben ar- 
beitet. Es ist trotz der Fruchtbarkeit des Bodens möglich, 
die unteren Gassen gegen die maszlose Ausbeutung der Reichen 
zu schützen, und zu gebildeten und freien Menschen zu er- 
ziehen, und möglich, eine bessere Vertheilung auch des Ver- 
mögens zu begünstigen und die notlrwendigen Mittelclassen 
zu heben. 

Die *günstigste Vorbedingung für das Gemeinleben der 
Menschen ist offenbar ein Boden von m äs zig er Frucht- 
barkeit, d. h. der nur dann seine Bewohner ernährt, wenn 
ernste und nachhaltige Arbeit hinzutritt. Weder 
Bodenfruchtbarkeit allein, noch Arbeit allein wirkt günstig, 
wohl aber die Verbindung beider. Dann erhalten die Ar- 
beit und die Arbeiter einen Werth, aber es werden diese 
auch nicht übermäszig angestrengt. Es ist kein Nothstand 
vorhanden. Die menschlichen Kräfte entwickeln sich, die 
Zustände werden vervollkommnet; die Familien genieszen 
ein gesichertes Dasein und gelangen zu mäsziger Wohlhaben- 
heit, das Vermögen ist so vertheilt, dasz die Mittelclassen 
zahlreich und begütert werden. Es zeigen sich viele L^ebergänge 



Drittes Capitel. III. Fruchtbarkeit des Bodens. 



269 



aus der einen Gasse in die andere. Dadurch wird der Zusam- 
menhang in der Nation und ihr Gemeingefühl gewahrt und 
zugleich eine grosze Mannichfaltigkeit von Berufsarten hervor- 
gerufen. Die unteren Gassen können weniger leicht in die 
Sclaverei niedergedrückt, die obersten weniger leicht zu einer 
privilegirten Kaste werden. 

Freilich überzeugt uns die Geschichte, dasz nicht mit 
mathematischer Notwendigkeit eine gleichmäszige Verthei- 
kmg des Vermögens und gesunde Volkszustände daraus her- 
vorgehen. Es kommen noch viele andere, sogar mächtigere 
Factoren mit in Betracht. Aber nicht blosz eine Vergleichung 
von Europa mit West- und Süd- Asien oder von Nordamerika 
mit Mittel- und Südamerika, sondern sogar die Vergleichung 
von Süditalien mit der Lombardei oder der Schweiz, von 
Spanien mit Frankreich und Belgien, weist deutlich auf den 
Vorzug hin, welchen die Verbindung eines mäszig frucht- 
baren Bodens mit mäsziger Arbeit vor jeder einseitigen Be- 
günstigung des Bodens hat. 

Die Thätigkeit der Politik soll hier vornehmlich darauf 
gerichtet sein, gesunde Zustände, wo sie in der Natur be- 
gründet sind, gegen die menschliche Zerstörung zu bewahren 
und das Gleichgewicht der Kräfte so weit zu erhalten , als es 
zugleich zu wechselseitiger Ergänzung und Förderung dient. 
Eine Reihe von gesetzgeberischen und wirtschaftlichen Masz- 
regeln können dazu beitragen , die fortdauernde Fruchtbarkeit 
des Bodens gegen Verwüstung und Aussaugung zu schützen, 
einer übermäszigen Ansammlung des Grundeigenthums in we- 
nigen , vielleicht todten Händen entgegen zu wirken und eine 
naturgemäsze Vertheilung des Vermögens zu sichern. Unter 
Umständen kann der Stat sogar, indem er Sümpfe entwässert, 
oder für Bewässerung von öden Weiden sorgt , den unfrucht- 
baren Boden in einen mäszig fruchtbaren umwandeln und so 
neue Bedingungen einer glücklichen Wirtschaft schaffen. 



270 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Viertes Capitel. 
IV. Das Land. 

1. Das Volk ist die persönliche Grundlage des States. 
Das Land ist die dingliche Beziehung desselben. Erst wenn 
das Volk ein Land erworben hat. wenn ein Statsgebiet hinzu- 
gekommen ist, hat der Stat die erforderliche Festigkeit erlangt. 

Der Theil der Erdoberfläche, welcher von dem Volke be- 
setzt und von dem State beherrscht wird, heiszt Land oder 
Statsgebiet, Die Grösze desselben wird ähnlich wie die Bil- 
dung des Volks durch geschichtliche Vorgänge bestimmt. 

Die Ausdehnung eines Landes scheint zunächst unerheb- 
lich für die rechtliche Existenz der verschiedenen Staten. Es 
hat nämlich zu allen Zeiten grosze und kleine Fürstenthümer 
und grosze und kleine Bepubliken gegeben; und die einen wie 
die andern haben gleichmäszig ihr persönliches Becht und 
eine gewisse Gleichstellung behauptet. Auch ist es sicherlich 
verkehrt, ein bestimmtes Xormalmasz eines Stategebiets, 
welches der regelrechte Stat erreichen müsse und nicht über- 
schreiten dürfe, aufsuchen und fixiren zu wollen. Die AVeit 
hat grosze und kleine Staten blühen und hinwieder verkommen 
gesehen. Gegenüber dem römischen Weltreiche erschienen 
die hellenischen Städtestaten winzig klein, und dennoch nimmt 
Athen neben Born einen hohen Platz in der Weltgeschichte ein. 

Trotzdem ist der Umfang eines Statsgebietes von groszem 
Einflusz auf die politische Gestaltung und Bedeutung dessel- 
ben und mancherlei politische Aufgaben ersten Banges knü- 
pfen sich an die Ausdehnung des Landes. 

Offenbar sind die beiden nothwendigen Bestandteile 
eines jeden States Volk und Land auch bezüglich der Grösze 
in einer Wechselwirkung zu einander. Es ist möglich, dasz 
das Land dem Volke zu enge wird, sei es um da die nö- 
thige Nahrung zu finden, sei es, weil das kleine Gebiet den 



Viertes Capitel. IV. Das Land. 



271 



geistigen und materiellen Lebensbedürfnissen des Volkes nicht 
genügt. Das Wachsthum der Bevölkerung kann zur Coloni- 
sation den Anstosz geben, indem ein Theil derselben neue 
Wohnsitze auszerhalb des bisherigen Statsgebietes aufsucht 
oder fremde Gebiete besetzt werden, welche den Ueberflusz 
der Bevölkerung aufnehmen. Oder es kann das entwickelte 
Culturbedürfhisz oder Machtgefühl eine Erweiterung des Ge- 
bietes verlangen und damit die Politik der Annexion und 
Eroberung begründen. Dann entsteht die oft schwierige 
Aufgabe, das natürliche Recht des eigenen Wachsthums und 
der vollen Entwicklung mit den Rechten der andern Nationen 
auf ihr Gebiet und den geschichtlichen Verhältnissen auszu- 
gleichen. 

Ebenso kann ein Gebiet mit der Zeit zu klein werden, 
um gegenüber dem Wachsthum anderer Staten sich auf die 
Dauer sicher zu fühlen, und es ergibt sich daraus eine Politik 
der Verbündung mit andern Ländern oder der Anlehnung 
oder Anschlieszung an einen andern mächtigeren Stat. 

Aber auch das Gegentheil kommt vor. Das Gebiet kann 
zu weit sein für die dünne Bevölkerung oder zu ausge- 
dehnt für die Neigung der Bewohner einer einzelnen Ge- 
gend selbständig für sich zu sein. Im einen Fall erwacht 
das Interesse, die Einwanderung zu begünstigen und 
die Colonisation herbeizuziehen, im andern das Streben 
nach Absonderung der Theile des bisher verbundenen 
Statsgebiets und der Spaltung und Z erbr öck elung der 
Reiche. 

. Durchaus entgegen gesetzt ist die Tendenz des modernen 
Zeitalters im Gegensatze zu der des Mittelalters. Das Mittel- 
alter begünstigte die Entstehung kleiner Staten; die neue 
Zeit hat die Neigung zur Bildung groszer Statsgebiete. 
Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, anfangs auch die 
britischen Inseln und selbst die slavischen Länder waren 
während des Mittelalters in eine grosze Anzahl kleiner 



272 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Ftirstenthümer und Republiken zerfallen. Die Einigung des 
römischen Reiches bestand eher in dem Ideal als in der 
Wirklichkeit. Früher in England, seit der zweiten Hälfte des 
XV. Jahrhunderts auf dem Continent bilden sich allmählich 
gröszere Staten aus, und noch sind wir nicht an den Abschlusz 
dieser Bewegung gelangt. 

Die Zahl der mittelalterlichen Staten ist geradezu un- 
übersehbar. Fast jede Herrschaft, eine Menge von Städten 
und von Klöstern und sogar von Dörfern versuchten es mit 
Glück ein selbständiges, statenähnliches Dasein zu gewinnen. 
Gegenwärtig sind nur einige wenige kleinste Gemeinwesen 
der Art übrig geblieben und haben nur eine geringe Aus- 
sicht auf Fortbestand. Der Mangel an Straszen und Posten, 
die Dürftigkeit der Bewegungsmittel, die particuläre Rechts- 
bildung, die unentwickelte Polizei, die Lehensverfassung mit 
ihrer beschränkten Dienstpflicht und ihren schwachen Kriegs- 
mitteln, der geringe Geldverkehr, die Trennung der Stände, 
die dynastische und privatrechtliche Grundanschauung, die 
Verdunkelung des nationalen Bewusztseins. der germanische 
Trieb der körperschaftlichen Gliederung und eigenwilliger 
Freiheit waren früher einer Auflösung der alt -römischen 
Statsgemeinschaft in zahllose kleine Gemeinwesen günstig. 
Dagegen wird das moderne Verlangen nach gröszerer Staten- 
bildung fortwährend gefördert nnd gestärkt durch die Ver- 
vollkommnung und Ausbreitung der neuen Verkehrsmittel, 
durch Kunststraszen und Eisenbahnen. Posten, Dampfschif- 
fahrt und Telegraphen, durch den lebhaften Aufschwung der 
Industrie und des Handels, durch die gewaltigen Kriegs- und 
die mächtigen Geldmittel, durch die ganze moderne Cultur 
und durch das erwachte National- und Statsbewusztsein und 
eine rationellere Gesetzgebung. 

Der moderne Stat bedarf in der That einer breiteren 
Grundlage, als der eines bloszen Gemeinde- und Gerichts- 
bezirks. Wie der Stand und der Stamm sich der Nation und 



Viertes Capitel. IV. Das Land. 



273 



dem Volk hat unterordnen müssen, so werden auch die Orte 
und Herrschaften genöthigt, in dem breiteren Land aufzu- 
gehen. Nur in einem Lande kann es ein Volk oder mindestens 
eine Völkerschaft geben , in dem Orte gibt es nur eine Orts- 
bürgerschaft, in der Herrschaft nur eine Genossenschaft der 
Angehörigen. Für den modernen Stat erscheint daher wie 
das Volk so auch das Land eine nothwendige Grundlage 
seiner Existenz. Wo es an einem Lande fehlt, da hat folg- 
lich ein sogenannter aus dem Mittelalter zurück gebliebener 
Stat nur eine höchst unsichere und unwirksame Existenz. 
Er kann wie eine Merkwürdigkeit noch eine Weile erhalten 
werden , aber er hat keinen Antheil an dem modernen Leben 
und ist deszhalb der allgemeinen Abneigung gegen die soge- 
nannte Kleinstaterei ausgesetzt. 

Damit ist die Grenze nach der Kleine hin bezeichnet; 
freilich nicht in einer bestimmten Zahl von Quadratmeilen, 
aber in einem Princip. In derselben Weise läszt sich auch 
nach der Grösze hin eine Grenze bezeichnen , denn das Stats- 
gebiet darf nicht ausgedehnter sein, als die Beherrschung 
desselben von dem Centrum der Statsgewalt aus noch mög- 
lich ist. Freilich ist auch diese Grenzbestimmung sehr rela- 
tiv. Seitdem es Eisenbahnen, Dampfschiffe und Telegraphen 
gibt, ist kein Land so entlegen, dasz nicht die Verbindung 
desselben mit der Hauptstadt möglich wäre. Man kann heute 
nicht mehr die Möglichkeit läugnen , den ganzen Erdball po- 
litisch zu ordnen und zu einigen, denn das heutige Völker- 
recht breitet sich bereits über den gröszten Theil der be- 
wohnten Erdoberfläche aus und setzt die Verbindung vieler 
Staten zu Einer Menschheit als selbstverständlich voraus. 
Wird die feste Erdrinde auf ungefähr 2,448,347 Quadrat- 
meilen berechnet, so beherrscht das groszbritannische Keich 
allein 382,164 Quadratmeilen, das russische Reich etwa 
376,463 Quadratmeilen, das chinesische nahezu 180.000 
Quadratmeilen, die Vereinigten Staten von Nordamerika 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 18 



274 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



169,510 Qüadratmeilen. Es sind das ungeheure und weit ent- 
legene Gebiete, welche dennoch von Einem Statsgeiste erfüllt 
werden. Freilich ist die Macht eines States nicht nach dem 
Masz des Gebietsumfangs zu bemessen. Das deutsche Reich 
hat einen Umfang nur von 9818 Quadratmeilen und ist den- 
noch der mächtigste Stat von Europa. Frankreich hat in 
Europa nur 9599 Quadratmeilen und ist dennoch mindestens 
so mächtig als Ruszland, dessen europäisches Gebiet zehnmal 
gröszer ist. Groszbritannien miszt in Europa nur 5719 Quadrat- 
meilen und beherrscht von da aus seine viel gröszeren fernen 
Colonien und Nebenländer. Die Zahl der Bevölkerung ist 
ein sehr viel wichtigerer Factor bei Bestimmung der Macht 
eines Stats als der Gebietsumfang. Aber bedeutungslos auch 
für die Machtverhältnisse ist die Grösze der Länder doch 
nicht. 

Je weiter sich ein Gebiet ausdehnt, um so schwerer 
wird die Bewegung auf demselben und um so schwie- 
riger auch die Regierung desselben. Nur langsam kön- 
nen die zerstreuten Kräfte gesammelt, nur unvollkommen die 
entlegenen Provinzen von dem Centrum her bestimmt werden. 
Selbst die verbesserten Communicationsmittel der neuen Zeit 
können diese Schwerbeweglichkeit nur ermäszigen, nicht über- 
winden. Das geflügelte Wort kann blitzschnell an die äuszerste 
Peripherie versendet werden, aber es fehlt ihm der Nach- 
druck der gegenwärtigen Obermacht und das Yerständnisz ist 
unsicher; es bieten sich vielerlei Ausflüchte, wenn der AYille 
des Empfängers der Depesche ungeneigt ist, Menschenmassen, 
Lebensmittel, Geräthschaften können auch mit den Eisen- 
bahnen nur langsam befördert werden und nicht überall hin 
in so weiten dünnbevölkerten Provinzen können Eisenbahnen 
hergestellt werden. Oft fehlt es sogar an den gewöhnlichen 
Fahrstraszen. 

Die Ausdehnung eines Statsgebiets ist schon deszhalb 
nicht immer ein Machtzuwachs. Ein Stat kann in Folge von 



Viertes Capitel. IV. Das Land. 



275 



Eroberungen schwächer werden als er war, so lange er sein 
kleineres Gebiet leichter beherrschen konnte. 

Ein Stat mit so weitem Gebiet ist daher auch leicht 
hier oder dort zu überfallen und gleichsam anzurupfen, aber 
sehr schwer, ernstlich anzugreifen, mit dauerhaftem Erfolg. 
Der Feind kann ungehindert weite Strecken durchziehen, 
aber es wird ihm schwer, sich zu verpflegen und noch 
schwerer sich in den weiten Räumen zu behaupten. Nur 
wenn es ihm gelingt, die concentrirte Macht anzugreifen 
und zu schlagen, kann er gröszere Erfolge erreichen. Die 
russischen und nordamerikanischen Kriege der neuern Zeit 
machen diese Behauptung anschaulich. 

Wenn diese breiten Staten an Unbehülflichkeit und 
Schwerbeweglichkeit leiden, so kommt ihnen doch das furcht- 
bare Schwergewicht der ungeheuren Massen zu statten; sie 
können über gewaltige Mittel verfügen, die momentan gar 
nicht auszunutzen und auszuleeren sind. Sie sind daher im 
Stande, auch in gefährlichen Krisen lange auszuharren und 
eine Wendung der Dinge abzuwarten, die ihnen hinwieder 
günstige Chancen eröffnet. Ihre plötzliche Unterwerfung ist 
fast unmöglich. 

Auch auf die Verfassungsform eines States ist die 
Ausdehnung des Statsgebietes von Einflusz. Die unmittelbare 
Demokratie ist nur in einem kleinen Lande möglich, weil 
nur da die Bürger zur Volksversammlung Öfter zusammen- 
treten können. Die constitutionelle Monarchie bedarf eines 
weiteren Bodens zu ihrem vielgliedrigen repräsentativen Bau. 
Die ungeheure Ausdehnung des römischen Weltreichs war 
eine Hauptursache des Untergangs der römischen Republik 
und der Concentrirung aller Statsgewalt in dem Einen abso- 
luten Kaiserthum. Die Kraft, des Massengewichts ist auch in 
Ruszland eine Ursache der absoluten Kaisergewalt uud selbst 
die liberalen Engländer denken nicht daran, ihrem ostindi- 
schen Reich eine parlamentarische Verfassung zu bewilligen. 



276 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Demgemäsz musz die Verfassungspolitik auch eine 1 a Il- 
des m äs zig e sein. d. h. sie musz sich nach der Natur und 
dem Umfang des Landes richten, für welchen die Verlassung 
bestimmt ist. 

2. Die Geschichte kennt keinen ewigen unveränderlichen 
Umfang der Statsgebiete. Auch der Raum, den die Staten 
einnehmen, ist abhängig von dem Wachsthum oder der Ab- 
nahme der Volkskräfte in ihm. Aber das Statsgebiet hat 
doch einen dauernden Charakter und seine Grenzen sind nicht 
wie die Volkszahl einer unaufhörlichen Wandlung unterworfen. 
Nur von Zeit zu Zeit in Folge groszer Ereignisse wird der 
Gebietsumfang geändert. In der Regel bleibt er in feste 
Grenzen eingeschlossen. 

Die Grenzen scheiden entweder das eigene Statsgebiet von 
dem fremden ab, oder sie scheiden das Statsgebiet von den 
Theilen der Erdoberfläche ab , welche keinem State angehören. 
Im erstem Fall denkt man sich die Grenze als eine feste 
Linie und bezeichnet sie so gut es geht mit Grenzmarken. 
Pfählen, Steinen, Gräben, Wällen u. s. f. Im letzteren Fall 
bedarf es einer solchen scharfen Linie nicht, und es kann 
auch je nach Umständen ohne Verwicklung mit andern Staten 
die Grenze vorgeschoben oder zurückgezogen werden. 

Zu der ersten Classe sind zu rechnen: 

a) Strom- und Fluszgrenzen, obwohl dieselben nicht 
in dem Masze fest und unbeweglich sind, wie die Landgrenzen. 
Zuweilen wird die Mitte des Flusses , zuweilen der Thal w e g 
desselben, d. h. die durch die Strömung bestimmte Fahrbahn, 
als die eigentliche Grenze der beiderseitigen Statshoheit be- 
trachtet, aber weil die Mitte oder der Thalweg vorzüglich be- 
nutzt wird, mit Rücksicht auf Schifffahrt und Verkehr, die 
Benutzung des Flusses zugleich als eine gemeinschaftliche 
behandelt. Sowohl die Mitte des Flusses als der Thalweg sind 
aber öfteren Aenderungen unterworfen, in Folge der An- und 
Abspülung der Ufer und in Folge veränderten Wasserlaufs. 



Viertes Capitel. IV. Das Land. 



277 



b) Die Gebirgsgrenzen. Die Gebirgszüge trennen 
gewöhnlich Stämme und Cultur von einander. Die Bewohner 
sehen nicht hinüber und gelangen nur mit Anstrengung, ge- 
wöhnlich nur auf einzelnen Bergwegen zu einander. Regel- 
mäszig wird dann der oberste Grat des Gebirges, welcher 
auch die Gewässer scheidet, als die natürliche Grenzlinie an- 
gesehen. 

Zu der zweiten Classe gehören: 

a) die Meere, seltener grosze Seen, die von Natur der 
Sonderherrschaft einzelner Staten entzogen sind , und der ge- 
meinsamen freien Benützung aller Welt offen stehen. 

b) Die Wüsten und unwirthliche Steppen, zuweilen 
auch Wälder und wildes Gebirge. Die fortschreitende 
Cultur und die allmählige Aneignung auch dieser Gebiete 
durch den Stat macht aber solche Naturgrenzen seltener. 

Die nähere Bestimmung der Grenzverhältnisse ist dem 
Völkerrechte vorbehalten. 

3. Zuweilen werden mehrere Länder mit einander 
verbunden, so dasz ein neues gröszeres Ganzes, ein Reich 
entsteht. Es kann das wieder in verschiedener Weise ge- 
schehen : 

a) mit relativer Fortdauer der verbundenen Län- 
der auf dem Fusze der Gleichheit. Beispiele: die Union 
der Vereinigten Staten von Amerika, das deutsche Reich; 

b) mit Fortdauer der besonderen Länder, aber auf dem 
Fusze der Ungleichheit, so dasz eines derselben als herr- 
schendes Hauptland, die andern als unterthänige Neben- 
länder erscheinen. Beispiele: Groszbritannien mit seinen 
überseeischen Colonien und Nebenländern, Frankreich mit 
Algier ; 

c) mit Umwandlung der bisherigen Länder in Provin- 
zen des Einen Reiches. Beispiel: die Ausbreitung der 
russischen Herrschaft, 

4. Wie aber die Menschheit, nicht das Volk die wahre 



278 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Unterlage des vollkommenen States ist, so ist auch die Erde, 
nicht das Land das vollkommene Statsgebiet, die Erde, 
welche die Mannichfaltigkeit aller Länder in das richtige Yer- 
hältnisz bringt und harmonisch einigt , welche alle Gegensätze 
nicht als Mängel, sondern als Ergänzung und Reichthum em- 
pfindet. Für die heutige Statenbildung aber, welche dem 
höchsten Ziele noch ferne steht, folgt daraus der auch prac- 
tisch längst bewährte Satz: am günstigsten auch für den Ein- 
zelstat ist ein mann ichfaltig geartetes Land, mit Ber- 
gen undThälern, Flüssen, Seen, Meeresküsten und Ebenen : 
nicht gerade' der erhöhten Fruchtbarkeit wegen, denn diese 
Hebungen und Senkungen des Bodens machen einen Theil 
des Bodens unfähig für die Cultur; sondern weil sie die eben- 
falls mannichfaltigen Anlagen der Bewohner allseitig 
anregen und die menschlichen Kräfte steigern. Am ungün- 
stigsten dagegen sind grosze unwirthliche Steppen des Bin- 
nenlandes. Diese sind daher auch der uralte Boden, auf dem 
die unstatlichen Nomadenvölker noch ihr Wesen treiben. 



Fünftes Capitel. 
V. Von der Gebietshoheit. (Sogenanntes Statseigenthuin.) 

Man nennt das Hoheitsrecht des States über das 
ganze Statsgebiet oft Statseigenthum. Diese Be- 
zeichnung hatte in dem mittelalterlichen Lehensstat wie in 
den absoluten Staten der asiatischen Vorzeit eine relative 
Wahrheit. Zu dem modernen Statsbegriffe aber paszt die- 
selbe in keiner Beziehung. 

Das „Eigenthum" ist ein privatrechtlicher , nicht ein 
politischer Begriff. So lange daher der Stat oder dessen Ober- 
haupt, wie in dem altjüdischen State Gott, wie die ägypti- 
schen Pharaone als alleinige Eigenthümer des Bodens be- 



Fünftes Capitel. V. Von der Gebietshoheit. 



279 



trachtet worden, an dem den einzelnen Privaten kein Eigen- 
thum, sondern nur ein vorübergehendes Gebrauchs- und 
Nutzungsrecht zugestanden war, oder so lange wie in dem 
römischen Reiche wenigstens der Boden der unterworfenen 
Provinzen als in dem formellen Eigenthum des römischen 
Volkes oder Kaisers stehend angesehen wurde , und den Pro- 
vinzialen nur ein minderes, obwohl ein reales Eigenthum (in 
bonis) an ihren Grundstücken zukam, oder so lange wie in 
einzelnen mittelalterlichen Staten, z. B. in England nach der 
Eroberung der Normannen, der König als Obereigenthümer 
und Lehensherr des ganzen Landes galt und die Unterthanen 
nur einen lehensmäszig abgeleiteten Grundbesitz hatten, so 
lange bildete die Vereinigung und Vermischung von privat- 
rechtlichem Eigenthum und statlicher Hoheit die natürliche 
Unterlage für den Begriff des Statseigenthums. Seitdem aber 
die Ausscheidung des Privatrechtes und des Statsrechtes voll- 
zogen ist, ist derselbe durchaus unhaltbar geworden. 

Das Hoheitsrecht des States über das Gebiet, die 
Gebietshoheit (imperium), ist somit von dem Eigenthum 
(dominium) des States wohl zu unterscheiden. Das letztere 
hat einen privatrechtlichen Inhalt, auch wenn der Stat das 
Rechtssubject ist, das erstere dagegen hat einen wesentlich 
politischen Charakter, und kann seiner Natur nach nur dem 
State (beziehungsweise dem Statsoberhaupte) zustehen. 1 

Die Gebietshoheit hat vorerst den positiven Inhalt, 
dasz dem State vollkommene statliche Herrschaft über 
das ganze Gebiet zusteht. Soweit dasselbe sich erstreckt, ist 
somit der Stat berechtigt, seiner Gesetzgebung Anerkennung 
. 

1 Die Alten haben diese Unterscheidung wohl erkannt. Hugo Grotius, 
de jure belli ac pac. II. 3. führt eine Stelle von Seneca an, de benef. 
VII. 4: „Ad reges potestas omnium pertinet, ad singulos proprictas ; u 
und von Dio Chrysost. Orat. : „Das Land gehört dem Stat (jy %ä(>a rrjg 
nok£ca~)\ aber nichts desto minder ist jeder Einzelne vollkommener Herr 
I seiner erworbenen Güter." 



280 Drittes Ruch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



zu verschaffen, seine Regierungsbeschlüsse durchzuführen, seine 
Gerichtsbarkeit zu üben. Der Stat hat nicht blosz Gewalt 
über die Personen, er hat sie auch über das Land und über 
die Sachen darin. 

Diese Herrschaft ist aber statlich, nicht privatrechtlich. 
Die wirthschaftliche Sachenherrschaft, die wir Eigenthum 
nennen, gehört dagegen dem Privatrecht an. und ist jeder 
Privatperson zugänglich. 

Der negative Inhalt der Gebietshoheit besteht in dem 
Rechte des States, jeden andern Stat oder überhaupt jede 
andere Macht von jeder statlichen Herrschaft innerhalb seines 
Gebietes und von jedem Uebergriff in dasselbe abzuhalten. 
Es ist eine einfache Folge dieses Grundsatzes, wenn der mo- 
derne Stat nicht zugibt, dasz in seinem Lande ein fremder 
Stat Gerichtsbarkeit oder Polizeigewalt übe, und wenn er 
auch eine privatrechtliche Begründung solcher fremden Herr- 
schaft nicht anerkennt. 

Die Veräuszerung endlich des Statsgebietes oder eines 
Theiles desselben in den Formen und nach den Begriffen des 
Privatrechtes, wie dieselbe im Mittelalter ganz allgemein von 
den Landesherren geübt wurde, welche ihre Herrschaften wie 
ihre Grundstücke verkauften , verpfändeten , oft auch vertheil- 
ten, 2 ist hinwieder mit dem öffentlichen Charakter der Ge- 
bietshoheit nicht mehr vereinbar. Nach dem modernen Stats- 
rechte ist vielmehr der Grundsatz der Unveräuszerlich- 
keit und Untheilbarkeit des Statsgebietes als Regel 3 
fest zu halten. Ausnahmsweise aber ist eine Veräuszerung 
nur zulässig in öffentlich rechtlicher Form, auf Grund- 

2 Aehnliches kommt auch im Alterthum, aber nur bei solchen Staten 
vor, deren Fürst eine absolute Gewalt über Land und Leute hatte. Vgl. 
die Beispiele bei Hugo Grot. I, 3, 12. 

3 Franz. Verf. v. 1791. II. §. 11. „Le royaume est un et indivi- 
sible. u Belege von deutschen Einzelstaten bei Zachariä, Deutsches 
Stats- und Bundesr. I. §. 83. 



Fünftes Capitel. V. Von der Gebietshoheit. 



281 



läge eines Gesetzes oder in Folge von völkerrecht- 
lichen Verträgen, wohin denn auch die Friedens- 
schlüsse gehören. 4 

Hugo Grotius fordert überdem nach natürlichem Rechte, 
wenn ein Theil des Statsgebietes veräuszert werden soll, nicht 
blosz die Zustimmung des ganzen Statskörpers , sondern 
auch die der Einwohner dieses Gebietsth eiles: ein 
gerechtes Erfordernisz , da es sich um die ganze statliche 
Existenz derselben handelt und sie durch die Gesetzgebung 
des ganzen States unmöglich in einem Momente genügend 
vertreten werden, in welchem diese zur Auflösung der Ge- 
meinschaft geneigt ist. Aber die Noth der Umstände wird 
in den meisten Fällen der Art stärker sein, als jener Grund- 
satz des natürlichen Rechts. 5 

Beschränkungen der Gebietshoheit zu Gunsten an- 
derer Staten (statsrechtli che Dienstbarkeiten) können 
vorkommen , und zwar analog den Servituten des Privatrechtes. 
Nur bedürfen auch diese Beschränkungen, damit das Statsrecht 
sie anerkenne, einer statsrechtlichen oder völkerrechtlichen 
Begründung im einzelnen Fall und eines statsrechtlichen 
Inhalts. Z. B. durch Statsvertrag wird dem benachbarten 
State die freie Benutzung einer Militärs trasze über das Stats- 
gebiet zugesichert; oder eine Stadt wird mit Rücksicht auf 
die Begehren des Nachbarstates als Freihafen erklärt; oder 
die Ausübung des Postregals wird an eine fremde Postver- 
waltung überlassen. In höherem Masze aber, als im Privat- 
rechte zweifelhafte Fälle zu Gunsten der Freiheit des Eigen- 

4 Preuszische Verf. von 1850. Art. 2. „Die Grenzen dieses Stats- 
gebiets können nur durch ein Gesetz verändert werden. u 

5 Hugo Grot. II. 6. §. 4 ff. Vgl. Wiener Schluszakte von 
1828, Art. 6. „Eine freiwillige Abtretung auf einem Bundesgebiete 
haftender Souveränitäts - Rechte kann ohne Zustimmung (der Gesammt- 
heit) nur zu Gunsten eines Mitverbündeten geschehen." Vgl. die nähere 
Ausführung in Bluntschli Modernes Völkerrecht §. 286. 



282 Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 

thums interpretirt werden und die Ausdehnung der Servituten 
möglichst beschränkt wird, musz im Statsrechte die Freiheit 
der Gebietshoheit gegenüber derartigen Beschränkungen ge- 
wahrt werden; denn die Harmonie und Einheit des Stats- 
organismus, sowie das Bedürfnisz freier Umgestaltung der 
statlichen Einrichtungen, je nach den Erfordernissen der öffent- 
lichen Wohlfahrt , werden durch dauernde Beschränkungen und 
Hemmungen von auszen sehr leicht in einer unerträglichen 
Weise gestört und verletzt. 6 

Anmerkungen. 1. Die Umwandlung des Titels der französischen 
Könige aus Roi de France in Roi des Francais in Folge der Revolution 
war ein Protest gegen die frühere Vorstellung, dasz Frankreich ein 
Patrimonium regis sei. Insofern bezeichnet sie einen Fortschritt des 
statlichen Geistes. Aber sobald man die Gebietshoheit in ihrer wahren 
Bedeutung erfaszt hat, so ist kein Grund mehr, die Benennung der Könige 
von dem Lande oder Reiche her für bedenklicher zu halten als die von 
dem Volke her. Zu weit aber geht Stahl, wenn er (Statslehre II. 
S. 38) der letzteren Bezeichnung vorwirft, sie rufe ein „Bild der Bar- 
barei" hervor. Die römischen Kaiser und die deutschen Kaiser haben 
bekanntlich den Namen des Volks dem des Landes in ihren Titeln vor- 
gezogen. Wer wollte sie deszhalb der Barbarei bezichtigen? Die Be- 
nennung vom Volke her ist sogar edler als die vom Lande her, weil das 
Volk über dem Lande ist. 

2. Blosze Grenzberichtig u ngen fallen nicht unter den Begriff 
der Veräuszerung des Statsgebietes. Es wird durch dieselben nicht ein 
Theil des Statsgebietes entfremdet , sondern der Umfang des wirklichen 
Statsgebietes näher bestimmt. Wenn aber zum Behuf der Arrondirung 
eines States ganze, zumal bewohnte Gebietsstrecken, welche unzweifelhaft 
bisher demselben zugehörten, abgetrennt und umgetauscht werden , so ist 
das allerdings nicht mehr eine blosze Grenzberichtigung. 

6 Sch mit thenner, Statsrecht S. 409: „Blosz privates Eigenthum 
eines fremden States oder Souveräns in dem Gebiete des States schlieszt 
keine Beschränkung der Landesgewalt ein. c - 



Sechstes Capitel. VI. Eintheilung des Landes. 



283 



Sechstes Capitel. 

VI. Eintheilung des Landes. 

Das Statsgebiet ist gewöhnlich so umfassend, dasz es 
regelmäszig zum Behuf der politischen Beherrschung in ver- 
schiedene Abtheilungen getheilt werden musz. Es lassen sich 
hier vier Hauptarten unterscheiden: 

1. Die Provinzen. 

Die Provinzen des römischen Reiches waren ursprünglich 
selbständige Statsgebiete , welche aber der Herrschaft des rö- 
mischen States unterworfen worden waren. Auch die neuern 
Provinzen erklären sich häufig aus früherer Besonderheit der 
später zu einem gröszeren Ganzen vereinigten Länder. Zu- 
weilen sind aber neue Provinzen erst von dem State geschaf- 
fen worden, dem sie angehören, und oft sind, wie im deut- 
schen Reich, aus den Provinzen (Herzogthümern) neue Län- 
der geworden. 

Das Charakteristische dieser obersten Stufe der statlichen 
Eintheilung liegt immer in der relativen statlichen Be- 
sonderheit dieser Theile. In Folge derselben haben sie 
eine zwar der Gesammtregierung untergeordnete, aber immer- 
hin mit Rücksicht auf die eigenthümliche Bedeutung der Pro- 
vinz mit ausgedehnteren Vollmachten ausgerüstetere relativ 
selbständige Pr ovinzialregierung. Ueberdem haben die- 
selben in der Repräsentativ- Verfassung zuweilen selbst eine — 
freilich auf die besondern Interessen der Provinz beschränkte — 
besondere Provinzial- Gesetzgebung, Pr o vi nzial stände. 

Der moderne Einheitsstat ist dieser Eintheilung nicht 
günstig. In Frankreich, in Spanien und in England, nun 
auch in Preuszen ist die gesetzgeberische Besonderheit der 
Provinzen aufgelöst, in Oesterreich in den sogenannten Kron- 
ländern vornehmlich auf die Interessen der Cultur und Wirt- 
schaft beschränkt worden. So grosz aber das Interesse des 



284 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



States an voller und durchgreifender Einheit im Organismus 
ist, so zerstört doch eine gänzliche Beseitigung der provin- 
ziellen Freiheit viele natürliche Eigenthümlichkeiten und Be- 
dürfnisse, und leicht verletzt eine übertriebene Uniformität 
gesunde und fruchtbare Theile des Volkslebens. Die germa- 
nischen Völker bedürfen mehr als die romanischen zu ihrer 
Befriedigung auch der provinziellen Selbständigkeit. 
2. Die Kreise (Bezirke). 

Die Kreise sind noch gröszere Statsbezirke ; aber sie 
haben doch nur die Bedeutung von bloszen Theile n des 
Statsgebietes. Sie haben nicht wie die Provinzen einen An- 
spruch darauf, zugleich besondere Länder zu sein. In 
der alten fränkischen und deutschen Reichsverfassung hatten 
die Herzogthümer und Fürstentümer den Charakter 
von Provinzen , die Gaue den von Kreisen. Eben dahin sind 
die englischen und nordamerikanischen Grafschaften, die 
französischen Departemente, die deutschen Kreise und die 
preuszischen Regierungsbezirke zu rechnen. 

Der wahre Grund dieser Eintheilung liegt nicht in der 
Eigenthümlichkeit eines Landes oder eines Volksstammes, 
sondern in dem politischen Bedürfnisse der Stats Verwal- 
tung selbst, ihre Thätigkeit stufenweise zu gliedern. Sie 
ist daher vorzugsweise das Product des Statsorganismus , ob- 
wohl im Einzelnen auch auf die historische Verbindung der 
Bevölkerung eines Kreises und auf die natürlichen Verkehrs- 
beziehungen derselben Rücksicht zu nehmen ist. Lassen sich 
die Provinzen mit verschiedenen Häusern vergleichen . die zu 
einem Schlosse gehören, so sind die Kreise eher den ver- 
schiedenen Stockwerken eines Hauses vergleichbar. 

Den Kreisen kommt gewöhnlich eine besondere Concen- 
tration der Verwaltung und der obern Gerichtsbar- 
keit zu. Ueberdem zeigt sich in den modernen Staten die 
Neigung, die besonderen Interessen des Kreises in dem- 
selben eigenartig zu pflegen, die Interessengemeinschaft 



Sechstes Capitel. VI. Eintheilung des Landes. 



285 



der Bevölkerung zu organisiren, und je nach Bedürfnisz ge- 
meinnützliche Kreisanstalten (Straszen, Magazine, Kranken- 
häuser, Schulen, Armenhäuser, Correctionshäuser) zu gründen. 
Es eröffnet sich hier ein fruchtbares Feld für die Selbst- 
verwaltung oder die Repräsentativ- Verwaltung des Kreises. 1 

3. Die Bezirke (Kreise). 

Sie bilden regelmäszig Unterabtheilungen der Kreise , und 
haben dann eine besondere der Kreisregierung untergeordnete 
Verwaltung und eine mittl ere Gerichtsbarkeit. Auch 
diese Bezirke können als Körperschaften anerkannt sein 
und ein eigenes Vermögen und besondere Bezirksanstalten 
haben. 2 

Die alten Cen tenen (Huntari) der germanischen Ver- 
fassung, die Landgerichte und Oberamteien in Deutsch- 
land, die Cantone in Frankreich und die Kreise in 
Preuszen nehmen diese Stellung ein. 

Blosze Wahlkreise zum Behufe der Volksrepräsentation 
gehören nicht hieher, da sie nur für einen vorübergehenden 
politischen Zweck geschaffen, nicht ein organisches Glied im 
Statskörper sind. Der Mangel an bleibenden gemeinsamen 
Insitutionen spricht übrigens gegen die Zweckmäszigkeit sol- 
cher unorganischer Kreise. 

4. Die Gemeinden, sowohl die Stadt- als die Land- 
gemeinden mit ihrem Bann. 

Sie sind die unterste Stufe der Eintheilung des Stats- 
gebietes, haben aber eine höchst lebensvolle Bedeutung, welche 
eine gewisse^, Analogie mit dem Statsgebiete selbst gewährt. 
Wie das politisch organisirte Volk zum Land, so verhält sich 
die persönliche (corporative) Gemeinde zum Gemeindebezirk 

1 Vgl. Vivien Etud. ordin. IL Cap. VI. 

2 Vivien a. a. 0. II. Cap. 3. Die französischen Cantone haben 
ihre Hauptbedeutung auf dem Lande , indem sie mehrere Gemeinden ver- 
einigen und dadurch stärken. In den Städten fällt Gemeinde und Canton 
zusammen. Die Arrondissernents , welche die Cantone zusammenfassen, 
haben nie eine rechte Bedeutung erlangt. 



286 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



(Gemeindebann). Sie erfüllt es mit ihrem gemeinsamen Leben. 
Freilich ist dieses selbst nicht wie dort ein höheres politi- 
sches, sondern zunächst ein den gemeinen Cultnr- und Wirth- 
schaftsinteressen zugewendetes. Gröszere Städte bilden zu- 
gleich Bezirke (Cantone), die gröszten Hauptstädte haben zu- 
gleich die Bedeutung der Kreise (Departements) , ja sogar von 
Provinzen (Berlin). 

Veränderungen in der politischen Eintheilung des 
Statsgebietes sind Sache des Gesetzes. Der Stat hat in 
allen Stufen der Abtheilung auch seine Gesammtinteressen 
und die Harmonie seines Organismus zu wahren. Je höher 
aber die Stufe, um so entscheidender wirken die öffentlichen 
Interessen, um so freiere Hand hat der Stat in der Bestim- 
mung der Grenzen. Die tiefste Stufe dagegen , die Gemeinde, 
steht ihrem Zwecke nach in so vielfältigen und engen Be- 
ziehungen zu den bestehenden Gemeindecorporationen, dasz 
hier der Wille auch dieser vorzüglich in Betracht kommt. 
Die Hauptrücksichten, welche der Stat bei seinen Anordnun- 
gen zu nehmen hat, sind a) die politische Zweckmäszig- 
keit der Eintheilung; b) die natürlichen Verbindungen und 
Gegensätze, z. B. zusammengehörige Fluszgebiete oder Thäler; 
c) die historischen Beziehungen der Bevölkerung; d) ihre 
V erkehrsb e ziehung, z. B. zu einer Stadt als Centrai- 
punkt, Untergeordnet dagegen sind die blosz mathemati- 
schen Rücksichten, die sich abzählen oder mit dem Zirkel 
bemessen lassen. 



Siebentes Capitel. 

VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigeutlium. 

Das Privateigenthum, d. h. die Herrschaft des Indi- 
viduums über die Sachen , ist so alt als der Mensch. Als die 
ersten Menschen die Früchte pflückten, welche die Bäume 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 287 



ihnen zur Nahrung darboten , übten sie mit Bewusztsein Herr- 
schaft aus, d. h. sie nahmen dieselben zu Eigenthum. Und 
als sie sich eine Höhle wählten, und ein festes, wenn auch 
vorübergehendes Lager bereiteten, ergriffen sie auch daran 
Eigenthum. Als sie ihre Blösze mit Zweigen bedeckten und 
ein Thierfell um ihren Leib warfen, hatten sie wieder Eigen- 
thum erworben. 

Das Eigenthum ist nicht erst durch den Stat er- 
zeugt worden. Es ist in seiner ersten, freilich unvollkomme- 
nen und noch wenig gesicherten Gestalt das Werk des in- 
dividuellen Lebens, gewissermaszen die Erweiterung 
des leiblichen Daseins der Individuen. Das Indivi- 
duum ergreift Besitz von den Dingen um es her, die in 
den Bereich seiner Herrschaft fallen, es macht sich dieselben 
dienstbar und nutzbar, es eignet sich dieselben an. Indem 
zum Besitz das Bewusztsein der berechtigten Herrschaft der 
Person über die Sache hinzutritt, ist das Eigenthum voll- 
endet. Auch der Nomade, der keiner festen Statsverbindung 
angehört, hat dennoch Eigenthum an seinen Kleidern, seinen 
Waffen, seinen Heerden, seinen Gerätschaften. Auch jener 
schiffbrüchige Robinson auf dem einsamen Eilande erweiterte 
sein Eigenthum. 

Der Communismus, welcher die Rechtmäszigkeit des 
Privateigenthums läugnet, und das Eigenthum als „Dieb- 
stahl" 1 an der Gesammtheit erklärt, ist somit im Widerspruch 
mit der individuellen Natur des Menschen, wie Gott ihn ge- 
schaffen, der dem Menschen „Herrschaft verliehen hat über 
die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel 
und über das Vieh und über die ganze Erde" (1. Mose 1, 26). 
Er ist ebenso im Widerspruch mit der ganzen Geschichte der 
Menschheit, welche unter allen Völkern und in allen Zeiten 
das Eigenthum anerkennt, und in ihrer Entwicklung unver- 

1 Proudhon, „La propriete cest le vol. u 



288 



Drittes Buch. Die Grundlagen deb Stats etc. Das Land. 



kennbar bemüht ist, das Eigenthum möglichst vollkommen 
auszubilden. 

Die Aufhebung des Eigenthums im Sinne der Commu- 
nisten würde den Untergang jeglicher individuellen Freiheit, 
die Zerstörung der Cultur, die Auflösung der Familie, mit 
Einem Worte eine Barbarei zur Folge haben, wie sie selbst 
in den rohesten Zuständen der menschlichen Gesellschaft nie 
da gewesen ist. 2 

Scheinbar gemäszigter und humaner ist die Lehre der 
So cialisten, aber ebenso verkehrt und minder noch conse- 
quent. Als Vertreter dieser Ansicht mag Fröbel gelten, 
welcher das Eigenthum nur als „Lehen der Statsgesellschaft 
in der Hand seines Besitzers" gelten lassen will und das 
Becht der Individuen nur als „eine Folge eines Gesammt- 
willens anerkennt von Vielen , die eine souveräne Gesellschaft 
bilden." 3 Diese Lehre miszkennt die individuelle Natur und 
Freiheit des Menschen nicht minder als der Communismus; 
und indem sie blosz von abgeleitetem und vorübergehendem 
Besitze weisz, bietet sie uns das übertriebene Zerrbild des 
mittelalterlichen Lehenswesens als Ersatz an für das freie 
Eigenthum, welches eine höhere Gesittung glücklich errungen 
hat. Es ist das die nämliche, nur mit demokratischen Phra- 
sen umhängte Theorie der Knechtschaft , welche in den dun- 
kelsten Zeiten der Geschichte eine niederträchtige Schmeiche- 
lei willkürlichen Despoten gelehrt hatte. 

Dem State kommt somit keineswegs absolute Verfügung 
zu über das Privateigenthum. Vielmehr liegt dieses als Pri- 
vatrecht zunächst auszerhalb der Sphäre des Statsrechtes. 
Der Stat schafft das Eigenthum nicht und erhält es nicht, er 
darf es daher auch nicht nehmen. Er schützt es. wie er 

2 Vgl. Thiers De la prop riete Liv. IL, der vortrefflich in der Kritik 
der communistischen und socialistischen Systeme, aber nicht glücklich in 
der philosophischen Herleitung des Eigenthumsbegriffes (aus der Arbeit) ist 

3 Fröbel, sociale Politik II. S. 392 u. 400. 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 289 



überhaupt alle individuellen Rechte schützt. Er übt statliche 
Herrschaft darüber wie über die Menschen, die im Lande 
wohnen. Die Hauptgrundsätze über das Verhältnisz des States 
zum Privateigenthum sind demnach: 

1. Der Stat gewährleistet die Freiheit und Sicher- 
heit des Eigenthums. 4 

2. Dem State kommt keine willkürliche Dispo- 
sition zu über das Eigenthum. 

3. Der Stat hat das Recht, das Eigenthum für öffentliche 
Zwecke zu besteuern. 

Indessen wird damit das Verhältnisz des Stats zu dem 
Privateigenthum nicht erschöpft. Die Freiheit des Privateigen- 
thums erleidet Beschränkungen unter Voraussetzungen, 
welche zugleich das Recht des States erweiternt 

1. Aus der Natur der Sachen selbst ergeben sich 
solche. 

Gewisse Sachen nämlich sind um ihrer natürlichen Be- 
schaffenheit willen dem ausschlieszlichen Privatbesitz und 
Privateigenthum entrückt und dem gemeinen öffentlichen Ge- 
brauche hingegeben. Oeff entliche Sachen (res publicae). 
So die öffentlichen Flüsse und Gewässer, die Seeküsten, wo 
Ebbe und Fluth wechseln, Seehäfen. 5 

I 

4 Eine Reihe von Verfassungen , sprechen diesen Satz ausdrücklich 
aus. Schon die Magna Charta König Heinrichs III. von England von 
1225 enthält mehrere Einzelbestimmungen der Art. Auch die republi- 
kanische Verfassung von Frankreich von 1848. A. 11. enthält wie die 
Charte von 1814 (8) den Satz: „Toutes les proprietes sont inviolables 
ebenso die preuszische Verfassung von 1850. Art. 9: „Das Eigenthum ist 
unverletzlich. u 

5 Marcianus in L. 4. §. 1. de div. Her. : „Flumina paene omnia et 
portus publica sunt. u Ulpianus in L. 1. §. 3. eod. „Publicum flumen 
esse Cassius definit, quod pcrcnne sit." Enger ist der Begriff des öffent- 
lichen Flusses nach dem Code Napol. §. 538 : Les chemins , routes et rues 
ä la Charge de l'Etat, les fleuves et rivieres navigables ou flottables, les 
rivages, lais et relais de la mer, les ports, les havres, les rades, et 
generalement toutes les portions du territoire francais qui ne sont pas 

B 1 u n t s c h 1 i , allgemeine Statslehre. 1 9 



290 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



Es gehören hieher auch die unwirthlichen Theile der 
Erdoberfläche, die Eis- und Schneefelder der Hochgebirge, 
die unzugänglichen Schluchten und Moore und dergleichen. 
Freilich ist diese Unwirthlichkeit nur eine relative. Auch 
das Gletschereis ist zu einer Handelswaare ausgebeutet und 
auf Felsgräthen sind Gasthöfe gebaut worden. Das Privat* 
eigenthum daran ist dann regelmäszig von dem State abge- 
leitet worden. 

Den von Natur öffentlichen Sachen stehen zur Seite die 
Sachen, welche die statliche Cultur dem Privatverkehr 
entzogen und dem öffentlichen Dienste Aller oder des Stats 
zugewiesen hat, wie insbesondere öffentliche Straszen und 
Canäle, öffentliche Plätze u. s. w. Alle diese Sachen sind res 
publicae (Domaine public), und so lange sie in diesem Zu- 
stand verharren, gibt es überhaupt kein Privateigenthum daran, 
auch nicht des Stats, obwohl man zuweilen die Herrschaft 
des Stats über dieselben Eigenthum nennt. 

2. Andere Sachen sind zwar ihrer Natur nach fähig des 
Privateigenthums, aber im Sinne des modernen Rechtes, weil 
sie immerhin eine nähere Beziehung auf die allgemeine TV ohl- 
fahrt haben, oder weil ihre Ausbeutung eine über die Schran- 
ken des gewöhnlichen und theilbaren Privateigenthums hin- 
ausreichencle umfassende Wirthschaft erfordert, dem höheren 
Rechte des States unterworfen. Dahin gehören insbesondere 
Bergwerke, Salinen und ähnliche Regale. 

3. Von den öffentlichen Sachen im engeren Sinne unter- 
scheiden wir die dem State zugehörigen und für besondere 
öffentliche Functionen des States bestimmten Sachen, wie 

susceptibles d'une propriete privee, sont consideres comme des depen- 
dances du domaine public.'-'' Der Sachsenspiegel II. 28. §. 4 scheint 
ebenfalls nur stromartige Flüsse für öffentliche zu halten: „Svelk water 
strames vlüt, dat is gemene to varene unde to vischene inne. u Das 
preus zische Landrecht II. 15. §. 38, 41. beschrankt den Begriff sogar 
auf „schiffbare 14 Flüsse und weisz auch von flöszbaren Privatflüssen. 
Aehnlich das österr. Ges. §. 407. 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 291 



insbesondere öffentliche Gebäude, Residenzen, Amtshäuseiv 
Festungen, Zeughäuser, Casernen u. s. f. Hier läszt sich,, 
der äuszeren Art dieser Sachen gemäsz, füglich von Eigen- 
thum des States daran sprechen. Aber die nahe Beziehung 
dieses Eigenthums zu den öffentlichen Statszwecken hebt das- 
selbe doch von dem gewöhnlichen Privateigenthum ab, und 
hemmt auch, so lange diese Bestimmung dauert, den Privat- 
verkehr. Diese Sachen müssen in der Gewalt des Stats als 
öffentliches Gut (relatives Domaine public) verbleiben, damit 
ihre Bestimmung gesichert sei. 

4. Die geschichtliche Thatsache, dasz das meiste Privat- 
eigenthum an Liegenschaften ursprünglich von dem State 
abgeleitet worden ist, welcher das eingenommene Land unter 
die Krieger oder die Familien des Stammes zu Eigenthum 
vertheilte, wirkt insofern noch nach, dasz nach vielen Lan- 
desrechten, das spätere Erlöschen des Privateigenthums an 
dem Boden — z. B. durch Auswanderung oder Aussterben 
der Familien — nicht eine herrenlose Sache, sondern den 
Rückfall an den Stat zur Folge hat, der darüber neu ver- 
fügen kann. Auch heute noch ist es ein Grundsatz der eng- 
lischen und der nordamerikanischen Rechtsbildung, dasz der 
Boden in den neu zu colonisirenden Territorien dem State 
gehöre, und dasz daher die Colonisten ihre Grundstücke von 
dem State erkaufen müssen. 

Mir scheint, diese Behandlung des noch nicht oder nicht 
mehr im Privateigenthum befindlichen Bodens als von Sachen, 
über die es dem State zukommt, zu verfügen, rechtfertige 
sich aus der Idee der Landesherrschaft, welche auch die Pri- 
vatherrschaft zu ordnen hat, und wo diese fehlt, vorerst alle 
Rechtsmacht verwaltet. 6 

Den Liegenschaften sind die erblosen Erbschaften 

6 Vgl. Pierantoni Biritto Costitutionale Napoli 1873. Bd. I. S. 306 ff.: 
„La proprietä dello Stato. u 



292 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



gleich zu stellen, zumal auch hier ein Eingreifen beliebiger 
Occupanten ohne grobe Unordnung nicht möglich ist. 

Dagegen ist es ein Irrthum, der aus jener falschen Vor- 
stellung von Statseigenthum entsprungen ist, wenn ein natür- 
liches Eigenthum des States an herrenlosen Sachen über- 
haupt behauptet wird, die in seinem Gebiete vorhanden sind 
oder wenn die Fremden von der Occupation solcher 
Sachen ausgeschlossen sind und diese ausschlieszlich dem 
State selbst oder seinen Angehörigen vorbehalten wird. 

Dem römischen Rechte ist denn auch jene irrthümliche 
Ansicht fremd. An den eigentlichen res nullius hatte der 
Stat gerade so wenig Rechte als jede andere Privatperson. 
Wer immer, ob Fremder, ob römischer Bürger, dieselben 
occupirte, wurde durch die Occupation Eigenthümer. 7 In dem 
Mittelalter dagegen war allerdings die Vorstellung der lehens- 
herrlichen Oberhoheit und die des Patrimonialstates einer 
Ausdehnung der Statsherrschaft auch auf Gegenstände des 
Privatrechtes günstig: und in manchen neuern Rechten hat 
sich diese frühere Anschauung groszentheils noch erhalten. 

Wir erwähnen: 

a) Das preuszische Landrecht, welches mit Bezug 
auf gewisse Arten von Sachen, insbesondere auf Liegenschaf- 
ten, Erbschaften, nutzbare Landthiere , aufweiche noch kein 
Individuum ein besonderes Recht erlangt hat, oder die von 
ihrem frühem Eigenthümer verlassen worden . dem State ein 
Vorzugsrecht zur Occupation zuschreibt, in Folge dessen 
ein Anderer dieselben nicht ohne Einwilligung des States in 

* Gajus, in L. 3 pr. de Adquir. rer. dominio: „Quod enim nullius 
est, id ratione naturali occupanti eonceditur." Vgl. L. 1. pr. eod. 
Klüber, öffentl. Recht des deutschen Bundes, §. 337. hat die Theorie 
aufgestellt, dasz die sogenannten adespota, d. h. herrenlose Sachen, 
innerhalb des Statsgebiets nicht von Fremden occupirt werden können. 
Warum aber sollte der Vogel , der einem Fremden ins Zimmer fliegt und 
von diesem gefangen wird, demselben weniger gehören als einem Ein- 
heimischen? 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 293 



Besitz nehmen darf. An andern herrenlosen Sachen dagegen 
erkennt auch das preuszische Landrecht die Occupationsfrei- 
heit an. 8 

b) Das englische Kecht hält auch hierin die mittel- 
alterliche Vorstellung strenger fest, indem es in der Regel 
dem Könige das Eigenthum an herrenlosen Sachen zuschreibt. 9 
Nur ausnahmsweise erkennt dasselbe an einzelnen beweg- 
lichen Sachen ein freies Occupationsrecht an. 10 

c) Das französische Recht ist dem englischen ähnlich. 
Es stellt ganz allgemein das Princip auf: „Die herrenlosen 
Sachen gehören dem State." 11 

d) Das österreichische Gesetz nähert sich dagegen 
der römischen Ansicht. Es erkennt die umgekehrte Kegel 
an, dasz die herrenlosen Sachen (dort „freistehende Sachen" 
genannt) der freien „Zueignung" anheimfallen. 12 

5. In Folge der (politischen) Oberherrschaft des States 
über Land und Leute, und aus seiner Verpflichtung, auch 
das Nebeneinanderbestehen und das Nach einander- 
bestehen der Individuen zu schützen. Dahin gehören die 
Besteuerung und die sämmtlichen polizeilichen Be- 
schränkungen des Privateigenthums. 

6. In Folge des Rechtes der Enteignung (expropriatio). 
Gewöhnlich nimmt man an, das Recht der Enteignung 

sei von den Römern nicht anerkannt, vielmehr die Freiheit 
des Eigenthums auch dann unbedingt geschützt worden, wenn 
der Stat der Abtretung im Interesse allgemein nützlicher 
Unternehmungen bedurft habe. Indessen steht nur so viel 

8 Preusz. Ldr. II. 16. §. 1 ff. 

9 Black st. I. 8. führt eine Stelle von Bracton an: „Haec quae 
nullius in bonis sunt et olim fuerunt inventoris de jure naturali, jam 
efficiuntur principis de jure gentium. u 

10 Blackst. II. 16. 26. 

11 Code Civ. §. 713: „Les biens qui n"ont pas de maitre appartiennent 
ä l'Etat." Vgl. §§. 539. 723. 768. 

12 §. 381 ff. 



294 



Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



fest, dasz die Römer kein allgemeines Abtretungsrecht zu- 
gelassen haben. Ihre groszen Canäle, ihre in gerader Rich- 
tung durchgeführten Heerstraszen , ihre Wasserleitungen und 
Befestigungswerke aber wären unerklärbar, hätte nicht der 
Stat im einzelnen Falle die Macht besessen, die Grund- 
eigenthümer zur Abtretung zu nöthigen. Wahrscheinlich ver- 
fuhren die Römer, wenn solche Bedürfnisse vorlagen . ähnlich, 
wie bis auf die neueste Zeit die Engländer, d. h. sie erlieszen 
ein Specialgesetz für den besondern Fall. Auch gegen- 
wärtig noch bedarf es, wie in frühern Zeiten, in England 
einer Parlaments acte, wenn die Eigenthümer zum Bedarf 
einer öffentlichen Unternehmung angehalten werden sollen, 
ihr Eigenthum abzutreten. 13 

Auf dem Continente dagegen ist das Recht der Enteig- 
nung gewöhnlich in neuerer Zeit allgemein anerkannt und 
regulirt worden. Viele neuere Verfassungen enthalten das 
Princip, dasz der Stat berechtigt sei, aus Gründen der öffent- 
lichen Wohlfahrt und gegen volle Entschädigung die Abtre- 
tretung des Eigenthums zu erzwingen. 14 

13 Vgl. Blackstone, I. 1. und eine Reihe neuerer Gesetze über 
Canäle und Eisenbahnen. Beispiele in dem „Neuesten Expropriations- 
codex". Nürnberg 1837. 

14 Bayerisches Landrecht von 1756 IV. 3. §. 2. Preussisches 
Landrecht I. 2. §. 4. 7. Code Napnl. §. 545: „Nul ne peut etre contraint 
de ceder sa propriete , si se n'est pour cause d'utilite publique , et moyen- 
nant une juste et prcalable indeninite." Oesterr. Gesetzb. §. 365.; 
„Wenn es das allgemeine Beste erheischt, musz ein Mitglied des States 
gegen eine angemessene Schadloshaltung selbst das vollständige Eigen- 
thum einer Sache abtreten." Verfassung von Frankreich v. 1848. 
§. 11. gleichlautend mit der Charte von 1814. §. 9. und dem Code: von 
Belgien 1831. §. 11, von Neapel 1848. §. 26. ebenso Oesterr. Verf. 
von 1849. §. 29, ähnlich der obigen Bestimmung des Gesetzbuchs. 
Preuszische Verfassung von 1850. A. 9: „Das Eigenthum ist unver- 
letzlich. Es kann nur aus Gründen des öffentlichen Wohles gegen vor- 
gängige, in dringenden Fällen wenigstens vorläufig fest- 
zustellende Entschädigung nach Maszgabe des Gesetzes entzogen oder 
beschränkt werden." 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 295 



Dieses Princip wird vollständig durch die Erwägung ge- 
rechtfertigt, dasz im Conflicte bloszer individueller Privat- 
rechte und allgemeiner öffentlicher Rechte den letztern der 
Vorzug, aber nicht in weiterem Umfange gebührt, als die 
Lösung des Conflictes es erheischt. Das öffentliche Interesse 
wird durch das Recht des States auf Abtretung, das indivi- 
duelle Interesse durch das Recht des Privaten auf volle Ent- 
schädigung gewahrt. 

Die Ermittlung des öffentlichen Interesses im einzelnen 
Falle, d. h. die Beantwortung der Frage, ob ein öffent- 
liches Bedürfnisz die Abtretung erheische, gehört 
ihrer Natur nach dem öffentlichen Rechte an, und ist 
somit nicht von den Civilgerichten zu entscheiden, sondern 
von den Organen der eigentlichen Statsgewalt, sei es nun, 
dasz der Gesetzgeber selbst, wie in England und Nordame- 
rika, das Unternehmen für nöthig erklärt, oder dasz die Ver- 
waltungsbehörden, wie in Deutschland gewöhnlich, diese Com- 
petenz haben oder Verwaltungsgerichte darüber erkennen. 
Die leztere Verfahrungsweise ist im Princip richtiger; denn 
Sache der Regierung ist es , im einzelnen Falle das anzuord- 
nen, was das öffentliche Wohl erfordert, und in höherem 
Masze kommt auch die Fähigkeit ihr zu, die Zweckmäszig- 
keit der Mittel zu beurtheilen. Nur allerdings müssen die 
Formen des Verfahrens Garantien dafür bieten, dasz nicht 
blosze Willkür und Laune einen Eingriff in das Privatrecht 
veranlassen. 14 

Das Recht auf Zwangsabtretung gebührt zunächst nur dem 
State, und für den engern Kreis der öffentlichen Gemeinde- 
interessen der Gemeinde, nicht aber Privatpersonen. 
Indessen kann der Stat, sowie er die Ausführung einzelner 
Unternehmungen in öffentlichem Interesse an Privatpersonen 

14 Bayerisches Gesetz v. 1837. Vgl. Treichler, über die Zwangs- 
abtretung in der Zeitschrift für deutsches Recht von Beseler, Reyscher 
und Wilda. Bd. XII. H. 1. 



296 Drittes Buch. Die Grundlagen des Stats etc. Das Land. 



überläszt, diesen — einzelnen Individuen oder Gesellschaften 
— ausnahmsweise auch die Befugnisz einräumen, für diesen 
besonderen Zweck die Abtretung zu verlangen. Selbst in 
England und Nordamerika ist diese Uebertragung des Rechts 
auf Abtretung häufig von dem gesetzgebenden Körper an 
Actiengesellschaften, z. B. für Erbauung von Eisenbahnen, 
zugestanden worden. 

Viele Gesetzgebungen beschränken die Abtretungspfiicht 
theils auf Liegenschaften, theils auf bestimmte einzeln be- 
nannte Zwecke. Das Princip in seiner Reinheit aber wider- 
streitet diesen Beschränkungen, indem ganz die nämlichen 
Gründe, welche diese engere Anwendung rechtfertigen, auch 
auf fahrendes Gut oder andere Vermögensrechte und auf 
Zwecke passen , welche erst nach der gesetzlichen Aufzählung 
durch neue Erfindungen und erweiterte Culturbedürfnisse sich 
ergeben. 

Die Frage dagegen, wie hoch die Entschädigung zu be- 
stimmen sei, welche dem Abtretungspflichtigen zukomme, ist 
von durchaus privat rechtlicher Natur, somit auch, wenn 
sie nicht durch freien Vertrag zur Erledigung gelangt , auf 
dem Wege des Civilprocesses zum Entscheide zu bringen. 
Der Stat ist immerhin zu voller Entschädigung verpflichtet. 
Dem Privaten darf kein Schaden zugemuthet werden, welcher 
ihn allein betrifft. Demgemäsz ist nicht blosz der gemeine 
Verkauf s werth, sondern es ist auch der besondere 
Mehr werth, welchen die Sache für den zur Abtretung ge- 
zwungenen Eigenthümer hat, diesem zu ersetzen, nicht blosz 
das unmittelbare, sondern auch das mittelbare Interesse. Da- 
gegen ein blosz eingebildeter Mehrwerth, der über den 
wirklichen hinaus reicht, also insbesondere auch der blosze 
Affections werth , den der Eigenthümer der Sache beilegt oder 
beizulegen vorgibt, braucht nicht vergütet zu werden. 

Einzelne Rechte lassen bei Berechnung zwar nicht des 
unmittelbaren Schadens, der jedenfalls vergütet werden musz, 



Siebentes Capitel. VII. Verhältnisz des Stats zum Privateigenthum. 297 

wohl aber des mittelbaren Schadens, den der Eigenthümer 
erleidet, als Gegenwerth den mittelbaren Vortheil , den er aus 
dem Unternehmen gewinnt, in Abzug bringen. 15 Andere da- 
gegen lassen keinerlei Compensation der Vorth eile zu , welche 
aus dem Unternehmen dem Abtretungspflichtigen erwachsen. 16 
In der Beschränkung, wie sie das Züricher Gesetz formulirt, 
ist die erstere Meinung doch wohl die richtigere, weil sie 
den wirklichen Werth- und Schadensverhältnissen genauer 
entspricht. 

15 Franz ös. Gesetz von 1841. Art. 51. Zürcher Gesetz von 1838. 
§. 7.: „Bei Berechnung des mittelbaren Schadens für das übrige Ver- 
mögen des Betheiligten ist der allfällige Vortheil, welcher demselben auf 
der Unternehmung erwächst, in billige Berücksichtigung zu ziehen. u 
Z. B. Ein Garten wird durch die Strasze durchschnitten. Die eine zu- 
rückbleibende Seite verliert als Garten an Werth, aber gewinnt als Bau- 
platz mehr an Werth, als sie in ersterer Eigenschaft verloren hat. Hier 
wäre es unbillig, müszte der Stat auch jenen Verlust ersetzen. 

16 Bayer. Ges. v. 1837. 6. 



Viertes Buch. 

Von der Entstehung und dem Untergang 
des States. 

Erstes Capitel. 
Einleitung. 

Die Frage nach der Entstehung des States läszt 
sich von zwei verschiedenen Standpunkten aus stellen. Ent- 
weder will man die Bedingungen und die Vorgänge prüfen, 
unter denen die vorhandenen Staten entstanden sind. Oder 
man fragt nach der nothwendigen Ursache, welche aller Staten- 
bildung zu Grunde liegt, nach dem Rechtsgrunde des Stats. 
Auf die erste Frage kann nur die Geschichte Antwort geben. 
Die zweite Frage wird von der Speculation beantwortet. Die 
Geschichte findet mannigfaltige Vorgänge , die sie beobachtet, 
und unterscheidet daher verschiedene Erscheinungen und Ent- 
stehungsformen. Die Speculation, von der Einheit des Stats- 
begriffs ausgehend, verlangt auch Einheit der Begründung. 

Ziehen wir vorerst die Geschichte zu Rathe. und ver- 
trauen wir dann erst der philosophischen Betrachtung, wenn 
wir die Erfahrung der Völker kennen. 

Die Entstehung der ersten Staten ist älter als unsere 
Wissenschaft der Geschichte. Diese ist erst zu einigem Be- 



Erstes Capitel. Einleitung. 



299 



wusztsein gelangt, als es schon mancherlei Staten auf der 
Erde gab. Selbst die uralten heiligen Bücher der Juden, 
welche uns über die erste Entstehung des jüdischen States ein 
Zeugnisz geben, setzen doch den altern ägyptischen voraus, 
ohne uns von dessen Geburt zu berichten. Und dem ägypti- 
schen Stat hat vielleicht der indische als Vorbild gedient, 
dessen erste Pflanzung auch die heiligen Schriften der Indier 
nicht beleuchten. 

Wohl aber hat die Geschichte seither den Anfang und 
das Ende sehr vieler Staten beobachtet, und ertheilt uns so 
einen viel reichhaltigeren Aufschlusz über die Gründung und 
den Untergang der Staten, als die blosze Speculation. Die 
Staten des Alterthums sind in Europa alle, in Asien fast alle 
schon seit Jahrhunderten verstorben ; die Geburt der meisten 
gegenwärtig bestehenden Staten fällt in eine historisch be- 
kannte Zeit. Manche derselben sind noch von sehr jungem 
Alter. Die Vorbedingungen ihrer Enstehung, und die Mo- 
mente, durch deren Einwirkung sie geworden, sind unserm 
Blicke keineswegs verborgen, wenn uns schon, wie in aller 
geistigen und physischen Schöpfung , die schöpferische Kraft 
selbst wie durch ein göttliches Geheimnisz verhüllt bleibt. 

Die Art des Ursprungs eines States ist aber nicht blosz 
ein Phänomen von groszem psychologischem und historischem 
Interesse. Sie übt auch einen fortwährenden Einflusz aus auf 
das ganze übrige Leben des States, und bestimmt groszen- 
theils auch sein Verhältnisz zu andern Staten. 1 

Daher hat es für das Statsrecht noch mehr Interesse, die 
verschiedenen Entstehungsformen der Staten zu betrachten, 
als für das Privatrecht die mancherlei Formen des Eigen- 
thumserwerbs , obwohl die Neuern die erstere Lehre fast ganz 

1 Tocqueville , de la democratie en Ameriqne. I. S. 46: „Les peuples 
se ressentent toujours de leur origine. Les circonstanees qui ont accom- 
pagne leur naissance et servi ä leur developpement influent sur tont le 
reste de leur carriere." 



300 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



vernachlässigt, die letztere aber fortwährend sorgfältig behan- 
delt haben. Wir können drei verschiedene Gruppen der Ent- 
stehungsformen unterscheiden : 

1) Die ursprünglichen (originären) Entstehungs- 
formen, in denen die Statenbildung ganz neu, in dem Volke 
und Lande ihren Ursprung nimmt, ohne Ableitung von be- 
reits vorhandenen Staten. 

2) Die secundären Entstehungsformen* welche zwar 
auch von Innen heraus, aus dem Volke den Stat hervorbrin- 
gen, aber in Anlehnung und mit Beachtung schon früher vor- 
handener Staten, die entweder zu einem neuen Gesammtstate 
sich verbinden und einigen, oder durch Theilung in mehrere 
neue Staten zerfallen. 

3) Die abgeleitete Statenbildung, die nicht von Innen 
heraus, sondern von Auszen her Anstosz und Richtung em- 
pfängt. 

Immerhin aber darf die neue Statenbildung, von 
welcher hier allein die Rede ist, nicht verwechselt werden 
mit bloszen Verfassungsänderungen eines States, ein 
Unterschied, auf den schon Bodin 2 mit Recht aufmerksam 
gemacht hat. Durch die Umgestaltung des alt-römischen König- 
thums in die Republik kam nicht ein neuer Stat ins Dasein; 
so wenig als durch die Abschaffung der republikanischen Stats- 
form und die Einführung des Kaiserthums. Diese Wandlun- 
gen in der Regierungsform bezeichnen verschiedene Lebens- 
perioden und Zustände desselben -States, sie sind nicht die 
Anfänge verschiedener Staten. 

2 liodinus, De Republica. IV. c. 1. Die letztern nennt er „conver- 
siones. u „Conversionem civitatis appello, cum Status ipsius convertitur 
ac omnino mutatur; id autern fit, cum imperium populäre ad unum aut 
paucorum potestas ad omnes cives defertur contraque." 



Zweites Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. I. Ursprüngliche. 301 



Zweites Capitel. 
A. Geschichtliche Entstehungsformen. 

I. Ursprüngliche. 

1. Die originärste Statenbildung unter all den 
mannichfaltigen Entstehungsformen ist in der Sage von der 
Gründung Roms dargestellt. Alles ist hier neu, sowohl das 
Volk, welches sich aus mancherlei Bruchstücken verschiede- 
ner Volksstämme um gemeinsame Häuptlinge her einigt und 
zum römischen Volke wird, als das unwirthliche und herren- 
lose Land, welches in Besitz genommen und zu dem Boden 
der ewigen Stadt bestimmt wird. In dieser Sage liegt der 
Gedanke einer von Grund aus neuen Schöpfung. Die 
Organisation der Menschenmenge zu einem statlichen Volke 
geht der Festsetzung auf einem Statsgebiete nicht eine Weile 
vorher, die Beziehung auf die Stadt ist ebenfalls ursprüng- 
lich. Beide Momente treffen so in Eins zusammen, und die 
neue Statengründung wird sofort durch die erbetene Gut- 
heiszung der Götter geheiligt, und durch das von dem neuen 
Könige dem geordneten Volke gegebene und von diesem ge- 
billigte Gesetz statsrechtlich befestigt. Der schöpferische Geist 
des Königs und der statliche Wille des Volks begegnen sich 
in dem Statsgesetz als in einem einheitlichen Gonstitui- 
rungsact, 1 und der Stat ist da als das freie Werk des be- 
wuszten Volkswillens. 

Ob diese Form eines schöpferischen Statsactes, 

1 Leo, Weltgesch. I. 393. bezeichnet den „Vertragt als das charak- 
teristische Moment der Gründung Roms, und in der That erinnert die 
alte Form der römischen Gesetzgebung an die gewöhnliche Form der 
obligatorischen Verträge, an die stipulatio. Deesen ungeachtet ist das 
römische Gesetz, wenn man auf das Wesen sieht, kein Vertrag zweier 
selbständigen Personen, sondern ein einheitlicher Act des römischen 
Volks. 



302 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



wie wir sie nennen können, jemals wirklich vorgekommen 
sei, mag immerhin bezweifelt werden. Jedenfalls entspricht 
sie der Statsidee, welche gewissermaszen in ihr vollendet, wie 
die Athene aus dem Haupte des Zeus, in das Leben über- 
tritt, am vollkommensten. 

2. Das Land ist vorher da, aber in dem Lande gelangt 
später erst das Volk zu dem Bewusztsein einer statlichen 
Zusammengehörigkeit. Hier liegt das statenbildende Moment 
in der Volksorganisati on. Auch dafür finden wir in der 
alten Sage ein berühmtes Vorbild. Die Athener gelten als 
Kinder des attischen Landes (Autochthonen) , welches sie Jahr- 
hunderte lang bebauten, bevor der Stat Athen gegründet 
wurde. Mag man nun die Entstehung dieses States von Kekrops 
herleiten, der zuerst unter den noch rohen Landeseingebor- 
nen die Verehrung der Götter, ein gesittetes Familienrecht, 
den Ackerbau und die Pflanzung des Oelbaums eingeführt, 
das gesammte Volk in kastenartige Stämme geordnet und 
Regierung und Gericht eingesetzt habe, oder mag man die- 
selbe erst dem Könige Theseus zuschreiben, welcher die zer- 
streuten Gemeinden des Landes zu einem einheitlichen Ge- 
meinwesen verbunden und die Leitung desselben in Athen 
concentrirt habe : 1 unter beiden Voraussetzungen liegt in der 
Organisation des Volks ,- welchem das Land gehörte, die Ver- 
wirklichung des States. 

Eine historisch genau beobachtete 3 Anwendung dieser 
Statenbildung durch Volksorganisation in einem bestimmten 
Lande ist die Gründung der Republik Island im Jahr 930 
n. Chr. Zuvor gab es nur vereinzelte Niederlassungen der 
zahlreichen Häuptlinge (Goden) auf der Insel, unverbundene 

2 Die Athener nannten diese Concentration der Gemeinden zum State 
gvvoUia. Vgl. darüber die lehrreiche Abhandlung von W. Vi scher: 
Ueber die Bildung von Staaten und Bünden im alten Griechenland. 
Basel 1849. 

3 Vgl. Maurer Beiträge zur Rechtsgesch. des germ. Norden. 1852. 
Heft 1. 



Zweites Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformell. I. Ursprüngliche. 303 



Herrschaften selbständiger Godorde mit ihren Tempeln und 
Dingstätten. Damals aber wurde auf den Antrag Ulfljots mit 
Zustimmung der Goden ein für die ganze Bevölkerung der 
Insel gemeinsames Allding beschlossen und so für die Gesetz- 
gebung und Rechtspflege ein Gesammtorgan geschaffen, dem 
alle Godorde untergeordnet waren. Damit aber hatte sich 
die Bevölkerung der Insel zu einem statlichen Volke con- 
stituirt. 

Auch die Gründung des States Kalifornien, die vor 
den Augen der mit uns Lebenden vollzogen worden ist, er- 
scheint als freie Constituirung eines neuen Volkes auf einem 
den Vereinigten Staten von Nordamerika zugehörigen Gebiete. 
Der Hunger nach Gold hatte aus aller Welt eine unverbun- 
dene Menge verschiedener Individuen zusammen getrieben, 
und diese wählten am 1. September 1849 Abgeordnete zu 
einem Verfassungsrath e und schon am 13. October lag die 
Verfassungsurkunde des neuen States dem neuen Volke zur 
Genehmigung vor. Es ist schwerlich ein Beispiel in der Ge- 
schichte zu finden , welches leichter für die Möglichkeit einer 
Statenbildung durch freie Uebereinkunft der betheiligten In- 
dividuen gedeutet werden kann, als dieses; und dennoch kann 
es einer genaueren Betrachtung dieses Falles nicht verborgen 
bleiben, dasz auch da nicht der Vertrag aller Individuen, 4 
sondern der Beschlusz und Wille der Mehrheit den Ent- 
scheid gab und dasz die Einheit der Gemeinschaft als 
nothwendig vorausgesetzt wurde. Nicht der Einzelwille der 
Individuen, der Gesammtwille der ganzen Bevölkerung schuf 
die Verfassung. 

Die heutige amerikanische Statenbildung innerhalb der 
Union der Vereinigten Staten hat durchaus diesen Charakter. 
Vorerst wird ein Land (ein sogenanntes Territorium) abge- 

4 R. v. Mohl hat in der Zeitschr. v. Mittermaier für ausländ. 
Rechtswiss. XXVII. 5. 394, dieses Beispiel näher ausgeführt und für die fc 
Theorie des Contrat social benutzt. 



304 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



messen und den Colonisten zum Anbau eröffnet. Dieses Land 
wird vorerst noch als Provinz der Union betrachtet und für 
die Verwaltung derselben von der Unionsregierung gesorgt. 
Wenn aber nach und nach die Bewohner sich vermehren und 
zu einer Völkerschaft heranwachsen, dann erhalten sie durch 
die neue Verfassung die noch fehlende Organisation und das 
so statlich geordnete Territorium wird nun von dem Congresz 
als ein neuer Stat anerkannt. 

3. Weit häufiger kommt es vor, dasz die Bildung eines 
Volkes vorhergeht, und die Besitznahme des Landes 
als des zweiten zum Dasein eines States unentbehrlichen Ele- 
mentes nachfolgt. Wir können diese Form die Landnahme 
heiszen. 

Sie kann zunächst als Eroberung eines bewohnten 
Landes sich darstellen. Diese Form von Statenbildung ist 
sehr häufig zur Anwendung gekommen. Die erste jüdische, 
ein bedeutender Theil der griechischen (der dorischen) 
und die ganze Statenbildung der germanischen Völker auf 
römischem Provinzialboden und in slavischen Ländern tragen 
diesen Charakter. In ihr stellt sich die kriegerische U eber- 
macht eines Volkes über die Einwohner des eroberten Lan- 
des dar, und wie der Krieg nach der einen Seite hin zer- 
störend wirkt, so offenbart sich auf der andern Seite in ihm 
eine positive gewissermaszen Staten zeugende Kraft. Die stat- 
lichen Eigenschaften der Unterordnung und männlichen Herr- 
schaft werden im Kriege gesteigert, und so das siegreiche 
Volk zur Gründung eines neuen States in dem unterworfenen 
Lande vorzüglich befähigt. 

Die so entstandenen Staten haben in den ersten Zeiten 
ihres Daseins, abgesehen von den äuszern Verhältnissen, grosze 
innere Schwierigkeiten zu überwinden. Auch wenn der Kampf 
der Waffen nicht erneuert wird, so beginnt doch gewöhnlich 
ein innerer Geistes- und Culturkampf zwischen dem erobern- 
den und denr unterworfenen Volke . und dauert fort bis die 



Zweites Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. I. Ursprüngliche. 305 



völlige politische Einheit der gemischten Nation vollzogen ist. 
Um vor dieser Gefahr sein neu organisirtes Volk zu bewah- 
ren, hatte Moses den Juden zur Pflicht gemacht, dasz sie 
die Einwohner des heiligen Landes, das ihnen Jehovah ver- 
leihen werde, mit Feuer und Schwert vertilgen sollen. Dieser 
Gefahr sind auch manche siegreiche Völker erlegen, indem 
die höhere Cultur der Besiegten dieselben in kurzem wieder 
unterwarf. 

Von jeher ist die Eroberung, obwohl in Form der Ge- 
walt auftretend, als eine Quelle des statlichen Hechtes unter 
allen Völkern angesehen worden, und das Wort Alexanders 
des Groszen, 5 dasz der Sieger das Gesetz gebe, der Besiegte 
es annehme, ist noch heute nicht verschollen. 

Gewisz ist der Rechtszustand noch ein unvollkommener, 
in welchem die äuszere Gewalt einen so übermächtigen Ein- 
flusz übt auf die Begründung neuen und die Zerstörung alten 
Rechtes. Aber so roh auch die Form der Eroberung ist, es 
liegt in ihr doch ein geistiger Gehalt verborgen, welcher jene 
rechtliche Bedeutung erklärt. Die alten, in vorzüglichem Sinne 
die germanischen Völker betrachteten den Krieg als einen 
groszen Völkerprocesz, und den Sieg, welcher von den Göttern 
verliehen werde , als ein Gottesurtheil zu Gunsten des Siegers. 6 
In der Eroberung also stellte sich nicht die blosze physische 
Uebermacht dar, sondern sie galt auch als eine Beurkundung 
der moralischen Uebermacht, welche zur Herrschaft im 
State berechtigt. Daran kann auch das moderne Statsbewuszt- 

5 Curtius Rufus, Vita Alex. lib. 4. Vgl. Hugo Grot. De jure b. 
a. p. III. c. 8. §. 1. führt auch ein Wort des germanischen Königs Ario- 
vist zu Cäsar an: „Es sei das Recht des Krieges, dasz die Sieger, wie 
sie wollten, über die Besiegten gebieten." {Cäsar de B. G. 1. 36.) Vgl. 
oben Cap. 9 der Einleitung. 

6 Bluntschli Studien, S. 202: „Der Krieg ist nur die bisherige 
und noch rohe Form der Völkerrechtspflege. Das Bewusstsein aber, dasz 
das nur der Anfang sei zu einem gerechteren und menschlicheren Ver- 
fahren, fängt an zu erwachen." 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 20 



306 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



sein anknüpfen, welches den Stat menschlich begreifen will. 
Zwar wird es sich weigern, jeden Sieg für eine Bewährung 
des Rechts und jede Niederlage als ein Zeichen des Unrechts 
anzuerkennen; es wird die Ueberlegenheit der Kriegswaffen 
nicht mehr als einen Rechtsgrund betrachten. Aber es wird 
das Resultat der groszen geschichtlichen Entwick- 
lung, die von Zeit zu Zeit wieder die streitenden Kräfte der 
Nationen zur Ruhe bringt, als eine natur- und zeitgemäsze 
Erledigung des Volks- und Statsprocesses betrachten und ihr, 
da auch die sittlichen und rechtbildenden Momente darin wir- 
ken, die Bedeutung eines weltgeschichtlichen Urtheils 
zuschreiben: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Die 
nachfolgende Anerkennung des neuen Rechtszustandes, 7 sei 
es durch den Friedensvertrag oder durch freiwillige Unter- 
werfung der Bewohner, als eines nothwendigen durch die Be- 
völkerung heilt die rechtlichen Mängel der anfänglichen Be- 
sitznahme. 

Eine andere friedlichere Form solcher Landnahme ist die 
Ansiedlung von politischen Genossenschaften in einem un- 
bewohnten Land oder in einem wenig cultivirten Lande in 
der Absicht, da einen neuen Stat zu gründen. Manche Colo- 
nien der Europäer in fremden Welttheilen haben diesen Cha- 
rakter. Nur wenn die Colonisation von dem Mutterstate ge- 
leitet wird , gehört sie zu den abgeleiteten Entstehungsformen 
(Cap. IV. 1.); wenn die bereits als Körperschaft geordneten 
Colonisten, wie jene Pilger nach Neu-Engkind, aus eigener 
Kraft und mit eigener Gefahr neue Gemeinwesen auf Boden 
begründen, der bisher noch keinem State angehört, so ist 
das wesentlich ursprüngliche Statenbildung. Bleiben die bar- 
barischen Urbewohner auf dem Gebiete des neuen Coloni- 
stenstats zurück, so ist die Schwierigkeit, das Verhältnis* 

'Bluntschli Mod. Völkerr. §. 701: „Die Eroberung begründet 
erst in Folge der Ergebung cder des Friedensvertrages einen neuen fried- 
lichen Rechtszustand." 



Drittes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. IL Secundäre. 307 

der beiderlei Bevölkerungen zu ordnen, fast ebenso grosz,. 
wie in dem eroberten Lande. Die Uebeiiegenheit eines Cul- 
turvolks über die Barbaren führt aber durchweg zur Herr- 
schaft jener über diese. 



Drittes Capitel. 

II. Secundäre Entstehungsformen. 

A. Es können zwei oder mehrere Staten, die sich in 
ihrer Isolirung zu schwach fühlen, oder um für ihre nationale 
Gemeinschaft Einheit zu gewinnen , zu einem neuen gröszeren 
Statswesen sich zusammen schlieszen. Wir nennen diese For- 
men Bünde. Das neue gröszere Statswesen wird hier nicht 
durch den Vertrag der Individuen, sondern durch Vertrag 
der verbündeten Staten entweder begründet oder doch vor- 
bereitet. Ein neuer Gesammtstat kommt aber erst durch die 
neue Bundesverfassung zu Stande. 

Von der Art waren schon die alten gri echischen Con- 
föderationen der böotischen Orte, der verunglückte Versuch 
des Epaminondas, die Arkader zu einigen, die Symmachie, 
über die Sparta Hegemonie übte, der ätolische und der 
achäische Bund. Von der Art in Italien die Bünde der 
S a m n i t e r , im spätem Mittelalter die Bünde der deutschen 
Hansestädte, der schweizerischen Eidgenossen, der 
niederländischen Staten. 

Diese Form erzeugt zunächst immer zusammenge- 
setzte, nicht einfache Staten, indem sie die verbündeten 
Staten nicht aufhebt, sondern zu einer neuen Statsgenossen- 
schaft vereinigt. Indem sie anfanglich auf Statsvertrag be- 
ruht, mehr als auf Statsgesetz, so uberliefert sie auch den 
folgenden Geschlechtern den Gegensatz mehrerer in wesent- 
lichen Dingen selbständiger, in andern nicht minder wesent- 
lichen aber von der Gesammtheit abhängiger Staten, und mit 



308 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



diesem Gegensätze eine stete Wechselwirkung, häufig auch 
einen Kampf des p a r t i c u 1 ä r e n und des allgemeinen 
Statsgeistes als Erbtheil ihrer Weise. 

Wenn dann im Verfolg das Gefühl der Einheit des Ge- 
sammtstates stärker und die Organisation desselben ausgebil- 
deter wird, dann weicht die Form des Statsvertrags der stat- 
lichen Form des Verfassungsgesetzes. 

Auf diesem Gegensatze beruhen die beiden Hauptformen 
der statlichen Verbündung: die Conföderation oder der Staten- 
bund und die Föderation oder der Bundesstat. Beide sind 
zusammengesetzte Statskörper, und insofern von bloszen Allian- 
zen, die keinen neuen Stat bilden, verschieden. Nur die erste 
aber hält den Charakter der vertragsmäszigen Verbündung 
von Staten fest, die letztere macht den Fortschritt zur Bil- 
dung eines Gesammtstats (Union). 

1. Die Conföderation oder der Statenbund, indem 
sie mehrere Staten zu einer Statsgenossenschaft verbindet, die 
wenigstens nach auszen als Gesammtstat als eine völker- 
rechtliche Statsperson erscheint, organisirt sich doch nicht 
als einen von den Einzelstaten verschiedenen Centraistat, son- 
dern überläszt die Leitung des Gesammtstates entweder einem 
Einzelstate als Hegemon oder Vorort, oder der Versamm- 
lung von Gesandten und Stellvertretern aller ver- 
bundenen Einzels tat en. 

Von jener Art waren die griechischen Statenbünde unter 
der Hegemonie von Sparta und Athen, von dieser die schwei- 
zerische Eidgenossenschaft bis 1848 und der deutsche Bund 
von 1815. 

2. In der Föderation oder dem Bundesstate dagegen 
gibt es nicht blosz vollständig organisirte Einzelstaten, son- 
dern voraus einen selbständig organisirten Gesammt- 
stat, Centraistat, Die Bundesgewalt ist nicht einem der 
Einzelstaten (Länderstaten) überlassen, noch der Versamm- 
lung der Einzelstaten anheim gegeben. Sondern sie hat ihre 



Drittes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. II. Secundäre. 309 



eigenen bundesmäszigen oder nationalen Organe hervorgebracht, 
welche nur der Gesammtheit angehören. Der achäische Bund 
mit seiner gemeinsamen Volksversammlung als gesetzgeben- 
dem Körper, dem Bundesstrategen als dem Bundeshaupte, 
dem Bundesrathe und dem Bundesgerichte war schon einiger- 
maszen ein solcher Bundesstat. Zuerst ist diese Statsform 
als eine moderne in den Vereinigten Staten von Nordamerika, 
aber erst in der Unionsverfassung von 1787 ausgebildet und 
dann von der Schweiz in der Bundesverfassung von 1848 
nachgebildet worden. Beide Verfassungen beruhen nicht mehr 
auf einem eigentlichen Staten vertrage, sondern setzen in 
der Idee die Existenz eines Gesammtvolkes und eines Ge- 
sammtstates voraus, deren einheitlicher Wille die Ver- * 
fassung schafft, und von der Minderheit — auch der Einzel- 
staten — Gehorsam fordert. Dadurch wird die Vorstufe der 
Conföderation von Staten überschritten und die höhere Stufe 
der Föderation oder Union betreten. 1 

3. Beide Formen der zusammengesetzten Statenbildung 
sind eher für Republiken als für Monarchien geeignet , wovon 
man sich leicht überzeugt, wenn man die Geschichte der nord- 
amerikanischen und der schweizerischen Bundesverfassung mit 
den Kämpfen über die deutsche Bundesreform vergleicht. 

Die Verfassung des norddeutschen Bundes von 1867 
und die Verfassung des deutschen Reiches von 1871 einigt 
zwar thatsächlich und rechtlich die verschiedenen in Deutsch- 
land wirksamen politischen Mächte und Kräfte zu nationalem 
Zusammenwirken, aber sie macht der principiellen Betrach- 
tung den Eindruck eines Schmetterlings, der noch einen Theil 
seiner Puppe und selbst die Reste seines frühern Raupenzu- 
stands mitschleppt. Ihre Entstehungsform weist einerseits 
auf den freien Vertrag aller Einzelstaten (Fürsten und Kam- 

1 Vgl. darüber besonders den „Federatif u von Hamilton u. Madison, 
und Story 's Comm.; Bluntschli, Gesch. d. Schweiz. Bimdesr. I. S. 352; 
Waitz Politik 1862. 



310 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang- des States. 



nicrii) hin , die Verfassung ist aber ihrem Inhalte nach durch 
den leitenden Willen der preuszischen Regierung in Verbin- 
dung mit den Arbeiten des einheitlichen Reichstags als der 
Vertretung des deutschen Volkes zu Stande gekommen. Wie 
hier Vertrag und Gesetz sich seltsam verbinden, so er- 
innert die Vertretung der verbündeten Regierungen in dem 
Bund es rat he noch ganz an den früheren statenbündlichen 
deutschen Bundestag. Auch die anfängliche Bezeichnung 
„Bundespräsidium," welches der königlichen Krone Preuszen 
zukam, hatte noch dasselbe statenbündliche Gepräge. Aber 
wenn daneben die wirkliche Machtstellung dieses Bundesprä- 
sidiums und die verfassungsmäszigen Befugnisse desselben — 
insbesondere auch als Bimdesfeldherrn — erwogen werden, 
so trat schon damals aus der Verhüllung das deutsche 
Reichsoberhaupt — in deutlichen Umrissen hervor, wel- 
ches nun in der deutschen Reichsverfassung unter dem maje- 
stätischen Namen der deutsche Kaiser zur Anerkennung 
gelangt ist. Die Institution des Reichstags aber ist von 
Anfang an einheitlicher gedacht und durchgeführt als 
selbst der nordamerikanische Congresz und die schweizerische 
Bundesversammlung. 

Von den republikanischen Föderationen unterscheidet sich 
also die Verfassung des deutschen Reiches hauptsächlich durch 
folgende Dinge: 

a) Dadurch, dasz in diesem manche leitenden Organe 
des Gesammtstats mit den obrigkeitlichen Organen 
der einzelnen Lan d es s taten nothwendig oder thatsäch- 
lich verbunden sind, wie der deutsche Kaiser mit dem 
Könige von Preuszen. die Mitglieder des Bundesraths mit den 
Regierungen der Länderstaten, der Reichskanzler und groszen 
Theils die höheren Beamten des Reichskanzleramtes mit den 
preuszischen Ministerien, während in jenen Bundesstaten 
die Trennung der beiden Organismen grundsätzlich durch- 
geführt ist. 



Drittes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. II. Secundäre. 311 



b) Dadurch, dasz in leztern die Länderstaten zwar un- 
gleich an Grösze und Macht, aber doch sämmtlich schwach 
sind gegenüber dem Gesammtstat und insofern einander nahe 
stehen, während im deutschen Reich das Königreich Preuszen 
viel mächtiger ist als alle andern verbündeten Staten zusam- 
mengenommen, und deszhalb als Haupt- und Vormacht 
betrachtet werden musz, auf welche die Macht des Reichs 
hauptsächlich gestützt ist, ohne welche sie nichts ist, an welche 
die übrigen deutschen Staten sich anschlieszen und anlehnen. 

c) Durch ihre monarchische Verfassung sowohl im 
Reich als in den meisten Länderstaten. 

Diese Abweichungen sind so grosz , dasz man besser thut, 
die neue deutsche Entstehungsform nicht einfach unter den 
bisherigen Begriff des Bundesstates unterzuschieben, sondern 
als eine neue Form, unter dem Namen Bund es reich, diesem 
an die Seite zu stellen. 

B. Verwandt mit der Verbündung ist die Einigung 
zweier oder mehrerer Staten unter Einem gemeinsamen 
Herrscher, oder zu einem einzigen neuen State, vor- 
zugsweise Union genannt. Auch hier lassen sich verschie- 
dene Stufen und Arten der Einigung unterscheiden. In jeder 
Weise unvollkommen ist dieselbe: 

4. In Gestalt einer bloszen Personalunion. Diese 
kann sogar blosz vorübergehend eintreten, wenn die 
Thronfolgeordnungen zweier verschiedener Staten zufällig die- 
selbe Person zu beiden Kronen berufen, somit wieder auf- 
hören, wenn später die Succession wieder zwei verschiedene 
Personen trifft. Von der Art war die Verbindung des deut- 
schen Reiches und von Spanien unter Karl V., von Polen 
und Sachsen unter August , von England und Hannover unter 
dem Könige Georg IV. , von Schleswig-Holstein und Dänemark 
nach dem Vertrage von 1620. Diese Form der Union, die 
loseste von allen, erzeugt auch nicht einen neuen Vereins- 
stat, sondern beschränkt sich darauf, zwei selbständige Staten 



312 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



in eine blosz äuszerliche Beziehung zu dem nämlichen Für- 
sten als Statsoberhaupt zu bringen. 

Auszer ihr kommt aber auch eine (lauernde Personal- 
union vor, indem die Kronen zweier Staten derselben Dynastie 
und nach dem nämlichen Successionsgesetze zugehören. Bei- 
spiele dieser Art sind die pragmatische Sanction von 1713 
für die unter dem österreichischen Scepter vereinigten Staten, 
welcher 1722 auch der ungarische Reichstag für das König- 
reich Ungarn beitrat, die Erwerbung des Fürstenthums Neu- 
chatel von Seite der Krone Preuszens von 1707, die Verbin- 
dung von Norwegen und Schweden seit 1814, die Ueberein- 
kunft zwischen dem Königreich Ungarn und dem kaiserlichen 
Oesterreich von 1867. 

Eine solche dauerhafte Vereinigung kann zwar einen neuen 
Gesammtstat begründen; aber die Einheit ist doch eine sehr 
unvollständige und fast nur unter der Voraussetzung von ent- 
scheidender practischer Geltung, wenn eine absolute Macht in 
der Person des Herrschers wirklich concentrirt ist. Unter 
jeder anderen Voraussetzung wird der unversöhnte innere 
Widerspruch zweier verschiedener Staten mit abweichenden 
Interessen und Stimmungen und eines gemeinsamen Fürsten 
sich fühlbar machen und es kann in Folge desselben sogar 
die unsinnige Forderung an den Fürsten gerichtet werden, 
dasz er in seiner Eigenschaft als Oberhaupt eines States 
Feindschaft übe wider den andern Stat, an dessen Spitze er 
nicht minder steht. Mit der Repräsentativverfassung ist da- 
her diese Form der Personalunion nicht wohl zu vereinigen. 

5. Eine höhere Einigung liegt in der sogenannten Real- 
union, welche mit der Föderation ebenso verwandt ist, wie 
die Personalunion mit der Conföderation. In ihr ist nicht blosz 
die Person des Herrschers geeinigt, sondern die oberste Stats- 
leitung selbst in Gesetzgebung und Regierung. 2 

2 Anders versteht Pözl den Unterschied der Personal- und der 
Realunion (Deutsches Staatswörterbuch, Art. Union); jene ist ihm die 



Drittes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. II. Secundäre. 313 

Zwar verträgt sie sich mit einer relativen Selbständigkeit 
der unirten Staten, denen innerhalb gewisser Schranken eine 
particuläre Gesetzgebung und Regierung vergönnt werden mag, 
aber der Gesammtstat ist in ihr doch einheitlich organisirt, 
und' die höchsten gemeinsamen Statsinteressen sind in den 
einheitlichen Organen concentrirt. Die Vereinigung Norwegens 
mit dem Königreich Dänemark durch das Reichsgesetz von 
1536, die Einigung von Castilien und Aragon, wenn auch 
nicht sofort von Anfang an, 1474, so doch unter den öster- 
reichischen Fürsten, ganz vorzüglich aber die österreichische 
Monarchie nach dem Grundgesetze von 1849 und der Februar- 
verfassung von 1861 sind Beispiele solcher Realunion. 

Die neue Verfassung von Oesterreich -Ungarn vom Jahr 
1867 nähert sich in dem Dualismus der beiden Hauptstaten 
Oesterreich und Ungarn den Formen der Personalunion, hat 
aber in den Instituten der gemeinsamen Ministerien des 
Aeuszern, des Reichsheers und der Reichsfinanzen, sowie in 
der gemeinsamen Delegation der zwei repräsentativen Körper 
der beiden Hauptstaten, Anfänge und Ansatz zur Realunion. 
Diese Hauptstaten sind in sich selber anfänglich als Personal- 
union entstanden, aber nun als Realunionen ausgebildet. 

6. Die volle Union endlich löst die Besonderheit der 
unirten Staten auf, und bildet nicht einen aus mehreren Staten 
zusammengesetzten, sondern einen einfachen Stat. 

Die Vereinigung der beiden ursprünglich durch blosze 
Personalunion verbundenen Königreiche England und Schott- 
land zu dem Gesammtkönigreich Groszbritannien vom Jahr 
1707, und die spätere Union «wischen Groszbritannien und 
Irland von 1800 haben diesen Charakter einer vollen Union, 
indem die particularen Parlamente aufgehoben und für das 
ganze Reich ein gemeinsames einheitliches Parlament ange- 
zufällige, diese die grundgesetzliche Einigung der Statsgewalt 
über zwei oder mehrere Staten in Einer Person. Die Verbindung von 
Schweden und Norwegen ercheint ihm dann bereits als Realunion. 



314 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



ordnet wurde. Die Einverleibung der Hohenzollerischen Ftir- 
stenthümer in Preuszen im Jahr 1849, die Annexion der ita- 
lienischen Herzogthümer und des Königreichs Neapel mit Pie- 
mont zu dem neuen Königreich Italien im Jahr 1860 und 
1861 und vorzüglich die Umwandlung des Königreichs Han- 
nover und der Fürstenthümer Kurhessen, Nassau, Schleswig 
und Holstein und der freien Stadt Frankfurt in preuszische 
Provinzen sind neuere Beispiele solcher vollen Union. 

Das ältere Statsrecht war geneigt diese Verbindung und 
Wandlung ausschlieszlich aus dem dynastischen Standpuncte 
und nicht anders zu beurtheilen, als ob es sich um die Zu- 
sammenlegung oder den Erwerb von mehreren Grundstücken 
durch dieselbe Privatperson handelte. Es wurden daher wie 
die privatrechtlichen Formen der Yeräuszerung unter Leben- 
den, so auch von Todes wegen (Testament, Erbvertrag) an- 
erkannt; wie wenn Volk und Land eine Verlassenschaft wären, 
über die ein einzelner Mensch nach seinem Belieben zu ver- 
fügen hätte. Das neuere Statsrecht musz diese dem modernen 
Statsbegriff widerstreitende Ansicht verwerfen, und daran fest 
halten, dasz solche Veränderungen wesentlich die öffentliche 
Verfassung des Volks betreffen und daher nicht ohne Zu- 
stimmung der Volksvertretung geordnet werden 
dürfen. 

C. Den Gegensatz der Verbindung bildet die Th eilung 
und Zertrennung eines gröszeren States in zwei oder meh- 
rere neuere Staten. 

7. Nationale Scheidung. Diese Erscheinung wird 
sich besonders da ergeben, wo verschiedene, zumal auch dem 
Gebiete nach getrennte Völker zu einem State verbunden 
waren , ohne innerlich eins zu werden. Wenn die Macht der 
Concentration , welche sie bisher zusammenhielt, nachläszt. 
so treiben die natürlichen Gegensätze auseinander, und es 
geht der grosze Scheidungsprocesz vor sich, welcher das bis- 
herige Ganze in eine Anzahl neuer selbständiger Staten auf- 



Drittes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. II. Secuncläre. 315 



löst. So ging die grosze durch Alexanders Genie einen Augen- 
blick zusammengeschmiedete Weltmonarchie nach seinem Tode 
sofort auseinander. Ebenso wurde im IX. Jahrhundert die 
fränkische Monarchie nach den Nationalitäten, freilich nicht 
ohne wesentliche Mitwirkung der dynastischen Gegensätze ge- 
spalten. Auch der Zerfall des Napoleonischen Kaiserreiches 
mit seinen Schöpfungen abhängiger Lehenskönigreiche in 
diesem Jahrhundert läszt sich groszentheils so erklären. Die 
Trennung von Belgien und Holland im Jahr 1830 hat diesen 
Charakter. 

8. Erb recht Ii che Theilung. Während des Mittel- 
alters kam öfter die Theilung eines Statsganzen wie einer 
Erbschaft unter mehrere Erben vor, so unter mehrere Söhne 
des verstorbenen Statsoberhauptes, und es dauerte lange, bis 
diese privatrechtliche mit dem Recht eines zusammengehöri- 
gen Volkes und der Wohlfahrt eines States durchaus unver- 
einbare Behandlung durch das politische Princip der Un- 
theilbarkeit in Europa verdrängt wurde. 

9. Eine ähnliche Form ist die Lossagung eines Thei- 
les des States und Co ns titu irung dieses Theiles zu einem 
selbständigen State. 

In der Regel ist der Theil als solcher nicht berechtigt, 
sich wider das Ganze zu empören und sich von demselben 
gewaltsam loszureiszen. Die Geschichte hat uns von vielen 
ungerechtfertigten und unheilvollen Lostrennungsversuchen der 
Art warnende Berichte überliefert. Aber sie weisz auch von 
andern Lossagungen, welche volle Anerkennung errungen haben, 
und deren innere Berechtigung nicht zu bezweifeln ist. Er- 
innern wir uns an die Lossagung der niederländischen Gene- 
ralstaten von Spanien von 1579, an die Unabhängigkeits- 
erklärung der nordamerikanischen Freistaten von 1776, an die 
Befreiung Griechenlands von türkischer Herrschaft in unsern 
Tagen. Jene Regel bedarf somit einer Beschränkung, die wohl 
so zu fassen ist: zur Lossagung ist der Theil ausnahmsweise 



316 Drittes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



berechtigt, wenn seine dauernden und wichtigen Interessen 
von dem Statsganzen, dem er angehört, nicht geschützt noch 
befriedigt werden , und er zugleich befähigt ist, für sich selber 
zu sorgen und seine selbständige Stellung zu behaupten. Nut 
wirkliche Noth und ein unerträglich gewordenes Leiden gibt 
somit gegründete Veranlassung zu der Lossagung, und nur 
die moralische Kraft, welche sich in dem Kampfe um Selb- 
ständigkeit siegreich bewährt und alle Schwierigkeiten über- 
windet, gewährt einen Anspruch auf Anerkennung derselben. 
Unter diesen beiden Voraussetzungen wird dieselbe denn auch 
von dem groszen Gerichte ausgesprochen, welches durch die 
Weltgeschichte spricht. 3 

3 Die Unabhängigkeitserklärung von Amerika nimmt es mit dem 
Princip etwas leichter und bekennt die naturrechtliche Lehre ihrer Zeit, 
indem sie folgende Sätze ausspricht: „Wir halten folgende Wahrheiten 
für klar, dasz alle Menschen gleich geboren, dasz sie von dem Schöpfer 
mit gewissen unveränderlichen Rechten begabt sind, und dasz zu diesem 
Leben Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit gehöre, dasz, um 
diese Rechte zu sichern, Regierungen unter den Menschen eingesetzt 
sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Zustimmung der Regierten 
ableiten, dasz wenn immer eine Staatsform diesen Endzwecken verderb- 
lich wird, es ein Recht des Volkes ist, dieselbe zu ändern oder abzu- 
schaffen und eine neue Statsform einzurichten, indem es dieselbe auf 
solche Principien begründet, und deren Gewalten in solcher Weise orga- 
nisirt , wie es ihm zu seiner Sicherheit und zu seinem Glücke am zweck- 
dienlichsten scheint. Die Klugheit gebietet allerdings, seit langem be- 
stehende Verfassungen nicht um leichter und vorübergehender Ursachen 
willen zu ändern, und demgemäsz hat alle Erfahrung gezeigt, dasz die 
Menschen geneigter sind die Leiden zu ertragen, so lange sie erträglich 
sind , als sich durch Vernichtung der Formen , an welche sie sich einmal 
gewöhnt, selbst Recht zu verschaffen. Wenn aber eine lange Reihe von 
Miszbräuchen und unrechtmäszigen Eingriffen , welche unwandelbar das 
nämliche Ziel verfolgen, die Absicht beweist, das Volk dem absoluten 
Despotismus zu unterwerfen, so hat dieses das Recht und die Pflicht, 
eine solche Regierung auszustoszen und neue Garantien für seine künftige 
Sicherheit anzuordnen." 



Viertes Capitel. A. Geschichtliche Entstehungsformen. III. Abgeleitete. 317 



Viertes Capitel. 

III. Abgeleitete Entstehungsformen. 
1. Co Ionisation. 

Die Colonisation , wie sie von den hellenischen. Staten 
geüht wurde, und die Küsten des Mittelmeeres in Kleinasien, 
Italien, Sicilien, auf den Inseln des Archipels mit neuen 
Städten und Staten bevölkerte, war in der That bewuszte 
neue Statenbildung. Die Pflanzstadt ging aus der Mutterstadt 
hervor, wie der Sohn, der aus der Familie des Vaters aus- 
tritt, um ein eigenes Hauswesen zu gründen. Sie wurde so- 
fort zum selbständigen neuen State, unabhängig von der 
Mutterstadt, aber mit ihr durch ihre Abstammung, Sitten, 
Recht, Religion verbunden. Aus dem Prytaneum der Mutter- 
stadt nahm die Tochterstadt das heilige Feuer mit, und die 
väterlichen Götter zogen mit in den neuen Wohnsitz hinüber. 1 
Die Hellenen vermochten nicht ein groszes Reich zu gründen 
und zusammen zu halten, aber durch ihre zerstreute Städte- 
colonien hellenisirten sie den Orient, 2 

Anders die römischen Colonien. Sie waren bestimmt, 
die römische Herrschaft in weiteren Kreisen zu sichern und 
zu befestigen, und blieben daher in einem strengen Abhängig- 
keitsverhältnisz zu der Hauptstadt. Hier ist somit nicht von 
neuer Statenbildung, sondern nur von Ausdehnung des be- 
stehenden Einen States die Rede. 

Wieder von anderer Art ist die moderne Colonisation. 
Sehen wir auf den Ursprung der modernen , besonders in Ame- 
rika von den europäischen Staten aus gestifteten Colonien , so 
handelt es sich dabei in der Regel nicht um Gründung neuer 

1 Vgl. Herrmann, griechische Staatsalterthümer Cap. IV. Die ältere 
phönicische Colonisation ist weniger von Anfang an neue Staatsgrün- 
dung, ist aber gewöhnlich in kurzer Zeit zu dieser geworden. 

2 Vgl. die Ausführung von Laurent II. S. 310. 



318 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



Staten, sondern mehr um Ausbreitung der Herrschaft und 
Cultur des europäischen Vaterlandes, oder um Erwerb einer 
neuen ökonomischen Existenz, zuweilen auch um Sicherung 
der Uebersiedler vor Verfolgung in ihrer Heimat. Im Süden 
war die Abhängigkeit der Colonien von den romanischen Staten 
Europas gröszer als im Norden, wo der germanische Corpo- 
rationstrieb und das germanische Freiheitsgefühl wenigstens 
einer relativen Selbständigkeit der Colonien günstig waren, 
diese theilweise sogar hervorgerufen hatten. 

Sieht man aber auf die spätere Entwicklung und Ge- 
schichte dieser Colonien , so sind sie meistens zu einem selb- 
ständigen Dasein erwachsen, und haben sich dann als neue 
Staten losgemacht und abgesondert von jener europäischen 
Herrschaft. Diese Colonisation ist daher eher der Geburt 
eines Kindes zu vergleichen, welches die väterliche Familie 
als ein abhängiges Glied derselben erweitert, dann aber, nach- 
dem es zu körperlicher und geistiger Reife herangediehen, sich 
absondert und eine neue eigene Familie begründet. 

2. Eine fernere abgeleitete Statenbildung kam in dem 
Mittelalter öfter vor in Gestalt der Verleihung von Ho- 
he itsr echten an einzelne Bestandtheile des States. Eine 
ganze Reihe besonders deutscher Gebiete, Fürstenthümer, Herr- 
schaften, Reichsstädte wurden zu selbständigen Staten , indem 
sie einzelne Hoheitsrechte von dem Könige erlangten, und 
diesen Erwerb zu vermehren wuszten, bis zuletzt dem Könige 
nur ein idealer Schein von Oberhoheit zurückblieb , alle reale 
Statsgewalt aber an sie entäuszert war. So strebten die frühe- 
ren Theile eines Statsganzen im Laufe der Jahrhunderte zu 
selbständigen Staten auf. Die äuszere Form solcher Ver- 
leihung war häufig wieder die eines privatrechtlichen Erwerbes 
durch Kauf oder Verpfändung, und ist insofern ungeeignet 
für das moderne Statsleben. Das war aber selbst im Mittel- 
alter nicht wesentlich, und es läszt sich auch in unserer Zeit 
die practische Möglichkeit gar wohl denken, dasz ein Stat 



Fünftes Cap. A. Geschieht!. Entstehungsformen. IV. Untergang der Staten. 319 

mit klarem Bewusztsein einen Theil seines Gebietes zur Selb- 
ständigkeit heranziehe und denselben mit statlichen Hoheits- 
rechten ausstatte. In dieser Weise verfährt England in unserer 
Zeit gegen Canada und andere englische Nebenländer. 

3. Endlich kommt vor die Institution eines neuen 
States durch einen fremden Herrscher, insbesondere 
durch einen Eroberer, dessen Machtsprüche alte Staten um 
ihr Leben bringen und neue Staten hervorrufen. Europa hat 
in den Jahren der Napoleonischen Herrschaft gesehen, wie 
eine Reihe von Staten ausgelöscht, und andere hinwieder 
nach dem Willen des französischen Kaisers neu errichtet 
wurden. Europa hat aber auch erlebt, dasz diese willkür- 
lichen Schöpfungen momentaner Uebermacht zu keinem inner- 
lich kräftigen Leben gelangten, und kaum ins Dasein gerufen 
wieder abstarben oder getödtet wurden. Es ist das ein be- 
redter Beweis, clasz unter allen Formen der Statenbildung 
diese die unvollkommenste ist, und am wenigsten Gewähr 
darbietet für die Fortdauer solcher Staten. 



Fünftes Capitel. 

IV. Untergang- der Staten. 

Die Erde ist mit den Trümmern untergegangener Staten 
überdeckt; die Erfahrungen der bisherigen Weltgeschichte 
zeugen gegen die Unsterblichkeit der Staten. Die Veranlas- 
sungen und die Formen des Untergangs sind wohl unter sich 
verschieden, wie die Todesfälle der einzelnen Menschen. Aber 
daraus, dasz alle Staten untergehen, dürfen wir wohl auf eine 
gemeinsame Ursache ihrer Sterblichkeit schlieszen. 
Diese Ursache kann nicht in der Immoralität der Völker lie- 
gen, denn die Immoralität ist nicht nothwendig und nicht 
gleichmäszig vorhanden, und die Geschichte lehrt uns, dasz 



320 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang- des States. 



auch demoralisirte Völker sehr lange leben können, wie im- 
moralische Menschen doch zuweilen ein hohes Alter erreichen. 
Auch nicht in schlechter Regierung ; mancher Stat hat schon 
mehrere Generationen schlechter Regenten überdauert. Aber 
auch nicht, wie neuerlich Gobineau behauptet hat. in der 
Mischung und Entartung der Volksrassen ; manche Staten sind 
gerade durch die Mischung der Rassen grosz und mächtig 
geworden und haben fortgedauert, obwohl die Volksrassen 
wesentlich verändert worden; ich erinnere an Rom, an Eng- 
land, an Nordamerika. Die wahre Ursache liegt in dem 
groszen Gesetz alles irdisch-organischen Lebens, dasz 
es durch die Geschichte entwickelt und aufgezehrt 
werde. Das Leben der Völker und der Staten entfaltet sich, 
und indem es allmählich, was in ihm liegt, offenbart, erfüllt 
es seine Bestimmung und stirbt ab, von der unermüdlich 
fortschreitenden Zeit, mit der es nicht mehr Schritt haiten 
kann, überholt und zurückgelassen. 

So scheinen auch die beschränkten Einzelstaten von der 
fortschreitenden Menschheit , die in ihnen keine volle Befrie- 
digung findet, verschlungen zu werden. Kommt dereinst auf 
der breiten Unterlage der Menschheit das Weltreich zur Er- 
scheinung, dann dürfen wir hoffen, dasz dieser Stat so lange 
dauern und nicht früher untergehen werde, als die Menschheit 
selbst. 

Die besonderen Formen des Statenuntergangs 
aber entsprechen groszentheils den Formen der Statenbildung, 
und nicht selten werden alte Staten zerstört , wenn neue be- 
gründet werden. An den Tod des einen States schlieszt oft 
die Geburt des andern sich unmittelbar an. 

1. Den Gegensatz zu der Organisation des Volkes bildet 
die Desorganisation oder Auflösung des Volkes. 
Eine eigenthümliche Art der Desorganisation ist die Anar- 
chie. Wenn die Ueber- und Unterordnung in dem Volke 
nicht mehr geachtet wird, und Niemand mehr eine obrigkeit- 



Fünftes Cap. A. Geschichtl. Entstehungsformen. IV. Untergang der Staten. 321 



liehe Gewalt anerkennt, wenn jeder Einzelne nur seinen Lüsten 
den losen Lauf läszt, und keiner mehr sich um das Ganze 
kümmert, noch der Gemeinschaft Opfer bringt, so wird der 
Stat selbst negirt, und das organisirte Volk ist in diesem 
Falle zur chaotischen Masse herabgesunken. Die Anarchie 
hebt somit im Princip den Stat, nicht etwa nur die bisherige 
Statsform auf. Allein eine so entschiedene und so andauernde 
Anarchie, die dann freilich immer der Tod des States ist, 
findet sich doch in der Geschichte der Völker höchst selten. 
Weit häufiger sind die anarchischen Zustände blosz vorüber- 
gehend und momentane Fieberkrisen, welche zwar 
das Leben des States bedrohen, aber oft nur eine andere Ge- 
staltung der Statsverfassung vorbereiten. Gerade in den Zeiten 
heftiger Erschütterungen der Revolution offenbart sich die 
entschieden statliche Natur der arischen Völkerstämme in 
höchst merkwürdiger Weise. Selbst in dem Augenblick, wo 
sie die statliche Ordnung mit wüthendem Hasse stürzen , unter- 
werfen sie sich doch den nothwendigen Formen des statlichen 
Daseins, und während sie in der Verwirrung der Ideen für 
Anarchie schwärmen, gehorchen sie blindlings je den wilde- 
sten und strengsten Führern. Dicht hinter dem Triumphzug 
der entfesselten und freiheitstrunkenen Massen erscheinen die 
kalten, ehernen Züge der Dictatoren, und in den Trümmern 
der zerstörten Statsordnung macht sich sofort wieder das Volk 
eine neue , wenn auch vielleicht schlechtere statliche Wohnung 
zurecht. Auch die Völker der groszen arischen Familie sind 
nicht unsterblich, aber so lange ihr Leben dauert, können 
sie der statlichen Form ihres Daseins so wenig entbehren, als 
der Fisch des Wassers, oder der Vogel der Luft. Es gibt 
kein einziges Beispiel in der Geschichte, dasz ein arisches 
Volk sich dauernd losgemacht hätte von dem State, oder dasz 
ein solches auch nur in den Zustand der Nomaden zurück- 
gesunken wäre. Im sechszehnten Jahrhundert haben die Wie- 
dertäufer die Idee des States vollständig verworfen, ähnlich 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 21 



322 Viertes Buch. Von der Entstehung- und dem Untergang des States. 



wie in unsern Tagen die Commtmisten, Aber als ihnen die 
Gelegenheit geboten ward, einen Versuch zur Einführung ihrer 
unstatlichen Gemeinschaft zu machen , haben sie doch wieder 
— obwohl in karikirter Form* — einen Stat eingerichtet. 

2. Die Auswanderung eines Volkes aus dem Lande 
seiner Väter, wie die Helvetier zu Casars Zeit sie unternom- 
men, oder die Vertreibung eines Volkes aus seiner Heimat, 
wie sie während der groszen Völkerwanderungen in Europa oft 
erzwungen worden, zerstört den bisherigen Stat jedenfalls ; und 
es ist gewöhnlich unsicher, ob es dem weiterziehenden Volke 
gelinge, eine neue feste Herrschaft über ein anderes Land zu 
erwerben, und so einen neuen Stat zu gründen. 

3. Die Eroberung eines Landes und die Unter- 
werfung eines bisher selbständigen Volkes durch eine fremde 
Macht ist öfter noch Zerstörung alter als Gründung neuer 
S-taten, indem sie meistens eine blosze Erweiterung des sieg- 
reichen States zur Folge hat. In dieser Weise hat einst Rom 
eine Reihe von Staten verschlungen, und über deren Bevölke- 
rung und Gebiet seine Herrschaft ausgebreitet. Die Ergebung 
(deditio) des schwächern Volkes hat zwar den Schein der 
Freiwilligkeit, ist aber regelmäszig doch das Werk der Xoth 
und äuszeren Zwanges und fällt "dann mit der Unterwerfung 
zusammen. 

4. Die volle Union ferner zieht den Untergang der 
unirten Staten nach sich. Da in ihr aber zugleich der An- 
fang eines neuen gröszeren States liegt, dessen Volk aus den 
Völkern der aufgelösten Staten besteht, so ist hier eher eine 
freiwillige Entäuszerung der bisherigen statlichen Son- 
derexistenz denkbar. 

5. Den Gegensatz zu dem Aufgehen der kleineren Staten 
in dem gröszeren Gesammtstat bildet die Theilung eines 
Reiches in mehrere Staten oder die Vertheilung eines 
States unter mehrere fremde Staten. Die erstere kann ohne 
äuszeren Zwang auf organische Weise vor sich gehen, indem 



Sechstes Capitel. B. Speculative Theorien. I. Der sogenannte Naturstand. 323 



die verschiedenen Bestandteile eines States ihre Besonderheit 
schärfer ausprägen und sich dann ablösen, die letztere aber ist 
gewöhnlich das Werk fremder Uebermacht. Die beiden Thei- 
lungen Polens (1772 und 1793) sind entsetzliche Beispiele 
solcher widerrechtlichen Gewalt in einer Periode, die auf ihre 
Aufklärung und Humanität eitel war. 

6. Wie durch Verleihung von Hoheitsrechten an einzelne 
Gebietsteile neue Staten sich bilden, so können auch durch 
Entzug oder Abtretung von Hoheitsrechten bisher selb- 
ständige Staten allmählich ihre statliche Existenz einbüszen. 
Für jene Form der Statenbildung ist die Geschichte des 
deutschen Reiches, für diese Art des Statenuntergangs 
ist die Geschichte Frankreichs besonders lehrreich. Die 
Centralisation von Frankreich, vorzüglich seit Ludwig XL, hat 
so eine Masse von „souveränen Seigneurien," in welche das 
Land zerklüftet war, nach und nach beseitigt. Aber auch 
Deutschland hat durch die zahlreichen Mediatisirungen 
seit der Revolution diese zweite Richtung der Auflösung klei- 
ner Staten eingeschlagen. 



Sechstes Capitel. 

B. Speculative Theorien. 

I. Der sogenannte Naturstand. 

Die philosophische Speculation liebt es , einen Urzustand 
zu erdenken, in welchem die Menschen noch ohne Stat lebten, 
und von da aus den Weg zu suchen, welchen die Menschheit 
habe gehen müssen, um zu dem State zu gelangen. Die 
Phantasie des Volkes hat diesen Urzustand oft mit heitern 
Bildern von Unschuld und reichen Naturgenüssen geschmückt, 
und eine goldene Zeit des Paradieses erträumt, in welcher es 
noch kein Uebel und kein Unrecht gegeben, und alle in 



324 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



unbeschränkter Freiheit und Glückseligkeit sich des friedlichen 
Daseins erfreut haben. In dieser Vorzeit gab es nach jenen 
Vorstellungen noch kein Eigenthum, da der Ueberflusz der 
Natur jedem in Fülle darbot, wornach sein unverkünstelter 
und unverdorbener Sinn verlangen mochte ; damals noch keine 
Unterschiede der Stände noch selbst der Berufsarten, jeder 
war dem andern gleich; damals auch weder Obrigkeit noch 
Unterthanen, keine Beamte, keine Richter, keine Heere, keine 
Steuern. 1 

Einem solchen Ideale gegenüber muszte der spätere stat- 
liche Zustand der Menschen als Entartung und Verfall erschei- 
nen. Erst als vorher unbekannte Plagen die Menschen trafen, 
erst als die Leidenschaften in ihrer Brust erwachten und neue 
Gefahren hervorriefen, erst als die Schuld den Seelenfrieden 
störte, da bedurfte es einer Macht, welche die Bösen schreckte 
und strafte, und den vielfach verkümmerten Genusz Aller 

1 Shakespeare schildert diesen Naturzustand mit glänzender Ironie 
im Sturm: 

Gonzalo: „Hätf ich, mein Fürst, die Pflanzung dieser Insel, 
Ich wirkte im gemeinen Wesen Alles 
Durchs Gegen theil, denn keine Art von Handel 
Erlaubt' ich, keinen Namen eines Amts: 
Gelahrtheit sollte man nicht kennen; Reichthum, 
Dienst, Armuth gäb's nicht; von Vertrag und Erbschaft, 
Verzäunung, Landmark, Feld- und Weinbau nichts; 
Auch kein Gebrauch von Korn, Wein, Oel, Metall, 
Kein Handwerk, alle Männer müssig, alle; 
Die Weiber auch, doch völlig rein und schuldlos, 
Kein Regiment. 

In der gemeinsamen Natur sollt' Alles 

Frucht bringen, ohne Mühe und Schweisz; Venrath, Betrug, 

Schwert, Speer, Geschütz, Notwendigkeit der WatTen 

Gäb's nicht bei mir; es schaffte die Natur 

Von freien Stücken alle Hüll' und Fülle, 

Mein schuldlos Volk zu nähren. 
Sebastian: Keine Heirathen zwischen seinen Unterthanen? 
Antonio: Nichts dergleichen, Freund, alles los und 

Huren und Taugenichtse." 



Sechstes Capitel. B. Speculative Theorien. I. Der sogenannte Naturstand. 325 

sicherte. So dachte man sich den Stat, wenn auch nicht 
immer als ein noth wendig es Uebei, doch als eine Noth- 
und Zwangsanstalt, um gröszern Uebeln zu entgehen. 

Im Gegensatze zu dieser kindlich heitern Vorstellung von 
dem Paradiese dachten sich andere und zuweilen griesgräm- 
liche Philosophen den Zustand des ersten, noch unstatlichen, 
Menschen viel schlimmer. Ihre ängstliche Phantasie malte 
statt des göttlichen Friedens einen unablässigen Hader und 
Krieg aus aller gegen alle : und wenn auch ihnen der Stat als 
ein Uebel erschien, so war dieses Uebel doch erträglicher und 
geringer als der ursprüngliche Naturstand, in welchem die 
Menschen dem Wilde des Waldes glichen. Dieser philoso- 
phische Gedanke fand in der theologischen Speculation, welche 
den Stat die Ordnung nicht des Paradieses, sondern der „ge- 
fallenen Menschheit" nannte, eine willkommene Bekräftigung. 

Die beiderlei Vorstellungen übersehen die statliche 
Natur des Menschen. Sie haben beide keine Ahnung von 
der Wahrheit, 2 die Aristoteles so schön ausgesprochen, dasz 
der Mensch ein „statliches Wesen" sei. Mag man sich 
immer einen Zustand der Menschen vorstellen, welcher der 
Entstehung des States vorausging, dieser Zustand konnte un- 
möglich den höhern Bedürfnissen derselben genügen, 3 und 
es war ein unermeszlicher Fortschritt in der Entwicklungs- 

2 Auch Rousseau (disc. sur l'inegalite des conditions parmi les 
hommes) meinte: „Der Mensch im Naturzustand habe einen Widerwillen 
(repugnait) gegen die Gesellschaft." Aber Mirabeau entgegnete ihm 
vortrefflich (essai sur le despotisme) mit den Worten: „Non seulement 
l'homme semble fait pour la societe, mais on peut dire qu'il n'est vrai- 
ment homme c'est ä dire un etre reflechissant et capable de vertu, que 
lorsqu'elle commence ä s'organiser. Les hommes n'ont rien voulu ni dü 
sacrifier en se reunissant en societe; ils ont voulu et dü etcndre leurs 
joaismnces et l'usage de la liberte par les secours et la garantie reci- 
proques." 

3 Auch Plato de Republ. II. 369 leitet die Entstehung des States 
davon her, dasz der einzelne Mensch sich selber nicht genüge, sondern 
von Natur der Gemeinschaft bedürfe. 



326 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 

geschichte der Menschheit, als der von Anfang an ihr ein- 
gepflanzte Keim zur Statenbildung sich entfaltete und zur Er- 
scheinung kam. 



Siebentes Capitel. 

II. Der Stat als göttliche Institution. 

In dem Alterthum sowohl als während des Mittelalters 
war der Glaube an die göttliche Institution des States viel 
verbreiteter und intensiver als in unserer Zeit. Auch damals 
aber war in ganz verschiedenem Sinne von einer göttlichen 
Begründung des States die Rede. 

1. Nach der einen Vorstellung war der Stat das unmit- 
telbare Werk Gottes, die directe Offenbarung der 
göttlichen Herrschaft auf Erden. 

Diese Vorstellung lag der jüdischen Theokratie zu Grunde, 
und die volle Consequenz derselben führt jederzeit zu der 
theokratischen Statsform, zu welcher sie allein paszt. 
Wenn Gott den Stat unmittelbar geschaffen hat, so ist es 
natürlich, dasz er denselben unmittelbar erhalte und regiere. 

2. Nach der andern Vorstellung dagegen ist der Stat 
nur mittelbar von Gott gegründet, und wird auch nur 
mittelbar von Gott geleitet. 1 

Diese Ansicht wurde auch von den Griechen und Kölnern 
getheilt, deren Statsformen keineswegs theokratisch waren, 
sondern durch und durch einen menschlichen Charakter hatten. 
Kein Statsgeschäft von irgend welcher Bedeutung wurde im 

* In diesem Sinne nun nennt Niebuhr (Gesch. d. Zeit der Revol. 
I. 214.) den Stat „eine von Gott geordnete Institution, die zum Wesen 
des Menschen nothwendig gehört, wie die Ehe und das väterliche Yer- 
hältnisz. Diese Institution kann sich aber auf dieser Erde nicht voll- 
kommen darstellen. Was wir in der Wirklichkeit vom State sehen, ist 
nur ein Schatten der göttlichen Idee des States." 



Siebentes Cap. B. Speculative Theorien. II. Der Stat als göttliche Institution. 327 

Alterthum unternommen, ohne dasz Gebet und Opfer vorher- 
gegangen waren und in dem Statsrechte der Römer nahm die 
Sorge der Auspicien, durch welche der Wille der Götter er- 
forscht wurde , eine sehr wichtige Stellung ein. Sie verbanden 
mit dem Bewusztsein menschlicher Freiheit und Selbstbestim- 
mung den Glauben an eine göttliche Leitung der menschlichen 
Dinge; und wenn sie schon in dem Schicksal des einzelnen 
Individuums die Macht der Götter erfuhren, so schien es ihnen 
noch klarer, dasz das Schicksal jener groszen sittlichen Lebens- 
gemeinschaft, die wir Stat nennen, nicht losgerissen sei von 
dem Willen und dem Walten der Gottheit. 2 Hatten sie etwa 
hierin Unrecht? 

Es versteht sich von selbst, dasz das Christenthum den 
Stat nicht au sz erhalb der göttlichen Weltordnung und 
Weltregierung zu denken vermag, und es ist für die christ- 
liche Auffassung bezeichnend, dasz der Apostel Paulus zu 
einer Zeit, als der Kaiser Nero von Statswegen die Christen 
verfolgte, jenes berühmte Wort an die christlich gesinnten 
Körner richtete: „Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die 
Gewalt über ihn hat; denn es ist keine Obrigkeit, ohne von 
Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet." 
(Römerbrief 13, 1.) Daher kann es uns auch nicht befremden, 

2 Plutarch sagt darüber in einer von Haller (Restaur. I. S. 427) 
citirten Stelle sehr schön: „Meines Erachtens könnte eine Stadt leichter 
ohne einen Boden gegründet werden, als ein Stat sich bilden oder be- 
stehen ohne Glauben an Gott. u Auch in neuerer Zeit hat Washington, 
in seiner Inaugarationsrede an den Congresz im Jahre 1789, diesen 
Glauben bezeugt: „Ich werde es nicht vernachläszigen , in diesem ersten 
officiellen Acte, aus ganzer Seele mein Flehen an das göttliche Wesen 
zu richten, welches alles nach seinem Willen ordnet, welches die Rath- 
schläge der Nationen leitet und die Schwachen aufrecht hält. Möge 
sein Segen über der Regierung der Vereinigten Staten walten, die sie 
unter sich eingerichtet haben zu ihrer Wohlfahrt. Kein Volk hat je 
zahlreichere und offenbarere Gunstbezeugungen der Vorsehung erhalten. 
Ihre göttliche Hand hat alle Bestrebungen mit ihrem Segen begleitet, 
welche unsere Unabhängigkeit gesichert haben. u 



328 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



wenn während des ganzen Mittelalters in allen christlichen 
Staten die obrigkeitliche Gewalt von Gott, die höchste des 
Kaisers ohne Vermittlung durch eine Zwischenperson von 
Gott abgeleitet 3 wurde. 

Aber so würdig auch diese Ansicht die Entstehung und 
das Schicksal des States an die göttliche Weltherrschaft an- 
knüpft, und so hoch ihre sittliche Bedeutung immerhin anzu- 
schlagen ist, so darf doch nicht übersehen werden, dasz die- 
selbe ihrem Wesen nach religiös, nicht politisch ist, und 
dasz sie gerade darum, wenn sie zum politischen Stats- 
princip erhoben und als Rechtssatz gehandhabt wird, 
leicht Irrthümer und Miszbräuche veranlaszt und beschönigt. 
Heben wir einzelne hervor: 

1. Gott hat zwar den Menschen als ein statliches Wesen 
erschaffen, aber zugleich hat er ihm die Freiheit verliehen, 
die eingepflanzte Idee des States durch eigene Thätigkeit und 
zunächst nach seinem Urtheil und in den ihm geeignet schei- 
nenden Formen zu verwirklichen. Es ist schon ein grobes 
Miszverständnisz , wenn einzelne Statsformen, z. B. die repu- 
blikanische, deszhalb verworfen werden, weil Gott als Monarch 
die Welt regiere. 

2. Die obrigkeitliche Gewalt ist zwar in ihrer Idee und 
Erscheinung von Gott abhängig, aber nicht in dem Sinne, dasz 
etwa Gott einzelne bevorzugte Menschen über die Beschränkt- 
heit der menschlichen Natur emporhöbe, sich selber näher 
setzte und gewissermaszen zu Halbgöttern für die Erde be- 
stellte, noch in dem Sinne, dasz Gott die menschlichen Re- 

l Das ist auch der Sinn der Constitutio Ludouici Bavarici v. J. 1338: 
„Declaramus quod imperialis dignitas et potestas est immcdiatc a solo 
Duo Cd. h. nicht mediate durch den Papst) — statim ex sola rtcctionc 
(durch die Kurfürsten) est Rex verus et imperator Romanorum censendus." 
Die Augsburgische Confession vom Jahr 1530 Art. 16 lehrt: „dasz 
alle Obrigkeit in der Welt und geordnete Regiment und Gesetze, gute 
Ordnung von Gott geschaffen und eingesetzt sind. u Sie leitet also die 
gesammte Rechtsordnung von dem Willen Gottes ab. 



Siebentes Cap. B. Speculative Theorien. II. Der Stat als göttliche Institution. 329 



genten zu seinen persönlichen und mit ihm, so weit ihre 
statliche Herrschaft reicht, identischen Stellvertretern 
ernennte und mit seiner Macht und seiner Autorität aus- 
rüstete. 4 Derlei theokratische Vorstellungen - widerstreiten 
der menschlichen Natur derer, welchen die Regierung des 
States anvertraut ist. Die hochmüthige Rede Ludwigs XIV.: 
„Wir Fürsten sind die lebenden Bilder dessen, der allheilig 
und allmächtig ist," 5 klingt im Verhältnisz zu Gott wie Blas- 
phemie und ist im Verhältnisz zu seinen Unterthanen — 
Menschen wie er — ein unwürdiger Hohn. 

3. Manche fassen die obrigkeitliche Gewalt selbst, unter- 
schieden von den Personen, welche dieselbe verwalten, als eine 
politisch-göttliche und „übermenschliche" auf. 
Stahl z. B. 6 sagt: „Die Gewalt des States ist von Gott nicht 
blosz in dem Sinne, wie alle Rechte von Gott sind, Eigen- 
thum, Ehe, väterliche Gewalt, sondern in dem ganz specifischen 
Sinne, dasz es das Werk Gottes ist, das er versieht. Er 
herrscht nicht blosz kraft Gottes Ermächtigung, wie auch der 
Vater über seine Kinder, sondern er herrscht in Gottes Namen. 
Darum ist auch der Stat mit der Majestät umkleidet." 

Das ist aber wieder eine objective Theokratie, welche 
practisch zu der auch von Stahl verworfenen persönlichen 
Stellvertretung Gottes führen, und allen mit dieser verbunde- 
nen Anmaszungen und Miszbräuchen von neuem freien Einzug 

4 Vgl. Stahl, Statslehre II. §. 48. „Nach der theokra tischen Auf- 
fassimg des Mittelalters ist die Stellung der berufenen Häupter der 
Christenheit die Gottes selbst. Die Herrscher (Papst , Kaiser und Könige) 
als die Repräsentanten Gottes haben in Person die Fülle alles Ansehens 
lediglich in sich." 

5 Oeuvres de Louis XI F. II. S. 317, wo noch folgende erläuternde 
Stelle vorkommt: „Der, der den Menschen Könige gegeben, hat gewollt, 
dasz man sie ehre als seine Stellvertreter, indem er nur sich das Recht 
vorbehielt, ihr Thun und Lassen zu prüfen. Sein Wille (?) ist, dasz 
wer als Unterthan geboren ist, ohne weiteres gehorche." 

6 Statslehre II. §. 43. Vgl. dagegen Macaulay in der unten B. VI. 
Cap. Entst. d. const. Mon. mitgetheilten Stelle. 



330 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



gestatten würde. Christus selbst hat durch sein groszes Wort! 
„Gebet Gott was Gott, und dem Kaiser was dem Kaiser ge- 
bührt." viel schärfer und entschiedener auf die menschliche 
Natur des States hingewiesen und jede Ide ntificirung 
statlicher Gewalt mit specifisch -göttlicher Herr- 
schaft verworfen. Die weltliche Statslehre thut daher wohl 
daran , die Existenz und die Einrichtungen des States von dem 
menschlichen Standpunkte zu betrachten und menschlich zu 
nehmen. 

4. Nicht selten wurde die Unveränderlichkeit der be- 
stehenden Statsverfassungen und insbesondere auch die Un- 
veränderlichkeit der Person des Kegenten oder seiner Dynastie 
mit dem Princip verfochten, dasz die obrigkeitliche Gewalt 
von Gott geordnet sei. Allein dasz die Unveränderlichkeit der 
äuszeren Formen und der persönlichen Beziehungen nicht zu 
den nothwendigen Eigenschaften der göttlichen Weltordnung 
und Weltleitung gehöre, beweist die ganze Weltgeschichte, 
und Paulus hat gerade durch seine Mahnung, der jeweilig 
bestehenden Obrigkeit Gehorsam zu leisten, die Wandel- 
barkeit auch der statlichen Ordnung und Regierung mittel- 
bar anerkannt. Wohl mochte im XVH. Jahrhundert jene 
Vorschrift in der Seele vieler frommen Engländer ernste Be- 
denken darüber erregen, ob der Widerstand gegen die tyran- 
nischen Gebote Jakobs II. erlaubt sei, und Gewissensscrupel 
hervorrufen, ob die Entsetzung des Königs zu rechtfertigen 
sei. Aber nachdem Wilhelm von Oranien von der Nation und 
von dem Parlamente als König anerkannt war, konnte auch 
der in religiöser Hinsicht ängstlichste und gewissenhafteste 
Tory unbedenklich in diesem die „von Gott geordnete Obrig- 
keit" verehren. 

5. Aehnlich verhält es sich mit der Frage der Verant- 
wortlichkeit, Dasz die Statsmänner, welchen viel anvertraut 
ist, und dasz die Fürsten, welchen Macht verliehen ist, Gott 
verantwortlich seien für das was sie thun oder unterlassen, 



Siebentes Cap. B. Speculative Theorien. II. Der Stat als göttliche Institution. 331 

das allerdings folgt aus dem obigen Princip, aber die Beant- 
wortung der ferneren Streitfrage, ob und wie dieselben auch 
einem menschlichen Richter verantwortlich seien, läszt 
sich nicht schon von da aus entscheiden. Nicht weil die 
oberste obrigkeitliche Macht im State specifisch göttlich, son- 
dern weil sie die oberste ist, wird für sie Unverantwort- 
lichkeit vor menschlichen Richtern in Anspruch genommen. 

Ebensowenig darf der Statsmann, im Glauben, dasz Gott 
die Schicksale der Völker und Staten bestimme, und lenke, 
und im Vertrauen, dasz Gott wohl regiere, gewissermaszen 
Gott versuchen und die Verantwortlichkeit von sich ab auf 
diesen wälzen. Vielmehr wird er von der eigenen Verant- 
wortlichkeit nur dann frei, wenn er die ihm gewordene Aut- 
gabe, so weit seine Kräfte reichen, gewissenhaft erfüllt hat. 7 

Anmerkung. Die Geschichte des Ausdrucks: „von Gottes Gna- 
den", welcher dem Titel der Könige beigefügt wird , verdient Beachtung. 
Es wurde in verschiedenen Zeitaltern damit ein verschiedener Sinn ver- 
bunden. 

a) Der Ausdruck kam vorzüglich während des Mittelalters in Uebung. 
Die alten fränkischen Könige brauchten noch abwechselnd die Aasdrücke: 
Gratia Dei, Divina ordinante Providentia, Divina favente gratia, Divina 
favente dementia, per Dei misericordiam. Damals bedeutete der Ausdruck 
lediglich die demüthige Verehrung und die religiöse Dankbarkeit des 
Königs gegen Gott, dem die persönliche Erhebung zugeschrieben wurde; 
aber ebenso von Seite der gewählten, wie von Seite der durch Erbrecht 
berufenen Fürsten. Der König Pipin , der seine Erhebung einer Revolution 
verdankte, brauchte die Formel ebenso unbedenklich, wie sein Sohn 
König Ludwig. 

Es war in der fränkischen Periode damit noch keine souveräne Ge- 
walt angedeutet. Auch Bischöfe und Aebte, obwohl gesetzlich ge- 
wählt, oder von den Königen gesetzt, und weltliche Grafen, obwohl 
königliche Reichsbeamte, fügten dieselbe Formel ihrem Titel bei. 

b) Zur Zeit des römischen Reiches deutscher Nation dauerte der Aus- 
druck anfangs in derselben Weise fort. Die gewählten Könige, aber 

7 Lamartine, Revolut. de 1848. I. S. 47 spricht diesen Gedanken 
schön aus, indem er von sich berichtet: „11 tentait Dieu et le peuple, 
Lamartine se reprocha depuis severement cette faute. C'est im tort 
grave de renvoyer ä Dieu ce que Dieu a laisse ä l'homme d'Etat, la 
responsabilite; il y avait lä im den" ä la Providence," 



332 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 

ebenso die Herzoge, Grafen, welche von dem Konige mit ihren 
Aemtern beliehen wurden und die Bischöfe und Aebte huldigten noch 
immer in derselben Weise der göttlichen Gnade. 

Zuweilen wird nun aber der Gnade Gottes die Gnade des Kaisers: 
„Dei et Imperiali gratia u von den weltlichen Groszen, und die Gnade des 
Papstes von den geistlichen Fürsten „Dei et apostolicae sedis gratia" 
hinzugefügt. 

Allmählich aber bekommt die ausschlieszliche Berufung auf die 
Gnade Gottes die Nebenbedeutung der Unmittelbarbarkeit der obrig- 
keitlichen Gewalt, im Gegensatze zu einer übergeordneten Lehensherr- 
schaft. Der Ausdruck entsprach überhaupt der Neigung des Mittelalters, 
alle Gewalt von Gott abzuleiten. 

c) Nach der Kirchenreform fingen die Lutherischen Theologen 
an, den Satz von Paulus: „Alle Obrigkeit von Gott" als ein christliches 
Dogma nachdrücklich zu verkünden, und die Träger der Statsgewalt als 
Gesalbte und Stellvertreter Gottes zu erklären. Luther selber war darin 
viel freier. Wir erinnern uns, dasz er einst an König Heinrich VIII. von 
England schrieb: „Ich Martin Luther von Gottes Gnaden ecclesiastes an 
Heinrich, von Gottes Ungnaden König von England." Die buchstaben- 
gläubigen Theologen bedachten auch nicht, dasz der Apostel Paulus 
jenen Satz, ganz im Gegensatze zu den theokratisch gesinnten Juden- 
christen, welche den heidnischen Kaiser verachteten, mit Absicht auf 
den römischen Kaiser Nero bezog, der seine Gewalt nach dem römischen 
Statsrecht von dem römischen Volke empfangen hatte. Sie übersahen, 
dasz der Apostel Petrus ganz dasselbe wollte, wenn er den Christen 
„Gehorsam gegen die menschlicheOrdnung" empfahl. Sie berühmten 
sich, vorzugsweise die Vertreter des göttlichen Rechts der weltlichen 
Fürsten zu sein. 

d) Entschiedener noch versuchten es König Ludwig XIV. von Frank- 
reich und Jakob II. von England, aus dem Gottesgnadenthum der Könige 
ein neues Statsdogma zu machen und dadurch der angestrebten absoluten 
Gewalt der Könige eine höhere Sanction zu verleihen. Das Königsrecht 
sollte nun, im Gegensatz zu allen andern menschlichen Rechten des 
Eigenthums, der Familie, der Parlamente, ein specifisch göttliches d. h. 
absolutes sein. Es sollte über die Sphäre der menschlichen Rechtsordnung 
erhoben werden. Indessen widersetzten sich die französischen Stände der 
gesetzlichen Sanction der behaupteten Göttlichkeit der Könige und heftiger 
noch widersprach das englische Parlament, In England wurde das theo- 
kratisirende Princip durch die Revolution von 1688, in Frankreich durch 
die Revolution von 1789 definitiv verworfen. 

e) Am entschiedensten sprachen sich dagegen die Männer der deut- 
schen Wissenschaft Puffendorf und Thomasius aus, vor allen aber 
Friedrich derGrosze, der darin das Grimdgebrechen der europäischen 
Statszustände erkannte. 



Achtes Capitel. B. Speculative Theorien. III. Die Theorie der Gewalt. 333 

f) Stahl hat seither versucht, dem falschen Gedanken eine neue 
Fassung zu geben und denselben in Gestalt eines objectiven göttlichen 
Rechts der Obrigkeit, im Gegensatze zu der persönlichen Vergöttlichung 
der absoluten Könige in die Statslehre neuerdings einzuschmuggeln. 
Vergeblich. Die moderne Welt läszt sich mit dieser Ausgeburt einer 
krankhaften Einbildung nicht mehr verzaubern. 



Achtes Capitel. 

III. Die Theorie der Gewalt. 

„Der Stat ist das Werk gewaltsamer Unterwerfung. Er 
beruht auf dem Rechte des Stärkern." So versichern uns 
einzelne Philosophen, öfter aber noch einzelne gewaltsame 
Machthaber. 1 

Diese Lehre ist dem Despotismus günstig, denn sie recht- 
fertigt jede Gewaltthat; in zweiter Linie aber dient sie auch 
der Revolution, sobald sich diese stark genug fühlt, offene 
Gewalt zu üben. Gewöhnlich wird sie eben da als Waffe her- 
beigeholt, wo die Schranken des wahren Rechtes überschritten 
werden und die rohe Uebermacht waltet. Sie ist ein Sophis- 
mus, nur für Mächtige verlockend, den Schwachen leichter 
vernichtend als täuschend, eher zur Selbsttäuschung als zur 
Täuschung anderer geschickt. 

Man hat gesagt, die Geschichte erweise die Wahrheit 
jenes Satzes, und allerdings zeigt in der Geschichte die Ge- 
walt sich öfter wirksam bei der Begründung von Staten als 
der Vertrag; aber nur äuszerst selten hat die rohe Gewalt 
für sich allein, nach eigener Willkür, Staten geschaffen, nie- 
mals dauernde und grosze Staten. In der Regel, wenn auch 

1 Plutarch (Leben des Camillus. 17.) legt diese Theorie dem Gallier 
König Brennus in den Mund: „Das älteste aller Gesetze, welches von 
Gott an bis auf die Thiere hinabreicht, gibt dem Stärkern die Herrschaft 
über die Güter des Schwächern." 



334 Viertes Buch. Ton der Entstehung und dem Untergang des States. 



gewaltsame Ereignisse, voraus der Krieg, ihren Antheil hatten 
an der Gründung neuer Staten, war die Gewalt doch nur die 
Dienerin wirklicher Rechtsansprüche. Sie war nicht 
die Quelle des Rechts, sondern durchbrach nur den Wider- 
stand, der den Abflusz der Quelle hinderte. Sie schuf nicht 
das Recht, sondern unterstützte es und erzwang ihm die An- 
erkennung. Wo die Gewalt in der Geschichte für sich selbst 
in ihrer barbarischen Rohheit auftritt, da ist sie regelmäszig 
nicht von schöpferischer Wirkung , sondern ein Instrument der 
Zerstörung und des Todes. 

Diese Lehre ist im schneidendsten Widerspruche mit dem 
Begriffe der persö nli ch e n Fr eiheit. Sie kennt nur Herren 
und Knechte; unter Freien (liberi) versteht sie höchstens 
Freigelassene (libertini). Sie widerspricht eben so schroff der 
Idee des Rechts, denn dieses ist offenbar von geistig-sitt- 
lichem Gehalt, während sie die brutale Uebermacht der phy- 
sischen Gewalt auf den Thron erhebt. Berufen dem Rechte 
zu dienen, ist die Gewalt, welche selber Recht sein will, 
Empörung wider das Recht. 2 

Indessen ist auch in den Irrthümern dieser Lehre ein 
Rest von Wahrheit verborgen. Sie hebt ein für den Stat un- 
entbehrliches Moment, das der Macht, hervor, und hat in- 
sofern namentlich der entgegengesetzten Theorie gegenüber, 
welche den Stat auf die Willkür der Individuen basirt, und 
in ihren Consequenzen zu einer ohnmächtigen Statsgewalt 
führt, eine gewisse Berechtigung. Sie legt den Nachdruck 
auf die Realität der Erscheinung und die vorhandenen Macht- 
verhältnisse, und warnt so vor den eiteln Versuchen, die 

2 Schmitthenner, Statswissenschaft. I. S. 13, citirt eine schöne 
hieher gehörige Aeuszerimg von J. J. Rousseau (Contr. Soc. I. 3.): 
„Der Stärkste ist niemals stark genug, um seine Herrschaft zu behaup- 
ten, wenn er nicht seine Uebermacht in Recht, und den Gehorsam der 
Unterworfenen in Pflicht umzuwandeln versteht" (s"il ne transforme 
sa force en droit et Tobeissance en devoir). 



Neuntes Capitel. B. Speculative Theorien. IY. Die Yertragstheorie. 335 

Träume bloszer Speculation und die Wünsche abstracter Doc- 
trinen da zu verwirklichen, wo die natürlichen Verhältnisse 
und Kräfte widerstreiten. 

Ohne Macht kann weder ein Stat entstehen, noch sich 
behaupten. Der Stat tiedarf der Macht nach innen sowohl 
als nach auszen; wo die Machtverhältnisse fest und dauernd 
geworden sind, da sucht und erlangt gewöhnlich auch die 
Macht die Verbindung mit dem Recht, d. h. die Anerkennung, 
Reinigung und Heiligung durch das Recht. Denn ohne das 
Recht ist die Macht des Stärkern von thierischer Natur, sie 
ist der Wolf, der das Lamm zerreiszt. Mit dem Rechte ver- 
einigt aber ist sie der sittlichen Natur des Menschen würdig 
geworden. 



Neuntes Capitel. 

IV. Die Vertragstheorie. 

Vorzüglich seit Rousseau hat die Lehre, dasz „der 
Stat ein freies Werk des Vertrages, der Uebereinkunft 
seiner Bürger" sei, eine grosze Verbreitung und Popularität 
genossen. Sie schmeichelte der Selbstgefälligkeit der Indivi- 
duen, von denen sich jeder Einzelne nach ihr als Statengrün- 
der denken konnte, und schien ihre Lüsternheit zu befriedigen, 
indem sie jeden beliebigen Inhalt aufzunehmen verhiesz. 
Diese Theorie hat vorzüglich in den Zeiten der französischen 
Revolution eine furchtbare Autorität erlangt. Mit ihrer Hülfe 
vornehmlich wurde die alte Statsform niedergerissen und wur- 
den mannichfaltige aber verunglückte Versuche unternommen, 
über dem Schutthaufen ein neues allen zusagendes Statsge- 
bäude aufzurichten. Aber wenn sie auch vorzugsweise als die 
Lieblingstheorie der Revolution Geltung gefunden hat, so hat 
sie doch öfter schon auch dazu dienen müssen, die Recht- 



336 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



mäszigkeit absoluter Herrschaft vertheidigen zu helfen. Es 
verhält sich mit ihr umgekehrt wie mit der Lehre von der 
Gewalt. 

Wie diese vorzugsweise den Despotismus roher Ueber- 
macht begünstigt, ausnahmsweise aber auch die gewaltsamen 
Vorgänge der Empörung deckt, so ist die Yertragstheorie 
voraus der Anarchie günstig , schützt aber ausnahmsweise auch 
die Unterdrückung verhaszter Minderheiten durch willkürliche 
Mehrheiten oder die Tyrannei des Siegers über die Besiegten, 
welche sich ihm ergeben haben. 

Diese Theorie erhebt den Anspruch auf allgemeine Gül- 
tigkeit. Nach derselben beruht die Entstehung aller Staten 
und in gewissem Betracht auch die Fortdauer aller Staten 
auf Vertrag. Die Geschichte aber, welche uns so reiche Auf- 
schlüsse über die Statenbildung eröffnet, weisz auch nicht ein 
einziges Beispiel, in welchem wirklich durch Verabredung und 
Vertrag der Individuen ein Stat „contrahirt" worden wäre. 
Wohl kennt sie einzelne Fälle von Verträgen zweier oder 
mehrerer Staten, durch welche ein neuer Stat gegründet 
wurde, auch einige Fälle, in denen Fürsten und Häuptlinge 
sich mit einzelnen Gassen oder Ständen des Volks vertrags- 
mäszig zu neuen Statsformen vereinbarten, aber sie kennt 
keinen Fall, in welchem ein Stat wie eine Handelsgesellschaft 
oder eine „Brandkasse" durch seine „gleichen" Bürger errich- 
tet worden wäre. Eben so wenig unterstützt die Geschichte 
die Meinung , dasz auch die Fortsetzung der Staten aus einer 
steten Vertragserneuerung der Individuen abzuleiten sei. Viel- 
mehr zeigt sie uns, dasz das Individuum schon als Glied des 
States geboren und erzogen wird, und mit seiner Erzeugung. 
Geburt und Erziehung auch das bestimmte Gepräge des Volks 
und des Vaterlandes empfängt, dem es zugehört, bevor es im 
Stande ist, einen eigenen selbständigen Willen zu haben und 
zu äuszern. 

Das Zeugnisz der Geschichte steht somit jener Theorie 



Neuntes Capitel. B. Speculative Theorien. IV. Die Vertragstheorie. 337 



schroff entgegen, es verwirft dieselbe unzweideutig. Selbst in 
den Zeiten, als die Lehre vom Gesellschaftsvertrag die zahl- 
reichsten Anhänger hatte und am wirksamsten war, konnte 
sie doch niemals die entgegenstehende Realität der Natur 
überwältigen. Das Volk wurde zwar in lauter „freie und 
gleiche Bürger" aufgelöst, aber die Minderheiten auch in den 
Urversammlungen „vertrugen" sich nicht mit den Mehrheiten, 
welche ihren Willen als den übergeordneten und allein gel- 
tenden durchsetzten. Die „constituirende" Versammlung wurde 
zwar als ein Auszug und als eine Stellvertretung der sämmt- 
lichen Bürger angesehen, und ihr die Aufgabe gestellt, sich 
über eine Verfassung zu vereinbaren ; aber auch in ihr über- 
wog die einheitliche Form des Beschlusses durchweg 
über die vielheitliche des Vertrages. Man „fingirte" einen 
Vertrag, wo kein wirklicher zu erkennen war, und täuschte 
sich und andere mit der fingirten Freiwilligkeit der Einzelnen, 
da wo die Mehrheit als Organ der Gesammtheit eine häufig 
unerträgliche Herrschaft 1 übte. 

Wie die Unwahrheit der Theorie durch die Geschichte 
nachgewiesen ist, so hält dieselbe auch der Kritik der Ver- 
nunft nicht Stand. Sie geht aus von der Freiheit und von 
der Gleichheit der Individuen, die den Vertrag abschlieszen. 
Aber politische Freiheit, die hier vorausgesetzt wird, ist 
nur im State, nicht auszerhalb desselben denkbar. Der Mensch 
hat wohl die Anlage zu dieser Freiheit schon in sich , wie den 
Trieb und das Bedürfnisz des States; die Wirklichkeit dieser 
Freiheit dagegen kann erst in der organischen Gemeinschaft 
des States zu Tage treten. Wären die Individuen ferner nur 
gleich, so könnte nie ein Stat entstehen, 2 denn dieser setzt 

1 Rousseau (C. 5.) schon fingirt eine ursprüngliche Ein- 
stimmigkeit, durch welche das Gesetz der spätem Mehrheit ange- 
ordnet worden, aber die Fiction deckt den Widerspruch nicht. 

2 Aristoteles, Polit. II. 1, 4: „ov ydp yiverai aofog i£ o^lo'lov; irepov 
yäp öv^a^ia (Bundesgenossenschaft) A ai ablic, (Stat)." 

BluntschlL allgemeine Statslehre. 22 



338 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



die (politische) Ungleichheit — ohne welche es weder 
Regierende noch Regierte geben kann — als nothwendige 
Grundlage voraus. 

Noch mehr. Der Grundirrthum jener Anschauung ist 
der, dasz sie sich die Individuen als Contrahenten vorstellt. 
Wenn die Individuen Verträge schlieszen, so entsteht Privat- 
recht, nie aber Statsrecht. Das was dem Individuum als 
solchem zugehört, ist sein individuelles Vermögen, sein Privat- 
gut. Darüber kann er verfügen , der eine wie der andere dar- 
über auch Verträge schlieszen. Einen politischen Inhalt 
aber können die Verträge nur haben, wenn schon eine Ge- 
meinschaft da ist, welche über den Individuen steht, 
denn dieser Inhalt ist nicht Privatgut der Individuen, sondern 
öffentliches Gut der Gemeinschaft. 

Durch Vertrag von Individuen kann somit weder ein A^olk 
noch ein Stat entstehen. Wie viele Einzelwillen auch ange- 
häuft werden, es entsteht kein Gesammtwille daraus; 
wenn noch so viel Privatrecht abgetreten wird, es entsteht 
kein Statsrecht daraus. 

Für die Politik ist übrigens jene Lehre im höchsten 
Grade gefährlich. Indem sie den Stat und dessen Rechts- 
ordnung zu dem Producte individueller Willkür stempelt, und 
je nach dem Willen der gerade lebenden Individuen für ver- 
änderlich erklärt, hebt sie den Begriff des Statsrechts auf, 
reizt die Bürger zu statswidriger Willkür, und gibt den Stat 
der äuszersten Unsicherheit und Verwirrung preis. Viel eher 
ist sie daher eine Theorie der Anarchie als eine Stats- 
lehre zu nennen. 

Auch sie enthält indessen ein Stück Wahrheit verhüllt, 
wie denn überhaupt der Irrthum der täuschendste und gefähr- 
lichste ist, in welchem eine allgemein faszliche Wahrheit durch- 
schimmert. Im Gegensatze nämlich zu der Theorie, welche 
in dem State ein bloszes Naturproduct sieht, hebt sie die 
Wahrheit hervor, dasz der menschliche Wille auch 



Neuntes Capitel. B. Speculative Theorien. IV. Die Vertragstheorie. 339 



bestimmend auf die Gestaltung des States einwirken kann und 
darf, und im Widerspruch zu einer gedankenlosen Empirie 
vindicirt sie der menschlichen Freiheit mit dem Be- 
wusztsein von der Vernünftigkeit des States ihr Recht. 

Anmerkungen. 1. Der berühmte Satz des Aristoteles (Polit. 
I. 1, 11.), dasz der Stat früher sei als die einzelnen Bürger, wie das 
Ganze früher als der Theil, widerlegt in der That den Gedanken, dasz 
von den Individuen der Stat erfunden und gemacht werden könue, hin- 
reichend. Das politische Individuum, der Bürger, ist nur ein Glied in 
dem Statskörper, das für sich allein und losgerissen von dem Zusammen- 
hang mit dem State als solches keine Existenz hat. 

2, Der Irrthum, den Stat auf den individuellen Willen zu begrün- 
den, steht in Verbindung mit dem noch mehr verbreiteten, und auch 
von Männern, welche diese Vertragstheorie verachten, oft getheilten Irr- 
thum, dasz das Recht überhaupt das Erzeugnisz des freien Wil- 
lens sei. Allerdings ist dem freien Willen des Menschen die Macht 
gegeben, in manchen Beziehungen Recht zu gestalten, abzuändern, um- 
zuwandeln; aber der gröszte Theil des Rechts war von jeher durch die 
Existenz der Weltordnung und die Natur der Menschen und Verhält- 
nisse gegeben, und von dem Willen der Menschen durchaus unab- 
hängig. Das meiste Recht wird nicht erdacht, sondern gefunden und 
erkannt, „geschöpft," nicht geschaffen; und mehr noch als das 
„Wir wollen" der menschlichen Subjecte ist das „Ihr sollt" von 
entscheidendem Einflusz geworden auf die Rechtsbildung. Auch Hegel, 
indem er das Recht zwar nicht aas dem „particularen Einzelwillen," 
sondern aus dem „wahren," dem „an und für sich seienden" Willen 
hervorgehen läszt, hat die Natur des Rechtes nicht wahrhaft begriffen, 
obwohl er die Unrichtigkeit der Vertragstheorie vollkommen eingesehen 
hat. Vgl. Rechtsphilosophie §. 259. 

3. Ein Schweizer, der Genfer Bürger J. J. Rousseau, hatte der 
Vertragstheorie mit den glänzenden Waffen seiner beredten Dialektik 
vorzüglich den Sieg in der öffentlichen Meinung verschafft. Ein anderer 
Schweizer, der Bernerische Patricier Ludwig von Haller, griff die 
ganze naturrechtliche Lehre seiner Zeit mit groszer Energie an und 
überwand die Vertragstheorie durch seine gründliche Bekämpfung voll- 
ständig. Weniger glücklich war er in der positiven Begründung der 
Statswissenschaft, die er „Restauration" nannte. Es geschieht ihm frei- 
lich Unrecht, wenn man seine Lehre mit der Theorie der Gewaltherr- 
schaft identificirt und ihn für einen Vertheidiger von jeglichem Despotis- 
mus erklärt. Aber er ist der Lehrer der Reaction, wie Rousseau der 
Lehrer der Revolution. 

Haller gründet den Stat auf das „Naturgesetz, dasz der Mäch- 



340 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des Btates. 

tigere herrsche," und erkennt in der Ueberlegenheit des einen 
und in dem Bedürfnisz des andern den Grund aller Herrschaft und 
aller Abhängigkeit. Er nennt dasselbe eine ewige, unabänderliche Ord- 
nung Gottes. Schon diese Hinweisung zeigt, dasz ihm Macht nicht 
gleichbedeutend mit Gewalt ist, und er führt den Gegensatz näher aus. — 
„Jene wird beschränkt durch die Pflicht. Durch das moralische Pflicht- 
gesetz, welches Gott in die Herzen der Menschen geschrieben, welches 
sich in dem Gewissen der Kinder schon kund gibt, und in allen Zeiten 
unter allen Völkern offenbar wurde: „Meide Böses und thue Gutes," 
und: „Beleidige niemand und lasz jedem das Seine;" durch das Gesetz 
der „Gerechtigkeit" und das Gesetz der „Liebe" wird dafür gesorgt, 
dasz die Macht (potentia) nicht in schädliche Gewalt (vis) ausarte. 
Diese beiden Gesetze sind von Gott dem Menschen eingepflanzt, sie sind 
diesem anerboren. Sie sind allgemein und nothwendig, ewig und unab- 
änderlich. Sie sind jedem verständlich, und die obersten und höchsten, 
denen alle andern menschlichen Gesetze sich unterordnen müssen, von 
denen niemand zu dispensiren befugt ist. Sie sind auch die mildesten 
und freundlichsten, ihr Joch ist sanft und ihre Last ist leicht. Nicht 
der allgemeine Volkswille, nicht das allgemeine Wohl, auch nicht die 
Furcht vor menschlicher Gewalt, sondern einzig der göttliche Wille ist 
der Grund dieses Pflichtgesetzes. Es gilt daher auch für die Mächtigen. 
Jede Uebertretung derselben ist ein unerlaubter Miszbrauch der Gewalt 
von dem gemeinsten Hausvater bis zu dem gröszten Potentaten hinauf, 
eine Ungerechtigkeit oder eine Lieblosigkeit. Die Gerechtigkeit darf 
man fordern von dem Starken wie von dem Schwachen, sobald man sie 
selbst beobachtet, Liebe und Wohlwollen von dem bessern Theil des 
menschlichen Herzens erwarten. Gegen den möglichen Miszbrauch der 
höchsten Gewalt gibt es keine Hülfe durch menschliche Einrichtungen. 
Es gibt über die höchste Gewalt keinen menschlichen Richter. „Es 
gibt nirgends Hülfe als bei Gott." „Der Glaube an Gott," wie Plutarch 
sagt, „ist das Band und der Kitt aller menschlichen Gesellschaft und 
die Stütze der Gerechtigkeit." Die Religion allein vermag die Macht in 
ihren Schranken zu halten und die Schwachen zu stärken." 

Wir haben die Grundzüge der Haller'schen Doctrin mit ihren eigenen 
Worten wiedergegeben. Dabei fällt es freilich auf, dasz er das Recht 
und den Stat nicht aus der Gerechtigkeit, sondern aus der Macht 
ableitet, und jene nur als die Schranke dieser erfaszt. Die Macht 
gibt nach ihm Recht und nur die Macht gibt Recht; je gröszer nie 
Macht, desto höher das Recht, während in Wahrheit die Macht für sich 
allein nur ein thatsächliches , nicht ein Rechtsverhältnisz bildet. Diese:- 
Zug geht aber dürch das ganze System durch. Die Ehrfurcht vor der 
realen Macht, wie sie sich in den natürlichen Verhältnissen äuszerlich 
sichtbar darstellt , wie sie historisch geworden ist , verschlieszt ihm öfter 
die Einsicht in den ideal -sittlichen Charakter des Rechts und in das 



Zehntes Capitel. B. Speculative Theorien. V. Der organische Statstrieb etc. 34 X 

Werden desselben; die Neigung, die höchste Macht und das höchste 
Recht der Obrigkeit vor jeder Beeinträchtigung zu sichern, wird in ihm 
zuweilen bis zum Hohn und Hasz gegen jeden Versuch gesteigert, die 
Rechte der Unterthanen vor Miszbrauch der obrigkeitlichen Gewalt zu 
sichern und die Ausübung dieser zu beschränken, als ob es ein Frevel 
wäre, das göttliche Pflichtgesetz auch durch menschliche Einrichtungen 
vor menschlichen Verletzungen zu bewahren. Er ist daher auch ein 
erklärter Gegner des ganzen constitutionellen Systems und bildet die 
mittelalterliche Vorstellung, dasz die statliche Herrschaft dem Eigenthum 
gleich sei, in schroffer Weise aus. 



Zehntes Capitel. 

V. Der organische Statstrieb und das Statsbewusztsein. 

Es genügt nicht, die gewöhnlichen speculativen Theorien 
zu verwerfen. Das Bedürfnisz, die Eine Ursache der Staten- 
bildung im Gegensatz zu den mannichfaltigen Formen der 
Erscheinung zu erkennen, bleibt unbefriedigt. 

Indem wir auf die menschliche Natur zurückgehen, 
finden wir in ihr die gemeinsame Ursache aller Statenbildung. 
Die Menschennatur hat neben der individuellen Mannichfaltig- 
keit auch die Gemeinschaft und Einheit als Anlage in 
sich; und indem diese Anlage entwickelt wird und zunächst 
die Nationen als Völker sich in ihrer innern Gemeinschaft 
und Einheit erfahren und demgemäsz äuszerlich gestalten, 
bringt der innere Statstrieb die äuszere Organisation des 
Gesammtdaseins in Form männlicher Selbstbeherrschung, d. h. 
in Form des States hervor. 

Dieser Statstrieb wirkt anfänglich instinctiv und unbe- 
wuszt in den Menschen. Die Menge schaut halb mit Ver- 
trauen , halb mit Furcht zu einem Häuptling auf, dessen über- 
legener Muth und Geist ihr imponirt, den sie als den höch- 
sten Führer und Ausdruck ihrer Gemeinschaft verehrt. Sie 
ordnet sich ihm unter und gehorcht seinem Befehle. 



342 Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 



Allmählich aber, bei steigender Cultur und nach sicheren 
Lebenserfahrungen erhellt sich der dunkle Trieb und es bildet 
sich das Statsbewusztsein und der Statswille aus. 
Naturgemäsz zuerst in den Führern und Häuptern des Volks. 
In ihnen wird der Statstrieb zu activem Statsbewuszt- 
sein erhöht und zu ordnendem und wirkendem Stats- 
willen gekräftigt. Die Masse der Begierten gelangt einst- 
weilen nur zu einem passiven Statsbewusztsein. 

Nach und nach breitet sich das Statsbewusztsein aber 
auch in den höhern, zuletzt in den unteren Ständen und 
Classen der Bevölkerung aus und wird auch da wirksam und 
thätig. 

Diese Annahme eines in der menschlichen Natur vorerst 
unbewuszt wirkenden Statstriebs, später bewuszt wirkenden 
Statsgeistes steht mit den geschichtlichen Entstehungsformen 
der Staten nicht im Widerspruch, sondern erklärt dieselben. 

In den Mächtigen steigert er sich leidenschaftlich bis 
zur Herrschsucht, in den Schwachen bis zur knechtischen 
Unterwürfigkeit. In den Freien aber ist er durch den Ver- 
stand erleuchtet und durch das sittliche Selbstgefühl, welches 
mit dem ebenfalls sittlichen Gesammtgefühl in Harmonie ist, 
würdig erfüllt. Nur der freie Stat ist wahrer Stat, weil nur 
in ihm der Statsgeist allgemein und in allen Classen des 
Volks wirksam ist. 

Was Wahres in den falschen speculativen Theorien ent- 
halten war, finden wir in dieser Auffassung, welche die Alten 
schon ausgesprochen hatten, 1 wieder, ohne die entstellenden 
Irrthümer j ener Theorien. Mittelbar erscheint dann , der 
Stat auch als etwas Göttliches, indem Gott den Statstrieb 
in die menschliche Natur gelegt und in sofern die Verwirk- 
lichung des Stats gewollt hat. Das gesunde religiöse Gefühl 

l Siehe oben S. 339. Vgl. auch Cicero de Republ. I. 25. „Ejus 
(populi) prima causa coeundi est non tarn imbecillitas , quam naturalis 
quaedam hominum quasi congregatio." 



Zehntes Capitel. B. Speculative Theorien. V. Der organische Statstrieb etc. 343 

wird daher nicht verletzt, wenn gleich der Stat in erster Linie 
als eine Aufgabe und ein Werk der Menschen erklärt wird. 
Auch was von realerMachtfülle zur Statenbildung unent- 
behrlich ist, wird in seiner Bedeutung anerkannt, denn die 
wesentliche Macht ist die in der gemeinsamen, der Staten- 
bildung zugewendeten Menschennatur ruhende Volkskraft. End- 
lich wird auch dem geistig -sittlichen Momente des Willens 
sein Recht zugestanden. Nur haben wir hier nicht zersplitterte 
und zerfahrene Einzelwillen, sondern den von Natur gemein- 
samen und einheitlichen Volks- oder Stats willen. 

Der Anlage nach ist der Gesammtwille in den Nationen 
ebenso rassenmäszig vorhanden wie der gemeinsame Einigungs- 
und Organisationstrieb, den wir Statstrieb heiszen. Dieser 
Gesammtwille in der Offenbarung wird zum Statswillen, wäh- 
rend der rein individuelle Wille selbst dann individuell bleibt, 
wenn zwei Individuen mit einander einen Vertrag abschlieszen. 
Der richtige Ausdruck des Gesammtwillens ist nicht der Ver- 
trag, sondern wenn es sich um dauernde Ordnungen handelt, 
das einheitliche Gesetz, wie der Befehl, wenn es sich um 
polizeiliche Functionen, das Urtheil, wenn es sich um Ver- 
waltung der Gerechtigkeit handelt. Der Stat hat die Organe 
in sich, welche dem Gesammtwillen dienen, sich zu sammeln, 
seiner bewuszt zu werden, sich zu äuszern. 

Der Stat ist daher nicht eine Ordnung nur zur Zähmung 
der schlechten Leidenschaften, nicht ein nothwendiges Uebel, 
sondern ein nothwendiges Gut. Die Völker als Gesammt- 
wesen und die Menschheit als Gesammtwesen können nicht 
anders zu Darstellung ihrer innern Gemeinschaft und Einheit, 
nicht anders zu ihrer Selbstbestimmung als grosze Ganze ge- 
langen, als indem sie ihre Statsanlage zum State verwirk- 
lichen. Der Stat ist die Erfüllung der Gesammtordnung und 
die Organisation zur Vervollkommnung des Gesammtiebens in 
allen öffentlichen Dingen. 

So verstanden ist der Stat zwar wohl zunächst eine 



344 "Viertes Buch. Von der Entstehung und dem Untergang des States. 

irdisch-menschliche Gestaltung. Aber nichts hindert uns, 
dem religiösen Ideal einer unsichtbaren Kirche, welche die 
Gemeinschaft der religiös verbundenen Geister bedeutet, auch 
das politische Ideal eines unsichtbaren States, welcher 
die Gemeinschaft der politisch geeinigten Geisterwelt bedeutet, 
an die Seite zu stellen. Wie die Theologen von einer voll- 
kommneren Kirche im Himmel sprechen, so können auch die 
Männer des States den irdischen Stat nur als eine Vorstufe 
des himmlischen States betrachten. 

Der wirkliche Stat aber ist wie die wirkliche Kirche nur 
die wir hier erkennen, in denen wir leben und arbeiten. Nur 
mit diesem wirklichen State hat es die Wissenschaft im State 
zu thun, und dieser Stat wird vollständig aus der mensch- 
lichen Natur erklärt und begriffen. 



Fünftes Buch. 



Der Statszweck. 

Erstes Capitel. 

Ist der Stat Zweck oder Mittel? Inwiefern Zweck und Mittel? 

1. Die Frage wird oft so gestellt: Ist der Stat Zweck 
oder Mittel? d. h. hat der Stat einen ihm eigenen Zweck in 
sich, einen Selbstzweck, oder hat er lediglich den einzelnen 
Menschen als Mittel für ihre Lebenszwecke zu dienen? 

Die antike Statslehre, vorzüglich der Hellenen, betrach- 
tete den Stat als das höchste Ziel des Menschenlebens über- 
haupt, als die vollkommene Menschh eit und war desz- 
halb geneigt, nur den Selbstzweck des Stats zu sehen. 
Verglichen mit dem State erschienen ihr dann die Einzel- 
menschen nur als Theile des States, aber nicht als selbstbe- 
rechtigte Wesen. Nicht der Stat diente den Individuen, son- 
dern umgekehrt die Individuen dienten dem State, als die 
Theile dem Ganzen, als die Glieder dem Körper. Unbedenk- 
lich wurde daher die Privatwohlfahrt der Statswohlfahrt ge- 
opfert. Sie hatte nur insofern eine Berechtigung und einen 
Werth, als sie zugleich der Statswohlfahrt nützlich war. 
Ebenso wurde die Privatfreiheit nur als ein Theil der Volks- 
freiheit verstanden. Auch sie fand weder Schutz noch För- 



346 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



tlerung, wenn die private Selbständigkeit der Individuen ihre 
eigenen Wege gehen wollte, im Gegensatze zu der allgemei- 
nen Richtung der Volkswohlfahrt und des Stats. 

Ganz im Gegensatze zu dieser antiken Grundansicht ist 
voraus von englischen und nordamerikanischen Schriftstellern 
die Meinung vielfältig verfochten worden, dasz der Stat kei- 
nen Selbstzweck in sich, sondern ausschlieszlich ein Mittel 
sei für die Wohlfahrt der Einzelmenschen. Macaulay 
(Kleine Schriften und wiederholt in seinen Werken) bezeich- 
net es als einen Hauptmangel in der Politik der Alten und 
Machiavelli's , dasz sie nicht, wie die Neuern. den groszen 
Grundsatz erkannt haben: „Gesellschaften und Gesetze be- 
stehen lediglich zu dem Zweck, die Summe des Privat- 
glücks zu vermehren." Der Stat wird von dieser modernen 
Schule dann nur als eine blosze Einrichtung, gleichsam eine 
Maschine, betrachtet, welche als Mittel diene, um den Ein- 
zelnen mehr Sicherheit zu gewähren für ihr -Dasein , ihr Ver- 
mögen , ihre persönliche Freiheit und höchstens noch als eine 
künstliche Anstalt gerühmt, welche gemacht sei, das Glück 
und die Wohlfahrt aller Einzelnen, oder doch der groszen 
Mehrzahl zu erhöhen und zu fördern. 

Seit Bacon ist diese Meinung oft von Politikern und 
selbst von Männern der Wissenschaft mit Eifer vertheidigt 
worden. W T er im State nur eine Gesellschaft von Individuen 
sieht, kann dieselbe nicht abweisen. Macaulay glaubt so- 
gar, dasz die Vervollkommnung der öffentlichen Zustände in 
der neueren Zeit vornehmlich der Wirksamkeit dieser An- 
sicht zu verdanken sei. Robert von Mo hl findet es abge- 
schmackt, wo Menschen und eine blosze Einrichtung für die- 
selben in Frage seien, von einer gleichen Bedeutung beider 
zu reden. 

Ich denke: In beiden Behauptungen, jener antiken und 
dieser modernen ist ein Wahrheitskern zu finden : aber beide 
verfallen in einen Irrthum, indem sie nur Eine Seite vor 



Erstes Cap. Ist der Stat Zweck oder Mittel? Inwiefern Zweck und Mittel? 347 

Augen haben und die angrenzende Gegenseite übersehen oder 
verneinen. 

Schon die obige Fragenstellung: Zweck oder Mittel? ver- 
leitet zu solcher Einseitigkeit und daher zu dem Irrthum. 
Dasselbe Ding kann, nach der einen Beziehung betrachtet, 
ein Mittel sein für andere Lebenszwecke und es kann, von 
einem anderen Standpunkte aus in anderer Richtung ange- 
sehen, den Zweck seines Daseins in sich haben. Wie oft ist 
ein Gemälde oder eine Statue ein Mittel, um dem arbeiten- 
den Künstler den erforderlichen Lebensunterhalt oder dem 
Kunsthändler einen Gewinn zu verschaffen? Dennoch ist das 
echte Kunstwerk für den Künstler das Ziel seines höchsten 
Strebens. In dem Kunstwerk erkennt der Künstler den Aus- 
druck seiner lebendigsten Empfindungen, die leibhafte Dar- 
stellung seiner Ideale. Es trägt so seinen Zweck in sich. 
Die Ehe dient unzweifelhaft den beiden Ehegatten als ein 
Mittel, ihre individuellen Lebensbedürfnisse zu befriedigen 
und beiden ein glücklicheres Dasein möglich zu machen. 
Die Ehe ist aber auszerdem auch eine Einigung der in Ge- 
schlechter gespaltenen Menschennatur, indem sie die Ehe- 
gatten zu einer höheren Lebenseinheit verbindet, begründet 
sie die Familie und insofern ein höheres Gesammtdasein, 
welches dem Einzelleben der Ehegatten und der Familien- 
glieder übergeordnet ist. Jeder Ehegatte und jedes Familien- 
glied opfert dann willig einen Theil seiner Selbstsucht und 
seiner Eigenwilligkeit dem höheren Zwecke , welcher der Ehe 
und der Familie inwohnt. 

Ganz ebenso ist auch der Stat, je nachdem man ihn 
von der einen oder von der andern Seite aus betrachtet, ein 
Mittel, um den Individuen zu dienen, die in ihm leben 
und hat hinwieder den Selbstzweck in sich, um deszwillen 
auch die Individuen ihm untergeordnet sind und ihm dienen. 

Die antike Einseitigkeit, welche über dem ganzen Volke 
den einzelnen Menschen übersah, gefährdete die Privatfrei- 



348 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



heit und die Privat wo hl fahrt ernstlich und verleitete in 
ihren Consequenzen zu der Vorstellung der Stats allmach t, 
die dann leicht zur Statstyrannei ausartet. 

Die moderne Einseitigkeit, welche vor den Bäumen den 
Wald nicht sieht, verkannte umgekehrt die Majestät des 
Stats und löste in ihren Consequenzen den Einen Stat in 
ein wirres Gewusel von Einzelmenschen auf und be- 
günstigte daher die Anarchie. 

Allerdings haben die Alten die wichtige Aufgabe des 
Stats, die Privatfreiheit zu schützen und die Privatwohlfahrt 
der Menge durch seine Anstalten zu fördern, nicht genug 
beachtet. Es ist wirklich ein Vorzug der modernen Stats- 
praxis, dasz diese Sorge des Stats besser erkannt und viel- 
seitiger geübt wird, als im Alterthum. Mit Recht erscheint 
den heutigen Menschen eine Politik verächtlich und hassens- 
werth, welche die Wohlfahrt der Privaten als einen Spielball 
behandelt, der je nach der Laune der statlichen Gewalt- 
haber hin- und hergeschleudert oder gelegentlich fallen und 
liegen gelassen wird. Wir wissen, dasz das Gesetz und das 
Amt nicht blosz Herrschaft über die Individuen üben, son- 
dern in sehr wesentlichen Beziehungen ein Dienst für die 
Privaten sind. Eine grosze Anzahl wohlthätiger und ge- 
meinnützlicher Anstalten und Einrichtungen der modernen 
Staten sind dieser Einsicht zu verdanken. Die moderne Aus- 
bildung der Privatfreiheit und vor allen Dingen der indivi- 
duellen Geistesfreiheit ist nur von dieser Grundansicht aus 
zu erklären, welche hauptsächlich durch das Christenthum für 
das religiöse Leben und durch den germanischen Rechtssinn 
für das ganze persönliche Rechtsleben begründet und ver- 
breitet worden ist. 

Aber trotz alledem ist es ein logischer und politischer 
Fehler, zu meinen, der Stat sei nur um der Privatper- 
sonen willen da, die Statsverwaltung habe nur für die all- 
gemeine Privatwohlfahrt zu sorgen. Der ganze Stat 



Erstes Cap. Ist der Stat Zweck oder Mittel ? Inwiefern Zweck und Mittel? 349 

würde so in seinem Wesen zerstört und das Statsrecht hätte 
nur einen Sinn, als eine Vorbedingung des Privatrechts. 
Wenn unter allen männlichen Völkern Hunderttausende von 
Menschen in irgend einer Gefahr und Noth des Stats willig 
schwere Lasten auf sich nehmen und sogar die Ruhe ihrer 
Familien und ihr Leben für den Stat in Gefahr bringen, so 
ist diese Opferwilligkeit doch nur aus der Annahme zu er- 
klären, dasz diese Männer die Sicherheit, die Wohlfahrt ihres 
Volkes und States höher schätzen als die eigene. Die Grosz- 
thaten der Helden aller Zeiten wären eitle Thorheit und 
Schwärmerei, wenn der Stat nur ein Mittel wäre, um den 
Einzelmenschen zu dienen, wenn nicht das Gesammtieben 
des Volkes einen höheren Werth hätte als das Leben vieler 
Einzelmenschen. In den groszen Gefahren und Krisen des 
Völkerlebens wird es den Menschen klar, dasz der Stat etwas 
Besseres und Höheres sei als eine wechselseitige Versicherungs- 
gesellschaft. Die entzündete Liebe zum Vaterland schmilzt 
dann die spröde Selbstsucht der Einzelnen und das wachge- 
wordene Gefühl der Pflicht gegen den Stat durchdringt dann 
und erhebt auch die Massen. 

Wie das Volk etwas anderes ist als die Summe der zum 
Stat gehörigen Privatpersonen, so ist auch die Volks Wohl- 
fahrt nicht gleichbedeutend mit der Summe der jeweiligen 
Privat Wohlfahrt. Wohl besteht zwischen der Wohlfahrt 
des Stats und der Wohlfahrt der Privaten eine nahe 
Verwandtschaft und eine enge Wechselbeziehung. Sie steigen 
und fallen beide meistens gleichzeitig. Wenn die Privatwohl- 
fahrt der Menge krankt und schwach ist, dann leidet ge- 
wöhnlich auch die Statswohlfahrt an schweren Uebeln. Aber 
nicht immer gehen die Linien und Richtungen beider Arten 
der Wohlfahrt parallel. Zuweilen durchkreuzen sie sich oder 
entfernen sie sich von einander. Von Zeit zu Zeit ist der 
Stat genöthigt, zu seiner Rettung, oder im Interesse der 
künftigen Geschlechter harte Zumuthungen an die gegen- 



350 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



wärtigen Privaten zu machen und ihnen schwere Lasten auf- 
zubürden. Es kommt auch wohl vor, dasz die Bedürfnisse 
der Privatwohlfahrt von dem State auszergewöhnliche Hülfe 
und Unterstützung fordern , welche diesen mit groszen Schul- 
den belasten. 

Es kommt also darauf an, näher zu prüfen, unter wel- 
chen Voraussetzungen der Stat ein Mittel ist für die Privaten, 
und unter welchen Bedingungen und bis zu welchen Grenzen 
der Selbstzweck des States Unterordnung der Privaten zu for- 
dern berechtigt ist. 



Zweites Capitel. 
Falsche Bestimmung- des Statszwecks. 

1. In der Praxis mehr noch als in der Theorie ist oft 
als der eigentliche Selbstzweck die Herrschaft der Obrig- 
keit, insbesondere der Fürsten über die Unterthanen ver- 
kündet worden. 

Wäre die Herrschaft der Zweck des States , so würde die 
Consequenz dieses Gedankens zu einer möglichst absoluten 
und zu einer möglichst allgemeinen Herrschaft führen, als 
dem eigentlichen Statsideal, d. h. die absolute Univers al- 
monarchie oder vielmehr die Universaldespotie wäre 
das letzte Ziel des statlichen Strebens. Damit aber wären 
die Freiheit der Völker und die Entfaltung der in der Mensch- 
heit ruhenden Kräfte unvereinbar. 

Der ganze Gedanke hat seinen Grund nicht in der ge- 
meinsamen Menschennatur, nicht in der natürlichen Anlage 
und Begabung der Menschen zum Stat. Seine Wurzel findet 
er nur in der Herrschsucht und in der eiteln und anmaszenden 
Selbstüberhebung der Führer. 

Schon Aristoteles (Politik III. 5) hat diese falsche 



Zweites Capitel. Falsche Bestimmung des Statszwecks. 



351 



Meinung durch den berühmten Satz verurtheilt: „Eine Stats- 
verfassung, welche nur den Vortheil des Regenten bezweckt, 
ist eine ungesunde Ausartung." Diese Meinung vergiszt, dasz 
im State ein Volk lebt. Sie übersieht, dasz die Regierten 
ebenfalls Personen sind, wie die Regenten, dasz die Unter- 
thanen wesentlich dieselben menschlichen Fähigkeiten, Em- 
pfindungen, Kräfte haben, wie die Fürsten und dasz es da- 
her ungereimt ist, nur diese als berechtigte Personen und 
jene als bloszen Gegenstand ihrer Herrschaft, wie Sachen zu 
betrachten. Alle Gründe, welche gegen die Sclaverei sprechen, 
sind auch gegen diese Despotie wirksam. 

Die Herrschaft im State ist freilich eine Eigenschaft der 
Statsgewalt, nicht aber der Zweck des Stats, ein Mittel, den 
Statszweck zu realisiren, nicht das Ziel des Statslebens. Sie 
ist mehr noch eine Pflicht gegen das Volk, als ein Ge- 
nusz des Herrschers. 

Um deszwillen bedarf die Herrschaft auch der näheren 
Begrenzung und der verfassungsmäszigen Bestimmung. Nicht 
die absolute , sondern die constitutionelle, d. h. relative 
Statsherrschaft entspricht dem Ideal eines möglichst vollkom- 
menen Stats. Wenn eine bestimmte Form der Herrschaft, 
die ursprünglich einen guten Sinn gehabt hatte , mit der Zeit 
nicht mehr paszt zu den veränderten Zuständen eines, Volks, 
wenn sie schädlich wird für die Vervollkommnung des Volks, 
dann kann es daher auch nicht mehr die Aufgabe einer ge- 
sunden Politik sein, die Herrschaft, wie sie von den Vor- 
fahren ererbt worden, unversehrt und ungeschmälert an die 
Nachkommen zu hinterlassen. Vielmehr ist dann die politische 
Aufgabe , die unbrauchbare Form der Herrschaft zu verbessern 
und die Harmonie mit den übrigen Lebensbedingungen des 
Volks herzustellen. 

2. Die theokratische Statslehre gibt als Statszweck die 
Verwirklichung des Gottesreichs auf der Erde an. 
Stahl (Rechtsphilosophie II. 2.) sagt: „Es ruht der Beruf 



352 



Fünftes Euch. Der Statszweck. 



des States auf dem Dienste Gottes. Es ist Gottes Gebot für 
das Gemeinleben — Gerechtigkeit, Zucht und Sitte — das 
er handhaben, es ist Gottes Herrschaft, die er aufrichten 
soll." Im Mittelalter war diese Vorstellung sowohl unter den 
Christen als unter den Muhammedanern allgemein geglaubt. 
Die moderne Welt bestreitet nicht die religiöse Bedeutung 
dieses Gedankens. Sie begreift es, dasz dem frommen Ge- 
müthe die ganze Welt verklärt wird durch das Licht des gött- 
lichen Wesens und Waltens. Aber sie verwirft entschieden 
die unrichtige und verderbliche Anwendung der Gottesherr- 
schaft auf die menschliche Statsleitung. 

Die theokratisirende Gleichung: „Gott regiert über die 
Welt, wie der Fürst über das Volk" ist augenscheinlich falsch, 
denn die Regierung Gottes über die Menschheit (die Wein 
ist die Regierung des absoluten Wesens über relative Wesen, 
des Schöpfers über die Geschöpfe, die wir weder in ihren Ur- 
sachen zu ergründen, noch in ihren Mitteln und in ihren! 
Ziele mit Sicherheit zu bestimmen vermögen. Die Regierung 
des Fürsten aber über das Volk ist die Regierung eines Men- 
schen über andere Menschen, d. h. über gleichartige Wesen, 
deren Leben ebenso ein abgeleitetes und deren Eigenschaften 
eben so beschränkt sind, wie die des Fürsten auch, die 
menschlich zu beurtheilen auch die Regierten wohl im 
Stande sind. 

Die Gleichstellung des Fürsten mit Gott ist daher in 
jeder Hinsicht unwahr und weil sie zur Ueberschätzung und 
zum Uebermuthe verleitet, verderblich. Der Statszweck musz 
menschlich erkennbar, menschlich bestimmbar und wenigstens 
annähernd menschlich erreichbar sein. 

3. Durchaus verwerflich ist es, den Statszweck auszer- 
halb des Volkes und Landes zu setzen, welche den Stat 
bilden, so dasz der ganze Stat nur ein Mittel würde für 
auszerstatliche und fremde Zwecke. 

Wenn die klerikale Partei die Nothwendigkeit eines 



Zweites Capitel. Falsche Bestimmung des Statszwecks. 



353 



päpstlichen Kirchenstates gewöhnlich damit zu begründen ver- 
sucht haben, dasz die Unabhängigkeit und die Autorität der 
römisch-katholischen Kirche einen Papst erfordere, der zu- 
gleich in Rom souveräner König sei, so haben sie durch 
diese Beweisführung, ohne es zu wissen, die Unzulässigkeit 
des römischen Kirchenstats ins Licht gestellt. Denn es wird 
damit die Selbständigkeit dieses States, d. 1l der Begriff des 
States geläugnet, der nie der willenlose und rechtlose Diener 
einer auszer ihm vorhandenen Macht, und wäre diese die 
römisch-katholische Kirche , sein darf. Es wird dadurch auch 
dem römischen Volk, welches in diesem State lebt, die wider- 
sinnige Zumuthung gemacht, dasz es ein statliches Heloten- 
thum auf sich nehme, im Interesse einer unstatlichen Glau- 
bensgemeinschaft, eine Zumuthung, welche im Widerspruch 
ist sowohl mit der politischen Eigenart des Volks, als mit 
der religiösen Natur der Kirche. 

Die Weltgeschichte hat über diese Ungeheuerlichkeit ge- 
richtet. Born gehört politisch nicht der katholischen Christen- 
heit, die in viele Staten zertheilt ist, sondern den Römern 
oder richtiger, dem italienischen Volke, dessen Glieder die 
Römer sind. 

Aber es gibt heute noch ähnliche Verirrungen. Die Exi- 
stenz des Fürstenthums Lichtenctein ist augenscheinlich 
nicht mit Rücksicht auf das Ländchen und die kleine Völker- 
schaft von Lichtenstein erhalten worden. Das Stätchen hat 
in sich keine Bedeutung. Es dient blosz einem fremden 
Zwecke, nämlich dazu, die Würde und den Rang der fürst- 
lichen Dynastie, die auszerhalb des Landes lebt, an dem 
österreichischen Kaiserhofe als Unterlage empor zu heben. 
Es hat also den Zweck nicht in sich. 



Bluntschli, allgemeine Statslehre. 



23 



354 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



Drittes Capitel. 

Ungenügende oder übertriebene Bestimmungen des 
Statszwecks. 

1. Seit Kant und Fichte wurde die Meinung in 
Deutschland eine Zeit lang herrschend, der wahre Statszweck 
sei lediglich die Kechtssicherheit. Dabei dachte man 
vorzugsweise oder gar ausschlieszlich an das Recht der Einzel- 
menschen, der Privaten. 

Kant hatte ausdrücklich erklärt (Rechtslehre §. 47 — 49): 
„Nicht das Wohl der Statsbürger und ihre Glückseligkeit, 
sondern der Zustand der Uebereinstimmung der Verfassung 
mit Rechtsprincipien ist das Heil (Ziel) des Stats." Fichte 
(Naturrecht in den Werken III. 152): „Die Sicherheit der 
Rechte Aller ist der alleinige gemeinsame Wille", d. h. Stats- 
wille. Von dieser Kant'schen Ansicht aus hat Wilhelm von 
Humboldt die ..Grenzen der Wirksamkeit des Stats" sehr 
enge bestimmt. Er erklärt: „Die Erhaltung der Sicherheit 
sowohl gegen auswärtige Feinde, als gegen innerliche Zwi- 
stigkeiten" ist der Zweck des States. Aber noch in unserem 
nationalen Zeitalter behauptete Eötvös (Moderne Ideen IL 
S. 91): „Der Zweck des States ist die Sicherheit der Ein- 
zelnen." 

Diese Meinung ist in der zweiten Hälfte des vorigen 
Jahrhunderts aufgekommen. Man suchte damals nach einer 
grundsätzlichen Beschränkung jener wohlwollenden aber über- 
aus lästigen und die Freiheit des Privatlebens drückenden 
Vielregier er ei des aufgeklärten Absolutismus jener Zeit, wel- 
cher jede Einmischung in das Familienleben, die Berufsfrei- 
heit, die Vermögensverwaltung der Privaten mit der Sorge für 
die allgemeine Wohlfahrt zu begründen und zu rechtfertigen 
pflegte. Man meinte in der Bestimmung des Statszwecks als 
Rechtssicherheit das Mittel gefunden zu haben, um jener Viel- 



Drittes Cap. Ungenügende oder übertriebene Bestimmungen des Statszwecks. 355 



regiererei erfolgreich entgegen zu treten und nannte den so 
begrenzten Stat „Rechtsstat" j m Gegensatz zu dem ver- 
haszten „Polizeistat." 

Indessen befriedigte diese Einengung des Statslebens 
durch den beschränkten Statszweck weder die Instincte noch 
die Bedürfnisse der modernen Völker. Niemand zweifelte 
daran, dasz die Erhaltung und Wahrung der Rechtssicherheit 
mit zu den Aufgaben des States gehöre. Aber kein modernes 
Volk und keine Statsregierung konnten ihre politische Thätig- 
keit auf diesen engen Bereich beschränken lassen. Die Haupt- 
vertreter jener Meinung wurden selber durch ihre Lebens- 
erfahrungen veranlaszt, jene Schranken zu durchbrechen und 
nach höheren Zielen der Politik zu streben. Fichte, der 
anfangs gemeint hatte, „Schutz des Eigenthums" sei der 
Hauptzweck des States, erhob sich im Kampf wider die Na- 
poleonische Universalmonarchie, welche das Eigenthum und 
den Erwerb willig schützte, zu der Idee eines nationalen 
Volksstats, der dem Volksgeiste zum Organ diene. Wilhelm 
von Humboldt arbeitete als preuszischer Minister für die gei- 
stige Erhebung des preuszischen Volkes durch Statsschulen, 
die er vorher in seiner Theorie verworfen hatte und für die 
Machtentfaltung des preuszischen Stats, die für die Civil- und 
Strafrechtspflege schon vorher vollkommen genügt hatte. 

In der That, jene Hinweisung auf die Rechtssicherheit 
erschöpft den Zweck des Stats nicht, und am wenigsten den 
Zweck des civilisirten modernen Stats. Sie würde eher den 
mittelalterlichen an das Privatrecht gebundenen Ansichten als 
den Bedürfnissen der heutigen Culturvölker zusagen. 

In dem Volk wirkt nicht blosz der Rechtssinn. Es be- 
darf schon eine Menge w i r t h s c h a f 1 1 i c h e r Anstalten, 
die mit der Rechtssicherheit nichts zu schaffen haben, der 
Straszen, der Canäle, der Eisenbahnen, der Posten und Tele- 
graphen für den gesellschaftlichen Verkehr. Nur der Stat 
kann dieses Bedürfnisz befriedigen und er dürfte es nicht, 



356 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



wenn jene Vorstellung des „Rechtsstats" massgebend wäre. 
Das Volk hat auch wichtige Culturint er essen, für welche 
die Statssorge unentbehrlich ist. Es bedarf der Volksschulen, 
der wissenschaftlichen, künstlerischen, technischen Schulen, 
die nicht der zufälligen Privatwillkür und nicht der berech- 
nenden Kirchenautorität überlassen werden darf, welche der 
Stat unter ihre Herrschaft zu bringen sucht. Wenn diese In- 
teressen im Mittelalter vernachlässigt worden sind, so erklärt 
sich das groszentheils aus dem engen Begriff des mittelalter- 
lichen Rechtsstats. 

Das Volk ist überdem ein politisches Wesen, welches 
berufen ist, seinen Charakter zu bewähren und seinen Geist 
in der AVeit zu offenbaren, und zwar nicht blosz in der Ge- 
setzgebung und Rechtspflege für die Rechtssicherheit der Pri- 
vatjen, sondern in höherem Masze in der politischen Regie- 
rung und Entfaltung seiner Freiheit. 

Jene ungenügende Zweckbestimmung hat. wo sie in der 
Praxis wirksam wird, zur Folge: 

a) die Vernachlässigung der wirtschaftlichen Gemein- 
interessen ; 

b) die Vernachlässigung der gemeinsamen Culturinter- 
essen ; 

c) die Lähmung und Ertödtung des politischen Geistes 
in dem Volke, und daher auch die Schwächung der Stats- 
macht ; 

d) die Begünstigung einer kleinlichen, engherzigen und 
kurzsichtigen Juristerei und Rechthaberei, und in Folge da- 
von einer die Statsautorität lähmenden Streitsucht. 

2. Eine andere ebenfalls oft behauptete Meinung, die 
„allgemeine Glückseligkeit" sei der wahre Statszweck. 
leidet an dem entgegengesetzten Fehler. Sie ist zu weit 
gefaszt. Die Glückseligkeit der Menschen ist groszentheils 
von dem State unabhängig und keineswegs dem State zu ver- 
danken. Selbst die meisten materiellen Güter, welche die 



Drittes Cap. Ungenügende oder übertriebene Eestimmungen des Statszwecks. 357 



Wohlfahrt der Menschen bedingen und bereichern, die Be- 
schaffenheit der Wohnung, der Nahrung, der Kleidung wer- 
den nicht durch den Stat bestimmt und geschaffen, sondern 
durch die Thätigkeit der Privaten. Der Vermögens erwerb 
beruht vornehmlich auf der individuellen Arbeit und der 
privaten Ersparnisz. Noch mehr gilt das von den geistigen 
Gütern , welche den idealen Reichthum und das Glück der 
Menschen begründen. Die mancherlei Talente und Fähigkeiten 
werden nicht durch den Stat verliehen, sondern durch die 
Gaben der Natur und sind individuell verschieden nicht ge- 
meinsam. Das Glück der Freundschaft und der Liebe wird 
nicht von dem State abgeleitet. Die Freude der wissenschaft- 
lichen Erkenntnisz, des künstlerischen Dichtens und Bildens 
ist nicht dem State zu verdanken. Der religiöse Trost der 
Seele, und die innige Reinigung und Heiligung des Gott ver- 
bundenen Gemüthes kann nicht von dem State hervorgerufen 
und verliehen werden. 

Die Menschen sind nicht in ihrem ganzen Sein und 
Leben Statsbürger; sie haben in ihrer individuellen Anlage 
eine ihnen eigene Ausstattung und besondere Lebensaufgaben. 
Der Stat ruht auf der Volksgemeinschaft, nicht auf der indi- 
viduellen Eigenart. Der Statszweck kann daher die Zwecke 
des Privatlebens nicht umfassen. 

Auch dieser Irrthum hat, wenn er auf die Praxis ein- 
wirkt, sehr bedenkliche und schädliche Folgen: 

a) Der Stat wird durch denselben verleitet, seine Herr- 
schaft über Gebiete auszudehnen, auf welchen ihm keine 
Herrschaft gebührt und Tyrannei auszuüben, wo er sich darauf 
beschränken sollte, die Privatfreiheit zu schützen. 

b) Da dem State die Fähigkeit abgeht, diese Gebiete 
des Privatlebens zu beherrschen, so wird er, trotz des guten 
Willens das Privatglück zu fördern, durch seine ungeschickte 
Thätigkeit dasselbe eher schädigen und die naturgemäsze 
Entwicklung stören. 



358 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



c) Indem der Stat Zielen nachstrebt, die für ihn uner- 
reichbar sind und seine Kräfte in falscher Richtung vergeudet, 
wird er von seinen wahren Zielen abgelenkt, und verliert er 
einen Theil seines Vermögens , um die lösbaren Aufgaben zu 
erfüllen. 

Das antike Statsleben hat an diesem Irrthum schwer ge- 
litten; aber auch die Politik der Aufklärung im achtzehnten 
Jahrhundert ist auf ähnliche Abwege gerathen. Der Stats- 
zweck des modernen Stats musz genauer bestimmt und be- 
grenzt werden. 



Viertes Capitel. 

Der wahre Statszweck. 

1. Da es nur Einen Statsbegriff gibt, der freilich durch 
die verschiedenen Völker in verschiedenen Ländern und Zeiten 
in mannichfaltiger Weise erfüllt wird, so nöthigt uns die 
Logik auch Eine allgemeine Bestimmung des Statszwecks an- 
zunehmen, wenn gleich die Geschichte bezeugt, dasz die be- 
sonderen Völker, die in den Staten leben, auch mannichfaltige 
Ziele ihres Strebens verfolgen. Die Einheit des Gesammt- 
zwecks läszt die Mannichfaltigkeit im Einzelnen zu, aber ver- 
bindet sie. Robert von Mo hl hat Recht, wenn er (Ency- 
clopädie S. 73) jedem Volke, je nach seiner besonderen Art 
und seinen eigenthümlichen Bedürfnissen die Förderung ver- 
schiedenartiger Lebenszwecke als Aufgabe zuweist; aber es 
fehlt seiner Lehre die Einheit des Begriffs, welche die Zer- 
fahrenheit hindert und die Abwege verschlieszt. Dagegen 
nennt von Holtzendorff (Politik, Buch III), welcher die 
Lehre vom Statszweck mit besonderer Aufmerksamkeit behan- 
delt, was wir Einheit des Statszwecks nennen, „Harmonie 
der S t a t s z w e c k e. " 



Viertes Capitel. Der wahre Statszweck. 



359 



2. Wie ist dieser Eine oberste Statszweck zu bezeichnen? 
Manche sagen: die Gerechtigkeit, die Verwirklichung 
des Rechts. Wir halten diese Bestimmung auch dann für 
zu enge und für unrichtig, wenn man unter Kecht auch das 
Statsrecht und das Völkerrecht begreift, und nicht blosz die 
Rechtssicherheit der Privaten (vergl. Cap. 3). Das Recht ist 
eher noch eine Bedingung als das Ziel der Politik. „Ju- 
stitia fundamentum regni." Und das Leben der Völker ist 
nicht bloszes Rechtsleben, es ist auch wirtschaftliches Leben, 
Culturleben, nationales Machtleben. Die rechtskundigen Rö- 
mer haben nie das Jus als obersten Statszweck betrachtet, 

Hegel sagt uns, ähnlich wie lange vor ihm Piaton, die 
„Sittlichkeit" und die Verwirklichung des Sittengesetzes 
sei der Statszweck. Aber die beiden entscheidenden Mächte, 
welche das sittliche Leben bestimmen und bedingen , der gött- 
liche Geist und der individuelle Menschengeist sind auszer- 
halb des Statsbereichs. Das Reich der Sittlichkeit ist viel 
umfassender als das Reich des Stats. W T enn der Stat dasselbe 
beherrschen will, so überschreitet er die Schranken, die ihm 
gesetzt sind und wirkt schädlich für die Sittlichkeit. 

3. Die Römer haben die öffentliche Wohlfahrt als 
die wahre Aufgabe des Stats erklärt. Ihre beiden Begriffe: 
Res publica und Salus publica stehen in einem sprach- 
lichen und logischen Zusammenhang. Sie verhalten sich wie 
Unterlage und Eigenschaft, wie Anlage und Entwicklung. 

Es ist diese Bezeichnung des Statszwecks vielfältig misz- 
verstanden worden, hauptsächlich, weil man nicht an das Ge- 
meinwesen (die res publica) , sondern an die Menge der Ein- 
zelnen, oder an die Laune der Herrscher gedacht hat. Man 
hat damit nur zu oft die despotische Willkür und die Tyran- 
nei bald der Fürsten, bald der Volksmehrheiten zu beschö- 
nigen gesucht. Die entsetzlichen Erfahrungen, welche die 
Welt mit den Gräueln des Pariser Wohlfahrtsausschusses 
(Comite du Salut public) in den Neunzigerjahren des vorigen 



360 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



Jahrhunderts gemacht hat, haben das Wort vollends in Misz- 
credit gebracht. 

Wenn man aber die naturgemäszen Schranken des States 
beachtet, insbesondere die Rechtsordnung und nicht in 
fremde Gebiete übergreift, wie vorzüglich des freien Indi- 
viduallebens und des religiösen Gemeinlebens, 
dann ist der Ausdruck nicht zu tadeln. In der That hat es 
nie und nirgends einen Statsmann gegeben, dem nicht das 
Wohl seines Volkes voraus als das Ziel seines Strebens 
vorgeschwebt hätte, und jeder patriotische Bürger wird für 
das Heil seines Vaterlands begeistert. 

Die Idee der öffentlichen Wohlfahrt ist daher für die 
Politik nicht zu entbehren, und es ist unzweifelhaft die Haupt- 
aufgabe des States, das Volkswohl zu befördern. 

Diese Zweckbestimmung umfaszt auch die Fortbildung 
und die Vervollkommnung des Rechts, wie überhaupt die 
Verbesserung aller gemeinsamen Lebensverhältnisse und Le- 
bensbedingungen. Ebenso die Rechtspflege, deren Wirksam^ 
keit den ruhigen Fortgang des Gemeinlebens sichert und 
welche das gemeinschädliche Unrecht beseitigt und bestraft. 
Die bedenkliche Seite des römischen Statsprincips : „Salus 
Populi suprema lex esto" liegt überhaupt nicht darin, dasz 
der Statszweck zu enge gefaszt sei, sondern darin, dasz die 
Statsmacht überspannt und auf fremde Lebensgebiete aus- 
gedehnt werde. 

4. Aber in Einer Beziehung erscheint der Ausdruck doch 
als unzureichend. Die regelmäszige Politik wird sich aller- 
dings durch das Streben für das Volkswohl bestimmen lassen. 
Aber es gibt im Völkerleben auch außergewöhnliche Auf- 
gaben. Unter Umständen musz der Stat, wie ein Einzel- 
mensch, seine Existenz im Kampfe einsetzen und mit dieser 
auch die Volkswohlfahrt. Es kann dann zur patriotischen 
Pflicht werden, ein Leben aufzugeben, das mit Ehren nicht 
fortzuführen ist. Vielleicht dasz einem kleinen Volke ein über- 



Viertes Capitel. Der wahre Statszweck. 361 

mächtiger Feind mancherlei äuszere Vortheile anbietet, eine 
geringere Steuerlast, einen gesicherten Frieden, eine bessere 
Verwaltung. Von dem bloszen Gedanken der öffentlichen 
Wohlfahrt aus wäre vielleicht das Anerbieten annehmbar, 
seine Ablehnung bedeutet eher Leiden, wahrscheinlich Unter- 
gang des Stats. Dennoch kann es eine schicksalsmäszige, 
verhängniszvolle Pflicht sein, lieber mit Ehren zu fallen, als 
sich freiwillig dem fremden Machtgebot zu unterwerfen. Viel- 
leicht ist der heldenmäszige Todeskampf eine Bürgschaft für 
ein späteres Wiederauferstehen des Stats. Die Athener zur 
Zeit von Themistokles haben der Welt ein herrliches Bei- 
spiel der Art hinterlassen. 

Zuweilen bildet der Untergang den nothwendigen und 
würdigen Abschlusz eines Lebens, das nicht länger noeh be- 
stehen kann. Man mag den tragischen Fall von Karthago 
oder Jerusalem beklagen. Zu vermeiden war er nicht. 

Oder es musz ein Stat untergehen, weil seine Völker- 
schaft unfähig geworden ist, sich selbständig zu behaupten, 
weil sie in ein höheres , nationales Gesammtieben überzugehen 
berufen ist. Welcher vorurtheilsfreie echte Deutsche oder 
Italiener wird den Untergang der unhaltbar gewordenen, 
unfähigen Kleinstaten bedauern und sich nicht der Wandlung 
freuen in das gröszere Statsganze? Auch in solchen Fällen, 
reicht die Hinweisung auf die öffentliche Wohlfahrt nur aus, 
wenn man sie nicht auf das bisherige Gemeinwesen bezieht. 

Allen diesen Bedenken entgehen wir, wenn wir den 
eigentlichen, unmittelbaren Statszweck so formuliren: Ent- 
wicklung der Volksanlage, Vervollkommnung des 
Volkslebens /-zuletzt Vollendung, wobei freilich die 
zugleich sittliche und politische Forderung als selbstverständ- 
lich gedacht wird, dasz diese Entwicklung des Volks nicht 
im Widerspruch sein dürfe mit der Bestimmung der 
! Menschheit. 

Darin ist Alles enthalten , was man als eigentliche Stats- 



362 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



aufgäbe betrachten kann und Nichts inbegriffen, was auszer- 
halb des Statsbereiches liegt. Diese Zweckbestimmung nimmt 
überdem Rücksicht auf die besondern Individualitäten und 
Lebensbedürfnisse der verschiedenen Völker. Sie hält die 
Einheit des.Statszwecks fest und sichert zugleich die Mannich- 
faltigkeit seiner Ausbildung. 

Wenn es überhaupt die Lebensaufgabe einer jeden Per- 
son ist, ihre Anlage zu entwickeln und ihr Wesen zu offen- 
baren, so ist es auch die Bestimmung der Statsperson. die 
in dem Volke ruhenden Kräfte zu entfalten, und seine An- 
lage in der Welt zu offenbaren. Darin liegt die zwiefache 
Pflicht des States, erstens für die Erhaltung der Volks- 
kräfte zu sorgen, zweitens ihre Ausbildung zu fördern. 
Die Erhaltung bewahrt die Errungenschaften der Vergan- 
genheit, die Ausbildung bedeutet den Fortschritt der Zu- 
k u n f t. 

5. Innerhalb dieses Gesammtzwecks treten einige beson- 
dere Richtungen hervor, deren einseitige Verfolgung oft 
der eigenthümlichen Natur eines bestimmten Volkes zusagt, 
aber nicht ohne Gefahr für den Stat im Ganzen ist. Wir er- 
wähnen : 

1) die Machtentfaltung des Stats. Der Stat bedarf 
der Macht, um seine Selbständigkeit zu behaupten und um 
seine Anordnungen wirksam zu machen. Nur als ein macht- 
volles Wesen kann der Stat bestehen und leben. Aber dem 
Grade und der Art der Macht nach sind doch die Völker und 
Staten sehr verschieden. 

Wir nennen a) Weltmächte solche Staten, deren Be- 
deutung und Wirksamkeit weit über ihr Statsgebiet hinaus- 
reicht, welche an der groszen Politik zweier Welttheile oder 
der gesammten Welt einen mitbestimmenden Antheil haben, 
denen daher auch vorzüglich die Sorge für den Weltfrie- 
d e n und die W e 1 1 o r cl n u n g (das V ö 1 k er r e c h t) • zukommt . 

b) G r o s z m ä c h t e. Nicht jede G roszmacht ist eine 



Viertes Capitel. 



Der wahre Statszweck. 



363 



Weltmacht, aber es gibt keine Weltmacht, die nicht zugleich 
Groszmacht ist. Die Weltmacht musz Seemacht sein, weil 
der Einflusz auf die Geschicke der Welt ohne die Verbindung 
zur See nicht möglich ist. Die Groszmacht kann auch blosze 
Landmacht sein. So war das Königreich Preuszen vor der 
Gründung des deutschen Reiches eine Groszmacht, aber keine 
Weltmacht. Ebenso konnte und kann noch Oesterreich- 
Ungarn eher als Groszmacht, nicht als Weltmacht gelten. Auch 
die Groszmacht übt eine weitwirkende Politik aus über die 
Grenzen ihres Landes hinaus. Auch die Groszmacht darf 
nicht übersehen werden, wenn die Verhältnisse des Welttheils, 
in der sie ist, erhebliche Aenderungen erfahren. Man kann 
ihre Stimme nicht ohne Gefahr miszachten. 

Wenn aber, sei es eine Groszmacht oder eine Weltmacht, 
ihre Uebermacht zur Unterdrückung anderer berechtigter 
Staten miszbraucht, dann ist der Widerstand der übrigen 
Mächte berechtigt. Auch ein Genie, wie der Kaiser Napo- 
leon I. vermochte doch nicht die grosze Macht des franzö- 
sischen Volks bis zur Herrschaft über Europa zu steigern, 
und ist in Folge dieses verfehlten Unternehmens gestürzt 
worden. Ebenso war Russland nicht stark genug, die Tür- 
kei unter seine Oberherrlichkeit zu bringen. Oesterreichs 
Herrschaft über Italien war nicht haltbar. Die englische 
Seeherrschaft muszte sich doch schlieszlich die Concurrenz 
der andern Nationen gefallen lassen. 

c) Mittelmächte und Fr ie den s mächte (neutrale 
Staten), die nicht stark genug sind, für sich allein grosze 
äuszere Politik zu treiben, deren Leben vorzugsweise nach 

j Innen gewendet ist. Die Politik dieser Staten hat einen 
j bescheidenen Charakter, aber sie ist in hohem Grade nütz- v 
j lieh zunächst für die Bewohner dieser Staten, dann aber 
i auch, indem sie die Strömungen der groszen Politik einiger- 
maszen begrenzt und deren Gefahren ermäszigt, 

d) Die eigentlichen Kl eins taten haben in unserer Zeit, 



3G4 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



die Bildung groszer und starker Staten liebt, nur eine sehr 
zweifelhafte und unsichere Existenz. Sie können sich nur 
im Anschlusz an stärkere Staten und unter dem Schutze der 
Groszstaten erhalten. Im Mittelalter war das anders. Da- 
mals waren die europäischen Nationen und vorzüglich die 
deutsche und die italienische geneigt, jede kleine und kleinste 
Statenbildung zu begünstigen. 

Als Hauptmittel, die Statsmacht im Yerhältnisz zu den 
auswärtigen Staten zu stärken, kommen in Betracht die Di- 
plomatie und das Heer (Landheer und Marine). Wenn 
ein Stat vorzugsweise seine militärische Stärke, die 
kriegerische Tüchtigkeit seiner Bewohner und die Ausrüstung 
seiner Heeresmacht als Hauptaufgabe betrachtet, so wird ein 
solcher Stat Militärs tat genannt. Von der Art war Sparta 
bei den Hellenen, aber auch das Königreich Preus zen bis 
zur Gründung des deutschen Keichs. Für Völker in bedroh- 
ter Lage und zur Zeit ihres notwendigen Wachsthums wird 
auch eine solch ungewöhnliche Anspannung der militärischen 
Kräfte unvermeidlich sein; aber in dem normalen zur vollen 
Machtentfaltung gelangten State wird man nie übersehen, dasz 
die Militärkraft nur ein Mittel , nicht das Ziel der Politik ist 
und sich hüten, die Ausbildung derselben so zu überspannen, 
dasz die eigentlichen Statszwecke Schaden leiden. 

2) Zuweilen treten auch wir ths c haftliche Sonder- 
zwecke entscheidend hervor. Insofern spricht man von Hir- 
ten staten, wenn die Viehzucht das Hauptinteresse der Be^ 
völkerung ist, von Acker bau staten, wenn die Landwirth- 
schaft als die wichtigste Angelegenheit erscheint, von Indu- 
stries taten, wenn die Fabrikation und von Hand eis staten. 
wenn der Handel die Hauptsache ist. 

Allerdings sind alle diese Interessen in gröszerem Maszi 
Interessen der Privatpersonen, und nur in minderem 
Masze Interessen des ganzen Volks. Eben deszhalb führt 
eine ausschlieszliche oder auch nur eine allzu eifrige Begün- 



Viertes Capitel. Der wahre Statszweck. 



365 



stigung derselben dahin, dasz die andern Aufgaben des Stats 
vernachlässigt werden und alle andern Interessen Schaden 
leiden. Ueberdem kommt der politische Geist solcher Völker 
nicht zu wahrer Geltung , er wird verdorben durch die Selbst- 
sucht und die engherzige Gesinnung der Privatinteressen. 
Das Volk des Hirtenstates wird arm und unwissend bleiben; 
in dem Ackerbaustate wird es der höheren Bildung gegenüber 
nüsztrauisch und ungünstig sein; der naturwüchsigen Urkraft 
wird sich die rohe Sitte beigesellen und die höhere Cultur 
wird nicht gedeihen. Dem Industriestate sind die Gefahren 
der Arbeiterunruhen und der Abschlieszung fremder Fabrikate 
eigen. Der Handeisstat wird leicht durch den Krämergeist 
verdorben und auf Abwege verleitet. 

3) Es können ferner die C ulturint er essen das Volks- 
leben vorzüglich bestimmen. Dann entstehen Culturstaten. 
Dem Militärstate Sparta trat so zur Zeit des Perikles der 
Culturstat Athen gegenüber, und hinterliesz der Nachwelt un- 
sterbliche Zeugnisse der Kunstliebe und der Befähigung der 

| Athener für die Wissenschaft. Auch Florenz, Venedig, Ant- 
werpen hatten Perioden, in denen die Culturinteressen alle 
andern überragten. Heute noch ist das chinesische Reich ein 
solcher, freilich mehr traditioneller als fortschreitender Cultur- 
stat und ist es der Ruhm von Zürich und Genf, die öffentlichen 
Schulen mit Vorliebe zu pflegen. 

So edel diese Culturzwecke sind, so ist eine übertriebene 
Förderung derselben zum Nachtheil der übrigen Volkskräfte 
doch von einer gesunden Politik zu vermeiden. 

4) Endlich zeigt sich eine besondere Zweckbestimmung, 
die mehr noch als die bisherigen im Centrum des allgemeinen 

; Zweckbegriffs des States liegt. Wird die Ausbildung der recht- 
| liehen Garantien für die Volksfreiheit und die Frei- 
: h ei t d e r P r i v atp er s o n e n als die Hauptaufgabe des States 
j angesehen , so bilden sich f r e i e R e c h t s s t a t e n aus , wie vor- 
j züglich die nordamerikanischen und die schweizerischen Cantone. 



366 



Fünftes Buch. Der Statszweck. 



5) Wenn endlich das Nationalbewusztsein mit besonderer 
Stärke das Statsleben erfüllt, und die Offenbarung der 
nationalen Gemeinschaft und Einheit als Hauptzweck 
der Statenbildung erscheint, wie früher in Frankreich, in 
unserm Jahrhundert in dem Königreich Italien und in dem 
deutschen Reiche, so sprechen wir von Nationalstaten. 

6) Zu dem eigentlichen und unmittelbaren Zweck des 
States, der sich auf das Volk selber beziehen musz, treten 
nun alle die mittelbaren Aufgaben des States hinzu, welche 
sich auf die Privatperson en beziehen, und deren Lebens- 
zwecke fördern. 

Hier besonders kommt es darauf an, die Grenzen der 
statlichen Thätigkeit scharf zu bestimmen. 

Auch für die Privatpersonen kann die Lebensaufgabe be- 
zeichnet werden, Entfaltung der Individualität, Entwicklung 
ihrer Anlage, Offenbarung ihrer Eigenart und wieder in Har- 
monie mit den Lebenszwecken der Familie, der Nation und 
der Menschheit. Dieser Lebenszweck der Privatpersonen er- 
fordert und erfüllt die Privatfreiheit. Da kann es zunächst 
nur Aufgabe des States sein, diese Privatfreiheit gegen wider- 
rechtliche Angriffe zu schützen, aber der Stat darf sie nicht 
selber zurückhalten und drücken. 

Der Stat musz sich hier voraus über die Grenzen seiner 
eigenen Natur klar werden: 

1) Der Stat ist eine äuszere Ordnung des Gemein- 
lebens. Daher hat er nur Organe für die aus z er lieh wahr- 
nehmbaren Dinge, nicht für das innere Geistesleben, das 
sich nicht in Worten oder Thaten offenbar gemacht hat. Ks 
ist daher für den Stat schon deszhalb unmöglich, alle Le- 
benszwecke der Individuen zu umfassen, weil viele und ge- 
rade die bedeutendsten Seiten des Individuallebens seiner Ein- 
sicht verborgen und seiner Macht unzugänglich sind. Die 
individuellen Gaben sind von dem State ganz unabhängig. 
Er kann dem Thoren keinen Verstand, dem Feigen keinen 



Viertes Capitel. Der wahre Statszweck. 



367 



Muth verleihen, er kann Blinde nicht sehend machen. Die 
Liebe in den Herzen erglüht ohne sein Zuthun und er kann 
dem Gedankengang des Forschers nicht folgen, noch die über- 
lieferten Irrthümer widerlegen. Sobald also das individuelle 
und voraus das Geistesleben der Individuen in Frage ist, 
wird der Stat auf Schranken seiner Einsicht und seiner Macht 
stoszen, die er nicht überschreiten darf. 

2) Der Stat ruht ganz auf der gemeinsamen Natur 
der Menschen und voraus des Volks. Deszhalb kann er auch 
nur insofern über das Privatleben Macht üben, als dasselbe 
durch die geineinsame Natur Aller bedingt und durch die ge- 
meinsamen Bedürfnisse beschränkt wird, nicht aber in seinem 
eigentlich individuellen Wesen. So kann der Stat z. B. die 
Herrschaft eines Individuums über eine körperliche Sache, 
die wir Eigenthum nennen, für Alle gleichmäszig schützen; 
aber musz es der freien Erfüllung individueller Eigenart an- 
heim geben, wie dieses Eigenthum im Einzelnen ausgeübt 
wird. Das Eigenthum, welches Paganini an seiner Geige, 
oder Liszt an seinem Flügel hatte, oder Kaulbach an seinem 
Kreidegriffel, hat einen völlig anderen Sinn, als das Eigen- 
tlmm eines unkünstlerischen Privaten an denselben Sachen. 
Um diesen feineren Gehalt der Herrschaft kann sich der Stat 
nicht kümmern, eben weil derselbe nur individuell, nicht ge- 
mein ist. Ebenso kann der Stat wohl die Bedingungen der 
Eheschlieszung und die Rechte der Ehegatten in ihren allge- 
meinen groben Zügen festsetzen. Er musz es, weil darauf 
hinwieder die Sicherheit der Familien und die sittliche Ge- 
sundheit der Nation beruht. Aber die Art, wie die Ehe in- 
dividuell vollzogen wird, die feinere individuelle Gestalt des 
Familienlebens ist seiner Herrschaft entrückt, Wilhelm von 
Humboldt hatte sich darin versehen, dasz er das Institut der 
Ehe selber der rechtlichen Ordnung entziehen und ganz der 
Privatfreiheit überlassen wollte. Das kanonische Recht hat 
! den entgegengesetzten Fehler begangen, indem es Dinge 



3G8 



Fünftes Buch, her Statszweck. 



gesetzlich ordnen wollte, die der individuellen Freiheit an- 
gehören. Als der Stat die Ketzerei als Verbrechen strafte, 
überschritt er seine natürlichen Grenzen und griff ungebühr- 
lich in die Privatfreiheit ein. 

3) Die Herrschaft des Stats reicht nicht weiter, als 
das Recht reicht; denn jede Herrschaft, welche zur Folge 
zwingt, setzt eine rechtliche Begründung voraus. Das Recht 
aber ist hinwieder begrenzt: 

a) durch das Bedürfnisz des friedlichen Neben- 
ein an d e r b e s t e he n s d er P er so n en , beziehungsweise durch 
die Erkenntnisz der noth wendigen gemeinsamen 
D e b e n s b e cl i n g u n g e n (Priyatrecht , Strafrecht ) : 

b) durch die Existenz und Entwicklung des Volks, 
welchem das Privatleben soweit untergeordnet ist. als die 
Sicherheit und Wohlfahrt jener es erfordert (Steuerrecht. Mi- 
litärpflicht, Verfassungs- und Verwaltungsrecht überhaupt). 

Soweit das Recht in Frage ist, soweit ist der Stat oberste 
Autorität. Gesetzgebung und Rechtspflege sind ihrem Wesen 
nach statlich. 

4) Die Sorge und Pflege und daher die Einwirkung 
des Stats reicht über das Gebiet der Rechtsordnung hinaus^ 
aber wesentlich nicht in zwingender Form, sondern zur Un- 
terstützung und Förderung wichtiger und verbreiteter 
Lebenszwecke der Gesellschaft, wenn deren Mittel nicht aus- 
reichen, und diese der mächtigen Statshülfe bedarf. ( Wirt li- 
sch aftspflege und Culturpflege des Stats.) Die Sorge 
des Stats für die Volkswohlfahrt erweitert sich hier zur Sorge 
für die Wohlfahrt der Gesellschaft, wegen der Hülfs- 
b e dürft igkeit dieser. 



Sechstes Buch. 



Die Statsformen. 

Erstes Capitel. 

Die Eintheilung des Aristoteles. 

Vor mehr als zweitausend Jahren hat Aristoteles eine 
Eintheilung der Statsformen begründet, welche noch gegen- 
wärtig als die herrschende Ansicht zu betrachten ist. Bei 
dieser Eintheilung ist Aristoteles von der obrigkeitlichen Ge- 
walt, oder genauer von der obersten Regierungsgewalt im 
State ausgegangen. In jedem State gibt es ein höchstes, 
in gewissem Sinne ein herrschendes Organ, 1 in welchem 
die oberste obrigkeitliche Macht concentrirt erscheint, welchem 
gegenüber alle andern einzelnen Organe eine untergeordnete 
Stellung und Bedeutung haben. Die Art, wie dieses herr- 
schende Organ in einem State bestellt wird, prägt demselben 
daher auch einen eigenthümlichen Stempel auf, und es ist 
ganz natürlich und schicklich, nach ihr die verschiedenen 
I Arten der Statsformen zu bestimmen. 

Als rechtmäszige Statsformen bezeichnet er alle die, 
welche die Wohlfahrt der Gemeinschaft bezwecken, als Aus« 



3 Aristot., Polit. III. 4, 1. 
Biuntschli, allgemeine Statslehre. 



24 



370 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



artungen (TzaQexßaGeiq) dagegen die, welche nur das Wohl 
der Regierenden bezwecken. 2 

Von diesen Gedanken aus findet er nun drei richtige 
Grundformen des States, denen hinwieder drei Abarten zur 
Seite stehen. „Die oberste Regierungsgewalt," sagt er, -steht 
nothwendig entweder Einem, oder Wenigen (einer Minderheit), 
oder der Mehrheit zu." Daraus ergeben sich folgende rich- 
tige Arten: 

1. Das Königthum {ßaoüeta), wie Aristoteles sie nannte, 
oder die Monarchie, wie wir sie zu nennen pflegen, als die 
Herrschaft des Einen. 

2. Die Aristokratie, als die Herrschaft der ausge- 
zeichneten Minderheit. 

3. Die Herrschaft der Mehrheit, der Menge hiesz er 
Politie. 3 Weil zu seinerzeit die Demokratie der griechischen 
Städte, Athens voraus, entartet war, so vermied er es, den 
Namen Demokratie für die gute Art der Mehrheitsherrschaft 
zu gebrauchen, und zog es vor, die Abart derselben so zu 
bezeichnen. Später ist aber der Name Demokratie wieder 
der gewöhnliche für diese dritte Statsform geworden, und 
daher wollen auch wir diesen Sprachgebrauch beibehalten. 

Die drei Abarten sind nach Aristoteles: 

1. Die Tyrannis oder Despotie als die Alleinherr- 
schaft, welche vornehmlich den Vortheil des Alleinherrschers 
bezweckt. 

2. Die Oligarchie, als die Herrschaft der Reichen, zu 
ihrem Vortheil. 

3. Die Demokratie, 4 wie sie Aristoteles, die Ochlo- 

2 Aristot., Polit, III. 4, 7. 

3 Ebend. III. 5, 1. 2. 

4 Ebend. I. 5, 4. 5. Cicero de RepubL I. 26. drückt den Aristo- 
telischen Gedanken so aus: „Quum penes unum est omniuni summa 
rerum, regem illum unum vocamus, et regmim ejus reipublicae statum. 
Quum autem est penes dclectos, tum illa civitas optimatium arbitrio regi 
dicitur. Illa autem est civitas popularis, in qua in pepulo sunt omnia; 



Erstes Capitel. Die Eintheilung des Aristoteles. 



371 



kratie, wie wir sie nennen, als die Willkürherrschaft der 
armen (wir können hinzusetzen und der rohen) Menge. 

Es scheint, als habe Aristoteles bei dieser Eintheilung 
den Hauptnachdruck auf die Zahl der Personen gelegt, welche 
an jener herrschenden Gewalt Antheil haben, etwa wie nach 
dem Linne'schen Systeme die Zahl der Staubfäden die Arten 
der Pflanzen bestimmt. In der That, das wäre ein Wider- 
spruch gegen sein eigenes Grundprincip ; denn dieses ist die 
Qualität, nicht die Quantität des herrschenden Organs. 
Aristoteles hat aber selbst schon 5 die Gefahr solchen Irrthums 
erkannt, und daher darauf aufmerksam gemacht, dasz die Ver- 
schiedenheit der Zahl mit einer Verschiedenheit des Charak- 
ters des Herrschenden in einem natürlichen Zusammenhange 
stehe, und im letzten Grunde immerhin mehr auf diesen als 
auf jene zu sehen sei. Aber er hat die Principien der Qua- 
lität noch nicht bestimmt genug ausgesprochen. 

In einer andern Beziehung aber bedarf die Aristotelische 
Eintheilung einer Verbesserung. Sie ist nämlich unvoll- 
ständig, indem es eine Anzahl Staten in der Geschichte ge- 
geben hat, welche sich unter keine jener drei Grundformen 
einreihen lassen. Nach allen dreien gehört die oberste Macht 
im State Menschen zu, sei es einem Individuum, oder den 
Ausgezeichneten, oder dem Volke. Nun aber haben wir Staten 
gesehen, in denen keine menschliche Obrigkeit anerkannt, son- 
dern sei es Gott, oder ein Gott, oder ein anderer über- 
menschlicher Geist, oder eine Idee, als der wahre und 
eigentliche Herrscher verehrt wurde. Die Menschen, welche 
die Herrschaft verwalteten, galten dann nicht als Inhaber der- 

uud läszt die drei Ausartungen L 45 entstehen, wenn „ex rege dominus, 
ex optimatibus f actio, ex populo turba et confusio" werde. 

5 Aristot. , Polit. I. 5, 7. Ich hatte das früher, durch die Dar- 
stellungen mancher Neueren verleitet, in meinen „Studien" übersehen 
und daher dem groszen Staatslehrer einen ungerechten Vorwurf gemacht» 
Sparta war Monarchie, obwohl zwei Könige zumal regierten. Venedig 
war Aristokratie, obwohl Ein Doge an der Spitze des States stand. 



372 



Sechstes Buch. Die Statsformer.. 



selben, sondern nur als Diener und Verwalter eines Herrschers, 
welcher unsichtbar über den Regierten throne, frei von den 
Schwächen ihrer menschlichen Natur. 

Wir können diese vierte Gattung von Statsformen , wenn 
sie zur Wohlfahrt der Regierten dienen, unter dem gemein- 
samen Namen der Ideokratie (Theokratie) zusammen- 
fassen, und die Abart derselben Idolokratie nennen. 

Anmerkung. Schleiermacher hat ausgeführt, 6 dasz die antiken 
Formen der Monarchie, Aristokratie, Demokratie „durchgängig in ein- 
ander übergehen," so dasz auch in der Demokratie die Volksleiter als 
eine Aristokratie und zuweilen einzelne wie z. B. Perikles wie Monarchen 
erscheinen. Dasselbe lässt sich in umgekehrter Richtung von der Mon- 
archie behaupten, und auch Mir ab e au 7 hat Recht, wenn er sagt: „In 
gewissem Sinne sind die Republiken monarchisch, und in gewissem Sinn 
die Monarchien hinwieder Republiken." Dessen ungeachtet ist jene Unter- 
scheidung der Statsformen keineswegs müszig, und bleibt es wahr, dasz 
die Art des Statsoberhauptes der ganzen Statsverfassung ein specifisches 
Gepräge verleiht, und dasz mit ihr die wichtigsten politischen Principien 
in engster Beziehung stehen. 



Zweites Capitel. 

Der sogenannte gemischte Stat. 

Schon im Alterthum hat man den Versuch gemacht , den 
drei Aristotelischen Arten des Stats eine vierte beizuordnen, 
welche man die gemischte genannt hat. Cicero insbeson- 
dere glaubt in dem römischen State das Vorbild für diese 
vierte, aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie gemischte 
Statsform gefunden zu haben, und erklärt diese für die beste 
unter den vieren. 1 

6 Abhandlungen der Berk Akademie der Wissensch. 1814. Ueber 
die Begriffe der verschiedenen Statsformen. 

< Rede von 1790 in seinen Oeuvres VIII. 139. 

1 Cicero de Republ. I. 29: „Quartuni quoddam genus reipublicae 
maxime probandum esse censeo, quod est ex Ins, quae prima dixi, 



Zweites Capitel. Der sogenannte gemischte Stat. 373 



Versteht man unter dem gemischten State nur eine Er- 
mäszigung oder Beschränkung der Monarchie, oder Aristokratie, 
oder Demokratie durch andere statliche Potenzen, z. B. die 
Beschränkung der Monarchie durch Beiordnung eines aristokra- 
tischen Senates oder Oberhauses und einer demokratischen 
Volksversammlung oder Volksvertretung, so ist es wahr, dasz 
so mannichfaltig gegliederte Staatsverfassungen besser sind als 
solche, in welchen die Herrschaft eines oder einiger oder der 
Menge einseitig und schrankenlos waltet, Aber dann ist durch 
solche Mischung keine neue Gattung von Staten entstanden; 
denn immerhin ist die oberste Regierungsmacht in der Hand 
des Monarchen oder der Aristokratie oder des Volkes con- 
centrirt. 

Versteht man dagegen die Mischung so, dasz die oberste 
Regierungsgewalt selbst g etil eilt sei, zwischen dem Monar- 
chen , der Aristokratie und dem Volk , so dasz zwei oder meh- 
rere oberste Gewalten neben einander bestehen, jede von der 
andern unahhängig, jede in einem gewissen Kreise als die 
oberste anerkannt, dann hat Tacitus Recht, welcher den Ge- 
danken des gemischten States verwirft, und behauptet, ein so 
gemischter Stat komme in Wirklichkeit nicht vor oder sei 
mindestens nicht von Dauer. 2 

Neuere haben zwar gemeint, England sei ein solcher Stat, 
in welchem die Herrschaft unter drei oberste Mächte getheilt 
sei, den König, das Oberhaus und das Unterhaus, und eben 
darauf beruhe die Vollkommenheit der englischen Verfassung, 
dasz sie das Ideal dieser vierten gemischten Statsform ver- 

moderatum et permixtum tribus," und I. 45: „Placet enim , esse quiddam 
in republica praestans et regale, esse aliud auctoritati principum parti- 
tum ac tributum, esse quasdam res servatas judicio voluntatique multi- 
tudinis." 

2 Tacitus Annal. IV. 33: „Cunctas nationes et urbes populus aut 
primores aut singuli regunt : delecta ex his et consociata reipublicae 
forma laudari facilius quam evenire; vel si evenit, haud diuturna esse 
potest," 



374 



Sechstes Buch. Me Statsformen. 



wirklicht habe. Allein die englische Verfassung ist nicht au 1 -' 
einer Theilung der obersten Regierungsgewalt entstanden. 
Vielmehr ist die Monarchie, welche dem State in alter Zeit 
seine specielle Form gegeben, nur nach und nach durch eine 
mächtige Aristokratie, und später durch den Hinzutritt demo- 
kratischer Elemente vielfach beschränkt und ermäszigt worden. 
Die äuszere Form des States ist fortwährend monarchisch ge- 
blieben, und es wird die ganze oberste Regierungsmacht (die 
Regierungsgewalt) nicht nur, sondern auch die oberste Stelle 
in dem zusammengesetzten Körper des gesetzgebenden Parla- 
ments von dem englischen Statsrecht dem Könige allein zu- 
getheilt. 3 

Uebrigens wird gewöhnlich übersehen, dasz das Princip 
der Aristotelischen Eintheilung nicht auf der Art und Zu- 
sammensetzung der gesetzgebenden Gewalt beruht; denn 
in dieser, wo sie ausgebildet ist, stellt sich regelmäszig der 
ganze Stat mit all' seinen Hauptbestandteilen dar. Sondern 
sie beruht auf dem Gegensatze der Regierung und der Re- 
gierten, und der Frage, wem die oberste Regierungsgewalt 
zustehe? Diese aber läszt sich nicht theilen etwa zwischen 
dem König und den Ministern. Eine solche Dyarchie oder 
Triarchie widerspricht dem Wesen des States, welcher als 
ein lebendiger Organismus der Einheit bedarf. In allen 
lebendigen Wesen finden wir zwar eine Mannichfaltigkeit der 
Kräfte und Organe , aber zugleich eine Einheit in dieser 
Mannichfaltigkeit, eine Ueber- und Unterordnung der Organe, 
ein oberstes Organ, in welchem die einheitliche Leitung con- 
centrirt ist. Kopf und Leib haben kein getrenntes Leben, 
jeder für sich, und sind sich auch nicht gleichgestellt. So 
ist auch im State ein oberstes Organ die nothwendige Be- 

3 Eine ganz andere Frage ist es, ob nicht der politische Geist in 
der englischen Verfassung eher ein aristokratischer als ein monarchischer 
geworden sei. Vgl. Blacks tone I. 2. 



Zweites Capitel. Der sogenannte gemischte Stat. 



375 



clingung seines Lebens, und dieses kann nicht gespalten sein, 
wenn der Stat selbst beisammen bleiben soll. 

Es gibt somit keine neue Gestaltung von Staten, welche 
wir als die gemischten bezeichnen könnten. Vielmehr soweit 
die Mischung möglich ist, findet sie hinreichende Berücksich- 
tigung bei Behandlung der früher genannten reinen Stats- 
formen. 

Anmerkung. In unsern Tagen ist viel von „demokratischer 
Monarchie" die Rede gewesen und diese als die Aufgabe der Zeit be- 
zeichnet worden. Soll damit der Gedanke ausgedrückt werden, dasz die 
heutige Monarchie sich vorzugsweise auf die groszen Volksclassen (den 
Demos) stützen und mit diesen in nahem Rapport bleiben müsse, so ist 
das wahr, aber es wird damit nicht eine gemischte, sondern eine reine 
Monarchie bezeichnet. Versteht man aber darunter eine Monarchie, 
durch demokratische Institutionen beschränkt und ermäszigt, oder etwa 
wie im Jahr 1830 die Juliverfassung Frankreichs eine Monarchie „von 
republikanischen Institutionen umgeben," so hat der Ausdruck noch einen 
Sinn, obwohl auch in diesem Falle — wie die Geschichte lehrt — die 
Gefahr nahe genug liegt, dasz die Principien der beiderlei Institutionen 
in Kampf gerathen und die Monarchie durch die aufstrebende Demokratie 
oder Republik gestürzt werde. Versteht man endlich unter jenem Aus- 
druck eine Mischung oder Theilung der obersten Regierungsgewalt selbst, 
die zur Hälfte monarchisch, zur Hälfte demokratisch sein müsse, so hat 
der Ausdruck keinen vernünftigen Sinn und könnte ein so eingerichteter 
Stat unmöglich bestehen. Die französische Constituante von 1789 hatte 
mit Rousseau an eine derartige Theilung der obersten Statsmacht in zwei 
gleiche Gewalten geglaubt, deren eine dem Volke, die andere dem 
Könige zukomme. Aber der innere Widerspruch und die Unhaltbarkeit 
der Verfassung offenbarte sich, sobald sie in die Wirklichkeit übertreten 
wollte. Pinheiro- Ferreira (Principes du droit public, §. 475) erklärt die 
demokratische Monarchie als diejenige, in welcher es keine Privilegien 
gebe, dehnt aber den Begriff der Privilegien auf jede Anerkennung einer 
Aristokratie aus, versteht somit unter jener eine Monarchie, in welcher 
es nur demokratische, keine aristokratischen Organismen gibt, also in 
gewissem Sinne einen unvollständigen Stat, in welchem die aristokrati- 
schen Elemente nicht berücksichtigt oder unterdrückt sind. Vgl. unten 
Buch VII. Cap. Constit. Monarchie. 



376 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Drittes Capitel. 
Neuere Fortbildung der Theorie. 

1. Montesquieu hat sich im Wesentlichen an die Ein- 
theilung des Aristoteles gehalten , aber insofern einen wissen- 
schaftlichen Fortschritt gemacht, als er für die drei Formen 
der Monarchie, Aristokratie und Demokratie — abgesehen von 
der Zahl der Kegierenden — drei geistige oder moralische 
Lebensprincipien aufsuchte. Ob er sie gefunden — die Tugend 
erhob er zum Princip der Demokratie, die Mäszigung zu 
dem der Aristokratie, die Ehre zu dem der Monarchie, und 
die Furcht zu dem der Despotie — ist freilich eine andere 
Frage. Auszerdem aber fügte er den drei Arten als vierte 
die Despotie hinzu, die Aristoteles besser als Ausartung be- 
zeichnet und den richtigen Statsformen entgegengesetzt hatte. 

2. Sehr beachtenswerth ist der Versuch Schleier- 
machers, 1 die mancherlei Staten zu ordnen , indem er ver- 
schiedene Entwicklungsstufen des statlichen Bewusztseins unter- 
schied. Der Stat entsteht, wenn in der Völkerschaft das 
Bewusztsein erwacht des nothwendigen „Gegensatzes von Re- 
gierung und Unterthan." Die erste Stufe ist die, wo dieses 
Bewusztsein in einer kleinen Völkerschaft hervortritt, gewöhn- 
lich so, dasz „die ganze zum Statswesen reife Masse gleich- 
förmig" ergriffen wird. Dann wird jener Gegensatz in Allen 
sich entwickeln. Sie werden sich vereinigen, um die Obrig- 
keit darzustellen und sich wieder trennen, um sich als Unter- 
thanen zu zeigen. Das ist die Demokratie, in welcher der 
Gegensatz zwischen Gemeingeist und Privatinteresse nur schwach 
auseinander tritt. Oder es kann die zum Statwerden reife 
Masse von dem statbildenden Anstosz ungleichförmig berührt 
werden, das politische Bewusztsein kann sich zuerst in einem 

1 Schleiermac her: Ueber die Begriffe der verschiedenen Stats- 
formen, in den Abhandlungen der Berliner Akademie v. 1814. 



Drittes Capitel. Heuere Fortbildung der Theorie. 



377 



oder in mehrern entwickeln, und so eine Ungleichheit ent- 
stehen, welche zur Monarchie oder Aristokratie führt. 
Die drei Formen wechseln leicht auf dieser Entwicklungsstufe 
des noch kleinen States und sind auch unter sich noch ähn- 
lich. Die natürliche Hinneigung auf dieser Stufe ist aber 
immer zur Demokratie, indem auch in jenen Fällen einer 
oder mehrere der Masse nur vorausgeeilt sind in dem politi- 
schen Bewustsein. 

Die zweite Stufe umfaszt mehrere Völkerschaften. Sie 
ist eine Mittelstufe zu der höhern dritten, in welcher das 
Bewusztsein der Einheit der Nation seinen vollen Ausdruck 
findet. Auf ihr übt eine höhere Völkerschaft die Herrschaft 
aus über die übrigen regierten Stämme. Diese Mittelform des 
States wird daher wesentlich aristokratisch sein, wie die 
Form der niederen Ordnung wesentlich demokratisch. Demo- 
kratisch kann derselbe nicht sein, weil die Mehrheit der Stämme 
dem herrschenden unterworfen, somit nicht gleich ist. Die 
äuszere Form der Monarchie kann er wohl annehmen, aber 
der König wird dann zu dem herrschenden Stamme gehören, 
und insofern nur ein aristokratischer König sein. 

Erst auf der obersten Stufe spricht sich die Einheit eines 
ganzen groszen Volkes in den Formen des States rein und 
klar aus. Die demokratische Natur der ersten Stufe konnte 
weder den statlichen Gegensatz zu voller Entfaltung bringen, 
noch den Umfang eines groszen Volkes erreichen. In der 
Aristokratie der zweiten Stufe hatte der herrschende Stamm 
noch immer sein Privatinteresse, und die Einheit des Volkes 
war nicht das Lebensprincip des Stats. Auf dieser dritten 
Stufe erst kommt die echte Monarchie zur Vollendung, in 
welcher der Monarch ohne alle Vermischung mit Privatinter- 

j essen die Einheit des States und der Regierung in voller Kraft 

I und Macht darstellt. 

Die drei bekannten Formen des States erhalten somit 

; durch Schleiermachers Darstellung eine geistige Begründung 



378 



Sechstes Buch. Die Btatsformen. 



und eine Beziehung auf die Entwicklungsstufen der politischen 
Idee, und werden so geordnet, dasz die Demokratie als die 
niedrigste Stufe, die Monarchie als die höchste erscheint. 
Immerhin ist durch diese Erörterung, wenn auch nicht ein 
neues Princip der Eintheilung eingeführt , so doch eine höhere 
Einsicht in den Geist der verschiedenen Statenbildungen ge- 
wonnen worden. 

Die Entwicklungsstufen der Geschichte aber entsprechen 
der logischen Entwicklung, wie sie Schleiermacher auffaszt, 
keineswegs. Die geschichtliche Reihenfolge ist viel öfter die 
umgekehrte: Monarchie, Aristokratie, Demokratie. Diese Er- 
fahrung entspricht überdem der naturgemäszen Annahme, dasz 
das active Statsbewusztsein sich zuerst auf der Höhe des 
Lebens unter besonders günstigen Bedingungen entwickle und 
thätig werde und dann allmählich sich über weitere Kreise 
der Natur und Gesellschaft ausbreite. 



Viertes Capitel. 

Das Princip der vier Grundformen. 

Der specifische Unterschied der verschiedenen Statsformen 
ist, wie Aristoteles erkannt hat, in der verschiedenen Art zu 
finden, wie der Gegensatz der Regierung und der Regierten 
aufgefaszt wird, insbesondere in der Qualität (nicht Quantität) 
des Herrschers. 

I. Die erste Form war die der Ideokratie, deren höch- 
ster Typus die Theokratie ist. Das Volk dachte sich den 
Herrscher als ein ihm in jeder Weise, schon von Natur über- 
geordnetes, als ein übermenschliches Wesen, Gott selbst 
wurde als der wahre Regent des States verehrt. 

II. Den schroffsten Gegensatz zu der Ideokratie. in 



Viertes Capitel. Das Princip der vier Grundformen. 



379 



welcher das Volk einer fremden, auszer ihm und über ihm 
stehenden Macht unterworfen ist, bildet die Statsform, in der 
das Volk sich selbst beherrscht, d.h. in seiner Gesammt- 
heit als Regierung, in seiner Auflösung in einzelne Bürger als 
Regierte erscheint: die Demokratie, Volksherrschaft. 

III. Die statliche Unterscheidung zwischen Regierung und 
Regierten hält sich zwar innerhalb des Volkes, und ist mensch- 
lich, aber so geordnet, dasz eine höhere C lasse oder ein 
höherer Stamm des Volkes als Regierung, die übrigen Classen 
und Stämme dagegen als Regierte sich darstellen. Die letztern 
sind dann nur Regierte, nicht auch Regierung, die erstem 
zwar vorerst Regierung, aber daneben doch in ihren einzelnen 
Gliedern wieder Regierte: Aristokratie. 

IV. Der Gegensatz von Regierung und Regierten ist voll- 
kommen, aber menschlich so entfaltet, dasz die Regierung in 
einem Individuum concentrirt ist, welches nur Regent, nicht 
zugleich Regierter ist, welches somit dem State ganz und gar 
angehört und gewissermaszen die Einheit der Volksgemein- 
schaft personificirt : Monarchie. 

Für jede der vier Grundformen gibt es einen Urtypus, 
welcher in ihr sich spiegelt: 

Die Theokratie bildet die Herrschaft Gottes über 
die Welt, aber noch als eine unvermittelte, gewissermaszen 
rohe und despotische nach. 

Die Monarchie verherrlicht die Einheit der Mensch- 
heit in „dem Menschen" als Individuum, welches als 
Herrscher im State die Gesammtheit darstellt, oder die Ein- 
heit des Volks in der Personifikation des Volksfürsten. 

Die Demokratie drückt die Idee der Gemeinschaft des 
Volks oder aller Individuen aus und stellt die Ge- 
meinde im State dar. 

Die Aristokratie verkörpert den Gegensatz der edleren 
und gemeinen Bestandteile des Volks, und gibt jenen 
die Herrschaft über diese. Wie der Demokratie die Gemeinde, 



380 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



so schwebt ihr der Adel der höheren Rasse und Art als 
Typus vor. 

In gewissem Sinn stehen Theokratie und Monarchie 
auf der einen, Aristokratie und Demokratie auf der 
andern Seite sich gegenüber. In den beiden ersten nämlich 
ist die Regierung in höchster Machtfülle und Majestät so con- 
centrirt, dasz der Regent nicht zugleich Regierter ist, dasz er 
nur das Statsinteresse , nicht zugleich Privatinteressen vertritt. 
In der Theokratie aber ist diese Erhabenheit der Statsherr- 
schaft göttlich und daher absolut, in der Monarchie mensch- 
lich und daher relativ dargestellt. Die beiden letztern 
Grundformen auf der andern Seite, welche daher auch mit 
dem gemeinsamen Namen der Republik zusammengefaszt 
werden, haben das Gemeinsame, dasz in ihnen der Gegensatz 
der Regierung und Regierten nicht so scharf hervortritt, son- 
dern eine gewisse Mischung voraussetzt, so dasz die nämlichen 
Menschen sich bald als Origkeit, bald als Unterthanen be- 
trachten und äuszern und zugleich öffentliche und Privat- 
interessen haben. In der Demokratie verbreitet sich diese 
Mischung über das ganze Volk, in der Aristokratie dagegen 
ist sie auf die herrschende Classe des Volkes beschränkt, 
welche zwar den übrigen Bestandtheilen des Volkes nur als 
Herrscher gegenübertritt, unter sich selber aber gewöhnlich 
demokratisch organisirt und so Herrscher und Unterthan zu- 
gleich ist. Insofern erscheint die Aristokratie allerdings als 
eine Zwischen- und Mittelstufe zwischen der Demokratie und 
der Monarchie. 

In einer andern Beziehung aber gehören hinwieder Mon- 
archie und Aristokratie zusammen und sind der Theo- 
kratie und Demokratie gegenüber zu stellen. In den 
erstem ist der Gegensatz zwischen Regierung und Regierten 
menschlich so organisirt, dasz sich die Regenten als solche 
selbständig fühlen und wissen, und ebenso von dem 
Volke geachtet werden, dasz sie in eigenem Namen und 



Viertes Capitel. Das Princip der vier Grundformen. 



381 



zu selbständigem Rechte die Herrschaft üben, vollkom- 
mener freilich in der Monarchie als in der Aristokratie. In 
den beiden lezteren dagegen bedarf der als Herrscher gedachte 
Gott immer, das als Herrscher gedachte Volk doch in der 
Regel einer Stellvertretung und Vermittlung durch 
Priester oder Beamte, welche persönlich zu den Regierten 
gehören, aber nun als Diener Gottes oder des Volks in 
deren Auftrag und Namen für den Herrscher handeln. 
Diese können nicht sich selber als Regenten betrachten, aber 
sie verwalten gleichsam die Regentschaft für den eigentlichen 
Regenten, der nicht persönlich handeln kann. Sie sind ge- 
nöthigt, sich beständig an eine andere Macht anzulehnen, und 
in dieser Hinweisung auf die höhere Macht, welche auch sie 
beherrscht, die Autorität zu suchen, welche ihnen selber abgeht. 

Der Unterschied der Statsformen je nach der Art der 
Regierung begründet das Verfassungsrecht und ist statsrecht- 
lich. Derselbe Unterschied findet sich aber überdem in der 
Richtung des politischen Lebens vor, selbst im Gegensatze zu 
der Verfassungsform. Es kann ein Stat in theokratisiren- 
d e m Geiste regiert werden , wenn gleich nicht Gott , sondern 
ein menschlicher Herrscher, z. B. ein Kirchenfürst oder eine 
Priesterkaste als Obrigkeit anerkannt ist Ebenso gibt es ari- 
sto kr atisir ende Staten, die statsre entlieh keine Aristo- 
kratien sind, wie z. B. der englische Stat, dessen monarchische 
Form von aristokratischem Geist erfüllt ist; ferner demokra- 
tisirende Staten, die keine Demokratie sind, wie z.B. das 
Königreich Norwegen. Es gibt endlich auch monarchisi- 
rende Staten, ohne wirklichen Monarchen, wie z. B. die fran- 
zösische Republik. 

Anmerkung. Die Rohmerische Eintheilung der Staten (F. Roli- 
mers Lehre von den polit. Parteien §. 219 ff.) nach den vier Altersstufen 
der Menschen zielt zunächst wieder nicht auf die Staatsform, sondern 
auf den politischen Geist, der in dem State lebt, aber je nach dem politi- 
schen Parteicharakter. Sie erkennt 



382 



Sechstes Buch. Die Statst'ormen. 



den radicalen Statsgeist in dem Idolstat, 

„ liberalen „ „ „ Individuaistat, 

„ conservativen „ „ Rassestat, 

„ absolutistischen ,, ., „ Formenstat. 
Eine Monarchie z. B. kann möglicher Weise alle diese Phasen des 
politischen Geistes der Reihe nach durchmachen. Wenn R. v. Mohl 
(jStats Wissenschaft I. S. 262) einwendet, ein Volk sei nicht jung und 
nicht alt, weil in jedem Volk Kinder und Greise zugleich beisammen 
seien, so beruht diese Einwendung auf einem Miszverständnisz der Lehre, 
die er bestreitet. Schon die Alten haben gewuszt, und v. Savigny 
hat es der deutschen Juristenwelt klar gemacht, dasz auch die Völker 
als organische Gesammtwesen ihre Altersstufen durchleben, analog der 
Jugend und dem Alter der Individuen. Auszer dieser Folge der Zeiten, 
die sich in jeder Volksgeschichte wiederholt, kommt aber der angeborene 
Volkscharakter in Betracht. Wie es einzelne Menschen gibt, deren 
Wesen kindlich oder auch kindisch ist und bleibt, und die selbst im 
reifen und hohen Alter diesen Grundzug ihrer Natur nie verläugnen, 
und hinwieder andere, die schon in früher Jugend einen ältlichen 
Charakter haben, so gibt es auch kindliche uud ältliche Völker von 
Natur. Am deutlichsten zeigt sich das in den groszen Rassen. Die 
Negervölker sind mehrtausendjährige Kinder, die rothen Indianer zeigen 
ebenso während mehreren Jahrhunderten beharrlich ein ältliches Wesen. 
In Europa, dem Welttheil der vorzugsweise männlichen Völker, erscheint 
doch die Natur der Spanier — abgesehen von der Lebensperiode, in der 
sie sich befinden — eher dem ältern, die der deutschen dem jugend- 
lichen Geiste zu entsprechen. Wie die Völker, sei es von Natur und 
daher beständig, sei es auf der Altersstufe, auf welcher sie gerade sich 
befinden, und daher periodisch jung oder alt sind, so erfüllen sie mit 
diesem Geiste auch, den Stat, in dem sie leben. Die männliche Form 
der Constitution eilen Monarchie wird daher auf Haiti, weil ein kindisches 
Volk in ihr lebt, zu einem bübischen Possenspiel. 



Fünftes Capitel. 

Das Princip der vier Nebenformen. 

Die Art des S tatshaupt es ist zwar entscheidend mi- 
die ganze Gestalt des Statskörpers. Aber in zweiter Linie 
kommt doch auch das Recht der Regierten in Betracht, 
und bestimmt secundär den rechtlichen Charakter der Stats- 
verfassung. Die Aristotelische Eintheiiung der Statsformen 



Fünftes Capitel. Das Princip der vier Nebenformen. 



383 



enthält, wenn man so die Gegenseite in dem Urgegensatze 
aller Statenbildung berücksichtigt, die nöthige Ergänzung. 

War auf Seite der Regierung das oberste — herrschende 
Organ, entscheidend, so ist auf Seite der Regierten, die wir 
als Gesammtheit im engeren Sinne wieder das Volk oder noch 
eher das Land heiszen, die Controle der Regierung und 
die Th eilnah me an der Gesetzgebung entscheidend. 

Indem wir nach diesem Merkmal die verschiedenen Stats- 
formen classificiren , erhalten wir folgende drei (beziehungs- 
weise vier) Nebenformen. 

I. Die Regierten werden insgesammt als eine blosze 
passiveMasse behandelt , welche der Regierungsmacht un- 
bedingt unterthan und zu absolutem Gehorsam verbunden ist. 
Sie hat weder ein Recht der Controle noch einen Antheil an 
der Gesetzgebung. Es sind das die absolut regierten Staten, 
die wir daher unfreie Statsformen (unfreie Völker) heiszen. 
Sie sind nicht nur dann unfrei , wenn sie der Willkür und den 
Launen eines Despoten angehören (Despotien), sondern auch 
dann politisch unfrei, wann der Herrscher selber ein 
Rechtsgesetz anerkennt und sowohl das Privatrecht als die 
Privatfreiheit geschützt wird (Absolutien). 

II. Ein Theil der Regierten, die obern Classen der- 
selben, haben das Recht der Controle und der Theilnahme an 
den öffentlichen Angelegenheiten und beschränken dadurch 
die Regierungsgewalt. Aber die übrige Masse, insbesondere 
die untern Volks classen sind noch in dem politisch un- 
freien Zustande und haben keine politischen Rechte. Wir 
heiszen diese Staten halb freie Statsformen. Die mittelalter- 
lichen Lehens- und Ständestaten sind von dieser Art. 

III. Alle Volksclassen haben politische Rechte. Das 
, ganze Land (Volk) übt eine Controle der Regierung und 

eine Mitwirkung aus bei der Gesetzgebung. Wir heiszen diese 
Staten freie Staten, oder auch Republiken im weitesten 
; Sinn des Worts. Wir können sie auch Volkss taten heiszen. 



334 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Diese Controle und Theilnahme wird daher entweder 

A) unmittelbar durch die Versammlung der Bürger 
geübt, wie vorzugsweise im Alterthum (antike Republi- 
ken) oder 

B) mittelbar durch Ausschüsse und Stellvertreter, wie 
in der neuern Zeit (moderne Repräsentativst aten.) 

Wenden wir diese neue secundäre Unterscheidung auf 
•die alte Eintheilung der Grundformen an, so ergeben sich 
folgende Resultate : 

I. Die Theokratie neigt sich principiell zu der Classe 
der unfreien Staten. Aber sie ist nicht nothwendig Despotie, 
indem auch der herrschende Gott, oder die von ihm inspirirte 
Priesterschaft ein Gesetz des Gemeinwesens anerkennen und 
respectiren kann. Sie kann daher sich der zweiten und der 
dritten Classe insofern annähern, als die Ausübung der gött- 
lichen Herrschaft an die Mitwirkung aristokratischer Classen 
oder selbst einer Volksversammlung gebunden wird. Die 
jüdische Theokratie war in diesem Sinne republikanisch. 

II. Die Aristokratie gravitirt zur zweiten Classe der 
halb freien Staten, kann aber auch als unfreier Stat vor- 
kommen, wenn der Demos politisch rechtlos ist oder sie kann 
sich in die dritte Classe der freien Volksstaten erheben, wenn 
sie dem Demos wie in Rom eine wahre Volksvertretung ver- 
stattet. 

III. Die Demokratie hat einen innern Zug zur dritten 
Classe der freien Staten; sie kann aber zur Despotie werden 
gegenüber der Minderheit oder doch zur Absolutie gegenüber 
den einzelnen Bürgern ; und sie kann im Verhältnisz zu einer 
unterwürfigen Classe (Schaven und Heloten im Alterthum. 
Farbige in Amerika) als halbfreier Stat sich zeigen. 

IV. Die Monarchie, welche überhaupt in den mannich- 
faltigsten Formen erscheint, nimmt alle drei Classen in zahl- 
reichen Anwendungen in sich auf. Die Despotien des Orients 
und die absoluten Monarchien auch des Occidents sind offenbar 



Fünftes Capitel. Das Princip der vier Nebenformen. 



385 



unfreie Staten; das Königthum und das Fürstenthum des 
Mittelalters, welches durch den Klerus und die Laienaristo- 
kratie beschränkt war, waren halbfreie Monarchien. Das rö- 
mische Königthum nach der servianischen Verfassung und das 
aite fränkische oder das norwegische Königthum , welches der 
Volksversammlung einen gewissen Antheil an der Statsleitung 
zugestanden hatte, mögen als Beispiele der unmittelbaren 
Volksbetheiligung auch in freien Monarchien gelten. Die con- 
stitutionelle Monarchie der neuern Zeit endlich ist die höchste 
bisherige Ausbildung der Monarchie zu einem freien State 
mit Repräsentativverfassung. 

Wird die aristotelische Eintheilung, die mit Recht von 
Oben her ausgeht, so von Unten her ergänzt, so fallen auch 
die wichtigsten Bedenken gegen dieselbe hinweg, insbeson- 
dere die Einwendung, dasz sie nicht genug unterscheide und 
weder die Verwandtschaft, z. B. der heutigen Repräsentativ- 
demokratie mit der constitutionellen Monarchie noch die we- 
sentliche Verschiedenheit z. B. der absoluten und der ständisch 
beschränkten Monarchie zu erklären im Stande sei. 

Anmerkung. Angeregt hat mich zur Begründung dieser Neben- 
formen die interessante Untersuchung von Georg Waitz über die Unter- 
scheidung der Statsformen (Politik S. 107 f.). Waitz nennt Republik 
den Stat, wenn die Statsgewalt von dem Volke oder in dessen Auftrag 
von Stellvertretern des Volks geübt wird. Dagegen Königthum die 
Statsform, die unabhängig von dem Volke durch Eine Person als Stats- 
haupt kraft eigener Macht geübt wird. Die Aristotelische Eintheilung 
betrachtet er dann als secundär, die seinige als primär. Das Kaiser- 
thum wird dann in Rom zur Republik , in Deutschland zum Königthum. 
Das alt -römische Patriciat wird zum Königthum, das Napoleonische 
Kaiserthum zur Republik. Aber damit werden die beiden Eintheilungen 
eher verwirrt als geordnet. Die obige Unterscheidung dagegen ist nach 
der Rücksicht auf die Art der Regenten und sodann nach dem Recht der 
Regierten logisch klar und als Ergänzung zu der Aristotelischen Ein- 
theilung sogar nothwendig. Sodann gibt sie auf die Frage, weszhalb 
denn die constitutionelle Monarchie der repräsentativen Demokratie näher 
verwandt sei als die absolute Monarchie eine befriedigende Antwort. 



Bluntschli, allgemeine Statslehre. 



25 



386 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Sechstes Capitel. 
I. Die (Ideokratie) Tlieokratie. 

Die Forin der Tkeokratie gehört vorzugsweise der Kind- 
heit des Menschengeschlechtes zu. In Asien und Nordafrika 
ist der Sitz der ersten statlichen Entwicklung, und zuerst 
zeigen sich da theokratische Staten. 

In den ersten Zeiten, als die noch junge Menschheit sich 
auf der Erde zurechtzufinden suchte , war offenbar das Gefühl 
der Abhängigkeit von göttlichen Wesen und unverstandenen 
Naturkräften noch äuszerst lebhaft, und die Einwirkung Gottes 
oder der Natur auf das Leben, gewissermaszen auf die Er- 
ziehung der Menschen unmittelbarer und mächtiger als später. 
Gott und die Götter verkehrten nach allen alten Sagen und 
Mythen persönlich mit den Menschen, und was Piaton uns 
von den Urzuständen selbst der hellenischen Völker erzählt, 
dasz Kronos, die Schwäche und Unfähigkeit der Menschen in 
jener Zeit bedenkend, ihnen „zu Königen und Fürsten über 
die Staten, nicht Menschen, sondern Dämonen, "Wesen von 
göttlicherem und höherem Geschlechte gesetzt" habe, stimmt 
mit dem Glauben aller alten Völker zusammen. Piaton selbst 
war dieser theokratischen Auffassung persönlich zugethan , und 
schlug in seiner Lehre vom Stat künstliche Täuschungsmittel 
vor, um den damals entwickelteren Menschen von neuem den 
Glauben beizubringen, dasz nicht Menschen sondern Gott selber 
die Herrschaft im State führe. 

Wurde so Gott oder wurden Götter und Dämonen 1 als 

1 Von einem merkwürdigen dämonokratischen State unserer 
Zeit berichtet der berühmte Entdecker der Alterthümer von Niniveh, 
A. H. Layard (Niniveh und seine Ueberreste S. 144 ff.) In den Ge- 
birgen Mesopotamiens wohnen die Jezidi, welche unter einem geist- 
lichen Oberhaupte stehen, dem groszen Scheikh, und dem Satan eine 
besondere Verehrung widmen, von dem sie glauben, er werde später 
wieder zu einem hohen Hange in der himmlischen Hierarchie gelangen 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



387 



die wahren Oberhäupter des States verehrt, so war mit 
diesem Glauben der überwiegende Einflusz der Priester 
unzertrennlich verbunden , denn diese waren die auserwählten 
Sterblichen, welche vorzugsweise dem Dienste der Götter 
geweiht waren , ihren Willen vernahmen und ihre Sprache 
verstanden. Unter diesen Völkern haben daher auch die 
Priester den obersten Rang. In den einen verwalten die 
Priester geradezu das Regiment, im Namen Gottes oder 
der Götter, in den andern stehen zwar Könige an der Spitze 
der Regierung, aber auch sie regieren nicht in eigenem 
Namen, sondern als Stellvertreter und Organe der Götter 
und sind entweder zugleich Oberpriester oder werden durch 
den Einflusz der Priester geleitet und beschränkt. Die 
erstem können wir nach Leo's Vorgang reine, die letztern 
gebrochene Priesterstaten nennen. In diesen ist der 
Ueb ergang von der Form der Theokratie in die der Monarchie 
ersichtlich. 

Ein solcher Priesterstat war der Stat der Aethiopen 
in Meroe. Der Vorstand des States gehört der Priester- 
kaste an. Die Priester bezeichnen aus ihrer Mitte einige 
der Besten, aus welchen in feierlicher Procession der Gott 
einen erwählt. Ist der Ausspruch des Gottes gethan, so 
beugt das Volk vor dem Erwählten Gottes seine Kniee, und 
verehrt in ihm den Stellvertreter Gottes. Seine Macht aber 
ist in jeder Weise beschränkt durch die göttlichen Gesetze, 
und die fortdauernde Offenbarung des göttlichen Willens in 
| den Orakeln, welche die Priester vermitteln. Ein strenges 
Ceremoniel ordnet jeden seiner Schritte, und der freien 
menschlichen Entschlieszung ist kein Spielraum vergönnt. 
Ueberall begleiten ihn die Priester und wirken mit, und 
selbst seine Existenz ist völlig unsicher. Wenn er dem 
Gotte miszfällt, so offenbart dieser den Priestern seine Un- 
; gnade. Die Priester theilen ihm durch eine Botschaft den 
i zürnenden Willen des Gottes mit, und es bleibt ihm nichts 



388 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



anderes übrig, als durch freiwilligen Tod den göttlichen Zorn 
zu sühnen. 2 

In gebrochener Form sehen wir diesen Priesterstat in 
Aegypten. Ursprünglich herrschten auch da nach der Volks- 
sage während vieler Jahrhunderte die Götter selbst. Später 
jedoch regierten menschliche Könige, aber als Göttersöhne und 
selber wie Götter verehrt und durch das heilige Gesetz, eine 
strenge Etikette, und den Einflusz der obersten Priesterkaste 
beschränkt. Die göttlichen Vorschriften waren so genau im 
einzelnen bestimmt, dasz dem Könige nicht einmal die Aus- 
wahl der Speisen, die er essen wollte, freigegeben, sondern 
auch seine frugalen Mahlzeiten ein- für allemal festgesetzt 
waren. 3 Bei seinem Leben freilich wagten die Priester nicht 
mehr im Namen der Götter Gericht über ihn zu halten, aber 
wenn er starb, so wurde ein groszes und öffentliches Todten- 
gericht über ihn von den Priestern angeordnet. Die Ehre 
seines Namens bei der Nachwelt und die Aufnahme der abge- 
schiedenen Seele in der Unterwelt und seine Wiedergeburt 
wurde durch ihr Urtheil bestimmt. Unter einem Volke, 
welches an die Fortdauer der Seele nach dem irdischen Tode 
glaubte, mit äuszerster Sorgfalt sogar den Leichnam vor der 
Verwesung zu retten suchte und seinen Todten reich ge- 
schmückte und an alle Erfordernisse des Lebens erinnernde 
Wohnungen erbaute, hingen von diesem ernsten Todtengericht 
die Hoffnungen und Befürchtungen auch der Lebenden ab, und 
es war dasselbe daher in der Hand der Priester eine furcht- 
bare Macht. 

Verwandt und groszentheils ideokratisch war auch der 
altindische Stat. Der König steht nach der Ordnung der 
Kasten unter den Brahmanen; der Brahmane verschmäht es. 
ihm seine Tochter zur Frau zu geben, sie würde durch die 

Diodorus Sic. Hist. III. 5. 6. Vgl. Leo's Weltgesch. I. S. 79. 
3 Diodorus Sic. Hist. I. 71, 72. Ygl. Duncker Gesch. d. Alter- 
tlmms Bd. I. 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



389 



ungleiche Ehe entwürdigt, Aber die Würde des Königs wird 
doch wieder so hoch gehalten, dasz ihr eine besondere Gött- 
lichkeit inwohnt. Sein Leib wird nach den Gesetzen Manu's, 
aus Bestandth eilen gebildet, welche in den acht göttlichen 
Wächtern der Welt ihren Ursprung haben, daher ist er rein 
und heilig. „Wie die Sonne blendet er die Augen und Her- 
zen, und Niemand auf Erden vermag ihm ins Antlitz zu sehen. 
Gott hat ihn geschaffen zur Erhaltung aller Wesen. Keiner 
darf ihn, selbst wenn er noch ein Kind ist, verachten, indem 
er zu sich sagt: er ist ein einfacher Sterblicher, denn eine 
grosze göttliche Kraft wohnt in ihm." 4 

Auch der indische König ist von Priestern umgeben. 
Er bedarf der Weihe, wenn er die Regierung antritt. Seine 
sieben oder acht Minister, welche er einzeln und vereint in 
allen Geschäften vernimmt, bevor er den Entscheid faszt, sind 
meistens Brahmanen. Jedenfalls aber musz er in allen wich- 
tigen Dingen vorerst einen brahmanischen Gewissensrath zu 
Rathe ziehen. Auch ihm ist ein strenges Ceremoniel vorge- 
schrieben, und die Gesetze Manu's mahnen ihn in ernster 
Sprache an seine — wenn auch nicht näher geordnete — Ver- 
antwortlichkeit: „Der unsinnige Monarch, welcher seine Unter- 
thanen durch Ungerechtigkeit bedrückt, wird in kurzem seines 
Königthums und seines Lebens beraubt werden, er und seine 
ganze Familie." 5 

Immerhin hat der indische in höherem Grade arische Stat 
übrigens ein helleres, freieres Ansehen, und ist in ihm die 
königliche Würde und Macht mehr und statlicher ausgebildet, 
als in den finsteren Priesterstaten von Meroe und Aegypten. 
In allen aber finden wir ein schroffes und starres Kasten- 
system; grosze Vorrechte der Priesterkaste, die in sich alles 
geistige Leben der Nation vereinigte und abschlosz, und zu- 

4 Manava — Dharma — Sastra. Lois de Manou, par Loisekur. 
Paris 1833. V. 96, 97. VII. 3—8. 

5 Ebend. VII. 54 ff. Iii. 



390 



Sechstes Buch. Die Statsfonnen. 



gleich reichlich mit den Gütern der Erde ausgestattet war; — 
in Aegypten gehörte der dritte Theil des Bodens ihnen zu; 6 
das indische Gesetz sagt: „Ein König darf, selbst wenn er 
vor Mangel stürbe, nie von einem in den heiligen Schriften 
belesenen Brahmanen eine Steuer nehmen und niemals dulden, 
dasz in seinen Staten ein solcher Brahmane Hunger leide." 7 — 
Ferner eine gedrückte Lage und verachtete Zustände der untem 
Volksclassen, welche auch für Einzelne nicht durch die Hoff- 
nung des Emporsteigens erhellt wurden. Die ägyptischen 
Bauern sind durchweg nur Hörige, welche die den Priestern 
oder dem Könige oder den Kriegern zugehörigen Güter be- 
bauen. Die Hirten und die Handwerker sind erblich an ihr 
Geschäft gebunden, willkürlicher Schätzung unterworfen, und 
ohne allen activen Antheil an den Statsinstitutionen. Zahl- 
reiche Frohnden aller Art sind in diesen Ländern verbreitet. 

Noch viele Jahrhunderte hinab hat ein theokratischer 
Charakter des States in Asien sich erhalten, und auch später 
noch ist derselbe in dem orientalischen Herrscherthum 
forwährend sichtbar. Die Macht der Priesterschaft freilich 
über die immer entschiedener weltlichen Herrscher ist durch 
die steigende Macht dieser, wie sie in den gröszern durch 
Eroberung entstandenen und durch Kriegsheere zusammen- 
gehaltenen Reichen sich entwickelte, mehr in den Hintergrund 
gewiesen und verdunkelt worden. Aber die Herrscher selbst 
wurden wie Götter verehrt. Die Statsforai blieb theokratisch, 
nur trat sie in eine neue Wandelung ein. Zuerst war der 
Gott in Person der Herrscher, seine Werkzeuge die Könige 
und die Priester; dann stellte sich die Herrschaft mehr und 
mehr äuszerlich als eine Priesterherrschaft dar, mit einem 
anfangs priesterlichen, dann kriegerischen Könige an der Spitze: 
endlich wurde der König selbst zum Gott erhoben, und es 
entstand der übermenschliche „Despotens tat". Es gilt das 

6 Diodor. Sic. I. 73. 

7 Lois de Manou. VII. 133. 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



391 



namentlich von dem spätem Perserreiche und selbst von 
den neuern Staten der mohammedanischen Sultane, und 
den chinesischen Kaisern. 

Der König von Iran Guschtasb (1300—1350 v. Ch.) 
unter welchem Zarathustra (Zoroaster, Serduscht) als 
Prophet auftrat, nannte sich selbst einen „Priesterkönig", 
und in den heiligen Büchern (dem Send-Avesta) wird der 
Perserkönig nicht zu der Kaste der Krieger, wie in Indien, 
sondern zu der der Priester (der „Rechtskundigen und Gottes- 
gelehrten") gerechnet. 8 Das ganze Statssystem ist zugleich 
Religionssystem, Recht und Moral unausgeschieden, der Zu- 
sammenhang der unsichtbaren Welt, der guten und bösen Geister 
mit der sichtbaren Welt der Menschen in allen Dingen fort- 
während anerkannt. Aber seitdem die Könige von unpriester- 
lichem persischem Geschlechte die Herrschaft erlangten , nahm 
der persische Stat mehr die Natur eines solchen Despoten- 
reiches an, und der Einflusz der Magier, so grosz er in 
manchen Dingen blieb, ward, verglichen mit den ältern Zeiten, 
um vieles geringer. Allmächtig wie der Gott, dessen Gnade 
ihn erhoben hat, waltet in seinem Reiche der Perserkönig im 
Princip, und sein Hof ist das Abbild des himmlischen Hof- 
states des guten Weltgeistes Ahuramasda. Die Ehren, die ihm 
erwiesen werden , gleichen den Ehren der Gottheit. Vor seinem 
goldnen Throne, der hoch emporragt, und auf dem er in reich- 
stem Schmucke mit der Tiara auf dem Haupte sitzt, den 
goldnen Stab in der Hand, das Schwert zur Seite, im Purpur- 
mantel, „strahlend wie die Sonne an dem glänzenden Firma- 
ment," werfen sich selbst die fremden Gesandten nieder in 
den Staub, wie Sclaven vor dem Herrn oder Betende vor 
dem Gott. Wie diesem die Opfer, so werden ihm die Gaben 
derer dargereicht, welche seinem Throne nahen. Und wenn 
! er stirbt, so bezieht er den herrlichen Todtenpalast in Per- 

8 Vuller's Fragmente über die Religion des Zoroaster. Bonn 1831. 
S. 33. 69. Vgl. Spiegel Avesta. Leipzig 1852—63. III Bde. 



392 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



polis, dort das Leben der Seligen fortsetzend. Ein feierliches 
Ceremoniel mit seinen mannichfaltigen Symbolen umgibt ihn, 9 
ihn zu ehren. In der Wirklichkeit freilich ist gerade dieses 
auch ihn beengende und wie mit einem goldenen Netze um- 
spinnende Ceremoniel die unauflösliche Schranke und Fessel 
seines Willens, und spottet der fingirten Allmacht, die ihm in 
der Idee zugeschrieben wird. 

Ein Fortschritt aber liegt unverkennbar in dieser Wande- 
lung aus dem eigentlichen Priester- in das Despotenreich des 
Orients. Das starre Walten einer für göttlich gehaltenen 
Offenbarung in dem Gang und den Formen der Gestirne nach 
welcher die Priester auch den Stat leiteten, und die Gleich- 
mäszigkeit und Unveränderlichkeit des ganzen ein- für allemal 
durch göttliche Gesetze normirten Statslebens waren durch- 
brochen; und wenn auch in der trüben Form der Despotie, 
äuszerte sich nun ein freier menschlicher Wille in den Stats- 
angelegenheiten, und konnte Rücksicht nehmen auf die natür- 
lichen Veränderungen in den Zuständen der politischen Welt, 
und auf die mancherlei neuen Bedürfnisse der Völker. In 
dem persischen Reiche wurde denn auch die Eisdecke des 
Kastenwesens frühzeitig aufgelöst. 

Der merkwürdigste Stat dieser Gattung im Alterthum war 
die Theokratie der Juden nach der Mosaischen Gesetzgebung. 
Die Reinheit der Mosaischen Religion, der lebendige Glaube 
an einen Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt, ist die 
feste Grundlage, auf welcher der jüdische Stat erbaut ist. 

Gott selbst, Jahve oder Jehova, wird als König der 
Juden gedacht. Er ist der unsterbliche Herr des sterblichen, 
aber auserwählten Volkes. Er gibt das Gesetz, er regiert das 
Volk. Die ganze umfassende Gesetzgebung, welche wir von 
Moses her benennen, erscheint als Offenbarung Gottes, mit 
welchem Moses in der Einsamkeit der Berghöhe gesprochen, 

9 Eine vortreffliche kurze Darstellung dieser Statsform bei Leo Welt- 
gesch. I. S. 120 ff. Duncker Gesch. d. Alt. II. S. 606. 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



393 



dessen Willen er mit Furcht und Zittern vernommen, und 
getreu dem Befehle des Herrn dem Volke verkündet hat. 
Blitz und Donner haben die Gegenwart Gottes auf dem Berge 
Sinai allem Volke bezeugt. 

Das ganze Volk aber wurde durch diese göttliche Herr- 
schaft gehoben. In Aegypten noch war es verachtet, und jeder 
Aegyptier aus einer der höhern Kasten betrachtete die Juden 
als Verworfene, deren Umgang verunreinige. Nun erhielten 
sie das erhabene Gefühl, das bevorzugte Volk des höchsten 
Gottes zu sein. Obwohl auch sie in erbliche Stämme einge- 
teilt wurden, und auch unter ihnen ein gesonderter Priester- 
stamm (der Stamm Levi) geordnet ward, so waren doch alle 
Stämme Nachkommen der Erzväter Abraham, Isak und Jakob, 
und galt hinwieder das ganze Volk als ein „Priestervolk". 
Die schroffe Ueberordnung der Kasten ist somit hier von 
Grund aus aufgegeben, und die Brüderlichkeit der Stämme 
zum Princip erhoben. 

Das göttliche Gesetz wird in einer mit Gold überzogenen 
Lade verwahrt, über welcher der goldene Thron der Gnade 
sich erhebt, von zwei Cherubim bewacht, und als Sitz der 
göttlichen Offenbarung verehrt. In der Stiftshütte, gewisser- 
maszen der göttlichen Residenz, die von den Priestern bewahrt 
wird, ist die Lade und der Thron in dem Allerheiligsten hinter 
einem Vorhang verborgen. Dort empfängt der Hohepriester 
die Gebote Jehovas und verkündet sie. Der Hohepriester, 
aus dem Geschlechte Aarons, des Bruders von Moses, stammend, 
ist das regelmäszige Organ des göttlichen Willens, und der 
Vertreter des Volkes vor dem Herrn. Ausnahmsweise, in 
kritischen Zeiten, erweckt Jehova einzelne erleuchtete Indivi- 
duen, die als Propheten die miszkannte göttliche Autorität 
herstellen, das Gewissen der Könige und des Volkes wach- 
rufen, den Abfall von Gott züchtigen, zur Bekehrung mahnen 
und das künftige Schicksal des Volkes enthüllen. Auch die 
Richter, welche an der Spitze der verschiedenen Stämme das 



394 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Recht verwalten und handhaben, thun es im Namen Jehovas, 
„denn das Gericht ist Gottes." Daher sollen sie „keine Person 
im Gericht ansehen, sondern den Kleinen hören wie den 
Groszen, und sich vor Niemand scheuen." Ist ihnen aber eine 
Sache zu schwer, so sollen sie sich an den Ort der Stiftshütte 
wenden, und dort vernehmen, wie durch den Mund der Priester 
Gott die Sache entscheidet. Den Spruch sollen sie erfüllen, 
oder des Todes sterben. 10 

Wie das Volk der strengen aber segensreichen Herrschaft 
Jehovas unterthan ist, so ist auch der ganze Boden des ge- 
lobten Landes in Jehovas Eigenthum. Unter die Familien 
wird er nur zu Lehen vertheilt, nicht zu freiem verfügbarem 
Eigenthum. Von allen Früchten des Bodens und von allen 
Früchten der Thiere musz daher zur Anerkennung des gött- 
lichen Obereigenthums der Zehnte an die Stiftshütte zum 
Unterhalte der Priester gegeben werden. Jedes siebente Jahr 
ist ein Feierjahr, auch für das Land, welches dann nicht be- 
baut wird, wie der siebente Wochentag ein Ruhe- und Feier- 
tag für den Menschen ist, und nach siebenmal sieben Jahren 
in dem Jubeljahr wird die Vertheilung des Bodens wieder 
neu bereinigt, so dasz verarmte Familien ihren Lehensboden 
zurück erhalten, reich gewordene ihren Ueberflusz an Gütern 
wieder herausgeben müssen. Unter den Juden selbst darf es 
keine Leibeigenschaft geben; das Jubeljahr macht auch die frei, 
die sich selber in die Knechtschaft eines andern begeben haben; 
nur Fremde können zu Sclaven erkauft und besessen werden. 11 

Als die Juden später einen König begehrten, „damit sie 
auch seien wie alle andern Völker," willfahrte Jehova ihrer 
Bitte durch den Mund des obersten Richter, des alten Samuel, 
aber tröstete diesen mit den Worten: „Gehorche der Stimme 
des Volks in allem, das sie zu dir gesagt haben; denn sie 

lü V. Mose, 1, 17. und 17, 8 ff. Vgl. Duncker a. a. 0. I. S. 780; 
Bluntschli Altaaiatische Gottes- und Weltideen, Kr. IV. 
11 III. Mose, C. 25. V. Mose, C. 4 und 5. 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



395 



haben nicht .dich, sondern mich verworfen, dasz ich 
nicht soll König über sie sein." 12 So ging die Form 
der reinen Theokratie in die einer Monarchie über, 
welche indessen immer noch durch theokratische Institutionen 
und durch die ganze durch und durch religiöse Natur und 
Mission des jüdischen Volkes beschränkt und modificirt blieb. 

In Europa sind nur schwache und vereinzelte Nachklänge 
der Theokratie zu erkennen. Wenn der römische Kaiser Ca- 
ligula mit goldenem Bart und Blitz wie Jupiter sich öffent- 
lich zeigte, oder Heliogabal sich als Opferpriester der herr- 
schenden Sonne gerirte, oder nach der schweizerischen Sage 
der Vogt G es zier von den freien Männern des Gebirgs for- 
derte, dasz sie dem Hute des Kaisers ihre Verehrung beweisen, 
so waren das nur karikirte Nachbildungen einer untergegange- 
nen Statsform , die keinen Anspruch hatten auf Bestand. Wohl 
aber ist im römischen Reiche in der Sitte , sogar den lebenden 
Kaisern Statuen und Tempel zu errichten und die gestorbenen 
als Divi zu verehren sowie in dem späteren Ceremoniel der 
byzantinischen Kaiser noch ein theokratisches Element sicht- 
bar geworden. 

Im Mittelalter bekamen besonders durch den Einflusz der 
Geistlichkeit, welche von jeher ihre Vorliebe für die theokra- 
tischen Lehren kund gegeben hat, auch die christlichen Stats- 
einrichtungen in manchen Beziehungen eine theokratische Fär- 
bung. Wir werden dergleichen zwar mehr in den geistlichen 
als in den weltlichen Fürst enthümern gewahr; aber 
auch die letztern hielten sich nicht rein davon. Sogar der 
Kaiser hat zugleich priesterliche Weihen empfangen müssen. 
Aber so sehr das Mittelalter es liebte, alles Recht und alle 
Gewalt von Gott abzuleiten, so betrachtete es doch die Ge- 
walthaber als Menschen , und sorgte reichlich für menschliche 
Beschränkungen ihrer Macht. 

12 I. Samuel. 8, 7 ff. 



396 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Nur die Verfassimg der christlichen Kirche, die Hierarchie 
des Klerus folgte ganz dem theokratischen Zug. Die welt- 
lichen Fürsten und Obrigkeiten wurden doch auch von der 
katholischen Kirche oft an ihren menschlichen Ursprung erin- 
nert. Der Grundcharakter der mittelalterlichen Statsformen in 
Europa ist eher Aristokratie und Monarchie als Theokratie. 

Dagegen können die ebenfalls im Mittelalter entstandenen 
mohammedanischen Staten eher als theokratisch be- 
zeichnet werden. Zwar glaubt auch die mohammedanische 
Welt nicht mehr, wie die alten Juden, an eine unmittelbare 
und regelmäszige Gottesregierung. Die mosaische Theokratie 
ward von Mohammed nicht wiederhergestellt. Aber der Koran 
lehrt, dasz Gott die Herrschaft gebe wem er will, und be- 
trachtet den menschlichen Fürsten an der Spitze des Stats 
als den Statthalter und Lehensträger Gottes. In dem 
Khalifat oder der idealsten Darstellung des mohammedani- 
schen Statensystems einigen sich die Eigenschaften des Ober- 
priesters und des Oberkönigs. Der Khalif ist Papst und Kaiser 
zugleich. Religion und Recht, Theologie und Jurisprudenz 
werden nicht genügend unterschieden. Die Gottesgelehrten 
sind auch Rechtsgelehrte. Der Islam verträgt sich weit eher 
mit der Theokratie als das Christenthum. 13 

Die moderne Zeit endlich hat eine offenbare Abneigung 
gegen die theokratische Statsform und gegen Alles, was an 
dieselbe erinnert. Ihr Streben ist vielmehr der humanen 
Statsordnung zugewendet. Die Beseitigung aller priesterlichen 
Fürstenthümer, zuletzt 1870 der päpstlichen Landesherrschaft 
im Kirchenstat, ist ein beredtes Zeugnisz dieser Zeitrichtung. 14 

13 Ueber einige andere theokratisirende Staten vgl. Bluntschli, 
Artikel Ideokratie im deutschen Statswörterbuch , Bd. V; v. Mo hl, En- 
cyclopädie der Statswissensch. §. 41. 

14 Selbst die Verfassung von Montenegro, die vor wenigen Jahren 
noch in dem Vladika ein kriegerisch - priesterliches Oberhaupt an der 
Spitze hatte, ist seither durch die Trennung der priesterlichen Würde 
und der Regierungshoheit den übrigen europäischen Staten näher getreten. 



Sechstes Capitel. I. Die (Ideokratie) Theokratie. 



397 



Die theokratischen Staten zeigen folgende gemeinsame 
Charakterzüge : 

1. Religion und Recht, kirchliche und statliche Institu- 
tionen und Maximen sind in ihnen gemischt und zwar in dem 
Verhältnisz, dasz die religiösen Elemente das Ueb ergewicht 
haben über die politischen. Die Aussicht auf das Leben nach 
dem Tode beherrscht das irdische Leben so sehr, dasz dieses 
sich nicht in Freiheit zu entfalten getraut. 

2. Das Princip der Autorität ist zu übermensch- 
licher Erhabenheit gesteigert. Alles bürgerliche und öffent- 
liche Leben ist davon abhängig. Sie ist ihrer Natur nach 
absolut. Die Unterthanen stehen mit dem Statshaupte nicht 
in einem menschlichen Verhältnisz , nicht als Söhne desselben 
Vaterlandes, oder Genossen desselben Geschlechts und Volks. 
Der Herrscher erhebt sich über sie in eine unerreichbare Höhe 
und wird zum allmächtigen Herrn. 

3. Soweit diese göttliche Autorität als abgeschlossene 
Offenbarung einer göttlichen Gesetzgebung sich vor 
Zeiten kund gegeben hat, wie bei den Juden in dem Mosaischen 
Gesetz, wie bei den Mohammedanern in dem Koran, begrün- 
det sie eine feste, aber auch unveränderliche Ordnung. 

Soweit sie dagegen in den wechselnden Schicksalen 
des Völkerlebens über die Bedürfnisse des Augenblicks ent- 
scheiden, wenn sie neue Gebote oder Verbote geben soll, so 
gibt es nur zwei Wege , auf denen die Stellvertreter der gött- 
lichen Herrschaft diesen Willen erfahren können. Entweder 
es bestehen äuszere Einrichtungen, die dazu dienen, den 
Willen Gottes zu erkunden; oder man vertraut der inner n 
Inspiration. Wie man die erstere auch ausdenke, ob man 
nach Art der Chaldäer in den Sternen lese, oder mit den 
Juden auf den zündenden Blick der Sonne warte, ob man in 
der Weise der römischen Auguren und Haruspices den Flug 
der Vögel deute und die Eingeweide der Opferthiere prüfe, 
oder wie die Hellenen die Orakel befrage oder wie die Ger- 



398 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



manen die Loose schüttle und werfe, diese Mittel führen un- 
fehlbar auf die Irrwege des Aberglaubens und des Trugs. 
Der zweite Weg aber der innern Inspiration ist um so mehr 
der Selbsttäuschung ausgesetzt, je weniger der Mensch die 
eigenen Geisteskräfte anstrengt, die Gott ihm zur Thätigkeit 
gegeben hat, je passiver er sich verhält und je leidenschaft- 
licher er sich der erwarteten göttlichen Strömung hingibt. 

Die unentbehrlichen menschlichen Organe der s tatlichen 
Willensbildung sowohl für die Gesetzgebung als für die 
Regierung sind also in der Theokratie sehr unvollkommen 
ausgebildet und durchaus unsicher. 

4. Uebermacht des Priesterthums, das sich Gott 
näher glaubt, über die weltlichen Aemter. Wenn die Priester 
die obrigkeitlichen Rechte unmittelbar ausüben, so erscheint 
der theokratische Stat als offenbarer Priesterstat; wenn es 
neben ihm eine weltliche Obrigkeit gibt, so macht sich die 
priesterliche Uebermacht gewöhnlich im Verborgenen geltend 
und es ist der Stat ein latenter Priesterstat. 

Da aber in allem Priesterthume etwas Weibliches ist, so 
werden in dem Priesterstat die weiblichen Eigenschaften den 
männlichen übergeordnet. Das männliche Selbstgefühl und die 
menschliche Freiheit können nicht zur Entwicklung gelangen. 
Die Zurücksetzung der Laien und die Hemmung ihres Geistes 
sind von der Priesterherrschaft unzertrennlich. 

5. Grausamkeit der Strafrechtspflege und Härte der 
Strafen. 15 In der menschlichen Gerechtigkeit wird der Zorn 
Gottes dargestellt; die freie Regung des individuellen Geistes 
wird als Gottlosigkeit verurtheilt, auch ein geringes Vergehen 
wie eine Beleidigung der göttlichen Majestät schwer geahndet. 

6. Die ganze Erziehung der Jugend und des Volks 
bleibt in den Händen der Priesterschaft, Die Schule und die 
Bildung sind völlig dienstbar der kirchlichen Leitung und den 

15 Gute Bemerkung darüber bei Duneker a. a. 0. II. S. 619. 



Siebentes Cap. II. Monarch. Statsformen. Die Hauptarten der Monarchie. 399 



kirchlichen Zwecken. Alle Wissenschaften, Künste, Fertig- 
keiten werden nur insofern geschätzt und gepflegt, als sie zu 
religiösen Zwecken nützlich sind; im übrigen aber mit Misz- 
trauen betrachtet und vernachlässigt, und wenn eine Gefahr 
für die hergebrachte religiöse Autorität daraus zu erwachsen 
scheint, unterdrückt und verfolgt. 

Wissenschaft und Kunst haben keinen Werth für 
sich, sondern nur für die Religion, sie sind nicht freie Schö- 
pfungen des Menschengeistes, sondern Sclavinnen der Kirche. 



Die monarchische Statsform hat die allgemeinste Aner- 
kennung unter den verschiedensten Völkern der Erde erlangt. 
Wir finden sie in allen Welttheilen , in Asien und in Europa 
fast überall und schon in den Anfängen unserer Geschichte 
wie in der Gegenwart. Aber unter sich sind die Monarchien 
sowohl in der Idee als in der Form ihres Daseins so sehr 
verschieden und mannichfaltig , dasz es schwer wird, die 
Hauptarten derselben näher zu bestimmen. 

L Den Uebergang von der Theokratie zur humanen Mo- 
narchie bildet die Despotie, wie sie in Asien vorzüglich 
Macht und Geltung erlangt hat. Das charakteristische Kenn- 
zeichen der Despotie ist, dasz sie alles Recht in dem Mon- 
archen dergestalt einigt, dasz auszer ihm und ihm gegenüber 
Niemand festes Recht hat. Er allein ist der Berechtigte, 



alle andern sind vor ihm rechtlose Wesen, Sclaven. Er kann 
wohl von dem religiösen oder moralischen Pflichtgefühl be- 
schränkt sein und anerkennen, dasz er Gott für die Ausübung 



Siebentes Capitel. 



IL Monarchische Statsformen. 



Die Hauptarten der Monarchie. 



400 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



seiner Allgewalt verantwortlich sei, aber er ist nicht be- 
schränkt durch die Rechte seiner Unterthanen. Vor ihm gibt 
es kein anderes Recht, als was er aus Willkür und Gnade 
zuläszt. 

Diese Despotie musz, um sich selbst auch nur einiger- 
maszen zu erklären, auf die göttliche Allmacht sich berufen. 
Der Despote musz als Stellvertreter Gottes und als Inhaber 
der göttlichen und deszhalb unbegrenzten Gewalt verehrt wer- 
den. Darin liegt die nähere Beziehung zur Theokratie, an 
deren Gebrechen auch die Despotie leidet, auch wenn sie im 
übrigen zugesteht, dasz der Despot ein Mensch sei. Die 
mohammedanischen Staten des Mittelalters haben alle einen 
solchen Zug zur Despotie: und erst in unserer Zeit fangen 
sie an, sich der europäisch-humanen Monarchie entschiedener 
anzunähern. 

II. Wir können die Despotie als eine barbarische Form 
der Monarchie bezeichnen. Die höheren arischen Völker 
haben sie schon in der Vorzeit als ihrer unwürdig verworfen. 
Sie haben alle auszer den Rechten der Fürsten und Könige 
auch Rechte der Stände und der Privatpersonen behauptet 
und sich als Freie, nicht als Sclaven gefühlt. Wo die Ueber- 
macht des Monarchen unter ihnen zuweilen der Despotie ähn- 
lich überspannt wurde, da empfanden die arischen Völker das 
immer als ein Unrecht, und bei günstiger Gelegenheit traten 
sie dem Despoten entgegen und nöthigten ihn, auch die Rechte 
der Unterthanen anzuerkennen. Die civilisirte Monarchie 
ist daher immer eine durch die gemeinsame Rechts- 
ordnung bedingte und beschränkte. Die Stellung des 
Monarchen wird dadurch nicht erniedrigt, sondern erhöht, 
und seine Macht nicht geschwächt, sondern verstärkt, denn 
es ist edler, einem freien Volke, als einer knechtischen Menge 
vorzustehen und die politischen Kräfte jener zusammenzu- 
fassen und zu leiten, als den stumpfen Gehorsam dieser zu 
lenken. Je mehr in einem State die Einheit und Energie des 



Siebentes Cap. II. Monarch. Statsformen. Die Hauptarten der Monarchie. 401 



Ganzen mit der freiesten Entfaltung aller Glieder verbunden 
erscheint, um so vollkommener ist der Stat organisirt. Das 
aber ist nie in der Despotie, sondern nur in der civilisirten 
Monarchie möglich. 

Der menschliche Geist hat in den verschiedenen Zeit- 
altern und unter den verschiedenen Völkern mancherlei Ver- 
suche gemacht, um die richtige Form der rechtlichen Be- 
stimmung und Beschränkung zu finden. 

Eine der ältesten Formen ist das Geschlechtskönig- 
thum, die Patriarchie. Der König wird wie der Häuptling 
aus dem vornehmsten Geschlecht, als der Aelteste und der 
Vater des Stammes verehrt. Die Institution erscheint da noch 
gebunden an den Verband der Familienart, und beschränkt 
durch den Familiengeist. In dem Vizpati der indischen Stämme 
wie in dem Kuning der deutschen Völkerschaften wird diese 
kindlich-naive Anschauung sichtbar. 

Ebenso gebunden an privatrechtliche Zustände und In- 
stitutionen ist die Form des patrimonialen Fürstenthums, 
welches vorzüglich im Mittelalter Anerkennung fand, sei es 
in der Form des Lehensstats, sei es in der Form der 
einfachen Landesherrschaft (dominium terrae). Auch da 
wirken gewöhnlich Familienrecht und dynastische Vorstel- 
lungen ein; es kommt aber hinzu die Verwechslung des Stats 
; mit einer im Eigenthum befindlichen Grundherrschaft. Das 
i Amt wird einem Vermögensrechte ähnlich betrachtet und be- 
handelt. 

Wir können diese beiden Formen, in denen das Stats- 
i bewusztsein noch nicht durchgebrochen ist, als unreife Ent- 
wicklungsphasen bezeichnen. 

III. Ist zwar das Statsbewusztsein theilweise geweckt 
, worden, aber noch in einer einseitigen Richtung auf eine ein- 
i zelne öffentliche Function als Hauptfunction des Fürstenthums 
befangen, so entstehen die einseitigen Formen entweder 
j des Kriegsfürstenthums (Herzogthum, Imperatoren- 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 26 

\ 



402 



Sechstes Buch. Di« Statsformen. 



stat), wenn die kriegerische Obergewalt bestimmend wirkt, 
oder der Gerichtsherrschaft, wenn das Richteramt als 
Herrschaft angesehen wird. Das erstere wird durchweg ge- 
waltiger und energischer erscheinen, die letztere beschränkter 
und gemäszigter. 

IV. Wenn das Statsbewusztsein in dem Fürsten über- 
reizt und übermächtig wird, so dasz er sich selbst für 
den allmächtigen Herrn und Inhaber aller öffentlichen Gewalt 
hält, so kommt zwar die vielseitige und öffentliche Bedeutung 
der Monarchie als einer entscheidenden Centraigewalt zur 
Erscheinung, aber die Bevölkerung wird in politischer Unfrei- 
heit niedergehalten. Es entsteht die absolute Monarchie, 
welche als civilisirte Statsform der barbarischen Despotie ent- 
spricht, aber sich dadurch von ihr unterscheidet, dasz der 
civilisirte Monarch doch eine Rechtsordnung als not- 
wendig anerkennt, und sich selbst verpflichtet, derselben 
gemäsz — wenigstens in der Regel — zu regieren. Ausge- 
dehnter erscheint diese absolute Gewalt in dem antiken rö- 
mischen Stat, beschränkter in der neueren Absolutie, die 
durch das Christenthum und die freiheitliche Entwicklung 
auch des Mittelalters beschränkt wird. 

V. Edler entwickelt und in sich gehaltener sind die For- 
men der beschränkten Monarchie, welche die einheitliche 
Machtfülle der statlichen Centralgewalt in sich aufnehmen, 
aber zugleich damit die Freiheit der Volksclassen und der 
einzelnen Bürger zu verbinden unternehmen. 

Dahin gehört sowohl die mittelalterliche Form einer ari- 
stokratisch und ständisch beschränkten, als die moderne 
Form der repräsentativen und constitutionellen Mon- 
archie. 

Einige der wichtigsten Erscheinungen dieser verschiede- 
nen Arten verdienen eine besondere Betrachtung, wie dieselbe 
den folgenden Capiteln vorbehalten wird. 

VI. An dieser Stelle musz aber noch ein anderer Gegen- 



Achtes Capitel. II. Monarch. Statsformen. A. Hellenisches etc. 403 



satz innerhalb der civilisirten Monarchie erwähnt werden , der 
Unterschied nämlich des Königthums und des Kaiser- 
thums. Er wiederholt sich auf allen Entwicklungsstufen der 
Monarchie, roher in der alt-asiatischen Despotie, edler in der 
europäischen Statenbildung. 

Die Idee des Königthums gehört dem Volke, die Idee 
des Kaiserthums der Menschheit an. Das Königthum ist 
die höchste obrigkeitliche Institution des Volksstates, des 
Einzelstates, das Kaiserthum ist die Krone des Welt- 
reiches. Ueber den Königen erhebt sich die Würde des 
Kaisers , wie die Macht der Menschheit über der der Völker. 
So oft im Orient ein groszes Reich gegründet ward, finden 
wir solche Könige der Könige. Der grosze Cäsar griff den 
Gedanken der römischen Weltherrschaft persönlich auf, und 
ihm zu Ehren hat die Weltgeschichte diese vornehmste Stats- 
idee mit seinem Namen benannt. Die volle Verwirklichung 
derselben wird aber erst dannzumal möglich werden, wenn 
die Welt zu einer universellen Organisation der Menschheit 
fortgeschritten sein wird. Bis dahin sehen wir in der bis- 
herigen Geschichte nur beschränkte und mangelhafte Ver- 
suche, das Kaiserthum herzustellen. 1 



Achtes Capitel. 

A. Hellenisches und altgermanisches Geschlechtskönigthum. 

In den ersten Zeiten der hellenischen und germani- 
schen Geschichte finden wir unter beiderlei Völkern Könige 
an der Spitze der Stämme und Staten ; und es zeigt die Art, 
wie diese Institution von diesen Völkern aufgefaszt und be- 
handelt wird, eine auffallende Uebereinstimmung , während 

1 Vgl. über die Idee und die Geschichte des „Kaiserthums" den "be- 
züglichen Artikel im deutschen Statswörterbuch. 



404 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



dagegen das in der Mitte liegende alt-römische Königthum 
in wesentlichen Beziehungen sich davon unterscheidet. 

Das Königthum der Hellenen und der Germanen bildet 
den Uebergang aus der noch ideokratischen Form der orien- 
talischen Alleinherrschaft in eine menschlich-politische 
Institution. Die Könige leiten zwar ihr Geschlecht gewöhn- 
lich von den Göttern her, die hellenischen meistens von Zeus, 
die germanischen von Wodan (Odin), und der Volksglaube 
verehrt in den Königen die Ueberlieferung des göttlichen 
Blutes; aber obwohl so der Ursprung der Könige angeknüpft 
wird an die Herrschaft der Götter über die Welt, werden sie 
doch auf der andern Seite als Menschen anerkannt und viel- 
fach auch menschlich beschränkt. 1 Die königlichen Heroen 

1 Daher der Ausdruck: „En Se Aiog ßaöilhz." Aioyeveiq A(oroe(pelg 
bei Homer, H. IL 204 ff. 

„Nimmer Gedeihn bringt Vielherrschaft, nur Einer sei Herrscher, 
Einer nur Fürst, dem schenkte der Sohn des verborgenen Kronos 
Scepter zugleich und Gesetze, damit er gebiete den Andern." 
Vgl. Herrmann griech. Statsalterth. §. 55. Sophokles Philokt. 137. 
„Hoch ragt vor andern Künsten ja 
Eines Königs Kunst, 

Der klug waltend Zeus' göttliches Scepter lenkt." 
Vgl. den Preis des Königthums in dem Indischen Epos Rama 
Holtzmann Vers. 1772: 

„Wie für den Leib das Auge stets, 

Nach allen Seiten sorglich blickt, 

So für das Reich der Männerfürst 

Der Tugend Wurzel und des Rechts. 

In blinde Finsternisz verhüllt, 

Wüst und verworren ist die Welt, 

Wenn nicht der König Ordnung hält, 

Und zeigt, was recht und unrecht sei." 
Nach Jörn an des c. 14 stammen die Amaler aus dem Geschlechte 
der Asen. Von Hengist und Horsa ist es bekannt, dasz sie von Wo- 
dan stammen. Es ist sicher, dasz viele anfängliche Geschlechtshäupter 
erst später auf europäischem Boden zu Königen geworden sind (Sybel, 
Entstehung des deutschen Königthums), und dasz man sich dieses Ur- 
sprungs wohl erinnerte. Aber die Idee und selber die Institution des 
Königthums haben die arischen Völker aus Asien mitgebracht. Ueber 



Achtes Capitel. II. Monarch. Statsformen. A. Hellenisches etc. 405 



und Helden sind Göttersöhne und Verwandte der Götter, aber sie 
sind zugleich wirkliche Menschen in ihren und des Volkes Augen. 

Daher sind die Ehrenrechte der Könige höher und 
ausgedehnter als ihre Macht. Sie vertreten das gesammte 
Volk den Göttern gegenüber und vermitteln durch Opfer und 
Gebet, soweit nicht besondere Priester diese Pflicht üben, 
zwischen beiden, 2 weszhalb denn auch zu Athen nach der 
Abschaffung des Königthums der opfernde Archon noch den 
Namen des Königs beibehielt. 

An Werth wird ihre Person weit höher geschätzt als die 
der übrigen Volksgenossen. Das Wergeid der germanischen 
Könige übertrifft das der Edeln gewöhnlich mehrfach. Sie 
ragen daher auch durch ihren Reichthum vor Allen hervor. 
Ihnen gehört ein groszer Theil des Landes als Domäne zu 
Eigenthum zu, und bei Eroberungen erhalten sie ausgedehnte 
Güter zum voraus. 3 Ihre Wohnung, der Palast war höher, 
weiter, schöner und reicher geschmückt als die übrigen Häuser. 4 

die allmähliche Entwicklung und Ausbreitung des Königthums bei den 
germanischen Völkern, auch bei solchen, welche vorher ohne Könige ge- 
lebt hatten, gibt Dahn (Die Könige der Germanen VI Bde.) näheren 
Bericht. Vgl. Gierke (Deutsches Genossenschaftsrecht I. 548 ff.). 

2 Aristot. Pol. III. 9, 7: In den skandinavischen Ländern tritt diese 
Eigenschaft auch der germanischen Könige deutlicher hervor, als in der 
uns bekannten deutschen Geschichte. Vgl. Grimm, Rechtsalt. S. 243. 
Der christlich gesinnte norwegische König Hakon wurde von den noch 
heidnischen Bauern gezwungen , an dem Ding nach dem alten Herkommen 
zu opfern, die Weihebecher zu trinken und Pferdefleisch zu essen. Konr. 
Maurer, die Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christenthum. 
I. S. 160 ff. 

3 Tacitus, Germ. 14: „Materia munificentiae per bella et raptus." 
c. 26: „Agros inter se secundum dignationcm partiunter." Diese aus- 
gedehnte Grundherrlichkeit der Könige und Fürsten ist, trotz der zahl- 
reichen Entäuszerungen aller Art , noch durch das ganze Mittelalter hinab 
in Deutschland sichtbar. 

4 Homer 's Odyss. IV. 45: 

„Wie der Sonne Glanz umherstrahlt oder des Mondes, 
Strahlte der hohe Palast des gottbeseligten Herrschers." 
Vgl. Odyss. VI. 301 ff. Aehnlich die „Hallen" der deutschen Fürsten. 



400 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Ihre Schätze, Horte, sind reich mit Kleinodien und Schmuck 
ausgerüstet. 

Durch Insignien sind sie als Könige bezeichnet. Die 
griechischen tragen das Scepter, zum Zeichen, der Gerichts- . 
hoheit und Macht: ebenso die deutschen den Stab. 5 Sie 
sitzen auf einem erhöhten Throne, dem Königsstuhl 
(Hochsitz). 6 Den deutschen Königen wird überdem das Banner 
vorgetragen als Zeichen ihrer Kriegsgewalt. Bei den Griechen 
verkünden Herolde ihr Erscheinen und gebieten Schweigen, 
ähnlich den deutschen Frohnboten in den Gerichten. Die 
fränkischen Könige tragen wallendes langes Haar zum Schmuck. 
Die Kleidung des Königs ist glänzender, vornehmer als die 
gewöhnliche. Die altindischen Könige und ebenso die alt- 
chinesischen Fürsten erscheinen in gelbem (golddurchwirkten) 
Talar, mit gelbem Sonnenschirm. 7 

Die Existenz königlicher Geschlechter und die Verbin- 
dung dieser mit den Göttern weist unverkennbar auf alte Erb- 
lichkeit des Königthums hin. Indessen bestimmte das Erb- 
recht nicht nach festen Regeln die Nachfolge. Vielmehr wird 
bei den Hellenen zugleich auf persönliche Tüchtigkeit 
gesehen. So werden daher sowohl Weiber als Kinder mei- 
stens ausgeschlossen von der Thronfolge, und in Folge der 
Anerkennung, welche den Edeln und dem Volke vorbehalten 
bleibt, und der Einwirkung solcher individueller Bücksichten 
nicht ganz selten Abweichungen von dem Erbrechte durch- 

5 Homer's II. II. 100 ff. 

„Da erhub sich der Held Agamemnon, 
Haltend den Königsstab, den mit Kunst Hefästos gebildet, 
Diesen gab Hefästos dem waltenden Zeus Kronion. 
Aber ihn liesz Thyestes dem Held Agamemnon zum Erbtheil, 
Viel Eilande damit und Argos Reich zu beherrschen." 
Vgl. Grimm. R. A. S. 241. 

6 Grimm. R. A. S. 242. 

~ Grimm. S. 239. Thierry Merowing. II. 82. Rama (übersetzt von 
Hol tz mann) v. 782 ff. 



Achtes Capitel. II. Monarch. Statsfornien. A. Hellenisches etc. 407 

gesetzt. 8 Ebenso ist bei den Deutschen die Beachtung des 
Erbrechts mit der Kur der Fürsten und der Zustimmung 
des Volkes verbunden, wenn schon in gewöhnlichen Fällen 
das Erbrecht entscheidet, und eher noch als bei den Hellenen 
auch Kinder zu Königen erhoben werden. Nichts hinderte 
die freie Volksgenossenschaft, auch einen ferneren Sippen des 
verstorbenen Königs dem näheren vorzuziehen, wenn jener 
tüchtiger schien. 9 

Die statliche Macht dieser Könige war zwar intensiv, 
aber immerhin sehr beschränkt. Sie äuszert sich hauptsäch- 
lich in folgenden Momenten: 

1. Der König hat den Vorsitz und die Leitung sowohl 
des Rath es der Fürsten als der Versammlung des Volkes. 10 
Er hat in beiden eine hohe Autorität, aber, wie Tacitus das 
sehr wahr bezeichnet, eher eine moralische Autorität der 
Empfehlung als eine rechtliche des Gebots. 11 

2. Er ist der oberste Richter und hat als solcher — 
nicht etwa das Urtheil zu finden, wohl aber das Recht zu 

8 Wir erinnern an die Geschichte des Oedipus. Auch bei den In- 
diern ähnliche Verbindung des Erbrechts (nach Erstgeburt) mit Rath 
und Wahl des Fürsten. Rama (v. Holtzmann), v. 22 ff. 

9 Tacitus, Germ. 7: „Reges ex nobilitate sumant." Die Rücksicht 
auf das Geschlecht liegt schon in dem Namen der deutschen Könige, 
Chuning und Kun-ing von chim oder chuni, Geschlecht. Hildebert II. 
wurde als fünfjähriger Knabe zum Könige von Austrasien ausgerufen. 
Thierry Merow. II. 63. Beispiele von Abweichungen von dem Erbrecht 
finden sich öfter in der Geschichte der Westgothen und der Longobarden. 
F. Dahn (Die Könige der Germanen I. S. 32) betont die Erblichkeit 
entschiedener; Thudichum (Der altdeutsche Stat S. 60.) mehr die 
Volkswahl", aber beide erkennen die Verbindung beider Ursachen an. 
Eine ähnliche Verbindung von Erbrecht (der Erstgeburt) mit dem 
Rath und der Wahl der Groszen, wie bei den alten Germanen, findet 
sich bei den alten Indiern. Rama (v. Holtzmann) v. 22 ff. 

10 Die ßwkr] der © va/rsg oder ßaötXieg , auch yepovreq um den König 
her bei den Hellenen entspricht dem concilium principum , welches nach 
Tacitus den deutschen Königen zur Seite steht. 

u Tucit. Germ. II: „auctoritas suadendi potius quam jubendi." 



408 Sechstes Buch. Die Statsformen. 

schützen und zu handhaben. 12 Auch hier übt er keine will- 
kürliche Gewalt, weder in Form noch Inhalt. In beiden Be- 
ziehungen wird er durch das Urtheil beschränkt und bestimmt. 

3. Er ist ferner Haupt der Kriegsordnung und in der 
Regel Heerführer. 13 Im Kriege erweitert sich dann seine 
Macht. 14 Zuweilen sehen sich die deutschen Stämme indessen 
genöthigt, eben weil sie noch mehr als die Hellenen an dem 
Erbrechte halten, statt unmündiger Könige Herzoge im be- 
sondern Falle mit der wirklichen Kriegsführung zu betrauen. 
Auch in solchen Fällen aber gilt doch der König als Ober- 
haupt des Heerbanns. 

4. Die eigentliche Regi er ungs macht dagegen ist bei 
den Hellenen und den Germanen in den ersten Zeiten noch 
sehr unentwickelt. Der Keim derselben liegt noch verhüllt 
in den vorhin genannten Eigenschaften des Königs. 

Diese Könige sind endlich mit ihrer ganzen Existenz 
und ihren Rechten umschlossen von dem göttlichen und dem 
menschlichen Recht. Die Griechen machen auf den Unter- 
schied zwischen der orientalischen Despotie und diesem Kö- 
nigthum aufmerksam, und heben mit Nachdruck hervor, dasz 
das Wesen des letztern in der Beachtung der göttlichen Ord- 
nung, der vaterländischen Gesetze und Gewohnheiten bestehe. 15 

12 Homer nennt die Könige daher »SiY.aöaoXovc," und d-eiuöroaökovq. 
Ueber die deutschen vgl. Tacit. Germ. 9. 12. Auch der indische Königs- 
name rag stammt von rag richten, wie rex von regere. Die Idee der 
Rechtsordnung ist daher schon in dem alt-arischen Königsnamen aus- 
gesprochen. Lassen Ind. Alterth. I. S. 808. „Die Bürde der Gerech- 
tigkeit ruht auf der Königswürde." Raraa 17. 

13 Aristotel. Pol. III. 9, 7: „Kvpioi S' rjöav rjg r? /.ard crö/.euov 
qyeuovlag." Bei manchen deutschen Völkerschaften hat der glückliche 
Herzog eine königliche Dynastie gegründet. 

14 Vgl. Caesar de B. G. VI. 23. 

15 Dionys von Halicarnasz V. 74: „Ursprünglich hatten alle grie- 
chischen Städte Könige, aber nicht in der despotischen Art der Bar- 
baren, sondern nach den Gesetzen und den vaterländischen Gewohnheiten." 
Arütot. Pol. HI. 9, 7 und III. 10, 1. Vgl. Herr mann a. a. 0. Sophokles 
Oed. d. König v. 850 ff., wo der Chor auf das göttliche Recht hinweist: 



Achtes Capitel. IL Monarch. Statsformen. A. Hellenisches etc. 409 



Der König steht somit nicht über, sondern in der Rechtsord- 
nung, nicht auszer dem Volke, sondern an der Spitze desselben. 
Noch mehr beschränkt durch das Recht des ganzen Volkes 
und der übrigen Glieder desselben sind die deutschen Könige. 16 
Eine Eigentümlichkeit des deutschen Königthums aber, 
wodurch die geringe Macht desselben in gewissen Kreisen 
sehr verstärkt wird, ist die Beziehung desselben zu dem aus- 
erwählten und eng verbundenen Gefolge. Durch das kriege- 
rische und zu persönlicher Treue und Ergebenheit eidlich 
verpflichtete Gefolge erlangen die deutschen Könige eine ihnen 
ausschlieszlich dienende Haus- und Kriegsmacht, als deren 
freie „Herren" sie gelten, und deren Ehre darauf gerichtet 
ist, die Ehre, Autorität und Macht des Königs gegen seine 
Feinde und Widersacher zu verfechten. In dieser Eigen- 
thümlichkeit liegt der Keim zu der groszen mittelalterlichen 
Schöpfung der Lehensverfassung, welche die Nationalverfassung 
später vielfach durchbrochen, überwuchert und groszentheils 
auch umgestaltet hat. 

„Ach würd 1 ich theilhaft des Looses 

Rein zu wahren fromme Scheu bei jedem Wort und jeder Handlung-. 

Treu den Urgesetzen, 

Welche beschwingt hoch in des Aethers 

Himmlischem Geiste stammen aus dem Schoosze 

Des Vaters Olympos, nicht 

Aus sterblicher Männer Kraft 

Geboren 5 nimmer hüllt sie die Zeit, traun, in Vergessenheit; 
Es belebt machtvoll sie ein Gott, der nie altert." 
Und noch energischer Antigone (v. 451) zum König Kreon: 
„Auch nie so mächtig achtet' ich, was Du befahlst, 
Um über ungeschriebenes, festes, göttliches 
Gesetz hinaus zu schreiten, eine Sterbliche. 
Für dieses wollt' ich nicht dereinst, aus banger Scheu 
Vor Menschendünken mir der Götter Strafgericht 
Zuziehen." Vgl. Oed. Col. v. 1371. 
l fi Tacitus, Germ. 7: „nec regibus infinita ac libera potestas." c. 11: 
,.penes plebem arbitrium." Sie „walten" ihrer Völker, sie „herrschen" 
nicht. Schmitthenner, Statsr. S. 40. 



410 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Neuntes Capitel. 

B. Altrömisches Volkskönig'thum. 

In einigen Beziehungen erscheint das alte Königthum der 
Römer dem der Hellenen und Germanen nahe verwandt; in 
andern aber unterscheidet es sich von diesem so bedeutend, 
dasz wir in ihm wohl eine neue Art der Alleinherrschaft, und 
zwar eine höhere Entwicklungsstufe derselben erkennen dür- 
fen. Schon bei Bestellung der römischen Könige finden wir 
den wichtigen doppelten Unterschied, dasz die Rücksicht auf 
das Erbrecht bedeutend zurücktritt hinter das Element der 
Ernennung oder Wahl, und dasz nicht ebenso der Volks- 
glaube die römischen Könige von göttlicher Herkunft 
stammen läszt, wie die griechischen und germanischen. 

Zwar haben die Heroen, denen Rom seine Gründung ver- 
dankt, noch Götterblut in ihren Adern, und Romulus wird 
nach seinem Tode selbst zu den Göttern erhoben. Aber nach 
ihm äuszern die Götter ihre Mitwirkung nur, wie in allen 
andern wichtigen Statsangelegenheiten , durch die Zeichen, 
welche bei den Auspicien beobachtet werden, durch die un- 
sichtbare Stimmung der Seelen und durch die unabwendbare 
Macht des Schicksals. Der Charakter des römischen König- 
thums ist demnach rein menschlich geartet, obwohl auch 
in ihm die Verbindung mit göttlicher Einwirkung auf das 
Geschick des States noch festgehalten wird. Die Einsicht und 
der Wille der Individuen wirkt hier stärker ein, und die 
Rücksicht auf das Blut und die Familie tritt mehr in den 
Hintergrund. 1 

Der römische König wird von dem Vorgänger oder 

l Ganz analog ist selbst das römische Erbrecht in der Regel nicht 
auf den Zusammenhang des Blutes und der Familie gegründet, sondern 
in erster Linie auf den individuellen Willen des Erblassers, der seinen 
Nachfolger frei ernennt. 



Neuntes Cap. II. Monarch. Statsformen. B. Altrömisches Yolkskönigthum. 41 1 



dem Interrex unter Mitwirkung des Senats und mit Zu- 
stimmung der Götter ernannt oder auf Lebenszeit gewählt, 
nicht eine königliche Erbdynastie anerkannt. Es kommt daher 
mehr auf die Individualität desselben, als auf den Stamm 
an. Dem gewählten Könige wird nach einem von ihm selber 
vorgeschlagenen Gesetz der Curien mit den Auspicien 
von dem Interrex die königliche Gewalt übertragen, 2 ganz 
so wie später den Magistraten der Republik ihr imperium. 
So ist das römische Königthum von Anfang an auch eine 
individuelle Magistratur. 

Schon diese Unterschiede bedingen eine andere Auffassung 
der königlichen Institution. Ein anderer nicht minder ge- 
wichtiger liegt in der Art und dem Charakter der könig- 
lichen Gewalt selbst. In manchen Dingen zwar sind die 
Rechte des Rex ähnlich denen der andern antiken Könige. 
Auch er ist Opferpriester für das Volk und Oberpriester, 
auch er versammelt und leitet sowohl den Senat, als die ver- 
schiedenen Comitien des Volks. Eben so ist er in der Regel 
der oberste Richter, ungeachtet es von seinen Strafen unter 
gewissen Voraussetzungen noch eine Berufung an das Volk 
: gibt. Er steht ferner von Rechtes wegen an der Spitze der 
Kriegsverfassung, und ist der natürliche Heerführer. Endlich 
besitzt auch er Reichthum an Gütern und Einkünften. 3 

Aber ungeachtet der römische König kein Abkömmling 
der Götter und nur auf Lebenszeit gewählt ist, so ist seine 
Macht doch sehr viel intensiver und voller als die der grie- 
chischen Könige. Darin offenbart sich schon von Anfang an 
I der vorzugsweise statliche Sinn der Römer, dasz sie ihre ober- 
sten Magistrate mit einer Fülle von Macht, und insbesondere 
! mit der Gewalt ausstatten, für die öffentliche Wohlfahrt ener- 

2 Es ist das die sog. lex regia, welche zur Kaiserzeit erneuert ward. 
Ulpianus in pr. L. 1. de constit. Princip. Cicero de lege agrar. II. 11. 

3 Vgl. Nie buhr, röm. Gesch. I. (356). Rubino, Untersuch, über 
! röm. Verf. I. Abschn. 2. Th. Mommsen römisches Statsrecht. Bd. II. 

i ' 



412 



Sechstes Buch. Die Statsfornnen. 



gisch zu sorgen. Das specifisch- römische Imperium ist es 
vorzüglich, was diesz Königthum vor jenen andern Institutio- 
nen so sehr auszeichnet. 

Die äuszere Erscheinung des Königs ist nicht minder 
voll Glanz und Ehre, als die der andern, aber in ihr schon 
offenbart sich ihre gröszere Macht. Die Ruthenbündel und 
Beile, welche die zwölf Lictoren ihnen vortragen, sind nicht 
blosze Zeichen, sondern Werkzeuge der strengen Strafgewalt, 
welche den Ungehorsam an Leib und Leben heimsucht. Das 
römische Imperium und die Beile der Lictoren gehören im 
Leben und in der Idee der Kömer zusammen .* 

In Folge des höchsten Imperium, welches der König von 
Rechtes wegen mit den Auspicien überliefert erhalten hat. ist 
er voraus berechtigt, die erforderlichen Statsordnungen und 
Rechtsgrundsätze festzustellen. Man darf nicht vergessen, 
dasz der römische Stat von dem Könige gegründet worden 
war, und clasz die Gewalt des ursprünglichen Gründers auf 
dem Wege der Tradition auf dessen Nachfolger überging. Die 
eigentlichen Gesetze bedurften freilich der Zustimmung des 
Senats, und wohl auch — sicher seit dem Könige Servius 
Tullius, 5 des Geheiszes der Volksversammlung (populi jussu), 
aber für diese war der Wille des Königs selbst unentbehrlich 
und gewöhnlich auch maszgebend. Denn nur er konnte das 
Gesetz in Antrag bringen, und gegen seinen Willen kein Vor- 
schlag in Berathung oder zur Abstimmung kommen. 6 Auszer 

4 Cicero pro Flacco. 8: Opifices et tabernarios atque illam omnem 
faecem civitatum, quid est negotii concitare in eum praesertim qni nuper 
summo cum imperio fuerit, summo autem amore esse propter nomen 
ipsum impcrii non potuerit. Mirandum vero est homines eos, quibus odio 
sunt nostrac sccurcs etc. 34. „non Imperium non securcs." Vgl. Liv. XXIY. 9. 

5 Tacit. Ann. III. 26. : „Praecipuus Servius Tullius sanctor kgum 
fuit, quts etiam reges obtcmpcrarent. ' Pomp. L. 2. §. 1. de Orig. Jur. 
schon von Romulus: , : Leges curiatas ad populum tulit." Vgl. Liv. I- 8. 
Dion. Hai IV. 36. 

6 Rubino a. a. 0. S. 18 ff. hat das altrömische Statsrecht in vielen 
Beziehungen wieder zur Anerkennung gebracht, aber geht wohl zu weit. 



Neuntes Cap. II. Monarch. Statsformen. B. Altrömisches Volkskönigthum. 413 

den Gesetzen konnte aber der König unzweifelhaft durch sein 
Edict, ohne Berathung und Zustimmung irgend einer be- 
schränkenden Versammlung, das Recht näher bestimmen, wel- 
ches er schützen und handhaben werde. Machte er auch selten 
davon Gebrauch, so wurde es von jeher doch als ein Recht 
der römischen Magistrate betrachtet, das Gewohnheitsrecht 
und neue Rechtsansichten in solcher Weise zur Anerkennung 
zu bringen, und in den von ihnen bestimmten Formen fort- 
zubilden. Dieses jus edicendi ist von den Königen auf die 
Magistrate der Republik übergegangen, nicht für diese neu 
begründet worden. 

So war auch die Autorität der römischen Könige in Hand- 
habung der Rechtspflege viel gröszer, als die der germa- 
nischen Fürsten. Wie diese saszen auch jene öffentlich und 
anfangs persönlich zu Gericht, aber der Rex war nicht be- 
schränkt durch das Urtheil der Beisitzer. Er leitete nicht 
blosz den Gang des Processes, er setzte selber den Rechts- 
satz fest (jus dicit), welcher zur Anwendung kommen sollte. 
Er urtheilte wohl auch in der altern Zeit häufig selbst. Die 
ganze Privatrechtspflege und die Strafrechtspflege gröszern- 
i theils hingen durchaus von ihm ab. 7 

Wie ausgedehnt ferner war die Heeresgewalt des rö- 
mischen Königs! Keine Schranke hemmte im Felde das abso- 
lute Recht desselben über Leben und Tod aller Kriegspflich- 
! tigen von den obersten Führern bis hinab zu den niedrigsten 
I Kriegern. Noch aus den Zeiten der römischen Republik, in 
1 welchen die überlieferte königliche Gewalt so mancherlei Be- 
i schränkungen erlitten hatte, kennen wir eine ziemliche Anzahl 

; wenn er den Königen in älterer Zeit für sich allein alle Gesetzge- 
bungsgewalt zuschreibt. Der bescheidenere Ausdruck rogare legem wird 
zwar von den Königen nicht gebraucht, sondern die vornehmeren Be- 
zeichnungen constituere, instituere, dare jus; aber damit wird weder die 
Bedeutung des Senates, noch die des Volkes verneint. 

7 Cicero de Rep. V. 2: „Omnia conficiebantur judiciis regiis." II. 31. 

I Zonaras, annal. VII. 13. 



414 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



von Beispielen, in welchen nicht blosz Dictatoren, deren vollere 
Macht eben die alte ungeschmälerte königliche war, sondern 
auch Consuln trotz der Bitten oft des ganzen Heeres ange- 
sehene Kriegs ob ersten hinrichten, oder in ganzen Heeresab- 
theilungen je den zehnten Mann enthaupten lieszen. 8 

Die übrigen Statsämter und priesterlichen Würden 
leiten groszentheils ihr Dasein und ihre Befugnisse von dem 
Könige ab. Der tribunus Celerum als Anführer der Reiterei, 
der praefectus urbi, welcher in der Stadt als Stellvertreter 
der Könige waltet, werden von ihm ernannt. Die Augurn, 
die Pontifices haben ihre Wissenschaft der W T eissagung und 
des heiligen Eechts von dem Könige empfangen. 9 

In dem Imperium liegt endlich als innerster Kern des- 
selben eine mächtige Regierungsgewalt, welche überall, wo 
das Bedürfnisz des States und die Umstände es im einzelnen 
Falle verlangen, ein- und durchgreift, und im Interesse der 
öffentlichen Wohlfahrt das Nöthige gebietet und anordnet. 
Diese Gewalt — bei den hellenischen Königen nur in sehr 
geringem Umfange, bei den germanischen fast gar nicht be- 
kannt — nimmt in dem römischen Statsrechte von Anfang 
an eine wichtige Stellung ein, und wie die Römer in ihrer 
Familie und als Eigenthümer die absolute Herrschaft lieben, 
so ist auch ihr statliches Imperium absolut. Ihre Könige sind 
daher nicht blosz Richter im Frieden, sie sind, wie schon 
der Name zeigt, ganz vorzugsweise Regenten. 

Nur so erklärt sich, wie die ganze Politik des römischen 
States in der königlichen Periode von dem individuellen Willen 
und der Thatkraft der Könige bestimmt, wie alle Einrich- 
tungen auf die Könige zurückgeführt werden. Nur von da 
aus wird es verständlich, wie schon zu dieser Zeit riesenhafte 
und gemeinnützliche Bauwerke in Rom von den Königen an- 
geordnet und durchgeführt werden. Sie haben die Sorge für 

8 Livius H. 59. VIII. 7. IX. 16. Brisson de formul. p. 455 ff. 

9 Rubino a. a. 0. 114 und 298. 



Zehntes Capitel. II. Monarch. Statsformen. C. Das römische Kaiserthum. 415 



die Lebensmittel und für eine gute Bewirtschaftung des Bo- 
dens, sie wachen über die guten Sitten der Bürger und üben 
die polizeiliche Gewalt in ausgedehntem Masze aus. Alle 
Gewalt überhaupt, welche später unter die Consuln, die Prä- 
toren, die Censoren, die Aedilen vertheilt ward, ist ursprüng- 
lich in der Einen Hand des römischen Königs verbunden. 10 
Mit Einem Worte: Der römische Stat zuerst führt die 
Monarchie in Form einer menschlich-nationalen Indi- 
vidualherrschaft mit voller Concentration aller stat- 
lichen Macht und mit einer Fülle sogar absoluter 
Regierungsgewalt in die Geschichte ein. 



Zehntes Capitel. 

C. Das römische Kaiserthum. 

Das römische Kaiserthum, welches von C. Julius Cäsar 
eingeleitet und von Augustus eingeführt worden ist, und 
auf die ganze spätere Entwicklung des mittelalterlichen und 
modernen Statsrechts einen groszen Einflusz geübt hat, beruht 
keineswegs blosz, wie das Neuere hier und da behauptet, auf 
einer Anhäufung republikanischer Aemter und Würden, son- 
dern ist in der That eine Erneuerung der monarchischen Ge- 
walt, welche die Kindheit des römischen States geleitet hat, 
eine Erneuerung freilich in viel groszartigeren Verhältnissen 
und der seitherigen Umbildung des States gemäsz. 

Allerdings lieszen sich die Kaiser Gewalten übertragen, 
welche vorher einzelnen republikanischen Magistraturen zu- 
gehört hatten : die tribunicische Gewalt, in Folge welcher 
sie auf persönliche Unverletzlichkeit, auf ein weit wirkendes 
Hecht der Intercession und der Verneinung, und auf die Idee, 

10 Rubino S. 136. 



416 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Schirmer des niedern Volks und seiner Rechte zu sein, einen 
erhöhten Anspruch bekamen ; die c e n s o r i s c h e Gewalt, 
welche ihnen die Aufsicht über die Sitten und die Befugnisz 
verlieh, die Listen des Senats und der Ritter nach ihrem 
Ermessen zu bereinigen; die Würde des pontifex maximus, 
und damit die Befugnisz über wichtige Fragen des geistlichen 
Rechts zu entscheiden. Von Zeit zu Zeit nahmen sie auch 
persönlich die Würde eines Consuls an. Aber in der Haupt- 
sache, in Idee und Macht, bestand die Statsveränderung 
nicht in solcher Cumulation von Magistraturen, sondern in 
der neuen Begründung einer einheitlichen Centraimacht, 
einer wahren Monarchie. Republikanische Formen ver- 
deckten einem Theil der Bevölkerung anfänglich den Ueber- 
gang in die Monarchie; in den Augen der Kundigen aber war 
diese schon unter Augustus vollständig eingeführt. Das mon- 
archische Princip wurde schon bei der Erhebung des Kaisers 
Tiberius sehr scharf im Senate ausgesprochen: „Nicht darum 
kann es sich nunmehr handeln, zu trennen was unzertrenn- 
lich verbunden ist, sondern um Anerkennung des Grundsatzes, 
dasz der Stat Ein groszer Leib ist, und durch Einen 
Geist regiert werden musz." 1 

Der Name Princeps (Senatus) freilich war bescheiden, 
die Macht des Kaisers, dagegen so unermeszlich , dasz nur 
wenige Individuen den Genusz derselben zu ertragen ver- 
mochten, die meisten durch das Uebermasz geistig oder mo- 
ralisch ruinirt wurden. Die Gewalt und die Würde war nicht 
erblich, dein Kaiser nicht anerboren, sondern dieser wurde 
gewählt, anfänglich dem Scheine nach nur auf zehn Jahre, 
in Wahrheit aber auf Lebenszeit. Sie hatte einen mensch- 
lichen, nicht einen göttlichen Ursprung, und erkannte die 
Hoheit des Volkes an. Durch ein Volksgesetz wurde ihm die 

1 Tacitus Ann. I. 12; I. 1. von Augustus: „Cuncta discordilis civili- 
bus fessa nomine Principis sub imperium accepit." Vgl. die Verhand- 
lungen von Mäcenas und Agrippa mit Augustus bei Dio Cassius 52. 



Zehntes Capitel. II. Monarch. Statsformen. C. Das römische Kaiserthum. 417 



Gewalt von dem Volke übertragen. 2 Allein auf das Blut 
und die Familienverbindung wurde dennoch bei der Aner- 
kennung der Kaiser zwar nicht principiell, aber factisch in 
den meisten Fällen Rücksicht genommen , und der anerkannte 
Kaiser empfing jeder Zeit die kaiserliche Gewalt, welche an 
Umfang der Gewalt des römischen Volkes selbst zur Zeit der 
Republik gleichgeachtet wurde, zu persönlichem, vollem 
Rechte. Auch das Volk konnte dieselbe später nicht mehr 
beschränken noch entziehen. Sie war durch die Ueb er liefe- 
rung gesichert. 

In ihr war — abgesehen von den obigen Magistraturen, 
die regelmäszig mit der kaiserlichen verbunden waren, und 
diese sehr verstärkten — enthalten: 

1. Die Disposition und der Befehl über die gesammte 
Kriegsmacht des States, zu Rom über die Garde der Prä- 
torianer. Die Einführung stehender Heere, für die spä- 
tere Grösze des Reiches ein Bedürfnisz, sicherte zugleich die 
Existenz des Kaiserthums, und diente dazu, demselben überall 
Gehorsam zu erzwingen. 3 In dieser Eigenschaft nahmen die 
Kaiser den Titel der „Imperatoren" an, welcher vordem 
eine andere Bedeutung gehabt hatte. 

2. Die unbeschränkte Regierung über eine Anzahl, 
und gerade die wichtigsten und reichsten Provinzen. Von 
daher zogen die Kaiser unermeszliche Reichthümer und Kräfte 
aller Art an sich. Im übrigen hatten die Provinzialen durch 
die Statsveränderung bedeutend gewonnen. Ihre Groszen 

; wurden von dem Kaiser in den Senat berufen und mit 

2 Ulpianus in L. 1. pr. de constitut. princip. : „Quod principi placuit, 
legis habet vigorem, utpote, cum lege regia, quae de imperio ejus lata 

! est, populm ei et in eum omne suum Imperium et potestatem conferat. 
: Gaj. I. 5. §. 6. J. de jure nat. 

3 Mäcenas empfahl daher auch dem Kaiser Augustus eindring- 
j lieh, ein stehendes Heer (droanaraz, ä&avdrovg) zu bilden, dagegen die 

Masse der Bevölkerung den friedlichen Gewerben zu überlassen. Dio 
Cass. a. a. 0. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 27 

HL: - 



418 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Aemtern betraut, die Volksmasse wurde durch die kaiserlichen 
Legati weniger bedrückt und ausgesogen, als früher durch 
die Proconsuln und Proprätoren der Republik, welche sich 
abwechselnd in den Provinzen zu bereichern pflegten. Das 
dauernde Interesse der Kaiser gebot theils gröszere Schonung 
theils eine geregelte Verwaltung der Provinzen. 

3. Die Entscheidung über die auswärtige Politik, 
das Recht über Krieg und Frieden , und das Recht Bündnisse 
abzuschlieszen. 4 

4. Die Macht, den Senat zu versammeln. Anträge an 
denselben zur Berathung zu bringen, den Senatsbeschlüssen 
gesetzliche Geltung zu verleihen. 5 Wie fügsam der Senat sich 
den Kaisern gegenüber erwies, wie abhängig derselbe auch 
von diesen war, ist bekannt genug. 

5. Die entscheidende Stimme bei allen Besetzungen 
der Magistraturen und wichtigeren Statsämter, in- 
dem sowohl der Senat, als die — damals nur noch dem for- 
mellen Scheine nach erhaltene — Volksversammlung, die von 
dem Kaiser empfohlenen Bewerber zu berücksichtigen, 
sogar durch das Gesetz verpflichtet ward. 6 

6. Die unbeschränkte allgemeine Vollmacht, alles 
zu thun, was ihm zur Wohlfahrt und Ehre des States 
zweckdienlich erschiene. Das ist der innerste Kern der 
Kaisergewalt, die überall, wo das Statswohl es erfordert, 
mit Macht eingreift, und das öffentliche Bedürfnisz be- 

4 Lex de Imp. Vcspasiani: „foedusque cum quibus volet facere liceat." 

5 Ebenda: „utique ei senatum habere, relationem lacere, remittere 
senatus consulta per relationem discessionemque facere liceat — utique 
cum exvoluntate auc toritat eve jussu mandatuve ejus praesenteve eo senatus 
habebitur omnium rerum jus perinde habeatur servetur ac si e lege Se- 
natus edictus esset liabereturque." 

6 Ebenda: „utique quos magistratum potestatem imperium curationem 
cujus rei petentes senatui populoque Romano commendaverit quibusque 
suffragationem saarn dederit, promiserit, eorum comitis quibusque extra 
ordinem ratio habeatur." 



Zehntes Capitel. II. Monarch. Statsformen. C. Das römische Kaiserthum. 419 



friedigt. 7 Eine Folge dieser auszerordentlichen Vollmacht 
ist es, dasz die kaiserlichen Edicte allein nicht blosz, sondern 
sogar die Decrete und Rescripte die volle Autorität von 
Gesetzen haben, dasz somit auch die gesammte Gesetz- 
gebungsgewalt von dem Kaiser allein in weitestem Umfange 
ausgeübt werden kann. 8 

Damit aber jedes Bedenken über die Anwendung dieser 
absoluten Macht zum Schweigen gebracht, und jeder Wider- 
stand gegen dieselbe erfolglos werde, bestimmt das Kaiser- 
gesetz ausdrücklich: dasz wenn einer um dieses Gesetzes 
willen gegen Yolksgesetze , Plebiscite oder Senatsordnungen 
handle, oder was dieselben vorschreiben, nicht befolge, ihm 
das nicht zum Schaden gereichen solle, und er deszhalb nicht 
zu gerichtlicher Rechenschaft gezogen werden dürfe. Die 
Unverantwortlichkeit des Kaisers verstand sich von selbst; sie 
wurde aber auch auf alle ausgedehnt, welche im Auftrag und 
Dienst des Kaisers nach seinem Willen handelten, somit das 
Gegentheil der heutigen Ministerverantwortlichkeit festgesetzt. 9 

In der That war diese Kaisermacht auf dem Gebiete des 
öffentlichen Rechtes ganz ähnlich wie das Eigenthum des 
römischen Sachen- und die väterliche Gewalt des Familien- 
1 rechts. Sie war unbeschränkte Herrschergewalt, 10 vor 

7 Ebenda: „ntique quaccumque ex usu reipublicae majestate divinarum 
| huma'rum publicarum privatarumcfue rerum esse censebit ei agere faccre 

jus potcstasque sit." 

8 Savigny, System des röm. Rechts. I. S. 121 ff. 

9 Lex de Imp. Vcsp.: „Si quis hujusce legis ergo adversus leges ro- 
; gationes plebisve scita senatusve consulta fecit fecerit sive quod eum ex 
i lege etc. facere oportebit non fecerit hujusve legis ergo id ei ne fraadi 
\ csto neve quit ob eam rem populo dare debeto neve cui de ca re actio 
\ neve judicatio csto neve quis de ea re apud . . agi sinito. u 

!0 Den Namen dominus freilich , der im Gegensatze an die servi erin- 
nerte, verbaten sich die ersten Kaiser noch als unwürdig (Sucton. Octav. 
53 : „domini -appellationem ut maledictum et opprobrium Semper exhor- 
ruit" Tiber. 27. Tac. Ann. IV. 37. 38.)- Spätere Kriecherei aber führte 
den Titel dennoch ein. 



420 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



der sich Alles beugen muszte. Sie war die Concentration der 
römischen Weltherrschaft, das imperium mundi in Einem 
Individuum. Das ideale Motiv, welchem freilich die Rea- 
lität nur selten entsprach, war die öffentliche Wohlfahrt, 
Salus publica, das grosze Statsprincip der Römer, welches sie 
in den Statsangelegenheiten wenigstens in späterer Zeit mehr 
anriefen als das Recht, Jus, so sehr sie im Privatrecht ge- 
rade dieses zu Ehren brachten und ausbildeten. 

Die römische Kaisergeschichte, wie sie diese absolute 
Statsform im groszartigsten Maszstabe zur Erscheinung ge- 
bracht, hat zugleich der Nachwelt die Warnung hinterlassen, 
dasz ein solches Uebermasz von Macht weder zum Besten 
dessen dient, der sie besitzt, noch der Nation, für welche sie 
geübt werden soll. 11 

In der Zeit des untergehenden und innerlich verdorbe- 
nen Weltreiches mochte übrigens dieselbe nöthig und in dem 
Schicksale hinreichend begründet sein. Die römische Aristo- 
kratie war theils entartet, theils nicht stark genug, den un- 
ermeszlichen Statskörper zu leiten. Von Zeit zu Zeit noch 
ohnmächtige Versuche wagend, ihre frühere Herrschaft her- 
zustellen, ergab sie sich doch in der Regel der zwingenden 
Gewalt der neuen Verhältnisse. 12 Die Masse des Volkes, ohne 
Anspruch auf Herrschaft, der Waffen entwöhnt, den Werken 
und Genüssen des Friedens ergeben, zog sogar die Herrschaft 
des Einen Kaisers dem Regimente des Senates vor, und freute 
sich trotz der eigenen politischen Ohnmacht über die De- 

H Man vergleiche nur die folgenden Worte des Kaisers Tiber ins, 
welche ursprünglich vielleicht aufrichtig gemeint waren , mit seinen Tha- 
ten. Sueton. Tiber. 29: „Dixi et nunc et saepe alias, P. C. , bonum et 
salutarem Principem , quem vos tanta et tarn libera potestate exstruxistia, 
senatui scrvire debere et universis civibus saepe et plerumque etiam sin- 
gulis: neque id dixisse me poenitet." 

12 Wie wenig damals die frühere republikanische Verfassung bei den 
untern Volksclassen zu Rom populär war, zeigen die Vorgänge bei der 
Erhebung des Kaisers Claudius. 



Eilftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. D. Fränkisches Königthum. 421 



müthigung des Adels. Der alte Römercharakter, früher noch 
als der Römergeist, war schwach und krank geworden, und 
es büszten die Römer den unersättlichen Trieb nach Herr- 
schaft, der sie von Eroberung zu Eroberung geführt hatte, 
nun mit der eigenen gemeinsamen Knechtschaft. 



Eilftes Capitel. I I \ \ 

5 1 

D. Fränkisches Königthum. 

Auf römischem Boden erhob sich das grosze Reich der 
deutschen Franken. Die fränkische Monarchie, aus römischen 
und deutschen Elementen gemischt, bildet denn auch den 
Uebergang aus der antiken in die mittelalterliche Weltord- 
nung. 1 Viel mächtiger als ein alt-germanischer König ist der 
fränkische König, doch weder so absolut noch so übermächtig 
als der römische Kaiser. Die Ideen des germanischen 
Rechts und der germanischen Freiheit haben sich ge- 
wissermaszen vermählt mit den Gedanken der römischen 
Statshoheit und Macht, und aus dieser Verbindung ist 
die monarchische Institution hervorgegangen, wie wir sie in 
der Zeit Karls des Groszen in voller Kraft entfaltet sehen. 

Eine Reihe von Gründen wirkten zusammen, um die ein- 
heitliche Macht der karolingischen Könige zu stärken : vorerst 
die merkwürdige Folge individuell ausgezeichneter und glück- 
licher Herrscher, sodann die wachsende Ausdehnung eines 
j groszen Reiches, für welches ein umfassendes und starkes 
; politisches Regiment Bedürfnisz ward, die Notwendigkeit 
einer stets verfügbaren groszen Kriegsmacht, und die Siege, 

1 Die älteren Uebergangsstufen unter andern germanischen Völkern, 
: welche auf römischem Boden neue Reiche begründet haben , sind in dem 
Werke von Felix Dahn. Die Könige der Germanen sorgfältig und 
quellenmäszig dargestellt. 



422 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



welche durch sie erfochten wurden, die Verbin düng mit den 
romanischen Unterthanen, die seit Jahrhunderten in der Cultur 
des römischen States erzogen und an die Vorstellungen und 
durchgreifenden Einrichtungen des römischen States gewöhnt 
waren. 

In einer Beziehung freilich machte die Institution der 
Monarchie eher einen Rückschritt. Das Princip der Erblich- 
keit nämlich der königlichen Würde, neben welcher die 
frühere Kur zu einer ziemlich bedeutungslosen Formalität 
zusammenschrumpfte, wurde allzusehr nach der Weise der 
privatrechtlichen Erbfolge ausgeübt, und zum Nachtheil des 
States und der Nation das Gesammtreich unter mehrere Söhne 
des verstorbenen Königs so vertheilt, wie die liegenden Güter, 
die ein Privatmann hinterlassen hatte. 2 Damit war aber der 
politische und statsrechtliche Charakter der Thron- 
folge, welcher die fortdauernde Einheit des States erhält, 
gänzlich verkannt, und wurde dem privatrechtlichen Princip, 
dasz die Herrschaft im State wie ein Vermögen des Indi- 
viduums und der Familie sei, d. h. dem sogenannten Patri- 
monialprincip in dieser Hinsicht gehuldigt. 3 

Als hauptsächliche Veränderungen in den Machtver- 
hältnissen sind folgende zu erwähnen: 

1. Gesetzgebung. Diese wurde überhaupt wichtiger 

2 Karl der Grosze freilich suchte diesen Uebeln einigermaszen zu be- 
gegnen durch das Reichsgesetz von 806. „Placuit inter praedictos füios 
nostros statuere atque praecipere, propter pacem quam inter eos perma- 
nere desideramus , ut nullus eorum fratris sui terminos vel regni limites 
iuvadere praesumat — 5 sed adjuvet unusquisque illorum fratrem suum, 
ut auscilium Uli [erat contra inimicos ejus juxta rationem et possibilitatem, 
sive infra patriam sive contra exteras nationes." In derselben wird auch 
der Wahl des Volkes noch Erwähnung gethan, c. 5. Vgl. Eich- 
horn, Deutsche Stats- und Rechtsgesch. I. §. 139 u. 159. Guizot, Es- 
sais sur I'hist. de France. S. 206 ff. 

3 Demgemäsz wurde die Thronfolge wie das Erbrecht in die „terra 
Salica" behandelt. Vgl. Zöpfl, Deutsche Stats- u. Rechtsgesch. II. §. 33. 
3te Aufl. S. 403. Waitz, Deutsche Verf.-Gesch. II. 



Eilftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. D. Fränkisches Königthum. 423 

und fruchtbarer in dem fränkischen Keiche, als vordem in 
dem engen Lebenskreise einer einzelnen germanischen Völker- 
schaft , und die Könige erlangten auch dort einen viel gröszern 
Einflusz auf dieselbe, als sie vormals gehabt hatten. Der 
römische Grundsatz, dasz jede beliebige Willensäusze- 
rung des Kaisers in Rechtssachen Gesetzeskraft habe, 
konnte natürlich unter dem germanischen Volke der Franken 
weder Billigung noch Geltung finden; aber die in den mei- 
sten Fällen maszgebende Vorbereitung der Gesetzesent- 
würfe wurde nun gewöhnlich in dem königlichen Cabinette 
mit Hülfe der königlichen Räthe vorgenommen, und die Ge- 
setze selbst im Namen des Königs erlassen, dessen Sanction 
erst den Entwürfen Gesetzeskraft verlieh. 

Von gröszter Bedeutung aber war es, dasz die Be- 
rathung, beziehungsweise die Zustimmung der auf den 
Reichstagen versammelten geistlichen und weltlichen Groszen 
der Aristokratie 4 in der Sitte und in dem Rechte als 
unentbehrlich betrachtet wurde für die Gesetzgebung. Die 

4 Hincmar de ordine palat. 29. von dem Reichstag im Mai: „In quo 
placito generalitas universorum majorum tarn clericorum quam laicorum 
conveniebat. Seniores, propter consilium ordinandum: minores propter 
idem suscipicndum et interdum pariter tractandum, et non ex potestate 
sed ex proprio mentis intellectu vel sententia confirmandum." Und von 
dem Reichstag im Herbst: „Aliud placitum, cum senioribus tantum et 
praecipuis consiliariis habebatur, in quo jam futuri anni Status tractari 
incipiebatur." Daher denn auch die Formeln in manchen Capitularien : 
„per consilium Sacerdotum et Optimatum meorum ordinavimus" (Cap. 
Karlomanni a. 742): „citm consensu Episcoporum sive Comitum et Opti- 
matum Francorum" (Cap. Pippini a. 744): „Hortatu omnium fidelium 
nostrorum et maxime Episcoporum ac reliquorum Sacerdotum consultu" 
(Cap. Caroli M. a. 769). Der Vergleich unter den Söhnen Ludwigs des 
Frommen vom Jahre 851 enthält die ausdrückliche Bestimmung C. 6.: 
„Et illorum, scilicet veraciter nobis fidelium , communi consilio , secundum» 
Dei voluntatem et commune salvamentum ad restitutionem sanctae Eccle- 
siae et statum regni, et ad honorem regium atque pacem populi com- 
missi nobis pertinenti, adsensum praebebimus; in hoc ut illi — sie sint nobis 
Meies et obedientes, ac veri adjutores atque cooperatores , sicut per rectum 
unusquisque in suo ordine et statu suo Principi et suo Seniori esse debet." 



424 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Billigung durch das Volk selbst hatte dagegen nur noch eine 
untergeordnete Bedeutung, und galt in den meisten Fällen, 
insbesondere wenn es sich um statliche oder kirchliche Orga- 
nisation handelte, nicht mehr als nöthig. Nur wenn das 
eigentliche Volksrecht verändert werden sollte, dann wurde 
auch die Gutheiszung des Volkes selbst noch erfordert. 5 

In jener Mitwirkung der Optimaten ist der erste Ansatz 
der ständischen Repräsentation zu erkennen, welche in 
den spätem Jahrhunderten eine so groszartige Ausbildung 
erlangt und den repräsentativen Stat hervorgebracht hat. 

2. Regierung. Die Grösze des States und die damalige 
Umgestaltung der öffentlichen Zustände machten eine Regie- 
rungsgewalt, wie sie dem ältern germanischen Leben unbe- 
kannt gewesen, zum unabweisbaren Volksbedürfnisz. Der Idee 
für die Handhabung des Friedens und die Aufrechthaltung 
des Rechts zu sorgen, gesellte sich die Rücksicht auf die 
öffentliche Wohlfahrt bei. Indessen war den germani- 
schen Vorstellungen das römische Imperium ein zu fremder 
und unerträglicher Begriff, als dasz derselbe hätte adoptirt 
werden können. Vielmehr erhob sich die neue Regierungs- 
macht im Geiste der einheimischen Munds chaft (mundi- 
burdium , mundium , auch sermo , verbum Regis). Diese 
königliche Mundschaft verhält sich auf dem Gebiete des Stats- 
rechts zu dem römischen Imperium gerade so, wie die Vor- 
mundschaft des deutschen Ehemanns und Vaters zu der rö- 
mischen potestas im Familienrecht. Sie ist nicht eine abso- 
lute Herrschergewalt, sondern der Schutz der Rechte des 
Volks und der Unterthanen und die Sorge für deren Wohl 
sind die Ideen, welche sie beleben. 6 Die Vorstellung der 

5 Capitiü Caroli M. III. a. 803. c. 19: „ut populus intcrrogetur 
de capitulis quae in lege noviter addita sunt. Et postquam omncs con- 
senserint subscriptiones et manufirmationes suas in ipsis capitulis faciant.^ 

6 Du Cange s. v. mundiburdis et mundiburdium. Vgl. cap. Caroli 
M, a. 802. c. 40. Hincmar de Ordine Pal. 6: .,Et Rex in semetipso nominis 



Eilftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. D. Fränkisches Königthum. 425 



Pflicht wird mit der des Rechts unauflösbar verbunden, 
und schrankenlose Willkürgewalt nicht gestattet. Der neue 
Gedanke ist freilich noch nicht nach allen Seiten klar ge- 
worden , aber der Kern desselben ist gesund und einer wahr- 
haft statlichen Entwicklung fähig. 

Von diesem Standpunkte aus darf und soll der König 
auch gebieten. Das Gebot äuszerte sich in der Form des 
sogenannten Bannes. Der König hatte sowohl den Heer- 
bann als den Gerichts bann. In Folge des ersten verfügte 
er über die ganze Kriegsmacht des Reiches, freilich auch hier 
durch das Herkommen beschränkt und nach bestimmten Ver- 
hältnissen der Kriegsdienstpflicht. Indessen riefen starke Kö- 
nige, wie insbesondere Karl der Grosze, nicht blosz das lehens- 
pflichtige Gefolge , sondern ganze Abtheilungen des Heerbannes 
auch zu Angriffskriegen auf, und bedrohten jeden Säumigen 
mit dem schweren Königsbann von 60 Schillingen Busze. 7 

In dem Gerichtswesen, woran sich noch immer die Lan- 
desverwaltung anlehnte, übt der König den Gerichtsbann 
aus, freilich selten mehr in Person, in der Regel durch die 
Gaugrafen, deren Gerichtsbarkeit aber von ihm abgeleitet 
ward. Die erstarkende Statsordnung beschränkte nun die 
früher in viel weiterem Umfange geübte Selbsthülfe und Rache 
in privatrechtlichen Streitigkeiten wie in Straffällen, und über 
das ganze Land breitete sich der sogenannte Königsfrie- 
den unter dem Schutze des Königsbannes aus und ersetzte 
den vormals leichter zu störenden gemeinen Frieden. 

Auch die Einkünfte der königlichen Kammer und 
der Fiscus des Königs, worüber dieser nach eigenem Er- 
messen frei verfügte, hatten bedeutend zugenommen. Die 

sui dignitatem custodire debet. Nomen enim regis intellectualiter hoc 
retinet, ut subjectis omnibus rcctoris officium procuret." 

? Vgl. Zöpfl. D. St. u. R. G. II. §. 36. Cap. 2. Caroli M. a. 812. 
§. 1: „Quicumque homo liber in hostem bannitus fuerit et venisse con- 
temserit, plenum heribannum i. e. 60 solidos persolvat." 



420 



Sechstes Buch. Die Statsfurmen. 



Eroberung römischer Provinzen und die Aufhebung der alten 
König- und Herzogthümer hatten die Domänen der Könige 
sehr bereichert, Ueberall im Reiche gab es ansehnliche kö- 
nigliche Villen, von deren Pfalzen hinwieder viele zinsbare 
Güter abhingen. Die Grund- und Kopfsteuern der Provincialen 
wurden beibehalten , die römischen Zölle theilweise sogar aus- 
gedehnt , den besiegten Stämmen Tribute auferlegt und reich- 
lichere Friedensgelder und Buszen erhoben. 8 

3. Ein von dem Könige abhängiges Beamtensystem 
diente nun dazu, die königliche Macht nach allen Pachtungen 
und auf allen Stufen der Statsordnung auf Volk und Land 
einwirken zu lassen. Die obersten Reichsärnter wurden nach 
dem Vorbilde des byzantinischen Kaiserhofes an dem Hofe 
des Königs concentrirt. Dahin gehören der Pfalzgraf (comes 
palatii), welcher an des Königs Statt das oberste Richteramt 
verwaltet, der C aplan (apocrisiarius , referendarius), welcher 
an der Spitze der Hofgeistlichkeit steht und in kirchlichen 
Dingen referirt, und der Kanzler (cancellarius) , welcher der 
königlichen Kanzlei vorsteht und daher auch die diplomati- 
sche Correspondenz leitet. Dahin auch die eigentlichen Hof- 
ämter des Kämmerers, der den königlichen Schmuck, den 
Hofstat der Königin , und die Ehrengaben des Hofes besorgt, 
des Seneschals, welcher die Aufsicht hat über alle Mini- 
sterialen, das Gesinde und die ganze Oekonomie des Hofev 
des Kellners (buticularius) , welcher die Naturalgefälle be- 
zieht, und auch für die königliche Tafel den Wein besorgt, 
und des Marschais (marescalcus, eigentlich „Roszknecht"), 
welcher die königlichen Stallungen unter sich hat, des Haus- 
meisters (mansionarius) , welcher dafür sorgt , dasz der König, 
wo er seinen wechselnden Hof aufschlagen will, eine würdige 
Aufnahme und Wohnung finde, der vier obersten Jäger- 

8 Vgl. Zöpfl a. a. 0. S. 40. Waitz, Deutsche Verf.-Geschichte II. 

498 ü\ 



Eilftes Capirel. II. Monarch. Statsformen. D. Fränkisches Königthum. 427 



meist er (venatores principales) und des Falkners (falco- 
narius). 9 

Die königlichen Sendboten (missi dominici), die 
jährlich mit besonderer Vollmacht nach der freien und wech- 
selnden Ernennung des Königs die einzelnen Länder des wei- 
ten Reichs bereisten, waren hier seine Stellvertreter. Sie 
waren seine Augen, durch deren Hülfe er Einsicht erlangte 
in die öffentlichen Zustände , in den Stat und in die Kirche, 
seine Ohren, mit denen er die Beschwerden und Wünsche 
der Bevölkerung vernahm, zuweilen auch seine Arme, durch 
die er dem Gesetze Gehorsam verschaffte und der öffentlichen 
Ordnung Schutz verlieh. 10 

Die Gaugrafen, welche in den Gauen die hohe, und 
die Zentgrafen, welche in den Zenten die mittlere Gerichts- 
barkeit ausübten, leiteten nun ihre Richte rgewalt von dem 
Könige ab, als dem obersten Richter auf Erden, die ersten 
unmittelbar, die letztern mittelbar, ebenso ihre militärische 
Gewalt; und obwohl allerdings schon unter den Nachkommen 
Karls des Groszen die Neigung zur Erblichkeit der Grafen- 
ämter theilweise zu einem Rechte auf Erblichkeit erwachsen 
war, so galt in der noch frischen Periode der ausgebildeten 
fränkischen Monarchie die Würde der Grafen als ein wahres 
Reichsamt, auf dessen Besetzung dem Könige ein entschei- 
dender Einflusz zukam, noch nicht als eine feste Erbherrschaft. 

Ais das Institut der Sendboten auszer Uebung kam, die 
Herzogthümer hergestellt wurden und die Reichsämter zu Fa- 
milienrechten wurden, da war es auch um die Macht des 
neuen romano-germanischen Königthums geschehen, und die 
Aristokratie der zahlreichen Fürsten und Herren trat an seine 
Stelle. 

4. Endlich ist noch die enge Beziehung des fränkischen 

9 Vgl. darüber Hincmar 16—24. 

10 Capit. Caroli M. a. 802. I. et II. et a. 810. Guizot, Essais Sur 
l'hist. de France, p. 191 ff. 



428 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Königthums sowie der weströmischen Kaiserwürde, welche 
durch Karl den Groszen mit demselben verbunden wurde , zu 
der Ausbreitung des Christenthums und zu der christ- 
lichen Kirche als eine hervorragende Eigenschaft zu er- 
wähnen. 

Der Stat war ein christlicher geworden und das König- 
thum hatte durch Priesterhand die göttliche AVeihe 
empfangen, und war so geheiligt worden. 11 Der König 
fühlte sich verpflichtet, für die Erhaltung und Ausbreitung 
des reinen christlichen Glaubens in seinem Reiche zu sorgen, 
und als Kaiser, soweit seine Macht reichte, das Heidenthum 
zu vertilgen und die Ketzerei auszurotten: eine Verpflichtung, 
welche Karl der Grosze in groszartigem Umfange mit Strenge 
vollzog. n Die Christenheit selbst galt als ein zusammen- 
gehöriger Körper mit zw r ei Ordnungen , der priesterlichen 
und der königlichen, der kirchlichen und der stat- 
lichen. 13 Obwohl aber der König nur das Haupt der letz- 
tern war, so handhabte er doch auch dem Klerus gegenüber 
die einmal erkannte christliche Ordnung. Er berief Synoden, 
beaufsichtigte die Bischöfe und die Klöster, und erliesz eine 
Reihe von Gesetzen und Verordnungen von kirchlichem In- 
halt. Ebenso wirkte der Geist der Hierarchie hinwieder auf 
die Gestaltung der politischen Einrichtungen und auf die 
Rechtsgrundsätze der weltlichen Ordnung bedeutend ein. 14 

11 Hincmar a. a. 0. 5. „Principes sacerdotum sacra unctione reges 
in regnum sacrabant." 

12 Schon bevor er die Kaiserwürde erhielt, führte Karl der Grosze 
den Titel: „devotus sanctac Dei ecclesiae dcfcnsor humilisque adjutor." 

13 Die angebliche Aeuszerung des Papstes Gelasius an den Kaiser 
Anastasius: „Duae sunt Imperatrices augustae, quibus principaliter 
mundus hic regitur, auctoritas sacrata Pontificum et regalis potestas" ist 
auch in die fränkischen Reichsgesetze (Cap. V. 319.) aufgenommen. Vgl. 
Hincmar a, a. 0. c. 5. 

14 Vgl. Eichhorn a. a. 0. §. 158. 



Zwölftes Capitel. IL Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 429 



Zwölftes Capitel. 

E. Die Lehensmonarchie und die ständische beschränkte Monarchie. 
I. Lehensmonarchie. 

Die fränkische Monarchie hatte zwar in ihrer organischen 
Anlage alle Bedingungen einer wahren Monarchie in sich , und 
insofern ist sie der Anfang einer neuen, der modernen Stats- 
entwicklung. Allein die widerstrebenden Kräfte und Leiden- 
schaften waren damals in der Nation noch so mächtig, und 
die alten einer jeden starken Statsgewalt abgeneigten Gewohn- 
heiten des Adels und der freien Germanen noch so fest, dasz 
es nur ausnahmsweise einzelnen groszen Regenten gelang, den 
öffentlichen Charakter des neuen Königthums und die darin 
liegende Statsmacht groszartig zu entfalten. Saszen schwache 
Individuen auf dem Throne, so wurde sofort die Ohnmacht 
derselben spürbar und auf allen Seiten zeigten sich die Ten- 
denzen zur Auflösung der Statseinheit, zur Beschränkung und 
Nichtachtung der Centralgewalt , zu selbständig particulärer 
Herrschaft in kleinen Kreisen. 

Die Abschwächung und das Erlöschen der Karolinger 
bezeichnet zugleich die Verdunkelung der königlichen Macht 
und das Wachsthum der in den einzelnen Stämmen , Ländern 
und Gebietsteilen sich erhebenden Für st eh- und H er r en- 
ge walt. An die Stelle der früheren romano - germanischen 
Weltmonarchie trat nun das Lehenskönigthum. In ihm 
erlangte der Charakter des Mittelalters in Vorzügen und 
Mängeln einen angemessenen politischen Ausdruck. 

Die hervorragenden Eigenschaften der Feudalmon- 
archie sind: 

1. Alles bisherige Königthum beruhte auf den Volks- 
stämmen oder ganzen Nationen oder einem zur Einheit ver- 
bundenen Volke. Man darf dasselbe wohl eine volkstüm- 
liche oder nationale Institution nennen. Das feudale 



430 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Königthum dagegen steht zwar auch in Beziehung zu einem 
bestimmten Volke, an dessen Spitze der König ist, aber es 
wurzelt, wenn man auf das Wesen sieht, vornehmlich auf der 
engen persönlichen Treuverbindung zwischen dem Kö- 
nige als dem obersten Lehensherrn und seinen Vasallen, 
welche von ihm Macht, Ehre, Vermögen ableiten. Die übrige 
Masse des Volkes, soweit sie nicht in dem Lehensnexus steht, 
kommt daher nur in untergeordneter Weise , nur mittelbar in 
Betracht. Dieses Königthum ist somit nicht eine nationale 
Institution im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr eine eigen- 
tümliche Standesinstitution. Nicht das Volk, sondern 
die Gefolgschaft ist die ursprüngliche Grundlage desselben. 

2. Die persönliche Treue, von dem Glänze und der 
Kraft der Ehre beleuchtet und gestärkt, wurde nunmehr zu 
dem wichtigsten Statsbegriff erhoben. 1 Alle Vasallen muszten 
daher persönlich dem Herrn , indem sie das Lehen von ihm — 
in der Kegel knieend — empfingen, den Eid der Treue und 
Hui de 2 schwören. Am ausgebildetsten sind, wie überhaupt 
das Lehenssystem , so auch diese Schwurverhältnisse in dem 
Saxo-Normannischen Rechte des englischen Königreichs 
bestimmt. Die eigentlichen Lehensvasallen schwören dem 
Könige, ihrem Lehensherrn , knieend den Mannschaftseid 3 

1 Tacitus schon weist in der Schilderung des germanischen Gefolges 
auf diese moralischen Eigenschaften als die Seele des Institutes hin c. 13 
und 14: „Magna et comitum aemulatio, quibus primus apud principem 
suum locus ; et principum , cui plurimi et accerrtmi comites. Haec dignitas, 
hae vires, magno Semper electorum juvenum globo circumdari, in pace 
decus, in hello praesidium — Cum ventum in aciem, turpe principi 
virtute vinci, turpe comitatui, virtutem principis non adaequare. Jam 
vero infame in omnem vitam ac probrosum, superstitem principi suo ex 
acie recessisse. lllum dcfcndcre, tueri, sua quoquc fortia facta gloriac 
ejus assignare, praecipuum sacramentum est. Principes pro victoria pug- 
nant, comites pro principe." 

2 Im französischen Recht: „foi et homage." 

3 Die Formel desselben zeigt, dasz die Treue auch hier der Haupt- 
inhalt ist: „Devenio homo vcstcr de tenemento, quod de vobis teneo et 
Fidem vobis portaio de vita et membris et terreno honore contra omnes 



Zwölftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 431 

(homagium , homage) und stehend auf das Evangelium den 
Treueid (fidelitas , foy , feaute). 4 Bischöfe und Aebte schwören 
ausnahmsweise nur den letztern. Jener ist enger als dieser 
und nothwendiger an den Lehensbesitz geknüpft. Die Treue 
ist allgemeiner und es kann daher auch auszerhalb des Lehens- 
verhältnisses von den übrigen Unterthanen der Eid der Treue 
gefordert werden, wie das schon in der Karolingischen Zeit 
— freilich auch unter dem Einflüsse von Feudalbegriffen — 
geschehen ist. 5 

Diese Treue ist gegenseitig. Auch der Herr ist dem 
Vasallen zur Treue verpflichtet, nur die Ehrerbietung, die 
der Mann dem Herrn schuldet, hat dieser nicht ebenso zu 
erwiedern. 6 

gentes." Bracton. II. 25. §. 8. „Jeo deveigne vostre home — de vie et 
de membre, et de terrene honor et a vous serra foyalt et loyall, foy ä 
vous portera des tenemens, que jeo claime de tener de vous." Vgl. Du 
Cange s. v. homagium. 

4 Die Formel bei Bracton a. a. 0. „Hoc audis, Domine, quod 
fidem vobis portabo de vita et membris, corpore et catallis (mit Leib 
und Gut) et terreno honore, sie me Deus adjuvet et haec saneta Dei 
evangelia." Vgl. Da Cange v. fidelitas. Das longobardische Lehens- 
recht und ebenso das deutsche unterscheidet nicht so scharf. Lib. II. 
Feud. d. V. findet sich die Formel: „Ego juro ad haec saneto dei evan- 
gelia, quod a modo in antea fidelis huic, sicut debet esse vasallus domino, 
nec id, quod mihi sub nomine fidelitatis commiserit dominus, pandam 
alii ad ejus detrimentum, me sciente." Und tit. VI. wird dem, der 
Treue schwört, eingeschärft, dasz er sechs Rücksichten stäts vor Augen 
habe: „incolume, tu tum, honestum, utile, facile, possibile." Eine deutsche 

; Formel im sächs. Lehnr. Art. 3. „dat he ime so trüwe unde also holt 
sie, alse durch recht die man sime herren sole, di wile dat he sin man 
wesen wille unde sin gut hebben wille." Vgl. Homeyer III. 323. 

5 Capit. III. Carol. M. a. 812 u. 13: „Ut missi nostri populum 
nostrum iterum nobis fidelitatem promittcre faciant secundum consuetu- 
dinem jamdudum ordinatam." Eine Formel in den Capit. Caroli Calvi 
a. 854 c. 13 : „Ego ill. Carolo ab ista die inante fidelis ero secundum 
meum savirum (savoir Wissen), sicut Francus homo perrectum esse debet 
suo Regi. Sic me Deus adjuvet et istae Reliquiae." 

6 II. Feud. 6: „Dominus quoque in his omnibus vicem fideli suo 
reddere debet; quod si non fecerit, merito censebitur malefidus." Auch 



432 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



3. Das Streben der Lehensmonarchie, alle Unterthanen 
in ein Vasallenverhältnisz hinein zu ziehen, hat auch eine 
dingliche Beziehung auf den Boden. In diesem Sinne suchten 
die ersten englischen Könige von normannischem Geschlechte 
ein Obereigenthum des Königs über das ganze Land zur 
Anerkennung zu bringen, in Folge dessen nicht blosz die 
hergebrachten oder neu verliehenen Lehengüter, sondern auch 
die. freien Eigengüter in dem Rechtssystem als von dem Könige 
abgeleitet erklärt wurden. Das Volksrecht des freien Eigen- 
thums am Boden wurde so in das Lehensrecht des abhängi- 
gen Grundbesitzes (tenure) umgewandelt. 7 Das aber ist 
ein allgemeiner Charakterzug der Feudalmonarchie, welcher 
in der englischen Rechtsgeschichte besonders klar erscheint. 8 

4. Ganz parallel dieser stufenweisen Ableitung des Grund- 
besitzes von dem Obereigenthum des Königs geht in dem 

in England Rechtsregel: „Quantum homo debet domino ex homagio, 
tantum illi debet dominus ex domininio, praeter solam reverentiam." 
Reevcs hist. of Engl. law. I. p. 126. Assiscs de Jerusalem Haute Cour 
322 (Kausler S. 372): „Lassise et la lei de Jerusalem juge et dit que 
autant doit Ii rois de fei a son home lige, come lome lige doit a luy, et auis 
est tenus Ii rois de guarentir et de sauver et de desfendre des homes 
liges vers toutes gens qui tort lor vorreent faire com ses homes liges 
sont tenus a luy de guarentir le et de sauver vers toutes gens. Et por ce 
ne peut il mie mettre la main sur son home lige sans esgart de ces pers." 

7 Wilhelm I. führte erst den Treueid nach Art des Vasalleneides 
ein. Vgl. oben B. II. Cap. 12. Dann erliesz er ein Gesetz, durch wel- 
ches alle Grafen, Barone, Ritter, Edelknechte und alle Freien verpflichtet 
wurden, stäts (wie Vasallen) zum Kriege gerüstet zu seyn, mit Waffen 
und Pferden, und diese Verpflichtung wurde auf die „fcoda et tcnemcnta" 
begründet, welche sie haben. So ward die Fiction des Lehenssystems ein- 
geführt, dasz der König der ursprüngliche Herr und Eigenthümer alle- 
englischen Bodens sei, und niemand Güter habe, die nicht unmittelbar 
oder mittelbar von ihm hergeleitet seien. Gegen die Folgen dieses Sy- 
stems wurde denn freilich später ernste Einsprache erhoben. Vgl. Black- 
stone Comm. II. ch. 4. Reeves a. a. 0. S. 6. ff. 

8 In Frankreich war das verwandte Princip: „Nulle terre SOM 
scigneurs" bereits im 13ten Jahrhundert entschieden. Vgl. Loy sei II. 
2, I. Weder in Italien dagegen noch in Deutschland kam das 
Lehenssystem zu so ausgedehnter Verbreitung. 



Zwölftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 433 



Lehenssystem die stufenweise Ableitung jeder stat- 
lichen Gewalt von der königlichen Gewalt. Der 
König selbst hat seine Macht in einheitlicher Fülle von Gott 
zu Lehen empfangen. 9 Wie die Planeten ihr Licht von der 
Sonne bekommen, so erhalten die niederen Herren sodann 
ihre Herrschaft von dem obersten Lehensherrn, dem Könige. 10 
Sie erhalten die Gewalt, aber nicht etwa als blosze öffentliche 
Beamte des States, als Organe der Regierung, sondern je für 
ihre besonderen und abgegrenzten Kreise zu eigenem Recht 
undGenusz, wie sie die Lehensgüter zu eigener Verfügung 
und Fruchtgenusz empfangen. Die Mischung politischer 
Befugnisse mit privatrechtlicher Selbständigkeit, 
und sogar die erbliche Verbindung der verschiedenen Stufen 
der Statsgewalt mit bestimmten Familien und festem Grund- 
besitz sind charakteristische Eigenschaften des Lehenssystems. 
Der König kann daher weder sich weigern, dem erbberech- 
tigten Vasallen die Herrschaft zu verleihen, noch darf er in 
j die Sphäre der verliehenen Herrschaft eingreifen, und sei es 
! bestimmend, sei es beschränkend, einwirken. Jeder Kreis 
j der Gewalt ist in sich abgeschlossen und wesentlich selb- 
i ständig. 

Die Einheit der Statsgewalt ist daher in dem Lehen- 
: State fast nur eine formelle. Sobald es darauf ankommt, 

9 Nach dem Sachsenspiegel I. 1. ist es zunächst der Kaiser, 
j dem Gott das weltliche Schwert verleiht; woraus denn folgt, dasz die 

Könige ihre Macht durch die Vermittlung des Kaisers empfangen. Diese 
Theorie kam indessen nicht zu voller practischer Geltung; und die Könige, 
j obwohl sie die höhere Würde des Kaisers respectirten , leiteten doch ihre 
| Macht unmittelbar von Gott ab. Altes französisches Rechtssprüchwort : 
„Le Roi ne tient que de Dieu et de l'Epee." Loy sei I. 2. 

10 Sachsenspiegel III. 58: „Des rikes vorsten ne solen nenen 
leien to herren hebben, wen den koning. It n'is nen vanlen, dar die 
man af möge des rikes vorste wesen, he ne vntva't von deme koninge." 
III. 64. §. 5. Koninges ban ne mut nieman lien wen die koning selve. 
Die koning ne mach mit rechte nicht weigeren den ban to liene, deme 
it gerichte gelegen is. 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 28 



434 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



durchzugreifen , so erheben sich oft unübersteigliche Schwie- 
rigkeiten. Die besondere Macht der grossen und kleinen Va- 
sallen setzt sich wider die allgemeine Statsmacht. und statt 
diese zu vermitteln, tritt sie ihr entgegen und hemmt ihre 
Wirkungen. Das nationale Leben wird so gespalten in eine 
Mannichfaltigkeit particulärer Gestaltungen, die Eine Stats- 
macht aufgelöst in eine Vielheit beschränkter Herrlichkeiten. 
Dem individuellen Willen und der individuellen Neigung, be- 
sonders der Magnaten des Landes , wird ein freier Spielraum 
auf dem politischen Gebiete eröffnet, und ein bunter Reich- 
thum der Formen und Einrichtungen entfaltet; aber der Zu- 
sammenhang des Ganzen ist überall durchbrochen, und der 
Stat selbst gebunden. Die Aristokratie nur ist stark 
und frei, das Königthum zwar an Ehren reich, an 
Macht aber arm und das Volk in der naturgemässen Ent- 
wicklung seiner Kräfte auf allen Seiten gehemmt. Je 
ferner die Volksclassen von dem Centrum dieses States, von 
dem obersten Lehensherrn stehen, desto drückender wird für 
sie das Gewicht der in der Mitte liegenden Herrschaftsrechte, 
und desto lästiger auch die Willkür der kleinen Herren. 

Die beiden Hauptbestandtheile der germanischen obrig- 
keitlichen Gewalt, der Heerbann und der Gerichtsbann. 
wurden so unter die zahlreichen Herren und Vasallen ver- 
theilt. Die eigentliche Regierungsg'ewalt aber wurde in 
Vergleich mit den Grundsätzen der fränkischen Monarchie 
wieder vermindert und mehr als früher beschränkt. Die ganze 
Verfassung war wesentlich eine aristokratische geworden, 
obwohl sie mit einer monarchischen Krone geschmückt war. 
Die französischen Könige aus dem Kapetingischen Geschlechte 
ragten nur wenig über die Seigneurs hervor: 11 auch die deut- 

11 Schon Hugo Capet schrieb an den Erzbischof von Sens: „regali 
potentia in nullo abuti volentes, omnia ncgotia rcipublicac in consultal 
et sententia ftdelium, nostrorum disponimus." Mirabeau. Essai sur ledespot 

Oeuvres II. S. 3 DO 



Zwölftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 435 



sehen Könige waren im Innern des deutschen Reiches vielfach 
gelähmt durch die Macht der Fürsten. Nur ausnahmsweise, 
wo besonders günstige oder drängende Verhältnisse eine Ab- 
weichung veranlaszten , konnte sich eine stärkere Centrai- 
macht der Könige erhalten; wie in England nach dem Siege 
der Normannen , wo das Interesse der Sicherheit den norman- 
nischen Adel nöthigte, sich enger an den König anzuschlieszen, 
und das Bedürfnisz der neu begründeten Dynastie, sich zu 
erhalten , eine energischere Entfaltung der königlichen Macht 
erforderte. 

5. Guizot hat die Frage aufgeworfen, 12 woher es komme, 
dasz die feudale Statsordnung nicht erst in den Zeiten ihres 
Verfalls, sondern selbst in der Periode ihrer höchsten Blüthe 
fortwährend von der Abneigung des Volkes begleitet worden 
sei. Den Hauptgrund für diese Erscheinung stellt er so dar : 
„Der Feudalismus war eine Verbündung kleiner Herren , kleiner 
Despoten , die unter sich ungleich und durch mancherlei Rechte 
und Pflichten verknüpft, jeder auf seinen eigenen Gütern 
über ihre persönlichen und unmittelbaren Unterthanen eine 
willkürliche und absolute Gewalt besaszen. — Von allen Ty- 

| ranneien aber ist die die schlimmste, welche ihre Unterthanen 
bequem überzählt und von ihrem Wohnsitz aus die Grenzen 
ihres Gebiets überblickt. Die Launen menschlicher Willkür 
entfalten sich dann in unerträglicher Sonderbarkeit und mit 
unwiderstehlichem Nachdruck. Die Ungleichheit des Standes 
macht sich dann auch in schroffster Weise fühlbar. Reich- 
thum, Macht, Unabhängigkeit, alle Vorzüge und Rechte werden 
jeden Augenblick dem Elend, der Schwäche, der Knechtschaft 
gegenüber gestellt. — In diesem System war der Despotismus 

i so grosz als in der reinen Monarchie, waren die Privilegien 
nicht geringer als in der engsten [Aristokratie, und beide 
stellten sich in der beleidigendsten und rohesten Form dar. 

j2 Guizot: „Du caractere politique du regime feodal" in den Essais 
sur l'hist. de France. V. 



I 



436 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Der Despotismus war nicht gemildert durch die Entfernung 
und die Erhabenheit des Thrones, die Privilegien waren nicht 
verschleiert unter der Majestät einer groszen Körperschaft 
Beide gehörten einem Individuum, das immer gegenwärtig 
und immer allein, nur ein Nachbar seiner Unterthanen war." 

In dieser Schilderung ist eine Wahrheit. Aber in vollem 
Umfang gilt sie doch nur von Frankreich, nicht von allen 
mittelalterlichen Lehensstaten. Das Lehenssystem war keines- 
wegs überall verhaszt, wo es bestand, und die Anhänglich- 
keit auch der Bauern an ihre Herren durchaus nicht selten. 
Auch ist es nicht eine Eigenschaft dieses Systems, dasz dem 
Herrn über seine Unterthanen eine „willkürliche und absolute 
Gewalt" zustehe, sondern wo dieselbe behauptet und geübt 
wurde — und das mag nicht blosz in Frankreich sehr häufig, 
sondern auch anderwärts nur zu oft vorgekommen sein — . 
geschah das im Widerspruch mit dem System, welches von 
oben bis unten lauter abgeleitete und in sich selbständige 
Kreise von Piechten aufstellte. Auch die hörigen Leute hatten 
ihr festes erbliches Recht; die Lasten derselben durften nicht 
nach Belieben des Herrn vermehrt oder beschwert , über ihre 
Person nicht anders als nach dem Herkommen und der guten 
Gewohnheit der Höfe disponirt werden. Das Ho fr echt in 
den untersten Kreisen war eben so genau abgegrenzt und 
wurde ganz analog geschützt, wie das Lehens recht in den 
höhern. 13 

Aber auch abgesehen von den zahlreichen Ueberschrei- 
tungen der Herrenrechte, lag allerdings in der Nähe und 
Kleinheit der Herrschaften und in der groszen Sclnvie- 
rigkeit, fast Unmöglichkeit für die Unterthanen. sich dem 
nahen und jede freiere — nicht schon durch das Her- 
kommen geheiligte — Bewegung hemmenden Drucke 

13 Das bezeugen die Coutumes und Weistliiinier auf jeder Seite. In 
manchen derselben werden sogar Spuren eines bäuerlichen Trotzes der 
Hofleute gegen den Grundherrn sichtbar. 



Zwölftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 437 



derselben zu entziehen, eine der schlimmen und ge- 
hässigen Eigenschaften des Feudalismus. 

6. Der Lehensstat kann vorzugsweise ein Eechtss tat ge- 
nannt werden. Das Statsprincip der öffentlichen Wohlfahrt 
ist verdunkelt, die Abgrenzung der mancherlei politischen 
Rechte aber genau bestimmt; diese selbst sind ähnlich wie 
Privatrechte dem Willen des Berechtigten und sogar dem ge- 
wöhnlichen Rechtsverkehr des Kaufes, Tausches, der Ver- 
gabung, Verehrung u. s. f. preisgegeben. Der Schutz dieser 
Rechte wird groszentheils in Form des gerichtlichen Processes 
gehandhabt , oder gar der erlaubten Selbsthülfe in den Fehden 
überlassen. Auf der einen Seite eine starre festgegliederte 
Rechtsordnung, welche wohl den Individuen, nicht 
aber der Gesammtheit, wohl den einzelnen Corporationen und 
Stiftungen, aber nicht der Nation und ihren Kräften Freiheit 
gewährt, auf der andern ein fortgesetzter innerer Krieg, 
und eine immer wiederkehrende Anarchie, das sind 
die beiden entgegengesetzten Erscheinungen, welche wie die 
beiden Gesichter des Januskopfs mit dem mittelalterlichen 
Lehensstate verwachsen sind. 

II. Ständische beschränkte Monarchie. 
Die Lehensmonarchie ging allmählich während des Mittel- 
alters in die Form des ständisch beschränkten Fürsten- 
thums über, welches die mittelalterliche Vorstufe der reprä- 
sentativen Monarchie unserer Tage geworden ist. Diese Stats- 
form wurde ungefähr seit 1240 herrschend in den meisten 
europäischen Staten und dauerte drei Jahrhunderte fort, bis 
sie sich im XVI. Jahrhundert in die absolute Monarchie um- 
wandelte. 

Der König oder der Landesfürst leitet noch seine Gewalt 
von der Verleihung ab des höheren Herrn, zu oberst Gottes 
und er betrachtet dieselbe wie ein ihm und seiner Dynastie 
zugehöriges Eigenthum. In dem Bereich der fürstlichen Macht 
fühlt er sich als Herr und duldet keinen Widerspruch gegen 



438 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



seine Willkür. Aber dieser vorbehaltene Bereich seiner 
Willkürmacht war eng begrenzt. Ueberall stiesz er auf stän- 
dische, körperschaftliche und Privatrechte, welche er ebenso 
zu achten genöthigt war, wie er Achtung seiner fürstlichen 
Rechte forderte. Jeder Berechtigte vertheidigte im Xothfall 
sein Recht, sei es mit gewaffneter Hand wider die Gewalt, 
sei es vor den Gerichten im Procesz. 

Ein Gesetzgebungs recht hatte der König für sich 
allein nicht. Nur mit Beirath und Zustimmung der Reichs- 
stände konnte der König, nur mit Einwilligung der Land- 
stände konnte der Landesherr neue gesetzliche Ordnungen 
erlassen und einführen. 

Die Regierungsgewalt war noch wenig entwickelt und 
sehr beschränkt. Einen Beamtenkörper, der vom Haupt aus 
beherrscht und bewegt wird, gab es nicht. Die Kronvasallen, 
denen die königlichen Rechte verliehen waren, übten die- 
selben innerhalb ihrer Herrschaften zu eigenem Rechte selb- 
ständig aus. Die Hofämter waren an Vasallen und Ministe- 
rialen meistens zu erblichem Rechte vergeben und dienten dem 
Herrn nur nach den herkömmlichen Formen, eher dem Scheine 
nach als in Wahrheit. Die Hofsitte, die ständische Ueber- 
lieferung, der Familiengeist wirkten stärker als das Gefühl 
der gesetzlichen Pflicht und der Statsgeist. Die Landstände, 
in denen die aristokratischen Classen das Ueb ergewicht hatten, 
übten durch ihre Beschwerden und Erinnerungen eine oft 
lästige Controle aus über die fürstliche Regierung. Xicht 
selten verfolgten sie die fürstlichen Räthe und verlangten 
deren Entlassung oder Bestrafung. Zuweilen forderten sie 
die Bevormundung des Fürsten und eine Mitregierung durch 
ihre Vertrauensmänner. 

Der Fürst war zwar noch der oberste Richter und 
sasz noch zuweilen selber auf dem Stuhle des Richters. Aber 
das Urtheil fanden die Schöffen und er durfte nur den Spruch 
vollziehen, den die Schöffen gefunden hatten. Er selber war 



Zwölftes Capitel. II. Monarch. Statsformen. E. Die Lehensmonarchie etc. 439 



an die Rechtsordnung gebunden und auch er konnte verklagt 
werden, wenn er Unrecht verübte. Nach alter germanischer 
Sitte richtet der Stellvertreter eines jeden Gerichtsherrn über 
diesen, wenn er verklagt wird. So war sogar der deutsche 
König, obwohl er römischer Kaiser und der oberste weltliche 
Herr der Christenheit war, unter gewissen Voraussetzungen 
genöthigt, vor seinem Stellvertreter, dem Pfalzgrafen bei Rhein 
Rede zu stehen und sich dem Urtheil der Fürstengenossen zu 
unterziehen. So richtete der Schultheisz über den Landgrafen. 

Die Policeigewalt war wenig ausgebildet und gewöhn- 
lich mit dem Richteramt verbunden. Eine Gensd'armerie gab 
es noch nicht. Der ganze bureaukratische Apparat der heu- 
tigen Policeiverwaltung fehlte. 

Selbst die Heeresgewalt des Fürsten war durch das 
nachwirkende Lehensrecht sehr beschränkt. Der Gehorsam 
der aristokratischen Vasallenheere war enge begrenzt und be- 
messen. Die Kriegsfolge der Vasallen wurde wie eine Guts- 
last des Lehensgutes betrachtet und vor jeder energischen 
Anspannung sorglich verhütet. 

Die deutschen Könige haben es erfahren, wie^ schwer der 
eigenwillige Trotz mächtiger Herzoge zu bändigen und wie 
wenig verlässig die Treue der Reichsfürsten gegen das Reichs- 
haupt war. 

Die Könige und Landesherrn konnten wohl daneben auch 
Soldtruppe n werben und sie thaten es, um ein gefügigeres 
und willfähriges Werkzeug der Gewalt sich zu schaffen. Aber 
diese Söldner muszten von den Fürsten bezahlt werden, und 
wenn die Landstände dafür keine Steuern bewilligten, wozu 
sie nicht geneigt waren, so muszte der Sold aus dem fürst- 
lichen Kammergute bestritten werden. Die Fürsten waren 
I daher oft genöthigt, Schulden zu machen und geriethen dann 
in financielle Noth. Ueberdem wurden oft fremde Lands- 
knechte als Söldner angeworben und diese machten hinwieder 
den Fürsten dem Lande verhaszt, das sie knechteten. 



440 



Sechstes Buch. Die Statsforrnen. 



Ein Recht Steuern zu erheben, kam dem Fürsten nur 
unter der Bedingung zu, dasz die Stände zuvor das Bedürf- 
nisz der Steuer anerkannt und die Erhebung der Steuer be- 
willigt hatten. Die aristokratischen Stände waren aber nicht 
geneigt, Steuern zu bewilligen. Manche Steuern waren mit 
der Zeit zu Keallasten geworden, welche hauptsächlich die 
Bauergüter belasteten, aber eben darum auch unveränderlich. 
Auch in dieser Hinsicht gebrach es an einem allgemeinen 
Pflichtgefühl der Stände und der Privaten gegen den Stat. 



Dreizehntes Capitel. 

F. Die neuere absolute Monarchie. 

Aus der mittelalterlichen ständischen beschränkten Mon- 
archie ging die moderne Repräsentativmonarchie nicht 
unmittelbar hervor als die statliche Ordnung der neuen Zeit. 
Im Kampfe mit den Ständen erstarkte vorerst eine neue ab- 
solute Monarchi e. Die sämmtlichen germano-romanischen 
und die germanischen Völker Europa's muszten erst das 
letztere Statssystem wieder erfahren, bevor es zu der Bildung 
der neuen Statsform kam. 

Am frühesten zeigt sich diese Entwicklung und am hef- 
tigsten tritt der Absolutismus hervor in Frankreich und in 
Spanien. Je stärker die germanischen Elemente in einer 
Nation waren , desto weniger konnte es den Königen gelingen, 
eine den germanischen Rechtsbegriffen völlig fremde und zu- 
widerlaufende absolute Gewalt zum geltenden Statsprincip zu 
erheben. Dagegen waren dieser die römischen Traditionen, 
die nun in Wissenschaft und Leben wieder wach wurden, 
durchaus günstig. 

Schon seit dem zwölften Jahrhunderte, als noch die Seig- 
neurs des üppigen Machtgenusses sich erfreuten, arbeiteten 



Dreizehntes Cap, II. Monarch. Statsformen. F. Neuere absol. Monarchie. 441 



die französischen Legisten (so wurden die römischen 
Rechtsgelehrten genannt) mit Kühnheit und Einigkeit daran, 
die französische Monarchie auf die alten Grundlagen des rö- 
mischen Kaiserreichs zurückzuführen. Sie gründeten eine 
theoretische und practische Schule des Regiments, deren 
oberster Grundsatz die Einheit, die Un th eil b ark eit und 
die absolute Statsgewalt des Königthums war, welche sie 
unter dem Ausdruck der souveränen Gewalt zusammen- 
faszten. Von da aus behandelten sie die Herrschaften und 
Gerichtsbarkeiten der Groszen und ihrer Vasallen wie An- 
maszungen und Miszbräuche, die zu Gunsten des Königs und 
des Volks aufzuheben, oder mindestens so sehr als möglich 
zu beschränken seien. Sie stellten die französischen Könige 
als Nachfolger der römischen Imperatoren dar, und indem sie 
die römische Gesetzgebung als die wahre priesen, behandelten 
sie die feudalen Rechtsgewohnheiten mit Geringschätzung. 1 
Es dauerte freilich noch Jahrhunderte, bis diese Theorien in 
die Praxis eindrangen und die Herrschaft der Seigneurs wirk- 
lich gebrochen wurde. Aber der innere Kampf hörte nicht 
mehr auf, bis der ganze reich gestaltete Lehensstat von Grund 
aus zusammenstürzte, dann aber auch in seinen Sturz die 
inzwischen mächtig gewordene absolute Monarchie mit ver- 
wickelt wurde. 

Der Satz des römischen Kaiserrechts : „Quod principi pla- 
cuit, legis habet vigorem" wurde wieder aus dem Alterthum 
hervorgeholt und als nothwendiges Statsprincip verkündigt. 2 

1 Thicrry, temps Merowing. I. S. 16. 

2 Bcaumanoir II. 57.: „Ce qui Ii plcst ä fcre, doit estre tenu por 
ä loi; fügt aber beschränkend hinzu: „pourvn qu'il ne soit pas fet 
contre Dieu, ne contre Lonnes mcurs, car s'il le feroit, ne Ic devroicnt 
pas si souget soufrir." Vgl. Laferrüre in d. Revue critique de Legisl. 
par Wolowski IV. p. 125. Die italischen Glossatoren haben ebenso noch 
eine gewisse Scheu vor dem Princip und suchen es durch die Rücksicht 
auf das bestehende göttliche und menschliche Recht zu beschränken. 
Sogar im Jahre 1688, noch unter Ludwig XIV. dem mächtigen Lieb- 



442 Sechstes Buch. Die Statsformen. 

Er ging in das französische Rechtssprichwort über: „Qui veut 
le roi, si veut la loi." War einmal das Recht der Gesetz- 
gebung in dem Könige concentrirt, und wurde dasselbe diesem 
in unbeschränkter Weise eingeräumt, so konnten von da aus 
die Hemmnisse, welche das Lehenswesen und die ständischen 
Rechte der vollen Entwicklung der Statsgewalt, des nationalen 
Geistes und der öffentlichen Wohlfahrt entgegensetzten, ent- 
fernt werden. Die von der neuen Rechtsgelehrsamkeit ge- 
leitete Praxis der Gerichte, besonders der königlichen Parla- 
mente, half im einzelnen kräftig mit, dieser Richtung den 
Sieg zu bereiten. Die öffentliche Meinung, zunächst in den 
Städten, in welchen die römische Cultur einen uralten Wohn- 
sitz hatte und welche von den Einflüssen des Lehensrechtes 
freier geblieben waren, war der veränderten Rechtsansicht 
günstig. Sie haszte die kleinen Herren viel mehr, als sie 
den nationalen König fürchtete; und die Fortschritte der 
städtischen Gewerbe in Handel und Handwerk schienen durch 
die Demüthigung und Schwächung der Lehensherren nur ge- 
fördert zu werden. Auch die Bauern konnten eher gewinnen 
als verlieren, wenn die Macht des Königs über ihre Bedränger 
zunahm. 

Seit Ludwig XL 3 (1462—1483) war das Uebergewicht 
der königlichen Gewalt über die Lehensherrschaft in Frank- 
haber der absoluten Königsgewalt erklärte der für Statsrecht angestellte 
Professor Delaunay den Satz in nicht absolutistischem Sinne: „que la 
loy est la volonte du Roy et non pas que la volonte du Roy soit loy." 
Aber es fanden sich zu allen Zeiten dienstbare Parteimänner, welche 
über alle mittelalterlichen Schranken des römischen Princips hinweg- 
setzten und eifrig für die absolute Gewalt des Monarchen kämpften. 

3 Er verbot 1463 dem Herzog von Bretagne den Ausdruck: „par Ja 
grace de Dicu" für sich anzusprechen. Vor Karl VII. bedienten sich die 
Seigneurs gewöhnlich dieser Berufung in ihren Titeln. Schaffner, 
französ. Rechtsg. II. S. 273. In dem durch die Schweizer auf Anstiften 
des Königs vollzogenen Untergang des Herzogs Karl des Kühnen von 
Burgund wurde nun das Haupt der hohen Lehensaristokratie erschlagen, 
und damit war der Sieg des Königthums in Frankreich entschieden. 



Dreizehntes Cap. II. Monarch. Statsformen. F. Neuere absol. Monarchie. 443 



reich, seit Philipp II. (1556 — 1598) in Spanien entschieden. 
In Frankreich kamen freilich von Zeit zu Zeit Reactionen 
dagegen vor ; in Spanien blieb der Absolutismus sicherer , und 
hatte einen finsterern und grausameren Charakter. Es erregt 
ein Grauen, wenn man sich daran erinnert, dasz Philipp II. 
das ganze Volk der Niederländer, über welches ihm nur be- 
schränkte Herrschaftsrechte zustanden , als Verbrecher zu ver- 
urth eilen wagte. Erst unter Ludwig XJV. hatte in Frank- 
reich die absolute Gewalt des Königthums ihren Höhepunkt 
erstiegen, von wo aus sie jählings dem Abgrunde der Revo- 
lution entgegenstürzte. Sein Beispiel ahmten dann die deut- 
schen Dynastien nach, die groszen und die kleinen. 4 Es 
wurde wieder erlebt, dasz ein christlich-europäischer Monarch 
ein ganzes Volk, dessen Oberhaupt zu sein er sich überdem 
nur angemaszt hatte, dasz Joseph I. von Oesterreich die 
Bayern zum Tode verurtheilte , und sich dabei gar auf gött- 
liches Recht berief. 5 

Den politischen Grundgedanken dieses neuen Abso- 
lutismus hat Ludwig XIV. mit einer staunenswerthen Nai- 
vetät in dem bekannten Satze ausgesprochen: „L'etat cest 

4 Friedrich II. von Preuszen im Antimach. 10: „II n'y a pas 
jusqu'au Cadet du Cadet d'une Ligne appanagee, qui ne s'imagine d'etre 
quelque chose de semblable ä Louis XIV. 11 bätit son Versailles , il a 
ses maitresses , il entretient ses armees. Iis s'abiment pour l'honneur 
de leur Maison et il prennent par vanite le chemin de la misere et de 
l'höpital." 

ö Hormayr Lebensbilder I. S. 256. Patent Joseph' s I. von Oester- 
reich vom 20. Dec. 1705: „Alle Bayern seyen der beleidigten Majestät 
Josephs I. als des ihnen von Gott dem Allmächtigen vorgesetzten allei- 
nigen rechtmäszigen Landesherrn schuldig, und daher ohne weiters mit 
dem Strange vom Leben zum Tode zu richten! Nur aus aller- 
höchster Clemenz (?) und landesväterlicher Müdigkeit (?) werde verordnet, 
dasz allezeit 15 zu 15 um's Leben spielen und jener, auf den das 
wenigste Loos fällt, im Angesicht aller aufgehenkt werden solle." Man 

I traut seinen Augen nicht, wenn man solchen Wahnsinn, der sich selbst 
als Recht und Gnade verkündet, noch im XVIII. Jahrhundert, unmittel- 
bar vor dem Zeitalter der „philosophischen Aufklärung" begegnet. 

I 1 



444 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



moi." („Der Stat bin ich.") Der König betrachtete sich nicht 
mehr als das Oberhaupt des States, welches selber nur ein 
— wenn auch das oberste und mächtigste — Glied des ge- 
sammten Statskörpers ist, sondern er identificirte seine Person 
und den Stat vollständig , so dasz es auszer ihm keine andern 
berechtigten Statsglieder mehr gab. Es gab keine Statswohl- 
fahrt auszer seiner persönlichen Wohlfahrt, kein Statsrecht 
auszer seinem individuellen Recht. Er war Alles in Allem, 
auszer ihm war Nichts. 

Diese völlige Verwechslung des Königthums mit dem 
State — wohl zu unterscheiden von der Personification der 
statlichen Majestät in dem Könige — war um so bedenklicher, 
als während des XVII. und XVIII. Jahrhunderts, als dieselbe 
Mode geworden, zugleich die Theorie von der Statsallmacht 
aufkam. Während des Mittelalters war der Stat durch eine 
unendliche Menge fester und abgeschlossener Rechtskreise 
zerklüftet und jeder durchgreifenden Macht beraubt worden. 
Nun machte die Theorie den Sprung in das Gegentheil. und 
liesz gar keine selbständige, der Willkür und der Einwirkung 
des States entzogene Rechtssphäre mehr gelten. Selbst das 
Privatrecht wurde als ein Product des States aufgefaszt, und 
dem Belieben der Statsgewalt preisgegeben. 

Die Stats- und Rechtswissenschaft jener Zeiten 
hat an dem Schaden, den diese Theorien gestiftet, einen 
groszen Antheil. Die einen billigten und unterstützten die 
unnatürliche Anmaszung der absoluten Könige mit Schem- 
gründen, die andern traten derselben nicht entgegen, wie die 
Pflicht gebot. Aber nicht minder schwer haben sich die da- 
maligen Theologen (bald jesuitische, bald hochkirchliche 
oder orthodoxlutherische Hoftheologen) versündigt, welche die 
christliche Idee, der Göttlichkeit der obrigkeitlichen Gewalt 
dahin entstellten, dasz sie in gewissem Sinne die Könige als 
unmittelbare und vollkommene Repräsentanten und Inhaber 
der göttlichen Weltregierung auf Erden, als irdische Götter 



Dreizehntes Cap. II. Monarch. Statsformen. F. Neuere absol. Monarchie. 445 



ausgaben. Weil Gott unumschränkter Herr der Welt ist, die 
er geschaffen hat, und die er mit seinem Geiste erfüllt und 
erhält, so sollten die Könige auch unumschränkte Herren der 
Völker sein, die sie nicht geschaffen haben, und die sie nicht 
zu erfüllen noch zu erhalten vermögen. Es kam , wie in den 
Zeiten der römischen Imperatoren, wieder dahin, dasz die 
Könige es liebten , sich auch mit der Gottheit zu identifkiren. 
Man weisz wie gern Ludwig XIV. den Jupiter gespielt hat, was 
freilich in heidnischer Form eher anging als in christlicher. 

Unmittelbar neben dieser Allmacht des Absolutismus, 
welche nun durch die Theorie dem Monarchen zugesprochen, 
und auch in wichtigen Beziehungen practisch geübt wurde, 
offenbarte sich freilich von Zeit zu Zeit die völlige Ohn- 
macht der absoluten Könige. Es geschah nicht selten, dasz 
Fürsten, welchen Schmeichelei und knechtischer Sinn eine 
schrankenlose Gewalt beimaszen, selber zu willenlosen Dienern 
des Ehrgeizes ihrer Günstlinge oder der Herrschsucht und Aus- 
schweifung ihrer Maitressen erniedrigt wurden. Alles hing 
ja von der Persönlichkeit des Monarchen ab. War er ein 
hervorragendes Individuum, welches die dilatorische Gewalt 
mit Energie und Geist zu handhaben verstand, wie Lud- 
wig XIV. selbst, bevor das Alter und der Genusz seine 
Kräfte aufgezehrt hatten, so mochte er wenigstens den Schein 
der Allmacht erhalten. Auf die Dauer konnte aber selbst ein 
I solcher Mann nicht auf so schwindlicher Höhe feststehen. 6 

6 Lord Chat Ii am (ßrougham, Statsmänner I. S. 29) in einer Par- 
lamentsrede: „Absolute Gewalt richtet den zu Grunde, der sie besitzt, 

; und ich weisz, dasz wo Gesetzlichkeit aufhört, Tyrannei beginnt." Gui- 
zot, Essais S. 245: „c'est le vice de la monarchie pure (?) d'elever le 
pouvoir si haut que la tete tourne a celui qui le possede et que ceux 
qui le subissent osent ä peine le regarder. Le souverain s'y croit un 
dieu, le peuple y tombe dans l'idolätrie. On peut ecrire alors les devoirs 
des rois et les droits des sujets; on peut meme les precher sans cesse; 
mais les situations ont plus de force que les paroles, et quand l'inega- 
lite est immense, les uns oublient aisement leurs devoirs, les autres leurs 

| droits." 



446 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



War er eine schwache Natur wie Karl IL von England. Fer- 
dinand VII. von Spanien, oder Ludwig XV. von Frank- 
reich, so schwelgten andere in der Willkür, die dem Könige 
allein vorbehalten, seinen Händen aber entwunden war. Die 
Völker aber versanken überall in namenloses Elend. Wer 
die Wirkungen der Absolutie in dem civilisirten Europa kennen 
lernen will, der studire die spanischen oder italischen oder 
österreichischen Geisteszustände von 1540 bis 1740. 7 

Uebrigens standen dieser Anmaszung auf dem alten Boden 
der europäischen Verhältnisse so viele Ueberlieferungen wider- 
strebender Kechtsansichten und so bedeutende und feste In- 
stitutionen entgegen, dasz es doch nirgends zu einer voll- 
ständigen und bleibenden Geltung eines Statsprincips kam, 
welches den asiatischen Despotien gemäsz, dem europäischen 
Leben aber fremd war. Als in England die restaurirte Dy- 
nastie der Stuarts auf ähnliche Abwege gerieth, und Jakob II. 
versuchte , die uralten und verbrieften Rechte des Parlaments 
und die neuere Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse nach 
Willkür zu verletzen , als er das Beispiel Ludwigs XIV. eigen- 
sinnig nachahmte, und selbst den gesetzlichen Widerstand 
der loyalen Freunde des Thrones und der Verfassung mit 
Verachtung behandelte, da büszte er die verwirkte Herrschaft 
ein, und die Vereinigung Wilhelms von Oranien, des 
gröszten Statsmannes und Fürsten dieser Zeit , mit dem eng- 
lischen Volk hatte die feste Begründung des modernen Re- 
präsentativsystems zur Folge. 

Die zweimalige und entscheidende Niederlage der abso- 
luten Monarchie in England hat zwar nicht sofort den Unter- 
gang dieses Verfassungssystems in Europa nach sich gezogen. 
Aber die Zuversicht in dasselbe ward erschüttert und all- 

* Laurent, Etudes sur Fhist. XI. 136. „Si la revolution avait be- 
soin d'une justification, eile la trouverait dans lmcompatibilite radicale 
de la monarchie absolue avcc le droit et par suite avec les intrerets de 
riiumanite." 



Dreizehntes Cap. II. Monarch. Statsformen. F. Neuere absol. Monarchie. 447 



mählich reifte diese Statsform auch auf dem Continent dem 
sicheren Untergange zu. Ihr Princip wurde von der freieren 
Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts verworfen. Diese 
Philosophie bestieg mit Friedrich II. den Thron eines auf- 
strebenden States und verkündete nun laut vom Throne den 
entgegengesetzten Satz: der König ist nicht der Eigenthümer 
des Landes, noch der Herr des Volkes, nicht der Stat, son- 
dern der „oberste Diener des Stats." Das Princip der 
absoluten Monarchie war schon vor der französischen Revo- 
lution überwunden. Dem Sturme der Revolution vermochte 
sie nicht mehr zu widerstehen. Trotz mancherlei Schwankungen 
erlag sie schlieszlich in allen Staten des civilisirten Europas 
dem freieren Volksbewusztsein. 

Nur in dem europäischen Orient, in Ruszland 8 hat die 
absolute Monarchie gegenwärtig noch Bestand. Da sagt die 
religiöse Begründung der nationalen Denkweise eher zu als 
im Occident, und für das unermessliche Reich, dessen Cultur 
noch zurück und unter Nationen, deren Bildung noch auf 
einer tiefen Stufe ist, bedarf es einer gewaltigeren Centrai- 
macht. Die gröszten Reformen, wie voraus die heutige Be- 
freiung des Bauernstandes von der Leibeigenschaft, sind da 
noch kaum anders als durch den allein entscheidenden Willen 
des Kaisers durchzuführen. Die Aristokratie würde dieselben 
schwerlich fördern, ein gebildetes und freies Bürgerthum 
existirt nicht als eine sociale oder politische Macht. Der 
unteren Masse aber fehlt es zwar nicht an der Fähigkeit, in 
der Gemeinde und in Einungen der Berufsgenossen sich selber 
zu helfen, wohl aber an der Fähigkeit, an der Bestimmung 

8 Die in Ruszland geltenden Grundgesetze nennen den „Kaiser aller 
Reuszen" einen „selbstherrlichen und absoluten Souverän," und stützen 
seine absolute Macht ausdrücklich auf göttliches Gebot: „Gott selber 
befiehlt, sich seiner höchsten Autorität zu unterwerfen, nicht allein aus 
Furcht vor Strafe, sondern aus religiöser Pflicht." Die Gesetzgebung 
gebührt ausschlieszlich dem Kaiser, der übrigens regelmäszig den Stats- 
rath vernimmt. Foelix, Revue Etrangere III. S. 700. 



448 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



der Politik und an der Gesetzgebung einen erheblichen An- 
theil zu nehmen. Sie wirkt wie die Materie durch ihre 
Schwere. 



Vierzehntes Capitel. 

Gr. Die constitutionelle Monarchie. 

1. Die Entstehung und Verbreitung der constitutionellen 
Monarchie. 

Die constitutionelle Monarchie ist zwar die Frucht der 
neuen Zeit. Aber der Keim, dessen Wachsthum vorhergehen 
muszte, bevor diese Frucht reifen konnte, ist, wie Montes- 
quieu richtig bemerkt hat, schon „in den Wäldern der ger- 
manischen Vorzeit" zu finden. Der erste grosze, aber noch 
unreife Versuch zu der Statenbildung, welche wir nunmehr 
als die constitutionelle bezeichnen, wurde in den Reichen 
gemacht, die auf römischem Boden von germanischen Fürsten 
gegründet wurden, als zuerst römische Statsideen sich mit 
germanischen Rechten vermählten. 

Dann folgte die Lehensmonarchie und das ständische 
Fürstenthum mit ihrer mächtigen Aristokratie. Die Einheit 
des States aber ging verloren. Die Wohlfahrt des Volkes ver- 
kümmerte, das Königthum war voller Glanz und Ehre, aber ohne 
Macht. Und wieder erhob sich der nationale Zug nach Einheit, 
wieder wurde der germanische Feudalstat durch römische Stats- 
prineipien beleuchtet und befruchtet. Auch die Völker regten 
sich wieder; aber voraus langten die Fürsten nach dem eiser- 
nen Scepter der absoluten Gewalt. Die Kämpfe der Stände 
begannen, unter einander und mit den Fürsten. Als das 
Mittelalter wich, da fing die moderne Statsverfassung an 
zu zeitigen. Im Groszen ist sie das Ziel einer mehr als 
tausendjährigen Geschichte, die Vollendung des romano- 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 449 



germanischen Statslebens, d. h. der eigentlichen euro- 
päischen Statscultur. 

I. Zuerst kam diese Statsform in England zur Ausbil- 
dung. Langsam reifte sie heran in der groszen Geschichte 
dieses Inselreiches, langsam, aber in stäter und sicherer Ent- 
wicklung. In keinem europäischen Lande hatte das König- 
thum während des Mittelalters seine centrale Macht so un- 
versehrt erhalten wie in England, in keinem aber auch wurden 
die Kechte und die Freiheiten des Adels und des Volkes so 
männlich vertheidigt und so fest begründet, wie dort. 

Auch die englische Nation ist von den erschütternden 
Fiebern der Revolution nicht verschont geblieben. Zwei grosze 
Revolutionen drohten dem ganzen englischen Statsgebäude den 
Untergang. Die erste, um die Mitte des XIII. Jahrhunderts, 
war der Versuch der Aristokratie, die Statsregierung dem 
Könige wegzunehmen und in ihre Gewalt zu bringen. Das 
war der Sinn der „Provisionen" von Oxford von 1258, 
welche dem besiegten Könige Heinrich III. von dem Grafen 
Leicester aufgenöthigt wurden. 1 In der zweiten groszen 
Revolution, welche aus dem Kampfe Karls I. mit dem langen 
Parlament in der Mitte des XVII. Jahrhunderts hervorbrach, 
ward für einige Zeit das Königthum sammt der Aristokratie 
von der fanatisirten Volkspartei der demokratischen Pu- 
ritaner beseitigt (1649). 

Aber beidemale dauerte die Krankheit nicht so lange, 
dasz sie den Statskörper auf die Dauer schwächte. Sie war 
auch, obwohl äuszerlich in heftigen Symptomen sich offen- 
barend, innerlich nicht so mächtig, um dem Leben der Nation 
eine fremde Richtung zu geben. Beidemale erholte sich Eng- 
land rasch von der Erschütterung und der historische Zu- 
sammenhang mit der Vergangenheit ging nicht verloren, die 
Entwicklung der Nation blieb eine organische und nor- 



1 Guizot, Essai u. s. f. S. 311 ff. 
Bluntschli, allgemeine Statslehre. 



29 



450 



Sechstes Bucli. Die Statsformen. 



male. Sie machte sogar beidemale die entschiedensten Fori - 
schritte. Von der ersten aristokratischen Kevolution datirt die 
Berufung der Abgeordneten der Städte zum Parlament 
(zuerst 1264), die Anlage des spätem Unterhauses. Die 
zweite fand ihren definitiven Abschlusz in der Begründung 
des modernen Königthums im Jahr 1689. Von da an 
kommt die eigentliche constitutionelle Monarchie als 
eine nationale Institution zur Erscheinung. 2 

2 Der grosze Geschichtsschreiber der neuen englischen Geschichte 
Macaulay (Engl. Gesch. II. S. 607) charakterisirt den Uebergang aus 
der mittelalterlichen Vorstellungsweise in die moderne so: „Lange Zeit 
hatte leider die Kirche die Nation gelehrt, dasz die Erbmonarchie allein 
unter unsern Institutionen göttlich und unverletzlich sei, dasz das Recht 
des Hauses der Gemeinen auf einen Antheil an der gesetzgebenden Ge- 
walt ein blos menschliches Recht sei, dasz aber das Recht des 
Königs auf den Gehorsam seines Volkes von oben stamme; dasz die 
Magna Charta ein Gesetz sei, was von denen, die es gemacht hatten, 
wieder aufgehoben werden möge, dasz aber die Regel, welche die Prin- 
zen von königlichem Geblüt nach der Erbfolgeordnung zum Throne be- 
rufe, himmlischen Ursprungs und dasz jeder mit dieser Regel nicht über- 
einstimmende Act des Parlamentes nichtig sei. Es ist augenscheinlich, 
dasz in einer Gesellschaft, in welcher solche Wahnbegriffe vorwalten, 
verfassungsmäszige Freiheit immer unsicher sein musz. Eine Macht, 
welche blosz als eine menschliche Ordnung betrachtet wird, kann 
kein wirksamer Zügel einer Macht sein, die als Ordnung Gottes be- 
trachtet wird. Die Hoffnung ist eitel, dasz Gesetze, wie trefflich sie 
auch sein mögen, fortwährend einen König zügeln werden, der nach 
seiner eigenen Meinung und nach der eines groszen Theiles seines Volks 
eine Autorität von unendlich höherer Natur hat als die Autorität , welche 
diesen Gesetzen zusteht. Das Königthum dieser geheimniszvollen Attri- 
bute zu entkleiden und den Grundsatz festzustellen, dasz die Könige 
nach einem in keiner Weise andern Rechte regierten, als nach welchem 
Freisassen die Ritter der Grafschaft erwählten oder Richter Habeas corpus 
Befehle ertheilten, war für die Sicherheit unserer Freiheiten unbedingt 
nothwendig. — Dieses Ziel wurde erreicht durch den Beschlusz, welcher 
den Thron für erledigt erklärte und Wilhelm und Marie einlud, 
ihn einzunehmen." Eine gute und zwischen Radicalismus und Liberalis- 
mus wohl unterscheidende Darstellung gibt A. Zimmermann in seiner 
kurzen historischen Entwicklung des parlamentar. Regierungssystems in 
England. Berlin 1849. 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1, Entstehung- etc. 451 



Die constitutionelle Monarchie nimmt gewissermaszen alle 
andern Statsformen in sich auf. Sie gewährt die gröszte 
Mannichfaltigkeit, ohne die Harmonie und Einheit des Ganzen 
zu opfern. Sie gibt der Aristokratie freien Kaum zur 
Uebung ihrer Kräfte und zur Aeuszerung ihrer Gesinnung auf 
nationalem Felde. Sie legt auch der demokratischen 
Richtung des Volkslebens keine Fesseln an, sondern verstattet 
ihr freie Bewegung. Ja selbst ein ideokratisches Element 
findet sich in ihr anerkannt in der Verehrung der Gesetze. 
Alle diese verschiedenen Richtungen sind aber durch die 
Monarchie, als das lebendige Haupt der gesammten Stats- 
ordnung, in dem rechten Verhältnisz gehalten und zur Ein- 
heit verbunden. 

Auch die englische constitutionelle Monarchie der neuem 
Zeit hat übrigens ihre Entwicklungsstufen. Schon der Zeit 
des Königs Wilhelm von Oranien gehören folgende Haupt- 
momente an: 

1) Die principielle Verwerfung des absoluten König- 
thums als einer verfassungswidrigen Anmaszung, welche nicht 
zu dulden und gegen welche der Widerstand berechtigt sei. 

2) Die Anerkennung, dasz das königliche Recht ebenso 
ein menschliches und durch die verfassungsmäszige 
Ordnung begrenztes Recht 3 sei , wie das Recht der Lords und 
der Gemeinen im Parlament und wie die gesetzlichen Frei- 
heiten der einzelnen Engländer, im Gegensatz zu den my- 
stischen Vorstellungen der orthodoxen Theologen, welche in 
dem Königsrechte etwas specifisch göttliches verehrten, die 
man — abgesehen von ihrer religiösen Rechtfertigung — nicht 
mehr als Statsprincip gelten liesz. 

3 Akte vom Jahre 1701: „Da die Gesetze von England das Geburts- 
recht des englischen Volkes sind und alle Könige und Königinnen, welche 
den Thron dieses Reiches besteigen werden , die Regierung dieses Reiches 
in Uebereinstimmung mit den genannten Gesetzen zu verwalten verpflichtet 
sind und alle ihre Beamten und Minister ihnen denselben Gesetzen ge- 
mäsz zu dienen schuldig sind, so u. s. f." 



452 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



3) Die urkundliche Aussprache und Sicherung der 
parlamentarischen Hechte und der Volksfreiheiten in 
der sogenannten Declaration of Rigths von 1689 und die Ver- 
bindung dieser Erklärung mit der Ordnung der Thronfolge, 
so dasz das Königthum nicht mehr losgetrennt von jenen 
Rechten und Freiheiten, sondern nur im Zusammenhange 
damit zu denken war. 

4) Die Unverantwortlichkeit der Könige wurde zwar 
als verfassungsmässige Regel beibehalten, aber durch den 
vollzogenen Bruch der Stuartischen Legitimität unverkennbar 
die Zulässigkeit der Ausnahme behauptet, wenn es 
zwischen dem Könige und der Nation zu einem unversöhn- 
lichen Widerstreite komme. 

5) Die ausgebildete auch politische Verantwortlich- 
keit der Minister gegenüber den Häusern des Parlaments, 
so dasz dem Unterhause die Klage, dem Oberhaus das Ge- 
richt zusteht. 

6) Die Mitwirkung des Parlaments an der Gesetz- 
gebung. 

7) Sein Recht der Steuerbewilligung und seine Theil- 
nahme an der Ordnung des Statshaushalts. 

8) Seine Co ntrole der gesammten Regierungsweise und 
Statsverwaltung. 

9) Die volle Unabhängigkeit und die ausgedehnte 
Befugnisz der richterlichen Autorität, gestützt auf die Theil- 
nahme der Geschwornen aus dem Volk. 

10) Die Freiheit der Presse und der politischen 
Versammlungen und die daherige Kritik und Controle der 
öffentlichen Meinung. 

Den Königen aus dem Hause Hannover wurde es freilich 
sehr schwer, diese Grundsätze sammt ihren Consequenzen zu 
verstehen. Aber die Macht der Verhältnisse nöthigte auch 
die widerstrebenden Neigungen der Dynastie und des Hofes 
zur Anerkennung der freien Verfassung. Dem Einflusz des 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsforaen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehimg etc. 453 

Prinzen Albert von Koburg ist es vorzüglich zu verdanken, 
dasz auch die Gesinnung der gegenwärtigen Königsfamilie 
rückhaltslos verfassungsmäszig geworden ist und das König- 
thum hat an Ansehen und Macht nicht eingebüszt, seitdem 
es die Vorurtheile der dynastischen Tradition abgestreift hat 
und zum wahren Volkskönigthum geworden ist. 

Der englische König ist sich bewuszt, dasz er nicht seinen 
Eigenwillen, sondern den Statswillen darstelle und voll- 
ziehe. Daher haben die Minister und da die englischen Minister 
vorzugsweise in dem Vertrauen des Parlaments — hauptsäch- 
lich des Unterhauses — ihre Stärke finden, auch die Volks- 
vertretung einen gröszeren Einflusz auf die Kegierung als in 
den continentalen Staten. Insofern kann man das englische 
Königthum ein parlamentarisches und republikani- 
sches nennen. Aber die Ehrfurcht vor der Monarchie ist 
doch kaum in einem andern Lande stärker als in England. 
So mächtig die aristokratischen Elemente und das Parlament 
in England sind , die englische Verfassungsform ist doch eine 
Monarchie geblieben. 4 

4 Schon Edm. Burke bemerkt (Aus seinen Schriften, München 
1850) : „Auf dem festen Lande hat man gemeiniglich von der Stellung 
eines Königs von Groszbritannien einen irrigen Begriff. Er ist ein wirk- 
licher König , nicht ein vollziehender Beamter. Wenn er sich um Kleinig- 
keiten nicht bekümmert, noch zur Aufmerksamkeit auf geringfügige 
Zänkereien sich herabläszt, so ist es kaum zweifelhaft, ob er nicht eine 
wirklichere, stärkere und ausgedehntere Macht besitze als der König von 
Frankreich vor der Revolution besasz." Als Sir Robert Peel in neuerer 
Zeit aus politischen Gründen von der Königin Victoria verlangte, dasz 
sie einige Hofdamen entferne und andere an deren Stelle treten lasse, 
drang die Zumuthung allerdings selbst in den Kreis des persönlichen und 
Familienlebens der Königin ein , beweist aber gerade für die Wichtigkeit 
auch der persönlichen Beziehungen und Gesellschaft der englischen 
Monarchin für die englische Politik. Aber wahr ist es doch, dasz die 
englische Statsverfassung, wenn man auf die entscheidende Macht sieht, 
in neuerer Zeit zur Parlaments- und Ministerregierung geworden 
ist.- Robert Peel selbst sprach im Parlament (Rede vom 11. Mai 1835) 
die wichtigen Sätze aus: „Die Prärogative der Krone, die Autorität der 
Lords, sind allerdings der Constitution nach mächtig genug, gelegentlich 



454 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



IL Den zweiten welthistorischen Versuch, die constitu- 
tionelle Monarchie einzuführen, machte die französische 
Nation. Die Verfassung von 1791 sollte nach der Meinung 
ihrer Urheber als ein vollkommenes Meisterwerk aus dem mo- 
dernen Statsprincip unmittelbar geboren werden, mit logischer 
Notwendigkeit. Aber die Statsprincipien selbst der National- 
versammlung waren vielmehr republikanisch-demokratisch, als 
monarchisch. Die Rousseau'sche Theorie von der Volkssou- 
veränetät und den zwei Gewalten, und das Vorbild der nord- 
amerikanischen Constitution, welche eine Constitution eile 
Demokratie mit drei unabhängigen, aber durch die Einheit 
des souveränen Volkes zusammen gehaltenen Gewalten ins 
Dasein gerufen hatte, übten auf die Geister der Franzosen 
einen stärkeren Einflusz aus als die englische Verfassung. 
Der Grundcharakter der neuen Verfassung von 1791 war de- 
mokratisch. Das Königthum in ihr war eine Inconsequenz 
des Systems, ein zurückgebliebener Best der Vergangenheit, 
mit welcher die Revolution im übrigen von Grund aus ge- 
brochen hatte. 

Dann richtete Napoleon die monarchische Gewalt wieder 
auf, indem er die Nation aus dem Schlamme errettete, in den 
sie versunken war. Er concentrirte die gesammte Statsgewalt 
wieder in seiner starken Hand. Aber um eine modern fran- 
zösische constitutionelle Monarchie zu gründen, dazu war in 
den ersten Zeiten nach der Revolution und inmitten des euro- 
päischen Krieges das Bedürfnisz der Nation nach einer Dic- 
tatur zu stark und er selbst von Natur ein zu gewaltiger 
Herrscher. Einzelne Anfänge dazu freilich liesz er zu. Er 
erkannte in dem französischen Volke die Quelle seiner Macht 

die Eingriffe des Hauses der Gemeinen zu überwachen, aber sie dürfen 
sich heut zu Tage nicht auf diese als unübersteigliche Bollwerke ver- 
lassen. Die Regierung des Landes musz hauptsächlich mit dem guten 
Willen und durch die unmittelbare Thätigkeit des Hauses der Gemeinen 
geführt werden." 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 455 



an und eröffnete allen Franzosen die freie Bahn zur Erhebung 
und zum Ansehen. Er versuchte in dem Senat auch eine 
Aristokratie wieder zu schaffen, welche nach seinem Ausdruck 
„die Souveränetät erhält, während die Demokratie zur Sou- 
veränetät erhebt." 5 Hätte seine Dynastie ruhig fortregiert, 
so hätte sich vielleicht mit der Zeit aus diesen Anfängen eine 
nationale constitutionelle Monarchie herausbilden können. Aber 
in den Zeiten seiner Macht schienen ihm die politischen Hechte 
der übrigen Körperschaften als Schranken seines absoluten 
Willens unbequem. Und als er vom Throne stürzte, wurden 
seine Institutionen in seinen Euin verwickelt. 

Die Charte Ludwigs XVIII. vom 4. Juni 1814 war ihrem 
Wesen nach ein Vergleich zwischen der alten königlichen 
Dynastie, welche aus der Verbannung zurückkehrte, und dem 
französischen Volke, welches die Zeiten der Revolution und 
der Napoleonischen Herrschaft durchlebt hatte, ein Vergleich 
zwischen den Rechtsansprüchen des früher absoluten König- 
thums und den neuen politischen Gewalten, zwischen der 
Legitimität und dem Besitzstand aus der Revolution. In ihrer 
Form aber war sie die freie Gabe des Königs, ein Ausflusz 
seiner alleinigen Autorität. 6 Auch abgesehen von diesem 
Widerspruch zwischen Form und Inhalt, litt diese Verfassung 
noch an andern Widersprüchen. Aber immerhin war sie besser 
als die vorausgegangenen Versuche, die constitutionelle Mon- 
archie in Frankreich zu verwirklichen. 

Offenbar waren die Grundformen der englischen Verfassung 

nachgebildet, aber sie waren mit einem andern Geiste erfüllt. 

Die Gewalt war dem Könige von Frankreich in gröszerem 

■ 

5 LasCases Mem. III. S. 32. Vgl. oben Buch II, Cap. 10. Die beste 
Zeichnung des reinen Urbildes des Napoleonischen States , hinter welchem 
die Wirklichkeit freilich weit zurückgeblieben ist, hat sein Neffe und 
Erbe im Jahre 1839 in der Schrift „Idees Napoleoniennes" entworfen. 

6 Einleitungs worte : „Nous avons volontairement et par le libre exer- 
cice de notre autorite royale accorde et accordons, fait conces^ion et 
octroi ä nos sujets — de la Charte constitutionelle qui suit." 

I 



456 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Masze zugestanden als in England, oder vielmehr, da die 
Charte in ihrer Theorie von dem absoluten Königthum aus- 
geht, 7 minder beschränkt worden als dort; aber die Sicher- 
heit des französischen Königthums war sehr viel geringer als 
in England , nicht blosz weil der Charakter der Franzosen von 
jeher beweglicher und zu Veränderungen leichter erregbar ist 
als der englische, sondern weil die Revolution die französische 
Aristokratie vernichtet, und das ganze Volk in demokratischen 
Begriffen und Tendenzen eingeschult hatte. 

Die Pairie, welche nächst dem Könige einen Antheil 
an der Gesetzgebung erhielt und den obersten Gerichtshof 
über schwere Statsverbrechen bildete, sollte eine „wahrhaft 
nationale Einrichtung sein und alle Erinnerungen der Ver- 
gangenheit mit allen Hoffnungen der Zukunft, die alte und 
die neue Zeit verbinden." Aber in der Wirklichkeit wurden 
die neuen Gröszen der Napoleonischen Zeit zu sehr zurück- 
gesetzt und die alte, theilweise verkommene Aristokratie zu 
freigebig bedacht, als dasz diese erbliche Pairschaft als eine 
„wahrhaft nationale Institution" hätte Anerkennung finden 
und Bestand haben können. Dem englischen Oberhaus stand 
sie weit nach. Die Deputirtenkammer endlich sollte „jene 
alten Versammlungen des März- und Maifeldes sowie die 
Kammer des dritten Standes" ersetzen. Sie war aber auf rein 
plutokratischen Fundamenten errichtet, und ward vorzüglich 
zu Gunsten der Beamten ausgebeutet. Die Masse der städti- 
schen Bürgerschaft, welche sich als berechtigt fühlte, wohl- 
habend und civilisirt war und in der Revolutionsperiode eine 
bedeutende Rolle gespielt hatte, hatte weder Wahlrechte noch 
Wählbarkeit. Die ganze bäuerliche Bevölkerung, welche durch 
die Revolution freies Eigenthum gewonnen und ebenfalls po- 
litische Rechte erworben hatte, war nicht minder ausgeschlossen. 
Auf die niedern Volksschichten war keine Rücksicht genoni- 

" Einleitung: „Bien que l'autorite toute entiere residät en France 
dans la personne du Roi." 



Yierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 457 

men. Der Demos war somit gar nicht vertreten, und doch 
war er in Frankreich zu einer groszen politischen Macht 
geworden. Er konnte unmöglich eine Verfassung lieb gewinnen 
und sie stützen, welche ihn überall ausschlosz. 

Die Revolution hatte zwei Richtungen vorzüglich verstärkt, 
die zum Theil wider einander laufen, die der Centralisation 
und die der demokratischen Ausbreitung. Jene führte, 
zum Extrem getrieben, zur absoluten Monarchie zurück, diese 
im Extrem zu revolutionärer Anarchie. Die Charte suchte 
sich der ersten ganz zu bemächtigen und damit die letztere 
abzuhalten. 8 

Den ersten groszen Stosz des demokratischen Volkes, 
welches durch Karl X. absolutistisch und durch seine eigene 
Presse revolutionär gereizt worden war, hielt die Charte noch 
aus. „Die Charte soll eine Wahrheit sein" war der Wahl- 
spruch Louis Philipps und der Julirevolution von 1830. 
Indessen wurde die erbliche Pairie aufgehoben, und nur eine 
persönliche auf Lebenszeit dauerte fort. Die Grundlage der 
Deputirtenkammer wurde um etwas erweitert, aber noch be- 
hielt sie ihren plutokratischen Charakter bei. 

Da folgte im Februar 1848 der zweite Stosz einer vul- 
kanischen Gewalt, die Niemand ermessen, Niemand in solcher 
Heftigkeit erwartet hatte, und die ganze Verfassung, obwohl 
sie besser war als die, welche ihr folgte , und was sehr wichtig 
ist, obwohl die erforderlichen Mittel der Verbesserung in ihr 
lagen, wurde in einem Tage der Ueberraschung und Ver- 
blüffung der Mehrheit von einer verwegenen Minderheit um- 
gestürzt. Nochmals versuchte der Demos selber die Herrschaft 
in Frankreich auszuüben. 

8 Tocqueville bezeichnet die beiden Tendenzen scharf in seinem 
Buche über die Demokratie Amerika's I, S. 158: „La revolution s'est 
prononcee en meme .temps contre la royaute et contre les institutions 
provinciales — eile a ete tout ä la fois republicaine et centralisante : un 
fait, dont les amis du pouvoir absolu se sont empares avec grand soin." 



458 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Die repräsentative Demokratie der ersten Revolution wurde 
erneuert. In der Nationalversammlung , die durch leidenschaft- 
liche Parteien zerklüftet in endlosen Debatten ihre Kräfte er- 
folglos verpuffte, war die oberste Autorität und die Stellung 
des Präsidenten vielfach gelähmt und beschränkt. Aber der 
Instinct des Volkes wendete sich wiederum der Monarchie zu, 
und wieder ward ein Napoleon zum Ueberwinder und Erben 
der Demokratie, indem er persönlich die Gewalt ergriff und 
sich dabei zugleich auf die Zustimmung der groszen Mehrheit 
aller Bürger stützte. 

Die Verfassung des neuen Kaiserreichs vom 16. Jenner 
und 2. December 1852 erinnert mehr an die römische als an 
die englische Statsform; wie denn überhaupt die Napoleonischen 
Statsideen einen entschieden romanischen Charakter haben 
und daher auch den romanischen Elementen im französischen 
Geist vorzüglich einleuchten. 9 Der Hoheit und Macht des 
französischen Volks wird als der Quelle aller Statsgew alt 
volle Huldigung dargebracht, indem die Verfassung der Ab- 
stimmung des Volkes unterworfen, von seinem Vertrauen der 
gesetzgebende Körper abhängig gemacht, und selbst die kaiser- 
liche Gewalt von seinem Willen itbgeleitet wird. 10 Dem fran- 
zösischen Volk bleibt auch der Kaiser verantwortlich. Die 
Zuneigung der Massen zu dem Grundsatz demokratischer Gleich- 
heit wird in dem allgemeinen Stimmrecht rücksichtslos geachtet 
Auf so breiter Unterlage erhebt sich dann die kaiserliche Macht- 
fülle in dem Glänze der Majestät. Die Initiative der Gesetz- 
gebung, die ganze Leitung der Politik, die Diplomatie, die 
Armee sind in seiner Hand , das ganze Beamtenheer ist ganz 
von ihm abhängig. Selbst die Mitglieder des Statsraths kann 

9 Die Verfassung von 1852 war der äuszeren Form nach ähnlich der 
Napoleonischen Verfassung vom Jahr VIII (1801), aber sachlich war der 
Unterschied grosz. Vgl. de Parieu Pol. S. 201. 

!0 Titel: „par la gräce de Dieu et la volonte nationale Empereur i< - 
Francais. " 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 459 



der Kaiser beliebig entlassen. Es gibt nur zwei grosze po- 
litische Kräfte in dieser Verfassung: die Volksmehrheit 
und der Kaiser. Was in der Mitte ist zwischen beiden, ist 
sehr abhängig und hat nur geringe Selbständigkeit. Die Mi- 
nister sind nur dem Statshaupte verantwortlich, aber es gibt 
unter ihnen Redeminister, welche die Regierung vor der Kam- 
mer vertheidigen und daher eine gefährliche Autorität sowohl 
der Volksvertretung als dem Statshaupt gegenüber erlangen; 11 
der Antheil des gesetzgebenden Körpers an der Gesetzgebung 
hat eher einen negativen als einen positiven Charakter; er 
kann ein schädliches oder ungerechtes Gesetz verhindern, 
nicht verbessern. Er hat keine Initiative und nur in den Com- 
missionen die Möglichkeit mit dem Statsrathe über Aenderung 
zu verhandeln. Der Senat ist zwar seiner Bestimmung nach eine 
die Volksfreiheiten schützende und die Verfassung wahrende, 
ausnahmsweise auch zu Reformen den Anstosz gebende, ihrer 
Natur nach eine aristokratische Macht, aber die Senatoren 
sind durch die Wahl des Kaisers auf ihre hohe Stellung ge- 
rufen und durch die französischen Parteiverhältnisse wie durch 
ihre socialen Beziehungen an die Macht des Kaisers, als an 
ihren Grund und ihre Stütze angewiesen. Die Harmonie der 
Massen und des Kaisers wird daher mit groszer Sorgfalt vor 
jeder Dissonanz zu bewahren gesucht, und daher auch der 
Opposition in den Behörden und in der Presse nur ein sehr 
beschränkter Spielraum verstattet. Vl 

Diese autokratische Verfassung genügte indessen den 
wieder geweckten Begehren nach mehr Volksfreiheit nicht. 
Der Kaiser Napoleon III. sah sich genöthigt, Zugeständnisse 

H Vgl. de Parieu Pol. 204., welcher an Rouher erinnert, ohne 
ihn zu nennen. 

12 In den Reveries politiques des Prinzen Louis Napoleon, die schon 
im Jahre 1832 geschrieben wurden, findet sich ein Entwurf einer fran- 
zösischen Verfassung, welcher sich zu der Verfassung von 1852, wie die 
Blüthe der Jugendideale zu der reifen Frucht des Mannesalters verhält. 
Kaiserliches Decret vom 19. Jan. 1867. 



460 



Sechsfps Buch. Die Statsformen. 



zu machen, welche dieselbe der constitutionellen Monarchie 
der andern Staten annäherten. Ein Senatusconsult vom 6. Sep- 
tember 1869 verlieh beiden Häusern das Recht der Initiative, 
gestattete den Ministern, Mitglieder derselben zu werden und 
erklärte die Minister auf Beschlusz des Senats für verant- 
wortlich. Die so umgebildete neue Verfassung wurde der Ab- 
stimmung der Bürger vorgelegt und durch das Plebiscit vom 
20. April 1870 mit 7.350.142 bejahenden Stimmen wider 
1,538,825 verneinende Stimmen gutgeheiszen. 

Indeszen vermochten diese Zugeständnisse die Verfassung 
in der Krisis nicht zu retten, welche durch die Niederlage 
der Napoleonischen Politik und der französischen Heere im 
Kampf mit dem deutschen Volke und Heere herbeigeführt 
wurde. Eine neue Pariser Revolution vom 4. September 187Q 
erklärte die kaiserliche Monarchie für abgeschafft und ver- 
suchte es von neuem mit der Republik. 

III. Romanische Länder. Die Umgestaltungen, welche 
der französische Stat seit der Revolution erlebte, hatten auch 
auszerhalb Frankreichs die wichtigsten Veränderungen zur 
Folge. Vorerst in den romanischen Ländern. Nach Art der 
französischen Republik wurden in Italien ähnliche Republiken 
unter dem erobernden Schutz der französischen Waffen ge- 
gründet; später von Napoleon neue abhängige Monarchien 
nach dem Vorbilde des französischen Reiches in Italien und 
Spanien eingeführt. Es schien, als ob die moderne Gestal- 
tung Europa's von Paris aus ins Dasein gerufen werden solle. 
Indessen zog auch hier der Untergang der Napoleonischen 
Weltherrschaft den Fall dieser ephemeren Statenbildung 
nach sich. 

Wichtiger, wenn auch zunächst wieder nur von momen- 
tanem Erfolge, waren für die Ausbildung des constitutionellen 
Systems die beiden Verfassungen, welche im Jahre IM 2 in 
Sicilien und in Spanien verfaszt und proclamirt wurden, 

1. Die Verfassung Siciliens — vorzüglich das Werk 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 4ßl 

des Lords Bentinck, eines englischen Statsmannes — war 
ganz nach englischem Muster gewissermaszen zugeschnitten, 
so jedoch, dasz die Erinnerung an die alten aristokratischen 
Stände aus der Normannenzeit benutzt wurde und dass die 
neueren Theorien von der Trennung der Gewalten in ausge- 
dehnterem Masse als in England Anerkennung fanden. Die 
gesetzgebende Gewalt wurde zunächst dem Parlamente zu- 
geschrieben, unter diesem aber nicht mehr, wie in dem eng- 
lischen Statsrechte, König, Ober- und Unterhaus in ihrer 
Vereinigung, sondern nur die beiden Kammern verstanden. 
Von diesem Begriffe aus ist es denn freilich auffallend, dasz 
die Beschlüsse des Parlaments der „Bestätigung des Königs," 
als einer auszer ihm stehenden Gewalt bedürfen. 13 Die 
Pairskammer besteht aus den Baronen und den Prälaten 
Siciliens. Die weltlichen Pairs haben ein erbliches Recht auf 
die Pairie. Der König kann aher neue Pairs aus den Edel- 
leuten ernennen, welche ein reines Einkommen von 6000 Unzen 
genieszen. Das Unterhaus besteht aus gewählten Volksver- 
tretern. Stimmrecht und Wählbarkeit erfordern einen nicht 
| hohen Census. 

Die vollziehende Gewalt wird dem Könige zuge- 
schrieben , seine Minister und geheimen Räthe aber dem Par- 
lamente für die Ausübung dieser Gewalt verantwortlich erklärt. 
In allen wichtigen Angelegenheiten ist der König verpflichtet, 
das Gutachten seines geheimen Käthes einzuholen; in manchen 
Fällen, z. B. wenn er Truppen nach Sicilien bringen oder 
Ausländern Militärstellen geben, oder neue Aemter errichten, 
oder für den Stat geleistete Dienste Pensionen bewilligen will, 
bedarf er sogar der Zustimmung des Parlaments. 

Die richterliche Gewalt wird zwar „im Namen des 
Königs verwaltet," aber das Recht „einzig und allein den 
vom Gesetze bestimmten Beamten" zugesprochen. Den ein- 

13 Artikel 1 , 2 und 14. Die Verfassung ist in deutscher Uebersetzung 
abgedruckt in dem Portfolio von 1848. 



462 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



zelnen Sicilianern wird ein ausgedehntes Recht des Wider- 
standes gegen jeden vom Gesetz nicht autorisirten Zwang 
zuerkannt, die Censur als Regel — mit Ausnahme theologischer 
Schriften — aufgehoben, die Feudalrechte beseitigt u. s. f. 

Man sieht, diese Verfassung war eine Nachbildung der 
englischen Formen, mit Beimischung der Theorien, welche 
in der französischen Verfassung von 1791 verkündet worden 
waren. Auch in ihr war das republikanische Element 
überwiegend, und der Widerspruch mit der monarchischen 
Tradition trat um so schroffer hervor, je weniger der absolu- 
tistisch gesinnte Hof des Bourbonischen Königs sich mit der 
Verfassung vertragen mochte und je mehr in den Volksparteien 
klerikale und jakobinische Tendenzen vertreten waren und 
mit der Leidenschaft des südlichen Blutes sich heftig be- 
kämpften. Der in Neapel restaurirte König fühlte sich nun 
stark genug, die beschworene Verfassung zu beseitigen (De- 
cember 1816) und die absolute Regierung herzustellen. Aber 
dieser erste Versuch , die englischen Statsformen mit den Theo- 
rien der französischen Revolution zu verbinden und daraus 
ein neues constitutionelles Statsrecht für Europa hervorzu- 
bringen, blieb auch für die spätem ähnlichen Versuche ein 
Vorbild. 

2. Die sehr ausführliche Verfassung vom 19. März 1812, 
welche die Regentschaft und die spanischen Cortes 
während der Gefangenschaft des Königs und während ein 
groszer Theil von Spanien in der Gewalt der Franzosen 
war, der spanischen Nation gegeben hatten, und welche von 
den verbündeten Engländern anerkannt ward, geht groszen- 
theils von ähnlichen Theorien über den constitutionellen Stat 
und die Trennung der drei Gewalten aus. Die französische 
Verfassung von 1791 diente den Cortes als Muster. Indessen 
sind, obwohl das Princip der Volkssouveränetät (Art, 3) procla- 
mirt ist, die Rechte des Königs in weitem Umfange anerkannt. 
Die gesetzgebende Gewalt wird „den Cortes mit dem Könige 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. Gr. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 463 



vereint" (Art. 15) und ebenso diesem die „Aufsicht über die 
Justiz" (Art. 171) zugeschrieben. Indessen kann er durch 
wiederholte Abstimmung der Cortes zur Sanction der Gesetze 
genöthigt werden (Art. 149). Darin aber unterscheidet sich 
diese Verfassung sehr von der englischen Form , dasz sie eine 
aristokratische Pairskammer als Mittelmacht nicht kennt, son- 
dern dem Könige die Eine Versammlung der Cortes, als der 
gewählten Volksvertreter gegenüber stellt. 14 

Die Willkür, mit welcher der befreite König diese Ver- 
fassung aufhob (4. Mai 1814) und die Häupter der Cortes 
verfolgte, und die alten und neuen Erfahrungen, welche die 
Nation über die absolute Kegierungsweise der Bourbonischen 
Dynastie machte, hatten die Folge, dasz die Verfassung von 
1812 trotz ihrer Mängel und ungeachtet man sich anfänglich 
wenig um dieselbe bekümmert hatte, nach ihrer Beseitigung 
populär ward, und wiederholte Versuche (1820, 1836) ge- 
macht wurden, dieselbe mit Gewalt einzuführen. Auch das 
Estatuto Keal von 1834, welches Spanien nun doch eine Ke- 
präsentativverfassung verlieh, befriedigte nicht mehr. Die 
Königin-Kegentin wurde 1836 genöthigt, die Verfassung von 
1812 anzuerkennen, und im Jahr 1837 kam unter dem Ein- 
flusz der Progressisten die neue constitutionelle Verfassung 
für Spanien, auf Grundlage der ersteren und mit theilweiser 
Benutzung des Estatuto Real von 1834 zur feierlichen Be- 
schwörung. In dieser modificirten Verfassung ist denn die 
Sanction der Gesetze durch den König wieder ohne Beschrän- 
kung anerkannt, und das Zweikammersystem (ein Senat und 
eine Deputirtenkammer) eingeführt worden. 15 Noch mehr 
näherte sich die unter dem Einflusze der Moderados revidirte 

14 Die Verfassung ist in deutscher Uebersetzung abgedruckt bei 
Pölitz II, S. 263 ff., und bei Schubert, Verf. II, S. 44 ff. Vgl. be- 
sonders die ausgezeichnete Darstellung von Baumgarten in Gervinus 
Geschichte des XIX. Jahrhunderts, Bd. IV. 

15 Bülau, Europ. Verf. seit 1828, S. 221. 



i 



464 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Verfassung vom 23. Mai 1845 der französischen Charte 
von 1830 an. 16 

Aber auch dadurch sind die Yerfassungskämpfe nicht 
zum Abschlusz gelangt. Das Land schwankte lange wieder 
zwischen klerikaler Reaction und radicalem Aufstande, zwi- 
schen Hofintriguen und Militärdictatur hin und her, ohne sein 
Gleichgewicht zu finden. Die Miszregierung der bigotten Kö- 
nigin Isabelle führte 1868 zu einerneuen Revolution, welche 
die Bourbonische Dynastie und die Jesuiten zugleich vertrieb. 
Lange bemühten sich die monarchisch gesinnten Spanier ver- 
geblich, einen neuen König zu berufen. Zuletzt nahm der 
Herzog von Aostas, Sohn des Königs von Italien, die dar- 
gebotene spanische Krone an (4. Dec. 1870) und nun schien 
die Aussicht günstiger für die constitutionelle Monarchie. Aber 
die fortwährenden Verschwörungen entleideten dem Könige 
seinen Beruf und er dankte am 11. Februar 1873 freiwillig 
ab. Aus Noth wurde nun die Republik ausgerufen. Bald 
aber bemächtigte sich die Militärpartei der Herrschalt und 
bereitete die Rückkehr zu der constitutionellen Monarchie des 
jungen Königs Alfons vor, der zu Neujahr 1875 als König 
ausgerufen ward. Im Norden Spaniens, hauptsächlich in dem 
baskischen Gebirgsland, hatte zuvor, von Pfaffen und Legi- 
timisten unterstützt, der Bourbon Don Kar los für sein an- 
gestammtes Herrsch errecht zu streiten versucht, und das 
Unglück des Landes vermehrt, ohne seine Herrschaft zu be- 
gründen. 

3. Eine Nachahmung der spanischen Verfassung von 1812 
war die Verfassung für Portugal von 1822, die indessen 
wieder nicht zu unbestrittener Geltung gelangte. Im Jahr 
1826 gab der König Don Pedro zu Gunsten seiner Tochter 
Marie do Gloria dem Lande eine neue Verfassung, in wel- 
cher das monarchische Princip besser gewahrt wurde als in 

16 Schubert, Verf. II, S. 105 ff. und S. 116 ff. 



Yierz. Cap. II. Mon. Statsformen. Gr. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 465 



jener ersteren, und welche nach Analogie der englischen Ver- 
fassung und der französischen Charte eine Pairskammer mit 
erblichen und lebenslänglichen Pairs der Deputirtenkammer 
beiordnete. Diese Verfassung spricht nun von vier Gewalten: 
1) der gesetzgebenden, welche den Cortes unter der Sanction 
des Königes, 2) der vermittelnden (moderador), welche 
dem Könige „als höchstem Oberhaupte der Nation zur Hand- 
habung des Gleichgewichts und der Harmonie der andern 
politischen Gewalten," 3) der vollziehenden, welche dem Kö- 
nige in Verbindung mit den Ministern, und 4) der richter- 
lichen, welche unabhängigen Gerichten zusteht. 17 

Auch nach der Besiegung der absolutistischen Partei Don 
Miguels, welche von keiner der beiden Verfassungen etwas 
wissen wollte, stritten sich zwei andere Parteien mit wechseln- 
dem Glücke um die Herrschaft; die eine demokratische, welche 
sich an die Verfassung von 1822, die andere, der Chartisten, 
welche sich an die Charte von 1826 hielt. Im Jahre 1838 
kam es zu einer Kevision der letzteren, durch welche die 
erblichen Senatorwürden in periodisch gewählte umgewandelt, 
und die Institution des Statsraths aus der Verfassung ge- 
i strichen wurde. 18 Die Masse des Volkes nimmt indessen noch 
immer wenig Antheil an diesen Verfassungen. Indessen haben 
sich die Portugiesischen Statszustände , unter dem Einflüsse 
. der Koburgischen neuen Dynastie friedlicher und günstiger 
entwickelt als die Spanischen. 

4. Auch auf den gröszeren amerikanischen Tochterstat 
Portugals, auf das unabhängig gewordene Kaiserthum Bra- 
isilien wurde die Verfassung der constitutionellen Monarchie 
übergetragen und erlebte dort ähnliche Schwankungen und 
Kämpfe, machte aber auch ähnliche Fortschritte wie in Europa. 

5. Italien rang sich allmählich aus dem unwürdigen 

" Art. 11, 13, 71, 75, 118 der Verf. von 1826. Beide Verfassungen 
bei Pölitz II, S. 299 ff., die letztere bei Schubert, Verf. II, S. 148. 
18 Bei Schubert, Verf. II, S. 173. 
Bluntschli, allgemeine Statslehre. 30 



466 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Druck des absoluten Fürstenthums los. Mochte noch die Ver- 
fassung der Napoleonischen Königreiche Italien und 
Neapel als eine beschränkte Autokratie angesehen werden, 
so wurde doch der später restaurirte Absolutismus der bour- 
bonischen und habsburgischen Fürsten überall nur ungern 
ertragen. Geheime Verschwörungen und offene Aufstände 
kämpften mit grausamen Reactionen. Nur mit fremder Waffen- 
gewalt konnte man das Streben der Völker unterdrücken. 
Als der König von Neapel 1820 sich bequemt hatte, seinem 
Lande die spanische Verfassung von 1812 zu gewähren, stellten 
österreichische Truppen die alte Willkürherrschaft wieder her. 
Auch die Bewegungen der Dreiszigerjahre hatten keinen 
gröszern Erfolg. Immer wieder gelang es der massiven Ge- 
walt Oesterreichs, an welcher die Dynastien sich anlehnten, 
jeden Versuch zu vereiteln, welcher die constitutionelle Mon- 
archie einführen wollte. 

Erst in den Vierziger)' ahren erwies sich der Geist der 
Reform stärker in Italien, nachdem er sich mit dem Geiste 
der nationalen Befreiung von der Fremdherrschaft verbündet 
hatte. Schon im Jahre 1847 war ganz Italien in einer mäch- 
tigen Aufregung begriffen, welche damals auch von dem neuen 
Papste Pius IX. gebilligt schien; und noch bevor in Paris die 
Revolution ausbrach, sahen sich der König Ferdinand II. von 
Neapel und der König Karl Albert von Piemont veranlaszt. 
die constitutionelle Regierungsform einzuführen. Aber unge- 
achtet der erstere „in dem ehrfurchtgebietenden Namen des 
dreieinigen Gottes" bezeugte mit Aufrichtigkeit und Redlich- 
keit diese neue Bahn der politischen Ordnung zu betreten. 19 
so beeilte er sich doch, sobald er es ungefährlich konnte, die 
Verfassung wieder zu brechen. Die Folge der wiederholten 
Treubrüche war, dasz im Jahre 1860, als der Sohn Ferdinands 
Franz II. in neuer Noth sich entschlosz, die constitutionelle 



19 Verkündigung vom 8. Februar 1818 in dem Portfolio I, S. 64. 



Yierz. Cap. II. Mon. Statsformen. Gr. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 467 

Monarchie einzuführen, Niemand mehr seinem Gelöbnisz 
glaubte und die Dynastie vertrieben ward. 

Eine andere Wendung nahmen die Dinge in Piemont. 
Nachdem einmal der König am 6. Febr. 1848 sich für die 
Einführung des repräsentativen Systems nach dem Vorbilde 
der französischen Charte von 1830 erklärt hatte, 20 blieb das 
savoyische Königshaus dieser Verfassung vom 4. März 1848 
mit einer seltenen Entschiedenheit treu. Zwar glückte es 
Karl Albert noch nicht, ein erweitertes italienisches Reich 
unter seinem Scepter zu einigen. Die Siege Radetzky's war- 
fen seinen nationalen Ehrgeiz zurück und bewahrten vielleicht 
Italien vor dem Ueberfluten einer unreifen Demokratie. Aber 
auch in jener Zeit, wo die Reaction in Italien ihre Triumphe 
feierte, blieb der neue König Victor Emmanuel doch der 
Verfassung treu. — Die wunderbaren Erfolge, welche er in 
den Jahren 1859 und 1860 errang, verdankte er zu gutem 
Theile dem Glauben der italienischen Völker an seine ehr- 
liche constitutionelle und nationale Gesinnung, welche ihn 
bestimmte, die Leitung einem groszen Statsmanne als Mi- 
nister, dem edlen Cavour zu übertragen. Mit Hülfe Frank- 
reichs wurde Oesterreich aus der Lombardei verdrängt und 
der neue nationale Stat breitete sich über alle Fürstenthümer 
von Mittelitalien, durch den kühnen Feldzug Garibaldis auch 
über Neapel und Sicilien aus. Die Hülfe Preuszens verschaffte 
dem Reiche auch das Königreich Venedig 1866. Zuletzt wurde 
auch Rom im Jahr 1870 dem nationalen Königreiche einver- 
leibt, nachdem die Franzosen während des französisch-deut- 
schen Krieges genöthigt waren, die Stadt zu verlassen. Die 
deutschen Siege ermöglichten den Untergang des letzten Prie- 
sterstats in Europa. Das neue Königreich Italien hält an der 
constitutionellen Monarchie fest, und sogar die republikanisch 
gesinnten Parteien bequemen sich nach dem Beispiel Gari- 

20 Worte der Verfassimgsurkimde , abgedruckt Portfolio I, S. 53 ff. 



468 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



baldis diese Statsform als die für Italien zur Zeit not- 
wendige anzuerkennen. 

6. Den Uebergang von den romanischen zu den germa- 
nischen Staten bildet Belgien, dessen Verfassung vom Jahr 
1831 wieder der französischen von 1830 nachgebildet ist, in 
einzelnen wichtigen Beziehungen aber der bürgerlich -demo- 
kratischen Anschauung näher steht als diese. Dahin gehört 
der Satz, dasz „alle Gewalten von dem Volke ausgehen" 
(Art. 25), wobei freilich zu beachten ist, dasz Belgien keine 
monarchische Dynastie mehr hatte, sondern eine solche erst 
berufen muszte, die Verneinung jedes Ständeunterschiedes 
(Art. 6), das ausgedehntere Stimmrecht für die Kammern u. s. f. 
Das Zweikammersystem ist zwar beibehalten, die erste Kammer 
aber oder „der Senat" wird auf Zeit gewählt, und zwar 
von den nämlichen Wählern, welche die Deputirten bestellen 
(der Entwurf hatte noch dem König die Ernennung der Se- 
natoren vorbehalten), und nur die Erfordernisse des Alters 
und Reichthums für die Senatoren werden höher angesetzt. 
Das Land hat inzwischen, von einem statsmännischen Könige, 
Leopold von Koburg, weise regiert, die Erschütterung der 
europäischen Revolution von 1848 nur wenig verspürt und 
seine Wohlfahrt hat seither glücklich zugenommen, obwohl 
auch in Belgien der Kampf der ultramontanen und liberalen 
Partei leidenschaftlich fortgeführt wird. 21 

IV. Germanische Staten auszer Deutschland. 

1. Eine eigentümliche Entwicklung hat das constitutio- 
nelle System in dem scandinavischen Norden erfahren. Zu- 
nächst in Schweden, dessen Reichstag seit dem XVI. Jahr- 
hundert aus vier Ständen zusammengesetzt war, welche vier 
gesonderte Stimmen hatten, nämlich: die Ritterschaft und 
der Adel, die Geistlichkeit, die Bürgerschaft und die 
Bauerschaft. 0 efter hatten sich die Könige auf die beiden 

21 Lehrreich ist die Geschichte der Gründung der constitutione]len 
Monarchie in Belgien von Theodor Juste. 1850. 2 Bde. 



Vierz, Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung- etc. 469 

letzteren Stände vorzüglich gegen die grosze Macht des Adels 
stützen müssen , der auszerhalb der Reichsstände in dem aus- 
schlieszlich aus ihm bestellten Reichsrat he (Statsrath und 
Ministerien) das wichtigste Organ seines Einflusses besasz. 
Erst Gustav III. brach dieses Ueb ergewicht der Aristokratie, 
welche die Existenz der Krone und die Sicherheit des Landes 
bedroht hatte, und eröffnete auch (1789) nicht adeligen Per- 
sonen den Zutritt zu den oberen Reichsämtern, nur die „höch- 
sten und vornehmsten Aemter des Reiches und Hofes" noch 
ausgenommen. 

Die Verfassung Schwedens vom 7. Juni 1809 22 ist eine 
Fortbildung der früheren Verfassung von 17 7 2. 23 Mit beson- 
derer Ausführlichkeit und Sorgfalt , und mehr als in den übri- 
gen Constitutionen der neueren Zeit sind in derselben der 
königliche Statsrath und die vier Statssecretäre be- 
handelt. Die Ernennung auch zu diesen Stellen ist nicht 
mehr auf den Kreis des Adels eingeschränkt. Die Reichs- 
' stände, ohne deren Mitwirkung und Zustimmung der König 
weder die Verfassung ändern, noch Gesetze geben, noch neue 
Steuern erheben darf, war noch vor kurzem in vier Stände 
getheilt. Die Mehrheit dreier Stände war in der Regel für 
den vierten bindend, bei Verfassungsgesetzen aber Einigkeit 
aller vier Stände und des Königs erforderlich. 

Diese Verfassung schlosz sich in manchen Beziehungen 
noch näher an die auch in Deutschland im Mittelalter be- 
standenen Grundlagen der ständischen Verfassungen an. Die 
Schwierigkeit aber, bei dieser Viergliederung der Stände einen 
einheitlichen Nationalwillen zu Stande zu bringen, war wohl 
eine Hauptursache, weszhalb dieselbe auszerhalb Schwedens 
wenig Beachtung und keine Nachbildung fand , obwohl sie in 
andern Beziehungen mancherlei Vorzüge vor vielen andern 
modernen Systemen besitzt. Im Jahr 1865 kam endlich auch 

22 Schubert, Verf. . II , S. 368. 

23 Schubert, Verf. II, S. 34P. 



470 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



in Schweden das Zweikammersystem im Gegensatz zu dem 
Vierständesystem zur Geltung, nach Analogie der andern con- 
stitutionellen Staten. 

2. Weit demokratischer ist die Verfassung Norwegens 
vom 4. November 1814. Der König von Schweden, welcher 
durch die Friedensschlüsse auch zum Könige von Norwegen 
bezeichnet worden , war durch die Verhältnisse genöthigt, die 
Verfassung im wesentlichen so anzuerkennen, wie dieselbe 
im Frühjahr des nämlichen Jahres von dem norwegischen 
Reichstag zur Sicherung der Selbständigkeit des Landes und 
der Freiheit seiner Bürger festgesetzt worden war. Die Ge- 
setzgebung wird hier „dem Volke" zugeschrieben und durch 
das „St orthing" ausgeübt (Art. 49). Dem Könige steht 
zwar das Recht der Sanction zu, aber wenn ein nicht geneh- 
migtes Gesetz zum drittenmale von dem Storthing gutgeheiszen 
wird, darf er die Sanction nicht mehr verweigern. Das ganze 
Storthing wird durch Wahl der norwegischen Bürger (mei- 
stens Grundbesitzer) gebildet, theilt sich dann aber in zwei 
Kammern das sogenannte „Lagt hing" und das „Odels- 
thing." Die ausübende Gewalt gehört dem Könige, unter 
der Verantwortlichkeit seines Käthes. Vergeblich waren die 
seitherigen Versuche, die königliche Macht zu erweitern, und 
eine politische Aristokratie einzuführen. Die Demokratie der 
freien Bauern und der Bürger widersetzte sich beiden Ten- 
denzen beharrlich, und die Eifersucht der Norweger auf ihre 
Unabhängigkeit von Schweden stärkte diesen Widerstand. 24 

3. Die dänische Revolution von 1660 war gegen den 
Adel gerichtet und hatte mit Hülfe des Bürgerthums die ab- 
solute Monarchie eingeführt. In unserm Jahrhundert wurde 
auch in Dänemark die Wandlung in die constitutionelle Mon- 
archie vollzogen, zuerst in der noch unzureichenden Form 
von Provinzialständen (Gesetz vom 28. Mai 1831), dann in 

2* Schubert, Verf. II, S. 404 ff. Vgl. den Art, Norwegen im 
d eutsclien Statswörterbucli . 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 471 



dem Grundgesetz vom 5. Juni 1849 in demokratischer Eich- 
tling. Die Verfassungsstreitigkeiten der Dänen mit den Deut- 
schen bezogen sich weniger auf den Gegensatz der Verfassungs- 
form als auf den Gegensatz der Nationalitäten. Indessen auch 
da kam es im Juni 1866 zu einer Verfassungsrevision, welche 
von dem König mit dem Reichsrath (Landsthing und Volks- 
thing) vereinbart wurde. 

4. In dem neugestifteten Königreiche der Niederlande, 
welches nach der Auflösung des Napoleonischen Kaiserreichs 
an die Stelle der alten Republik der Vereinigten Staten und 
des späteren Napoleonischen Königreichs Holland getreten 
war, wurde die constitutionelle Monarchie ebenfalls eingeführt 
(Verfassung vom 28. März 1814 und nach der Vereinigung 
mit Belgien vom 24. August 1815). Die neue Verfassung vom 
14. Oct. 1848 war ein Fortschritt in derselben Richtung und 
der constitutionelle Geist ist neuerdings auch in Holland er- 
starkt. 

V. Deutsche Staten. 

1. Das alte „römische Reich deutscher Nation" hatte in 
den letzten Jahrhunderten seines Bestandes zwar die leere 
Form einer kaiserlichen Monarchie beibehalten, aber das 
Kaiserthum war eine machtlose Würde. Alle wirkliche Macht 
war bei den Landesherrn, unter denen der Kaiser selber als 
Herr von Oesterreich und König der mit Oesterreich ver- 
bundenen fremden Länder nur durch diese Hausmacht an- 
gesehen und stark war. 

In den einzelnen Territorien aber hatte die landesherr- 
liche Fürstenmacht die früheren landständischen Schranken 
fast alle durchbrochen und beseitigt und sich zu absoluter 
Statsherrschaft erhoben. Die überlieferte Idee dieses, ur- 
sprünglich aus erblich gewordenen Reichsämtern entstandenen 
Fürstenthums , war nach der Weise des Mittelalters halb theo- 
kratisch, halb patrimonial, aber erweitert durch den romani- 
schen Begriff der Souverän etat , der nur insofern noch eine 



472 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



schwache Schranke fand, als die deutschen Reichsfürsten ihrer 
Zugehörigkeit zum Reich bewuszt und einiger Maszen vor den 
Reichsgerichten (Reichskammergericht und Reichshofrath) Rede 
zu stehen genöthigt waren. 

2. Die Wendung erfolgte von dem Königreich Preuszen 
aus. Wie Oesterreich aus dem deutschen Reiche heraus zu 
einer selbständigen europäischen Groszmacht heranwuchs, die 
mit Frankreich rivalisirte, so entstand im Norden von Deutsch- 
land ein neuer Statskörper, der im Kampfe gegen das mittel- 
alterliche Reich, aber im Geiste der deutschen Nationalität 
sich rasch und kühn ausbreitete. Stützte sich das österreichi- 
sche und katholische Haus Habsburg, später Lothringen, vor- 
züglich auf die römische Kaiserwürde, das herkömmliche Recht, 
den Klerus, den Adel und eine aus mancherlei Volksstämmen 
gemischte Armee, so wurde das protestantische Haus Hohen- 
zollern der Repräsentant und Schirmherr der modernen Ent- 
wicklung des deutschen Geistes und der Volksfreiheit. 

Friedrich der Grosze von Preuszen (1740 — 1778) ver- 
dient in Wahrheit als der geistige Vater der modernen con- 
stitutionellen Monarchie für den Continent geehrt zu werden. 
Hätten die Völker ihn besser verstanden und die Fürsten ihm 
mehr gefolgt, so hätte sich der Uebergang aus der absoluten 
in die constitutionelle Statsform leichter vollzogen. Niemand 
hat energischer als er den Satz bekämpft, dasz der König 
der Herr des States sei, niemand bestimmter ausgesprochen, 
dasz das Königthum ein Statsamt und der König der oberste 
Diener des States sei. Die ganze mittelalterliche Lehre von 
dem göttlichen Recht und der Eigenthumsherrschaft der Kö- 
nige hat er entschieden verworfen. Wenn er dessen unge- 
achtet weder die alte ständische Verfassung erneuerte, noch 
eine neue repräsentative schuf, sondern die ererbte absolute 
Gewalt fortsetzte, so erklärt sich das genügend daraus, dasz 
sein Volk politisch noch sehr unreif und er persönlich dem- 
selben allzusehr überlegen war. Aber er bereitete die künf- 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsfoimen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehur.g- etc. 473 



tige constitutionelle Monarchie vor: a) durch die energische 
Durchführung des Princips, dasz Königsrecht Statspflicht sei, 
b) durch seine Gesetzgebung über das öffentliche Recht 
(Preuszisches Landrecht) , c) durch die strenge Gewöhnung aller 
Statsbeamten an statliche Pflichtübung. 

Die französische Revolution lenkte eher von dem Wege 
ab, auf den der grosze König gewiesen hatte, indem sie die 
deutschen Fürsten mit Furcht und Hasz erfüllte und in den 
Völkern zu radicaler Uebertreibung reizte. 

3. Die Verfassungen, welche in der Rheinbundsperiode 
zu Stande kamen, hauptsächlich auf den Antrieb des Protec- 
tors des Rheinbundes, Napoleon's L, konnten insofern als 
eine Uebergangsstufe zu der constitutionellen Monarchie die- 
nen, als sie mit den Resten der alten Landstände aufräum- 
ten, in Einer Urkunde die Grundgesetze zusammen faszten 
und eine Art von Repräsentation — freilich eine kümmerliche 
und ohnmächtige — des Grundbesitzes , der Industrie und der 
höheren Bildung versprachen. 

4. Als der grosze Befreiungskampf, zu dem sich die Na- 
tion opfermuthig erhoben hatte, die Fremdherrschaft brach, 
war ein günstiger Moment da, um die moderne Statsordnung 
in nationalem und freiem Geiste durchzuführen. Die wenigen 
groszen Statsmänner, die Deutschland hatte, Stein, Hum- 
boldt, anfangs auch Hardenberg wollten es. Der König 
Friedrich Wilhelm III. von Preuszen hatte seine Geneigt- 
heit 'dazu öffentlich ausgesprochen. Aber durchweg war die 
absolutistische Gesinnung der deutschen Dynastien, der vor- 
nehmen Kreise der Gesellschaft, des Beamtenthums so über- 
mächtig, die antirevolutionäre Stimmung so misztrauisch gegen 
alle modernen Ideen, und so befangen in romantischen Phan- 
tasien, und die politische Bildung des Volkes so unreif, dasz 
in dem deutschen Bunde und in den souveränen (groszen 
mittleren und kleinen) Monarchien, die sich in die Be- 
herrschung der deutschen Nation getheilt hatten, ein nur 



474 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



wenig von landständischen Erinnerungen beschränkter Abso- 
lutismus herrschend wurde. Die deutsche Bundesacte vom 
8. Juni 1815 verhiesz in Artikel 13: „In allen Bundesstaten 
wird eine landständische Verfassung Statt finden." Ausdrück- 
lich verwahrten sich die Oesterreichischen Statsmänner da- 
gegen, dasz damit die „repräsentative oder constitutionelle 
Monarchie" gemeint sei. 

Nur ausnahmsweise versuchte man's, in einigen Staten. 
eine Art constitutioneller Monarchie, in Nachahmung der fran- 
zösischen Charte, aber durch landständische Ueberlieferung 
modificirt, einzurichten. Das Herzogthum Nassau ging vor- 
aus, aber ohne nachhaltige Kraft (Verf. vom 2. Septbr. 1814). 
Dann folgte Luxemburg (Verf. vom 24. August 1815) und vor- 
züglich das Groszherzogthum Sachsen-Weimar- Eisen ach 
(5. Mai 1816), dessen Fürst, Karl August — eine seltene 
Erscheinung — persönlich der freieren Verfassung zugethan war. 

Wichtiger war es, dasz die süddeutschen Mittelstaten, 
die Königreiche Bayern (Verf. vom 26. Mai 1818), Würt- 
temberg (25. Septbr. 1819), wo der Widerstand der alten 
Landstände vorerst durch die weitsichtigere Regierung zu über- 
winden war, und das Groszherzogthum Baden (22. August 

1818) nun zu der constitutionellen Monarchie übergingen und 
gerade in dieser Wandlung eine Stärkung erkannten gegen- 
über dem Drucke der deutschen absolut regierten Groszstaten. 

Es folgte dann das Königreich Hannover (17. Decbr. 

1819) , das Groszherzogthum Hessen (17. Decbr. 1820) und 
Sachsen-Meiningen (23. August 1829). 

In allen diesen Verfassungen ist die Monarchie mit einer 
reichen Fülle von Rechten ausgestattet. Auf der conserva- 
tiven Natur des deutschen Volks Charakters konnte sie sicherer 
ruhen als in Frankreich, und wenn sie nur einigermaszen 
verstand, die Zeitideen zu erfassen und in liberaler Richtung 
vorzugehen, so wurde ihr die Leitung der öffentlichen Dinge 
vertrauensvoller überlassen, als irgend anderwärts. 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 475 



Bei der Bildung der Kammern ahmte man das englische 
und das französische Vorbild nach. Aber die Ersten Kammern 
wurden vorzugsweise auf den Grundadel gebaut, dessen An- 
sprüche und Ansichten groszentheils einer untergegangenen 
Weltordnung angehörten , auch wohl mit abhängigen Dienern 
der Höfe ergänzt, so dasz sie deszhalb nicht zu rechtem An- 
sehen und gedeihlicher Wirksamkeit gelangen konnten. Die 
Zweiten Kammern wurden dagegen weniger plutokratisch be- 
setzt, als in Frankreich. Weil sie sich meistens an die von 
Alters hergebrachten Stände anschlössen, so hat man diese 
Verfassung auch oft mit Emphase als eine „ständische und 
keine repräsentative" bezeichnet. Aber mit Unrecht; denn 
nicht das ist der Charakter der Repräs entativverfassung 
im Gegensatze zu der mittelalterlichen ständischen, dasz 
in jener die verschiedenen Stände des Volkes nicht berück- 
sichtigt werden dürfen, sondern dasz die Stellvertretung in 
jener, auch wenn sie nach Ständen oder Gassen gegliedert 
ist, dennoch vornehmlich eine nationale sei, und die Ein- 
heit des Volkes und des States, nicht die Gespalten- 
heit derselben in die Sonderinteressen der Stände darstelle. 
Dieses Princip ist aber z. B. in der bayerischen Verfassung 
von 1818 ausdrücklich anerkannt, indem die Abgeordneten 
schwören müssen: „nur des ganzen Landes allgemeines W^ohl 
und Beste ohne Bücksicht auf besondere Stände oder Gassen 
nach Ueberzeugung zu berathen." 

Die Entwicklung der constitutionellen Monarchie wurde 
noch während Jahrzehnten hauptsächlich durch die beiden 
deutschen Groszstaten gehemmt, deren Regierungen sich gegen 
diese Statsform entschieden misztrauisch und abgeneigt ver- 
hielten. In Preuszen verliefen die Beformbestrebungen im 
Sand. Anstatt der verheiszenen Repräsentation des Volks 
kam es zuletzt (1823) nur zu berathenden Provincial- 
ständen. Die österreichische Regierung glaubte die 
Einheit des zusammengesetzten Statswesens nur durch die 



476 



Sechstes Buch. Die Statsfoimen. 



absolute Gewalt erhalten zu können. Fast die ganze Wirk- 
samkeit des deutschen Bundes war darauf gerichtet, das 
sogenannte „monarchische Principe möglichst absolut zu be- 
wahren und die Völker polizeilich zu bevormunden. 

5. Die französische Julirevolution von 1830 hatte auch 
in Deutschland neue Bewegungen zur Folge, und wieder 
wurden eine Reihe deutscher Staten, mittlere und kleinere 
bestimmt, das constitutionelle System einzuführen. Das Kur- 
fürstenthum Hessen erhielt am 5. Januar 1830 eine Ver- 
fassung, welche die Volksfreiheiten gegen die fürstliche Will- 
kür zu schützen bedacht war; das Königreich Sachsen be- 
kam eine der bayerischen nachgebildete Verfassung (vom 
4. September 1831); das Königreich Hannover erhielt 
(26. September 1833) ein neues constitutionelles Statsgrund- 
gesetz, welches jedoch von dem nächstfolgenden Könige Ernst 
August nicht anerkannt wurde, und erst 1840 in modificirter 
Gestalt wieder ins Leben trat. 

Es erweiterte sich so, wenn auch von den Regierungen 
zuweilen eher dem Scheine nach als in Wahrheit geachtet, 
durch die ausgebildete Schreiberei der Bureaukratie vielfach 
verdorben, durch die Parteien innerhalb und auszerhalb der 
Ständeversammlungen nicht selten miszbraucht und entstellt, 
das constitutionelle Statsrecht doch fortwährend auch 
in Deutschland, während die beiden deutschen Groszmächte 
sich noch immer demselben abgeneigt zeigten. 

6. Endlich erliesz der König Friedrich Wilhelm IV. 
von Preuszen das Patent vom 3. Februar 1847, durch welches 
auf der Unterlage der Provincialstände ein „vereinigter 
Landtag" für Preuszen gebildet, und demselben der Beirath 
für die Landesgesetzgebung, ein Zustimmungsrecht für neue 
Steuern, und ein Petitionsrecht in innern Angelegenheiten 
zugesichert wurde. Dadurch trat Preuszen aus der Classe der 
absoluten in die der beschränkten Monarchie über, und näherte 
sich den deutschen Repräsentativstaten bedeutend. Der An- 



Vicrz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 477 

fang einer modernen Statsentwicklung war gegeben, und es 
war sogar ein Vorzug dieser Verfassung, dasz sie an die be- 
stehenden Verhältnisse anknüpfte und nicht blosz die bisher 
übliche Form der constitutionellen Monarchie nachahmte. 
Freilich waren die Rechte des Landtags nur kümmerlich und 
ungenügend bedacht. Aber die Möglichkeit der Fortbildung 
war gegeben, und die Mängel der Verfassung hätten sich auf 
organische Weise im Zusammenhang mit der politischen Er- 
ziehung auch des Volkes nach und nach heben lassen. Leider 
trat die Regierung auch den gerechten Wünschen des Land- 
tags in einer Weise entgegen, welche ihr das Vertrauen auch 
der gemäszigten Parteien entzog. Und als das politische Erd- 
beben von 1848 Europa erschütterte, stürzte der neue Bau 
haltlos zusammen. Preuszen erhielt darauf am 5. October 1848 
eine Verfassung, welche zu groszem Theile das Werk der de- 
mokratischen, von den Wogen der Revolution getragenen Partei 
war. Nur mit Hülfe eines von dem Könige octroyirten Wahl- 
gesetzes vom 30. Mai 1849 gelang es, die revidirte Ver- 
fassung vom 31. Januar 1850 im Einverständnisz der drei 
Factoren durchzusetzen. Seither sind noch einige wesentliche 
Veränderungen hinzugekommen, vorzüglich zur Verstärkung 
der Autorität. Trotz wesentlicher Mängel dieser Verfassung 
war nun für das constitutionelle Leben von Preuszen eine 
neue statsrechtliche 25 Grundlage gewonnen. 

Die wechselnden Ereignisse der folgenden Jahre zeigten 
freilich , dasz mit der Form der Verfassung noch nicht sofort 
der Geist derselben allgemeine Anerkennung fand. Das ari- 
stokratische Herrenhaus, dessen Zusammensetzung den frühern 
Vertretern des Absolutismus und der ritterschaftlichen Ro- 
mantik allzu freigebig Vorschub geleistet hatte, bequemte sich 
nur widerwillig; dem an Selbstherrlichkeit gewöhnten König- 
thum fiel es schwer, sich in die veränderte Lage zu fügen 

25 Die Urkunde bei Zachariä, die deutschen Verfassungsgesetze 
der Gegenwart, S. 74 ff. 



478 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



und sich von dem modernen Geiste des Volkskönigthums er- 
füllen zu lassen; die Volksvertretung endlich konnte sich auch 
nur allmählich der Grenzen ihrer Macht und der groszen 
Unterschiede bewuszt werden zwischen dem englischen Par- 
lamentarismus und der preuszischen Statsregierung. Aber 
während der zähen und erbitterten Kämpfe zwischen Reform 
und Reaction, Autorität und Volksfreiheit trieb die neue Ver- 
fassung doch tiefere Wurzeln , und nach und nach fanden sich 
alle Gegensätze in der Pflicht gegen den wachsenden deut- 
schen Stat zusammen. Im Feuer des deutschen Krieges von 
1866 wurden die harten Widersprüche geschmolzen und die 
Einigung vollzogen. 

7. Auch Oesterreich wurde von der Revolution des 
Jahres 1848 unvorbereitet überfallen. Die einzelnen Völker, 
welche bisher durch die habsburgische Dynastie zusammen- 
gehalten waren, versuchten sich loszureiszen , und in dem 
Centrum der Monarchie, in Wien, regierte eine Weile die 
unerfahrene schwärmerische Jugend. Nur in der Armee, sonst 
nirgends mehr war Einheit, in ihr auch der letzte Halt der 
Monarchie. Die Siege der Armee aber verschafften den öster- 
reichischen Statsmännern wieder die Möglichkeit, die Zügel 
der Regierung zu ergreifen , und im Gedränge der innern und 
äuszern Gefahren unternahmen sie den Aufbau eines neuen 
enger verbundenen Gesammtstates. Durch die octroyirte Ver- 
fassung vom 4. März 1849 wurde ein erster Versuch gewagt 
einer Organisation des Reiches nach den Grundsätzen der 
constitutionellen Monarchie. Aber die Schwierigkeiten, so 
verschiedene Völker, die überdem noch auf verschiedenen 
Culturstufen stehen, in Einer Reichsversammlung zu einigen, 
schienen damals so unüberwindlich, und das Bedürfhisz nach 
einer einheitlichen und dilatorischen Regierungsgewalt nach 
der überwältigten Auflehnung Ungarns so stark, dasz es nicht 
zur Ausführung jener Verfassung kam. Hatten zuvor die ver- 
schiedenen österreichischen Staten ihre Einheit wesentlich in 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 479 

der herrschenden Dynastie gefunden, so sollte auch für die 
nächste Zeit die einheitliche Statsmacht über das ganze ge- 
einigte Reich ausschlieszlich der Person des Kaisers anver- 
traut bleiben. Durch das kaiserliche Patent vom 20. August 
1851 wurde bestimmt, dasz die Minister nur dem Throne ver- 
antwortlich seien, durch das Cabinetsschreiben vom 20. Au- 
gust 1851 der Reichsrath in einen Rath der Krone umge- 
wandelt, und durch das Patent vom 31.December 1851 wurden 
die constitutionelle Verfassung und die Grundrechte von 1849 
aufgehoben. In dem Cabinetsschreiben endlich vom 31. De- 
cember 1851 wurden in den Kronländern berathende Aus- 
schüsse des grundbesitzenden Erbadels, der übrigen Grund- 
besitzer und der Industriellen in Aussicht gestellt, 26 aber in 
Wahrheit das System der absoluten Monarchie wiederhergestellt. 
Mit Hülfe eines maschinenartig zu bewegenden Beamten- 
systems übte dieselbe die Regierungsgewalt aus und stützte 
sich dabei in geistiger Hinsicht auf das Wohlwollen des ka- 
tholischen Klerus und in materieller auf die starke Armee. 

Seit dem Jahre 1858 hatte die absolutistische Politik in 
Preuszen, Bayern, Baden, Württemberg, Kurhessen u. s. f. 
eine Reihe von Niederlagen erlitten und Oesterreich erfuhr 
es in dem Italienischen Kriege von 1859, dasz die drei ein- 
zigen Stützen der absoluten Politik, die Bureaukratie , die 
Armee und der Klerus in der Krisis ohnmächtig werden. 
Wiederum sah die kaiserliche Regierung die einzig-mögliche 
Rettung aus ihrer Finanznoth und aus ihrer politischen Ver- 
kommenheit in der Gewährung der Repräsentativverfassung 
und der Umwandlung der absoluten in die constitutionelle 
Monarchie. Das kaiserliche Diplom vom 20. October 1860 
verkündete diesen Entschlusz und das Grundgesetz vom 26. Fe- 
bruar 1861 suchte denselben auszuführen. 

Die Machtstellung der Oesterreichischen Monarchie sollte 

2« Zachariä, d. Verf. S. 62 ff. 



480 



Sechstes Buch. Die State formen. 



nach der Erklärung der Diplome ihre Ausgleichung finden 
mit „dem geschichtlichen Rechtsbewusztsein ihrer verschiede- 
nen Königreiche und Länder." Die „historischen Völkerindi- 
viduen" sollten ihre Landtage haben mit beschränkter Auto- 
nomie und hinwieder in dem gemeinsamen Reichstag 
zusammenwirken bei der Gesetzgebung des Reichs und der 
Controle der Reichsregierung. Die Verfassung selbst unter- 
schied hinwieder einen W eitern Reichstag für die Ge- 
sammtmonarchie und einen Engern Reichstag, vorzüglich 
für die westlichen Länder. Indessen auch diese Verfassung 
gelangte nur zu einem Versuche des Lebens, nicht zu wirk- 
lichem Leben, da sich die Ungarn weigerten, den Reichstag 
zu beschicken. 

Wiederum wurde die Wirksamkeit des Reichstages am 
20. Sept. 1865 durch eine einseitige kaiserliche Erklärung 
sistirt und von neuem die Reichsregierung ohne Controle des 
Reichstages geführt. Erst das neue Kriegsunglück des Stats 
brachte im Jahre 1866 wieder einen Umschwung zu Stande. 
Nach der Niederlage von Königsgrätz und dem Frieden mit 
Preuszen von Prag wurde ernstlicher wie bisher von der kai- 
serlichen Regierung mit den Ungarn unterhandelt, die nicht 
gesonnen waren, ihre alt - hergebrachten verfassungsmäszigen 
Rechte aufzugeben und gegen eine octroyirte Verfassung des 
Kaiserthums auszutauschen. Erst als ihnen die Rechtscon- 
tinuität nicht blosz der ungarischen Verfassung , sondern 
ebenso der ungarischen Gesetze von 1848 und die fortdauernde 
Selbständigkeit des Königreiches wieder zugestanden ward, 
mit Kraftloserklärung aller inzwischen versuchten Eingriffe, 
lieszen sie sich herbei, ihren Frieden mit der Krone zu machen. 
Damit aber war wieder der Dualismus des Reichs hergestellt. 
Dem ungarischen Reichstage und Ministerium trat nun wieder 
ein österreichischer Reichstag und ein österreichisches Mini- 
sterium für die Länder dieszseits der Leitha an die Seite. 
Eine Reihe neuer Verfassungsgesetze von 1867 ordnete die 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 481 



Verantwortlichkeit der Minister, die Reichsvertretimg, die 
Rechte der Statsbürger, die Rechtspflege und die Regierungs- 
gewalt. Auch für sie muszte die sistirte Verfassung, soweit 
sie noch anwendbar war, hergestellt werden. Die beiden 
Reichstage suchten dann nach einer ausgleichenden Delegir- 
tenversammlung, welche in Verbindung mit den beiden geniein- 
samen Ministern für das Auswärtige und die Finanzen eine 
Einigung in der Politik der gesammten Monarchie herzustellen, 
die Aufgabe erhielt. Ob diese vermittelnde Einrichtung auf 
die Dauer so bestehen werde, das mag noch zweifelhaft sein; 
aber das ist sicher, dasz weder Ungarn, noch Deutsche und 
Böhmen geneigt sind, sich die absolute Monarchie länger ge- 
fallen zu lassen, und dasz alle diese Nationen, wenn auch 
in verschiedenen Formen eine constitutionelle Monarchie mit 
Einflusz und Controle der Volksvertretung entschieden ver- 
langen. 

7. Der Versuch, die repräsentative Verfassungsform, 
welche seit der Revolution von 1848 in allen deutschen Län- 
dern als die noch einzig mögliche Form der Monarchie pro- 
clamirt worden war, auch auf den deutschen Bund als 
einen Gesammtstat überzutragen, führte zu der deutschen 
Reichsverfassung vom 28. März 1849, welche zunächst ganz 
Deutschland auszer Oesterreich unter einem Deutschen mit 
der preuszischen Königskrone verbundenen Erbkaiserthum, 
zusammen faszte, den Einzelstaten eine Repräsentation in einem 
Statenhaus einräumte und dem deutschen Volk eine Vertretung 
in einem Volkshause zusicherte. Indessen diese Verfassung 
gelangte nicht zur Wirksamkeit. Oesterreich verwarf diese 
Lösung der deutschen Frage und bereitete sich zur Bekämpfung 
derselben vor; der König von Preuszen nahm die Kaiserkrone 
nicht aus den Händen der Nationalversammlung; auch Bayern 
weigerte seinen Beitritt. Die deutsche Nation war nicht ent- 
schlossen genug, für die Verfassung einzustehen. Die dynasti- 
schen und particularistischen Kräfte waren stärker als das 

Bluntschli, allgemeine Statslehre. 31 



482 



Sechstes Buch. Die Statsformem 



nationale Bewusztsein. Auch alle spätem Versuche besonders 
Preuszens einen engern Bund als constitutionelle Monarchie 
zu gestalten, scheiterte an dem Widerstand jener Kräfte. Erst 
der deutsche Krieg von 1866 überwand die zähen Hindernisse, 
welche Oesterreich und die Dynastieen erhoben hatten. 

Die Verfassung des norddeutschen Bundes vom 
16. April 1867 kann nur mit einigen Vorbehalten und Be- 
schränkungen als constitutionelle Monarchie bezeichnet wer- 
den. Allerdings wird die Hauptleitung der gemeinsamen Bun- 
despolitik von dem jeweiligen Könige von Preuszen als 
erblichem Bundespräsidium und geborenen Bundes- 
feldherrn in Gemeinschaft mit dem von dem Bundeshaupte 
ernannten Bundeskanzler, welcher verantwortlich ist, aus- 
geübt. Die eigentliche Verwaltung wird von dem Bundes- 
kanzleramte besorgt, das dem Bundeskanzler untergeordnet 
ist. Insofern ist die Vollzugsgewalt des Bundes constitutionell- 
monarchisch organisirt. Hinwieder ist das Bundeshaupt be- 
schränkt sowohl durch den Bundesrath, in welchem die 
Regierungen aller verbündeten Staten Sitz und Stimme haben 
als durch den Reichstag als Vertretung des deutschen 
Volkes, welcher gemeinsam mit dem Bundesrath die gesetz- 
gebende Gewalt ausübt und welchem auch eine Controle der 
Bundesverwaltung zukommt. 

Die deutsche Reichsverfassung vom 16. April 1871 
hat den monarchischen Charakter des Reichs noch durch die 
Majestät des deutschen Kaisertitels erhöht. Aber auch 
heute noch hat der deutsche Kaiser nur ein sehr beschränktes 
Veto gegenüber einzelnen militärischen und financiellen Reiehs- 
gesetzen, nicht einen selbständigen unmittelbaren Antheil an 
der Gesetzgebungsgewalt ; und heute noch erscheint der Bun- 
desrath nicht blosz als ein Reichssenat mit gesetzgeberischen 
Befugnissen, sondern als ein Institut zur Mi tregi er ung des 
Reichs, die sich insofern wieder als Collectivregierung 
sämmtlicher deutschen Fürsten und Landesobrigkeiten dar- 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 483 



stellt; und daher noch etwas von Aristokratie an sich hat. 
Die Mischung verschiedenartiger Verfassungsprincipien in dem 
deutschen Keiche, welche vor zwei Jahrhunderten Pufendorf 
als monströs erklärt, ist auch in der heutigen Reichsverfassung 
noch nicht völlig geklärt. Aber trotz dieser geschichtlich- 
politischen Besonderheiten ist die Lebensfähigkeit und die 
Thatkraft des deutschen Reichs bewährt, Wenn Einheit und 
Macht der monarchischen Regierung und anerkannte Volks- 
rechte und Volksfreiheiten das Wesen der constitutionellen 
Monarchie bilden , so musz die deutsche Reichsverfassung als 
eine eigenthümliche Form dieser Statsgattung anerkannt werden. 



Fassen wir die Resultate zusammen: 

In West-Europa hat das System der repräsentativen 
oder der constitutionellen Monarchie das entschiedenste 
Ueb ergewicht erlangt. Fast in allen Staten der civilisirten 
europäischen Völker werden nicht blosz das Privatrecht der 
Bürger , sondern auch politische Rechte der Volksmenge und 
ihrer Classen anerkannt und Stellvertreter derselben zur Mit- 
wirkung bei der Gesetzgebung zugezogen. Die europäische 
Monarchie ist nicht mehr eine unbeschränkte und absolute 
Gewalt, sondern eine durch das Recht auch der Unter- 
thanen beschränkte oberste Rechtsmacht. 

Aber im Uebrigen sind die Verfassungsformen noch sehr 
verschieden. 

In England ist das Königthum von einer mächtigen 
Aristokratie umgeben, und die thatsächliche Leitung mehr 
von den Mehrheiten der Parlamentshäuser und den ihnen ver- 
antwortlichen Ministern als von dem individuellen Willen des 
Königs abhängig. Auf dem Continente dagegen gibt es 
nirgends mehr eine so angesehene Aristokratie. Vielmehr 
kommt da neben dem monarchischen das demokrati- 
sche Element vorzüglich in Betracht; das aristokratische hat 



484 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



da nur eine ermäszigende und vermittelnde Bedeutung. Die 
continentalen Verfassungskämpfe sind Strebungen dieser mäch- 
tigen Elemente, das richtige Verhältnisz zu einander und zum 
Ganzen zu finden. Die ausschlieszliche Geltung des einen 
und die völlige Unterdrückung des andern wurde oft versucht, 
aber immer wieder erhob sich das entgegengesetzte Element 
von momentanem Fall. Die constitutionelle Monarchie des 
Continents strebt offenbar eine organische Gestaltung an, 
welche allen Theilen des Gesammtkörpers ihr Hecht gebe, der 
Monarchie die Fülle der Macht und Hoheit, den aristokrati- 
schen Elementen Würde und Autorität, dem Demos Frieden 
und Freiheit. 

Ueberall auf dem Continent, vorzüglich aber in Frank- 
reich und in Deutschland ist die Monarchie nicht blosz 
der äuszern Form nach , sondern der ganzen Anlage des Ver- 
fassungskörpers nach die active Hauptmacht. Sie wird nur 
dann gehemmt durch die unberechenbare, aber in der Kegel 
ruhende Macht der öffentlichen Meinung, wenn sie in Wider- 
spruch tritt mit den Instincten der Nation und mit der Strö- 
mung der Weltgeschichte. In Harmonie mit denselben aber 
ist sie viel stärker als die Aristokratie , welche entweder wie 
in Deutschland ihr gegen gewisse Vortheile zu dienen bereit 
ist, oder wie in Frankreich in Ohnmacht murrt, und selbst 
als die Vertretung des ganzen übrigen Volks, welche nur die 
Eegierung controliren, aber nicht selber regieren will. In 
Frankreich aber stützte sich die bourbonische Monarchie mehr 
auf die Zustimmung der reichen Bürgerclassen , die Napoleo- 
nische mehr auf die groszen Volksmassen, in den deutschen 
Länderstaten stützt sie sich mehr theils auf die Statsmittel 
des Beamtenthums, welches hinwieder die Monarchie am mei- 
sten beschränkt, theils auf die Armee, in dem deutschen Beich 
auf die Unterstützung der groszen Volksclassen und die Mit- 
wirkung der Landesregierungen. Zu einer befriedigenden 
Organisation des Demos ist es aber noch nirgends gekommen. 



Vierz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 1. Entstehung etc. 485 

obwohl Anfänge dazu allenthalben vorhanden sind. Erst wenn 
diese gelungen sein wird, und erst wenn auch die Dynastien 
die mittelalterlichen Vorurtheile abgestreift und den modernen 
Statsgeist völlig aufgenommen haben werden, ist der viel- 
jährige Widerstreit zur Versöhnung und die organisch be- 
schränkte moderne Monarchie, welche die Einheit des Ganzen 
mit der Freiheit aller Theile verbinden und den romanischen 
Statsgeist mit dem germanischen Freiheitsgefühl zur Harmo- 
nie zusammenstimmen will, zu sicherem Dasein gelangt. 

Anmerkung. In einer Schrift, welche in den höchsten Kreisen 
der Gesellschaft vielfältig mit Beifall aufgenommen worden ist, unter 
den gebildeten Mittelklassen aber allgemeine Miszbilligung erfahren hat: 
„Die Vortrefflichkeit der constitutionellen Monarchie für England und die 
Unbrauchbarkeit der constitutionellen Monarchie für die Länder des eu- 
ropäischen Continentes •, Hannover 1852" — hat sich Gustav Zimmer- 
mann, der seither in Hannover zu einer für den Fürsten und das Volk 
beklagenswerthen Wirksamkeit gelangt ist, über das auf dem Titel aus- 
gesprochene Thema näher erklärt. Ich betrachte diese Schrift als ein 
absolutistisches Gegenstück einer fruchtbareren radicalen Litteratur über 
die constitutionelle Monarchie. Wie diese sehr häufig, so hat auch Gust. 
Zimmermann seinen Begriff der constitutionellen Monarchie lediglich von 
den äuszern Formen und Maximen der englischen Verfassung abgezogen. 
Wenn er dann behauptet, dasz dieser abgezogene Begriff auf dem Con- 
tinent nicht anwendbar sei, weil in England seine innern Widersprüche 
und Mängel durch den historischen Zusammenhalt und die Interessen der 
herrschenden Aristokratie vermittelt und verbessert, hier aber durch die 
demokratische Erfüllung gesteigert werden, so hat er darin nicht Un- 
recht. Aber der parlamentarische Constitutionalismus in England darf 
nicht mit der Idee der constitutionellen Monarchie verwechselt werden. 
Jener ist der erste groszartige und trotz der logischen Fehler glückliche 
Versuch ihrer Verwirklichung, nicht ihre Vollendung. Man kann die 
Unanwendbarkeit des englischen Parlamentarismus auf den Continent 
zugeben und doch für diesen die Brauchbarkeit der constitutionellen 
Monarchie, d. h. der Monarchie fordern, welche anerkennt, dasz ihre 
politischen Rechte, wie die der regierten Volksclassen verfassungsmäszig 
bestimmt und beschränkt seien, und dasz insbesondere für die Gesetz- 
gebung alle Theile des Volkskörpers zusammen wirken müssen. Die or- 
ganische Monarchie ist nothwendig zugleich eine constitutionelle, denn 
der Organismus ist selbst die Constitution. Dasz trotz allem Scharfblick 
im Einzelnen Gustav Zimmermann im Ganzen kein Verständnisz hat für 



486 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



das moderne Statsbewusztsein , ergibt sich aus seiner beharrlichen Be- 
zeichnung der obrigkeitlichen Statsgewalt als ..Eigenthum" der Fürsten. 
Indem er diesen mittelalterlichen Standpunkt wählt, geräth er mit der 
gesammten Bewegung der neuen Zeit in den feindseligsten Gegensatz; 
er kann so an einer kleinen Stelle die Strömung eine Weile stauen, aber 
er wird von den höher gehenden Wogen in Kurzem sammt dem morschen 
Gezimmer, das er sich in den Strom hineinbaut, weggerissen und ver- 
schlungen werden. (Ich lasse diese zuerst 1857 geschriebene Stelle 
wörtlich stehen. Sie hat 1866 ihre Erfüllung erlebt.) Wenn über irgend 
etwas unsere Zeit klar und entschieden ist, so ist es darüber, dasz die 
Statsgewalt öffentliches Recht und öffentliche Pflicht ist, d. h. 
dem gemeinsamen politischen Dasein und Leben des ganzen Volkes zu- 
gehört, und dasz sie daher kein Eigenthum eines Individuums für sich, 
d. h. kein Privatrecht sein kann. 



Fünfzehntes Capitel. 

2. Falsche Vorstellungen von der constitutionellen Monarchie. 

Die civilisirteii Staten Europa's haben sich fast alle dem 
System der constitutionellen Monarchie zugewendet, 
und in ihr den Abschlusz der Gegensätze , welche das Mittel- 
alter hinterlassen hat, der Zerbröckelung und Erstarrung de^ 
States einerseits und der absoluten Monarchie andererseits, 
in ihr auch eine Versöhnung der verschiedenen politischen 
Strömungen und Richtungen der Zeit, insbesondere der De- 
mokratie und der Monarchie zu finden gehofft. Die Erörterung 
der Grundlagen dieses Systems hat demnach ein unmittelbar 
practisches Interesse. 

Beseitigen wir zu diesem Behuf vorerst einige Irrthümer 
und Miszverständnisse dieses Systems: 

1. Die französische Revolution hat in den ersten Jahren 
den Gedanken Rousseaus verwirklichen wollen, dasz es im 
State zwei Gewalten gebe, die des Willens, die gesetz- 
gebende, und die der physischen Kraft, welche den 
Willen vollziehe. .. D a s Volk will, d er König f ü h r t aus.-* 



Fünfz. Cap. II. Mon. Statsformen. Gr. Const. Monarchie. 2. Falsche Vorst, etc. 487 

das hielt man damals in Frankreich für das Wesen der con- 
stitutionellen Monarchie. 1 

Dieser Gedanke setzt das Volk dem Könige gegenüber, 
und indem er diesen zum bloszen Diener eines ihm fremden 
und ohne seine Mitwirkung entstandenen Voikswillens macht, 
hebt er den Begriff der Monarchie auf. Der Fall des Königs 
Ludwigs XVI. und die Proclamation der jakobinischen Kepu- 
blik war freilich die Folge der historischen Ereignisse, aber 
zugleich auch eine natürliche Consequenz dieses Verfassungs- 
princips. 

Denkt man sich aber den König nicht als untergeordnet 
der gesetzgebenden Gewalt, von der er ausgeschlossen 

1 Rousseau^ Contr. Soc. III, 1: „Toute action libre a deux causes, 
qui concourent ä la produire, l'une morale, savoir la volonte qui deter- 
mine l'acte, l'autre physique, savoir la puissance qui l'execute. — Le 
corps politique a les meines mobiles, on y distingue de meine la force 
et la volonte; celle-ci sous le nom de puissance legislative, l'autre sous 
le nom de puissance executive." Mirabeau, Rede vom 1. Sept. 1789: 
„Deux pouvoirs sont necessaires ä l'existence et aux fonetions du corps 
politique; celui de vouloir et celui fragir. Par le premier la societe 
etablit les regles qui doivent la conduire au but qu'elle se propose, et 
qui est incontestablement le bien de tous. Par le second ces regles 
s'executent, et la force publique sert ä faire triompher la societe des 
obstacles que cette execution pourrait rencontrer dans l'opposition des 
volontes individuelles. Chez une grande nation ces deux pouvoirs ne peuvent 
etre exerces par cllememe; de lä la necessite des representanis du pcuple 
pour l'exercice de la faculte de vouloir, ou de la puissance legislative; 
de la encore la necessite d'une autre espece de representants pour l'exer- 
cice de la faculte d'agir ou de la puissance eocccutivc." Thiers, liist. de 
la revol. franc. I, S. 97 : „La nation veut, le roi fait, u les esprits ne 
sortaient pas de ces elemens simples, et ils croyaient vouloir la monar- 
chie, parce qu'ils laissaient im roi comme executeur des volontes natio- 
nales. La monarcliie reelle, teile qu'elle existe meme dans les Etats 
libres, est la domination d'un seul, a laquelle ont met des bornes au 
moyen du concours national. — Mais des l'instant que la nation peut 
ordonner tout ce qu'elle veut, sans que le roi puisse s'y opposer, par 
le veto, le roi n'est plus qu'un magistrat. C'est alors la republique avec 
un seul consul au lieu de plusieurs. Le gouvernement de Pologne quoi- 
qu'il y eut un roi, ne fut jamais (?) nomine une monarcliie." 



488 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



wird, sondern als dieser gleichgestellt, so ist die not- 
wendige Einheit im Statsorganismus aufgegeben, und wir haben 
ein Monstrum mit zwei Köpfen, eine unhaltbare Dyarchie, 2 
welche entweder den Stat zerreiszt, oder, sei es dem mon- 
archischen, sei es dem republikanischen Princip, wieder 
weichen musz. 

2. Im Gegensatze zu dieser Verkehrtheit hat Sieyes in 
seiner Verfassung dem Statsoberhaupt umgekehrt eine ruhende 
Stellung zuweisen wollen , und darin die moderne Entwicklung 
des constitutionellen Systems gesehen. Dieser Doctrin aber 
hat Napoleon, der, wenn je einer ein geborner Monarch 
war, durch sein berühmtes Wort: „Wie haben Sie sich ein- 
bilden können, dasz ein Mann von einigem Talent und einigem 
Ehrgefühl sich zur Rolle eines Mastschweins hergebe, das mit 

. ein paar Millionen gefüttert wird?" — ein unauslöschliches 
Brandmal aufgedrückt. 3 

3. Häufiger noch wird als das Wesen dieser Statsform 
der Satz behauptet: „Der König hat zwar das Recht der 
Herrschaft und der Regierung, aber die Ausübung dieses 
Rechts steht nicht ihm, sondern den Ministern zu." Factisch 
mag diesz Verhältnisz in manchen Ländern zu gewissen Zeiten 
so bestanden haben und noch bestehen. Als Statsprincip und 
als Statsform anerkannt aber würde es Verzichtleistung auf 
die Monarchie und Einführung der Republik sein. Denn wenn 
die Ausübung eines Rechtes dem auf die Dauer entzogen 
wird, dem man das Recht zuschreibt, so hat dieser den 
realen Inhalt des Rechtes verloren, und es kann nicht 
fehlen, dasz dem, welcher das Recht der Ausübung erworben 
hat, auch die bei jenem zurückgebliebene leere Schale und 

2 Die Spaltung, welche in dieser Dyarchie unvermittelt vorliegt, ist 
denn auch in Frankreich von der demokratisch-republikanischen Partei 
wohl begriffen worden , und sie hat dieselbe benutzt , um das Königthum 
gänzlich zu beseitigen. 

3 Las Cases Mim. IV. 



Fünfz.Cap. If. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 2. Falsche Vorst, etc. 489 

der Name des Hechtes nachfolgt. Als die Ausübung des 
Grundeigenthums im Mittelalter dauernd auf die Vasallen und 
die hofhörigen Bauern übergegangen war, wurde auch das 
Eigenthum selbst anfänglich als nutzbares Eigenthum von 
diesen erworben, und der formelle Schein und Name des 
Obereigenthums ging im Verfolg der Zeit für den vormaligen 
Herrn unabwendbar verloren. Als die karolingischen Haus- 
meyer die königliche Macht der Merowinger erworben hatten, 
blieb auch der Name des Königthums nicht bei diesen. Ist 
einmal die wirkliche Kegierungsmacht von dem Könige abge- 
löst und den Ministern zu Recht übergeben, so ist es eine 
republikanische Behörde, welcher das Regiment in 
Wahrheit zukommt, und das Königthum ist zur leeren Form 
geworden. 4 Das blosze Symbol an der Spitze des States, statt 
einer lebendigen und thatkräftigen Individualität, könnte 
höchstens als Ideokratie, nicht als Monarchie gelten. 

4. Es ist daher auch ein absurder Satz, dasz es in der 
constitutionellen Monarchie „gleichgültig" sei, wer König sei, 
ob eine ausgezeichnete Persönlichkeit oder eine unbedeutende, 
ob ein verständiger oder ein beschränkter Kopf, ein edler 
Charakter oder ein Bösewicht. Die constitutionell-monarchische 
Statsform hat die Tendenz, dafür zu sorgen, dasz der König 
zwar so wenig Uebels als möglich thun, aber dasz er auch 
so viel Gutes thun könne als möglich. Nur in diesem Sinne 
beschränkt sie ihn. Sie weisz, dasz er ein Mensch ist, und 
dasz Uebermacht selbst die Bessern verdirbt. Aber sie will 
ihn nicht zur Puppe machen in der Hand der Minister. Sie 
will nicht in ihm, der die oberste und herrlichste Stellung 

4 Unter jener Voraussetzung hatte die radical-demokratische Partei 
zu Frankfurt im Jahr 1848 Recht gehabt, in ihrem Programm das „con- 
stitutionelle Königthum" als eine „Sinecure," als einen „abgetragenen 
Hut" zu erklären, nur bestimmt: „einen Premierminister zu ernennen" 
(der dann regelmäszig auch aufgedrungen würde) , und „für die Erzeu- 
gung eines Nachfolgers" zu sorgen. 



490 



Sechstes Buch. Die Statsf'ormen. 



im State hat, die Würde des Menschen vernichten, indem sie 
seine menschlichen Eigenschaften negirt. Sie will nicht ihm, 
der das höchste politische Recht hat, das geringste Masz von 
politischer Freiheit zuerkennen. Wie wäre Liebe, Ehrfurcht. 
Treue gegen den Monarchen denkbar, wenn es gleichgültig 
wäre, ob er derselben persönlich würdig, ob er auch nur 
fähig sei, die Hingebung und Verehrung des Volkes zu ver- 
stehen und zu erwiedern? Die Consequenz eines falschen 
Princips müszte zu der Behauptung führen : je der blödsinnigste 
und schwächste Fürst, der am wenigsten eigene Einsicht und 
eigenen Willen hat, wäre der constitutionellste Monarch. 5 Und 
eine solche Statsform sollte die Erfüllung der Sehnsucht sein, 
welche die Völker haben nach einer wohlorganisirten und 
geistig gehobenen Statsordnung? 

Man hat sich öfter auf die englische Verfassung berufen, 
um diese unsinnige Vorstellung zu vertheidigen. Allein auch 
in England ist die Persönlichkeit des Monarchen nichts weniger 
als gleichgültig. 6 

5. Auch den berühmten Satz von Thiers: „Le roi regne 
mais il ne gouverne pas" (der König herrscht aber er regiert 
nicht) können wir nicht als eine richtige Bezeichnung des 
constitutionell-monarchischen Princips gelten lassen. Ist es 
doch dem gewandten Minister selber nicht gelungen, denselben 
dem Könige Ludwig Philipp gegenüber pf actisch durch- 

5 Auch Hegel, Rechtsphil. §. 280 geht zu weit, wenn er meint: 
„der Monarch habe nur Ja zu sagen, und den Punkt auf das I zu setzen." 
Er hat nicht blosz Ja, sondern auch Nein zu sagen, und nicht blosz den 
„formellen Entscheid" zu geben, sondern auch das reel 1 entscheidende 
Wort. Er hat nicht blosz zu entscheiden, er hat auch anzuregen und 
einzugreifen, wo es noth thut. J. H. Fichte, Beitrag zur Statslehre : 
„Der leerköpfigste Regent wäre dann der idealste." 

6 Wer darüber zweifelt, der lese Broughams Statsmänner, und er 
wird sich überzeugen, dasz auch in England eine menschlich-persönliche 
Wechselwirkung zwischen der Individualität des Monarchen und seiner 
Minister besteht, und es ganz irrig ist zu meinen, es komme dort auf 
den Willen des ersteren nichts an. Vgl. oben Cap. 13, Anm. 3. 



Fünfz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 2. Falsche Vorst, etc. 49 1 



zuführen ! Und sicherlich nicht daran ist der König gescheitert, 
dasz er nicht blosz herrschen, sondern auch regieren 
wollte. Sein Nachfolger der Kaiser Napoleon hat gerade 
dadurch den Beifall der Massen erworben , dasz er selber die 
Regierung ausübte. 

Durch den Ausdruck herrschen waren mehr die for- 
mellen Hoheits- und Majestätsrechte des Königs, durch das 
Wort regieren die practisch-reale Oberleitung der statlichen 
Politik bezeichnet. Beiderlei Rechte gehören dem Statsober- 
haupte zu, und dieses insbesondere von der Ausübung der 
wichtigeren, letzteren ausschliessen (eine blosz formelle Be- 
theiligung ist Ausschlieszung von dem wesentlichen Antheil) 
ist wieder Zerstörung des Kerns der königlichen Gewalt. „Hex 
est qui regit." 

Nicht zu verwechseln mit dem regieren (g o u v e r n e r) 
ist das blosze verwalten (administriren). Sich mit diesem 
kleinen Geschäftsdetail fortwährend abzugeben, kann aller- 
dings dem Könige weder zugemuthet werden , noch ist es für 
die Leitung des States irgend ersprieszlich , wenn er sich 
damit in der Regel befaszt. 

6. Andere haben, von der Idee der Volkssouveränetät aus, 
das Wesen der constitutionellen Monarchie darein gesetzt, dasz 
der Monarch „nach dem Willen und dem Sinne der Volks- 
mehrheit regiere." Diese Meinung gibt offenbar die Exi- 
stenz der Monarchie preis, und läszt sich von demokra- 
tischen Ideen bestimmen. Denn die Demokratie ist die 
Herrschaft der Volksmehrheit. Die Monarchie aber hat einen 
ihrer wichtigsten Vorzüge gerade darin, dasz sie berufen ist, 
auch die Minderheit in ihrer Freiheit und in ihrem Rechte 
vor den Anmaszungen der Mehrheit zu schützen. Wäre der 
Monarch nur ein Beauftragter und Diener der Mehrheit, und 
würde somit dieser die Herrschaft im State zukommen, so 
wäre das nicht Monarchie mehr, sondern Demokratie, eine 
Demokratie freilich mit einem Scheinmonarchen an der Spitze, 



492 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



welcher ohne innere selbständige Macht so lang ein bloszes 
Scheinleben fortführen könnte, als jene es bequemer fände, 
ihre wahre Gewalt zu verbergen. 7 



Sechszehntes Capitel. 

3. Das monarchische Princip und der Begriff der constitutio- 
nellen Monarchie. 

Die constitutionelle Monarchie will eine wahre, keine 
Scheinmonarchie sein. 

Was ist nun das Wesen der Monarchie? Ohne Zweifel 
die Personification der Statshoheit und der Statsgewalt 
in einem Individuum. Von der Theokratie unterscheidet 
sie sich auch dann, wenn der als Herrscher gedachte Gott 
sich durch einen Fürsten vertreten läszt, indem sie dem Mon- 
archen selber das Recht der Herrschaft zuschreibt, von den 
Republiken, welche einen Dogen oder Präsidenten an der 
Spitze haben, aber dadurch, dasz die republikanischen Stats- 
häupter genöthigt sind, sei es die aristokratische Minderheit, 
sei es die demokratische Mehrheit als den eigentlichen Herrscher 
zu betrachten, dessen Vertreter und Diener sie sind, der 
Monarch aber nicht Unterthan dieser Mächte, sondern immer 
selbständiger Inhaber der Regierungsgewalt ist. Die Stats- 
autorität erhält in der Monarchie im Gegensatz zu dem Col- 
lectivausdruck der Republik einen höchsten individuellen 
Ausdruck. Der Monarch ist die Statsperson im eminenten 
Sinne. 

< Gerade diesen Versuch hat die französische Nationalversammlung 
von 1789 gemacht. Thiers sagt von ihr sehr gut (revol. franc. II, 
S. 198) : „Elle etait demoeratique par ses idees et monarchique par ses 
sentiments." Die Ereignisse haben die Unhaltbarkeit eines derartigen 
Zustandes dargelegt. In Frankreich hob die mächtige Demokratie das 
ohnmächtige Königthum auf (1793). 



Sechsz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 3. Mon. Princip etc. 493 



In jener Begriffsbestimmung sind zwei Seiten zu unter- 
scheiden, die beide vorhanden sein müssen, wenn noch von 
Monarchie die Rede sein soll. 

I. Die persönliche Erhebung des Statshaupts, als in- 
dividuellen Repräsentanten und Organ der obrigkeitlichen 
Gewalt. 

IL Die inhaltliche Concentration der obersten Stats- 
hoheit und der vollkommenen Statsgewalt in ihm. Die beiden 
Pole der fürstlichen Thätigkeit sind die Initiative und die 
S a n c t i o n. 

I. Mit dem ersten Princip ist wohl verträglich: 

1) Die Beschränkung des Monarchen durch die Re- 
präsentation der übrigen Bestandtheile des Volks in der 
Gesetzgebung, und 

2) die Gebundenheit des Monarchen an die Mit- 
wirkung der Minister in der regelmäszigen Ausübung der 
Regierungsrechte und Pflichten. Denn wenn auch die andern 
Glieder des Volkskörpers noch so hoch stehen, so überragt 
er sie doch noch als der Höhere; und wenn die Verfassung 
auch dafür sorgt, dasz sein individueller Wille wahrer Stats- 
wille und nicht selbstsüchtiger Eigenwille sei , so wird dadurch 
nur seine Aufgabe erleichtert und seine Statsautorität vor 
Miszgriffen und Fall bewahrt. 

Aber es verträgt sich damit nicht: 

1) die Vorstellung, dasz der Monarch ein bloszes Idol, 
eine blosze Form, nicht ein lebendiges Wesen sei; 

2) die Einrichtung, dasz der Monarch der Volksreprä- 
sentation oder den Ministern untergeordnet sei und von 
ihnen gezwungen werden dürfe, einen Willen zu äuszern, 
den er nicht hat, und zu handeln, wie er nicht will. 

Da die oberste Gewalt seiner Person zusteht, so gebührt 
ihm auch die Freiheit und das Recht der Persönlichkeit. 1 

1 Guizot Mem. II, 237. „Dien seul est souverain et personne ici- 
bas n'est Dieu , pas plus les penples que les rois. Et la volonte des peuples 



494 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Seine Person gehört zwar auch nicht in allen Beziehungen 
und nicht ganz, aber sie gehört doch vorzugsweise und mehr 
dem State an, als jede andere Person. Er ist auch ein Gatte, 
Vater, ein Genosse einer Kirche, vielleicht ein Gelehrter oder 
Dichter. Aber in allen öffentlichen Dingen soll sich der 
Stats wille in ihm zum individuellen Willen erheben und po- 
tenziren. Der monarchische Stat legt auf die individuelle 
Sorge und die individuelle Energie des Monarchen einen 
groszen Werth, und es wäre ungereimt, dem Monarchen das 
höchste Hecht im State zuzusprechen und zugleich ihn um 
deszwillen unter die Vormundschaft anderer zu setzen. Nicht 
die Kammern schaffen das Gesetz, sondern, indem er seine 
Sanction frei ertheilt, begründet er das statliche Ansehen 
des Gesetzes. Nicht die Minister fügen seinen Kegierungs- 
beschlüssen ihre Autorität bei, sondern er verleiht denselben 
seineAutorität, und die Minister dienen ihm als Organe, 
wenn auch als unentbehrliche Organe seines Willens. 

So weit der König durch die Verfassung nicht beschränkt 
und nicht gebunden ist an die nothwendige Zustimmung oder 
Mitwirkung anderer Glieder des Statsorganismus, so weit ist 
er auch völlig frei, seinen eigenen persönlichen Willen 
auszusprechen und demgemäsz zu handeln. 

Die Eigenthümlichkeit der constitutionellen im Gegensatz 
zu andern Monarchien besteht darin, dasz der Monarch für 
sich allein w r eder Gesetze geben noch in der Eegel Re- 
gierungshandlungen ausüben darf, sondern in der ersteren 
Beziehung die Mitwirkung und Zustimmung der Kam- 
mern, in der letzteren die Mitwirkung der Minister 
erfordert wird. Sie besteht aber nicht darin, dasz der 
Schwerpunkt der Statsregierung in den Kammern oder in den 
Ministern liegt. 

ne suffit pas ä faire des rois; il laut que celui qui devient roi porte en 
lui-meme et apporte en dot, au pays qui l'epouse, quelques-uns des ca- 
racteres naturels et indepeudants de la royaute." 



Sechsz. Cap. II. Mon. Statsformen. G. Ccmst. Monarchie. 3. Mon.Princip etc. 495 

Würde die Kammermajorität und der Ministerrath in allen 
Fällen mit formeller Notwendigkeit die Handlungen des 
Fürsten bestimmen, so wäre eine solche eigentliche Parla- 
ments- und Ministerregierung 2 allerdings im Wider- 
spruch mit dem monarchischen Princip. Der constitutionelle 
Monarch wird sich tatsächlich meistens durch das schwere 
Gewicht jener Abstimmungen und Anträge bestimmen lassen, 
weil er darin den vorbereiteten Stats willen erkennt, 
aber er wird sich die freie Prüfung aus dem Standpunkt des 
Statswohls vorbehalten müssen, wenn er seine monarchische 
Pflicht üben soll. 

Innerhalb jener Schranken bewegt sich auch der consti- 
tutionelle Monarch mit voller Freiheit. Es ist abgeschmackt, 
ihn verhindern zu wollen, dasz er seine eigene Meinung 
ausspreche. Jeder tüchtige Mann hat ein Bedürfnisz, seine 
wirkliche Gesinnung zu äuszern. 3 Politische Rücksichten 
mögen den Monarchen oft zurückhalten, dieselbe ganz und 
laut zu offenbaren, aber Niemandem steht das Recht zu, ihm 
die freie Rede zu versagen oder gar ihn zu falscher 
Rede zu nöthigen. 4 

'<* Von der Parlaments- und der Mnisterregierung wird in den fol- 
genden Büchern noch näher die Rede sein. 

3 Guizot Mem. XII, 184. „Un tröne n'est pas un fauteuil vide, 
auquel on a mis une clef pour que nul ne puisse etre tente de s'y asseoir. 
Une personne intelligente et libre, qui a ses idees, ses sentiments, ses 
desirs, ses volontes comme tous les etres reels et vivants, siege dans ce 
iäuteuil. Le devoir de cette personne, car il y a des devoirs pour tous, 
egalement sacres pour tous, son devoir, dis-je, et la necessite de sa Si- 
tuation, c'est de ne gouverner que d'accord avec les grands pouvoirs 
publics institues par la Charte, avec leur aveu, leur adhesion, leur appui." 

4 Beachtenswerthe Bemerkungen darüber finden sich bei Stahl: 
Das monarchische Princip, S. 9. Luther in den Tischreden: „Es ist 
nichts löblicheres und lieblicheres an einem Fürsten, denn dasz er frei 
redet, was seine Meinung sei, und hat er Die lieb, so deszgleichen thun 
und ungescheut sagen, wie ihnen ums Herz ist." Wie könnte er die 
freie Rede Anderer achten und lieben , wäre er selber in der freien Rede 
gehemmt ? 



496 



Sechstes Buch. Die Statsformen. 



Dem Monarchen kommt es ferner zu, mit eigenen Augen 
zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, selber zu prüfen, 
wie es steht in seinem Lande, unmittelbar sich von den Be- 
dürfnissen des Volks zu unterrichten, die Erscheinungen des 
öffentlichen Lebens zu beobachten, und wo das Interesse und 
die Wohlfahrt des Ganzen es erfordert, anregend einzu- 
greifen, Aufträge zur Bearbeitung der nöthigen Ge- 
setze oder zur Einleitung der erforderlichen Masz- 
regeln zu geben. Das ist es, wodurch von jeher grosze Mon- 
archen sich ausgezeichnet haben. Das ist die wahre Activität 
des Monarchen. 5 Auch die constitutionelle Statsform bietet 
einer bedeutenden Individualität in diesen Beziehungen noch 
immer freien Spielraum. Sie darf denselben, nicht verschlieszen. 

II. Das zweite Princip ist: Dem Monarchen steht die 
oberste Statshoheit und die vollkommene Stats- 
macht zu. Auch das englische Statsrecht, welches die Hechte 
des Königthums in einem Masze beschränkt , wie es die meisten 
Monarchien des Continents noch nicht ertragen, erkennt das 
Princip dennoch an. Darin liegt: 

1. Die Monarchie ist nicht ein Aggregat von einzelnen 
Hoheitsrechten, sondern die Einheit und Fülle aller 
Hoheitsrechte. 6 Die absolute Monarchie outrirt diesen 

5 Friedrich der Grosze von Preuszen im Essai sur les foriues 
de gouvernement : „Le souverain represente l'Etat: lui et ses peuples ne 
forment qu'un corps , qui ne peut etre heureux qu'autant la concorde les 
unit. Le prince est ä la societe qu'il gouverne ce que la tete est au corps : 
il doit voir, penser et agir pour toute la communaute , afin de lui pro- 
curer tous les avantages dont eile est susceptible. Si l'on veut que le 
gouvernement monarcliique remporte sur le republicain, l'arret du sou- 
verain est prononce: il doit etre actif et integre et rassembler toutes ses 
forces pour fournir la carriere qui lui est ouverte. Le souverain est at- 
tache par des liens indissolubles au corps d'Etat; par consequent il res- 
sent par rc'percussion tous les maux qui affligent ses sujets, et la societe 
souffre egalement des malheurs qui touchent son souverain." 

6 Der Artikel 57 der Wiener Scliluszacte von 1820 drückt das mon- 
archische Princip in dem ersten Satze nicht unrichtig aus, umfaszt aber 



Sechsz.Cap. II. Mon. Statsformen. G. Const. Monarchie. 3. Mon.Princip etc. 497 



Gedanken dahin, dasz sie andern politischen Körperschaften 
und Organen weder selbständige , der Willkür des Monarchen 
entzogene Kechte, noch eine nothwendige Betheiligung bei 
der Ausübung der Rechte des Monarchen zugesteht, und dasz 
sie auch von berechtigten Freiheiten der Individuen und 
Volksclassen nichts wissen will. Alles Recht nimmt sie für 
sich in Anspruch, den Andern vergönnt sie höchstens Gnaden. 7 

Die constitutionelle Monarchie dagegen ist auch hierin 
eine beschränkte und erkennt die Rechte jener Körper- 
schaften und die Freiheit der Unterthanen an. 

2. An der Gesetzgebung vorerst hat der Monarch 
nicht blosz einen Antheil, sondern den dem Inhalt nach in 

die absolute, die ständische und die constitutionelle Monarchie, und ist 
in dem zweiten Satze der Entwicklung der constitutionellen Statsform 
ungünstig: „Die gesammte Statsgewalt musz in dem Oberhaupt des 
Stats vereinigt bleiben, und der Souverain kann durch eine landstän- 
dische Verfassung nur in der Ausübung bestimmter Rechte an die Mit- 
wirkung der Stände gebunden werden." Die seitherige Ausbreitung 
der constitutionellen Monarchie hat nunmehr diesen Artikel antiquirt. 

7 Wie wenig jene absolute Auffassung aus dem Begriffe der Mon- 
archie folgt, mag die Aeuszerung eines ziemlich absoluten Fürsten, 
Friedrichs des Groszen bezeugen. Er schreibt in dem Antimacchia- 
vel I. : „Le Souverain bien loin d'etre le Maitre absolu des peuples qui sont 
sous sa domination, n'en est que le premier magistrat u (Anderwärts 
braucht er die Ausdrücke „le premier serviteur" — oder „domestique de 
l'Etat.") Die Art, wie Mirabeau dagegen (Essai sur le despotisme, 
Oeuvres II, S. 297) die Fürsten anredet: „Vous etes les salaries de vos 
sujets, et vous devez subir les conditions auxquelles vous est accorde ce 
salaire sous peine de le perdre" überschreitet die Grenzen der Monarchie 
: und setzt eine republikanische Volksherrschaft voraus. Noch bestimmter 
sprach sich der preuszische König Friedrich über die wahre Stellung der 
Mo